11. Kapitel.

Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener Pracht und Lieblichkeit ins

Land gezogen, die alljährlich nach den dunkeln und rauhen Wintertagen

wieder die Menschen erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen.

Die Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann es zu sprießen.

Die Wiesen bedeckten sich in wenige Tagen mit saftigem Grün, und

zwischen den frisch aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten

Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen wieder aus den

Häusern heraus, in die sie der diesmal so anhaltende und strenge Winter

lange gebannt hatte. Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und

würzige Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen, die

Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten frohen Herzens den

muntern Weisen der zurückgekehrten Singvögel. Nun war es Gott sei Dank

vorüber mit dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen und

die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst ausgeschüttet wird.

Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die Menschenbrust zurück,

und wenn es einen Schwachen und Kranken gibt, den der dunkle Winter

hart niederdrückte, daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte und

armselig flackerte, -- mit den belebenden Sonnenstrahlen zieht auch

wieder Hoffnung in sein Herz, und er fühlt, wie sich geheimnisvolle

Kräfte in seinem Innern regen.

Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom Morgen bis zum Abend

wurde rastlos gearbeitet. Draußen auf den Feldern zog der Pflug tiefe

Furchen in die verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden

Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen.

Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden Tag der Erste und Letzte

bei der Arbeit. Mit Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die

sich um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht zog in

ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er wollte nicht allein

untätig sein, zumal die Rüstungen überall aufs neue begannen.

Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter den Bergen

verborgenen Sonne über die dunkle Erde dahingleiten und die schlafende

Natur wachküssen, so zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen

in die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß auch für ihre

Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen sei. Und sie machten

sich auf, das Feld zu bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen,

auf daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine stattliche Ernte

beschieden sei. Das aus der Wolke niederströmende, die Saat des

Landmanns befruchtende Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung

und Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen der Frucht

nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der blanken Waffen und das

Blitzen der Feuerrohre sein. Auf deutschem Boden mußte der gewaltige,

für alle Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das Rauschen

der deutschen Eichenwälder sollte sich der kriegerische Lärm der

Schlachten mischen, -- bis die letzte Brust durchschossen, das letzte

Schwert zerhauen war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge

der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung von schwerem

Joch himmelwärts trügen.

Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, erkannte Friesen, daß der

Zustand seiner Füße es ihm noch nicht erlaubte, seinen Dienst als

Soldat wieder aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen noch

immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. So mußte er denn

seinen Plan wieder fallen lassen und die Gastfreundschaft des Freihofes

weiter annehmen.

Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn dieser auf die ausgedehnten

Felder hinausritt, weit öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft

oder begleitete sie auf kurzen Spaziergängen.

Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem Tage nicht wieder bestiegen.

Durch die Aufregung infolge des wilden Rittes hatte ihre schwache

Gesundheit doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem

Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und dann nur ganz

allmählich ins Freie gehen durfte. Es war ihr recht lieb, daß sie

Friesen bei diesen Ausgängen zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht

anders, als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten.

Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende Gesellschaft zubringen

müssen, so wäre Elisabeth, da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind

umherzutollen, der leidende Zustand leicht zur drückenden Last geworden.

So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger Ergebung und

Geduld. Kein Wort der Sehnsucht nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich

bisher erfreut hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit

zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu gut, wie genau sie

die Schwere der Krankheit erkannte.

Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, der sich zuweilen

zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der Kreis ihrer Freunde Qualen

erlitt. Dabei war sie immer gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur

Mutter, der man es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt,

war das Kind von rührender Zärtlichkeit.

Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit nicht. Zudem versah

Maria von Tiefenbach noch im Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch

immer waren einige kranke Soldaten im Dorfe.

Max hatte es in den letzten Wochen vermieden, das Schulhaus zu

betreten. Seine Gegenwart daselbst war jetzt auch nicht mehr

erforderlich wie in den ersten Tagen, als man die Krankenzimmer

eingerichtet hatte. Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten

zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter, mit

diesen Geschäften.

* * * * *

Es war an einem der mittleren Apriltage.

Elisabeth war am Vormittag -- seit langer Zeit zum ersten Mal --

auf dem Schlosse gewesen, um noch einmal mit Maria von Tiefenbach

zusammen zu sein, bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin

sie plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende, schwer

erkrankte Schwester ihres Vaters zu pflegen. Der Abschied war beiden

Mädchen recht schwer gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden

Hoffnung, sich in kurzer Zeit wiederzusehen.

Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen auf dem Hofe und

schaute den drolligen Sprüngen junger Ziegenböcke zu. Das Gesicht des

jungen Mädchens sah aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln

betrachtete sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich

zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete.

Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett nicht mehr verlassen.

Auch jetzt half Friesen dem erschöpften Mädchen die Zeit kürzen, indem

er von seinen Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen,

kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern heitern Inhalts vorlas.

Die Freihoferin war Tag und Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete

ganz allein die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von

Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen erscheinen, war

aber die Aufmerksamkeit der Kranken von ihr abgelenkt, dann ruhte

das mütterliche Auge mit unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In

solchen Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen der Greisin

verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt durch den Ausdruck eines

gewaltigen Schmerzes gepaart mit überquellender Mutterliebe.

* * * * *

Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige Jüngling Frühling

durch die Gefilde, und wo sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum

neuen Leben. Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf dem

Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben dahin. Jetzt gab es

keinen mehr, der noch gehofft, niemand, der nicht die Schatten gesehen

hätte, die aus dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf dem

Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen.

Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten, daß in dem Hause

eine Seele weilte, die sich anschickte, das sterbliche Kleid, das

sie in dieser Irdischkeit getragen, abzulegen und in die Ewigkeit

zurückzukehren.

Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten Dienstleute waren

schon seit langen Jahren auf dem Freihof. Sie hatten das zarte Kind

aufwachsen sehen, hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder

ein Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit an hatte

Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung zu erfüllen, zwischen

der schweigsamen Mutter, von der nichts als Kälte auszugehen schien,

und dem Gesinde gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle

des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können. Er hatte zuviel

von der Mutter, und wenn die Leute auch wußten, daß er ein warmes

Herz für sie besaß, so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende

Heftigkeit. Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden,

sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb war sie für die Leute nicht

eigentlich die Tochter der Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo

es auch erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth

war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden Kopf mit den

strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte man sie scherzen und trällern.

In den Ställen kannte sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau

und in den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das Mädchen die

geheimnisvollsten Winkel. Niemand war davor sicher, von ihr nicht jeden

Augenblick überrascht zu werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber

bestand darin, mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der Tagelöhner

einzukehren. Dort hockte sie besonders gern, spielte mit den Kindern,

aß von deren Butterbroden und stob endlich davon, wenn die Mutter der

Kleinen sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens

gekommen sei.

Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr hinterdrein folgte, keinen mehr

neckte, man ihr fröhliches Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken

Zöpfe nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte sie jedem

von ihnen, den Kleinen wie den Großen.

Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit. Nach jedem neuen

Hustenanfall strich sie mit ihrer schmalen, abgezehrten Hand

liebkosend über die der Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen

Gesundwerden. Und doch wußte Elisabeth während sie diese Worte sprach,

daß sie nie wieder durch die Räume des Freihofes huschen würde, und

Friesen hatte die Ueberzeugung, daß das Mädchen nur um der Mutter

willen von ihrer Genesung redete.

Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen. Elisabeth fühlte

sich heute wohler. Das Gesicht des Kindes war in den letzten Wochen

immer schmaler, die Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden.

Und dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren bleich,

nur die Stellen auf den stark hervortretenden Backenknochen blieben

unaufhörlich fieberhaft gerötet.

Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren, um eine

Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht zu schlichten. Seine

Rückkehr sollte erst am Abend des nächsten Tages erfolgen.

Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft tat, Elisabeth

vorlas. Das Mädchen saß in Decken gehüllt in einem großen Armstuhl,

Friesen vor ihr. Mit träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das

edel geschnittene Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang mußte sie

weitabgeführt haben, denn schon längst hörte sie nicht mehr die

gesprochenen Worte.

Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen auf, während Friesen

im Lesen inne hielt. Gleich darauf trat der Postbote ins Zimmer und

brachte einen Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der

junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug den großen Stempel

seines Regiments. Mit leise zitternden Fingern löste er das Siegel und

durchflog die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er den Blick

sinken und schaute vor sich nieder. Wie er nach einer kurzen Weile die

Augen wieder erhob, erschrak er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths

Gesicht lag. Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle war der

Ausdruck unsagbarer Angst getreten.

Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er erriet die Gedanken

des Mädchens. Ihr feines Empfinden hatte sie ahnen lassen, was in dem

Brief stand und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken.

Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und Brausen in seinem

Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl hoher Glückseligkeit, freilich

vermischt mit tiefer Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter,

glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem plötzlichen Drange

folgend, sprang der junge Mann vom Stuhle auf, ließ sich vor dem

Mädchen nieder und lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände

tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen Mund darauf, und

dann perlte eine Träne auf sie nieder. Die andere Hand aber berührte

den Scheitel des Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar

und Wangen.

Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden hatten, um sich in

wenigen Stunden wieder zu trennen.

Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme:

»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon, ach, so lange, aber ich

wußte es nicht. Nun wir aber für immer von einander scheiden müssen,

spricht die Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache. Ach,

laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen: Bernhard, mein

Bernhard, -- -- ich habe Dich lieb!«

Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung und schüttelte

seinen Körper wie im Fieber.

Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth mit wonnetrunkenem Blick

in die Augen und sprach:

»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele! Jetzt weiß ich es auch, was

mich so unwiderstehlich an dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich

wieder hierhergezogen, denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick

in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Kraft, Du süßes

Mädchen!«

Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte von neuem seine Stirn

an die ihn liebkosende Kranke. So leerten die beiden Menschen in reinem

Genießen den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von einem

Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit herüberdrang, bis zum

Grund. In wenigen Stunden genossen sie das ganze Glück, das andern in

der Spanne vieler Jahre beschieden ist.

Herr, mach' uns frei! · 第 13 / 31 题