Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen errichteter, ziemlich
großer Bau, durch dessen hohe, in spitze Bogen auslaufende Fenster
das Licht ungehinderten Zutritt in das Innere fand. Hatte man die
Schwelle einer der beiden Türen in der vordern und hintern Giebelwand
überschritten, so führte, noch ehe man in das Innere der Kirche
gelangte, auf der nördlichen Längsseite ein schmaler Gang um das
Kirchenschiff herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang aus
betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt eingerichtete
Andachtsstube. In früherer Zeit war hier nur _ein_ Raum gewesen. Als
aber der Freihof gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine Wand in
zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo von Tiefenbach ließ später,
nachdem seine Brüder ins Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine
Tür teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben angebracht
war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand zwischen den Familien
darstellte und verhinderte, daß die Schloßbewohner, die den Gang nur
von der hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die durch
die Vordertür gingen, sich sahen.
In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer Turm, in dem
die Glocke hing. Das schwärzliche Ziegeldach war fast ganz mit Moos
überwuchert und bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses.
Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus. Kleine, niedrige Hügel
deckten die irdischen Reste der teuern Entschlafenen. Die meisten
Gräber wurden durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze
geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz vermerkt standen.
Hier und da gab es auch Gräber, die sorgfältiger hergerichtet und mit
steinernen Liebeszeichen versehen waren.
Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche Andacht. Auch an
dem heutigen Sonntag war das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der
Schar der Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und am Himmel
hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen die Sonne zeitweilig auf
kurze Minuten hindurchschien. Dann fielen die goldenen Strahlen auf
das weite Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter
Diamanten glitzerten.
Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen waren und den Gang
betreten hatten, war Maria von Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen
eingetreten.
Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz auf der Kanzel
erschien.
Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines Seelenhirten denken,
als ihn. Er hatte einen schweren Körper und breite Schultern, auf denen
ein wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit einer üppigen Fülle
silberner Locken bedeckt, die bis auf die Schultern herabhingen und
bei raschen Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe war
der breite, prächtige Bart, der bis weit über die schneeigen Bäffchen
hinabreichte, so daß sie nur dann sichtbar wurden, wenn Reinerz das
Haupt zur Seite wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht,
sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen Augen leuchteten
in hellem Glanze und mochten die Ursache sein, daß auf diesem
Greisenantlitz neben dem Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit
ein Schimmer jugendlichen Feuers strahlte.
Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an das Los jener
Unglücklichen im Schulhause. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen
Samariter gewählt, und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen
drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von der liebenden
Mutter, dem unermüdlich treusorgenden Vater, seien die Armen einst
durch alle Fährnisse der Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen
Tagen hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt, und manche
Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit dem schon die Hand darnach
ausstreckenden Unerbittlichen ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege
wieder abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale das Leben
geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen hätten die Eltern die zarten
Knaben zu Jünglingen heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage
die Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang und den Sohn
seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe, den Vater seinen Kindern entriß
und die Zurückbleibenden mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die
Verlassenen daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch,
einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht, ob der Teure noch am Leben
wäre, oder ob sein von den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht
vielleicht mit schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des Dankes
würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe gepflegt, oder die ihm
das brechende Auge zudrückte. Und die wahre Nächstenliebe frage nicht,
ob Freund ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen und
bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine Gemeinde solle nie müde
werden, mit dem Unglücklichen ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von
ihnen argwöhne, daß es schwach und lau werde bei seinem Samariterwerk,
so sollten sich die Väter, die Mütter und Gattinnen in das Los derer
hineinversetzen, die von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden
Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten, und die am Abend
immer wieder ihre Hoffnung getäuscht sähen.
Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten Stellen im Menschenherzen
berührt: die Sorge und Angst um das Leben eines teuern Angehörigen.
Das Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler Augen hatten sich
Tränen gestohlen.
Mit den letzten Worten, mit denen der würdige Greis seine Predigt
beendigte, richtete er noch den zündenden Ruf an seine Gemeinde, die
christliche Liebe, die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden
Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander zu üben. Und er
legte ihnen ans Herz, vorhandenen Zwist zu begraben, sich auszusöhnen
und einander in verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die
Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer harrenden ewigen
Freuden und erwiesen sich als getreue Nachfolger Christi und wert der
einstigen Einkehr in sein himmlisches Reich. --
Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher verließen das
Gotteshaus.
Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube hinaustrat, fiel
sein Blick auf die weit geöffnete Tür, die den Gang teilte, und die er
noch nie anders als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung
wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die sie beide erwartet
haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth nach der Hand des Bruders, als
ob sie ihn auf dieser Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf
ihre Freundin schaute.
Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, jetzt aber machte
er eine hastige Bewegung zum Gehen. Da vertrat ihm Maria gelassen den
Weg, so daß sich beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen
Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung und mit
Festigkeit:
»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar zum Herzen
gehenden Worte unseres verehrten Herrn Pastors auf mich hervorgerufen
haben, kann ich nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf
Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt hat. Noch nie
in meinem Leben haben mich von der Kanzel herabgesprochene Worte
so wundersam ergriffen, wie heute, Worte, die in meinem Innern das
sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil dazu beitragen, daß
der Wille dessen, der die Sünden der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb
will ich den Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch mein
Mut dahinschwindet.
Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die wunderbare Kraft in
sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber zu stellen. Aber Sie haben mir
vor wenigen Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten,
daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein und eine Stimme in
meinem Innern, die mir so zu handeln gebietet, stärken meinen Mut.
Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in Feindschaft leben, die
einander nie etwas zu Leide taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr
Vetter, sind Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinen,
um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?«
Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit hatte sie während
dieser Rede nicht verlassen, und ihre Stimme hatte nicht einen
Augenblick gebebt. Jetzt schwieg sie und wartete auf Maxens Antwort,
ihre Augen forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend.
Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich und starrte sprachlos
in das schöne Frauenantlitz, in dem kein sichtbares Merkmal die in
Marias Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete.
Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade noch so wohl lautete wie
vorhin, obwohl sie jetzt leise zitterte:
»Von einem unserer Familie wurde damals das böse Wort gesprochen,
deshalb muß auch von uns aus das erste versöhnliche Wort fallen. Mein
Großvater hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die Seelen
guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er kann uns hierüber keine
Rechenschaft mehr ablegen, denn er steht schon längst vor einem höhern
Richter. Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß, daß es
nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber dem bittenden Munde darf
auch das Wort, der heischenden Hand der Druck nicht versagt werden.
Das Werk, das wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn
es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu überbrücken.
Um das zu erreichen tut es aber not, daß zuerst wir beide allen Groll
vergessen. Und so tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden
den ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr Vetter, bitte,
das Unrecht meines Großvaters seiner Enkelin nicht mehr zu entgelten,
sondern mir fürs Leben Ihre Freundschaft zu schenken.«
Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert. Eine liebliche
Röte war in ihre Wangen getreten, und die Augen glänzten gleichsam
als Widerschein der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die
Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln, streckte sie
dem Vetter ihre Hand entgegen.
Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene Hand zu ergreifen. Er
suchte nach Worten, mit denen er dem Mädchen sagen wollte, daß von
einer Versöhnung zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein
Mund blieb stumm.
Endlich, nach atemlosem Harren während einer tiefbangen Sekunde,
erlosch der Glanz in Marias Augen, und die rosigen Wangen wurden blaß.
Langsam, wie einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder
Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte Hand herab.
Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall auf Maxens Zunge;
aber noch bevor es ihm gelang, sie auszusprechen, geschah etwas
Unerwartetes:
Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck warf sie den Kopf in den
Nacken und trat ungestüm auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit
zurückwich, bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes
Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden Augen bohrten
sich in die seinigen. In hoher Erregung stieß sie die Worte hervor:
»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns bestehen? Soll das
herrliche Evangelium der Liebe, das Christus den Menschen hinterlassen
hat, für uns nicht gepredigt sein?«
Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft bebenden Mädchen gegenüber
stumm, nur auf seinem Gesicht lag eine Zurückweisung.
Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr Busen hob und senkte sich
in hastiger Aufeinanderfolge. Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen
Kampf, der in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten
vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner Wange.
Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer hin, um sich zu
entfernen. Da schrie das Mädchen im Schmerz laut auf, und während es
noch schien, als wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne,
brach es schon von dem bebenden Munde:
»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner Seele -- -- Dich liebte,
Max!?«
Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann den Kopf an die Mauer und
schloß, von heftigem Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider
ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen und sagte
in rauhem Tone:
»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder etwas mit einander
gemein!«
Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem Ausgang zu, seine
verstört blickende Schwester an der Hand mit sich ziehend.
Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit den Augen, bis sie
verschwunden waren. Langsam, und ohne daß sie wußte was sie tat, trat
Maria wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit steifem
Körper mitten darin stehen, dann brachen der Zitternden die Knie. Sie
bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und legte es auf den Sitz eines
der schwarzen Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach, das
ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen sich zwei weiche Arme um
ihren Hals, und die beiden Mädchen weinten lange zusammen.