10. Kapitel.

In tiefem Blau prangte seit einigen Tagen der Himmel, und aus Südosten

blies ein lauer Wind.

Wie durch einen Zauberschlag war das Bild, das die Natur geboten,

verändert: der Schnee war unter den warmen Sonnenstrahlen verschwunden.

Anfangs ging es langsam, bis die obere Schicht zu schmelzen begann und

die ersten Wasserläufe entstanden. Als aber die Luft wärmer wurde und

der feurige Sonnenball seinen Kreislauf einige Male wiederholt hatte,

ohne daß ihn neidische Wolken verbargen, da trat starkes Tauwetter

ein. Das Wasser konnte nicht so rasch in die Erde einsickern. Die

Straßen weichten auf und wurden grundlos, und auf den Äckern und

Wiesen bildeten sich große Teiche, auf denen die Enten laut schnatternd

umherschwammen und die liebe Dorfjugend jubelnd Papierschiffe treiben

ließ. Der sonst zwischen seinen hochaufgeschütteten Ufern so friedlich

dahingleitende Göselbach war stark angeschwollen. Seit diesem Morgen

aber war er zum Strom geworden, dessen schäumende Wasser in raschem

Laufe dahinschossen.

Auf dem Freihofe war die schwere Beklemmung, die Elisabeths plötzliche

Erkrankung hervorgerufen hatte, langsam wieder gewichen. Der schnell

herbeigeholte Arzt hatte der Kranken Bettruhe verordnet, und wie ein

folgsames Kind schluckte sie Eisstückchen, die die nicht von dem Bette

weichende Freihoferin ihr reichte. Nach ein paar Tagen war das Mädchen

wieder wohlauf und hatte das Bett verlassen. Sie versicherte, daß

ihr nichts mehr fehle bis auf eine bleierne Mattigkeit, die in den

Gliedern läge. Aber auch dies hielt nicht lange an, dann war sie wieder

lustig und beweglich wie vorher. Sie tollte mit Friesen, als wenn

nichts geschehen wäre, über die spärlichen Schneereste hinweg und war

unermüdlich, ihn zu necken. Ihre Erfindungsgabe half ihr immer wieder,

neue, harmlose Streiche ersinnen, die sie ihm spielte.

Mit großer Besorgnis beobachtete die Freihoferin den Zustand ihres

Kindes. Anfangs hatte sie wohl zuweilen ihre Stimme mahnend erhoben

und dem Mädchen schnelle Bewegungen und Umherspringen untersagt, bald

aber sah sie ein, daß ihre Mahnungen nicht fruchteten, da sie nur zu

schnell vergessen wurden. Denn alle Bewegungen, die das Mädchen tat,

waren rasch, und die große Lebhaftigkeit, die einen Teil ihres Wesens

ausmachte, konnte sie unmöglich unterdrücken.

* * * * *

Max hatte mit Friesen für den Nachmittag einen Ausritt verabredet, dem

auch Elisabeth sich anzuschließen wünschte. Der Widerstand der Mutter

war bald besiegt, und so trabte denn die kleine Kavalkade fröhlich vom

Hofe fort, hinein in den lachenden Sonnenschein. Friesen hatte eines

der im vorigen Jahre gekauften Kutschpferde bestiegen, einen dicken

Wallach, dem ab und zu einmal der Sattel aufgelegt wurde, während Max

seinen Braunen ritt.

Elisabeths hochbeiniger Schimmel konnte sich nicht lange dem ruhigen

Schritt der beiden andern Pferde anpassen, er drängte unausgesetzt in

die Zügel und tänzelte nebenher, den langen Schweif mutwillig hinüber

und herüber schlagend. Aber Elisabeth war eine gute Reiterin, die die

Launen des Tieres wohl kannte. Mit kurzem Zügelruck, den sie schnell

wiederholte, verwies sie das Tier zur Ruhe, so daß der Schimmel alsbald

die Zügel freigab, in ruhigen Gang fiel und den leisesten Hilfen der

Reiterin wie ein Hündchen folgte.

Als die kleine Schar außerhalb des Dorfes angekommen war und die Straße

verlassen konnte, lenkte sie hinüber auf ein sich lang hinziehendes

Rasenstück, auf dem nur noch vereinzelt kleine Pfützen stehen geblieben

waren. Im leichten Trab sprengten sie weiter, die Wangen von mildem

Windhauch umfächelt.

In einiger Entfernung vor den Reitern wand sich ein ziemlich breiter

Wassergraben über ihren Weg. Elisabeth hatte das Hindernis kaum

erblickt, als sie auch schon vorschlug, darüber hinwegzusetzen. Im Nu

hatten ihre Begleiter angenommen. Man ließ den Gäulen die Zügel, und in

kurzem Galopp ging es dem Graben zu.

Max hatte sofort bereut, sich zum Mittun bereit erklärt zu haben, denn

er argwöhnte, daß sein schwerer Brauner ihn im Stich lassen würde. Aber

nun konnte er sich nicht mehr ausschließen, denn Elisabeth hätte ihn

grausam verspottet.

Friesen blieb dicht neben Max, während der Platz zwischen beiden leer

geworden war. Elisabeth hielt nämlich den Schimmel kräftig zurück, um

zu verhindern, daß er über die Linie hinausschösse, denn sie wollte

an dem Hindernis als Letzte ankommen. So gewannen die Herren einen

geraumen Vorsprung.

Jetzt waren die Reiter nur noch eine kurze Strecke von dem Graben

entfernt und ließen die Tiere laufen. In der nächsten Sekunde waren sie

am Wasser. Max sprang zuerst, fast in demselben Augenblick sprang auch

Friesen und kam dicht hinter dem Graben nieder. Maxens Brauner sprang

aber zu kurz und schlug mit den hinteren Hufen laut klatschend ins

Wasser, daß die schmutzige Flüssigkeit hochaufspritzte und Pferd und

Reiter reichlich übergoß.

Aber schon ertönte von hinten her ein helles Auflachen und gleich

darauf setzte Elisabeths Schimmel in leichtem Sprunge, behend wie eine

Gemse über den Graben und kam weit vor Friesens Wallach sicher nieder.

»So sieht ein richtiger Sprung aus, Ihr Herren,« rief das Mädchen mit

lauter Stimme über die Schulter zurück, während der Schimmel mit

großer Geschwindigkeit weiterstürmte.

Max tat eine kräftige Verwünschung über die Schwerfälligkeit seines

Pferdes und zwinkerte ärgerlich mit den Augen. Dann gab er dem Gaul

wütend die Sporen, daß er einen wilden Satz machte, der ihn aus dem

Wasser herausbrachte, um sich mit ein paar weiteren Sprüngen aus dem

weichen Boden vollends herauszuarbeiten. Die Zügel auf den Hals des

Tieres fallen lassend, trocknete er sich, das Taschentuch mit beiden

Händen erfassend, das triefende Gesicht ab.

Friesen hatte nur ein paar Tropfen auf die Wange bekommen, die er jetzt

laut lachend mit dem Zeigefinger abwischte und fortschleuderte.

»Ich werde mich hüten, mit dieser behäbigen Dame noch einmal einen

solchen Graben zu nehmen,« knurrte Max, der nun endlich Gesicht und

Hals wieder trocken hatte. »Hast Du gesehen, wie sie sprang? Ja? Gerade

so wie ein Walroß, und ich kann noch von Glück reden, daß ich nicht

heruntersegelte; bald wäre es freilich geschehen.«

Während dieser Worte hatten sie ihre Pferde wieder langsam in Bewegung

gesetzt und trabten nun in der eingeschlagenen Richtung weiter.

Elisabeth war ein großes Stück vorausgeeilt. Dann war sie umgekehrt und

nun ritt sie in weiten Kreisen um die Männer herum. In kecker Haltung

saß sie auf dem Tiere, es zu immer größerer Eile antreibend.

Während die beiden Reiter ihre Pferde ruhig laufen ließen, betrachteten

sie mit Vergnügen das in Windeseile dahinfliegende Mädchen. Die

Entdeckung, daß Elisabeth eine vortreffliche Reiterin war, hatte

Friesen schon längst gemacht. Heute wurde ihm ein neuer Beweis hierfür.

Elisabeth behielt auch in dieser scharfen Gangart das Tier vollständig

in ihrer Gewalt, und die Reiter konnten deutlich wahrnehmen, wie der

Schimmel dem Zügel augenblicklich folgte. Ohne die Schnelligkeit zu

vermindern, umkreiste Elisabeth noch immer die beiden Freunde, alle

Hindernisse nehmend, die im Wege lagen. Ihre Augen leuchteten vor

Freude, und eine Locke des blonden Haares hatte sich gelöst und wehte

der Reiterin um die jetzt von einer leichten Röte bedeckte Stirn.

Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor den Herren vorbeigejagt

und hatte ihnen ein Scherzwort herüber gerufen, als Maxens Pferd

plötzlich vor einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt

durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge, nahm es Max fest in

die Zügel und zwang es mit eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem

Augenblick stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen

hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr auf und suchte seine

Schwester mit dem Blick, die sich gerade in geraumer Entfernung

rechtsseitwärts von ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was

dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da sagte Friesen kurz:

»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den Schimmel in Schritt zu

bringen.«

Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter Aufmerksamkeit

dem sich ihnen von rückwärts her nähernden Mädchen entgegen.

»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im ganzen harmlos,«

entgegnete Max, »und Elisabeth kennt sich mit ihm aus.«

Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin in kurzer Entfernung

an ihnen vorüber. Elisabeths Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht,

aber es gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt

über das Tier vollständig verloren hatte. Mit seiner ganzen schwachen

Kraft riß das Mädchen an den Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare

klemmte zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden

Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus der bisherigen Richtung

heraus und jagte eine sanft ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an

den letzten Häusern des Dorfes vorbei.

Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden Pferde

entsetzt nachschauend. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre

Bestürzung. Kein Wort wurde ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es

eine Jagd auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu retten, denn

der rasende Lauf des scheugewordenen Pferdes führte in gerader Richtung

auf den hochangeschwollenen Bach zu.

Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden Braunen die

Sporen tief in die Seiten, daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich

auf den Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie toll

davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden Pferde schlugen sofort

eine hohe Geschwindigkeit an, und so ging es in wilder Jagd dem in

nicht zu großer Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach.

Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen Blick von dem

davoneilenden Pferde verlierend und mit allen Sinnen auf den Gang

ihrer Tiere achtend. Maxens Brauner schien wieder gut machen zu wollen,

was er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen setzte er über den

weichen Boden hinweg, so daß Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu

bleiben.

Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune sein Bestes bot, er

verlangte noch mehr von ihm. Von neuem setzte er dem Tiere die Sporen

in die Seiten, daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit

fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung bemerkte Max,

daß sich die Entfernung zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte.

Friesens Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb um

einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens Zurückbleiben, aber was

kümmerte es ihn; seine weit aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren,

an der zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden Pferde.

Der Zwischenraum wurde merklich kürzer, denn der Braune hielt das

scharfe Tempo gut inne und verkürzte nicht um eine Handbreite seine

weitausgreifenden Sprünge.

Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem Tiere. Wieder gab er

ihm die Sporen zu fühlen, bis er zuletzt das Eisen auf den Flanken

ruhen ließ und durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen

den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte. Alles

was in dem Pferde war, forderte sein Reiter in diesen Augenblicken von

ihm. Und wenn das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch ein

Menschenleben zu retten, und dieser Mensch -- war seine Schwester! Zum

Glück näherte er sich ihr bei diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und

noch in großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe mußte er sie

eingeholt haben.

Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann zu verlassen, wenn er

blitzschnell die Möglichkeit erwog, daß sein Pferd diese Schnelligkeit

nicht aushalten könnte. Seine Augen schätzten fortwährend forschend den

Abstand, und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß Elisabeths

Vorsprung sich immer mehr verringerte und er sehr bald an ihrer Seite

sein mußte. Er überlegte: von links wollte er anreiten, um die rechte

Hand frei zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des störrischen

Schimmels in seiner Faust haben würde, dann -- -- -- -- -- --, was Max

von Tiefenbach in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte ihm!

Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter nachlassen, er mußte

ohne Unterlaß das Eisen kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere

die Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze wie unsinnig

weiterraste.

Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da, allmächtiger Gott,

täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit, -- der Braune verkürzte

die Sprünge? Sein Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine

Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden. Ein wilder

Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo er in wenigen Sekunden an seiner

Schwester Seite sein konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie

diese dem unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein greller

Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst seiner sich stürmisch

jagenden Betrachtungen. Wie unter einem heftigen körperlichen Schmerz

zuckte Max zusammen und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um des

Himmels willen, die Mutter!«

Wütend fuhr da der Mann auf:

»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche lassen? Warte ich will

Dir Lust machen.«

Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die Flanken. Aber das Pferd

bäumte nicht mehr angstvoll auf wie vorhin und machte seine Sprünge

nicht größer. Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten

Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder anderen Zeit

Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem Augenblick aber hörte und sah er

nichts von der großen Erschöpfung des so schnelles Laufen ungewohnten,

schweren Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm

gefordert werden durfte.

Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der Schimmel immer größeren

Vorsprung gewann. Alle Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf

ihn einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das jetzt

wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut gepackt trieb er ihm

zwei-, dreimal die Eisen in die Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch

auf, -- da riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann bohrten

sich wieder und wieder die Sporen in sein Fleisch. Mit Schenkel und

Eisen bearbeitete Max ohne Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein

schnelleres Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der Braune

die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte und daß die

Entfernung sich mit jedem Sprung vergrößerte.

Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der in gleichbleibender

Schnelligkeit weitergeritten und der trotz der vielen Versuche seines

Reiters in keine schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen

vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu behalten, aber der

Wallach kam näher. Schon standen die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann

glitt Friesen ein Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune

nur schwer folgen konnte.

Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe erreicht hatte.

Elisabeths Gestalt war noch einen Augenblick sichtbar, und die beiden

Freunde erkannten deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und

daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes geschlungen hatte.

Dann entschwand sie ihren Blicken.

Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nahm seinen

Reitstock und schlug damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die

Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht hinter Friesens

Wallach blieb.

* * * * *

Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt. Die nackten Füße in

Lederpantoffeln steckend, kniete er gerade vor einem Wagen und legte

um eine zersprungene Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am

Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe Maiskörner unter

die stattliche Schar Hühner schleuderte.

Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte Freihoferin leise

verlassen hatte, war es in der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch

viel stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine Weile an dem

hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt. Lange hatte dies aber nicht

gedauert, dann mochte ihm die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben.

Er hatte auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen

Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren lassen.

Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was sich um ihm herum

zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte er dann das gewaltige Ringen

der Völker und die erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um

die Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten seine Gedanken

nicht mitten unter den Helden geweilt, und es begab sich zum ersten

Mal, daß das Interesse an den Großtaten Jener verblich, und sich

dafür etwas anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin für

sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte Konrad das Bett

aufgesucht. Die Mutter aber war geblieben und hatte mit Wehmut lange,

lange auf die Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte. -- --

Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen Blicken und

wiederholtem Betasten den geflickten Schaden geprüft. Da stieß die

Rabensteinerin einen lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr

erschreckt in die Höhe und blickte auf seine Mutter.

Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten der die Körner

geschäftig aufpickenden Hühner und sah in großer Erregung durch

das weitgeöffnete hintere Hoftor, das unmittelbar auf die Wiesen

hinausführte. Hastig folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in

demselben Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark gerötetes

Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden. Einen Herzschlag lang

schauten Mutter und Sohn mit dem Ausdruck des Entsetzens nach den

Wiesen, über die in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg

setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt eines jungen

Mädchens zu erkennen war.

Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie verlierende junge Mann

wie gelähmt, da riß sich die Mutter von dem erschreckenden Anblick los

und rief dem Sohne zu:

»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht einen Augenblick hast Du zu

verlieren!«

Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos ins Weite.

Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes helle Zornesröte auf.

Mit ein paar Sprüngen stand sie neben dem Sohn, riß an seiner Schulter

und schrie ihm ins Ohr:

»Deine gesunden Knochen sind Dir wohl zu lieb? Junge, weißt Du denn

nicht, wessen Leben es gilt, he?«

Der Gescholtene aber zuckte verzweifelnd die Achseln und sagte dumpf:

»Sie ist schon zu nahe am Wasser, ich schaff’s nicht mehr, -- -- es ist

zu spät!«

Da lachte das Weib schrill auf und schrie:

»Du Hasenfuß!«

Im nächsten Augenblick sprang sie in den offenstehenden Stall, und

Konrad hörte, wie die Kette am Stande des Fuchses niederrasselte.

Dann dröhnte das Stampfen des Pferdes von dem steinernen Belag der

Stallgasse wider, und mit lautem Wiehern trat das Tier ins Freie.

Konrad, der sich noch immer nicht von dem Anblick losgerissen hatte,

merkte das Pferd auf sich zukommen. Mechanisch und ohne hinzusehen hob

er die Arme und griff mit beiden Händen in die dichte Mähne des immer

weiterschreitenden Pferdes.

»Vorwärts!« rief da die Rabensteinerin und führte einen derben Schlag

auf den Schenkel des Fuchses, daß dieser einen schnellen Gang anschlug.

Konrad hielt sich an dem krausen Mähnenhaar fest, die Augen nicht

von der Gestalt auf dem galoppierenden Schimmel abwendend. Er mußte

laufen, um mit dem sich rasch vorwärts bewegenden Gaule gleichen

Schritt zu halten, bis der Gang zu schnell wurde. Da, ein gewaltiger

Ruck und Schwung, -- und er saß auf dem Rücken des Tieres. Im nächsten

Augenblick trabte der Hengst zu dem hintern Hoftor hinaus.

Die Rabensteinerin aber eilte, so schnell ihre Füße sie tragen wollten,

die Treppe des Hauses hinauf auf den Dachboden. Und dann stand das

Weib an der Dachluke, hielt die schwielige Hand, um das Auge vor den

Sonnenstrahlen zu schützen, an die Stirn und schaute hinaus auf die

Wiesen.

* * * * *

Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels hinter der Bodenwelle

hatte sich in das Herz des noch immer auf Rettung hoffenden Max die

grausame Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner Schwester

nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte ihm das Blut zu Kopfe,

daß die Schläfen zerspringen wollten. Er keuchte unter der Last,

die sich auf seine Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den

ausgepumpten Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er merkte

mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur noch wenige Minuten

laufen würde, um dann niederzustürzen. Auch Friesen konnte trotz der

heftigsten Bemühungen nichts mehr aus dem Wallach herausholen. So

sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender Geschwindigkeit

nebeneinander dahin, wissend, daß das unglückliche Mädchen in kurzer

Zeit am Wasser angekommen sein würde.

Da erklang mit einem Male hinter ihnen das Schnauben und Stampfen eines

weit ausgreifenden Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und

glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell näher und immer

näher und ließ keinen Zweifel mehr zu, daß ein Reiter den Hufen ihrer

Rosse folgte. Doch der sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein

bewegende Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen. Neuer

Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei dem Erkennen der ihnen

werdenden Hilfe, und mit Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre

Tiere zum schärferem Laufen zu bringen.

Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter ihnen. Noch

ein paar Sprünge seines Pferdes und die Tiere liefen einen Augenblick

nebeneinander. Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus,

die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von Erde und Steinen

überschüttend, die unter den Hufen des flüchtigen Pferdes hochauf

flogen. Eine kurze Weile konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann

tauchte er hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch

Elisabeth verschwunden war.

Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der schwindelnden

Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum gewesen. Kaum daß sie sein

Nahen vernommen, hatte er sie auch schon eingeholt, war prasselnd und

dröhnend an ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden

-- wie ein Reiter aus dem Gefolge des wilden Jägers.

In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene mit ihnen

auf gleicher Höhe ritt, hatten die Freunde ihn erkannt: es war Konrad

Hartmann. Barhäuptig und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige Gestalt

zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten fuchsigen

Hengstes gehockt, den Kopf zu den Pferdeohren hinabgebeugt und die

Augen starr darüber hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer

Strähne des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger der

rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst keine Hilfe,

kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß es ein Menschenleben zu

retten gelte, hatte der Hengst ausgegriffen und sie zurückgelassen.

Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch auf, ihre Tiere weiter

anzutreiben. Sie waren schon froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen

weitertrugen, der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden.

Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte sich, ruhig zu bleiben,

aber sein Herz klopfte hörbar und er keuchte schwer vor Anstrengung und

Erregung. Noch ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und sie

standen auf der Höhe.

Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in der Sonne glitzernde,

hochgehende Bach vorüber und unmittelbar vor ihm sahen sie, wie

Elisabeth, von Konrad gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu

gehen. Ihre Pferde standen abseits.

In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen die nach Luft

haschenden Tiere stehen und eilten die Lehne hinab. In wenigen Minuten

hatten sie das Ufer erreicht.

Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten großen Stein, sich

auf den Ellenbogen stützend und sah den beiden Männern mit schwachem

Lächeln entgegen. Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen

spielten zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen.

Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester, kniete nieder,

schloß das Mädchen in tiefer Erregung in die Arme und blieb eine Weile

mit ihr stumm Brust an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und

wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über.

Der aber schlug den Blick zu Boden und machte eine Bewegung mit der

Hand, als wenn es sich um eine leichte Sache handele.

»Warum willst Du meinem Dank wehren, Konrad?« sprach Max mit vor

Bewegung zitternder Stimme, »der Geber darf sich dem Dank des

Beschenkten nicht entziehen, sonst macht er diesem die Annahme der Gabe

allzuschwer.« Dann legte Max seine Hände auf Konrads Schultern, beugte

sich tief herab, daß er ihm in die Augen sah und fuhr fort:

»Wir sind seit unserer Kindheit Freunde, und ich habe immer gewußt, was

ich an Dir besaß. Heute hast Du mir aber einen Dienst erwiesen, für

den Dir zu danken meine Worte zu schwach sind. Ich bleibe für immer

Dein Schuldner. Unser Freundschaftsbund, Konrad, ist durch diese Tat

besiegelt fürs Leben!«

Dann reichten sich die Männer schweigend die Hände, worauf sich Max

abwandte, um seiner ihn zu übermannen drohenden Ergriffenheit Herr zu

werden.

Elisabeth aber richtete sich höher auf und sprach leise:

»Konrad, bitte komm zu mir.« Und wie dieser zu der Sitzenden getreten

war, legte Elisabeth ihre Hand in die seinige, sah ihn mit allem von

ihr ausgehenden Liebreiz ins Gesicht und sagte mit schmeichelnder

Stimme:

»Die Mutter, Max und Du! Sprich, Konrad, willst Du von heute an mein

Bruder sein?«

Da erfüllte das Herz des also Angesprochenen eine tiefe Bewegung, und

auf seinem Gesicht begann ein wunderliches Spiel. Das Mädchen aber

schlang den Arm um seinen Hals, zog den Mann zu sich herab und drückte

ihre Lippen auf den zuckenden Mund.

Herr, mach' uns frei! · 第 12 / 31 题