Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher noch immer in der
Binde getragen. Nun aber ließ er diese daheim und schob die Hand
zwischen die Knöpfe seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens
war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte aber in dem Arm eine
große Schwäche zurückgelassen, so daß er ihn noch nicht gebrauchen
konnte. Bis zur völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem
hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei seiner Großmutter.
Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages in dem Hause der Mutter
Lehnhardt der neue Verwalter des Freihofs erschienen und hatte sich
im Auftrage seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen, die
für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war Hermann aufgesprungen und
ohne ein Wort zu sprechen, hatte er blitzenden Auges und in drohender
Haltung mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch die der
Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald verschwand. Seitdem war die
Verbindung mit dem Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß
die Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete, so begrüßten
sich die beiden Alten ebenso herzlich wie bisher, den Vorfall jedoch
berührten sie nicht.
Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es oft tat, über die Wiesen
geschlendert war und dann an der hintern Seite der Höfe entlang ging,
stand der Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und sah ihm
entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder sein Lieblingsthema an
und wetterte gegen das Vorhaben der Männer, die lieber daheim bleiben
sollten, damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen brauchten,
anstatt den Preußen die Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen.
Hermann Lehnhardt schwieg zu diesen Worten und sah geflissentlich
an Frank vorbei. Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt ihm
beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner Anzapfungen keine
Anstalt machte, konnte sich Frank nicht enthalten, ihn in ärgerlichem
Tone zu fragen:
»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?«
»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ den Blick sehnsüchtig
über die Fluren schweifen, »Ihr wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe,
warum quält Ihr Euch deshalb mit mir herum?«
Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort nicht befriedigt. Es
hatte ein Ton durch Lehnhardts Worte geklungen, der ihm nicht gefiel.
Deshalb kniff er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit listigem
Lächeln scheinbar achtlos hin:
»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret, voll Demut die Hand wieder
zu drücken, die Euch zum Krüppel machte -- -- --«
Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das Gesicht wie von Flammen
umspielt, während aus den soeben noch träumerischen Augen glühender Haß
brach.
»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört? Da sagt Euern Zuträgern
nur, daß ihnen dies im Rausch beigekommen sei!« Und sich nach
rechtsseitwärts wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der
Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes über die
ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten:
»Wir rechnen noch miteinander ab -- --!«
Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche Wut schnürte
ihm die Kehle zu. Er wandte sich kurz ab und ging stumm weiter.
Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch Lehnhardts und der
unverfälschte Naturlaut des wildesten Hasses in dessen Stimme,
hielt seine Zunge noch im Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen,
aufgedunsenen Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem
Davongehenden nach.
»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« klang es zwischendurch,
»ich habe einen kostbaren Spaß für ihn ausgedacht. Hahaha!«
* * * * *
Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend fiel starker Regen, und der
Wind jagte heulend über die Felder. In den Häusern wurden die Fenster
verwahrt, die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, und
in den Ställen, wo das Vieh unruhig wurde, schloß man sorgfältig die
Türen. In gewaltigen Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß
große Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen Regen vor sich
her, daß die dicken Tropfen klatschend an die Fensterscheiben schlugen.
Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Freien. Es war, als
ob der Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. Kein
Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am Himmel sichtbar. Die
Elemente schienen ihrem Meister entschlüpft zu sein. Mit erbitterter
Wut kämpften sie gegeneinander und gegen alles, was die menschliche
Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur auf den Fluren
erzeugt hatte.
Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war jetzt noch im Freien, und
selbst die vierbeinigen Hüter des Hauses waren schutzsuchend in ihre
Hütten gekrochen und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten
Vorderpfoten gelegt.
Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde vorsichtig ein
Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich die Gestalt zuweilen von den
weißgetünchten Häusergiebeln ab, um sogleich wieder in die gähnende
Finsternis hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen
des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte dem Naß als
Bundesgenosse zu Hilfe und drang so heftig auf den Menschen ein, daß
dieser von Zeit zu Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen
mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts zu kommen. In
den Häusern ruhten die Bewohner schon längst im tiefen Schlafe. Nur
hie und da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein
durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald der Gesell einen solchen
Lichtkreis betrat, beschleunigte er die Schritte, bis die Dunkelheit
ihn wieder aufnahm. Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide,
daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen Wanderung entdecke.
Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt war, blieb er plötzlich
vor dem Rabensteiner Hofe stehen. An einen Baum gelehnt, betrachtete
er das einstöckige Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein
Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Tür
neben dem großen Tor und versuchte, sie zu öffnen. Da schlug der
wachsame Hofhund an, daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm.
Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und zerrte wütend an
der Kette. Aber seine mächtige Stimme klang nur schwach, sie wurde
übertönt von dem Heulen und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden
Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die Elemente eine
schauerliche Musik aufspielten.
Da sprang der Mann über den Graben, in dem das Wasser wie in einem
Flußbett dahinschoß und ging an der äußeren Seite des Hauses entlang.
Aus dem oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand drang
ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig bückte sich der Einsame,
las einige herabgefallene Zweige auf und versuchte, sie gegen das
Fenster zu werfen. Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen,
indem er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des Schützen
verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. Als der Mann
die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die Augen
ratsuchend umherschweifen, bis sie endlich auf einem dicken Baum
haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt stand. In diesem
Augenblick glänzten seine Augen vor Befriedigung. Entschlossen trat
er an den Baum heran und kletterte mit großer Anstrengung den starken
Stamm hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das Haus reichenden
Ast soweit vor, daß er mit der Hand das Fenster erreichen konnte. Kaum
hatte er das Glas berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien.
Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und versuchte
mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit mit dem Augen zu
durchdringen.
»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört. Niemand darf uns heute
Nacht beisammen sehen!« sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser
Stimme, die in dem Sturm fast unterging.
Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt.
»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid Ihrs? Was in
aller Welt treibt Euch in diesem fürchterlichen Wetter ins Freie, und
warum klettert Ihr mitten in der Nacht auf die Bäume?«
»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich, Rabensteiner, aber
besonders Euch und dem Freihofer. Es ist ein Schurke in unserer Mitte,
der Verrat üben will.«
Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß ihm die schweren Tropfen
auf Kopf und Wangen fielen, und der Sturm sich in sein Haar wühlte.
Aber er merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen Schein
bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme sprach:
»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr denn von Sinnen? Ein
Verräter im Dorfe?«
»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört und überlegt
rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter nannte, ist der
Lindengutbauer. Er hat den Verrat zwar noch nicht geübt, wird es aber
schon morgen tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen
hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach wie ein giftiges
Gewürm haßt und ihm gern Übles anhängen möchte. Nun also: Heute
am Vormittag höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann
Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer aufreizte. Und als
dann Lehnhardt voll Erbitterung verspricht, diesem einen Denkzettel
anzuhängen, ruft der Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle.
Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam er schwerbetrunken
heim, vergriff sich wieder an seinem Weibe, das ihm, den Kleinen im
Arm, weinend entgegentrat und schlug darauf den ganzen Hausrat in
der Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten Flüche
und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen zu fahren, wo er unsere
Absicht, zu den Preußen zu gehen, dem dort befehligenden französischen
Kommandeur mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen Prozeß
die Franzosen mit aufständischen Bauern machen. Statt zu den Preußen,
wandern wir bestenfalls in eine Festung. Aber den Anführer stellt man
sicher vor den Sandhaufen.«
Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich verharrt. Jetzt
sagte er lebhaft:
»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm reden.«
»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt schwer betrunken
daheim.«
»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er von Hause fortgeht.«
»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried bitter und bestimmt,
»so wie ich den Bauern kenne, führt er seinen Vorsatz aus. Schon um den
Tiefenbach zu vernichten, tut er’s.«
»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf jeden Fall diesen Verrat
verhindern. Der Freihofer könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen,
aber alle andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und der
Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet. Was meint Ihr denn,
Gottfried, was da am besten zu tun ist?«
Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die Höhe, daß sein Mund an
Konrads Ohr lag und flüsterte diesem ein paar Worte zu. In demselben
Augenblick fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen
Schmerz verspüre.
»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte Gottfried.
Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke vor sich nieder, dann
sagte er mit dumpfer Stimme und mit Nachdruck:
»Nein, es gibt keinen andern!«
Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er schob sich behutsam auf
dem Ast zurück.
»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon Hinabkletternden noch zu.
»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück, »die Nacht ist
gräßlich!«
Damit verschwand er in der Dunkelheit.
Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo Gottfried verschwunden
war. Dann schloß er das Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht
in der Kammer.
* * * * *
Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Sturm
schüttelte und riß mit tausend Händen an allem, was sich ihm
entgegenstellte, und wie Keulenschläge fielen seine Stöße auf die
Dächer. Ächzend bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter seiner
Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es wie eine Unzahl tosender
Sturzbäche auf die geängstigte Erde herab. Ein Höllenkonzert von
zehntausend Teufeln!
In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die große Kastenuhr laut
und einförmig. Auf der Bank vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend
ausgestreckt auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem Kopfe
verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte alle Gegenstände in
ihren schwarzen Mantel. Da tauchte neben dem Schläfer ein Schatten auf,
und im nächsten Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des
Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell den rechten Arm
unter dem Kopf hervor und führte damit einen furchtbaren Hieb durch die
Luft. Dann lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der Arm hing
schlaff herab und pendelte noch eine Weile hin und her, bis er ruhig
herunterhing. Aber die Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand
hatte der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei Sekunden, dann
lockerte sich der eiserne Griff, und die Gestalt verschwand unhörbar in
der Finsternis wie eine nächtliche Erscheinung.
Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage weiter, aber der Bauer
hatte aufgehört zu schnarchen. --
* * * * *
Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt. Der Himmel war hell,
und der matte Glanz der mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte
friedlich auf die Verheerungen herab, die der Sturm während der Nacht
an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte.
Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund, den Bauern Frank habe in
der Nacht der Schlag gerührt, er sei tot.
Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube des Lindengutes lag eine
alte Frau auf den Knien, die mit gerungenen Händen um den Sohn weinte.
Droben aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen Lippen, mit
steinernen Zügen und trockenen Augen ein junges Weib, auf dem Schoße
das schlummernde Kind, und blickte hart vor sich nieder.
Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut verließ, um mit den
andern Männern auszumarschieren, da traf ihn ein flehentlicher Blick,
der zum Bleiben einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er wandte
sich ab.
Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen Männer von Rehefeld
in Reih und Glied eines in der Reserve gebliebenen Regiments vom
Korps des Generals von Kleist. Als aber am Montag des 18. Oktober
mittags 2 Uhr dieses preußische Korps von Güldengossa her den großen
Bajonettangriff auf das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida
unternehmen mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. Und einer
der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden Batterien am
Eingang des Dorfes zerschmettert wurden, war Gottfried, der ehemalige
Schützling des alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf dem
Lindengute.