13. Kapitel.

Es war am späten Nachmittag, als vom untern Eingang her auf

schaumbedecktem Pferde ein Reiter die Dorfgasse hinaufsprengte, ein

junger Bursche von etwa achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt

hinter sich haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig

und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte der Reiter

die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war wie ausgestorben, da alles

draußen auf den Feldern zu tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den

Häusern zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden Hufschlag

aufgescheucht und sprangen an die Fenster, um nach dem vorbeistürmenden

Reiter zu sehen.

Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen war, sah er drüben

von der Anhöhe einen Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen.

Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme hinüber:

»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?«

»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, »dort oben, wo Ihr die

beiden großen, mit Ziegeln bedeckten Scheunen seht.«

Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung und trabte weiter. Wie

er nahe an den Hof herangekommen war, sah er vor dem Hoftor auf der

Straße einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der Reiter trieb sein

Pferd heran und blieb vor jenem halten.

Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er:

»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?«

Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an und antwortete:

»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.«

Da flog ein Zug der Befriedigung über das glühende Gesicht des

Burschen. Eilends riß er das Wams auf, griff hinein und zog ein

zusammengefaltetes Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte.

»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben hat sagte, es gelte,

einer Sterbenden noch etwas Liebes zu erweisen, und daraufhin bin ich

geritten, als wenn ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen

müsse.«

Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander und las seinen

Inhalt. Und während er las, preßte er die Lippen so heftig aufeinander,

daß sie weiß wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem Schreiben

herab, während er den Blick zu Boden richtete.

Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem Brüten:

»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach er, »sie enthält die

ganze Barschaft meines Auftraggebers, und hier ist seine goldene

Repetieruhr. Sonst hat er mir nichts aufgetragen.«

Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete:

»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern Ritt, denn auf diesem

Gaule werdet Ihr wohl kaum wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab

und laßt Euch zu essen geben.«

Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den Rücken und ging eilends nach

dem Wohnhause. Der Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig

erschöpfte Tier und zog es langsam auf den Hof.

* * * * *

In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen Sonnenstrahlen des

scheidenden Tages in Elisabeths Zimmer und erfüllten es mit goldenem

Glanze. Die Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr

sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den Ausdruck schweren

Leidens und war eingerahmt von dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen

sprach ein Wort.

Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer. Mit leisen Schritten

näherte er sich dem Bett und berührte mit der Hand schmeichelnd die

Wange des Mädchens.

»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,« sagte er und hob die

Hand mit dem Papier hoch auf.

Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher Spannung das Gesicht

des Bruders. Dann überlief ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte:

»Max, lieber Max, wäre es möglich?«

Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden wenigen Zeilen:

Meine inniggeliebte, süße Braut!

Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein warmes

Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß es mit mir

rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen Minuten, die ich

noch zu leben habe, um Dir, Du Gute, meine letzten Grüße zu

sagen. -- Als ich nach Leipzig kam, packte auch mich die

Begeisterung, die in dieser Stadt herrscht. Ich wandte der

schwankenden sächsischen Sache den Rücken und verband mich den

schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers Leitung

um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem ich schon kleine

Verletzungen erlitten hatte, wurde mir zuletzt die linke

Schulter und Brust von einem französischen Säbel zerhauen.

Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke ihm dafür! Es wäre ein

freudenloses Leben gewesen --! Mein letzter Herzschlag gehört

Dir, Du inniggeliebtes Mädchen. Schon überkommt mich eine

unwiderstehliche Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich

einschlafen. Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich

macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln kann. Einen innigen

Kuß drücke ich auf die Blumen, die ich Dir sende. Auf baldiges

Wiedersehen, mein süßes Lieb, -- -- über den Sternen!

Dein bis in den Tod getreuer

Bernhard von Friesen.

Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. Schneller als

sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie mit dem Geliebten im Tode

vereinigt sein. Ihre Augen suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht

in diesem Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. Dann

richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter und den Bruder,

ergriff die Hände ihrer Lieben und sprach:

»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das Sterben so schön sei!«

Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem Flügelschlage der

Todesengel über dem Freihof seine Kreise zu ziehen -- -- --

Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen Elisabeth mit

geschlossenen Augen ruhte. Die dem Briefe beigelegenen, an einem

Stengel vereinigten zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas

neben dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen und tauschte

wortlos einen langen Blick mit der Mutter. Dann fühlte diese, wie die

heiße, kleine Hand sich auf die ihrige legte und sie sanft an sich zog.

»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die Kranke leise, »ich

fühle, daß meine Zeit gekommen ist. Aber ich muß, bevor ich von Dir

scheide, Dir ein Geheimnis anvertrauen, das mich tief traurig gemacht

hat, das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit seliger Lust

erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine Cousine, und Max lieben einander.«

Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in der Kirche und schloß:

»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte ausrief, daß Max ihre

Liebe besitze, blieb mein Bruder anfangs stumm, dann wurde er rauh

zu ihr. Aber ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in der

meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten Kindes. Ach, Mutter,

wenn die beiden glücklich werden könnten -- --«

Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur Seite der Kranken. Ihr

welkes Gesicht zeigte deutlich die Spuren der großen Anstrengungen der

letzten Wochen. In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus.

Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und Kind, das seine Augen

ängstlich forschend auf das starre Antlitz der Mutter gerichtet hatte.

Aber nur einen Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog die

Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten und sie bat:

»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.«

Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre Hand so heftig

zitterte, daß sie einige Male an dem Glase vorbeitastete und reichte

dem Kinde wortlos die gelben Frühlingszeichen.

Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen an die Lippen und bald

ließen die regelmäßigen Atemzüge erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne

umfangen hatte.

Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und setzte sich neben seine

Mutter. Die Dämmerung brach herein, die Abendschatten sanken herab, und

langsam zog der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das Bett

und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen eine welke Blume lag.

Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete der helle Ton

von der Kirche her die Mitternachtstunde.

Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager der Schlafenden weilten,

unterbrach die hehre Stille, die in dem Raume herrschte. Stumm saßen

sie nebeneinander und schauten voll Andacht in das friedliche

Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen Pfad weiter

gewandelt, und undurchdringliche Finsternis erfüllte das Zimmer.

Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer leise herauf, als Max

unter der leichten Berührung von der Hand seiner Mutter aufschreckte.

»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin mit heiserer Stimme.

Darauf knieten sie an dem Bette nieder und sprachen in lautem Gebet

einander Mut und Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu

Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die lebensmüde Seele

empfing und hinaufgeleitete zu dem Lande der gestillten Sehnsucht und

des Friedens.

* * * * *

Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths Tode das Dorf

durcheilt. Doch setzte noch niemand seinen Fuß auf den Freihof, in

der Besorgnis, daß seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein

schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben erstorben, so

geräuschlos vollzog sich das notwendige Werk, das verrichtet werden

mußte. Max bekam keiner zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die,

wie er deutlich empfand, furchtbar litt.

So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein Wort sprechend, nur die

Gegenwart des andern als Trost empfindend.

Da klangen schwere Männertritte draußen im Hausflur. Gleich darauf tat

sich die Tür auf, und ein Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin

und Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine Erscheinung

nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen, schlanken Wuchse und der

leichtgebeugten Haltung, der noch immer auf der Schwelle stand und

dessen dunkles Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der

Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold von Tiefenbach. Als

er eine Weile unverwandt auf Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die

Tür hinter sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die mit dem

Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt und sah mit hartem

Ausdruck vor sich hin. Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb

dicht vor der Greisin stehen.

Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann sagte der Angekommene

in bittendem Tone:

»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach verlangt, von der

Gestorbenen Abschied zu nehmen? Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen.

Auch an mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine blutige

Wunde geschlagen.«

Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf eine Antwort warte.

Dann fuhr er fort:

»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten willen, die meine Worte

unterstützen würde, dürfte sie noch unter uns weilen. Ich stehe als

Bittender vor Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen.

Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück von diesem

Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. Der tiefe Schmerz schlingt um

uns ein unzerreißbares Band und bringt unsere Herzen näher aneinander.

Und so bitte ich Dich denn, Base, -- -- gib Frieden! Laß Ruhe einziehen

in meine alte Brust und in Dein gequältes, tief erschüttertes Herz.

Laß uns nicht richten über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft

längst abgelegt und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre auch

Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der Irdischkeit gemeint

hat, umweht uns in diesem Augenblick und mahnt eindringlich, jeder

Schuld bloß zu sein, wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm

denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die Du so lange

zurückgestoßen und laß uns Versöhnung feiern an der Leiche Deines

Kindes!«

Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. Seine Augen hingen an

dem schmerzerfüllten Antlitz des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung

angehört hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine Mutter.

Konnte sie diesen Worten noch Widerstand entgegensetzen, den Worten,

die alle Feindschaft in seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach

Versöhnung jäh heraufkommen ließen?

Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte noch immer

unverwandt zu Boden.

Da wurde der alte Freiherr weich.

»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich Dein Kind oft

getragen. Es nannte mich Vater und erzählte viele Male mit glänzenden

Augen von seiner Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und

doch ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke Du könntest

mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine Wohnung inmitten der Seligen

errichten. Gib Frieden, Constanze!«

Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, als könnte die Mutter

nicht eine Sekunde länger zögern. Ihre schwere seelische Erschütterung

war offenbar, und die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und

Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses hinreißend.

Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem Munde

hartnäckig vor sich nieder.

Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und sprach:

»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich weiß es; mit allen

Fasern hingst Du an seinem schwachen Leben. Denke, es wäre ein geheimer

Wunsch Elisabeths gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So

lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen,

denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, würde das Kind daran gehindert

haben. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den

irdischen Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann darf

er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht ist die teure

Tote noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, die Mutter zu bitten, den

unseligen Zwist ihr mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr

die Kraft, die Bitte auszusprechen -- --«

Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. Er bemerkte, wie ihr

Körper schwankte, und eine innere Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt

der Augenblick gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen

mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den Füßen seiner Mutter

niederzuwerfen und ausrufen: »Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir

und uns allen Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die Wandlung in

ihrem Innern mußte von anderen bewirkt werden. Die Bitten des Sohnes

hätten ihren Widerstand nur wiederaufrichten und stärken können. Der

junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich halten, damit er

dem Freiherrn nicht zurief, daß er seine Bitten wiederholen und Worte

finden möge, deren Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen

erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit müßten es sein,

denn nur diese Eigenschaften waren geeignet seine Mutter zu rühren.

Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der gewiß noch nie so wie jetzt

zu einem Weibe gesprochen hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten.

Sein Gesicht verfinsterte sich, und die Stimme zitterte leise vor

bezwungenem Unmut als er wieder begann:

»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht _mehr_? Willst du mich

wie einen Schulbuben vor Dir demütigen?«

Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. Das Weib saß

vornübergesunken und wie leblos im Stuhle.

Max wartete noch mit angstvoller Spannung auf Worte seines Onkels,

so wie er sie vorhin gesprochen hatte. Da klang es von dessen Munde

schneidend und streng:

»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer anderer Menschen

wenigstens einen kleinen Raum in Deinem Herzen. Nun aber weiß ich,

daß deine Brust von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die

Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. Von Menschen wird

Dein Handeln nicht mehr gerichtet werden, aber sieh zu, daß Dir die

Worte nicht fehlen, wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen

Gottes Dein Tun verteidigen mußt!«

Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max sah, daß seine Mutter,

als der schneidende Klang ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen

Haltung aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, wie

sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren eisernen Willen

entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, die Mutter umzustimmen, für

immer dahin. So weich wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie

gesehen.

Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab und trat zu ihm hin.

»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen Ton in seiner Stimme zu

mildern, »willst Du nicht wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser

Stunde eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs betreten

können? Wollen _wir_ Freunde werden?«

Die Blicke des jungen Mannes hatten während dieser Worte auf seiner

Mutter geruht und tiefes Mitleid erfüllte ihn, als er daran dachte,

welchen Schmerz er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand

annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im Leben stünde.

Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den jungen Neffen nieder, bis

sich ihre Augen begegneten. Da schlug Max den Blick zu Boden und warf

gleichzeitig den Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen

die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr.

Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und ging, ohne noch einen

einzigen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer. Max hörte, wie er seine

Schritte nach Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten durch

den hintern Ausgang das Haus verließ.

Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu sprechen, beisammen. Max

empfand dieses Schweigen wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter

dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein paar freundliche

Worte zu ihm gesprochen hätte, deren er so sehr bedurfte. Statt dessen

erhob sich endlich die Mutter und ging mit langsamen Schritten nach

der Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust.

Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, als wenn sie zu dem Sohne

kommen wolle. Aber nur einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann

ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der Stube zurück.

Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung über den jungen

Mann, und er fühlte sich von der Mutter und allen verlassen. In

demselben Augenblick, wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter

für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite empfangenen

Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von ihm. Noch nie war ihm so

schwer ums Herz gewesen, und gerade jetzt stand er allein.

Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! Der unselige Zwist

zwischen den nahen Verwandten, der über dem Freihof wie eine

drückende, schwarze Wolke hing, in allen seinen Räumen gespenstisch

schwebte und in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude

hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am Schicksalswege

der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, sollte aber nicht von ihnen

weichen. Den edeln Mann, der sich dem Hause als Freund angeboten,

hatte das Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, und

mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! Ja, heraus damit aus

dem gequälten Herzen; jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß

die Gluten der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes

aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was ihn nur daran

verhindert, vor dem herrlichen Mädchen damals in der Kirche, als ihre

Seele verzweifelnd ihr tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien

und ihr seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt.

Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, seine

Leidenschaft im Herzen zu verschließen, als die Liebe und Ehrfurcht

zu seiner Mutter. Damals fühlte er noch, mit welch starken Banden,

die er unzerreißbar wähnte, er mit seiner Mutter verbunden war. Der

wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu reißen, hätte er mit Hohn

gespottet. Jetzt aber, wenige Monate später, war es so ganz anders:

der mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die wild auf

ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein mit sich fortrissen und

hinaustrieben auf das Meer des Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war

geborsten.

So sollte also der alte Groll auch fernerhin auf ihm lasten! Der

edle Freund war für die Freihofer auf immer verloren, und sein

verheißungsvoll aufleuchtendes Glück war in Scherben gegangen, -- wohl,

das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte, war also

geblieben, das aber, was ihm hold und besitzenswert erschien, hatte ihn

verlassen. Und jetzt verließ auch sie noch ihn -- seine Mutter?

Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den Tisch, barg das Gesicht

in ihnen und schluchzte wie ein Kind.

* * * * *

Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam den Weg zum Schloß

hinaufgegangen.

Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor wieder auf, und ein

berittener Bote trabte auf lustig wieherndem Rößlein den Schloßberg

herunter. Er hatte Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte

deshalb das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und rieselndes Wasser

flog der Gaul wie ein Reh hinweg, bis er zuletzt in weitem Sprunge über

den Straßengraben setzte.

Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln auf der Straße dahin,

die nach Eckartsberg führte.

Herr, mach' uns frei! · 第 16 / 31 题