6. Kapitel.

Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde, die von ihrem

geistlichen Herrn wohl behütet wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe

alt geworden, und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen,

hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und ihnen bei der Konfirmation

das heilige Abendmahl gereicht. Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes

mit in die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe durch seinen

tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des teuern Gatten erleichtert

und, ach, im Laufe der vielen Jahre so vielen jungen Burschen und

Mädchen die unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben und

Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt. Er kannte alle wie

sie im Dorf herumliefen bis ins Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn

sie auch heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie. Wollte

er einmal an einem von ihnen irre werden, so kehrte er im Vorübergehen

bei ihm ein, senkte seine forschenden Augen unter den buschigen Brauen

in die seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um dieses stand.

Wenn ab und zu einmal ein Schäflein vom rechten Wege abgekommen war und

sich verirrt hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des Bösen,

-- er führte es wieder zurück und kettete es von neuem an sich.

Wie war es doch damals mit Andreas und dem Anger-Liesel gewesen?

Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib, war die Frau des

schönen Andreas und trällerte vom Morgen bis zum Abend wie eine Lerche

umher und saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens. Sie

waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten fleißig.

Da überfiel den Andreas mit einem Male ein böser Geist, und er wurde

erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig. Er ging oft in die Schenke, saß

stundenlang darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In die

Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er immer geschickt aus

dem Wege zu gehen. Da tauchte das Gerücht auf, daß der Andreas es mit

der rothaarigen Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte blieb er

von Hause fort, und wenn er dann endlich mürrisch heimkehrte, hatte

er für das am Bettchen ihres Kindes weinende Liesel nur Scheltworte.

An das Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib ließ aber in

seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht nach und arbeitete mit doppelten

Kräften, um den Verlust, den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut

es ihr gelingen wollte wieder auszugleichen. Mit rührender Sorgfalt

bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr hinwegzusehen. Weit

öfter als sonst richtete sie es behaglich für ihn ein, wie sie von

früher her wußte, daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm

seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot tat, um Geld

für sein Mahl zu haben. Aber alles das half nichts. Ihr Mann wurde

immer liebloser zu ihr.

An einem schönen Frühlingstage, es war am Ostersonnabend, trat Andreas

vor seine Frau hin und verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze,

um damit in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber wurde bleich

wie der Tod. Dann warf sie sich vor ihm nieder und beschwor ihn und

flehte ihn an, wieder ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften

Armen umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick so voll Liebe

und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden andern zur Umkehr gebracht

haben würde. Dem Andreas aber drang das herzbrechende Schluchzen und

das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit einer rohen Bewegung

riß er sich von der Knieenden los, daß das junge Weib in schwerem Fall

dumpf auf den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen, in

dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus dem Hause. Wie er

aber auf die Straße hinaustrat, erschrak er doch etwas, denn vor ihm

stand Pastor Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem Greise

vorübergehen; der aber hielt ihn auf.

»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr freundlich. »Nun,

das trifft sich ja sehr gut. Ich war gerade im Begriff, Dich und das

Liesel einmal zu besuchen. Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch

Reinmachetag. Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem Geschäft stören.

Du gehst aber auf ein Stündchen mit zu mir. Wenn sich so alte Freunde,

wie wir beide es sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich

mancherlei zu erzählen.«

Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus des Alten Augen zwang

ihn an seine Seite. Ruhig, aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen,

daß Reinerz ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und Gräser

nannte, die in einem großen Strauße vereinigt waren, den er auf den

Frühlingswiesen gepflückt hatte.

Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar Sekunden ihrer

Besinnung beraubt. Als sie wieder aus der Ohnmacht erwachte, schaute

sie verstört um sich: ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst

stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke. Da bemerkte

sie zu ihrer großen Überraschung, daß er an der Seite des Pastors ging

und mit diesem eben in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst

getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte die Schuhe an

und eilte, so schnell sie ihre Füße trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie

den Hausflur betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen Herrn

in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden, der dabei ganz still

blieb.

Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas aufbrauste. Das Redenhören

hätte er nun satt. Er gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und

wo die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie wäre verweht

in alle Winde -- -- --

Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur mit beiden Händen

jäh zum Herzen, und das rotglühende Gesicht in dem lauschend

vorgebeugten Kopfe wurde in einem Augenblick fahl. Die Lippen wie

im Traume bewegend, wandte sie sich nach der Tür und verließ mit

leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt sie an den ihr

entgegenkommenden, verwunderten Leuten vorüber, ihrem Häuschen zu. In

der Stube angekommen, setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die

Füße, (übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe herabglitten

und auf die Diele fielen, und richtete den Blick dumpf vor sich nieder.

Das in seinem Bettchen ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb

sie unbeweglich.

Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich nicht mehr. Alles ist

nun aus! Andreas, -- dein Andreas liebt dich nicht mehr!«

Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das eine wußte sie, daß der

helle Glanz in ihrem Innern in dieser Stunde auf immer erloschen war.

Sie wollte schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen wollte

sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte keine Tränen.

Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte im Hause, die Tür tut

sich auf, -- ihr Mann steht auf der Schwelle.

Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie glaubt, sein Geist komme

zu ihr. Dann tut sie einen heftigen Schrei:

»Andreas -- -- --!« und bleibt wie gelähmt sitzen.

Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das totenblasse Weib erblickt

hat, ist wie eingewurzelt. Er kann nicht loskommen von diesem Platze.

Da endlich lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem Körper

und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt, näher, die Augen mit einem

Ausdruck unaussprechlicher Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die

aber streckt die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; -- da sinkt

er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und umfaßt ihre bloßen Füße,

spricht aber kein Wort, sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder

seine heißen Lippen darauf drückt.

»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,« schreit das Liesel auf und

will den Mann emporziehen. Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern

verharrt in seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen

aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor:

»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert hieltest, so bin

ich nicht einmal wert, Dir jetzt die Füße zu küssen!«

Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange an Wange, lange

beieinander, wie in den Tagen ihres höchsten Glücks. Vom Kirchlein

schallte das Abendläuten herein, und ihre Tränen flossen jetzt

reichlich.

Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem Ostersonnabend die Tür

zur Stube des Pfarrherrn mit Blumen.

Herr, mach' uns frei! · 第 8 / 31 题