Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt. Der Prozeß war noch nicht
entschieden und drohte allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang
für ihn zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte überzeugt und
verstand nicht, wie die Richter daran zweifeln konnten, daß das saftige
Stück Wiese dicht an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen werden
müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine Verstimmung vergrößert,
die selbst dann noch nicht ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß
seines Freundes und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten.
Den Zustand der Schwester fand Max viel besser als er vor seiner
Abreise gewesen war. Und seltsam, Elisabeth schien auch in der Tat
nicht mehr so zu leiden, wie in den letzten Tagen. Der Husten war
weniger heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen und
versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu scherzen.
Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein schwerbeladener Wagen war auf
eine weiche Stelle gekommen, wodurch das eine Hinterrad tief in den
Boden eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der Peitsche
auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule brachten trotz aller
Anstrengung den Wagen nicht vorwärts. Mit zusammengezogenen Brauen
stand Max abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im Verein mit
zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil des Wagens aus der tiefen
Radspur herauszuheben. Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs
gar bald ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um eine
Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf zurückhielt. Im
nächsten Augenblick bückte sich der junge Freihofer unter den Wagen und
stemmte auf der herabgesunkenen Seite die Schulter an; -- ein Knirschen
und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und dann stand das Rad
wieder auf festem Boden. Ruhig, nur das Gesicht vor Anstrengung stark
gerötet, trat der Freihofer zurück.
Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem gekaufte, junge
Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht habe und auf den
gerade mit einem Bund Heu in den Stall eintretenden Knecht losgerannt
sei. Zum Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür hinter
sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das Tier auf den Hof
stürmen und Schaden anrichten konnte. Allerdings war nun der Mann auf
diese Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten Halbdunkel
des Stalles allein geblieben. Und da hatte er, weil der Stier ihn
hart bedrängte, die Heugabel ergriffen und mit ihrem eisernen Ende
den Zudringlichen ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel
geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese recht verständliche
Mißbilligung seines Tuns hatte denn auch dem verdutzten vierbeinigen
Sausewind eingeleuchtet, denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften
Knecht ab und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt und
gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit darauf Hermann den
Stier besah, stellte sich heraus, daß zwei der langen Gabelzinken dem
Tier tief in das Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann
die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen und Vorsorge getroffen
hatte, daß die erhitzte Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern
gekühlt wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem war
dem Stier die Freßlust vergangen, denn er hatte heute noch kein Futter
angerührt.
Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut auf den Knecht, der so
ungeschickt gewesen sei, den Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht
gelang, die drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten Wunden
zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an der Verletzung zugrunde
gehen.
Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück und meinte, der Mann
wäre gut und es träfe ihn eigentlich keine Schuld, da der Stier die
Kette zerrissen habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger
gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh vielleicht die
Gabel in die Brust gestoßen, was noch schlimmer gewesen wäre.
Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter zu verstehen, daß er
es angemessener fände, wenn er die Sache seines Herrn besser verträte,
anstatt den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden.
Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig, der in bestem
Bewußtsein, das Interesse seines Brotherrn jederzeit wie sein eigenes
zu wahren, den Vorwurf für ungerecht fand.
Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß der Mann eine Frau
und zwei kleine Kinder habe, und es ihm keiner verdenken könne, wenn
er sein bedrohtes Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann, würde
in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen Augenblicken danach zu
fragen, ob das Tier dabei totgeschlagen werde.
Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. Aber er dämpfte seine
Stimme, als er den Verwalter heftig anfuhr:
»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann! Wißt Ihr denn nicht, zu
wem Ihr redet, oder habt Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen?
Ich habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut habe, denn Ihr
verdientet mein Vertrauen nicht.«
Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden Männer der Stalltür
genähert und waren zuletzt auf den Hof getreten, wo gerade die ersten
Geschirre vom Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren.
Hermann war bei den letzten Worten Maxens wie unter einem heftigen
Schmerz zusammengezuckt. In seiner Brust schlummerten zwei Temperamente
nebeneinander. Die ruhige Gemütsanlage besaß er von seinem Vater,
dem getreuen Sohn, der mehr als ein halbes Jahrhundert im Dienst
der Tiefenbachs gestandenen Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war
daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief drinnen aber
in seinem Herzen glimmte wie ein winziger Funke wilde Heftigkeit.
Diese Eigenschaft besaß er von seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der
Etsch, mit den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen
Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit schlummernde Funke
sollte jetzt zur hochaufschlagenden Flamme angefacht werden.
Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen. Kaum hatte er
seine letzten Worte ausgesprochen, war Hermann mit einem Satz auf
ihn zugesprungen, daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen
funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren geballt.
»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in Zweifel ziehen? Und
wenn ich einen Ton anschlug, den Ihr für unangemessen fandet und den
ich selbst noch nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit Euren
verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu herausforderte. Ihr
müßt nicht denken, daß ich wie ein Hund die Hand lecke, die nach mir
schlägt!«
Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen Worte des
Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört, aber in seinem Innern hatte
er gebebt. Beinahe hätte ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit
ungeheurer Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr zu bleiben.
Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige Berührung den
Wütenden nicht noch mehr zu reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend,
mit leise zitternder Stimme:
»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser Stelle aus den Hof
und geht nach Hause. Morgen sprechen wir uns weiter.«
Und mit diesen Worten wandte sich Max um und gab einem der die Pferde
ausspannenden Knechte die Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute
Abend nach dem Rechten zu sehen.
Aber auf den noch immer in drohender Haltung Stehenden übte Maxens
kühle Besonnenheit keine beruhigende Wirkung aus, vielmehr schürte die
Ruhe des Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und machte ihn vor
Wut sinnlos.
»Bauer! --« schrie Hermann mit überschnappender Stimme, »Ihr habt an
meiner Ehrlichkeit gezweifelt. Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder
es gibt ein Unglück -- --!«
Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen Entschluß zu finden, stand
er vor dem Wütenden.
Da zuckte Lehnhardts Faust, -- in demselben Augenblick fuhr Max
herum, riß dem nächsten Knecht die Peitsche aus der Hand, und noch
bevor Hermann den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der
Peitschenriemen um seinen Körper.
Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren Zorn aus geringfügiger
Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit ebensoschnell wiedererhalten,
wie sie ihnen verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft an
innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen längere Zeit auf
der unnatürlichen Höhe zu halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der
Gluten wie der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung
ihrer Stützen beraubt, -- gleichviel; der emporgeloderte Zorn bricht
sehr oft jäh in sich zusammen, und die weit über Maß in Anspruch
genommen gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte
Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit einem Male wunderbar
geschärft; kühle Ueberlegung stellt sich ein, und eine ausdrucksvolle
Stimme im Innern hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene
Schuld feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen die
Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt habe. Zuweilen reißt
der Niedersturz die geistige Spannkraft ebenso tief mit hinab, wie sie
vorher emporgeschnellt war, und der Zornbebende, der mit funkelnden
Augen und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer Willens-
und Körperkraft erschien, bietet hinterher mit seinem gebrochenen Blick
und der schlaffen Haltung ein klägliches Bild.
So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht. Als Max die Peitsche
in der Faust hielt und zum Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt
die Erkenntnis, unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für
ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre sein gutes
Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen --, damit hatte ihm der
Zorn, der ihn aller Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt.
Mit der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann, noch
bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte, auch den Entschluß
gefaßt, den Freihofer nicht noch einmal zu reizen, sondern ruhig
vom Hof zu gehen. Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner
waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten hatten.
In dem Augenblick, in dem Lehnhardt sich zum Gehen wandte, traf ihn
die Peitsche von neuem; ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten
Schlage. Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen
um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem Zorn riß Max den
Peitschenstock zurück, -- da verlor Lehnhardt das Gleichgewicht und
fiel heftig auf den gekrümmten linken Arm.
Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann am Boden liegen sah,
warf die schon wieder erhobene Peitsche auf die Erde und ging in den
Stall zurück.
Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf dem steinernen Pflaster
vor dem Stalle liegen. Dann stand er mühsam auf, unterstützte mit der
rechten Hand den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ,
ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof.
* * * * *
Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend an diesen Vorfall die
abendliche Runde durch den Hof gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit
zu gewinnen, um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als den
fehlenden Verwalter zu ersetzen.
Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später die Wohnstube, wo
die Mutter schon an dem gedeckten Tisch saß und ihn zum Abendessen
erwartete.
Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem Blick der Mutter zu
begegnen, nahm er ihr gegenüber Platz.
»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre gern noch einmal zu ihr
gekommen -- --«
»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,« antwortete die
Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie nicht.«
Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden empfand Lust zu
sprechen.
Endlich schob die Mutter den Teller zurück und erhob sich, um ihren
allabendlichen Platz am Krankenbett einzunehmen.
Da stand auch Max auf, räusperte sich heftig und stieß heraus:
»Mutter, ich habe den Hermann heute Abend vom Hofe weisen müssen.«
Die Alte hatte sich an das Fenster gestellt und schaute schweigend in
die Dunkelheit hinaus. Bei des Sohnes Worten wandte sie sich langsam um
und versetzte:
»Ich habe es gehört.«
»Es ist nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich über ihn sehr ärgern
mußte. Er hat viel Gutes, aber sein Wesen gefiel mir trotz alledem
nicht. Er wollte nur immer allein anordnen und unterließ oft mich zu
fragen, bevor er wichtige Dinge ausführte. Hinterher erst erfuhr ich’s.
Aber man kann ja nicht überall sein. Ich werde ihn in der ersten Zeit
recht vermissen, dann wird es aber umso besser gehen. Was meinst Du
darüber?«
»Du wirst wissen was Du tust,« entgegnete die Freihoferin kurz.
In Max regte sich der Unmut bei diesen Worten, und er wäre gern
aufgefahren, aber es war ja seine Mutter die so sprach, und er hatte es
von Jugend auf nicht anders gekannt, als sich ihr unterzuordnen. Noch
niemals war es ihm in den Sinn gekommen, sich gegen sie aufzulehnen.
Deshalb unterdrückte er seine Verstimmung und sagte nur:
»Es war anders nicht möglich, ich mußte ihn fortschicken.«
»Du bist der Herr auf dem Freihofe,« klang es zurück.
Diese Teilnahmlosigkeit reizte Max von neuem, und sein Ton hatte einen
schlecht unterdrückten, scharfen Klang, als er hervorstieß:
»Und züchtigen mußte ich ihn, das hatte er verdient!«
»Ich gebe es zu, denn der Knecht darf sich nicht gegen seinen Herrn
auflehnen,« lautete die rasche Antwort.
Max verstand seine Mutter nicht recht. Forschend sah er ihr ins
Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte. Da wandte sich der junge
Freihofer ab und verließ das Zimmer.
Die Greisin blieb in steifer Haltung am Fenster stehen und blickte
sinnend durch die Scheiben. Mit einem Male stieß sie das Fenster
hastig auf und rief den Mann an, der unter den Bäumen des Obstgartens
herumlief. Es war der Großknecht, ein älterer Mann, der schon seit
länger als zwanzig Jahren auf dem Freihofe war.
»Anton!« rief die Freihoferin zum Fenster hinausgebeugt in halblautem
Tone. Der Angerufene sah sich um und kam herbei.
»Hat die Mutter Lehnhardt schon ihr Deputat für den Mai?« fragte sie
leise.
»Für den Mai?« antwortete Anton, »für den Mai, Bäuerin? Nein, wir sind
ja noch im April.«
»Dann tragt ihr’s noch heute Abend hinauf,« versetzte die Greisin.
Darauf schloß sie das Fenster wieder und der Knecht lief den Weg
zurück. In demselben Augenblicke aber, in dem er um die Scheunenecke
biegen wollte, klang es hinter ihm her:
»Anton! Die Mutter Lehnhardt bekommt fortan nicht mehr ein Quart,
sondern einen Halben Kartoffeln und anstatt der einen Speckseite zwei!«
Klirrend schloß sich das Fenster.
Ein paar Sekunden blieb der Mann stehen, die Augen dorthin gerichtet,
wo die Gestalt der Freihoferin eben verschwunden war. Endlich ging er
davon, sein Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen verziehend.
* * * * *
Einige Tage waren darüber hingegangen. Der Regen floß in Strömen vom
Himmel herab, und Max, dessen Gegenwart draußen notwendig gewesen war,
war gegen Mittag, naß wie eine Katze zurückgekommen. Am Nachmittag
mußte er am Schreibtisch arbeiten. Der Regen hatte endlich aufgehört,
und ein heftiger Sturm hatte sich erhoben, unter dessen Stößen die
Fensterscheiben klirrten. Max war in seine Bücher vertieft, als sich
die Tür auftat und Pastor Reinerz ins Zimmer trat.
Beim Anblick des Greises konnte sich Max einer leichten Verlegenheit
nicht erwehren, denn er meinte zu erraten, was diesen zu ihm führe.
»Grüß Euch Gott, Herr Max,« begann der alte Herr nach einem warmen
Händedruck, und noch bevor Max ihm geantwortet hatte, schob er sich
einen Stuhl näher zum Schreibtisch und setzte sich neben den unsicher
Dreinschauenden.
»Ich komme von Eurer Schwester, der es besser geht als ich zu hoffen
wagte, und nun wollte ich an der Tür nicht vorübergehen, ohne
Euch einen Gruß gesagt zu haben,« hob Reinerz an, während Maxens
Beklommenheit bei den ruhigen Worten zu weichen begann.
»Das Kind besitzt einen hohen Schatz, den es uns allen voraus hat. Sie
ist nämlich einer jener seltenen Menschen, die keinen Feind haben,«
plauderte der Greis.
»Damit mögt Ihr recht haben, Herr Pastor« entgegnete Max. »Ich wüßte
auch wahrhaftig nicht, wer dem Kinde gram sein sollte.«
»Ja, ein Günstling des Schicksals ist der, bei dem solches zutrifft,«
sprach Reinerz und strich liebkosend mit den Fingern die weißen Fäden
des langen Bartes. »Viel Feind, viel Ehr, sagt das Volk. Nun, das
ist nicht unrichtig. Wie viele Menschen gibt es aber schon, denen
die Feinde mit dem Amt zu gleicher Zeit beschert werden. Es ist ein
nur Wenigen beschiedenes Glück, sagen zu können: ich besitze keinen
Widersacher.«
»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr sagt, daß manchem mit dem
Amt auch Feinde erstehen, ja sie sind bereits da, bevor das nicht
selten dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür heißt
leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem anstürmenden Schicksal auch
feindlich gesinnte Mitmenschen, gegen die zu streiten bisweilen recht
aufreibend ist. Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des
Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden, beschieden wurde.
Er ist der Begünstigte, der, den das Schicksal liebt.«
»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie Ihr es schildert, ist der
Lauf der Welt,« versetzte der Greis. »Aber es genügt nicht allein,
an einer geschützten Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen.
Wer der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt seinen
schirmenden Unterstand. Er begibt sich in die Gefahr und kommt nicht
selten darin um. Das weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf
man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene Sonnenstrahlen
trafen, ist die große Lebenskunst, die nur wenige verstehen, und an
deren Erfüllung täglich Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist
einer jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng wurde. Sie
begnügte sich mit dem Stückchen Boden, das das Schicksal ihr zugedacht
hat. Das aber bebaute sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche
Blumen um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen sind Eurer
Schwester edle Tugenden und Eigenschaften, und die Menschen, die sich
an dem Anblicke der Blumen ergötzen, sind Elisabeths Freunde.«
Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine Weile vor sich nieder
und richtete dann seine durchdringenden Augen auf Max, der die eben
entschwundene Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen
fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort:
»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein Besuch gelten, es
verlangte mich auch, Euch selbst zu sprechen. Ihr werdet fühlen, was
mich heute zu Euch führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz
auch schon erwartet.«
Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises weggewendet und
sah zum Fenster hinaus. Bei den letzten Worten Reinerz warf er
den Gänsekiel, mit dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den
Schreibtisch.
»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander geschieden sind ist es
gut, daß ein gemeinsamer Freund zwischen sie tritt, um ihren Groll zu
besänftigen und sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch, dieser
gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.«
Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max hatte schon wiederholt
den Versuch gemacht den Redenden zu unterbrechen, war aber durch die
abwehrende Handbewegung des Greises daran gehindert worden. Jetzt fuhr
es Max heraus:
»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht möglich, daß ich von
Euerm freundlichen Anerbieten Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung
zwischen einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer mich
beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst einzuschlagen.
Aber in diesem Fall wäre der Versuch Lehnhardts, meine Verzeihung zu
erhalten, verfrüht. Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb
müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir käme, abweisen. Er hat
zu schwer gefehlt. Und nun würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas
anderem sprechen wolltet.«
Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber noch lange nicht genug
gesprochen worden sei, deshalb begann er wieder:
»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und aberhundert Jahren schon
war. Wenn zwischen zweien ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten
einer von beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der Aufgabe
unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite sich in diesem Fall das
Recht neigt. Denn ich bin nicht gekommen, den Richter zwischen Euch
und dem Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.«
»Ich wünsche aber keinen Vermittler,« unterbrach Max ungeduldig den
Sprecher. Doch ließ sich dieser nicht beirren, sondern fuhr fort:
»Wer will es hindern, daß die Leidenschaft, die sonst immer im festen
Zügel liegt, nicht einmal durchbricht und ihres Meisters spottet.
Du lieber Gott, es ist ja so überaus schwer einen Vorwurf dafür zu
machen. Der Leidenschaftslose hat freilich leichtes Urteil über den
Temperamentvollen. Eins aber muß man von dem Mann fordern dürfen: daß
er dann, wenn die Wogen des Zornes sich geglättet haben bereit ist, die
Schuld, die er beim Ausbruch seiner Heftigkeit auf sich lud, wieder
einzulösen. Auch Ihr habt gefehlt und tätet gut, wenn Ihr mit mildem
Auge die Schuld des Andern betrachten wolltet.«
Max hatte nur mit großer Beherrschung seine Ungeduld verbergen können.
Jetzt erhob er sich hastig, trat einen Schritt zurück und sprach in
entschiedenem Tone:
»Herr Pastor, ich kann begreifen, wenn Ihr es als Eure Aufgabe
betrachtet zu schlichten, wo Streit entbrannt ist. Es gibt aber
keine Streitenden, wo das sich auflehnende Gesinde von seinem Herrn
gezüchtigt werden muß. Ihr werdet den Vorfall soweit kennen, daß Ihr
auch wißt, wie lange Zeit ich mich beherrschte, bevor mich der gerechte
Zorn übermannte.«
Langsam erhob sich auch Pastor Reinerz und sprach:
»Ich hätte geglaubt, Euch versöhnlicher gestimmt zu finden. Seht, Max,
ich bin ein alter Mann, der in seiner Jugend auch ein rechter Hitzkopf
gewesen ist. Deshalb weiß ich es nur zu gut, wie leicht der Zorn die
kühle Überlegung zur Seite drängt. Sagt, wäre es Euch nicht möglich,
das Unrecht, soweit es Euch trifft, wieder gut zu machen?«
Da begehrte Max heftig auf:
»Mein Unrecht? Was für ein Unrecht beging ich denn?«
»Das Unrecht, daß Ihr Hermann Lehnhardt reiztet, so daß er sich vergaß
und daß Ihr Euch vom Zorn hinreißen ließet.«
»Nun, und Ihr vergeßt ganz, daß der Knecht den Arm erhob gegen seinen
Herrn.«
»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner Ehrlichkeit,«
versetzte der Greis ruhig. »Hermann Lehnhardt ist ein schwerblütiger
Bauer, den manches gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die
Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen kann er auch
heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung vollständig verläßt.
Ihr wißt, der gute Ruf ist ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung,
gottlob, mit Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der
Unredlichkeit verdächtigt -- --«
»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max den Sprecher mit
Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld mehr, Euch länger zuzuhören.«
»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber nur das Unrecht, das
Ihr begangen habt,« antwortete erregt der Greis.
»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,« entgegnete der Freihofer
herrisch.
Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber und tauchten ihre
Blicke ineinander. Eine dumpfe Ahnung raunte jedem von Ihnen zu,
daß die Erinnerung an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit
aller Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte keiner von
beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie sich wie heute Auge in Auge
gegenüberstehen und dieses Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden
Schmerz mit sich gebracht haben würde.