Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch einen Brief Friesens
überrascht, in dem er schrieb, daß er, wenn auch ein wenig mitgenommen,
so doch ohne Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt
sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an, und bald darauf traf er
auch in Rehefeld ein und wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber
Freund begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten, in denen die
Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte, war er unverwundet geblieben.
Aber der entsetzlichen Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere,
doch seinen Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren.
Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen unternehmen.
Was er von den überstandenen Leiden der Armee erzählte, war so
fürchterlich, daß man glauben konnte, eine überhitzte Phantasie trage
das Entsetzlichste von Elend und Jammer zusammen.
Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche Bangigkeit verloren.
Täglich hofften sie, daß ein baldiger Tod sie von ihren nicht
endenwollenden Leiden erlösen würde, und wenn die Unglücklichen
am Abend vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten sie
einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung bringen müsse.
Eine große Anzahl suchte das Ende freiwillig und fand es nur zu leicht.
Die noch in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts.
Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank, blieb liegen; keiner
kümmerte sich um den andern. Zu beiden Seiten der Straße lagen die
Zurückbleibenden.
Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm gelehnt, saß auf einem
Stein ein eisgrauer französischer Oberst. Er hatte in gänzlicher
Umnachtung seiner Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt
und saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang mit
versagender Stimme religiöse Lieder. An einer andern Stelle lag,
zur Seite eines gestürzten, von Zeit Zeit noch zuckenden Pferdes,
ein toter preußischer Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden
waren eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht an
einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat, beide Arme auf den
Munitionskasten gestützt und darauf den Kopf gelegt, als wenn er
schliefe. Einige Soldaten traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer
zu holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an, daß dieser
seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung aufzugeben, mit den Armen
unter dem Kopf der Länge nach hinschlug. Er war tot und so steif
gefroren wie ein Pfahl.
Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch die Aschereste übrig
geblieben waren, lag und saß in wunderlichen Stellungen und in Gruppen
vereinigt etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem verglommenen
Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke erloschen. In der Asche eines
andern Feuers lag ein Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene
Uniform, soweit sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher
der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher verzweiflungsvoll
in die Flammen geworfen haben. Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle
und dort, wo ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf die
Knochen verbrannt.
Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat, fand oft nicht
mehr Willen und Kraft wieder vorwärts zu gehen. Wer sich auf den
Grabenrand setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht von
der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und verfiel in bleiernen
Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte.
Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die gestürzten Pferde verzehrt,
später tötete man die lebenden und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig
aufgesogen, um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine Pferde
mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge. Wasser war selten zu
bekommen, deshalb verschluckte man Schnee, der den Durst nur noch
steigerte.
Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch erwehren, da die
Uniformen zu dünn waren und bald zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch,
selbst Frauenkleider bekommen konnte, schlang sie um die Blößen. Die
Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch den man täglich waten
mußte. Dann wurden die mit brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen
umhüllt und diese mit Stricken festgehalten.
Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer am Wachtfeuer lag, dem
konnte es passieren, daß die Schuhe verbrannten, während ihm am anderen
Morgen Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher von denen,
die sich am Abend niederlegten, stand nicht wieder auf.
Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die Blüte der Völker Europas
im ewigen Schlaf! Lautlos deckte sie das flockige Leichentuch zu und
begrub Freund und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher und
kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr Knie gebeugt vor
der Majestät des Todes, und dem Zuge der Lebenden jagten Krankheit,
Mutlosigkeit und Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und
peitschten die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer lichter
wurden.
Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen den Kaiser, dem er alle
Schuld an dem fürchterlichen Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in
Dresden insgeheim unter den Offizieren eine Partei gebildet habe, die
nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser Napoleon loszureißen.
Der Monarch solle, so wünschten diese Patrioten, die Fesseln brechen,
die ihn an den Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen, ob
er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren, oder ob er seine
Truppen von den Franzosen zurückziehen wolle.
Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig Beachtung geschenkt.
Der König selbst war weit davon entfernt, in dem Gottesgericht in
Rußland eine Mahnung zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser
ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß sein Schmerzenskind,
das Herzogtum Warschau, in der hereinbrechenden Verwirrung ihm
verloren gehen könne. Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich
aber bald als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft den
nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen ließen, England für die
Aufrechterhaltung des Herzogtums zu interessieren.
Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung seit Jahren eine falsche
Politik getrieben hatten, deren verhängnisvolle Folgen sich in nicht
zu ferner Zeit erweisen würden, schlug in dem sächsischen Volke immer
tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit seherischem Blick
in die Zukunft schauten, warnend ihre Stimmen und verlangten, daß der
König die Kriegsmüdigkeit des Landes Napoleon auf das entschiedenste
darstellen solle.
* * * * *
Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge mit so großer
Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann. Jede Nachricht, die er über den
Kaiser und die Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse,
und um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über Land in die
Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten nach Leipzig hinein. Es
war ja Winter, und deshalb bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune
waltete der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des Viehs ließ
sich die Mutter einmal nicht nehmen.
Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf, Nachrichten aus
Berlin zu erhalten. Dort gährte es gewaltig, denn man ahnte, daß der
Jahreswechsel einen Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die
Geschicke der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der preußische
General York am 30. Dezember in Tauroggen den Neutralitätsvertrag mit
den Russen abgeschlossen hatte, waren viele unerschrockene Männer im
verborgenen an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens zu
machen.
Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu gehen, um sich der
nationalen Bewegung anzuschließen, die, wie er wußte, auch schon dort
Wurzel geschlagen hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe
nur wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den kaum noch
niederzuhaltenden Flammen in Preußens Hauptstadt.
Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit Unrecht der Vorwurf
gemacht, daß trotz fortwährender Vorstellungen aus Berlin, die
Erkenntnis des günstigen Zeitpunkts einer Erhebung und eines
Zusammenschlusses der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß
der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische Volk endlich
und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen war, daß es nunmehr
an der Zeit sei, das unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den
Sklavenketten zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine Führer
richtete, kein Gehör. König und Regierung überboten sich darin, dem
Kaiser ihre Ergebenheit zu versichern und sich in der Ausführung seiner
nur schlecht in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen.
Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung in Dresden genaue
Nachrichten erhalten. Er wußte auch, daß die sächsische Polizei,
verstärkt durch eine große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf
aufpaßte und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern gebracht hatte.
Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt, vorläufig noch
abzuwarten, wie sich die nationalen Kreise in Dresden der Berliner
Bewegung gegenüber verhalten würden.
Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in seiner Brust, das er noch
keinem Menschen offenbart hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß,
je länger er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen
Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde. Durch das öftere
Verweilen auf dem Freihofe während seiner Kindheit, war er mit allen
seinen Bewohnern und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung
getreten. Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn, den sonst
nur für bäuerische Derbheit und strotzende Gesundheit bis an die
Grenze des Ungeschlachten empfindsamen Sohn des Bauern von Rabenstein,
wundersamerweise in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine
Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses zierliche Geschöpf
mit der ausgelassenen Lustigkeit und dem Lachen eines übermütigen
Kindes einen solchen Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus
einer ernsten Lebensauffassung zuneigte.
Seit länger als einem Jahre schon war er aber davon überzeugt, daß
das Gefühl, das er für Elisabeth empfand, nichts anderes war, als
eine tiefe, sein ganzes Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu
seinem Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine Seele
gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine Bäuerin, wie sie auf dem
Rabensteiner Hof schalten mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr
war, konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er. Allein diese
Einsicht war es nicht, die ihn hinderte, Elisabeth als Weib neben sich
zu träumen und auch nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines
kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten Gute weit und
breit anzuklopfen und um die einzige Tochter zu bitten.
Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos hatte erscheinen
lassen, waren vielmehr die quälenden Zweifel, ob das zarte Pflänzchen
im Schatten des knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das
kindliche Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an der Seite
des in sich gekehrten Mannes glücklich werden könne. An ihm solle es
ja gewiß nicht fehlen! Er war bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade
aufzulesen, daß ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme
waren stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor zu heben,
daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse und kein irdisches
Weh bis zu ihr heraufreiche. Aber der allzeit ohne Überschwang
denkende Mann verhehlte sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht
verschieden waren.
Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen, beschloß Konrad, sich
seiner Mutter zu entdecken.
Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn wie immer einander gegenüber.
Sie drehte unermüdlich den blonden Flachs über die schnurrende Spindel
und betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden Faden.
Konrad hatte den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buche
mit vergilbten Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in
grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen
gegen sie heranziehenden Scharen der Perser erwehrten. Schon an die
fünfzig Male hatte der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und
wie oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als zweitausend
Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte. Heute war alle Begeisterung
tot. In dumpfem Brüten schritten starke Völker ihre Straße dahin, die
Füße mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem Rücken die Peitsche
des Eroberers fühlend. Hier und da nur sah man, wie einem in dem
großen Zuge das Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen und
ohnmächtiges Zähneknirschen.
Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und versank in tiefes
Sinnen.
Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine Gedanken. Er sah
vielmehr eine lichte Mädchengestalt mit zwei langen, aschblonden
Zöpfen, die durch die raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer
Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und ein glockenreines
Lachen. Da atmete Konrad tief auf, daß seine Mutter den Blick von dem
schnurrenden Rade erhob und forschend auf den Sohn richtete.
Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften, unterdessen sie das
Spinnrad vergaß, daß es nur noch langsam weiterlief, bis es endlich
stillstand.
Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem verstorbenen Vater, dem
er immer ähnlicher wurde. Derselbe starke Wille, den jener besessen,
zeigte sich bei ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung
seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt. Starrköpfig war er durchs
Leben gegangen mit seinem abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen
Herzen. Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit Worten
geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung. Immer mehr insichgekehrt
wurde er, bis er zuletzt menschenscheu geworden war.
Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden Fäusten, die ihn stützten, und
seine Augen begegneten denen der Mutter.
»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so starr an?«
»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete sie, »was fehlt Dir?«
Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ den Blick wieder vor sich
hinfallen.
»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man spricht, gern
Verliebte -- -- --, nun, da sage ichs nur gleich frei heraus, Mutter,
ja ich bin verliebt!«
Und mit fliegendem Atem, gleichsam als dränge es ihn, nun, nachdem das
Geheimnis offenbart war, seine Seele von allem, was sie bedrückte, zu
entlasten, sprach er von seiner tiefen Liebe zu der Schwester seines
Freundes.
Ohne ein Zeichen der Überraschung zu geben, hatte die Mutter dem Sohne
zugehört. Nun sagte sie leise:
»Ich habe dies alles ja schon längst gewußt, Konrad. Denn an Deinem
Vater habe ich es gelernt, in der Seele eines verschlossenen Menschen
zu lesen. Hast Du dem Mädchen Deine Liebe gestanden?«
»Sie ahnt nichts. Und hätte ich es tun können? Bedenke doch, welch ein
Kind Elisabeth noch ist. Sie würde es kaum für Ernst genommen haben,
wenn ich gesprochen hätte.«
»Du hast recht,« versetzte die Mutter, »dem Kinde darfst Du vorerst
nichts davon sagen. Aber mit Elisabeths Mutter mußt Du alsbald
sprechen, das wird verständig sein. Die Freihoferin ist eine kluge Frau
und schätzt Dich.«
Hier schwieg Konrad eine Weile. Dann sprach er mit benommener Stimme:
»Aber denkst Du, Mutter, daß ich es tun darf? Es ist ein gewagtes Ding,
den Rabensteiner Hof mit dem Freihof zu versippen!«
»Du Narr,« fuhr da die Alte auf und machte eine heftige Bewegung,
daß sie die untätig im Schoß liegenden Hände auseinanderriß, und
sie beinahe den Spinnrocken noch umgestoßen hätte. »Wohin ist denn
Dein Stolz? Denkst Du, daß die Alte auf dem Freihofe ihr Kind
dem verschachern wird, der ihm die meisten Hufe und das weiteste
Ackerland bietet? Sie würde Dir’s danken, wenn sie wüßte, wie Du sie
einschätzest. Freilich ist der Besitz am Rabenstein nicht groß und
nicht zu vergleichen mit dem der Tiefenbachs. Doch wissen’s alle,«
setzte sie mit Befriedigung hinzu, »daß es eine saubere Wirtschaft
ist, und daß unser kleines Land zu den besten der Umgebung gehört.
Aber, papperlapapp, was reden wir da für unnützes Zeug. Du wirst
rasch handeln, wie Du es sonst tust. Geh alsbald hinab zur Mutter des
Mädchens, das Du liebst, und schütte ihr Dein Herz aus.«
Darauf blieben die beiden noch eine Weile beieinander sitzen. Die
Mutter wandte sich von neuem zum Spinnrad, ordnete mit flinker Hand
die leicht in Verwirrung gekommenen Fäden und legte die volle Strähne
wieder fest auf das sich unruhig bewegende Rad. Bald darauf schnurrte
dies wieder lustig, und die Alte sah wie vorhin aufmerksam auf den sich
abwickelnden Faden.
Konrad aber betrachtete mit zerstreuten Blicken die leicht
vornübergebeugte Gestalt seiner Mutter und wollte bemerken, daß der
Knoten, der von dem schlicht zurückgestrichenen, grauweißen Haar auf
dem Hinterkopfe gewunden war, eigentlich recht klein geworden war, und
daß die Linien des sich ihm von der Seite darbietenden Gesichts und
des Halses doch sehr scharf hervortraten. Aber so recht zum Bewußtsein
kam ihm dies nicht. Sein Blick richtete sich nach innen, und er vergaß
seine Umgebung.
Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das Buch mit der
Beschreibung der Freiheitskämpfe des Griechenvolks im Altertum
nachdrücklich zu und stellte es auf das Wandbrett, wo auch die andern
Bände seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er noch einmal
die gequetschte und mit nasser Leinwand umwickelte Pfote des am Ofen
schlafenden Spitzes in die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht
heiß fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß das Zimmer.