* * * * *
Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte: Friesen hatte den
Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar nach Empfang des
Briefes sich nach Leipzig zu begeben und von dort mit einem Transport
Reservemannschaften nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre war in so
gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als
sofort abzureisen. Hätte er Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre
sein Eintreffen um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß daher, noch
im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu verlassen.
Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die Liebenden im trautesten
Alleinsein. Sie nannten sich wiederholentlich bei ihren Vornamen
und waren entzückt von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten
Mal von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander erlebt
hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke aus, und ein leiser
Händedruck verriet dem andern, was die Lippen auszusprechen scheu
vermieden. Keine Überschwänglichkeit, kein heftiges Aufwallen der
Gefühle. Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde Liebe,
deren sie sich erst angesichts des Scheidens für immer bewußt geworden
waren, war in demselben Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon
geläutert gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen und
eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie zwei alte Menschen, die auf
ein reiches Leben von Sorgen und Glück nebeneinander zurückblicken und
die nun ihren Lebensabend zusammen beschließen -- ohne aufwallende
Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen, jungen Liebe in der welken
Brust, so saßen Friesen und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre
Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie zu groß, und
ihre Blicke suchten schon das unbekannte Land, dessen Freuden gemeinsam
zu genießen sie sich in der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin
hinieden gefunden hatten.
Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen kniete zum letzten Mal
vor dem Mädchen nieder, das sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf
seinen Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann trat der
junge Mann zurück. Langsam schritt er zur Tür, legte die Hand auf den
Drücker und warf einen langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte
hätten sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu dem
Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, -- und der Platz an der Tür
war leer.
Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem Atem unverwandt auf
die Stelle. Dann kehrte sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn
es sie fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter und sprach
mit versagender Stimme:
»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen gehen!«
* * * * *
Als aber die goldene Sonne untergegangen war und die grauen Schatten
der Abenddämmerung sich auf die Erde herabsenkten, da hielt es die
Freihoferin im Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die
Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde der alten
Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche Luft des Lenzabends.
Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen, dessen leuchtende
Farben jetzt langsam wieder verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte
die Natur. Die gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das
Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor. Einsam funkelte der
Abendstern auf die Erde herab, und langsam begann der helle Schein, der
über der Stelle stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen.
Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell herüber, dann
erstarb es, und tiefe Stille herrschte weit in der Runde.
Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden, in ihrer Brust tobte
wilder Schmerz. Sie wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte.
Mechanisch schritt sie auf der Straße weiter, vorüber an den
friedlichen Wohnungen glücklicher Menschen.
Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich um und erkannte, daß
sie sich vor dem Schulhaus befand. Und plötzlich überkam das Weib das
heiße Verlangen, hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin
weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen Wehs der
gewaltige Schmerz in der eigenen Brust.
Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich darauf in dem
großen Krankenzimmer, dem eine in der Mitte hängende Lampe mattes Licht
spendete. Erstaunt sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch. Die
Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete der Freihoferin,
daß fast alle ihrer Schützlinge auf dem Wege der Genesung seien.
Zu Besorgnissen gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen
Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht erfolgen würde.
Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln Raum nebenan,
in den man durch die offenstehende Tür vom großen Krankenzimmer aus
gelangte. Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem Fieber
Liegende den Kopf nach der Tür und richtete seine großen, dunkeln Augen
auf sie.
Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett auf einen Stuhl nieder,
währenddessen die Pflegerin wieder in das Zimmer zurückging.
Es war ein junger Bursche von zartem Körper, der infolge der Krankheit
stark abgemagert war. Das bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf
den Wangen umrahmte eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag
der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits die Spuren des
beginnenden Verfalls, nur die Augen glänzten in unnatürlichem Feuer und
kreisten unausgesetzt in ihren Höhlen.
Da erhob die Greisin ihre Stimme und sprach in gedämpftem Tone:
»Wie befindet Ihr Euch, mein Sohn; kann ich Euch mit etwas helfen?«
Der Kranke heftete die Augen auf die Sprechende und antwortete mit
Anstrengung:
»Ich danke Euch, Frau, mir kann niemand helfen, mit mir gehts zum Ende.«
Und wieder kreisten rastlos die Augen.
Die Freihoferin sah vor sich nieder, drückte die Hände fest ineinander
und dachte daran, ob der Kranke daheim auch eine Mutter habe.
Da wandte sich dieser plötzlich wieder zu ihr und und sagte mit
abgerissenen Worten:
»Hört mich an, vielleicht hat Euch der Himmel zu mir gesandt, daß Ihr
mir eine fürchterliche Last von der Brust nehmen sollt. Sagt, gibt es
eine Sünde in der Welt, die nicht verziehen werden kann?«
Die Freihoferin neigte das Haupt und antwortete:
»Gott ist allgütig, er lässet keinen Reuigen von sich gehen!«
Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und erwiderte:
»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die ich begangen, kann _Gott_
mir nicht anrechnen. Aber sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr
Kind sie -- verriet?«
Die Greisin wurde um einen Schein bleicher. Behutsam strich sie eine
schwarze Haarwelle von der heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem
weichesten Tone:
»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein Sohn? Sagt, was euch
bedrückt, vielleicht kann ich Euch trösten.«
Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit unsicherer Stimme:
»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen Patriziergeschlecht zu
Geldern. Als sie zur Jungfrau erblüht war, warben viele vornehme Männer
um sie. Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier. Das machte
den Bruder unwillig und er verwies seiner Schwester ihre Neigung. Und
als sie sagte, daß sie niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen
würde, da packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte die
Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter ein sanftes Mädchen, daß
dem Bruder wohl verziehen hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber
den tugendsamen Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in ihr heiße
Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur, daß sie dies dem Frevler nie
verzeihen würde. Ich wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter
teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein Vater blieb bei
Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn entrissen die rauhen Kriegszeiten
seinen ganzen Reichtum und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein
Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und eine einzige Tochter,
die nun mit ihren feinen Händen, die nie Arbeit verrichtet hatten, für
ihrer beiden Unterhalt sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen.
Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen Schicksal der
Frauen. Dann aber überkam mich eine edle Leidenschaft zu Karoline,
meiner Base, die ich nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich
lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und bat sie, den
Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan, nicht den schuldlosen Frauen
entgelten zu lassen.
Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die Anverwandten wie einen
bösen Wurm in ihrem Innern immer mehr anwachsen lassen, und diese
unselige Leidenschaft hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir
meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich. Aber ich konnte von
dem Mädchen nicht lassen. Ich warf mich vor der Mutter nieder und
flehte mit gerungenen Händen um ihren Segen. Da verwünschte mich meine
Mutter und sagte, daß sie von stundab kein Kind mehr besäße. Und so
verließ ich das traute, mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit
dem Trost im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt
zu haben.
Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach Jahresfrist ein das Zimmer
mit himmlischem Glanze erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht
hatte und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der grausame Tod
durch die Tür und raubte uns die ihr Leiden gottergeben tragende Mutter
meiner jungen Frau.
Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel auch durch das
Rheinland; der Kaiser bedurfte vieler Soldaten, die nach Rußland
hinein marschieren sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich
arbeitete angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich fort von
Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren. Ich war schwach und litt
fürchterlich unter den ungewohnten Anstrengungen und Entbehrungen.
Endlich kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich kaum noch
folgen konnte und blieb wiederholt liegen. Aber der Gedanke an mein
verlassenes Weib, an das unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe,
und ich wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um nur wenige
hundert Meilen von meinen Teuern entfernt zu sterben. O, das Schicksal
ist unerbittlich grausam!«
Der Kranke schloß die Augen und stöhnte laut auf unter dem gewaltigen
Schmerz, der seine Seele erfüllte.
Aber nur eine kurze Weile hielt diese Schwäche an. Mit ungeheuerer
Anstrengung richtete er sich in den Kissen auf und lenkte die bereits
verglasenden Augen von neuem auf das an seiner Seite sitzende, tief
gebeugte Weib.
»Hört, Frau,« keuchte der Sterbende, »was glaubt Ihr, wird sich meine
Mutter meines armen Weibes und seines Kindes in Liebe erbarmen?«
Mit eiserner Anspannung seiner letzten Kräfte hielt er sich auf den
Ellenbogen gestützt aufrecht und sah forschend der Freihoferin ins
Gesicht. Diese aber rührte sich nicht, ihre Züge waren steinern.
»Ihr überlegt?« fuhr er hastig fort, und der Atem drang pfeifend aus
seinem Munde, während den abgezehrten Körper heftige Fieberschauer
erzittern ließen. »Ja, überlegts Euch reiflich, doch tuts rasch, bitt’
ich Euch, sonst möchte Euer Spruch mir zu spät kommen!«
Aber die Greisin antwortete nicht, noch immer verharrte sie regungslos.
Da drohte dem Jüngling, die Kraft auszugehn. Mit übermenschlichem
Willen widerstand er der Schwäche und stieß hervor:
»Beim ewigen Gott, Weib, sprecht! Vielleicht habt auch Ihr ein Kind,
dem einstmals ein Mensch das Sterben mit ein paar Worten erleichtern
könnte -- -- --«
In diesem Augenblick neigte sich die Freihoferin rasch über den
Liegenden und sprach mit kaum vernehmlicher Stimme:
»Eure Mutter wird sich der armen Verlassenen erbarmen, mein Sohn!«
Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht zufrieden. Noch einen
letzten Anlauf nahm er zum Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und
drohend entfuhr es den blutlosen Lippen:
»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter mit einer Lüge belasten?
Ihr vergeßt, daß meine Mutter einen Schwur tat -- -- --«
Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab und sprach so leise, als
wenn sie selbst ihre Worte nicht hören wolle:
»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch verzeihen!«
Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender Seufzer, und er
sank wieder in die Kissen zurück. Seine Augen irrten nicht mehr unstät
umher, sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet.