Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder von Norden her
Geschützdonner gehört, der bewies, daß Heeresteile der Verbündeten
endlich mit französischen Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im
großen Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und sich auf
einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. Auch waren Fuhrleuten
auf der weiten Ebene hinter dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen,
dergleichen noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden,
struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit der sie
auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, einen merkwürdigen
Anblick boten. Es waren dies die ersten russischen Kosaken, die in
dieser Gegend auftauchten und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und
brandschatzten und sich weit ärger betrugen, als die französischen
Soldaten es getan hatten.
Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit sich bald
herausstellte, und das die Gährung in der sächsischen Armee
kennzeichnete. Man erkannte, daß die Freudigkeit, mit der diese Truppen
unter den Schwingen der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr
vollständig geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung
beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der sächsischen Armee zu
den Verbündeten am Vormittag des 18. Oktober vorbereitete.
Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren Leipzigs eine große
Heerschau über seine Truppen abgehalten, an der auch die sächsischen
Regimenter teilnahmen. Während die Franzosen in gewohnter Weise dem
die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen ihn die Reihen
der Sachsen mit eisigem Schweigen. Napoleon versammelte hierauf die
Offiziere und Unteroffiziere des Korps Regnier, in dessen Verband
sich die Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache,
deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte Verdeutschung aber
verloren ging. Die Frage, ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen
könne, daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, bejahten
die Sachsen freilich einmütig. Als aber General Regnier sie um ein
Zeichen der Ergebenheit bat, gingen sie, von den wütenden Blicken
Napoleons begleitet, stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während
dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das Kreuz der Ehrenlegion
aufgeschrieben wurde, machte keinen Eindruck.
Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig hinaus waren mit
französischen Truppen dicht belegt, und vom Schloßberg aus konnte man
ihre Vorposten bei Göhren erkennen.
Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der Sonne die
Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung des Unwetters der
vergangenen Nacht begann dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen
Mittag von Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung aus Pulver
und Geschützmunition bestand. Als Begleitung dieser Kolonne waren
einige französische Infanteristen mitgekommen; Mannschaften und Pferde
waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende Offizier, im
Dorfe einen längeren Halt zu machen.
Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht neben dem Weißen Schlosse
auffahren und die Pferde in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es
rätlich erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu schützen,
kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, auf den Freihof geritten,
und bat in höflichen Worten, ihm zu diesem Zwecke den Turm des
Schlosses zur Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen Druck,
der hinter dieser höflichen Aufforderung stand gehorchend, an Ort und
Stelle und öffnete die große Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das
Schloß keine Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden war.
In früheren Jahren war der weite Raum im Turme zur Aufspeicherung von
Getreidevorräten benutzt worden. Jetzt stand er leer und bot genug
Platz zur Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen.
Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und mit großer
Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die mehrere Ellen starken
Mauern, an deren Festigkeit in früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm
manches Belagerers abgeprallt war.
Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig Zentner Pulver im
Turme untergebracht, und ein vor der Tür aufgepflanzter Doppelposten
bewachte die Säcke und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war,
gewiß schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung in die Reihen
der verbündeten Truppen hineinzutragen.
In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar große Ruhe. Aber wer
ungesehen einen Blick in manches der Häuser hätte tun können, würde
mit Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. Denn am
übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch stattfinden, zu dem die
letzten Vorbereitungen getroffen wurden.
Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein Bauerngut oder ein
ärmliches Häuschen war, lag den Davonziehenden am Herzen, und den
Zurückbleibenden wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für das
kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen.
So verstrichen die Stunden, und als am späten Nachmittag der Regen
nachließ, versammelte sich eine große Anzahl Schaulustiger um die
fremden Wagen, die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses
standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am Turm und auf das
Eingangstor: die Augen der Frauen und Kinder mit Neugierde, die der
Männer mit schlecht verhehlter Erbitterung.
Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube des Gasthofes
dicht angefüllt, und laute Rufe der Entrüstung wurden dort ausgestoßen,
daß man ruhig mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe
aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes Vergnügen am
Biertrinken. Die Deckel klapperten lange nicht so laut wie sonst an
Wintersonnabenden, und als die neunte Stunde herangekommen war, hatten
die Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische dicht bei der Tür
saß noch ein Gast, der nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas
schaute. Es war Johann, der Schafhirt der Gemeinde.
Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, die vom
Erzgebirge herkommend ihre schweren, mit Leinen und Klöppeleien
beladenen Wagen zur Neujahrsmesse nach Leipzig führten, einen
vierjährigen Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind
unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. Aber das
Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur mit einem dünnen Röckchen
bekleidete Junge fror entsetzlich. Deshalb gab einer von ihnen das
Kind in die Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei der
Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm sich des Kleinen an, aber
der Fuhrmann kam nicht wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind
bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der Ortsobrigkeit, daß
sie von dem geringen Verdienst ihres Mannes neben den vier hungrigen
Mäulern ihrer eignen Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen
stopfen könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde für den
Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und von dem kein Mensch wußte,
ob er Heide oder Christ war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und
da Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie es schien,
geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts herauszubringen war,
nannte man ihn Johann und gab ihn einem Bauern in Pension.
Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr wieder ab, indem er ihn
mit der Kleinmagd kurzerhand zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr
wie der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt viele
Haushaltungen kennen und viele Menschen und den Inhalt verschieden
gearteter Kochtöpfe und Suppenschüsseln.
Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war gutmütig und blieb
ein beschränkter, einfältiger Tropf, was mit einer großen Wunde am
Hinterkopfe zusammenhängen mochte, die der Junge gehabt, als ihn
der fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben hatte. Nun
war aber schon längst Gras über die Geschichte seines unerwarteten
Auftauchens im Dorfe und über die Wunde eine dicke, rote Narbe
gewachsen, vor der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe
strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, und die den auch
im übrigen keine Schönheiten aufweisenden Kopf in gleicher Weise
verzierte, wie ein dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. -- Genug,
Johann war niemandes Feind!
Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren war, wurde er der
Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, nachdem man diesen eines Tages
inmitten seiner Herde entseelt aufgefunden hatte.
Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger zum Inhaber eines unter
der lieben Jugend mit Ansehen verbundenen Amtes, wurde von den sich in
die Unterhaltung Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen und
von dem Erwählten selbst mit einer an ihm noch nicht gekannten Würde
entgegengenommen. Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen
angewiesen war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause von
Rechts wegen zustand, war allen geholfen. Mit der Fähigkeit, ernstlich
zu arbeiten, hätte es bei ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten
als Befehlshaber dieser vierbeinigen Garde war der Bursche vollauf
gewachsen.
Noch immer saß Johann still auf seinem Platze und guckte nachdenklich
in sein Glas.
Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und war mit müden Bewegungen
dabei, die leeren Biergläser in einem mit Wasser gefüllten,
hölzernen Schaff zu spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das
schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste würdig auf dem
kurzgeschnittenen, weißen Haar saß. Den kugelrunden Bauch umspannte
gerade auf der Stelle, wo er den größten Umfang, hatte das Band
einer frischgewaschnen blauen Schürze und teilte ihn mit derselben
gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche Hemisphäre,
wie dies der Äquator mit der Mutter Erde freundlicherweise und
unverdrossen noch bis auf den heutigen Tag tut.
Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen Augen des gutmütigen
Alten von Zeit zu Zeit prüfend hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast,
der noch immer keine Anstalten zu gehen machte.
»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten zu, »ich dächte, Du
gingest jetzt auch heim. Du träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen,
das Du morgen Mittag wieder essen wirst?«
Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden Wirt mit großem
Ernst an und fragte:
»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer vom Rabenstein heut
Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt dem Vaterlande einen Dienst
leisten?«
»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt hat, der
treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat er damit nicht gemeint.
Zerbrich’ Dir den Kopf nicht darüber.«
Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte von neuem:
»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst getan?«
»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer ausmarschiert sein werden,
dann wissen es schon diejenigen Frauen, die es bedürfen, daß an jedem
Sonnabend nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer Topf Fleischsuppe
für sie bereitstehen wird.«
»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde, wenn einer jetzt für das
Vaterland garnichts tut?«
Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten und schüttelte
leise mit dem Kopfe. Dann stemmte er die Arme breit auf den Tisch, daß
der Bauch fest am Holze lag und antwortete:
»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht wenigstens im Geiste
für die gute Sache ist, der versündigt sich allerdings an seinem Volke.
Aber jetzt geh heim, Johann!«
Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn dieser Worte dunkel
geblieben, so viel aber hatte er davon begriffen, daß er jetzt wußte,
daß sein Plan gut war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes, der
in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen ist, stand er
auf und verließ, den Gutenachtgruß vergessend, den Gasthof.