An dem politischen Himmel waren von neuem schwere Gewitterwolken
heraufgezogen. Wie ein donnernder Orkan, der alles vor sich
niederwirft, waren die Wirkungen der kriegerischen Ereignisse des
letzten Jahres über Deutschland gekommen, und nun türmten sich schon
wieder neue Ungewitter auf.
Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so manches blutige
Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in seinen Grundfesten, und wie
vor zwei Jahren machten die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu
dem ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung schwebte in der
Luft: es würde der Entscheidungskampf sein, der Befreiungskrieg der
deutschen Stämme von fremdem, schmachvollem Joch.
Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen französischen Armeen
heran. Wohl waren es nicht die kampferprobten, siegesgewohnten
Kriegsscharen wie bisher; in der Mehrzahl füllten junge Männer die
Reihen, deren Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist
des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes Genie seine
Soldaten blind schworen, und dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen
Stimmung seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden konnten.
In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf und nieder. Einig war
sich das Volk nur in dem Gedanken, daß man von Polen, nach dem der
König angstvoll ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine Minister
harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, während das Volk mit
klopfendem Herzen über die Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz
wieder erwachte und ein erhebendes Schauspiel anhob.
Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung emporzuflackern;
aber das Feuer war matt, man konnte sich kaum die Hände daran wärmen.
Von der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn und Rachedurst,
die in den preußischen Herzen alle Bedenken zum Schweigen brachten,
war in Sachsen nichts zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen
erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden waren. Statt der
Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise und Schmeicheleien vom Kaiser
erfahren. Leider empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons
Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, sich im Herzen
Deutschlands die Sympathien eines Volkes zu sichern, um andere deutsche
Stämme desto ungestörter bekämpfen zu können.
In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, hatte sich Kurfürst
Friedrich August bald darauf Napoleon unterworfen und als Lohn dafür
die Erhebung zum König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem
Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses Werkzeug in der
Hand des Gewaltigen. Er war ihm weniger ergeben aus Dankbarkeit, als
aus Furcht; und mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu.
Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; König und Regierung
aber bewahrten ihre Anhänglichkeit fort. Und als schließlich die
Staatsmänner die Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten,
als sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit Deutschlands
Feinden wider alle deutschen Stämme stand und ihre Verehrung gegen
Napoleon sich in Haß kehrte, da blieb der König allein auf der Seite
seines kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, und die
aufgelöste französische Armee in wilder Flucht durch die Straßen
Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus seinem Schlupfwinkel im Keller
herbeigeholte sächsische König dem russischen General Toll mit bleichem
Gesicht, daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb
verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde zu manövrieren. --
In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout infolge Sprengens der
Elbbrücke unter der Bevölkerung maßlose Erbitterung erregt, und der
Kommandant von Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee
eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung der Festung an
die Franzosen als entehrende Schmach empfand.
Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, da wurde dem König
beim Heranrücken der Russen der Boden seines Landes unter den Füßen
heiß. Er zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf nach
Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett Unterhandlungen pflog,
deren Spitze sich allerdings gegen die Franzosen richtete, und die
er aus Klugheit eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu
verderben. Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, nachdem ihm das
alte Kriegsglück bei Großgörschen wieder gelächelt hatte.
In hellem Zorn entbot er König Friedrich August zu sich. Bei der
Kunde des Sieges Napoleons brach die mühsam behauptete Fassung
des Königs zusammen. Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing
zerknirscht die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die Friedrich
Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten nichts im Vergleich
zu der Erniedrigung, der sich Sachsens König in diesen Tagen
unterwerfen mußte. Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem
dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern vertiefte in
ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor Napoleon.
Einer von den Männern, die die politische Lauheit ihres Volkes von
vornherein ergrimmte, und denen die Scham über das unwürdige Gebahren
von König und Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. Mit
Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung des preußischen Volks
und er konnte eine Anwandlung von Neid nicht unterdrücken, wenn er
diese Begeisterung und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung
der breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn aus
dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den Sachsen durch seine
unerschrockene Erhebung hohe Achtung einflößenden deutschen Stamme,
aus den eingebildeten Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des
Genies, der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte
Franzosenkaiser sich offen als Freund des sächsischen Volkes bekannte
und endlich der gewohnten, alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König,
-- aus all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte in
Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis des wahren Standes der
Dinge heraufkommen.
Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte Männer zu finden.
Bei Max hatte er zuerst angeklopft, obwohl er von früher her dessen
Gesinnung kannte. Es war auch diesmal nicht möglich gewesen, den
Freund für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den Gang der
Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan Konrads, im Stillen
für eine gewaltige Kundgebung gegen die laue Regierung zu arbeiten,
konnte er nimmermehr zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er
mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, daß er jeden
Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen der Regierung gewaltsam
entgegenzutreten, verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines
Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der Staatsregierung
durch dick und dünn geritten war und dem der Wille des Landesherrn
allzeit als oberstes Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die
Unfehlbarkeit der Monarchen glaubte, so war es nach seiner Überzeugung
doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, wenn seine Geschicke
durch die irrige Politik seines Königs drückend wurden, dem Lose
willig fügte, als durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse
herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der
Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die Herrschenden auf Sachsens
Thron zu allen Zeiten den richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem
sie das Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen Kurs
ändern mußten.
Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die vielen Fehler
hingewiesen, die in den letzten Jahren in Dresden gemacht worden waren,
ohne daß es seinen Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen.
Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen er Erhörung hoffte.
Aber auch hier machten seine Worte keinen großen Eindruck. Des Krieges
waren sie alle müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn
sein konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß auf die
Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für solche Sachen hatte man ja
die Regierung. Und wenn diese, die das Elend des Landes sicherlich
genau kannte, nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie
sollte es dann der einzelne Bauer können?
Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. Dort handelte der König
gemeinsam mit seinen Untertanen.
Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen Bauernfaust krachend auf
den Tisch und schwuren, daß sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen
und daß sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger zu
Paaren zu treiben, -- freilich müsse man, fügten sie kleinlaut hinzu,
doch erst abwarten, ob denn der König dies auch so haben wolle.
Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins Gesicht und
versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf warten wollten, nie im
Leben ein Schießeisen in die Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken
des Krieges mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann aber auch
niemals enden.
Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. Sie bangten
vielzusehr um ihre Habe und hätten sich ihr Eigentum eher stückweise
unter den Händen wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem
unersättlichen Angreifer entschlossen entgegenzutreten.
Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, zu denen, die um ihr
tägliches Brot hart arbeiteten. Denn auch diese litten schwer unter
den Kriegszeiten. Er sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des
Volks. Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön es doch
wäre, wenn die Franzosen das Land verließen und nicht wiederkehrten.
Das gefiel ihnen. Zuletzt malte er die Segnungen gedeihlicher
Friedensarbeit aus. Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde,
der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder bessere Zeiten
anbrechen müßten. Da schmunzelten die also Angesprochenen, hielten
den Pflug an, oder machten den krummen Rücken gerade und stellten den
Fuß auf den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht dann
wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie jetzt, und ob das
Besserwerden schon von der nächsten Woche ab losgehe, oder wann sonst.
Wenn die Franzosen gingen. -- Ob die bald gingen? -- Die gehen nicht
von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. -- Staunen! -- Aber
ihr Kaiser, der Napoleon, was mit dem werden solle? -- Der muß mitsamt
seinem Heere fortgejagt werden. -- --
Da wurden die Gesichter lang und länger, und mitleidige Blicke trafen
Konrad. Schade um ihn! Der Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen,
vor dem man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; aber jetzt
war es aus mit ihm. Er hatte immerfort in dicken Büchern gelesen und
sich dabei überstudiert. So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach
geworden und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. Und mit lautem hüh
wurden die Gäule wieder angetrieben, daß der scharfe Zahn des Pfluges
das Erdreich von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte fleißig
weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder einzuholen.
So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, der Gesichtskreis
beider hörte unmittelbar hinter den Abschlußrainen ihrer Wiesen und
Felder auf, und mit hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen
Worten vorbei.
Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er einen Gleichgesinnten
wußte, vielleicht hatte dieser mehr Erfolg. Aber er erlebte eine
Enttäuschung über die andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe
Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu gewinnen.
Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der Erde unter den
belebenden Strahlen der Frühlingssonne, zwischen den bittern Gefühlen
über die Gleichgültigkeit und Stumpfheit seiner Landsleute und dem
die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der Seele des jungen
Mannes langsam der Entschluß, die Sorge für seinen Hof der Mutter
allein zu überlassen und in das preußische Heer als Freiwilliger
einzutreten.
Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald nicht verwirklicht
werden. Konrads Mutter wurde von einer tückischen Krankheit hart
darniedergeworfen und rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und
als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, genas sie sehr
langsam, und Konrad mußte während dieser ganzen Zeit so angestrengt
schaffen, daß er sich nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine
Mutter doch bisher still verrichtet hatte.
Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. Die für Napoleon siegreichen
Schlachten bei Bautzen und Dresden wurden geschlagen und stärkten
seinen Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber wurden die
hervorragendsten Generale des Kaisers von preußischen Armeen besiegt,
so daß die zuversichtliche Stimmung in den Reihen der Franzosen arg
litt, während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer mehr wuchs.
Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen jetzt Nachrichten
über Sympathiekundgebungen für die verbündeten Truppen. In Dresden
wurden die Stimmen, die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen,
und mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß eine ganze
Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige zu den preußischen Fahnen
geeilt sei. Napoleons Zorn wandte sich deshalb gegen diese verhaßte
Stadt. Er legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in
Belagerungszustand.
Für den König aber und seine Minister schien die wachsende Begeisterung
im Lande überhaupt nicht zu bestehen. Mehr den je fand Friedrich August
das Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für sich und
sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand von Entfremdetsein mit
den Ereignissen dieser bedeutungsvollen Tage aber erreichten Sachsens
Regierende um die Mitte des Monats August.
In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der General von Gersdorff
beauftragt, dem Kaiser eine Note zu überreichen, worin der König bat,
die von Napoleon schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung
Sachsens um 500000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den besiegten
Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, daß ein Teil Schlesiens mit
Sprottau und der Festung Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare
Verbindung mit dem Herzogtum Warschau herzustellen. Und selbst dann
war der suggestive Einfluß Napoleons auf den König von Sachsen noch
ebenso gewaltig, als die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm
und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt ausgerufen
wurden und der Jubel der Bevölkerung das düstere Schloß der Wettiner
umtoste.
In den größeren Städten des Landes bekannte man sich jetzt offen für
die Verbündeten, und als in der Nacht zum 23. September der Major von
Bünau mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum zu den
Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen die Franzosen so an, daß
die Wogen der Begeisterung über die Ufer hinausrollten und sich bis
in die kleinsten Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man auf
die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht stehenden
französischen Regimenter und bemerkte mit Freude, daß die Anzahl ihrer
Fahnenflüchtigen wuchs, die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten.
Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er hatte nicht
nachgelassen, für den Eintritt in preußische Dienste Stimmung zu
machen, und seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zuletzt gelungen,
im Dorfe ein paar Gesinnungsverwandte zu finden.
* * * * *
Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer ziemlich still zugegangen,
denn es war ja noch immer Trauer im Hause. Die Ernte war zwar
gut gewesen, aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die
wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend vom Tage von
Großgörschen ab überschwemmt wurde, hatten viel davon aufgezehrt.
Fast den ganzen Hafer hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an
französische Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. Nicht
viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, von dem er in diesem
Jahre so viel besaß, und den Weizen hatte er schon im Frühjahr einem
der herumreisenden Regierungsagenten versprochen, der ihn bei jeder
Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten zweitausend Scheffel
Kartoffeln erinnerte.
Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt worden, auch von den
Franzosen. Später aber gaben diese nur noch Anweisungen auf die
Regierungskasse in Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen
zu befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen
wollten nicht enden, und die französischen Kommissare feilschten um
das Vieh wie die schlimmsten Juden, und man mußte höllisch aufpassen,
daß mit der schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem Stalle
verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr herausgelassen werden. Wenn
man den Rücken wandte, streckten sich sechs Hände zugleich nach der
dürrsten Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken und
begingen dann Ausschreitungen.
Als Max eines Abends in den durch eine Lampe notdürftig erleuchteten,
kleinen Rinderstall trat, kam er gerade zur rechten Zeit, um eine
sich heftig sträubende Magd aus den Armen eines hochgewachsenen
französischen Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der Kerl an
dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln konnte, obwohl es die
ganze Kraft seiner starken Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem
Tone herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne das Mädchen
aus den Armen zu lassen und erzürnt ob der Störung, ihn frech musterte.
Da überkam den jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. Mit
einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den Soldaten mit der Faust
am Rockkragen, riß ihn vom Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze
ein paar mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne Hören und
Sehen verging und warf ihn dann mit solcher Kraft gegen die Stalltür,
daß deren Zapfen sich in der Mauer lösten, und er im Verein mit dem
obendrein zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den
Hof flog.
Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch wortkarger geworden.
Um die Wirtschaft kümmerte sie sich nicht mehr sonderlich viel. Am
liebsten saß sie in der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus
im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und schweigsam den Ort
betrachten, wo Elisabeth als Kind immer gespielt hatte.
Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, den man in hohem Grade
bei edeln Frauen findet, hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der
Mutter ihres Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer
Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, als wenn sie
schon seit Jahren um sie herum wäre. Nichts erschien ihr auffällig
und ohne sich in der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie
voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin von ihrem Gesicht
abzulesen, das freilich nur wenig von dem verriet, was in ihrem Innern
vorging. Das zurückhaltende Benehmen Marias gefiel der Freihoferin.
In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen der jungen
Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken entdeckte sie neben den
herrlichsten weiblichen Tugenden ein Herz voll Liebe, das auch für sie
schlug. Und als eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied
zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst nur flüchtig in der
von vielen blauen Adern durchzogenen geruht hatte, sich festgehalten.
Langsam erhob sich die Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar
Augenblicke mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung
errötenden Mädchens und zog es endlich an die Brust und küßte es
wiederholt. Da öffnete sich die Tür, und unbemerkt von beiden erschien
Max auf der Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie
allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde lang schaute er mit
großen Augen auf die Gruppe, dann verließ er leise wieder das Zimmer.
Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den Leuten getrösteter.
Der herbe Leidenszug war von ihrem Gesicht verschwunden und hatte dem
Ausdruck eines geklärten Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt,
wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden weiß, Raum gegeben.
Nun ging sie auch wieder öfters als in den letzten Wochen über den Hof,
hinüber nach den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht mehr so
sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene Haar, das noch
vor wenigen Jahren tiefschwarz war, lag auf dem Kopfe wie in mattem
Silberglanze leuchtende Seide.
Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der Ernte sein. Die
Vorbereitungen hierzu wurden auf das eifrigste betrieben, als sie ganz
unerwartet jäh unterbrochen werden mußten: Marias Vater erlitt einen
Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. Seine kräftige Natur
raffte sich jedoch bald wieder auf, als der Anfall sich wiederholte und
er ihm erlag. Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert stand
Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm mit väterlicher Liebe und
Güte zugetan gewesen war.
Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem Krankenbette nicht
gewichen, und in den letzten lichten Stunden des Verstorbenen hatten
sich die beiden alten Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach
der Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen besiegelt
worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr die Kinder. Darauf
wandte er sich an die Greisin, die mit ineinandergeschlungenen Händen,
den Kopf auf die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende
griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem keine Worte
Ausdruck geben können, Überwältigte sanft an sich. Da versagte der
Freihoferin die Kraft. Ihre Knie beugten sich, und langsam sank sie
neben dem Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als aber die
tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes Antlitz strich, wehrte
ihr die Greisin, und aus den Händen heraus klang ihre bebende Stimme:
»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, ich, die Dir im Leben
so schweres Herzeleid zugefügt hat.«
Der alte Mann aber sprach mild:
»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge die Erinnerung an sie
recht bald in das graue Meer der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme
alle Schuld, die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was ich
zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht mag aus der
Vereinigung unserer Kinder erwachsen, und auf immerdar sollen unsere
Familien unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, wünsche
ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig gestalten, denn Du hast
ja am meisten gelitten.«
Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie küßte wiederholt und
voll Inbrunst die Hand des Sterbenden.