15. Kapitel.

An dem politischen Himmel waren von neuem schwere Gewitterwolken

heraufgezogen. Wie ein donnernder Orkan, der alles vor sich

niederwirft, waren die Wirkungen der kriegerischen Ereignisse des

letzten Jahres über Deutschland gekommen, und nun türmten sich schon

wieder neue Ungewitter auf.

Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so manches blutige

Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in seinen Grundfesten, und wie

vor zwei Jahren machten die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu

dem ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung schwebte in der

Luft: es würde der Entscheidungskampf sein, der Befreiungskrieg der

deutschen Stämme von fremdem, schmachvollem Joch.

Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen französischen Armeen

heran. Wohl waren es nicht die kampferprobten, siegesgewohnten

Kriegsscharen wie bisher; in der Mehrzahl füllten junge Männer die

Reihen, deren Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist

des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes Genie seine

Soldaten blind schworen, und dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen

Stimmung seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden konnten.

In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf und nieder. Einig war

sich das Volk nur in dem Gedanken, daß man von Polen, nach dem der

König angstvoll ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine Minister

harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, während das Volk mit

klopfendem Herzen über die Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz

wieder erwachte und ein erhebendes Schauspiel anhob.

Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung emporzuflackern;

aber das Feuer war matt, man konnte sich kaum die Hände daran wärmen.

Von der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn und Rachedurst,

die in den preußischen Herzen alle Bedenken zum Schweigen brachten,

war in Sachsen nichts zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen

erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden waren. Statt der

Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise und Schmeicheleien vom Kaiser

erfahren. Leider empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons

Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, sich im Herzen

Deutschlands die Sympathien eines Volkes zu sichern, um andere deutsche

Stämme desto ungestörter bekämpfen zu können.

In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, hatte sich Kurfürst

Friedrich August bald darauf Napoleon unterworfen und als Lohn dafür

die Erhebung zum König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem

Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses Werkzeug in der

Hand des Gewaltigen. Er war ihm weniger ergeben aus Dankbarkeit, als

aus Furcht; und mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu.

Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; König und Regierung

aber bewahrten ihre Anhänglichkeit fort. Und als schließlich die

Staatsmänner die Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten,

als sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit Deutschlands

Feinden wider alle deutschen Stämme stand und ihre Verehrung gegen

Napoleon sich in Haß kehrte, da blieb der König allein auf der Seite

seines kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, und die

aufgelöste französische Armee in wilder Flucht durch die Straßen

Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus seinem Schlupfwinkel im Keller

herbeigeholte sächsische König dem russischen General Toll mit bleichem

Gesicht, daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb

verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde zu manövrieren. --

In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout infolge Sprengens der

Elbbrücke unter der Bevölkerung maßlose Erbitterung erregt, und der

Kommandant von Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee

eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung der Festung an

die Franzosen als entehrende Schmach empfand.

Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, da wurde dem König

beim Heranrücken der Russen der Boden seines Landes unter den Füßen

heiß. Er zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf nach

Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett Unterhandlungen pflog,

deren Spitze sich allerdings gegen die Franzosen richtete, und die

er aus Klugheit eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu

verderben. Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, nachdem ihm das

alte Kriegsglück bei Großgörschen wieder gelächelt hatte.

In hellem Zorn entbot er König Friedrich August zu sich. Bei der

Kunde des Sieges Napoleons brach die mühsam behauptete Fassung

des Königs zusammen. Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing

zerknirscht die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die Friedrich

Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten nichts im Vergleich

zu der Erniedrigung, der sich Sachsens König in diesen Tagen

unterwerfen mußte. Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem

dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern vertiefte in

ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor Napoleon.

Einer von den Männern, die die politische Lauheit ihres Volkes von

vornherein ergrimmte, und denen die Scham über das unwürdige Gebahren

von König und Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. Mit

Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung des preußischen Volks

und er konnte eine Anwandlung von Neid nicht unterdrücken, wenn er

diese Begeisterung und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung

der breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn aus

dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den Sachsen durch seine

unerschrockene Erhebung hohe Achtung einflößenden deutschen Stamme,

aus den eingebildeten Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des

Genies, der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte

Franzosenkaiser sich offen als Freund des sächsischen Volkes bekannte

und endlich der gewohnten, alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König,

-- aus all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte in

Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis des wahren Standes der

Dinge heraufkommen.

Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte Männer zu finden.

Bei Max hatte er zuerst angeklopft, obwohl er von früher her dessen

Gesinnung kannte. Es war auch diesmal nicht möglich gewesen, den

Freund für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den Gang der

Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan Konrads, im Stillen

für eine gewaltige Kundgebung gegen die laue Regierung zu arbeiten,

konnte er nimmermehr zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er

mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, daß er jeden

Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen der Regierung gewaltsam

entgegenzutreten, verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines

Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der Staatsregierung

durch dick und dünn geritten war und dem der Wille des Landesherrn

allzeit als oberstes Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die

Unfehlbarkeit der Monarchen glaubte, so war es nach seiner Überzeugung

doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, wenn seine Geschicke

durch die irrige Politik seines Königs drückend wurden, dem Lose

willig fügte, als durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse

herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der

Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die Herrschenden auf Sachsens

Thron zu allen Zeiten den richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem

sie das Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen Kurs

ändern mußten.

Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die vielen Fehler

hingewiesen, die in den letzten Jahren in Dresden gemacht worden waren,

ohne daß es seinen Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen.

Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen er Erhörung hoffte.

Aber auch hier machten seine Worte keinen großen Eindruck. Des Krieges

waren sie alle müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn

sein konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß auf die

Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für solche Sachen hatte man ja

die Regierung. Und wenn diese, die das Elend des Landes sicherlich

genau kannte, nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie

sollte es dann der einzelne Bauer können?

Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. Dort handelte der König

gemeinsam mit seinen Untertanen.

Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen Bauernfaust krachend auf

den Tisch und schwuren, daß sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen

und daß sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger zu

Paaren zu treiben, -- freilich müsse man, fügten sie kleinlaut hinzu,

doch erst abwarten, ob denn der König dies auch so haben wolle.

Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins Gesicht und

versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf warten wollten, nie im

Leben ein Schießeisen in die Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken

des Krieges mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann aber auch

niemals enden.

Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. Sie bangten

vielzusehr um ihre Habe und hätten sich ihr Eigentum eher stückweise

unter den Händen wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem

unersättlichen Angreifer entschlossen entgegenzutreten.

Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, zu denen, die um ihr

tägliches Brot hart arbeiteten. Denn auch diese litten schwer unter

den Kriegszeiten. Er sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des

Volks. Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön es doch

wäre, wenn die Franzosen das Land verließen und nicht wiederkehrten.

Das gefiel ihnen. Zuletzt malte er die Segnungen gedeihlicher

Friedensarbeit aus. Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde,

der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder bessere Zeiten

anbrechen müßten. Da schmunzelten die also Angesprochenen, hielten

den Pflug an, oder machten den krummen Rücken gerade und stellten den

Fuß auf den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht dann

wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie jetzt, und ob das

Besserwerden schon von der nächsten Woche ab losgehe, oder wann sonst.

Wenn die Franzosen gingen. -- Ob die bald gingen? -- Die gehen nicht

von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. -- Staunen! -- Aber

ihr Kaiser, der Napoleon, was mit dem werden solle? -- Der muß mitsamt

seinem Heere fortgejagt werden. -- --

Da wurden die Gesichter lang und länger, und mitleidige Blicke trafen

Konrad. Schade um ihn! Der Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen,

vor dem man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; aber jetzt

war es aus mit ihm. Er hatte immerfort in dicken Büchern gelesen und

sich dabei überstudiert. So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach

geworden und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. Und mit lautem hüh

wurden die Gäule wieder angetrieben, daß der scharfe Zahn des Pfluges

das Erdreich von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte fleißig

weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder einzuholen.

So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, der Gesichtskreis

beider hörte unmittelbar hinter den Abschlußrainen ihrer Wiesen und

Felder auf, und mit hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen

Worten vorbei.

Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er einen Gleichgesinnten

wußte, vielleicht hatte dieser mehr Erfolg. Aber er erlebte eine

Enttäuschung über die andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe

Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu gewinnen.

Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der Erde unter den

belebenden Strahlen der Frühlingssonne, zwischen den bittern Gefühlen

über die Gleichgültigkeit und Stumpfheit seiner Landsleute und dem

die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der Seele des jungen

Mannes langsam der Entschluß, die Sorge für seinen Hof der Mutter

allein zu überlassen und in das preußische Heer als Freiwilliger

einzutreten.

Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald nicht verwirklicht

werden. Konrads Mutter wurde von einer tückischen Krankheit hart

darniedergeworfen und rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und

als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, genas sie sehr

langsam, und Konrad mußte während dieser ganzen Zeit so angestrengt

schaffen, daß er sich nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine

Mutter doch bisher still verrichtet hatte.

Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. Die für Napoleon siegreichen

Schlachten bei Bautzen und Dresden wurden geschlagen und stärkten

seinen Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber wurden die

hervorragendsten Generale des Kaisers von preußischen Armeen besiegt,

so daß die zuversichtliche Stimmung in den Reihen der Franzosen arg

litt, während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer mehr wuchs.

Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen jetzt Nachrichten

über Sympathiekundgebungen für die verbündeten Truppen. In Dresden

wurden die Stimmen, die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen,

und mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß eine ganze

Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige zu den preußischen Fahnen

geeilt sei. Napoleons Zorn wandte sich deshalb gegen diese verhaßte

Stadt. Er legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in

Belagerungszustand.

Für den König aber und seine Minister schien die wachsende Begeisterung

im Lande überhaupt nicht zu bestehen. Mehr den je fand Friedrich August

das Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für sich und

sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand von Entfremdetsein mit

den Ereignissen dieser bedeutungsvollen Tage aber erreichten Sachsens

Regierende um die Mitte des Monats August.

In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der General von Gersdorff

beauftragt, dem Kaiser eine Note zu überreichen, worin der König bat,

die von Napoleon schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung

Sachsens um 500000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den besiegten

Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, daß ein Teil Schlesiens mit

Sprottau und der Festung Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare

Verbindung mit dem Herzogtum Warschau herzustellen. Und selbst dann

war der suggestive Einfluß Napoleons auf den König von Sachsen noch

ebenso gewaltig, als die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm

und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt ausgerufen

wurden und der Jubel der Bevölkerung das düstere Schloß der Wettiner

umtoste.

In den größeren Städten des Landes bekannte man sich jetzt offen für

die Verbündeten, und als in der Nacht zum 23. September der Major von

Bünau mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum zu den

Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen die Franzosen so an, daß

die Wogen der Begeisterung über die Ufer hinausrollten und sich bis

in die kleinsten Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man auf

die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht stehenden

französischen Regimenter und bemerkte mit Freude, daß die Anzahl ihrer

Fahnenflüchtigen wuchs, die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten.

Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er hatte nicht

nachgelassen, für den Eintritt in preußische Dienste Stimmung zu

machen, und seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zuletzt gelungen,

im Dorfe ein paar Gesinnungsverwandte zu finden.

* * * * *

Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer ziemlich still zugegangen,

denn es war ja noch immer Trauer im Hause. Die Ernte war zwar

gut gewesen, aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die

wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend vom Tage von

Großgörschen ab überschwemmt wurde, hatten viel davon aufgezehrt.

Fast den ganzen Hafer hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an

französische Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. Nicht

viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, von dem er in diesem

Jahre so viel besaß, und den Weizen hatte er schon im Frühjahr einem

der herumreisenden Regierungsagenten versprochen, der ihn bei jeder

Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten zweitausend Scheffel

Kartoffeln erinnerte.

Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt worden, auch von den

Franzosen. Später aber gaben diese nur noch Anweisungen auf die

Regierungskasse in Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen

zu befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen

wollten nicht enden, und die französischen Kommissare feilschten um

das Vieh wie die schlimmsten Juden, und man mußte höllisch aufpassen,

daß mit der schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem Stalle

verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr herausgelassen werden. Wenn

man den Rücken wandte, streckten sich sechs Hände zugleich nach der

dürrsten Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken und

begingen dann Ausschreitungen.

Als Max eines Abends in den durch eine Lampe notdürftig erleuchteten,

kleinen Rinderstall trat, kam er gerade zur rechten Zeit, um eine

sich heftig sträubende Magd aus den Armen eines hochgewachsenen

französischen Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der Kerl an

dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln konnte, obwohl es die

ganze Kraft seiner starken Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem

Tone herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne das Mädchen

aus den Armen zu lassen und erzürnt ob der Störung, ihn frech musterte.

Da überkam den jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. Mit

einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den Soldaten mit der Faust

am Rockkragen, riß ihn vom Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze

ein paar mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne Hören und

Sehen verging und warf ihn dann mit solcher Kraft gegen die Stalltür,

daß deren Zapfen sich in der Mauer lösten, und er im Verein mit dem

obendrein zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den

Hof flog.

Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch wortkarger geworden.

Um die Wirtschaft kümmerte sie sich nicht mehr sonderlich viel. Am

liebsten saß sie in der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus

im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und schweigsam den Ort

betrachten, wo Elisabeth als Kind immer gespielt hatte.

Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, den man in hohem Grade

bei edeln Frauen findet, hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der

Mutter ihres Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer

Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, als wenn sie

schon seit Jahren um sie herum wäre. Nichts erschien ihr auffällig

und ohne sich in der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie

voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin von ihrem Gesicht

abzulesen, das freilich nur wenig von dem verriet, was in ihrem Innern

vorging. Das zurückhaltende Benehmen Marias gefiel der Freihoferin.

In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen der jungen

Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken entdeckte sie neben den

herrlichsten weiblichen Tugenden ein Herz voll Liebe, das auch für sie

schlug. Und als eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied

zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst nur flüchtig in der

von vielen blauen Adern durchzogenen geruht hatte, sich festgehalten.

Langsam erhob sich die Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar

Augenblicke mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung

errötenden Mädchens und zog es endlich an die Brust und küßte es

wiederholt. Da öffnete sich die Tür, und unbemerkt von beiden erschien

Max auf der Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie

allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde lang schaute er mit

großen Augen auf die Gruppe, dann verließ er leise wieder das Zimmer.

Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den Leuten getrösteter.

Der herbe Leidenszug war von ihrem Gesicht verschwunden und hatte dem

Ausdruck eines geklärten Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt,

wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden weiß, Raum gegeben.

Nun ging sie auch wieder öfters als in den letzten Wochen über den Hof,

hinüber nach den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht mehr so

sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene Haar, das noch

vor wenigen Jahren tiefschwarz war, lag auf dem Kopfe wie in mattem

Silberglanze leuchtende Seide.

Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der Ernte sein. Die

Vorbereitungen hierzu wurden auf das eifrigste betrieben, als sie ganz

unerwartet jäh unterbrochen werden mußten: Marias Vater erlitt einen

Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. Seine kräftige Natur

raffte sich jedoch bald wieder auf, als der Anfall sich wiederholte und

er ihm erlag. Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert stand

Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm mit väterlicher Liebe und

Güte zugetan gewesen war.

Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem Krankenbette nicht

gewichen, und in den letzten lichten Stunden des Verstorbenen hatten

sich die beiden alten Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach

der Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen besiegelt

worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr die Kinder. Darauf

wandte er sich an die Greisin, die mit ineinandergeschlungenen Händen,

den Kopf auf die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende

griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem keine Worte

Ausdruck geben können, Überwältigte sanft an sich. Da versagte der

Freihoferin die Kraft. Ihre Knie beugten sich, und langsam sank sie

neben dem Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als aber die

tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes Antlitz strich, wehrte

ihr die Greisin, und aus den Händen heraus klang ihre bebende Stimme:

»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, ich, die Dir im Leben

so schweres Herzeleid zugefügt hat.«

Der alte Mann aber sprach mild:

»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge die Erinnerung an sie

recht bald in das graue Meer der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme

alle Schuld, die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was ich

zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht mag aus der

Vereinigung unserer Kinder erwachsen, und auf immerdar sollen unsere

Familien unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, wünsche

ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig gestalten, denn Du hast

ja am meisten gelitten.«

Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie küßte wiederholt und

voll Inbrunst die Hand des Sterbenden.

Herr, mach' uns frei! · 第 18 / 31 题