Noch immer hielt die grimmige Kälte an, und der Schnee lag hoch
aufgeweht auf der weiten Fläche. Ein Tag nach dem andern schlich trübe
und grau dahin; kein freundlicher Sonnenstrahl schien auf die Erde
herab. Die Leute kamen während des kurzen Tages kaum einmal aus ihren
Häusern heraus. Das bißchen Arbeit, das in der Scheune verrichtet
werden mußte, wurde am Vormittag getan. Im übrigen aber ließ man die
sonst so arbeitsamen Hände ruhen, saß nebeneinander auf der geräumigen
Bank, rund um den behagliche Wärme verbreitenden Ofen, und sah durch
die leicht mit Eisblumen geschmückten Fensterscheiben hinaus in
die winterliche Landschaft. Der Abend brachte endlich wieder eine
Unterbrechung: man eilte in die Ställe und besorgte das Vieh. Dann aber
saßen sie wieder beisammen und sprachen von der alten Ernte und von der
neuen, vom Kriege und von Weihnachten, zählten zum hundertsten Male
auf, wer im verflossenen Jahre im Dorfe und in der Umgebung, soweit
man sie kannte, gestorben und wem ein kleines Kindlein beschert worden
war. Zuletzt kamen sie bei der Politik an, die seit Menschendenken den
Männern einen bequemen und ausgiebigen Gesprächsstoff geliefert hat.
Wenn nur der Kaiser seine neue Armee erst wieder aus Paris würde
heranführen, dann mochte man Untertan aller Herren Länder sein,
bloß kein Russe, denn denen würde er die Leiden seiner Soldaten
schon vergelten. Übrigens würde nicht eher dauernder Friede im Lande
herrschen, ehe nicht der Kaiser die Preußen wieder einmal empfindlich
gestraft haben würde. In Berlin sollte es ja recht schön zugehen. Auf
jedem Schneehaufen lägen erschlagene Offiziere und Bürger, und der
König Friedrich Wilhelm hätte einen italienischen Zigeuner überredet,
daß er den Kaiser vergiften solle.
Wie friedlich war’s dagegen doch in Dresden! Dort gab es kein Lärmen,
aufhetzendes Gerede oder Fäusteballen. Und tat dies doch einmal einer,
so verschwand er, wie es sich geziemte, ohne Geräusch und spurlos von
der Bildfläche. Ja, in dem lieben, guten Dresden herrschte eben wie
immer Ordnung! Die Minister waren so klug, sich Watte in die Ohren zu
stopfen, wenn ihnen von geheimen Boten aus Berlin etwas zugeflüstert
wurde, und der gute König ließ das im vergangenen Jahre vor Ankunft
des Kaisers im Innern neu hergerichtete Schloß wieder sauber machen
und zählte ungeduldig die Tage bis zu der vermeintlichen Wiederkunft
des kaiserlichen Freundes. Also nach dieser Seite hin war im Lande der
Ausblick erfreulich ...
So erzählten sich die biedern Rehefelder Abend für Abend die
haarsträubendsten Geschichten von den Dingen, die mit dem kommenden
Lenze anheben sollten. Und wie es sich auf diesem abgelegenen Dörfchen
zutrug, genau so geschah es allüberall unter den Untertanen des Königs,
der die grüne Raute im Schilde führt. Die beginnenden Wehen der großen
Zeit wurden allerwärts in den deutschen Landen verspürt, nur innerhalb
der weißgrünen Grenzpfähle merkte man nichts von ihnen. Das am Himmel
leise heraufkommende Morgenrot der deutschen Freiheit sahen sie nicht,
erst mußte das ganze Firmament blutigrot leuchten, als Widerschein der
urgewaltig auflodernden Flammen. Und dann war es zu spät.
Die Schneewolken hingen tief herab und machten die kurzen, lichtarmen
Wintertage traurig und düster. Weit finsterer war es aber in den Köpfen
vieler Menschen.
* * * * *
Die Freihoferin saß, vor sich hinbrütend, auf ihrem gewohnten Platze am
runden Tische, als es an der Tür klopfte, und gleich darauf Konrad ins
Zimmer trat.
Frau von Tiefenbach fuhr aus ihren Gedanken auf und sah zerstreut auf
den Ankommenden.
»Guten Tag, Bäuerin,« grüßte Konrad und zog mit umständlicher Bewegung
die Tür hinter sich fest ins Schloß.
»Willkommen, Konrad,« klang es zurück. »Es ist mir lieb, Gesellschaft
zu bekommen, denn die Kinder sind mit dem Schlitten draußen. Kurz nach
Mittag sind sie fortgefahren, und ich erwarte sie bald zurück. Wie geht
es der Mutter?«
»Ich danke für die gute Nachfrage, sie ist wohlauf und läßt Grüße
bestellen.«
Mit diesen Worten war der Rabensteiner, der alten Frau zunickend, zu
dem mächtigen Ofen getreten und legte mit Behagen die erstarrten Hände
daran.
Dann blieb es eine kurze Weile still. Draußen begann sich allmählich
die Dämmerung herabzusenken und erfüllte das Zimmer mit unsicherm Licht.
Die Freihoferin sah nach dem Fenster, dann warf sie, als das Schweigen
andauerte, einen raschen Blick zu dem Mann hinüber, der sich stumm
am Ofen zu schaffen machte und nicht von den großen, braunen Kacheln
aufschaute.
Noch immer die Hände reibend, hob Konrad endlich an:
»Wie lange wird’s noch so gehen? So lange ich denken kann, hatten wir
noch keinen solchen anhaltenden Winter. Wenn es doch bald besser werden
wollte. Ich wünschte, der viele Schnee verschwände mit einem Male.«
»Ich fürchte mich vor einem plötzlichen Temperaturwechsel bei solch
einem Schneereichtum,« versetzte Frau von Tiefenbach. »Schnelles
Tauwetter bringt zuweilen Gefahren.«
»Das ist freilich richtig,« antwortete Konrad einsilbig.
Eine Pause entstand.
»Was man von Berlin hört, ist recht erfreulich,« begann er wieder.
»Gebt acht, wenn uns Heil widerfahren soll, kommt es von der Spree her.
Bei uns sind doch alle nur Nachtmützen.«
»Du hast Recht, Konrad. Hierzulande ist man schläfrig und denkfaul.
Soviel Schnee draußen liegt, so viel müßiges Geschwätz ist in der Leute
Mund. Aber vernünftig denken oder gar erst handeln tut keiner.«
Der am Ofen gab keine Antwort, aber er rieb und knetete seine Hände,
daß die Finger krachten.
Wieder gab es eine Pause.
Die Erwartung der Freihoferin stieg immer höher, aber sie verriet mit
keinem Zeichen ihre Ungeduld. Nur mußte sie mehr als einmal verstohlen
hinübersehen, nach dem jungen Mann, der ihr heute so seltsam erschien.
Da wandte sich Konrad plötzlich um und trat zum Tische. Mit einer
ungeduldigen Bewegung zog er einen der schweren Stühle vor sich hin,
beugte sich weit über die hohe Lehne und sah der Freihoferin mit
unsicherm Blick in das Gesicht.
Langsam und mit belegter Stimme, gleichsam die Worte abzählend, sprach
er dann:
»Bäuerin, ich muß Euch um etwas fragen. Seit mehr als einem Jahr schon
liegt es mir auf der Brust und preßt mir fast das Herz ab. Jetzt kann
ich es aber nimmer ertragen. Sagt, Freihoferin, wollt Ihr mir Euer
Liebstes, das Ihr habt, anvertrauen? Ich verspreche Euch -- --«
Hier brach Konrad ab. Er wollte zwar mehr sprechen, aber die Worte
erstarben ihm auf der Zunge, bei dem Anblick, den die Frau vor ihm bot.
Das Gesicht starr wie aus Stein, die Lippen, aus denen jeder
Blutstropfen gewichen war, fest aufeinandergepreßt, und den Blick auf
den Boden geheftet, saß die Freihoferin unbeweglich im Stuhle, den
einen Arm schwer auf den Tisch stützend.
Zwei, drei Sekunden vergingen in diesem Schweigen. Dann schob Konrad
den Oberkörper weit vornüber, daß sein Mund sich dicht vor dem Gesicht
der Freihoferin befand. Er wußte die Veränderung der Greisin nicht zu
deuten, deshalb begann er von neuem und stieß mit gepreßter Stimme die
Worte hervor:
»Ich besitze nicht viel, was ich Euerm Kinde bieten könnte. Ihr wißt,
der Rabensteiner Hof ist eng und sein Ertrag klein. Aber wenn’s Euch
gefällt zu hören, so verrate ichs Euch, der Mutter, daß ich Euer Kind
liebe aus der tiefsten Stelle meines Herzens heraus und daß ich sein
Leben und Glück behüten würde wie einen kostbaren Schatz, den mir die
Engel vom Himmel herab in mein Heim getragen haben!«
In überschäumender Leidenschaft hatte der Mann diese Worte
ausgesprochen und seine ehrlichen Augen fest auf die Freihoferin
gerichtet.
Aber die Greisin rührte sich nicht, hob nicht einmal den Blick, um ihn
dem Bittenden zu gönnen.
Da schlug der junge Mann die Augen nieder und langsam, als ob es ihm
Schmerzen bereite, richtete er sich aus seiner vornübergebeugten
Haltung auf und trat einen Schritt zurück.
Dann sprach er mit unsäglich bitterm Auflachen:
»Da hätte mich die Mutter nicht zu schelten brauchen, als ich die
Befürchtung aussprach, daß zum Brautwerber auf dem Freihofe der
Rabensteiner zu gering sein würde!«
Bei diesen Worten machte die Freihoferin eine matte Bewegung, als wenn
sie Konrad am Weitersprechen hindern wollte. Doch der warf trotzig den
Kopf in den Nacken, griff nach der Mütze und wandte sich zur Tür. Da
drangen ihm in scharfem Tone die Worte ins Ohr:
»Konrad, bleib und setze Dich zu mir!«
Diese Aufforderung hatte so gebieterisch geklungen, daß der junge Mann
nicht wagte, sich zu entfernen. Er trat wieder zum Tische und nahm der
Greisin gegenüber Platz.
Noch immer in tiefer Bewegung, aber äußerlich gefaßt, begann die
Freihoferin:
»Ich habe Deinen Vater gekannt, Konrad, er war ein Ehrenmann. Deine
Mutter ist meine Freundin, und Dich habe ich schon liebgewonnen, wie Du
als Knabe im Ziegenbockwägelchen durchs Dorf kutschiertest. Ich kenne
Dich besser als Du meinst und wüßte für meine Tochter weit und breit
keinen bessern Freier als Dich. Und doch kannst Du nicht mein Eidam
sein, wie es überhaupt niemand werden kann.«
Die Freihoferin lehnte sich in den Stuhl zurück, als wenn sie einer
Schwächeanwandlung folgen müsse. Nach einigen Augenblicken aber raffte
sie sich wieder auf und sprach mit leiser Stimme:
»Höre zu, Konrad, was ich Dir sage. Du und kein anderer wärst mein
Tochtermann geworden, wenn nicht eine höhere Macht, der wir uns demütig
beugen müssen, es anders wollte. Was ich Dir jetzt anvertraue, weiß
nur ich, und niemand ahnt das Entsetzliche. Ich allein wollte den Gram
bewahren, bis es offenkundig werden muß. Dir gegenüber aber muß ich
reden. Es kann Dir wie allen andern nicht verborgen geblieben sein, daß
Elisabeth eine schwache Gesundheit besitzt und seit Jahren kränkelt.
Sie ist aber leidender als sie und alle, die sie kennen, ahnen. Meinem
Blick ist es nicht entgangen, daß ihre von allen Ärzten als unheilbar
bezeichnete Krankheit in den letzten beiden Jahren rasche Fortschritte
gemacht hat, und eine innere Stimme raunt mir schon zu, daß ich das
Kind nicht mehr lange besitzen werde. O, -- mir bangt so unsagbar vor
dem Herbste -- -- --«
Die Freihoferin hielt inne, um ihre Bewegung niederzukämpfen. Dann
wollte sie weiter sprechen, aber ihre Stimme versagte. Sie lehnte ihr
Haupt wieder an die Stuhllehne zurück und bedeckte das Gesicht mit der
Hand.
Konrad hatte der Greisin lautlos zugehört; jedes ihrer Worte fühlte er
wie einen Keulenschlag. Sein ganzer Himmel brach über ihm zusammen. In
diesem Augenblick erst überkam ihn die Erkenntnis, mit welch inniger
Liebe sein Herz schon an dem Mädchen gehangen hatte, jetzt, wo er das
Kleinod verlor, noch ehe er es besessen hatte. Noch vor einer Stunde
war sein Herz von seligen Hoffnungen erfüllt gewesen. Sein geistiges
Auge hatte ihm eine blumige Wiese vorgezaubert, auf der er ruhte. Und
wie sein Blick sich labte an den glänzenden Gaben des Himmels, da kam
das Glück, ein betörend schönes Weib, lachend auf ihn zugeschritten
und bot ihm schon von fern die Hand. -- So hatte es in seinem Innern
ausgesehen, als er dieses Zimmer betrat. Und jetzt? Wie war doch mit
einem Male alles in ihm ganz anders! Das Jauchzen war verstummt, der
Sonnenglanz verblichen. Die grauen Schneewolken draußen hingen tief
herab, daß sie seine Stirn zu berühren schienen. Blüten und Blumen
waren verschwunden, und weit in der Ferne schritt flüchtigen Fußes das
Glück, -- -- es war an ihm vorübergegangen!
Da fiel sein Auge auf die in den Stuhl zurückgesunkene Greisin, und
langsam schloß sich die frische Wunde seines Herzens, verstummte sein
Weh vor dem gewaltigen Schmerz, der diese Mutter durchwühlte. Durfte
er klagen angesichts dieses Weibes, das seit langen Monaten sein Kind
dahinschwinden sah, und dem ein untrügliches Gefühl seinen nahen Tod
grausam angekündigt hatte?
Erschüttert sah Konrad auf die Freihoferin. Aber er wußte nicht, wie er
sie trösten sollte, denn solch einen Schmerz können Worte nicht mildern.
Und mühsam erhob sich der Jüngling und ging mit leisen Schritten zur
Tür und verließ geräuschlos das Zimmer.
* * * * *
Wenige Stunden später waren die beiden Männer mit Elisabeth
zurückgekehrt, und bald darauf vereinten sich alle zur Abendmahlzeit.
Während des Essens herrschte die fröhlichste Stimmung. Elisabeth war
ausgelassen wie selten. Sie sprühte vor Lustigkeit, und ihr fröhliches
Lachen übte seine Wirkung auf die kleine Tischgesellschaft aus. Nur die
Freihoferin blieb ernst und schaute mit besorgten Blicken auf das ihr
gegenübersitzende Mädchen.
Der Ausflug vom Nachmittag wurde besprochen, und Elisabeth erzählte
der Mutter, daß sie auf der Bornaschen Straße ein gutes Stück
hinausgefahren und dann über Göltzschen zurückgekehrt seien. Die
Pferde hätten wacker ausgegriffen, und es sei eine Lust gewesen, so
pfeilschnell durch die herrliche Winterlandschaft zu fliegen.
»Auf der Rückfahrt,« plauderte sie mit Lebhaftigkeit, »mußte Max die
Zügel natürlich meinen Händen überlassen, und während er mit Herrn
von Friesen hinter mir wieder über die ganz langweilige Politik
sprach, reifte mit einem Male in meiner Seele ein schwarzer Plan.
Ich hatte es nämlich schon wiederholt versucht, die beiden von ihrem
Gesprächsstoff abzulenken, denn sie sollten von etwas reden, das ich
gern höre. Aber mein Drängen war immer vergeblich gewesen. Da riß
mir endlich die Geduld und ich beschloß, mitten in ihre Unterhaltung
hinein ganz überraschend einen dicken Punkt zu machen. Und wie wir den
Tanzberg kaum im Rücken hatten, und die Gäule die abfallende Straße
hinuntertrabten, da war ich mit mir im reinen über das Mittel, mit dem
ich die ungalanten Herren an die Pflichten der Ritterlichkeit mahnen
wollte. Du weißt, liebe Mutter, an der Stelle, wo im Sommer die großen
Brombeersträucher blühen, macht die Straße einen scharfen Knick. Dort
sollte der Schauplatz der Katastrophe sein. Leider war kein Publikum
zu der Vorstellung erschienen. Links also sind die Sträucher, und
rechts der Straße hat der Wind den Schnee hochaufgeweht. Ich halte die
Zügel etwas straffer, um die scharfe Biegung nicht allzuschnell zu
nehmen. Kaum sind wir aber bei ihr angekommen, und die Pferde wenden
nach links, da reiße ich die Gäule scharf in die neue Richtung hinein,
daß die Tiere fast umkehren und stehen bleiben. Natürlich ist diese
Bewegung für den Schlitten viel zu hastig, er kann sie nicht mitmachen,
sondern schleudert im Halbkreis herum und wirft sich, seinen Inhalt
sorgfältig ausschüttend, blitzschnell auf die Seite. In demselben
Augenblick aber, wo ich merke, daß der zuverlässige Kutscherbock unter
meinen Füßen seine horizontale Lage aufgeben will, trenne ich mich von
dem launischen Gefährt und springe wie eine Katze dem Handpferd auf den
Rücken. Von diesem Platze aus beherrschte ich das Gesichtsfeld ganz
prächtig und konnte jede Bewegung, die die bis zum letzten Augenblick
politisierenden Herren in der nächsten Sekunde machten, auf’s
eingehendste studieren.«
Hier konnte die Erzählerin ihre Fröhlichkeit nicht mehr zurückhalten.
Die Komik des Vorgangs stand ihr wieder mit so lebhafter Deutlichkeit
vor Augen, daß sie mit ihrem bisher mühsam zurückgehaltenen Lachen laut
herausbrach und ihre Heiterkeit die Männer mit fortriß, denn auch sie
stimmten in das Gelächter fröhlich ein.
Elisabeth aber hatte das Lachen so angestrengt, daß sie erst wieder
eine kurze Weile Atem schöpfen mußte, ehe sie weiter sprechen konnte.
Dann aber fuhr sie mit unverminderter Lebhaftigkeit fort:
»Liebe Mutter, Du kannst Dir mit Zuhilfenahme Deiner ganzen Phantasie
keinen rechten Begriff davon machen, wie die beiden Herren, jeder auf
seine Art, sich der plötzlich veränderten Sachlage anpaßten. Das eine
muß ich bei allen beiden anerkennen: sie beratschlagten nicht erst
lange, was zu tun sei, sondern zogen vor, rasch zu handeln.
Stumm schoß Herr von Friesen mit einem eleganten Wuppdich kopfüber
auf den Punkt des Schneehaufens los, wo er am höchsten aufgeweht war
und verschwand sofort darin. Leider sprang mein teurer Bruder nicht
ebenso graziös wie sein Freund. Ich mußte, ohne daß ich es wollte, des
Anblicks gedenken, den die sich sträubenden Kälber darbieten, wenn sie
der Viehmakler mit dem Hermann auf den Wagen hebt. Mit gespreizten
Armen und Beinen näherte sich Max in raschem Tempo der seiner geduldig
harrenden Schneewehe und bohrte sich, den Kopf voran, in sie hinein.
Während Herr von Friesen für längere Zeit bis auf einen Stiefel ganz
unsichtbar war, fand sich auch Max erst nach gründlichem Suchen darin
wieder heraus und krabbelte mit den Gliedmaßen so komisch, daß er
aussah wie ein dicker, schwarzer Käfer in einer Schüssel steifer
Sahne. Kurzum, meine beiden ritterlichen Gefährten taten in diesen
Augenblicken viel, nur von der Politik sprachen sie nicht mehr.«
Die beiden Freunde waren durch die in erzwungenem Ernste gemachte
Schilderung des Erlebnisses wiederholt zu erneuter Lustigkeit angeregt
worden. Auch Elisabeth mußte ihrer Heiterkeit wieder freien Lauf
lassen; sie beugte den Kopf hintenüber und wollte sich vor Lachen
ausschütten. Das bleiche Gesichtchen mit den schmalen Wangen und den
großen, glänzenden Augen strahlte vor Lebensfreude und ungebundenem
Frohsinn.
Da dämpfte plötzlich Elisabeth ihr lautes Lachen. Sie beugte den Kopf
auf die Brust, und gleichzeitig wurde ihr zarter Körper durch einen
schweren Hustenanfall aufs heftigste erschüttert. Mit einem Schlage
war die sprudelnde Heiterkeit von dem kleinen Kreise gewichen, und
unwillkürlich richteten sich aller Blicke mit Bangigkeit auf das unter
den unaufhörlichen Hustenstößen augenscheinlich schwer leidende
Mädchen. Noch ein kurzer, heftigerer Anfall, dann bekam Elisabeth
wieder Ruhe. Sie tastete mit der Hand zum Hals, als wenn sie dort
etwas beenge und schluckte einige Male hinunter. Darauf lehnte sie
sich erschöpft zurück. In den Mundwinkeln des Mädchens aber wurden ein
paar große, rote Tropfen sichtbar, die langsam am Kinn und am Halse
hinabrollten.
Da stieß die Freihoferin heftig den Stuhl zurück und stand im nächsten
Augenblick neben dem schwer atmenden Kinde. Wie eine Feder hob die
Greisin das Mädchen auf, preßte es an ihre Brust und trug es hastig zur
Stube hinaus.