Von diesem Tage an begann in Rehefeld ein geheimnisvolles, emsiges
Treiben. Zuerst hatte Max mit klopfendem Herzen daheim seine Absicht
ausgesprochen. Die Mutter war, nachdem er geendet, recht still
geblieben und hatte nur mehreremal leise genickt, als wenn es sich für
sie um eine schon längst beschlossene Sache handele. Maria aber war auf
Max zugeeilt und hatte in stürmischer Bewegung ihre Arme um seinen Hals
geworfen.
»Ich hätte Dich nicht verstanden, Geliebter,« sagte sie, sich zärtlich
an ihn schmiegend und das Haupt an seiner Brust bergend, »wenn Du
zuhause geblieben wärst.«
Da regte sich inmitten der ernsten Stimmung der Schalk in Maxens Brust
und er fragte in scheinbar vorwurfsvollem Tone:
»So spricht meine holde Braut? Ich hätte gehofft, sie würde Einspruch
gegen meine Absicht erheben und mich bestimmen, bei ihr zu bleiben.
Erkaltet die Glut eines Mädchenherzens so rasch?«
Vergebens aber wartete er auf eine Antwort. Und als er nach mehreren
Sekunden den fest an seine Brust gepreßten Kopf mit einiger Mühe aufhob
und zurückbeugte, um Maria ins Gesicht zu sehen, da zeigte es sich,
daß dieses Antlitz in holdseligem Lächeln tief errötet war. Aber das
Herz des Mädchens erfüllte nicht eitel Wonne, sondern wie so oft im
menschlichen Leben wohnten auch in diesem Herzen jetzt die beiden
Geschwister Freude und Schmerz dicht beieinander. Denn es darf nicht
verschwiegen werden, daß an den langen, dunkeln Wimpern ihrer Augen ein
paar glitzernde Perlen hingen.
In wehmütiger Freude beugte sich Max nieder und küßte leise diese
Tränen fort.
Die Vorbereitungen zur Hochzeit aber wurden nun wieder aufgenommen
und mit vermehrtem Eifer fortgesetzt, denn noch vor dem Ausmarsch der
kleinen Schar sollte ihr Bund den kirchlichen Segen empfangen.
* * * * *
Die beiden Freunde waren unermüdlich im Werben, und nach wenigen Tagen
hatten sich dreizehn Männer gefunden, die die Schmach des Landes
nunmehr so bitter empfanden, daß alle Bedenken gegen die Ausführung des
Planes überstimmt wurden.
Max war ein beredter Anwalt für die Idee; wo seine Worte nicht
überzeugen wollten, siegte zuletzt sein Beispiel. Das ganze Dorf geriet
in helle Aufregung, und in allen Häusern sprach man von dem Vorhaben.
Anfangs war es nicht leicht gewesen, mit den Männern darüber zu reden.
Ihre geistige Schwerfälligkeit verhinderte, daß sie den so schnell
veränderten, politischen Verhältnissen ebenso rasch folgen konnten.
Die Niederlagen der französischen Generale und die dadurch schwierig
gewordene Stellung Napoleons in Dresden waren zu überraschend gekommen,
und die breiten Volksmassen hatte zu sehr der Gedanke durchdrungen, daß
es heller Wahnsinn wäre, gegen die Macht des Gefürchteten anzukämpfen.
Denn von dem Tage ab, wo die Heere der Verbündeten gegen den Kaiser
losmarschierten, galt es in den störrischen Bauernschädeln für
unausbleiblich, daß der Mächtige alle feindlichen Armeen in kurzer Zeit
über den Haufen werfen würde. Als dann die Niederlagen der Franzosen
eintraten, wurden die Getäuschten fast unwillig, weil ihre Voraussage
nicht stimmte.
Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt, und
Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen passierte allerdings
Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser nicht selbst gewesen, und die
Schuld der Niederlage traf den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein
General unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen.
Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden wieder um so heller; selbst
die Unterlegenen sprachen ja mit Bewunderung von dem Sieger.
Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme bei Kulm. Das war
wieder gegen die Weissagung, durfte aber nicht allzuernst genommen
werden, denn er war ja keiner von den großen Generalen der alten
Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis ein, das aller
Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte: General Bülow hatte eine
starke französische Armee, die nach Preußens Hauptstadt vordringen
wollte, wenige Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen, und
der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der Feldherren Napoleons,
-- der Marschall Ney.
Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife aus dem Munde,
spuckten aus und kratzten sich die Köpfe.
Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden und hieb mit
seiner Tatze wütend nach den ihm keine Ruhe gönnenden Feinden. Jeder
Schlag dieser fürchterlichen Pranke saß zwar, aber es waren keine
eigentlichen Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem
Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn das staunende
Europa war anspruchsvoll geworden und gab seinen Leistungen strenge
Zensuren. Und bei alledem wuchs des Kaisers Verlegenheit in der
sächsischen Königsstadt sichtlich.
So stand es im Anfang des Monats Oktober, gerade in den Tagen, in denen
Max und Konrad ihre Tätigkeit entfalteten.
Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens wurde zu dieser Zeit
derart franzosenfeindlich, daß es gefährlich war, sich noch offen für
die Bedrücker zu bekennen. Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen
Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen einen Aufstand
wider die Franzosen binnen wenigen Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur
zahlreiche eigene Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die
im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen unaufhörlich
dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst Garantien dafür haben, daß
Napoleon nicht mehr mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit
drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der letzten Jahre
waren gerade für dieses unglückliche Land über alle Maßen schwer
gewesen und hatten die frohe Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern
der Kraft dieses Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges
Fünkchen ersterben lassen.
Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung Sachsens
erfüllte, als sie endlich einsah, daß das Staatsschiff mit vollen
Segeln auf die Brandung zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen
drohte.
Allmählich machte sich denn auch der Umschwung der Gesinnung auf dem
platten Lande geltend und nicht zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds.
Die Landbevölkerung begann von neuem zu hoffen und vergaß die bisher
gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für den Verlust von Haus
und Hof traten immer mehr in den Hintergrund, und Begeisterung zog in
die Gemüter ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße und
erfüllte zuletzt Aller Herzen.
Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer allgemeinen Erhebung
in Sachsen kam, so war nicht die mit Eifer beschwichtigende Regierung
schuld, als vielmehr der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch
in den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine erhebliche Anzahl
ungeduldiger sächsischer Männer in die immer weiter nach der Elbe
zu vordringenden preußischen Regimenter als Freiwillige eintrat und
endlich, daß die, die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht
auf den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach.
Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe Dresdens, das der Kaiser
hatte stark verschanzen und sonst auch für seinen Winteraufenthalt
hatte herrichten lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare,
leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen Firmament und
verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite.
* * * * *
In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten Maxens Geist. Er
wußte alle Bedenken zu beschwichtigen und entfachte ein solches Feuer
der Begeisterung in aller Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch
drängten, und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte,
sondern auch in tiefster Seele guthießen.
Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die französischen Armeen
bei Leipzig gesammelt haben würden, und der jetzt von ihnen versperrte
Weg zu den Verbündeten freigeworden war. Denn die Franzosen waren sehr
mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung von Festnahme
in diesen Tagen ohne einen Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen.
Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im kriegerischen Handwerk
zu üben. Ein Gewehr schweren Kalibers war für jeden vorhanden.
Denjenigen, die selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten
zugleich ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit,
namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung zusammen
erwacht war. Auch Geld und Wertgegenstände wurden den Freiwilligen
ausgehändigt, um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. Wie
drüben über der Grenze, waren auch hier die Zurückbleibenden bemüht,
die große Sache, wenn nicht mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen.
Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren Existenz bisher außer den
Eigentümern ein anderer kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf
dem Wetzstein scharf geschliffen.
Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen hatten,
erklärten die Handgriffe, und der Schmied, der in dem Bataillon aus
dem Winckel bei Jena mitgefochten hatte, stellte die Streiter in Reih
und Glied, ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre laden
und Salven abgeben. Max, als der Größte, marschierte natürlich voran,
während Konrad, wie es ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte.
Alles erfolgte so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen
sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei einer Anzahl von der
Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, noch reichlich ungeschickt
war, so glich er diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus.
Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes endlich ermüdet
wieder ins Dorf zogen, dann trat flugs eine andere Schar zusammen und
übte genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. Leider
besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren genügsam und verfügten
über hinreichend genug Phantasie, um eine eigens zu diesem Zwecke
ausgesuchte, besonders schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch
einen invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. Das
war die liebe Jugend von Rehefeld.
Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem Zweifel stehende
Autorität zu retten, in diesen Tagen darauf verzichtet, seine Lämmer
täglich um sich zu versammeln. Und so hatten diese denn vollauf Muße,
ihren sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern und Brüdern
aufmerksam zuzuschauen. Waren diese aber endlich abgetreten, so liefen
flink die bisherigen Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel,
deren Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel gedröhnt
hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen Jungen.
Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten Flügel des Gliedes galt
als besonders erstrebenswert und wurde sehr begehrt, und um das
Amt des die Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten
statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich brachte,
sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, aber
mit anerkennenswerter Erbitterung. So plagte und prügelte man sich
abwechselnd in heiliger Begeisterung, bis die Sonne sank und alle
endlich den von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten.
Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, junge Krieger
mit erhitzten Wangen und zerzaustem Schopfe die niedrige Stube und sah
geringschätzig auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das Nachtlager
herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und als er schon bis auf das
Hemd entkleidet war, gedachte einer von ihnen aber noch einmal seiner
kriegerischen Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer vom
Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das Körpergewicht wuchtig auf
den vorgestellten linken Fuß und vollführte mit beiden Armen einen
fürchterlichen Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige
Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut ausfiel, daß der von der
Wucht des Stoßes getroffene kleinere Bruder, der in seine Butterbemme
vergnüglich hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung
zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog.
Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen Kleinen in tiefem
Schlafe, und die Mutter beugte sich schweigend darüber, und ein Himmel
von Freude und Glückseligkeit brach aus ihren Augen.
Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen Tage von
Leipzig, und als am Abend des letzten Tages der Mond wieder heraufzog,
genau so wie heute, da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser
Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein glühender Durst
nach Freiheit war gestillt worden.
Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! Lächle wieder du
junges, verlassenes Weib! Einer von den leuchtenden Sternen droben, die
mild auf dich herabschauen, ist der Deinige!