Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde, die von ihrem
geistlichen Herrn wohl behütet wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe
alt geworden, und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen,
hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und ihnen bei der Konfirmation
das heilige Abendmahl gereicht. Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes
mit in die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe durch seinen
tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des teuern Gatten erleichtert
und, ach, im Laufe der vielen Jahre so vielen jungen Burschen und
Mädchen die unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben und
Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt. Er kannte alle wie
sie im Dorf herumliefen bis ins Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn
sie auch heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie. Wollte
er einmal an einem von ihnen irre werden, so kehrte er im Vorübergehen
bei ihm ein, senkte seine forschenden Augen unter den buschigen Brauen
in die seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um dieses stand.
Wenn ab und zu einmal ein Schäflein vom rechten Wege abgekommen war und
sich verirrt hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des Bösen,
-- er führte es wieder zurück und kettete es von neuem an sich.
Wie war es doch damals mit Andreas und dem Anger-Liesel gewesen?
Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib, war die Frau des
schönen Andreas und trällerte vom Morgen bis zum Abend wie eine Lerche
umher und saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens. Sie
waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten fleißig.
Da überfiel den Andreas mit einem Male ein böser Geist, und er wurde
erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig. Er ging oft in die Schenke, saß
stundenlang darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In die
Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er immer geschickt aus
dem Wege zu gehen. Da tauchte das Gerücht auf, daß der Andreas es mit
der rothaarigen Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte blieb er
von Hause fort, und wenn er dann endlich mürrisch heimkehrte, hatte
er für das am Bettchen ihres Kindes weinende Liesel nur Scheltworte.
An das Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib ließ aber in
seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht nach und arbeitete mit doppelten
Kräften, um den Verlust, den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut
es ihr gelingen wollte wieder auszugleichen. Mit rührender Sorgfalt
bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr hinwegzusehen. Weit
öfter als sonst richtete sie es behaglich für ihn ein, wie sie von
früher her wußte, daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm
seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot tat, um Geld
für sein Mahl zu haben. Aber alles das half nichts. Ihr Mann wurde
immer liebloser zu ihr.
An einem schönen Frühlingstage, es war am Ostersonnabend, trat Andreas
vor seine Frau hin und verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze,
um damit in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber wurde bleich
wie der Tod. Dann warf sie sich vor ihm nieder und beschwor ihn und
flehte ihn an, wieder ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften
Armen umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick so voll Liebe
und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden andern zur Umkehr gebracht
haben würde. Dem Andreas aber drang das herzbrechende Schluchzen und
das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit einer rohen Bewegung
riß er sich von der Knieenden los, daß das junge Weib in schwerem Fall
dumpf auf den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen, in
dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus dem Hause. Wie er
aber auf die Straße hinaustrat, erschrak er doch etwas, denn vor ihm
stand Pastor Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem Greise
vorübergehen; der aber hielt ihn auf.
»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr freundlich. »Nun,
das trifft sich ja sehr gut. Ich war gerade im Begriff, Dich und das
Liesel einmal zu besuchen. Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch
Reinmachetag. Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem Geschäft stören.
Du gehst aber auf ein Stündchen mit zu mir. Wenn sich so alte Freunde,
wie wir beide es sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich
mancherlei zu erzählen.«
Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus des Alten Augen zwang
ihn an seine Seite. Ruhig, aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen,
daß Reinerz ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und Gräser
nannte, die in einem großen Strauße vereinigt waren, den er auf den
Frühlingswiesen gepflückt hatte.
Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar Sekunden ihrer
Besinnung beraubt. Als sie wieder aus der Ohnmacht erwachte, schaute
sie verstört um sich: ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst
stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke. Da bemerkte
sie zu ihrer großen Überraschung, daß er an der Seite des Pastors ging
und mit diesem eben in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst
getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte die Schuhe an
und eilte, so schnell sie ihre Füße trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie
den Hausflur betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen Herrn
in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden, der dabei ganz still
blieb.
Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas aufbrauste. Das Redenhören
hätte er nun satt. Er gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und
wo die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie wäre verweht
in alle Winde -- -- --
Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur mit beiden Händen
jäh zum Herzen, und das rotglühende Gesicht in dem lauschend
vorgebeugten Kopfe wurde in einem Augenblick fahl. Die Lippen wie
im Traume bewegend, wandte sie sich nach der Tür und verließ mit
leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt sie an den ihr
entgegenkommenden, verwunderten Leuten vorüber, ihrem Häuschen zu. In
der Stube angekommen, setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die
Füße, (übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe herabglitten
und auf die Diele fielen, und richtete den Blick dumpf vor sich nieder.
Das in seinem Bettchen ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb
sie unbeweglich.
Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich nicht mehr. Alles ist
nun aus! Andreas, -- dein Andreas liebt dich nicht mehr!«
Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das eine wußte sie, daß der
helle Glanz in ihrem Innern in dieser Stunde auf immer erloschen war.
Sie wollte schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen wollte
sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte keine Tränen.
Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte im Hause, die Tür tut
sich auf, -- ihr Mann steht auf der Schwelle.
Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie glaubt, sein Geist komme
zu ihr. Dann tut sie einen heftigen Schrei:
»Andreas -- -- --!« und bleibt wie gelähmt sitzen.
Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das totenblasse Weib erblickt
hat, ist wie eingewurzelt. Er kann nicht loskommen von diesem Platze.
Da endlich lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem Körper
und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt, näher, die Augen mit einem
Ausdruck unaussprechlicher Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die
aber streckt die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; -- da sinkt
er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und umfaßt ihre bloßen Füße,
spricht aber kein Wort, sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder
seine heißen Lippen darauf drückt.
»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,« schreit das Liesel auf und
will den Mann emporziehen. Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern
verharrt in seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen
aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor:
»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert hieltest, so bin
ich nicht einmal wert, Dir jetzt die Füße zu küssen!«
Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange an Wange, lange
beieinander, wie in den Tagen ihres höchsten Glücks. Vom Kirchlein
schallte das Abendläuten herein, und ihre Tränen flossen jetzt
reichlich.
Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem Ostersonnabend die Tür
zur Stube des Pfarrherrn mit Blumen.