Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen Güter Rehefelds war das
des Bauern Frank. Es war ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem
Viehstand und alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein
früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe und gegenüber
der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus herrichten lassen, das dem
ganzen Besitz ein ungemein freundliches Ansehen verlieh.
Es war nicht streng nach der Bauweise der alten sächsischen
Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit guter Raumverteilung
eingerichtet und bestand aus dem etwas erhöhten Unterbau und einem
freundlichen, hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes
Strohdach schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine Terrasse,
die von einem von zwei Säulen getragenen Lattenrost überdacht
wurde, und von der hüben und drüben einige Stufen hinabführten.
Um die hölzernen Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken
Jelänger-jelieber und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das ganze
Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren Durcheinander verwachsen
waren und die so tief herabhingen, daß der Raum zwischen den Säulen
von Blättern und Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich die
Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten Sonnenbrand
Schatten und erquickende Kühle spendete.
Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und wurde öfters getüncht.
Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, recht- und spitzwinklig
zueinander stehenden Balken von den blendendweißen Flächen scharf
ab, und wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die grüne,
über und über blühende Laube vor der Mitte des Hauses hinzudenkt,
so erhält man eine Vorstellung von dem in Bauart und lebendiger
Farbenzusammenstellung gleich harmonischen Bild, welches dieses Haus
bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten immer wieder von neuem
gefiel und das von der sanften Anhöhe herab den das Dorf berührenden
Wandersmann freundlich grüßte.
Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein altes Ehepaar besessen,
dem das Schicksal von seinen Kindern nur eine Enkeltochter gelassen
hatte. Der Bauer Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig,
als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, die Neigung
verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags darauf war er tot. Niemand
hatte ihn jemals krank gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu
sagen, an welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber meinten,
Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, sondern hätte nur
aufgehört zu leben.
Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun der schon lebensmüden
Bäuerin allein zu. Marianne hatte kurz vorher ihren neunzehnten
Geburtstag gefeiert. Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf
und schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den Musterforsten
des Freiherrn von Tiefenbach. Immer ruhig, freundlich und gewinnenden
Gemüts, zuweilen wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im
Dorfe das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären glücklich
gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, vorzugsweise die Hand.
Denn außer einem hübschen und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch
der saubere und unverschuldete Hof zufallen.
Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große Anzahl
Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle heiß bemüht waren,
sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Und so wurde denn der für Gemüt
und Verstand in gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von
Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den Nachbardörfern
sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf von einer großen Anzahl von
Fliegen umschwärmt wird.
Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war zu dem einen nicht
freundlicher wie zu dem andern und verdarb es deshalb mit keinem.
Meinte einmal einer der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen
Pfad gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu ihrem Herzen
führten, so mußte er am nächsten Tage die sehr betrübliche Erfahrung
machen, daß Marianne genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern
hochbeglückt war, heute einem andern erwies. Mancher der jungen
Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das Heer seiner Nebenbuhler
überdachte, und manche festgefugte, auf Leben und Tod geschlossene
Freundschaft ging in diesen Tagen aus dem Leim.
Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen als kühlenden
Balsam auf die Wunde im Herzen die Ueberzeugung, daß augenblicklich
keiner von den Vielen dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand
als er selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken zu
erbleichen, Marianne könne mittlerweile die Werbungen eines im stillen
Bevorzugten erhört haben.
So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der tägliche Sturm auf
Mariannens Herz doch nicht an ihr vorüber. Mit großem Interesse
beobachtete das Mädchen die sich ihr nähernden jungen Männer, die es
auf mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut heimzuführen.
Die einen marschierten geradenwegs auf ihr Ziel zu. Sie sprachen,
wie es in solchen Fällen wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher
Liebe und Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem
Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar soweit, daß er die,
noch vom Geständnis seiner Liebe her auf dem Herzen ruhende Hand --
also der während einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig
anerkannten Haltung --, daß er die beteuernde Hand aufhob, die
Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden Augen versicherte, im Falle
der Nichterhörung von der Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun,
Erhörung fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, weiter
als bis zum Rand des Teichs gegangen war, entzog sich jedermanns
Kenntnis. Als unbestreitbare Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß
er Leipzig mitmachte und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine
ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete.
Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es ihnen beileibe nicht
auf den Hof ankäme, sie, Marianne, wäre ihnen wie sie gehe und stehe
gerade recht. Sie wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie,
nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, daß Marianne diesen
Verächtern irdischer Habe zuliebe auf den schmucken Besitz ihres
Großvaters Honigmann verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb
diesen Werbungen.
Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter den Anbetern.
Glücklicherweise aber waren sie in der Minderzahl.
Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit einem der
schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast alle sehr wenig, ja bei
manchem beschränkte sich die Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür
war aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum bersten voll,
und die Augen mußten in diesem Falle den Dienst der widerspenstigen
Zunge übernehmen.
Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe Milch gäbe, daß die
Schweinezucht in den letzten Jahren immer profitabler geworden sei, wie
auf dem Hofe des Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in
allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen und eines Bauern
im besondern von früh ab unterwiesen sei. Ein anderer sprach davon, was
er tun würde, wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne
er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich vier
Söhne und unter vieren gäbe es täglich Katzbalgereien. Mit einer Frau
nur allein auf einem Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch
immer Frieden und Eintracht -- -- --
Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. Dafür machte
er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen vor Heiterkeit bis zu Tränen
gerührt war. Er hoffte, auf der luftigen Brücke, die der Humor über
Hindernisse errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens Herz
zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte Diplomat hieß
Emil und war der Sohn eines kleinen Bauern.
Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine Katze. Dabei lag
ihm sehr daran, von der kleinen Klitsche daheim sobald als möglich
wegzukommen. Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da starb die
Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf ein blutarmes, junges Ding,
das seinem Gatten die Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder,
pauspackiger Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an war daheim
nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister taten vorderhand noch
nichts besseres, als daß sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn
die Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig hungrigen
Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit sieben Köpfen vergleichen, die
sich eben daran macht, eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen
sagte er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters diese
unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen können. Und er berechnete
nüchternen Verstandes, daß der dürre Hof gerade dann aufgezehrt
sein würde, wenn das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden
Geschwister flügge war. Da ging er hin und stellte seine angeborene
Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens um wohlversorgte Hoftöchter.
Wen die Burschen und Mädchen an den warmen Sommerabenden im
Mondenschein, fein säuberlich in zwei getrennte Lager geschieden, auf
dem Anger saßen, Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen
und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben hatten, dann stand
Emil auf. Zwar sprach er seiner anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig,
aber das Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen bald
wieder von neuem.
Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr neu und hatten
schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser Heiterkeit gegeben; aber das
Völkchen war ja so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung und
wollte um jeden Preis fröhlich sein.
Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit und Ausdauer,
daß er die Anerkennung herausforderte. Dann ging er zu wunderlichen
Gliederverrenkungen über, die die Lachlust empfindlich reizten. Selbst
der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit nicht mehr enthalten,
wenn Emil wie ein Känguruh in possierlichen Sprüngen umherhüpfte.
Dazwischenhinein überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief
minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, als manchem der
Zuschauer auf den Beinen möglich war. Alles dies tat er stumm. Die
karge Belohnung, die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand
einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den Schweiß von der
tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß stellte sich Emil auf den Kopf
und verharrte in dieser Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis
die Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, und einer
der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich stillschweigend in den
Hintergrund und beobachtete forschend die vom Mondenschein erhellten
Gesichter der Mädchen auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit
besonderer Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen Enkelin des
alten Honigmanns.
Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, der unausgesetzt
durch die Luft wirbelt, und wenn er einmal auf die Erde kommt, steht er
verkehrt.
Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen einen dicken Strich
durch seinen Namen.
Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, wird das Resultat
betrüblich finden und sich einer wehmütigen Regung nicht verschließen
können. So viel wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet -- -- --
Armer Emil!
Marianne hatte lange geschwankt, welchen der Anbeter sie endlich
erhören würde. Denn wenn auch die meisten von ihnen ihr gleichgültig
blieben, so waren es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen
recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer stillen Kammer
im Geiste die noch gebliebene, stattliche Anzahl der Bewerber, merzte
von neuem aus, bis denn schließlich zwei übrig blieben, von denen sie
einen zu erhören beschloß.
Der erste von diesen war Berthold Frank, der jüngste Sohn vom
Oberhofbauern. Er war ein hübscher Bursche mit hellblauen Augen und
schwarzem Schnurrbart, dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht
waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein Körper war gedrungen
und seine Bewegungen verrieten große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern
verband sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn er war
geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu führen; darin glich
ihm kein zweiter der Burschen. Und doch konnte Frank sich vieler
Eroberungen eigentlich nicht recht rühmen, weil man wußte, daß er
streitsüchtig war und sich zuweilen betrank.
Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. Die Mutter war
in der Stadt aufgewachsen und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in
ihrer Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren konnte sie
nicht. In einer großen Anzahl von feinen Kanälen floß der saure Gewinn
vom Hofe wieder fort und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für
die sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die weise Einschränkung
der Bedürfnisse des Haushalts hatte sie kein Verständnis. Täglich wurde
weit mehr gekocht als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh.
Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte nicht. Dann
schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer und in den Milchkeller
und tat sich dort gütlich. Der Bauer trank und wenn er in später Nacht
nach Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen des Kornhändlers
auf dem Hofe, so war er nicht beim Aufladen der Säcke zugegen, sondern
saß wetternd im Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch
aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging von dem er
nichts wußte.
In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. Von Anfang an war
niemand da, der sie zur regelmäßigen Arbeit angehalten hätte, und als
sie sehend wurden und das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie
nicht begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des Tages tragen
sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder von früh auf verwöhnt, indem
sie alle ihre Wünsche erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so
haben, dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern.
Und so war es aus all diesen Gründen nicht verwunderlich, daß das
Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit gewann, auf dem Oberhof stehe es
schlecht, und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. Berthold
kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es dem Vater bereitete, wenn
er an jedem Quartalsersten die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen
mußte, und er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen
würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. Und da er wohl die
Kraft, nicht aber den Willen besaß mit fester Faust in das Wespennest
hineinzugreifen und er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten
konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo ein
behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er sich schinden? Tat es der
Vater, oder machten es etwa seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre
ihm gelungen -- aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren Dummköpfe --
den Oberhof vor dem Ruin zu retten, was hatte er davon? Er konnte doch
nicht als Miteigentümer auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder
Christian zufallen würde.
Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff eine Melodie von
der letzten Tanzmusik her und ging mitten am Nachmittag zum vordern
Hoftor hinaus, um zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin
des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen Schmeichelreden
anzubringen.
Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold Frank war ein hübscher
Bursche mit gefälligen Manieren, der zuletzt wegen seiner Aussichten
auf den Besitz des Lindengutes manchen grimmen Neider besaß.
Der andere Bewerber, der sich zusammen mit Berthold Frank in den Besitz
von Mariannens flatterndem Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht
auf dem Lindengute.
Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, ob sein künftiger
Gatte auf einem großen Hof aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen
Häuschen kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein glänzendes Äußere
leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer inneren Stimme entgegen doch
niemals, um seiner äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die
Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen und bescheidenen
Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, sondern ihn eher noch
dazu ermutigt.
Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften das gerade Gegenteil von
dem Jüngsten vom Oberhof. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch
und von einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war.
Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd auf dem Lindengut
gewesen, mit strotzenden Wangen und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß
einen allzeit fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade
gewachsen wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei der Arbeit, wo
sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang ihrer glockenreinen Stimme,
und weit mehr als nötig war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes
Lachen. Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das Mädchen still.
Zuletzt war sie scheu geworden und hielt die Augen niedergeschlagen.
Ihr fröhlicher Sinn war von ihr gewichen, und das erquickende Lachen
war verstummt. Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis sich
endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst noch ein Kind, in der
Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen und den doch so beseligenden
Ahnungen von Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab.
Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet drei Tage verflossen
waren, trug man die junge Mutter hinaus und bettete ihren blühenden
Leib, der nun all seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen
des Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die Stelle an, wo man
ein in der Blüte geknicktes Leben voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll
Singsang und Lachen dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte.
Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer Honigmann seiner Frau
wortlos in den Schoß, die für ihn redlich sorgte, auf daß die Seele
des Kindes die mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu
schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge Mutter ihrem
Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war sie in den Gottesfrieden hinüber
geschlummert. Der Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried
erhalten.
Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, seinen Wohltätern
das zu vergelten, was sie an ihm getan. Aufgewachsen in der wahren
Frömmigkeit der Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen
Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. Schon mit
vierzehn Jahren schaffte er so viel wie ein Knecht und als er die
Zwanzig erreicht hatte, bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht
mehr genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte Mann
aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis war, wurde zuweilen
ärgerlich, wenn er sah, wie der junge Knecht ihm die Arbeit aus den
Händen riß. Dabei war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren
eckig und unbeholfen.
Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, da er ein wenig
unterhaltsamer Geselle war. Den Keim hierzu hatte er bereits mit in die
Welt gebracht, denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren nicht
ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße geblieben.
Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. Zwar gestand sich das
Kind, daß der Knecht nicht das Abbild eines herrlichen Jünglings
sei, wie es ihr in ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber
einem unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein gutes und
treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie an seiner Seite recht
wohl glücklich werden könne. Ein Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu
behütet und die Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz.
So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. Waren diese aber
vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, junger Sinn sie zu den lustigen
Burschen. Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen dem
ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und den unschönen Zügen
und dem in männlicher Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank,
dem die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so gut zu
Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam plauderte, dann vergaß
das Mädchen alles, was sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie
war blind und sah nicht die schweren Fehler des anderen.
Die Warnungen der Großmutter machten keinen Eindruck auf das Mädchen.
Und so hielt denn endlich nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof
seinen Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit darauf
zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain zu übersiedeln, wo ein
entfernter Verwandter seiner Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt,
daraus würde nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte nicht,
was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber wußte er: daß er
niemals wieder einen so unverdrossenen und arbeitsfreudigen Besorger
seiner eigenen Pflichten in der Wirtschaft bekommen würde.
Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern Sohnes Einzug
auf dem Lindengut war der Frieden, der solange an dieser Stätte
regiert hatte, gewichen. Denn zu derselben Stunde, in der der festlich
geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen gezogen unter dem
Jubel der Gäste und dem brausenden Tusch der Musikanten durch das
weitgeöffnete Tor auf dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern
und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten durch die in
schmalem Spalt offenstehende Hintertür auf das ehemalige Besitztum des
alten Honigmanns; ihre Namen aber waren Kummer und Gram.
Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht wie es ihm zukam, und
es schien, als ob der Besitz eines blühenden, fröhlichen Weibes und
des schmucken Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen im
Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. Aber die Sünden der Väter
rächen sich sattsam an den Kindern, und Berthold Frank war ein echter
Sohn des seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern.
Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich Frank höllisch zusammen.
Denn der Hof gehörte noch nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte
sie zu Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm harte
Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. Bei aller Frömmigkeit
und Milde wohnte nämlich in dem müden Körper der alten Bäuerin eine
streitbare Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind gleich
beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und der Hof fiel ihm endgültig
zu.
Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. Sein viel
umneidetes Heim verlor für ihn den Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel
und wüsten Gelagen war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er dann
angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib und hob endlich die
Hand gegen sie auf. Am Tage schlief er seinen Rausch aus, war froh,
einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging
damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem grausamen Ruck fühlte
Marianne die Binde von ihren Augen weggezogen, und ein freudenloses,
unwürdige Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf.
Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten Zeit noch stiller
geworden. Zuweilen traf es sich, daß Marianne in der Blütenlaube vor
dem Hauseingange stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während
er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes Gesicht, umrahmt
von grünem Blattwerk sich zugewendet, und ihre Augen begegneten mit
tieftraurigem Ausdruck den seinigen und führten eine stumme und doch
so beredte Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte den Blick
dieser umflorten Augen nicht aushalten. Schwerfällig wandte er sich
ab und faßte mit unsichern Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn
das Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines einfachen,
vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm zu Herzen und bereitete
ihm Schmerz.
Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden Proteste einzelner
Patrioten, die die schmachvolle Haltung ihres Vaterlandes nicht
mehr mit anzusehen vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den
Hauptstädten ausgehend, sprang der Brand auf das platte Land über, und
zuletzt glich das Königreich einem einzigen Flammenmeer. Das bängliche
Ausharren in der von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten
Stellung zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem Kaiser, ein
Gemisch von Bewunderung, Furcht und dumpfem Dahinleben, verschwanden
mit einem Schlage. Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der
in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit Scham bemerken.
Wer konnte müßig bleiben, wenn alles in den heiligen Kampf zog? Und
war es nicht unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung
desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über die Länder
deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade das Volk zurückbleiben
wollte, dessen Land der Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und
zur Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte?
Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad Hartmann anschlossen,
dessen Worte ihn begeistert hatten. Als er aber von seinem Vorhaben dem
Bauern Frank erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache,
insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es kam ihm recht wenig
gelegen, seinen zuverlässigen Knecht zu verlieren; andererseits bot ihm
dieser Vorfall aber willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung
gegen den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben.
Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die schlechte Wirtschaft
auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten und auch dann, als Berthold Frank
Lindengutbauer geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen ihn nicht
auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten Frank ungemein
verdrossen und eine feindselige Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar
hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und reichen Besitzer des
Freihofes etwas zu unternehmen. Jetzt aber reifte in seiner Seele ein
teuflischer Entschluß. Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch
manchen andern hart traf, -- was tats? Wen er nur ihn, den Gehaßten
damit vernichten konnte.
Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer entsprach ganz seinem
Charakter. Mit höhnischen Worten erklärte er die Idee für unsinnig und
bezeichnete die Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler
und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen Tagen bis zum
Morgen in der Schenke und bekämpfte mit schreiender Stimme und wilden
Bewegungen den geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit
geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er glaube garnicht
daran, daß es noch soweit kommen werde und schlug zur Bekräftigung
seiner Worte mit der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und
die Gläser tanzten.