Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken jagten in dicke Haufen
geballt über die Mondscheibe hinweg, und über den zahlreichen Pfützen
schwebten graue Dunststreifen.
Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt, der die Munition
barg und so, daß der Wind keine Funken hinübertreiben konnte, brannte
ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß
war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein Fuhrmann saß, der die
Pferdewache hatte. Er war in einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt,
dessen Falten seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf
seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In geringer Entfernung
dahinter, in einer Talwelle, brannte ein zweites Feuer, um das die
übrigen Fuhrleute, gleichfalls in die Mäntel gewickelt, im Schlafe
lagen. In engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das Feuer, die
an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie hielten die Köpfe gesenkt und
wie die Männer schienen auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte
einer der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat soweit zur
Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß, oder eines der Tiere hob den
Kopf, prustete laut und schüttelte müde die Mähne.
Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße die französischen
Soldaten angezündet, die den Transport begleiteten.
Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen Ästen befreiten Stamm
einer jungen Kiefer und schob ein paar abseits liegende Scheite näher
zu den Flammen, als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben sich
bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete. Blitzschnell
hielt der Fuhrmann in seinem Beginnen inne, wandte sich zu dem
Erschienenen und schrie:
»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die Erde ausgespien! Warum
schleichst Du so hinterrücks heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum
hineinfegen in Dein flammiges Element?«
Und er hob den Stamm und holte mit einer drohenden Gebärde aus, als
wolle er seine Worte zur Tat machen.
Der Angekommene aber stand dem Erregten so ruhig gegenüber, als wenn
ihn dessen Drohung nicht im geringsten anfechte. Die Hände in den
Taschen seines langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die
zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem Gleichmut aus.
So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der Fuhrmann ab, spuckte in
weitem Bogen in die Flammen, warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde
und setzte sich zugleich nieder.
Noch immer laut lachend rief er:
»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen gemacht. Ich
kann’s aber auch auf den Tod nicht leiden, wenn’s einer darauf anlegt,
mich zu erschrecken. Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf
mir die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe an Dir,
Bursche. Hahaha, steht da wie ein Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe
totgeschlagen.«
Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite des Fuhrmanns nieder
und ließ mit Behagen die wohltuende Wärme des Feuers auf sich wirken.
Unterdessen brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels eine
kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor, nahm einen brennenden
Spahn und zündete sie an.
»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob er endlich an.
»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,« antwortete der Gefragte
mit einem Anflug von bewußtem Stolz.
Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander aus, warf wieder einen
langen Blick auf den Burschen an seiner Seite und sagte mit Ausdruck:
»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso aufdringlicher kommt
mir die Ueberzeugung, daß keines Deiner allergrößten Schafe dümmer
sein kann als ich vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir
selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.«
»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er dachte nur an das,
was er zu tun entschlossen war.
Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde, spuckte bedächtig in die
Glut und warf einen neuen, verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte
er:
»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben geschmierter Windhund,
oder ein ausgemachter Narr!«
Johann hatte aber kein Interesse daran, was der fremde Mann von
ihm dachte. Sein armseliges Hirn hatte einen Plan ausgesonnen, so
groß, wie ihm noch keiner geworden war und der seine ganze geistige
Kraft alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter Natur
recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte sich aber in ihm
alle jene instinktive Verschmitztheit und Schlauheit, die die mit
feinen Verstandeskräften nicht sonderlich ausgerüsteten Menschen in
bedeutungsvollen Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch,
daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen Plan vereiteln
konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit abhinge, ihn nicht
argwöhnisch zu machen.
»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen Ställen gezogen,« sagte
er, »Ihr wollt doch nicht etwa zur Nacht aufbrechen?«
»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick umdrehe,« antwortete
der Fuhrmann, »bist Du etwa von den Preußen als Spion hergeschickt,
he?« Bei diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann die Pfeife
aus dem Munde und sah den Schafhirten scharf an, als wolle er im Grunde
seiner Seele lesen.
Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit, kicherte leise
vor sich hin und versetzte:
»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern Handwerk. Soll ja viel
einbringen, aber bisweilen auch den Hals kosten. Und was tut der Mensch
dann ohne Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr genießen und
bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.«
Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt und lachte jetzt laut
auf.
»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug Johann derb auf das
Knie. »Du hast recht, es ist ein bißchen windig mit dieser Karriere.
Sonst hätte ich mich selbst schon längst damit befaßt.«
»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam in die Flammen
»warum sollte ich auch meinen Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs,
so würden mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich den
Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig oder gezwungen
dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen Gefangenhäuser zu bevölkern.
Und ein rechtschaffener Bettler würde lieber einem armen Mann sein
letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des Sündenlohnes in
meiner Tasche hin die Hand hohl machte. Lieber bleibe ich also Knecht.«
»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach der Fuhrmann den
Sprecher, »aber fahr fort in Deiner Rede.«
Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, sondern begann von
neuem und recht geheimnisvoll:
»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich nicht richtig, denn
niemand darf sich so frei fühlen, wie ich es bin. Die Arbeit ist ein
Joch, das den Menschen auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben
dem Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht den Menschen
häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins Gesicht, verdirbt seine gerade
Haltung und den leichten Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen
die Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? Weil mit der
Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in das Herz einzieht! Hat die Arbeit
dem Menschen erst einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines
Stückchens Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt,
dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, und sie
verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer reicherem Gewinn. Und wo ist die
Grenze, an der angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte
auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum sage ich: in der Arbeit
sitzt der Teufel!«
»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine Mutter sprach vor vielen
Jahren freilich anders, doch war sie eine einfache, ungelehrte Frau,
und zudem war damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk
eingedrungen wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir sprichst Du
jedenfalls aus der Seele.«
»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie reich ich bin! Und doch
hasse ich die Arbeit und gebe mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem
ersten Sonnenstrahl, springe ich vom Lager auf und treibe meine Herde
hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich mit den Tieren allein in
traulicher Einsamkeit, die kein lästiger Mensch stört. Ein Teil der
Herde grast, ein anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich
auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz die Tiere
bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin zu gehen, gleich folgt
mir alles nach, meine Schritte dorthin zu lenken, um die Schar wieder
zur Umkehr zu bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr
König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, blumige Sitz
mein Thron, und die Hirtenpfeife ist mein Zepter. Sagt, kann man mich
hiernach noch einen Knecht nennen?«
»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das für Dich paßt,«
antwortete der Fuhrmann, ohne des Schafhirten Frage zu beachten. »Für
mich wäre es aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die
Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist ein Träumer, ich
hingegen bin ein ruheloser Stürmer, ein Reptil mit hundert Gelenken,
die sich unaufhörlich bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir
mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an wilden Szenen,
wie Deine Tage ohne Aufregung und in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend
dahinfließen.
Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk und fürchten Gott
und den Teufel nicht. Wir vom Troß der Armee haben das bessere Teil
erwählt. Denn während vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen,
befinden wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben entrückt
und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und zu alledem sind wir ein
unentbehrlicher Teil des Ganzen, wichtiger zuweilen, als die Hälfte
der Streitmacht und von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen.
Keine Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir schaffen
ihnen das mordgierige Blei und das Pulver herbei, und was frommte
dem Heere der schönste Sieg, wenn nach der Schlacht unsere Räder
den Erschöpften und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten!
Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann wieder darbend, das
was begehrlich erscheint entweder durch Bitten und Versprechungen
willfährig machend -- betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich
reißend, um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen -- --, so treiben
wir im Regen und Sonnenschein, jahraus jahrein, bergauf talab singend
und peitschenknallend unsere Pferde durch die Welt, wir, die Männer der
Straßen!«
»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert ein, »Ihr seid Eurer
Sprache nach ein Deutscher. Wie kommt es denn nun, daß Ihr gerade den
Franzosen Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur dazu, um
Eure Landsleute damit zu verderben. Der Rabensteiner hat gesagt, es
dürfe kein deutscher Mann den Feinden des Vaterlandes dienen.«
»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, »ich gehe mit dem,
der am besten zahlt. Und dann, Bursche, ist es doch mehr Ehre den
siegreichen Heeren des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen,
als beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch in der
Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack bestehen.«
»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte Johann halsstarrig,
»daß -- -- --«
»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten Rabensteiner,« schrie der
Fuhrmann auf und spuckte zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß
Du Dir einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir der
Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! Heute hier, morgen
dort. Wo man trinkt und liebt ist mein Vaterland!«
Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase neuen Tabak in seine
Pfeife, zündete sie an und stieß den Rauch in mächtigen Wolken aus dem
Munde. Dann begann er wieder:
»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den leisesten Begriff, wie
lustig das Leben unter den Flügeln der siegreichen Adler ist. Laß Dir
davon erzählen. Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß es
gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus hergeht!
Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi und schalten nach unserm
eignen Willen. Den Bauer machen wir willfährig und zwingen ihn, die
fetteste Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. Rauben
dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, etwas bleibt immer
an den allzeit klebrigen Fingern hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s
bisweilen auch. Merk auf, Bursche!
Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in langsamen Märschen mit
schwerbeladenen Proviantwagen durch thüringisches Gebiet. Der Tag
war heiß, denn die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen
recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde uns sauer, und
wir hatten noch weit bis ins nächste Dorf. Da tauchte ein einzelnes
Bauernhaus auf, das unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen
geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten nach Speis’ und
Trank. Im nächsten Augenblick erschien eine runzlige, alte Vettel auf
der Haustürschwelle, die heulend versicherte, daß die Soldaten all
ihre bewegliche Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und sie den
vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln hätte geben müssen,
von denen sie sich selbst das Mittagsmahl bereiten wollte.
Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte sofort, daß in
diesem Hause nichts mehr zu holen war, in dem selbst die Mäuse, statt
Futter zu finden, sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben
würden.
Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und Durst. Da kam mir mit
einem Male ein köstlicher Gedanke: sollen wir hier nichts bekommen,
so müssen wir doch unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden ein
paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon bin ich entschlossen
und mach’s kurz. Mit festem Griff fasse ich die zaundürre Hexe trotz
allen Keifens und Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie
rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr vor Schrecken
klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer auf der Leine und rührt
sich nicht. Da fliegt, wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus
dem Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines Ehegespons auf
ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon von drinnen beobachtet hatte.
Seine spärlichen, weißen Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und
während ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände zu mir empor
und wimmerte wie eine sterbende Katze um sein Weib. Ich aber treibe die
Pferde an; -- er greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten.
Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand und lasse die
flache Klinge auf seine Arme niederfallen.
Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen des fleischlosen
rechten Unterarmes um und hing zu Boden, wie ein zerbrochener
Rührlöffel. Ich schlage kräftig auf die Pferde ein, daß die
wahrscheinlich von der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe
fährt, und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße entlang.
Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher Haltung auf dem Pferde
hockenden Reiter, und bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die
Bäuerin, sie herunterzulassen.
Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über Hunger und Durst
reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei Stunden führten wir das Weibsbild
hoch zu Roß mit uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten,
der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise durch ein des
Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen ließ.
Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. Meine Sacktücher sind zu
Ende gegangen, weshalb ich genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem
Rockärmel von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß in
den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden Dorfe vor einem niedrigen
Hause, in dem sich, wie es schien, keine lebende Seele befand. Ich
zweifelte, ob da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch
hinein.
Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. Ich öffne die hintere
und komme in eine sehr ärmlich aussehende Küche. Wie ich aber auf die
Türschwelle trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und
weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. Das war’s
ja gerade, was ich suchte. Ich eile also darauf zu und fange an, den
Vorrat hurtig im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges Atmen
und wie ich mich umwende, sehe ich in einem Bett eine junge Frau
liegen. Mit fliegenden Worten beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie
sei seit gestern Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und Windeln für
den um einen ganzen Monat zu früh erschienenen Erdenbürger bestimmt.
Die Nachbarin wäre soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze
Zeit fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen.
Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist groß, und der Säugling mag
sehen wo er bleibt. Ich kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter,
sondern raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird aber ärger,
und ich bin besorgt, daß man sie auf der Straße hören könne. Nun weiß
ich aber, wie schwer es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg
das Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, ein zweiter
auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich springe hinzu, reiße ihr die
hungrige Brut weg und lege sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden
nieder. Dann ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus der
Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, daß er beständig
zwischen Stehenbleiben und Umkippen schwankt und suche mir nunmehr in
aller Gemütsruhe die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich
zurück, da es mir nicht viel nützen konnte.
Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib schwieg, denn ein
kleiner Stoß von mir an den Tisch hätte den Topf zum Umkippen gebracht,
-- -- und darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm.
Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. Ihr Gesicht war
grau geworden und mit kreisrunden Augen und ohne alle Bewegung schaute
sie auf ihr Junges, als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß
der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe.
Als ich dann von der Straße neugierig durch das Fenster schaute, sah
ich, wie das Weib wie eine aufgezogene Puppe zum Ofen ging, das Kind
aufhob und gleich darauf mit ihm umfiel.«
Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt auf den neben
ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, seine Augen waren starr
vor sich niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen. Der
Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete ihm sichtlich viel Mühe,
ruhig zu bleiben.
Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche den Säbel auf den Boden,
daß das Eisen klirrte und sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter
Stimme:
»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich nicht in Versuchung,
mit dem Korb meines Säbels Dir Deinen windschiefen Hirnkasten
einzuschlagen!«
Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung zurück. Die
tierische Wut, die den seine Leidenschaften nicht beherrschenden,
geistesschwachen Jüngling während der letzten Worte der Erzählung des
Fuhrmanns so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und die Besinnung
kam wieder. Er hatte sich in seinen Plan so verbissen, daß der Gedanke
an die Möglichkeit des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele
zum Schweigen brachte.
Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler seine Verwunderung
über dessen Zornesausbruch aus und mit zwinkernden Augen und listigem
Schmunzeln rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich
hin.
»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen, »Euer
Beruf ist kurzweiliger als der meinige, wenn Ihr öfters solche lustige
Streiche vollführt.«
Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann an seiner Seite, um
zu ergründen, ob dessen Argwohn verflogen sei.
Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife lag in seinem Schoße,
und der Blick war finster in die Nacht hinaus gerichtet.
Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem Schweigen. Dann legte
der Fuhrmann den noch immer mit der Faust umklammerten Säbel wieder
auf die Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck auf die
züngelnden blauen, gelben und roten Flammen des niedrigbrennenden
Feuers hefteten.
»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch und mit so
veränderter Stimme, daß Johann bei dem weichem Klange plötzlich
aufhorchte und angestrengt nachsann, ob er diese Stimme nicht schon
einmal gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die Achtung aller
die mich kannten genoß, und der Name Laurentius Kräutlein einen guten
Klang hatte. Damals war ich an Jahren noch ein junger Mann und an
Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die Wonnen des Paradieses.
Da griff das grausame Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges
Glück. In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter, und ich
ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die bösen Mächte um Heimat und
Glück betrogen. Und darum sage ich: -- es gibt keinen Gott.«
Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten des Mannes, die
eine furchtbare Anklage an das Schicksal enthielten, eine tiefe Regung
bemächtigt. Und mit fliegendem Atem versetzte er:
»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt einen Gott, und dieser
läßt sich nicht spotten!«
Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle Weichheit war wieder von ihm
gewichen, als er herausbrach:
»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas, es gibt keinen, sage
ich,« dabei drohend den Säbel von den Knien hebend. Und nach einigen
Sekunden fuhr er beruhigter fort:
»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen Lebensgang erzählen,
und Du sollst urteilen. Kannst Du aber, wenn ich geendet, für das
Bestehen der Gottheit noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig
in die Flammen dieses Feuers. -- Ich bin im Bayrischen geboren. Meine
Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, daß ich ihrer nur mit Wehmut
gedenken kann. So viel wie andere Kinder gespielt und gelacht haben,
habe ich geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, und wer
an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. Mein Vater war ein Hund!
Väter, die ihre Kinder, noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen,
sind immer Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt sein und er
jahrelang sterben!
Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes Wesen von schwachem
Körper. Sie litt unsägliche Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten
ihrer lieben Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war.
Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch recht lebendig,
wie inbrünstig sie mich als Knaben manche Nacht im Bette an sich
drückte, wobei die bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht
niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ kurz darauf
die Gegend und ließ mich nach manchen ziellosen Wanderungen im
sächsischen Erzgebirge nieder. Dort erlernte ich die Klöppelei und war
in wenigen Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob
ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich war fleißig und
sparsam und brachte mir eine hübsche Summe Geldes auf die Seite. Ich
war auch angesehen und geachtet, -- aber glücklich war ich nicht! Der
Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben wurde, besaß einen
starken Widerhaken und verhinderte, daß wahre Zufriedenheit über mich
kam. Auch fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem Abend
schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen zu haben, wie es mich
meine Mutter gelehrt hatte.
Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das aus Böhmen eingewandert
war. Nach kurzer Zeit gestanden wir uns unsere gegenseitige Liebe und
heirateten bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und mir war
von dieser Stunde an die Brust mit reinem, innigem Glück erfüllt,
das die traurigen Erinnerungen an die Kindheit langsam aus der Seele
verdrängte.
Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an der Landstraße
ein kleines Häuschen, mit schmuckem Garten und einem ansehnlichen
Hühnervolk und lebten so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle
Schätze der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib war
heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich machte. Durch das
Haus und den Garten scholl ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre
Lippen waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe trug
sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste an ihr aber waren die
pechschwarzen Augen, aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die
in mir die ungeheure Glut entfacht hatten.
Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen Sommernacht ein Sohn
geboren wurde, da stand ich wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte
allein sein mit meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib
auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende Tränen der
Freude aus. Nicht mehr Herr meiner Gefühle, sank ich in die Knie und
lehnte den Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte Gott
für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher Liebe meiner
verstorbenen Mutter. Auf das kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte
sich das Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet
hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des schirmenden
Daches verdankte ich dem Ertrage meiner Hände Arbeit, und das was den
Eingang treulich hütete und den Glanz im Innern bereitete, war die
Liebe.«
Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. Noch immer war der Mond
von Wolken umlagert. Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das
Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch die Postenkette ging
einer der Fuhrleute, der von der am nächsten stehenden Schildwache an
der Straße angerufen wurde. Der Wind trug leise den Klang der Worte
herüber, die gewechselt wurden.
»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete die gedämpfte Antwort.
Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem Schafhirten und fuhr fort:
»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. Sie liebte es, sich
mit bunten Flicken zu schmücken und konnte lange die Wirkung solchen
Aufputzes im Spiegel betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten,
denn Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich war froh
darüber, daß sie sich solch harmlose Freude bereitete, denn unser
Leben floß recht ruhig dahin. Bisweilen hatte ich aber die Empfindung,
daß Franziska ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern
knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben worden wäre.
Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, als mich eines
Sonntags auf dem Heimwege vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm
und mir verstohlen zuraunte:
»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!«
Ich war so überrascht und erzürnt durch diese Worte, daß ich den
Sprecher am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, wen mir nicht
alsbald das Bewußtsein gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur
ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem im Dorfe genoß.
Fassungslos starrte ich ihm in die Augen um darin zu lesen, ob er sich
einen grausamen Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen
in mir gegen mein reines Weib zu erwecken.
Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher kam mir die
Überzeugung, daß dieses in Ehren ergraute Haupt keine schlimme Tat auf
sich laden könne, und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick
dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich nach meinem Hause.
Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches Bild: Franziska
hielt den Knaben fest in ihren Armen, jauchzte vor Freude und küßte
wieder und immer wieder das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr
wohlgebildeter, schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend
erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht so verklärt,
wie in diesem Augenblick. Eine warme Welle trieb mir zum Herzen, und
ich bat ihr im Stillen das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und
entschuldigte Nachbar Werners Verdacht mit unseligem Irrtum.
Wenn mir nun auch manches aus den letzten Wochen an Franziska ungewohnt
erschien, so fühlte ich doch im innersten Herzen, daß eins geblieben
war: die Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer Schwäche
auch manchmal Ursache zu Gerede unter den Leuten geben, im Grunde war
es doch etwas anderes, das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie
gönnten mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte tauchen
plötzlich auf und zerflattern wieder wie Sternschnuppen, und der Mann
hat sein Weib nie geliebt, den die erste Warnung wider sie in Harnisch
bringt! -- Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung ihrer immer mehr
wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten.
Der Herbst war ins Land gekommen, und bald fegten die ersten
winterlichen Schauer über die verödeten Fluren. Es war Sonnabend und
ich war, wie ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem
zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine Arbeit der Woche
abzuliefern. Hierbei war ich länger als sonst aufgehalten worden und
besorgte deshalb rasch die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich
auf der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die Gedanken daheim bei
meinen Lieben.
Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch ein Dorf kam, das gerade
auf der Hälfte des Weges lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben
Menschen zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache des
Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, gewahre ich
einen etwa achtjährigen Knaben in den Fluten des breiten Grabens, den
die Wasser im Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit
an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte und sträubte
sich herzhaft gegen das tückische Element. Aber es war umsonst,
daß das bedrohte Leben sich der gefährlichen Umarmung zu entziehen
versuchte. Nach ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder
heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze Teich auf und
bettete den kleinen Leichnam in seinen tiefen, weichen Schlamm. Wohl
hatte der Gedanke meine Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den
Versuch zu machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch
mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben gebüßt werden, denn
das Wasser war übermannstief, ich war des Schwimmens nicht kundig, und
die Wirbel hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen wie den
leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst Weib und Kind daheim, die
ihres Ernährers harrten -- -- und ich wandte mich ab.
Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die Luft: »Mein Kind! Um
Gotteswillen, mein einziges Kind!««
Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung inne, so mächtig
packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr er fort:
»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie glühender Stahl. Ruhig,
aber schnell wie das Aufleuchten des Sonnenlichts zwischen dunkeln
Wolken, stellte ich mir vor: -- wenn dieses verzweifelte Weib Deine
Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke ließ die
Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden Versuch der Rettung
verblassen. Dann wieder drang es auf mich ein: -- wie nun, wenn dies
Dein geliebtes Kind wäre ...! und es schien mir, als wenn plötzlich
mein Herzschlag stocke. -- Was aber würdest Du tun, schrie es mir wild
ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde und in tödlicher Angst nach einem
Retter riefe ...!
»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot meiner Stimme und
drängte mich wieder zum Rande des Grabens. Die Menschen wichen zurück,
Mütze und Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in die
eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den Atem, die Wasser
rissen mich mit sich fort, und die Todesnähe hemmte mir die ruhige
Ueberlegung. Zweimal schlägt es über mir zusammen, dann komme ich
herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, -- von neuem
umfängt mich die Finsternis, und wieder unterscheidet endlich mein
Auge in der Dämmerung verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer.
Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den Knaben, packe fest
zu, und die Wirbel reißen mich zum letzten Male hinunter. Mit der
Verzweiflung des Ertrinkenden halte ich mich und den Knaben darauf eine
kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir entgegengehaltene
Stange, an der wir ans Ufer gezogen werden.
Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, werfe ich flugs mein Gewand
über und mache mich auf und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte:
er lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle mich, so
gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und laufe, als wenn der Böse
hinter mir wäre. Endlich komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast
erstarrt vor Kälte.
Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib empfängt mich nicht? -- Sie
ist ausgegangen! -- Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt
sie doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere Haustür ist
verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf und trete ein.
»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes Fränzchen, ich bin
wieder da -- --!« klingt mein angstvoller Ruf aus dem plötzlich
bebenden Munde. -- Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich
stolpere nach der Stube und mache mit zitternden Händen Licht. Und wie
der schwache Schein der Kerze den Raum erhellt, sehe ich ringsum eine
Verwüstung, als wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer der
Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel der großen Lade ist
zurückgeschlagen und der Inhalt auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße
und rote Gewänder, bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder,
künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind das alles Kleider
von Franziska? denke ich. Da erscheint mir dies und jenes bekannt,
manches davon aber hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken
werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, und wo ist dein Weib?
Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das neben dem Leuchter
auf dem Tische liegt. Ich hatte das Gefühl, als wenn mir das Herz
still stehe, nehme den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden
Kerzenscheine:
Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen und darfst mir nicht
böse sein. Du bist ein herzensguter Mann, aber ich würde
sterben bei diesem Leben. Ich habe mich jahrelang beherrscht
und wollte meinen leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft
reichte dazu nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest,
trotz meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt und
kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier Jahre lang habe
ich Dir die Treue gehalten, seit ein paar Monaten aber bin ich
des Nachts manchmal aus dem Haus geschlichen, wenn Du von der
Arbeit ermüdet fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in Deinem
Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s nach Freiheit und
wirbelndem Tanz!
Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß zu einem guten
Menschen erziehen wirst.
Franziska.
Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten Fingern
festhaltend, sank ich neben dem Tische nieder. Das Schicksal hatte mich
an der Wurzel allen Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände
über die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie ein Kind
sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich hinter mir ein leises Geräusch
und erkenne im Halbdunkel mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist,
sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir nähert. In diesem
Augenblick vollzieht die Natur in meinem Innern einen urplötzlichen
Umsturz. Gutes verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit
und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen das Schicksal wüten, und
-- wende mich gegen meinen Knaben. Ein Stück von diesem verruchten
Weibe! ruft eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des Zornes
schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei.
Ich springe in die Höhe, -- da hält der Knabe den Schritt an. Sein
leuchtendes Auge verliert den Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines
Vaters. Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, -- da trifft ihn
ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper des Kindes wie einen Ball
fortwirft bis hin zum Ofen, auf dessen steinernem Untersatze der Kopf
dumpf aufschlägt.
Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der blutenden Wunde am
Hinterkopfe, dann packen mich alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze
vom Tische, springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar
ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen Flammen neben mir empor
und lecken an mir hinauf, und ich prüfe, welches der feurigste Herd
ist, daß ich ihn zu meinem Ruhbett erwähle, -- -- da kommt der Dämon
der Feigheit über mich! Ich stürze durch Qualm und Glut und wie ich
meine Sinne wiederfinde, hocke ich draußen auf der Straße im Graben und
schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter Rauch und Flammen
herausschlagen. Auf der Straße aber höre ich schwere Wagen daherrollen,
dazu die lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste von
ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde im Stich und eilt auf
das Haus zu. Ich aber drehe mich um und jage wie von Furien gepeitscht
über die Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der ich bin!«
Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und sah gedankenvoll in die
hüpfenden, niedrigen Flammen des Feuers.
»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und mein Sohn verbrannt
und unter den Trümmern begraben. Ich bin bereit jede Vergeltung für
meine Tat zu tragen. Und doch, -- zehn Jahre meines Lebens und diese
meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die Tat ungeschehen machen
könnte -- --«
Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann den Baumstamm und
stieß ihn mit solcher Kraft zwischen die schwelenden Scheite, daß die
glühenden Funken knisternd hochaufsprühten.
»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst Du es jetzt noch sagen:
es gibt einen Gott?«
Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. Wie ein Steinbild
saß er auf dem Grabenrand und hielt die Augen halb geschlossen. Die
nächste Umgebung entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu
dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung befreite
sich mit einem einzigen Kraftausbruch von ihren bisherigen Fesseln, und
sein Geist eilte zurück bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg
das Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden Lippen,
tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter Flechten, die wie eine Krone
auf der Stirn ruhten. Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm
er und er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund küßten.
Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit zauberhafter Deutlichkeit
das eines Mannes mit ernsten Zügen, dessen Augen voll Liebe und
unaussprechlichem Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer
Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an die Kindheit aus
dem bisher undurchdringlichen Dunkel heraus, bis zuletzt der düstere
Anblick der Stube im elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze
heraufstieg, und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei drohende
Augen trafen -- -- --
Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte wie ein Berauschter ein
paar Schritte zur Seite.
»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein Bürschchen, jetzt ist
Dir der Appetit zum beten vergangen?«
Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen Blick zu, als wenn er
diesen Anblick mit dem Bilde in seiner Seele vergleichen wolle, -- und
er wandte langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um und ging
schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum Turm führte.
»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort habt Ihr nichts zu
suchen. Geht links hinüber, sage ich Euch!«
Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht mehr weiter. Er
strauchelte und fiel neben dem Wege zwischen die blätterlosen Ruten
eines Haselnußstrauches. Und dann glitten seine Hände zuckend über
den Boden, und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn ein
Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er fest auf Erde und
Moos, um das wilde Schluchzen zu ersticken, das ihm das Herz schier
zersprengen wollte.