14. Kapitel.

Es war eine wunderbare, märchenschöne Maiennacht. Kein Wölkchen stand

am Himmel. Gegen zehn Uhr war der Vollmond heraufgezogen und übergoß

die ganze Landschaft mit seinem milden, weißen Licht. Der Himmel sah

aus wie eine riesige, tiefdunkelblaue Sammetdecke, auf der Myriaden

von Sternen gleich glitzernden Steinen ausgestreut waren. Die Luft

war so klar und durchsichtig, daß die funkelnden Himmelskörper dem

Auge viel näher erschienen, und die Umrisse der Häuser und Bäume waren

scharf zu erkennen. Kein Laut erscholl weithin, der die feierliche

Stille unterbrochen hätte. Nur dort, wo der leichte Windhauch von den

bunten Wiesen her den balsamischen Duft der jungen Gräser und Blumen

hintrug, rauschte es geheimnisvoll in den Bäumen. Leise bewegten sich

die schlanken Zweige der in frischem Weiß leuchtenden Birken, und die

zitternden jungen Blätter lispelten ohne zu ermüden und priesen die

Pracht des in seiner siegenden Schönheit ins Land gezogenen Lenzes.

Auf einem der breitästigen, blühenden Lindenbäume, die rund um den

Brunnen vor der Schenke standen, saß mit feurigen Augen ein Eulenpaar,

das in seiner hohlen, klagenden Sprache glühende Liebesschwüre

austauschte, während der Wind leise die Wipfel bewegte, daß sein

Rauschen wie eine Erzählung klang von all den Menschen, die unter den

Bäumen schon als Kinder gespielt und die sich endlich lebensmüde in

ihrem Schatten ausgeruht hatten.

Rastlos floß unterdessen das Wasser aus der hölzernen Röhre in den

geräumigen Steintrog.

Aus den Wohnungen der Menschen drang kein Laut. Sorge und Kummer

hatten ihre Macht über sie verloren und manchmal lächelte wohl einer

der Schläfer, weil ihm der gütige Traumgott freundliche Bilder vor die

Seele gezaubert hatte.

Frieden ringsum!

Alle Gegenstände waren von dem silbernen Licht des Mondes umflossen.

Ein wunderbares Schweigen lag auf dem friedlichen Dorfe, in das hinein

der Brunnen seine alten, dumpfen Lieder sang. Und über der schlafenden

Erde zogen die Gestirne lautlos ihre unveränderlichen, ewigen Bahnen.

* * * * *

Vom Schloßberg kam eine schlanke Gestalt herab, die um Kopf und

Schultern ein leichtes Tuch gelegt hatte. Ohne zu zögern, lief sie

über die blumigen Wiesen an den blühenden Haselnußbüschen vorbei, bis

sie endlich an dem schmalen Stege angekommen war, der über den Bach in

den Obstgarten des Freihofes führte. Dort blieb sie stehen und lehnte

sich an einen Baum, neben der schwachen Brücke. Das Weib tat ein paar

tiefe Atemzüge, schob das Tuch vom Kopf zurück, daß es auf den Nacken

herunterfiel und strich mit ihrer Hand über die Stirn. Der Mond schien

der Einsamen voll ins Gesicht: es war Maria von Tiefenbach.

Ihre Augen flogen verlangend hinüber über das leise murmelnde Wasser.

Dann schaute sie wieder zurück nach dem Weg, den sie gekommen war

und nach dem Schloß, dessen letzter Turm hoch hinaufragte zu dem

leuchtenden Firmament.

Maria hüllte den Kopf wieder ein und schritt dann vorsichtig über den

Steg, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben betrat.

Kaum aber stand sie unter dem nächsten Baum auf dem jenseitigen Ufer,

als aus dem Schatten des Wohnhauses mit mächtigen Sprüngen Sultan

der Hofhund auf sie zustürzte. Winselnd sprang das treue Tier an dem

Mädchen hinauf, warf sich vor ihr nieder, wälzte sich im Grase und

wiederholte dann seine ausgelassenen Sprünge. Mit wehmütigem Lächeln

kniete Maria ins Gras, streckte die Hand aus, griff in das zottige Fell

des Hundes und zog ihn liebkosend an sich heran, wie sie es so oft

getan, wenn Elisabeth ihn mit aufs Schloß gebracht hatte.

»Du Armer,« sagte sie leise. »Nicht nur den Menschen, auch Dir fehlt

die Tote. Jetzt ist auf dem Hofe wohl keine Hand mehr bereit, Dich

zu streicheln. Ja,« setzte das Mädchen seufzend hinzu, »es weiß noch

keiner richtig, wie viel er verloren hat!«

Dann klopfte sie dem Tier noch einmal den Rücken und ging nach der

hintern Tür des Hauses.

Die örtlichen Verhältnisse des Freihofes waren Maria so bekannt, als

ob sie von Jugend auf hier gewohnt hätte. Hatte sie den Fuß auch noch

nie an diesen Ort gesetzt, so kannte sie doch die Einrichtung des Hofes

aus den tausend kleinen Erzählungen Elisabeths ganz genau, und von dem

Vater wußte das Mädchen, daß man die Tote in ihrer Kammer aufgebahrt

hatte. Maria legte die Hand auf den eisernen Drücker und öffnete

behutsam die Tür, die ohne das geringste Geräusch unter ihrem Drucke

wich.

Eine undurchdringliche Finsternis gähnte ihr entgegen. Durch die offene

Tür warf aber der Mond sein milchweißes Licht und beleuchtete ein

großes Stück Wand nahe dem Eingang. Die Aeste und Blätter der Bäume des

Obstgartens zeichneten sich auf der beschienenen Fläche ab, und wenn

der milde Luftzug die Bäume bewegte, huschten die verworrenen Figuren

durcheinander und wichen vor dem Mädchen zurück, um sich ihm alsbald

wieder zu nähern. Wie eine Unzahl schattenhafter Wesen, die ihr Spiel

mit ihr trieben und versuchten, sie hineinzuziehen, um sie im nächsten

Augenblick wieder über die Schwelle zurückzudrängen.

Da überfiel das tapfere Mädchen eine große Bangigkeit. Und mit

einem Male überkam sie die Bedeutung für den Schritt, den sie zu

tun beabsichtigte. Aber nur eine einzige Sekunde währte dieser

Schwächeanfall. Dann richtete Maria sich auf, machte gegen die

gespenstischen Bilder eine unwillige Bewegung mit der Hand und betrat

vorsichtig den dunkeln Hausflur. Unhörbar lief sie auf den Zehenspitzen

weiter.

Als sie bei der ersten Tür vorbeischritt, sagte sie leise: »Das ist

die Wäschekammer.« Bei der zweiten Tür flüsterte sie: »Hier schläft

die Beschließerin.« Vor der nächsten Tür blieb Maria aufatmend stehen.

Ihr Herz klopfte zum Zerspringen bei der Erwägung, ob es ihr vergönnt

sein würde, von der toten Freundin Abschied zu nehmen, oder ob sie, nur

durch ein dünnes Brett von ihr getrennt, wieder umkehren müsse.

Bebend tastete Maria nach der Klinke und gewahrte zu ihrer unsäglichen

Freude, daß die Tür nicht verschlossen war. Geräuschlos öffnete sie

und glitt in das Zimmer, aus dem ihr ein betäubender Blumenduft

entgegenschlug. Dichte Dunkelheit umfing sie.

Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Finsternis, die ihr, nach der

großen Helligkeit im Freien, anfangs pechschwarz erschienen war. Sie

bemerkte, daß in dem obern Teil der beiden geschlossenen Fensterladen

zwei kleine Löcher in Form von Herzen eingeschnitten waren, durch die

einzelne Mondstrahlen hereinfielen und das Zimmer notdürftig erhellten.

In der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer mit schwarzem Tuch

umkleideten Bahre der offene Sarg, um den herum eine große Menge von

Blumen und Kränzen aufgehäuft war, daß er fast unter ihnen verschwand.

Zu Häupten breitete eine hohe Fächerpalme an weitragenden Stengeln ihre

umfangreichen Blätter aus. Neben ihr standen zahlreiche hochstämmige,

blühende Gewächse, so daß der obere Teil des Sarges von einem

Blütenhain umgeben war.

Das Herz brechend schwer, trat Maria zur Linken der Toten an den Sarg

heran. Ihre Augen durchbohrten mit Anstrengung die dichte Finsternis

und blieben auf dem Antlitz ruhen, dessen Züge, je länger sie darauf

schaute, immer deutlicher hervortraten, bis sie zuletzt das alte, liebe

Gesicht der verstorbenen Freundin genau erkannte. Wie ein schlafendes

Kind ruhte Elisabeth auf den weißen Polstern, bekleidet mit einem

dunkelblauen, mit weißen Kanten besetzten Musselinkleid, das das

Mädchen oftmals getragen, wenn sie wie ein Irrwisch durch die Scheunen

und Ställe des Freihofes flog und das die kindliche Lieblichkeit der

Jungfrau erhöht hatte.

Der Tod hatte auf dem Gesicht keine verheerenden Spuren hinterlassen.

Er war ihr ein willkommener Erlöser gewesen, dem sie mit frohem Lächeln

entgegengesehen hatte. Ein beglückender Gedanke mußte sie im Augenblick

des Scheidens der Seele bewegt haben, von dem ein milder Abglanz auf

dem Gesicht zurückgeblieben war. Heiter, wie sie im Leben gewesen, war

sie hinübergeschlummert. Und neben dem Ausdruck unstillbarer, freudiger

Sehnsucht lagerte ein verklärender Hauch von Frieden auf dem schmalen

Kindergesicht.

Maria sah erschüttert auf die Tote, die ihr im Leben Freundin und

Schwester zugleich gewesen war. Nie konnte ein reineres und treueres

Herz jemals wieder in Liebe so für sie schlagen, wie das der Toten,

das nun stillstand. Elisabeths sonnige Lebensauffassung, die sich

in einer nie versiegenden Fröhlichkeit kundtat, hatte sie, die

Ernste, Sinnende, oft erheitert, wenn ihr Gemüt von düsteren Wolken

umlagert gewesen war. Und die tiefe Liebe und Anhänglichkeit, die die

Freundin ihr entgegengebracht, hatte sie immer als ein Gnadengeschenk

betrachtet, für das sie dem Himmel nicht genug danken konnte. Nun

war es vorbei mit diesem Glück! Der Augenblick war gekommen, dessen

Herannahen sie schon seit geraumer Zeit mit wachsender Angst bemerkt

und vor dem sie gezittert hatte.

Maria ließ den Kopf sinken, und ein Gedanke stieg in diesem Augenblick

in ihrer Seele auf, den niederzukämpfen sie sich vergeblich bemühte und

der sich ihr mit solcher Heftigkeit aufdrängte, daß sie schließlich

mit glutroten Wangen davon abstand, ihn länger zu meistern: noch immer

hatte sich in ihrem Herzen die geheime Hoffnung behauptet, daß eine

so reiche Liebe, wie sie für ihren Vetter empfand, endlich doch über

alle Mühsale triumphieren müsse, und die Stütze ihrer Zuversicht war

Elisabeth gewesen. Darüber freilich, wie das Kind mit seiner schwachen

Kraft und seinem gänzlich mangelnden Einfluß auf die Entschließungen

seiner Mutter sie aus der Wirrnis hinausführen sollte, hatte sie nie

nachgedacht. Sie selbst schalt sich in ruhigen Stunden töricht ob

ihrer Hoffnung, daß in dem Herzen der unerbittlichen Tante jemals

eine Wandlung vor sich gehen könne. Und die scharfe und kalte Absage,

die ihr Max in demselben Augenblick erteilte, in dem die tötliche

Angst, ihn auf immer zu verlieren, den leidenschaftlichen Ausbruch bei

ihr bewirkte, hatte sie belehrt, daß sie die Stimme in ihrem Busen

verstummen lassen müsse.

Alles das hatte sich Maria ja schon oft gesagt, und doch wollte die

Stimme nicht schweigen, sehnte und hoffte ihr gequältes Herz in

Bangigkeit weiter. Jetzt begriff sie mit einem Male, daß, solange

Elisabeth gelebt, sie auch hatte weiterhoffen dürfen, denn die

Freundschaft Elisabeths war das unsichtbare Band gewesen, das sie mit

dem Freihof verknüpft hatte. Jetzt aber versagte dem beredten Mund

in ihrem Innern die Sprache, und eine zermalmende Hoffnungslosigkeit

überkam sie. Max von Tiefenbach war von jetzt ab für sie unabänderlich

verloren!

Und langsam zogen die geheimsten Gedanken des Mädchens an seiner Seele

vorüber. Sie sah sich zärtlich an den Geliebten geschmiegt, ihre Stirn

war an seine Brust gelehnt. Innig hielt er sie umfangen, und mit

unsagbar beglückenden Worten hatte er ihr seine Liebe gestanden und

dann ihren Kopf aufgehoben und ihre Lippen und Augen geküßt. Niemand in

der weiten Umgebung besaß eine so hohe Gestalt, daß er neben Maria von

Tiefenbach sich hätte behaupten können, nur er; und keinen anderen Mann

würde Marias stolzer Sinn jemals den Besitz ihres herrlichen Körpers,

wie die Natur ihr ihn gütig verliehen hatte, einräumen. Die heiligen

Flammen keuscher Mädchenliebe durchloderten ihren Busen im Wachen wie

im Schlummer, -- mit der treuen Freundin aber zugleich begrub man auch

ihre Liebe. -- -- --

Maria von Tiefenbach vergaß in diesem Augenblick ganz den Ort, an dem

sie weilte. Sie kniete neben der Bahre nieder, neigte den Kopf darauf

und weinte zum Herzbrechen. Und so verharrte sie lange Zeit, während

die Tränen reichlich flossen und der wilde Sturm in ihrem Innern an

Heftigkeit langsam nachließ.

Da überkam sie plötzlich der Gedanke, wie unsagbar schwer vor allem

Elisabeths Mutter unter dem Verlust leiden müsse. Und wie der edle

Mensch dann wenn er des Nächsten gewaltigen Schmerz sieht, den eignen

Schmerz unter seinem Mitleid für eine Weile vergißt, empfand auch Maria

tiefes Mitgefühl für die unglückliche Mutter. Ihre Tränen versiegten,

und indem sie sich aufrichtete, die gefalteten Hände erhob und an die

Lippen preßte, betete sie mit bebender Stimme:

»Du Allgütiger, Tröster und Erbarmer! Erbarme Dich auch der Mutter

dieses Kindes, spende ihr reichen Trost in diesem schweren Herzeleid

und laß sie Ruhe und Frieden finden!«

Langsam sanken die Hände herab, und Maria fühlte ihre seelische

Kraft wieder erstarken. Mit der Tröstung, die sie auf das Weib

herabgefleht, das sich ihr so unversöhnlich feindselig gegenüberstellte

und zweifellos die Schuld trug, daß ihr zartes Liebesglück in der

Knospe vernichtet wurde, war auch in ihre Brust Trost eingezogen. Der

herbe Schmerz hatte sich gemildert und war vor dem Mitleid keusch

zurückgewichen.

Ihre Gedanken aber wollten sich nicht von der Freihoferin abwenden.

Immer deutlicher stieg das Bild dieser schwergeprüften Mutter in ihrer

Seele herauf, daß sie meinte, sie vor sich zu sehen. Maria sah im

Geiste ein Paar runzliger Wangen, einen zusammengekniffenen Mund und

fühlte fast den langen Blick aus den tiefliegenden Augen. Sie hatte

die Freihoferin immer nur von fern gesehen, jetzt aber gewahrte sie

zu ihrem Erstaunen, wie tief das Bild der Greisin in ihrer Seele

eingegraben war. Die hohe Stirn wurde von grauem Haar begrenzt, das, in

der Mitte geteilt, in dünnen Strähnen zu den Ohren herablief. Neben dem

herben Ausdruck lagerte auf dem Gesicht gewaltiger Schmerz.

Maria empfand, wie ihre Einbildungskraft aufs höchste erregt war. Sie

fuhr mit der Hand über die Augen um das Trugbild zu verscheuchen. Aber

die Erscheinung wollte nicht weichen, denn noch immer sah sie zwischen

Blüten und Blättern das fahle Gesicht Elisabeths Mutter.

Ihre Augen schmerzten schon, doch konnte sie nicht wegschauen. Den

Atem zurückhaltend, versuchte sie erneut mit den Augen die Dunkelheit

zu durchdringen, während Schweißperlen auf ihre Stirn traten. Da, --

hatte sich das Bild nicht soeben bewegt? Nein, es war nicht möglich,

die hohe Aufregung und der Ort hatten ihre Sinne überreizt. »Großer

Gott -- -- --!« schrie das Mädchen plötzlich auf. Dann erstarben

ihr die Worte auf der Zunge, und sie duckte sich nieder wie in der

Erwartung eines heftigen Schlages. Denn in diesem Augenblick waren

die tödlichen Zweifel geschwunden, -- sie wußte sich der Freihoferin

gegenüber.

Noch einige Sekunden hingen diese vier Augen aneinander, dann

schwankten drüben Blätter und Zweige, bogen sich zurück und schlugen,

während das Gesicht verschwand, wieder zusammen. Geräuschlos rückte ein

Stuhl, und die Freihoferin trat aus der Hecke von Blumen und Gewächsen

hervor. Sie zündete die Kerzen eines auf dem Tische stehenden,

schweren, dreiarmigen Silberleuchters an, wandte sich zur Tür und

deutete mit einer schroffen Bewegung, als wolle sie die Grabesstille

des Raumes nicht unterbrechen, dem noch immer mit den Zeichen des

Schreckens in hilfloser Haltung knieenden Mädchens stumm an, ihr zu

folgen.

* * * * *

Max saß im dunkeln Wohnzimmer wieder wie gestern beim Erscheinen des

Freiherrn in dem mächtigen Armstuhl, dessen hohe, mit gepunztem Leder

überzogene Lehne noch ein Stück über seinen Kopf hinausragte. In dieser

Nacht würde er den Schlaf nicht finden, deshalb suchte er das Lager

nicht erst auf.

In seiner Seele lag eine Welt in Trümmern, und der Himmel, der sich

über ihm wölbte, war bleifarben und hing tief herab. In den letzten

Tagen war er um Jahre älter geworden. Das Schicksal hatte ihm einen

empfindlichen Schlag versetzt. Seinen Nacken zu beugen, war es freilich

nicht im stande gewesen, aber seinen unbändigen Trotz, mit dem er

die entstellte Fratze, die, wohin er auch immer ging, vor seinen

Augen stand, auflachend verscheuchen wollte, hatte er noch nicht

wiedergefunden. Aber gemach! Er wußte, daß er die beschämende Schwäche

in wenigen Tagen würde niedergerungen haben, denn die Tiefenbachs

hatten zu allen Zeiten Stiernacken besessen.

Da hörte er Tritte im Hausgang, die in die tiefe Stille hineinklangen.

Die Mutter wußte er am Sarg der Toten, die sie in der letzten Nacht

nicht verlassen würde. Er erkannte ihren Schritt, der schleppend

näherkam. Aber, horch, was war das? War das nicht der Schall der Tritte

_zweier_ Menschen? Unwillkürlich richtete er sich auf und lauschte.

Da öffnete sich schon die Tür, und heller Kerzenschein drang in das

Zimmer.

Schwerfällig trat die Greisin ein und stellte den Leuchter auf den

großen, runden Tisch. Max aber achtete nicht der wankenden Mutter,

seine Augen waren voll Ueberraschung auf die Tür gerichtet, in der

soeben eine fremde Frauengestalt erschienen war. Eine Sekunde starrte

er atemlos auf die im Halbdunkel stehende Erscheinung auf der Schwelle,

deren Gesicht er nicht zu erkennen vermochte. Da griff plötzlich eine

kalte Hand nach seinem Herzen und preßte es heftig -- er hatte die

Fremde erkannt.

Schon wollte ihn die Überraschung ganz gefangen nehmen, da erhob sich

in seinem Innern ein Sturm, und seine Sinne arbeiteten fieberhaft an

der Deutung dieses Rätsels. Wie ein Blitz fiel die Erleuchtung in

seine Seele: Maria von Tiefenbach hat sich in das Haus gestohlen, um

von ihrer gestorbenen Freundin Abschied zu nehmen. Die am Totenbett

weilende Mutter will in ihrem Haß die edeln Gefühle des Mädchens nicht

gelten lassen und bringt es hierher, damit sie in seiner Gegenwart

Marias Teilnahme schroff zurückweise, um durch verletzende Worte dem

sie beunruhigenden Herannahen der Schloßleute für immer zu begegnen.

Da schlug die heiße Flamme des Unwillens in Maxens Herzen über seine

Mutter jäh auf. Er raste wie im Fieber und erhob sich halb vom Stuhl,

um bei ihren ersten verletzenden Worten aufzuspringen. Noch verließ ihn

die Besinnung nicht, noch war er sich bewußt, daß er sich vor seiner

Mutter befand, die er von Kindesbeinen an so verehrt und geliebt hatte,

wie ein Sohn seine Mutter nur lieben kann und die er noch bis gestern

für unfehlbar gehalten hatte. Auf sein Lebensglück um ihretwillen

verzichten und es zersplittern zu lassen, das vermochte er zu ertragen.

Die aber verletzen, deren Bild er fortan unauslöschbar im Herzen

tragen würde, obwohl sie die Enkelin jenes Mannes war, der seine

Großmutter beschimpfte, diesem hochherzigen Mädchen wehzutun, nein,

beim ewigen Himmel, das durfte sie nicht! Mochte die Scholle erbeben,

auf der ihm die Mutter das Leben gegeben, wenn er sich jetzt gegen

sie wandte, mochte das Dach des väterlichen Hauses niederstürzend ihn

begraben und die Menschen einst mit Entsetzen im weiten Bogen das Grab

meiden, das die Unnatur barg, die gegen den Schoß raste, der sie gebar.

Er würde trotzen! Zusehen aber, und müßig dabei bleiben, wenn Maria von

Tiefenbach von der Mutter gedemütigt wurde, das konnte er nicht! Alle

Sinne aufs äußerste angespannt, starrte Max auf seine Mutter.

Das Mädchen war in der Tür in vornübergeneigter Haltung stehen

geblieben, während die Freihoferin an das nach dem Garten hinausgehende

Fenster getreten war und sich müde zurücklehnte. Kein Laut kündigte

an, daß sich in diesem Zimmer drei Menschen befanden, deren Herzen zum

Zerspringen schlugen.

Ein paar Sekunden atemraubender Stille verstrichen, dann machte die

Freihoferin eine Bewegung, als wenn sie die letzte Kraft zusammenraffe

und begann zu sprechen. Ihre Stimme klang nicht so voll wie sonst, aber

ruhig und eisig:

»Baronesse! Um des traurigen Ereignisses willen, das zu ertragen uns

eine höhere Fügung auferlegt hat, kann ich Ihnen nicht zürnen, wenn

Sie Ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzten, das Ihnen sonst

verschlossen bleiben muß. Sie haben sie gekannt, meine -- verstorbene

Tochter -- --«

Bei den letzten Worten war die Stimme rauh geworden und brach

plötzlich ab. Der Körper der Sprechenden war wieder gegen das Fenster

zurückgesunken, ihre Augenlider waren halb herabgefallen. Sie versuchte

und versuchte wieder weiterzusprechen, -- umsonst. Ein heftiges Zittern

überlief die hohe Gestalt der Greisin, und der zum Sprechen geöffnete

Mund schloß sich und blieb stumm.

O, ihr rätselvollen, unergründlichen Tiefen des Frauenherzens!

Eine kurze Weile tödlichen Schweigens verstrich, währenddessen ein

erbitterter Kampf, der Abschluß einer siebzigjährigen, unaufhörlich

genährten Feindschaft, blitzschnell entschieden wurde. Und dann

klang es, demütig bittend, von den zuckenden Lippen der Tochter des

beschimpften Weibes:

»Maria, willst Du mir eine liebende Tochter, meinem Sohn eine treue

Gattin sein?«

Wenn die Natur sich in wildem Aufruhr befindet, und die sonst friedlich

schlummernden Elemente entfesselt sind, wenn von dem dräuenden Himmel

Wolkenbäche herniederstürzen, in den zusammengeballten, schwarzen

Luftgebilden Blitze mit rasender Aufeinanderfolge aufzucken, denen das

Krachen der Donner hinterhergrollt und der Orkan heulend durch die

Gassen peitscht, dann ereignet es sich zuweilen, daß einem letzten, den

Himmel in zwei unermeßliche Hälften zerreißenden Aufleuchten und einem

gräßlichen Donnerschlage tiefe Ruhe folgt.

Also geschah es in der großen Wohnstube mit dem schweren,

altväterischen Hausrat auf dem Freihofe. Der ungeheure Sturm war wie

durch einen Zauberspruch gebändigt, und tiefe Stille war ihm gefolgt.

Während die Greisin bis an die Wand am Fenster zurückgesunken war,

war das Mädchen von der Tür aus mit ein paar heftigen Schritten zu dem

Tisch geeilt und starrte, mit beiden Armen sich schwer aufstützend,

unverwandt auf das Weib am Fenster.

Max, der zum Aufspringen bereit gesessen hatte, war in den Stuhl

hineingesunken, daß der große Körper in dem schwerfälligen Möbel

aussah wie der eines Kindes. Er war nicht im stande klar zu denken;

hundert Begriffe drangen von allen Seiten und zu gleicher Zeit auf ihn

ein, jagten wie das wilde Heer in sinnverwirrender Geschwindigkeit an

seinem geistigen Auge vorüber und tanzten dann in tollem Wirbel um ihn

herum, bis sie ihn endlich in eine ungeheure Tiefe mit hinabrissen.

Das Vermögen, zu beurteilen wo er sich befand, verließ ihn, und die

Erinnerung an das soeben Erlebte verblich. Ein Zustand höchster

geistiger Abspannung nach all den wilden Stürmen in den letzten

Tagen war über ihn gekommen, der so gewaltig war, daß selbst Max von

Tiefenbachs Kraft ihm nicht widerstehen konnte. Wie wenn ein schwer

getroffener Stier röchelnd zusammenbricht, wenn der Wirbelsturm in

einem einzigen Augenblick einen mannsdicken Eichbaum knickt, daß er

krachend zu Boden stürzt, so hilflos brach Maxens Widerstand zusammen.

Seine Blicke irrten im Zimmer umher, glitten verständnislos von einem

zum andern, ohne den beklommenen Eindruck der Seele zu vermitteln. Sein

Hirn war wie ausgeblasen. Er hatte das verschwommene Empfinden, als

wenn sich etwas Ungeheuerliches zugetragen hätte und bemühte sich mit

aller Kraft, seine Sinne wieder in die Gewalt zu bekommen. Vergebens,

die Seele sagte ihm in diesem Augenblick den Gehorsam auf und ließ ihm

nur das Erkennen seiner Ohnmacht.

Mit riesengroßer Willenskraft riß er das Wenige, das ihm geblieben, an

sich und war bemüht, wie ein Kind das Nächstliegende zu überdenken.

Dies war seine Hand; worauf sie lag, die Armlehne eines Stuhles, das

ein Knopf seines Rockes. Dann versuchte er darüber nachzuforschen,

was sich hier zugetragen hatte. Er strengte seinen Geist mit

übermenschlicher Kraft an, daß er einen heftig bohrenden Schmerz im

Gehirn empfand, der ihm den Schädel zersprengen wollte. Worte waren

gesprochen worden. Von wem, worüber? Vergebens versuchte er gegen die

Schwäche anzukämpfen, die wie ein granitner Felsen vor ihm lagerte, an

dem sein Willen zersplitterte wie ein Knabensäbel.

Plötzlich horchte er auf. Vom Fenster her drangen schwach Worte an sein

Ohr:

»Aber warum küßt Ihr Euch nicht, meine Kinder?«

Wer war das, der da so sprach? Wer hatte das gesprochen? War das nicht

die Stimme der Mutter? Seiner _Mutter_? Nein! vom Küssen ging die Rede,

und seine Mutter sprach nie vom Küssen! Aber vorhin war die Mutter doch

in der Stube gewesen und hatte gesprochen. Und wie sie geendet, hatte

es sich wie eine schwarze Binde auf seine Augen gelegt, und der Kopf

hatte ihm geschmerzt wie infolge eines heftigen Sturzes. War nicht noch

jemand hier gewesen? Ja, die Mutter war mit dem brennenden Leuchter

eingetreten und hinter ihr hatte er in dem ungewissen Halbdunkel noch

einen Menschen gesehen, -- ein Weib. Wer aber war dieses Weib?

Und abermals versuchte Max mit aller Kraft seine Gedanken zu zwingen,

ihm wieder dienstbar zu sein.

Da tönte wiederum die Stimme von vorhin, und jetzt erkannte er sie

untrüglich als die seiner Mutter. Aber weich klang sie, wie der Sohn

sie noch nie gehört hatte:

»Als ich jung war, küßte man sich in solchen Augenblicken!«

Und wie das Sonnenlicht durch dunkles Gewölk bricht, ebenso siegreich

stieg bei diesen Worten die Erinnerung an das in den letzten Minuten

Vorgefallene in Max herauf.

Blitzschnell und mit bewunderungswürdiger Schärfe arbeitete jetzt

Maxens Hirn und gab ihm die Deutung dessen, was ihm soeben noch als

Rätsel erschienen war.

Er knüpfte wieder dort an, wo ihn vorhin das klare Denkvermögen

verlassen hatte: Maria war unbemerkt in das Haus gekommen, um an

Elisabeths Sarge noch einmal zu beten, und von dort hatte die Mutter

das Mädchen mit hierhergebracht.

Max kämpfte mit der Erschütterung, die der überraschende Wandel der

Gesinnung seiner Mutter auf ihn ausgeübt hatte. Aber er kannte seine

Mutter nur zu gut, daß ihm jetzt die Beweggründe für ihr Tun nicht bis

zur Ueberzeugung hätten verständlich sein müssen: der erzene Panzer

um ihr Herz war zersprungen. Sie war entschlossen, die Schuld für die

Nichteinlösung des ihrem sterbenden Vater gegebenen Wortes auf sich

zu nehmen und über den Haß, den sie seither im Busen wachgehalten und

genährt, triumphierte die Liebe. Eingedenk des Versprechens und mit dem

halsstarrigen Trotze, der ein geistiges Familiengut der Tiefenbachs

war, und den die bäuerliche Linie noch weit stärker besaß als die auf

dem Schlosse, hatte sie sich den Haß gegen die Verwandten zu einem

Stück ihrer Lebensaufgabe gemacht. Und, ach, wie seltsam! Wie doch die

Leidenschaften, die sich fliehen müßten, dicht beieinander wohnen;

denn mit der Stärke zu hassen, hatte die Vorsehung diesem Weibe auch

das unstillbare Verlangen Liebe zu geben und zu empfangen in die Seele

gepflanzt. Wie oft mußte ihr das Hassen schwer geworden sein, wenn sie

sah, wie das Kind, an dessen Besitz ihr Herz mit allen Fasern geknüpft

war, ein Stück seiner Liebe den Gehaßten schenkte.

Es war Max offenbar, daß die Liebe _eines_ Kindes seiner Mutter

nicht genug war. Wem unter einem rauhen Aeußern ein von Liebe so

überquellendes Herz schlägt, der darf sich füglich darnach sehnen,

mit mehr als einem Teuern auf das Innigste verbunden zu sein. Deshalb

bat sie jetzt das Mädchen, an dem die Verstorbene mit ganzer Seele

gehangen, die leergewordene Stelle in ihrem Herzen einzunehmen und

die Liebe, die sie für die Tochter empfunden hatte, fortan ihr, der

Mutter zu schenken. -- Oder sollte seine Zuneigung zu Maria auf die

Mutter eingewirkt haben? Nein, das war es nicht, denn seine Liebe war

ja sein tiefes Geheimnis gewesen, von dem die Mutter nichts hatte ahnen

können -- --

Das Glück, das in dem Augenblick, wo Max verzweifelnd alles verloren

wähnte, ihm zuteil ward, war so riesengroß, daß ihm schwindelte und

er unwillkürlich die Hand auf die Augen legte. Da hörte er einen

fliegenden Atem an seiner Seite, so nahe, daß der warme Hauch seine

Stirn streifte. Und wie er aufschaute, blickte er in das von Angst

entstellte Gesicht seiner Mutter, die ihn mit weitaufgerissenen Augen

flehend ansah. Es war die brustzuschnürende tödliche Angst, daß in

dem Augenblick, in dem der Himmel ihr Herz weich werden ließ und sie

geglaubt hatte, das Leben der von der Toten geliebten Freundin an sich

ketten zu können, diese Hoffnung in Scherben gehe. Denn sie hatte

gewähnt, Max liebe Maria, -- und nun -- --?

Und zum drittenmale hörte der regungslos im Stuhle Sitzende die Stimme.

Diesmal klang sie gepreßt und die Worte waren abgerissen:

»Max, Dein Vater küßte mich, als wir uns verlobten!«

Da überfiel den Sohn ein unendliches Mitgefühl und er griff mit beiden

Händen nach seiner Mutter, um sie an sich zu ziehen. Die aber wich

zurück und wandte den Blick nach der Gestalt am Tische in der Mitte des

Zimmers.

Max folgte ihrem Blick und gewahrte das in all seinem überwältigenden,

mit Schmerz und Überraschung vermischtem Glück von ihm vergessene

Mädchen, das, die Augen zu Boden geschlagen, dem Umsinken nahe vor ihm

stand. Eine Sekunde lang herrschte noch Schweigen in der Stube. Nur

der Holzwurm tickte in dem hohen Eichengetäfel an den Wänden, und die

flackernden Flammen der Kerzen warfen wunderlich geformte Schatten

darauf, die geisterhaft hin- und herhuschten. Dann wurde die Stille

plötzlich unterbrochen. Max erhob sich lärmend aus dem Stuhl, ging mit

den polternden Schritten eines Trunkenen zum Tisch und schlug die Arme

um die Schultern des bebenden Mädchens.

Einen langen Blick warf die Freihoferin noch auf die beiden Menschen,

-- dann verließ sie geräuschlos das Zimmer -- --

Freut Euch, Ihr guten Geister, die Ihr auf dem Freihof und auf dem

Weißen Schlosse allnächtlich Euer Wesen treibt! Kommt hervor aus den

dunkeln Winkeln und Ecken, steigt herab von den Dachbalken und tretet

heraus aus den Verstecken, in denen Ihr Euch am Tage verborgen haltet.

Lärmt heut ausgelassener denn je und treibt Euern närrischen Spuk in

dieser Nacht lustiger wie zuvor. Die gute Tote würde es Euch danken,

wenn Ihr so tätet, und läge sie nicht in ihrem hölzernen Schrein, dann

käme sie heute gewiß zu Euch, um im lustigen Spiel mit herumzutollen.

Und in dem großen Saale auf dem Weißen Schlosse, durch dessen hohe

Bogenfenster das Mondlicht glänzte, regten sich mit einem Male die

Bilder in ihren goldenen Rahmen. Die alten Herren des Tiefenbachschen

Geschlechts in blitzenden Rüstungen, mit Arm- und Beinschienen, den

eisernen Helm mit hochgeschlagenem Visier auf dem Haupt und zur Seite

den klirrenden Pallasch, oder in sammeten Wämsern mit geschlitzten und

rot ausgefütterten Ärmeln, mit steifem, breitem Halskragen und eckigem

Barett angetan, oder mit goldstrotzenden Staatsgewändern bekleidet,

dazu den federgeschmückten Hut und an der Seite den leichten Degen,

-- die Damen in geschürzten und bauschigen Gewändern von bunter Seide

und mit Courschleppen versehen, etliche mit dem Reifrock, geschmückt

mit schweren, goldenen Ketten, die gepuderten Gesichter mit dem roten

Tupf auf den Wangen unter der hochtoupierten Coiffure in wunderlichsten

Formen, oder eingerahmt von der Dormeuse, -- sie alle bekamen Leben

und stiegen herab auf das spiegelblanke Parkett.

Die Herren machten tiefe Verbeugungen zur Begrüßung, die die alten

Damen mit gnädigem Kopfneigen, die jungen aber mit holdem Erröten und

zierlichem Knixe erwiderten, worauf sie einander in fröhlicher Erregung

stumm die Hände schüttelten. Alle aber trugen einen freudigen Zug auf

den sonst so starren Gesichtern.

Auf den Gängen und Treppen des Wohnhauses im Freihofe aber begann

ein Summen und Zischeln, ein Wispern und Flüstern; es trippelte und

huschte treppauf, treppab, und des Kicherns und Ausgelassenseins war

kein Ende. Die Kecksten der Hausgeisterchen eilten auf den Zehenspitzen

zu der Tür der Wohnstube. Einer kletterte auf die Schultern eines

andern und guckte voll Eifer durch das Schlüsselloch. Und wie er den

Neugierigen herunterrief was er sah, hob das kaum verstummte Kichern

von neuem an. Sie klatschten in übermütiger Laune in die Hände, und die

Ausgelassensten schossen Purzelbäume.

Auf dem mit rosigen Blüten übersäten Apfelbaume dicht unter den

Fenstern der Wohnstube jauchzte und schluchzte eine Nachtigall -- -- --

Und während die beiden Liebenden einander fest umschlungen hielten und

sich unter Tränen und glückseligem Lächeln die süßesten Schmeichelworte

zuflüsterten, saß eine alte, verhärmte Mutter zusammengesunken am

Totenlager ihres Lieblingskindes, die wildhämmernde Stirn auf die

harte Kante des Sarges gepreßt, die brennenden Augen weit geöffnet, --

tränenlos. Und sie stammelte mit erstickter Stimme:

»Hab ich’s so recht gemacht, -- mein Sonnenschein?«

Herr, mach' uns frei! · 第 17 / 31 题