19. Kapitel.

Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher noch immer in der

Binde getragen. Nun aber ließ er diese daheim und schob die Hand

zwischen die Knöpfe seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens

war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte aber in dem Arm eine

große Schwäche zurückgelassen, so daß er ihn noch nicht gebrauchen

konnte. Bis zur völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem

hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei seiner Großmutter.

Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages in dem Hause der Mutter

Lehnhardt der neue Verwalter des Freihofs erschienen und hatte sich

im Auftrage seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen, die

für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war Hermann aufgesprungen und

ohne ein Wort zu sprechen, hatte er blitzenden Auges und in drohender

Haltung mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch die der

Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald verschwand. Seitdem war die

Verbindung mit dem Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß

die Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete, so begrüßten

sich die beiden Alten ebenso herzlich wie bisher, den Vorfall jedoch

berührten sie nicht.

Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es oft tat, über die Wiesen

geschlendert war und dann an der hintern Seite der Höfe entlang ging,

stand der Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und sah ihm

entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder sein Lieblingsthema an

und wetterte gegen das Vorhaben der Männer, die lieber daheim bleiben

sollten, damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen brauchten,

anstatt den Preußen die Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen.

Hermann Lehnhardt schwieg zu diesen Worten und sah geflissentlich

an Frank vorbei. Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt ihm

beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner Anzapfungen keine

Anstalt machte, konnte sich Frank nicht enthalten, ihn in ärgerlichem

Tone zu fragen:

»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?«

»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ den Blick sehnsüchtig

über die Fluren schweifen, »Ihr wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe,

warum quält Ihr Euch deshalb mit mir herum?«

Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort nicht befriedigt. Es

hatte ein Ton durch Lehnhardts Worte geklungen, der ihm nicht gefiel.

Deshalb kniff er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit listigem

Lächeln scheinbar achtlos hin:

»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret, voll Demut die Hand wieder

zu drücken, die Euch zum Krüppel machte -- -- --«

Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das Gesicht wie von Flammen

umspielt, während aus den soeben noch träumerischen Augen glühender Haß

brach.

»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört? Da sagt Euern Zuträgern

nur, daß ihnen dies im Rausch beigekommen sei!« Und sich nach

rechtsseitwärts wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der

Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes über die

ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten:

»Wir rechnen noch miteinander ab -- --!«

Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche Wut schnürte

ihm die Kehle zu. Er wandte sich kurz ab und ging stumm weiter.

Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch Lehnhardts und der

unverfälschte Naturlaut des wildesten Hasses in dessen Stimme,

hielt seine Zunge noch im Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen,

aufgedunsenen Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem

Davongehenden nach.

»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« klang es zwischendurch,

»ich habe einen kostbaren Spaß für ihn ausgedacht. Hahaha!«

* * * * *

Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend fiel starker Regen, und der

Wind jagte heulend über die Felder. In den Häusern wurden die Fenster

verwahrt, die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, und

in den Ställen, wo das Vieh unruhig wurde, schloß man sorgfältig die

Türen. In gewaltigen Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß

große Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen Regen vor sich

her, daß die dicken Tropfen klatschend an die Fensterscheiben schlugen.

Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Freien. Es war, als

ob der Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. Kein

Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am Himmel sichtbar. Die

Elemente schienen ihrem Meister entschlüpft zu sein. Mit erbitterter

Wut kämpften sie gegeneinander und gegen alles, was die menschliche

Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur auf den Fluren

erzeugt hatte.

Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war jetzt noch im Freien, und

selbst die vierbeinigen Hüter des Hauses waren schutzsuchend in ihre

Hütten gekrochen und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten

Vorderpfoten gelegt.

Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde vorsichtig ein

Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich die Gestalt zuweilen von den

weißgetünchten Häusergiebeln ab, um sogleich wieder in die gähnende

Finsternis hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen

des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte dem Naß als

Bundesgenosse zu Hilfe und drang so heftig auf den Menschen ein, daß

dieser von Zeit zu Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen

mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts zu kommen. In

den Häusern ruhten die Bewohner schon längst im tiefen Schlafe. Nur

hie und da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein

durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald der Gesell einen solchen

Lichtkreis betrat, beschleunigte er die Schritte, bis die Dunkelheit

ihn wieder aufnahm. Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide,

daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen Wanderung entdecke.

Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt war, blieb er plötzlich

vor dem Rabensteiner Hofe stehen. An einen Baum gelehnt, betrachtete

er das einstöckige Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein

Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Tür

neben dem großen Tor und versuchte, sie zu öffnen. Da schlug der

wachsame Hofhund an, daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm.

Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und zerrte wütend an

der Kette. Aber seine mächtige Stimme klang nur schwach, sie wurde

übertönt von dem Heulen und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden

Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die Elemente eine

schauerliche Musik aufspielten.

Da sprang der Mann über den Graben, in dem das Wasser wie in einem

Flußbett dahinschoß und ging an der äußeren Seite des Hauses entlang.

Aus dem oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand drang

ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig bückte sich der Einsame,

las einige herabgefallene Zweige auf und versuchte, sie gegen das

Fenster zu werfen. Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen,

indem er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des Schützen

verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. Als der Mann

die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die Augen

ratsuchend umherschweifen, bis sie endlich auf einem dicken Baum

haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt stand. In diesem

Augenblick glänzten seine Augen vor Befriedigung. Entschlossen trat

er an den Baum heran und kletterte mit großer Anstrengung den starken

Stamm hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das Haus reichenden

Ast soweit vor, daß er mit der Hand das Fenster erreichen konnte. Kaum

hatte er das Glas berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien.

Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und versuchte

mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit mit dem Augen zu

durchdringen.

»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört. Niemand darf uns heute

Nacht beisammen sehen!« sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser

Stimme, die in dem Sturm fast unterging.

Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt.

»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid Ihrs? Was in

aller Welt treibt Euch in diesem fürchterlichen Wetter ins Freie, und

warum klettert Ihr mitten in der Nacht auf die Bäume?«

»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich, Rabensteiner, aber

besonders Euch und dem Freihofer. Es ist ein Schurke in unserer Mitte,

der Verrat üben will.«

Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß ihm die schweren Tropfen

auf Kopf und Wangen fielen, und der Sturm sich in sein Haar wühlte.

Aber er merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen Schein

bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme sprach:

»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr denn von Sinnen? Ein

Verräter im Dorfe?«

»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört und überlegt

rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter nannte, ist der

Lindengutbauer. Er hat den Verrat zwar noch nicht geübt, wird es aber

schon morgen tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen

hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach wie ein giftiges

Gewürm haßt und ihm gern Übles anhängen möchte. Nun also: Heute

am Vormittag höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann

Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer aufreizte. Und als

dann Lehnhardt voll Erbitterung verspricht, diesem einen Denkzettel

anzuhängen, ruft der Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle.

Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam er schwerbetrunken

heim, vergriff sich wieder an seinem Weibe, das ihm, den Kleinen im

Arm, weinend entgegentrat und schlug darauf den ganzen Hausrat in

der Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten Flüche

und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen zu fahren, wo er unsere

Absicht, zu den Preußen zu gehen, dem dort befehligenden französischen

Kommandeur mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen Prozeß

die Franzosen mit aufständischen Bauern machen. Statt zu den Preußen,

wandern wir bestenfalls in eine Festung. Aber den Anführer stellt man

sicher vor den Sandhaufen.«

Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich verharrt. Jetzt

sagte er lebhaft:

»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm reden.«

»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt schwer betrunken

daheim.«

»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er von Hause fortgeht.«

»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried bitter und bestimmt,

»so wie ich den Bauern kenne, führt er seinen Vorsatz aus. Schon um den

Tiefenbach zu vernichten, tut er’s.«

»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf jeden Fall diesen Verrat

verhindern. Der Freihofer könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen,

aber alle andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und der

Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet. Was meint Ihr denn,

Gottfried, was da am besten zu tun ist?«

Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die Höhe, daß sein Mund an

Konrads Ohr lag und flüsterte diesem ein paar Worte zu. In demselben

Augenblick fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen

Schmerz verspüre.

»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte Gottfried.

Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke vor sich nieder, dann

sagte er mit dumpfer Stimme und mit Nachdruck:

»Nein, es gibt keinen andern!«

Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er schob sich behutsam auf

dem Ast zurück.

»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon Hinabkletternden noch zu.

»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück, »die Nacht ist

gräßlich!«

Damit verschwand er in der Dunkelheit.

Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo Gottfried verschwunden

war. Dann schloß er das Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht

in der Kammer.

* * * * *

Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Sturm

schüttelte und riß mit tausend Händen an allem, was sich ihm

entgegenstellte, und wie Keulenschläge fielen seine Stöße auf die

Dächer. Ächzend bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter seiner

Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es wie eine Unzahl tosender

Sturzbäche auf die geängstigte Erde herab. Ein Höllenkonzert von

zehntausend Teufeln!

In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die große Kastenuhr laut

und einförmig. Auf der Bank vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend

ausgestreckt auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem Kopfe

verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte alle Gegenstände in

ihren schwarzen Mantel. Da tauchte neben dem Schläfer ein Schatten auf,

und im nächsten Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des

Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell den rechten Arm

unter dem Kopf hervor und führte damit einen furchtbaren Hieb durch die

Luft. Dann lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der Arm hing

schlaff herab und pendelte noch eine Weile hin und her, bis er ruhig

herunterhing. Aber die Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand

hatte der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei Sekunden, dann

lockerte sich der eiserne Griff, und die Gestalt verschwand unhörbar in

der Finsternis wie eine nächtliche Erscheinung.

Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage weiter, aber der Bauer

hatte aufgehört zu schnarchen. --

* * * * *

Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt. Der Himmel war hell,

und der matte Glanz der mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte

friedlich auf die Verheerungen herab, die der Sturm während der Nacht

an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte.

Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund, den Bauern Frank habe in

der Nacht der Schlag gerührt, er sei tot.

Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube des Lindengutes lag eine

alte Frau auf den Knien, die mit gerungenen Händen um den Sohn weinte.

Droben aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen Lippen, mit

steinernen Zügen und trockenen Augen ein junges Weib, auf dem Schoße

das schlummernde Kind, und blickte hart vor sich nieder.

Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut verließ, um mit den

andern Männern auszumarschieren, da traf ihn ein flehentlicher Blick,

der zum Bleiben einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er wandte

sich ab.

Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen Männer von Rehefeld

in Reih und Glied eines in der Reserve gebliebenen Regiments vom

Korps des Generals von Kleist. Als aber am Montag des 18. Oktober

mittags 2 Uhr dieses preußische Korps von Güldengossa her den großen

Bajonettangriff auf das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida

unternehmen mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. Und einer

der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden Batterien am

Eingang des Dorfes zerschmettert wurden, war Gottfried, der ehemalige

Schützling des alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf dem

Lindengute.

Herr, mach' uns frei! · 第 22 / 31 题