Es war an einem Septembertage, als Konrad Hartmann Max mit seinem
Besuche überraschte. Die beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit
selten gesehen. Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche
Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner Aufgabe mit einem
solchen Eifer nachgekommen, daß ihm keine freie Minute übrig blieb. Max
war tagsüber in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen, in
den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten verlassen.
Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter und Maria bildete, hatte
sich als viertes Mitglied Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt,
die bis zur Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe auf dem
Weißen Schlosse das Zepter führte.
Nach Bauernart sprach Konrad, ehe er mit dem herausrückte was ihn
hergeführt, erst vom Wetter, dann von der Ernte und davon, daß die
Rüben im vorigen Jahre viel besser standen als heuer. Dann kam das Vieh
an die Reihe, bis er plötzlich mitten in der Rede abriß und scheinbar
harmlos hinwarf:
»Anfang Oktober gehe ich fort und schließe mich den Preußen an.«
Konrad war während der Unterhaltung unruhig in der Stube auf- und
abgegangen, während Max am Tische saß und durch das Fenster das
Anspannen zweier Pferde auf dem Hofe beobachtete.
Als Konrad geendet, fuhr Max herum und ließ seine Augen forschend auf
dem Gesicht des Freundes ruhen, gleichsam um dessen geheimste Gedanken
zu erraten. Und je länger er ihn betrachtete, je überzeugender kam
ihm die Gewißheit, daß der Freund seine Worte in unerschütterlichem
Ernste gesprochen hatte. Aber es war ihm nicht möglich, sich mit dem
Gedanken so schnell vertraut zu machen, daß Konrad wirklich schweren
Kriegsdienst tun solle. Mit ungläubigen Blicken, beinahe lächelnd,
betrachtete er die schwache Gestalt des Freundes, und noch nie war ihm
dessen Wuchs so knabenhaft erschienen als in diesem Augenblick. Da
begegneten Konrads Augen den seinigen, und blitzschnell verstand dieser
die stumme Sprache, die sie führten.
Eine heftige Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, und es dauerte eine
kurze Weile, bevor er sprechen konnte. Und dann hatte die sonst so
sichere Stimme allen Klang verloren und zitterte leise und verriet die
tiefe Bewegung ihres Besitzers.
»Max, glaubst Du, daß sie mich zurückweisen, wenn ich mich bei der
Armee der Verbündeten als Freiwilliger melde?«
Max hatte eine leichte Entgegnung auf den Lippen. Da kam ihm der noch
nie gehörte Ton zum Bewußtsein und er fühlte die Augen des Freundes in
qualvoller Unruhe auf sich gerichtet, als wenn von seinem Spruche das
Gelingen des Planes abhinge. Da erschrak er bei dem Gedanken, daß er
eben im Begriff gewesen war, Konrad wehzutun. Es war bei ihm ja auch
weniger der Zweifel in die Tüchtigkeit des Freundes zum Waffentragen
als vielmehr sein zäher Widerspruch gegen alle Unternehmungen des
sächsischen Volkes die darauf hinausgingen, sich gegen die Politik der
Regierung aufzulehnen.
Deshalb sagte er begütigend:
»In den preußischen Regimentern wird bei dem Strome von
Kriegsfreiwilligen jeden Alters sich ganz bestimmt eine große Anzahl
solcher befinden, deren schwacher Körper obendrein an schwere Arbeit
nicht gewöhnt ist.« Und als er sah, wie die Besorgnis aus dem Gesichte
Konrads zu weichen begann, setzte Max hinzu:
»Deine außergewöhnliche Gewandtheit zu Pferde wird man ja bald
erkennen, und Du kannst sicher sein, daß sie Dir vortreffliche Dienste
leisten wird.«
»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad, »denn ich
beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein Husarenregiment zu bewerben.
Aber Max, nur um Dir dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen;
-- ich kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben könntest,
wenn Du uns gehen siehst.«
Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad und sagte mit schlecht
verbissenem Lächeln:
»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb Zentnern etwa
auch für ein Husarenregiment einschreiben lassen?«
»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine ganze Sicherheit
wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist zu ernst zum scherzen. Wenn mich
nicht so feste Bande an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und
noch einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen.
Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei. Gut, das weiß ich,
aber glaubst du vielleicht, daß der Frieden kommt, wenn die Regierungen
einzelner deutschen Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer
zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme zu folgen, bei
denen einsichtsvolle und beherzte Männer die lange genug am Boden
schleifenden Zügel des in toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit
Verachtung der Gefahr in die Höhe reißen?«
Max war während der Worte des Freundes ernst geworden. Jetzt antwortete
er:
»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich, Konrad. Du
siehst nicht die Steine, die am Wege liegen, bis Du ihre scharfen
Kanten spürst und Dir die Füße an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen
haben immer mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die
Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende Haltung des Königs und
der Minister uns nicht doch noch zum Segen gereicht, wissen wir heute
nicht. Ruft uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann wird ihm von
seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil, wie sie Friedrich Wilhelm von
seinen Untertanen empfängt. Aber gegen den Willen des Königs darf sich
ein Volk erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß seine
Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden erlitte, wenn die
eingeschlagene Straße weiter verfolgt würde.«
Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt brach er los:
»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen? Wann ist für Dich der
gegebene Augenblick gekommen, zu dem die Nation eine Abkehr von der
Politik des Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um, Max!
Aus allen Teilen des Landes des langmütigen Sachsenvolkes kommen
Nachrichten von heftigen Einsprüchen gegen die Stellung der Regierung.
Das ist der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen des
Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange haben wir der Führung
blind vertraut; jetzt schrecken wir auf und sehen mit Entsetzen, daß
dicht vor unsern Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch
von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König sprechen, wenn
dieser uns von der Höhe des Ansehens und der Achtung, die wir bei
unsern Nachbarn genossen, tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin
uns nichts als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten.
Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht, und seine besten
Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde oder kämpfen schimpflich gegen
die heldenmütigen Verteidiger deutscher Ehre und deutschen Bodens.
Unaussprechlicher Jammer ist in die Wohnungen unseres guten Volkes
eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not und Sorge hocken am Herd
und blasen die spärlichen Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen
Flammen anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen
Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen gekämpft wurde,
und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel leuchtete den Entmenschten,
die sich Freunde unseres Landes nennen, als sie den Bauern das
letzte Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem in Trümmern
liegenden Besitz seiner Väter geblieben war. Die schlimmsten Gräuel
des dreißigjährigen Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt,
daß Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern in die Wälder
flüchten mußten, um das nackte Leben zu retten. Und wenn am Sonntag
die geängstigten und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen
wiederfinden, dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln herab der
Segen des Allmächtigen für die Waffen des _Beschützers_ des Landes
erfleht wird. Max, ich sage Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue
gegen den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!«
Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu lassen. Der aber
antwortete nicht. Wie eine Bildsäule saß er im Stuhle und starrte vor
sich nieder.
»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen die deutschen
Stämme gegen einander in Streit, wie die Nachkommen einer Mutter, die
sich gegenseitig verderben. Einer gewaltigen Arena glich das deutsche
Land, und die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten mit
vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen Zeiten wurde ein Grund
gefunden, der es ermöglichte, daß man eine lange Reihe von Jahren
gedeihlichen Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung war die
Losung! Heute verlangt es der König, daß in der großen Zeit einer
einmütigen Erhebung gegen die Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen
gegen die befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des Anführers
eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums zu stillen. So
vertilgen wir einander mit Ingrimm selbst, bis endlich an den Ufern der
deutschen Ströme fremde Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt
werden, und man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen
Stadt; -- -- ein neues Glied im Totentanze der Völker! Heute helfen
wir unsere Stammesbrüder niederwerfen und sehen in unbegreiflicher
Verblendung nicht voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem
Helfer auf den Nacken setzen wird.
Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn Du siehst, wie Deine
Töchter mit niedergeschlagenen Augen Unfreien zum Altare folgen! Und
was wirst Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden Augen vor
Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es wahr, daß es einstens welche
gegeben hat, die die große Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften,
bis es zu spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind zuweilen
unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer Väter!«
Max hatte während der ganzen Rede Konrads stillgeschwiegen. Auch jetzt,
nachdem dieser geendet, blieb er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper
fast auf dem Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein paar
Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden Männer ein Wort sprach.
Da endlich unterbrach Max das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch
sagte er mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang:
»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß ich ihm nachstünde in
der Liebe zu meinem Volk und meinem Vaterlande. Ich habe es bereits
ausgesprochen, daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben
in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht, das Elend und
die Not meiner Mitmenschen zu mildern, soweit es in meiner Macht
steht -- --«
»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe mir, wenn ich Dich
verletze. Aber auch Du hast, wie so viele andere, in den Augenblicken
der höchsten Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den
Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren Schlägen, die es
erschüttern. Einige Wenige nur sind es, die ihm beispringen, die großen
Massen aber stehen dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß
Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder Deinen Leib einsetzen
würdest, glaube ich Dir, denn nur ein Hundsfott handelt anders. Aber
wenn je, dann ist es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen,
heraus mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir nicht mehr
das Gespött von Millionen guter Deutschen bilden. Wer jetzt, in den
Tagen der großen Wehen noch lau ist, auf den wird einst das kommende
Geschlecht mit Fingern zeigen.«
Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine plötzliche Bewegung,
erhob sich und ging mit dröhnenden Schritten auf den Sprechenden zu,
bis er dicht vor ihm stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite
Brust erzitterte unter den schweren Atemstößen.
»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine große Erregung, daß er
nicht laut aufschrie, »bedenke, was Du sprichst? Du führest große Worte
im Munde; hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht über
Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein brausender Klang durch
Deine Rede, aber es wäre entsetzlich, wenn den, der sich begeistern
ließe, nur ein Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer auf
sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen! Der Kaiser
würde, wenn es ihm gelänge, die Heere seiner Gegner niederzuwerfen,
unser Land grausam strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut
würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke auferlegten Opfer
müßten alles bisher Erlittene weit übertreffen. Die einmal entfesselten
Gewalten sind nicht mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften
geweckt, dann sind die Menschen blind und wüten, wenn der Plan
fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.«
»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die Rede, »du bist im Irrtum,
wenn Du glaubst, daß ich jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen
die in unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung machen
wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich dem preußischen Heere
anschließen und versuchen, noch eine Anzahl warmherziger Männer für
diesen Plan zu gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen
andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne Lärm muß dies
geschehen, sonst wird unser Vorhaben vereitelt, denn wir sind rings von
Spionen umgeben, die der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser
unterhält. Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den Franzosen
zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du Kleingläubiger! Komm, zieh mit
uns und hilf die Reihen der deutschen Streiter vergrößern, auf jedes
Mannes Faust und Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht
aber laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen Willen
zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden schwarzweißen Fahnen
nachfolgen, können wohl geschlagen, nie aber besiegt werden, denn sie
kämpfen ja alle für ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb
der beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen, sie will
Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst Elend und Not, die um dich
herum grinsen? Gewiß, das tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im
Verborgenen immer getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender
Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden, und Dein Rat
wird von jedermann hoch geschätzt. Keine Mühe verdrießt Dich, wenn
es gilt, das Gemeinwohl im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz
und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner jungen Jahre wie
keiner sonst großen Ansehens erfreust, weit in der Landschaft. Aber ist
das das Höchste, mit dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in
Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu bedarf es doch keiner
hohen Eigenschaften! Dein Ziel muß weiter draußen liegen.
Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu mit dem Volke die
Straße dahinziehen: Du mußt es führen! Dein Blick soll weithinaus
schauen. Wo steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt
Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen täglich
umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte Nebel ziehen und schwere
Stürme jahraus jahrein daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein!
Dort, wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon gestern geweilt
haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg ankommt, betrittst Du als erster
den richtigen Pfad, der nach Deinen besten menschlichen Erwägungen
von den Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen wird. Stell’
Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn Du bist unser geborener
Führer. Laß Deine Beredtsamkeit auf die Männer wirken und reiße die
Zögernden durch Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf,
betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen und urteile
dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen oder Ergebenheit und täglich
erneutes Weiterquälen für das Heil eines Volkes besser sind. Der
gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet jedes Abweichen
vom Althergebrachten als einen Sprung ins Dunkle und berechnet die
Möglichkeit des Wachsens oder Verminderns seines Besitzes an den
zitternden Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust aber mit
vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es Augenblicke gibt, in denen man
sein Leben und die gesamte Habe auf das kippende Brett setzen muß, und
daß zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und Wogen endlich
ihre Schiffe in sturmfreies Wasser brachten, die mit Verachtung der
Totesnöte das Erz des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben.
Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust zittern, -- den
hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!«
Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte seinen Kopf vor, als wenn
er etwas Geheimnisvolles zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter
Stimme, die Worte abreißend, hastig fort:
»Darum handle, Max, ehe es zu spät ist! Mir folgen ihrer sechs, nicht
mehr, Dir alle. Dein Einfluß ist gewaltig, der meinige schwach. Der
Rabensteiner mit seiner Hundehütte von Hof kann schon etwas wagen,
sagen sie. Geh, zeige ihnen, daß Du, der Freihofer, der größte Bauer
weit in der Runde, Deinen Hof im Stiche läßt, um des Vaterlandes
willen. Lehre den Starrköpfen, daß die höchsten Ziele eines Volkes
nichts zu tun haben mit der kleinlichen Sorge um Nahrung für Weib und
Kind für den nächsten Tag. Rüttle sie auf und stachle schonungslos
ihren Ehrgeiz an, auf daß in ihren Herzen die edelsten Mannestugenden
wach werden und sie sich darauf besinnen, daß ein tatenloses Volk
in Ketten sich aus den abscheulichsten Kreaturen unter der Sonne
zusammensetzt. Geh in die Häuser und zwinge die Männer unter deinen
Willen. Wirb für die große Idee, ich werde Dir treulich helfen. Mache
Helden aus den Säumigen und Bedenklichen und führe sie denen zu, die
ihr Blut verspritzen für die Freiheit der deutschen Erde!«
Max hatte in zusammengesunkener Haltung, das Kinn herabgesenkt, den
glühenden Worten des Freundes gelauscht. Ihm war, als wenn eine
berückende Musik sein Ohr träfe, deren Klang er noch nie vernommen.
Die schmeichelnden Tonwellen umstrickten seine Seele und brachten die
feinsten Saiten in ihr zum Klingen.
Da richtete er seinen riesenhaften Körper mit einem Ruck zu seiner
ganzen Höhe auf, und die Brust weitete sich, als wenn neues Leben in
sie einzöge. Der blondhaarige Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht und
dem starken Nacken war dieser Bewegung gefolgt und stand stolz auf den
breiten Schultern und unbeugsam von diesem Augenblick an, -- bis ans
Ende! Es war ein Bild strotzender Kraft und sieghafter Mannesschönheit.
Nicht mit ungestümer Bewegung, sondern langsam und etwas ungelenk, um
das im Innern entfachte Feuer niederzuhalten, streckte er seine Hand
aus und sagte mit leisem Beben in der Stimme:
»Konrad, schlag ein! Du hast recht, der Taten bedarf es, denn Worte
sind jetzt nichts anderes als das Bekenntnis der Feigheit. Die zwölfte
Stunde des gewaltigen Dramas ist angebrochen, und wir müssen uns
beeilen, denn niemand vermag den unerbittlich vorwärtsrückenden Zeiger
an der Weltenuhr aufzuhalten. Der Lässigkeit wird die Geschichte unser
Volk einst zeihen, handeln wir und tragen wir dazu bei, daß ihm der
Schimpf der Feigheit erspart bleibe!«
»Max!« schrie Konrad jubelnd auf und seine Augen liefen ihm über, »ich
wußte es, daß Du uns nicht ziehen lassen konntest. Hier meine Hand. Mag
unser Schicksal da droben beschlossen sein, wie es will, wir folgen
unserm Herzen; ob in Nacht oder in Sonnenschein!«