Es war am späten Nachmittag, als vom untern Eingang her auf
schaumbedecktem Pferde ein Reiter die Dorfgasse hinaufsprengte, ein
junger Bursche von etwa achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt
hinter sich haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig
und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte der Reiter
die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war wie ausgestorben, da alles
draußen auf den Feldern zu tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den
Häusern zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden Hufschlag
aufgescheucht und sprangen an die Fenster, um nach dem vorbeistürmenden
Reiter zu sehen.
Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen war, sah er drüben
von der Anhöhe einen Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen.
Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme hinüber:
»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?«
»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, »dort oben, wo Ihr die
beiden großen, mit Ziegeln bedeckten Scheunen seht.«
Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung und trabte weiter. Wie
er nahe an den Hof herangekommen war, sah er vor dem Hoftor auf der
Straße einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der Reiter trieb sein
Pferd heran und blieb vor jenem halten.
Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er:
»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?«
Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an und antwortete:
»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.«
Da flog ein Zug der Befriedigung über das glühende Gesicht des
Burschen. Eilends riß er das Wams auf, griff hinein und zog ein
zusammengefaltetes Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte.
»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben hat sagte, es gelte,
einer Sterbenden noch etwas Liebes zu erweisen, und daraufhin bin ich
geritten, als wenn ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen
müsse.«
Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander und las seinen
Inhalt. Und während er las, preßte er die Lippen so heftig aufeinander,
daß sie weiß wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem Schreiben
herab, während er den Blick zu Boden richtete.
Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem Brüten:
»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach er, »sie enthält die
ganze Barschaft meines Auftraggebers, und hier ist seine goldene
Repetieruhr. Sonst hat er mir nichts aufgetragen.«
Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete:
»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern Ritt, denn auf diesem
Gaule werdet Ihr wohl kaum wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab
und laßt Euch zu essen geben.«
Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den Rücken und ging eilends nach
dem Wohnhause. Der Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig
erschöpfte Tier und zog es langsam auf den Hof.
* * * * *
In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen Sonnenstrahlen des
scheidenden Tages in Elisabeths Zimmer und erfüllten es mit goldenem
Glanze. Die Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr
sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den Ausdruck schweren
Leidens und war eingerahmt von dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen
sprach ein Wort.
Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer. Mit leisen Schritten
näherte er sich dem Bett und berührte mit der Hand schmeichelnd die
Wange des Mädchens.
»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,« sagte er und hob die
Hand mit dem Papier hoch auf.
Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher Spannung das Gesicht
des Bruders. Dann überlief ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte:
»Max, lieber Max, wäre es möglich?«
Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden wenigen Zeilen:
Meine inniggeliebte, süße Braut!
Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein warmes
Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß es mit mir
rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen Minuten, die ich
noch zu leben habe, um Dir, Du Gute, meine letzten Grüße zu
sagen. -- Als ich nach Leipzig kam, packte auch mich die
Begeisterung, die in dieser Stadt herrscht. Ich wandte der
schwankenden sächsischen Sache den Rücken und verband mich den
schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers Leitung
um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem ich schon kleine
Verletzungen erlitten hatte, wurde mir zuletzt die linke
Schulter und Brust von einem französischen Säbel zerhauen.
Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke ihm dafür! Es wäre ein
freudenloses Leben gewesen --! Mein letzter Herzschlag gehört
Dir, Du inniggeliebtes Mädchen. Schon überkommt mich eine
unwiderstehliche Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich
einschlafen. Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich
macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln kann. Einen innigen
Kuß drücke ich auf die Blumen, die ich Dir sende. Auf baldiges
Wiedersehen, mein süßes Lieb, -- -- über den Sternen!
Dein bis in den Tod getreuer
Bernhard von Friesen.
Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. Schneller als
sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie mit dem Geliebten im Tode
vereinigt sein. Ihre Augen suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht
in diesem Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. Dann
richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter und den Bruder,
ergriff die Hände ihrer Lieben und sprach:
»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das Sterben so schön sei!«
Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem Flügelschlage der
Todesengel über dem Freihof seine Kreise zu ziehen -- -- --
Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen Elisabeth mit
geschlossenen Augen ruhte. Die dem Briefe beigelegenen, an einem
Stengel vereinigten zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas
neben dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen und tauschte
wortlos einen langen Blick mit der Mutter. Dann fühlte diese, wie die
heiße, kleine Hand sich auf die ihrige legte und sie sanft an sich zog.
»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die Kranke leise, »ich
fühle, daß meine Zeit gekommen ist. Aber ich muß, bevor ich von Dir
scheide, Dir ein Geheimnis anvertrauen, das mich tief traurig gemacht
hat, das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit seliger Lust
erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine Cousine, und Max lieben einander.«
Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in der Kirche und schloß:
»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte ausrief, daß Max ihre
Liebe besitze, blieb mein Bruder anfangs stumm, dann wurde er rauh
zu ihr. Aber ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in der
meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten Kindes. Ach, Mutter,
wenn die beiden glücklich werden könnten -- --«
Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur Seite der Kranken. Ihr
welkes Gesicht zeigte deutlich die Spuren der großen Anstrengungen der
letzten Wochen. In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus.
Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und Kind, das seine Augen
ängstlich forschend auf das starre Antlitz der Mutter gerichtet hatte.
Aber nur einen Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog die
Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten und sie bat:
»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.«
Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre Hand so heftig
zitterte, daß sie einige Male an dem Glase vorbeitastete und reichte
dem Kinde wortlos die gelben Frühlingszeichen.
Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen an die Lippen und bald
ließen die regelmäßigen Atemzüge erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne
umfangen hatte.
Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und setzte sich neben seine
Mutter. Die Dämmerung brach herein, die Abendschatten sanken herab, und
langsam zog der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das Bett
und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen eine welke Blume lag.
Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete der helle Ton
von der Kirche her die Mitternachtstunde.
Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager der Schlafenden weilten,
unterbrach die hehre Stille, die in dem Raume herrschte. Stumm saßen
sie nebeneinander und schauten voll Andacht in das friedliche
Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen Pfad weiter
gewandelt, und undurchdringliche Finsternis erfüllte das Zimmer.
Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer leise herauf, als Max
unter der leichten Berührung von der Hand seiner Mutter aufschreckte.
»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin mit heiserer Stimme.
Darauf knieten sie an dem Bette nieder und sprachen in lautem Gebet
einander Mut und Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu
Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die lebensmüde Seele
empfing und hinaufgeleitete zu dem Lande der gestillten Sehnsucht und
des Friedens.
* * * * *
Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths Tode das Dorf
durcheilt. Doch setzte noch niemand seinen Fuß auf den Freihof, in
der Besorgnis, daß seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein
schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben erstorben, so
geräuschlos vollzog sich das notwendige Werk, das verrichtet werden
mußte. Max bekam keiner zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die,
wie er deutlich empfand, furchtbar litt.
So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein Wort sprechend, nur die
Gegenwart des andern als Trost empfindend.
Da klangen schwere Männertritte draußen im Hausflur. Gleich darauf tat
sich die Tür auf, und ein Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin
und Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine Erscheinung
nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen, schlanken Wuchse und der
leichtgebeugten Haltung, der noch immer auf der Schwelle stand und
dessen dunkles Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der
Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold von Tiefenbach. Als
er eine Weile unverwandt auf Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die
Tür hinter sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die mit dem
Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt und sah mit hartem
Ausdruck vor sich hin. Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb
dicht vor der Greisin stehen.
Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann sagte der Angekommene
in bittendem Tone:
»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach verlangt, von der
Gestorbenen Abschied zu nehmen? Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen.
Auch an mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine blutige
Wunde geschlagen.«
Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf eine Antwort warte.
Dann fuhr er fort:
»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten willen, die meine Worte
unterstützen würde, dürfte sie noch unter uns weilen. Ich stehe als
Bittender vor Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen.
Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück von diesem
Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. Der tiefe Schmerz schlingt um
uns ein unzerreißbares Band und bringt unsere Herzen näher aneinander.
Und so bitte ich Dich denn, Base, -- -- gib Frieden! Laß Ruhe einziehen
in meine alte Brust und in Dein gequältes, tief erschüttertes Herz.
Laß uns nicht richten über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft
längst abgelegt und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre auch
Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der Irdischkeit gemeint
hat, umweht uns in diesem Augenblick und mahnt eindringlich, jeder
Schuld bloß zu sein, wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm
denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die Du so lange
zurückgestoßen und laß uns Versöhnung feiern an der Leiche Deines
Kindes!«
Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. Seine Augen hingen an
dem schmerzerfüllten Antlitz des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung
angehört hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine Mutter.
Konnte sie diesen Worten noch Widerstand entgegensetzen, den Worten,
die alle Feindschaft in seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach
Versöhnung jäh heraufkommen ließen?
Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte noch immer
unverwandt zu Boden.
Da wurde der alte Freiherr weich.
»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich Dein Kind oft
getragen. Es nannte mich Vater und erzählte viele Male mit glänzenden
Augen von seiner Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und
doch ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke Du könntest
mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine Wohnung inmitten der Seligen
errichten. Gib Frieden, Constanze!«
Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, als könnte die Mutter
nicht eine Sekunde länger zögern. Ihre schwere seelische Erschütterung
war offenbar, und die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und
Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses hinreißend.
Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem Munde
hartnäckig vor sich nieder.
Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und sprach:
»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich weiß es; mit allen
Fasern hingst Du an seinem schwachen Leben. Denke, es wäre ein geheimer
Wunsch Elisabeths gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So
lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen,
denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, würde das Kind daran gehindert
haben. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den
irdischen Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann darf
er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht ist die teure
Tote noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, die Mutter zu bitten, den
unseligen Zwist ihr mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr
die Kraft, die Bitte auszusprechen -- --«
Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. Er bemerkte, wie ihr
Körper schwankte, und eine innere Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt
der Augenblick gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen
mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den Füßen seiner Mutter
niederzuwerfen und ausrufen: »Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir
und uns allen Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die Wandlung in
ihrem Innern mußte von anderen bewirkt werden. Die Bitten des Sohnes
hätten ihren Widerstand nur wiederaufrichten und stärken können. Der
junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich halten, damit er
dem Freiherrn nicht zurief, daß er seine Bitten wiederholen und Worte
finden möge, deren Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen
erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit müßten es sein,
denn nur diese Eigenschaften waren geeignet seine Mutter zu rühren.
Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der gewiß noch nie so wie jetzt
zu einem Weibe gesprochen hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten.
Sein Gesicht verfinsterte sich, und die Stimme zitterte leise vor
bezwungenem Unmut als er wieder begann:
»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht _mehr_? Willst du mich
wie einen Schulbuben vor Dir demütigen?«
Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. Das Weib saß
vornübergesunken und wie leblos im Stuhle.
Max wartete noch mit angstvoller Spannung auf Worte seines Onkels,
so wie er sie vorhin gesprochen hatte. Da klang es von dessen Munde
schneidend und streng:
»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer anderer Menschen
wenigstens einen kleinen Raum in Deinem Herzen. Nun aber weiß ich,
daß deine Brust von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die
Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. Von Menschen wird
Dein Handeln nicht mehr gerichtet werden, aber sieh zu, daß Dir die
Worte nicht fehlen, wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen
Gottes Dein Tun verteidigen mußt!«
Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max sah, daß seine Mutter,
als der schneidende Klang ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen
Haltung aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, wie
sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren eisernen Willen
entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, die Mutter umzustimmen, für
immer dahin. So weich wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie
gesehen.
Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab und trat zu ihm hin.
»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen Ton in seiner Stimme zu
mildern, »willst Du nicht wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser
Stunde eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs betreten
können? Wollen _wir_ Freunde werden?«
Die Blicke des jungen Mannes hatten während dieser Worte auf seiner
Mutter geruht und tiefes Mitleid erfüllte ihn, als er daran dachte,
welchen Schmerz er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand
annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im Leben stünde.
Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den jungen Neffen nieder, bis
sich ihre Augen begegneten. Da schlug Max den Blick zu Boden und warf
gleichzeitig den Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen
die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr.
Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und ging, ohne noch einen
einzigen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer. Max hörte, wie er seine
Schritte nach Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten durch
den hintern Ausgang das Haus verließ.
Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu sprechen, beisammen. Max
empfand dieses Schweigen wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter
dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein paar freundliche
Worte zu ihm gesprochen hätte, deren er so sehr bedurfte. Statt dessen
erhob sich endlich die Mutter und ging mit langsamen Schritten nach
der Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust.
Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, als wenn sie zu dem Sohne
kommen wolle. Aber nur einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann
ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der Stube zurück.
Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung über den jungen
Mann, und er fühlte sich von der Mutter und allen verlassen. In
demselben Augenblick, wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter
für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite empfangenen
Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von ihm. Noch nie war ihm so
schwer ums Herz gewesen, und gerade jetzt stand er allein.
Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! Der unselige Zwist
zwischen den nahen Verwandten, der über dem Freihof wie eine
drückende, schwarze Wolke hing, in allen seinen Räumen gespenstisch
schwebte und in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude
hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am Schicksalswege
der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, sollte aber nicht von ihnen
weichen. Den edeln Mann, der sich dem Hause als Freund angeboten,
hatte das Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, und
mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! Ja, heraus damit aus
dem gequälten Herzen; jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß
die Gluten der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes
aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was ihn nur daran
verhindert, vor dem herrlichen Mädchen damals in der Kirche, als ihre
Seele verzweifelnd ihr tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien
und ihr seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt.
Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, seine
Leidenschaft im Herzen zu verschließen, als die Liebe und Ehrfurcht
zu seiner Mutter. Damals fühlte er noch, mit welch starken Banden,
die er unzerreißbar wähnte, er mit seiner Mutter verbunden war. Der
wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu reißen, hätte er mit Hohn
gespottet. Jetzt aber, wenige Monate später, war es so ganz anders:
der mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die wild auf
ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein mit sich fortrissen und
hinaustrieben auf das Meer des Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war
geborsten.
So sollte also der alte Groll auch fernerhin auf ihm lasten! Der
edle Freund war für die Freihofer auf immer verloren, und sein
verheißungsvoll aufleuchtendes Glück war in Scherben gegangen, -- wohl,
das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte, war also
geblieben, das aber, was ihm hold und besitzenswert erschien, hatte ihn
verlassen. Und jetzt verließ auch sie noch ihn -- seine Mutter?
Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den Tisch, barg das Gesicht
in ihnen und schluchzte wie ein Kind.
* * * * *
Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam den Weg zum Schloß
hinaufgegangen.
Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor wieder auf, und ein
berittener Bote trabte auf lustig wieherndem Rößlein den Schloßberg
herunter. Er hatte Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte
deshalb das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und rieselndes Wasser
flog der Gaul wie ein Reh hinweg, bis er zuletzt in weitem Sprunge über
den Straßengraben setzte.
Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln auf der Straße dahin,
die nach Eckartsberg führte.