5. Kapitel.

Als Max gegen Mittag zurückgekehrt war, hörte er, daß die Kranken in

dem schnell hergerichteten Spitale nunmehr glücklich untergebracht

seien.

Er konnte einen Ausdruck der Befriedigung darüber nicht unterdrücken,

und ein Gefühl der Beklemmung wich von ihm bei dem Gedanken, daß die

Einwohner Rehefelds der unmittelbaren Gefahr der Ansteckung nicht mehr

ausgesetzt wären.

Max ging nach dem Gasthof, da er wissen wollte wie es nun darin aussah,

ob man für die Zubereitung der Speisen für die Kranken ausreichend

gesorgt hatte und schließlich, ob genug Pflegerinnen bestellt wären

Als er über den Platz vor dem Gasthof schritt, standen ein paar

Geschirre vor dem Hause. Die Pferde hatten die Krippen vor sich und

fraßen bedächtig, während die Besitzer in der Gaststube weilten. Im

Hausflur angekommen, unterschied er drinnen einige bekannte Stimmen,

unter denen er auch die des Gemeindevorstands erkannte, der froh sein

mochte, der größten Sorge ledig zu sein. Max schritt auf die Tür zu,

besann sich aber sofort eines anderen und wandte sich wieder um.

Langsam stieg er die Treppe hinauf, um sich vorher die Unterbringung

der Kranken anzusehen.

In dem geräumigen Saale waren an den beiden Längsseiten die Betten mit

geringen Abständen von einander aufgestellt, daß die Kranken mit den

Füßen nach dem in der Mitte entstandenen, breiten Gang zu lagen. Die

hölzernen Bettgestelle waren ungleich lang und breit und die Bezüge

verschiedentlich bunt gestreift oder gewürfelt, wie sie die Bauern

aus ihren Haushaltungen zusammengetragen hatten. Einige der Kranken

schliefen, andere lagen wachend in den Kissen, und hier und da warf

einer in starkem Fieber unruhig den Kopf hin und her.

Drei Frauen gingen geräuschlos ab und zu oder bemühten sich um

die Kranken. Die erste, die Max am nächsten stand, war eine alte

Auszüglerin, die gewöhnlich im Dorfe die Kranken wartete, und in einer

andern erkannte er die Frau des Schullehrers. Die dritte kehrte ihm den

Rücken zu und beugte sich gerade tief auf das Bett eines Fiebernden

nieder und hielt diesem ein Glas Wasser an die Lippen.

Max wußte nicht, wer diese Pflegerin war, aber ihre Erscheinung

fesselte sofort seinen Blick, so daß er die Augen auf der

hochgewachsenen Gestalt ruhen ließ. Sie trug ein dunkelblaues, eng

anschließendes und ganz einfach gearbeitetes Wollkleid, und ihr volles

braunes Haar war mit einem weißen Leinenhäubchen bedeckt. Er sann nach,

wer die Unbekannte sei, aber keines der Mädchen im Dorfe glich ihr.

Sein Verlangen, ihr ins Gesicht zu sehen, wuchs, als er bemerkte, wie

geschickt und zugleich schonend die Pflegerin den Kranken aufrichtete,

das Kopfkissen aufschüttelte und dann den alten französische Soldaten

wieder sorgfältig darauf bettete. Nun ging das Mädchen von dem Bett weg

und wandte sich um, und gleichzeitig mit dieser Bewegung begegneten

ihre Augen seinem Blicke.

Max war derart betroffen, daß er schweigend und wie angewurzelt auf

seinem Platze stand, und es wollte ihm selbst nicht gelingen, seinen

Blick von ihr zu wenden. Diese hätte er hier nicht vermutet, und aus

diesem Grunde konnte er seiner großen Verlegenheit nicht so leicht

Meister werden. Denn das Mädchen, dem er gegenüberstand, und das unter

seinem langen Blicke in leichte Verwirrung geriet, war Maria von

Tiefenbach.

Noch nie hatten sich die beiden so nahe gegenüber gestanden. Sie

waren fast unbewußt jederzeit von dem gleichen Wunsche beseelt

gewesen, eine nahe Begegnung zu vermeiden, und schon von weitem

hatten sie bisher beim Sichtbarwerden des andern unverfänglich einen

Seitenweg eingeschlagen. Und so war es gekommen, daß ihnen ein dichtes

Aneinandervorübergehen trotz der engen Verhältnisse im Dorfe bis heute

erspart geblieben war.

Max hatte die Abneigung gegen die Leute vom Schlosse mit der

Muttermilch eingesogen, und in späteren Jahren war es wieder die

Freihoferin gewesen, die dieses unbewußte Gefühl zu einem bewußten und

trotzigen Haß gegen die Verwandten vertieft hatte. Wie die Mutter, sah

auch er in den Schloßbewohnern herrische und hochmütige Menschen, die

den Zweig der Familie, der in das Dorf hinabgestiegen war, verachtete,

und von denen einer die teuere Verstorbene beschimpft hatte. Deshalb

war der junge Mann, als er sich dem Mädchen unvermutet und zum ersten

Male so nahe gegenübersah, betroffen.

Blitzschnell erwog er, wie er jetzt am richtigsten zu handeln habe,

um die, beide beklemmende Situation zu beenden. Den Rücken wenden und

hinausgehen, das konnte er nicht, denn er war ja gekommen, um sich zu

erkundigen, ob es noch an etwas fehle, und diese Absicht mußten die

beiden anderen Pflegerinnen schon bei seinem Eintreten erkannt haben.

Dazu hatte er beim Verrichten des ganzen Samariterwerkes allzusehr in

vorderster Linie gestanden, und vermutlich hatte der Gemeindevorstand

die Frauen auch schon angewiesen, sich an ihn zu wenden, wenn an

etwas Mangel einträte. Und dann müßte er alle Höflichkeit unbeachtet

lassen, die man fremden Menschen und selbst denen schuldig ist, deren

Gesellschaft man meidet. Sein rücksichtsloses Fortgehen würde die

Jungfrau tief verletzen.

Und was tat es denn überhaupt wenn er blieb? Standen sie beide

in diesem Augenblick nicht in einem höhern Dienste, in dem der

Nächstenliebe? Durfte er jetzt Zwist und Abneigung vorschützen, um mit

dem Mädchen nicht nebeneinander arbeiten zu müssen? Steht die Pflicht

zur Barmherzigkeit nicht so unendlich hoch, daß selbst Feinde zusammen

an ihr arbeiten dürfen? Er würde sich engherzig und klein schelten und

seiner Standpunkt als niedrig bezeichnen müssen, wenn er hier auswich.

Deshalb mußte er bleiben. Sein innerer Mensch wurde nicht betroffen,

der konnte der alte bleiben. Aber die Kraft dem leidenden Nächsten zu

widmen, auch unter diesen unbequemen Umständen, forderte einfach seine

Ehre.

Diese Gedanken, die in schnellem Fluge durch Maxens Seele zogen,

verrieten sich auf seinem Gesicht nur zu deutlich, daß das vor ihm

stehende Mädchen sie nicht hätte erraten müssen. Aber auch sie kämpfte

mit ihrer Verlegenheit.

Da überkam den jungen Mann plötzlich die Eingebung, daß er den Anstand

verletze, wenn er jetzt nicht das peinvolle Schweigen breche. Langsam

schritt er deshalb auf das Mädchen zu und indem er sich bemühte,

unbefangen zu bleiben, sagte er:

»Es ist ein schwerer Beruf, den Sie gewählt haben, aber viel Dank wird

Ihnen dafür werden.«

Sie schwieg eine kurze Weile, dann richtete sie ihre großen, blauen

Augen fest auf ihn und sagte mit wohllautender, tiefer Stimme:

»Dem leidenden Nächsten zu helfen ist Menschenpflicht. Der beste Lohn

dafür ist die Befriedigung, die tief im Herzen quillt und die froher

macht als der Dank.«

»Sie haben recht,« erwiderte Max, »diesen Beweggrund soll auch der

Mensch für seine guten Taten haben, denn so hat es uns schon der große

Nazarener gelehrt. Aber haben Sie die Aufgabe, der Sie sich freiwillig

und gewiß mit vielem Eifer unterziehen wollen, auch nicht unterschätzt?

Dieser Beruf wird Anstrengungen und Entbehrungen von Ihnen fordern,

die Sie vielleicht nicht voraussahen, und die fast die Kraft eines

Mannes erfordern.«

»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr von Tiefenbach,« fiel

Maria ihm ins Wort, »ich bin von Jugend auf dazu angehalten, mein Tun

nicht unüberlegt zu beginnen. Aber weshalb zweifeln Sie daran, daß

ich nicht ebensogut wie andere Frauen imstande sein werde, diesen

Unglücklichen Trost und Hilfe zu gewähren? Zu meinem Bedauern habe

ich bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, meine Kraft in Dienste des

Vaterlands zu gebrauchen und dies zu einer Zeit, zu der es nicht genug

hilfsbereite Hände geben kann. Jetzt ist mir die Gelegenheit geworden,

und wenn ich auch tausendmal lieber diese Kranken gesund wüßte, so

bin ich doch froh, daß sie sich gerade hier befinden und ich mich

ihrer annehmen kann. Nach der Schwere der Bürde, die einem das Amt

bringt, fragt man nicht lange, frisch zugreifen und unerschrocken den

Schwierigkeiten, die sich in den Weg legen, entgegengehen, ist doch

immer das Richtige. Mag der Mann draußen auf dem Felde der Ehre sein

Alles einsetzen, uns Frauen soll er in Räumen wie diesen walten lassen,

damit auch wir Gelegenheit haben, unser Teil beizutragen zu dem großen

Werke. Wir sind dazu berufen, die geschlagenen Wunden zu heilen und die

Schmerzen zu lindern, die der unerbittliche Krieg verursacht.«

Das Mädchen hatte die Worte in edelm Feuer gesprochen, und die

Begeisterung, die in ihr glühte, übergoß ihr schönes Gesicht mit einer

feinen Röte. Jetzt, nachdem sie geendet, fühlte sie, daß sie vielleicht

zu viel gesprochen hatte und fast in Erregung gekommen war. Sie

bereute ihre Worte und verstand es nicht, wie die Begeisterung für ihr

Vorhaben sie so mit sich fortgerissen hatte.

Max konnte nichts antworten, was hätte er dem Mädchen nach diesen

Worten auch sagen sollen. Überrascht stand er vor der Jungfrau, bei der

sich Schönheit mit Anmut und Klugheit mit Gemüt vereinigten.

Maria hatte sich nach ihren Worten wieder abgewandt und war zum Bett

eines Kranken getreten, der mit heiserer Stimme zu trinken verlangt

hatte. Behutsam setzte sie ihm das Glas an die Lippen, das er mit

gierigen Zügen leerte.

Max wechselte mit den anderen Frauen noch ein paar Worte und verließ

dann den Saal. Nach den Worten des Fräuleins vom Schlosse zu

urteilen und nach dem, wie er sie hatte walten sehen, würde sie eine

vortreffliche Pflegerin sein. Wenn die beiden andern ihre Aufgabe

ebensogut erfüllten, dann waren die Kranken in den besten Händen.

Deshalb war es ein Gewinn für die Sache, daß sich das Fräulein der

Pflege angenommen hatte. Und doch wünschte Max das Mädchen vom

Krankensaale weit weg!

Daß er denen vom Schloß nicht für immer so ausweichen konnte, wie es

ihm bisher gelungen war, damit hatte er schon gerechnet, daß er aber

so unerwartet mit einem von ihnen in Berührung treten sollte, und noch

dazu, wie er voraussah, öfters, das behagte ihm nicht. Obendrein hatte

dieses Mädchen etwas an sich, das ihn aus seiner gleichmäßigen Ruhe

bringen konnte. Und von neuem stand ihm die Erscheinung vor Augen. Mit

welchem Anstand sie ihr Haupt zum Gegengruß geneigt hatte, und in welch

ruhigem Gleichmaß sie sprach. Noch jetzt, meinte er, hafte der Blick

aus ihren großen Augen auf ihm.

Ein paarmal während des Tages verfiel Max in tiefes Nachsinnen.

Unwillkürlich schweiften seine Gedanken von der Arbeit weg, und er

überraschte sich dabei, daß er die Hände müßig hielt und sich willig

der Erinnerung an die Begegnung überließ. Des Mädchens hohe Gestalt,

der lange Blick ihrer Augen die wohllautende Stimme und endlich die

Sicherheit, die aus ihren Worten klang, hatte einen nachhaltigen

Eindruck auf den jungen Mann ausgeübt. Er fühlte ein fast unbezähmbares

Verlangen, einen tiefern Blick in die Seele dieses schönen Mädchens zu

tun. Aber um dies zu erreichen, hätte er sich ihr mehr nähern müssen,

als es ihm, der Pflegerin inmitten ihrer Kranken gegenüber, möglich

war. Und das durfte er nicht!

Maria von Tiefenbach war seine Anverwandte, denn sie waren ja

Geschwisterkinder. Aber er durfte nicht vergessen, daß sich ein tiefer

Abgrund zwischen ihnen hinzog, über den hinweg nimmermehr eine Brücke

geschlagen werden konnte. So lange es die beiden Familien vom Freihofe

und vom Schlosse geben würde, so lange würde auch die Kluft bestehen.

Das war für alle Zeiten bestimmt, und niemand durfte sich vermessen, an

diesem Spruch zu rütteln. So hatte es sein Großvater gewollt, nachdem

der eigene, hochmütige Bruder die Auserwählte seines Herzens beschimpft

hatte. Des jungen Freihofers empfindlicher Stolz bäumte sich hoch auf,

wenn er an das schwere Unrecht dachte, das seiner Großmutter von denen

droben einst zugefügt worden war.

Und selbst dann, wenn es ihn mit unwiderstehlicher Macht zu dem

Fräulein hinziehen würde, -- wie wäre es ihm möglich, vor seine Mutter

zu treten und ihr zu sagen, daß er wieder Freundschaft schließen wolle

mit den Leuten vom Schlosse? Würde er dergestalt seine alte Mutter

nicht verraten? Sie, die er mit der zärtlichsten Liebe umgab, die

ein Kind für seine Mutter nur empfinden kann! Freilich lagen seine

Gefühle nicht auf der Zunge, denn beider Naturen waren hart und nicht

für den offenen Austausch von Liebeszeichen geschaffen. Aber wie es

Max jeden Tag von neuem fühlte, daß ihr rauhes Äußere nur die Glut

ihrer mütterlichen Empfindungen für ihre beiden Kinder verbarg, wußte

er, daß die bedingungslose Ehrfurcht und Unterwerfung vor ihr und die

fast abgöttische Liebe zu seiner Mutter die stärksten seiner Gefühle

waren, die ihn jemals bewegen konnten und die in seine Seele unlösbar

hineingewoben waren. Deshalb konnte von einer Annäherung zu den

Verwandten niemals die Rede sein, wenn nicht seine Mutter selbst den

Wunsch dazu aussprechen würde. Aber dieser Umschwung würde in ihrer

Seele nie eintreten. So glühender Haß erlischt nur mit dem Tode dessen,

der ihn mit sich herumträgt.

Und selbst wenn in seiner Mutter der Wunsch dazu rege würde, dürfte sie

es dennoch nie tun! Als sie vor Jahren ihm, dem Knaben, die Feindschaft

zu den Schloßleuten ins Herz gepflanzt, da hatte sie ihm zuletzt

anvertraut, gleichsam als wolle sie ein blutigrotes, brennendes Siegel

unter ihre Worte setzen, daß sie ihrem sterbenden Vater unversöhnliche

Feindschaft denen im Schlosse gegenüber in die Rechte gelobt habe.

Aus allen diesen Gründen unterdrückte Max seinen Wunsch das Fräulein

näher kennen zu lernen. Vielleicht würde er, wenn es geschah, nur einen

Widerstreit seiner Empfindungen heraufbeschwören, und es würde ihm dann

gewiß schwerer werden als heute, das so schnell erwachte Interesse für

dieses ungewöhnliche Mädchen wieder zu verlieren und den Eindruck zu

verwischen, den es auf ihn ausgeübt hatte.

Während der folgenden Tage betrat Max wiederholt die Krankenzimmer

und mußte von neuem Gelegenheit nehmen, mit Maria von Tiefenbach zu

reden. Sie sprach unbefangen, ihre Stimme dämpfend und begleitete ihre

Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen der Hand. Was sie ihm über den

Zustand der Kranken zu berichten hatte, sagte sie in knappen Sätzen.

Teilte sie ihm Erfreuliches mit, so blieb sie dennoch ernst, nur in

dem aufleuchtenden Blick ihrer Augen konnte Max ihre Freude lesen. War

hingegen Schmerzliches zu berichten, so erriet er dies schon, bevor

sie begann, an ihren umflorten Augen. Sie vermied es ängstlich, sich

ihm gegenüber weich oder erfreut zu zeigen und schien ihm im stillen

dafür dankbar zu sein, daß er ihr weder tröstende, noch Worte der

Anerkennung sagte. Selbst als sie ihm eines Morgens mitteilen mußte,

daß ein junger bayerischer Dragoner, den sie, wie er wußte, Tag und

Nacht in unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und der ihr durch die endlich

herannahenden Zeichen seiner Genesung viel Freude bereitet hatte,

infolge eines plötzlichen Rückfalls in der verflossenen Nacht gestorben

war, fügte sie ihrer Meldung keine weiteren Worte hinzu.

Max vermochte nicht sein Mitgefühl zu unterdrücken, das in ihm

emporkam, als er in diesen Augenblicken das Mädchen betrachtete.

Ihre Wangen waren von den ungewohnten Anstrengungen der letzten Tage,

besonders aber von den vielen Nachtwachen bleich geworden, und ihre

Haltung war die eines müden Menschen. Außer den Anzeichen großer

Abspannung lag auf ihrem Gesicht tiefe Ergriffenheit. Er sah, wie sie

sich fast Gewalt antun mußte, um bei ihren Worten nicht in Tränen

auszubrechen.

Mit wachsender Teilnahme stand Max dem Fräulein gegenüber, denn er

erriet, was in ihrem Innern vorging. Zu gleicher Zeit wußte er aber

auch, daß sein sehnliches Verlangen, einen Blick hinter das ernste

Antlitz dieses Mädchens zu tun, sich schon erfüllt hatte.

Da drang ihm plötzlich ein heißer Strom zum Herzen, den zurückzudämmen

er sich anfangs bemühte, um sich im nächsten Augenblick aber dieser

Weichheit in willenloser Freude hinzugeben. Denn was sich ihm hier

offenbarte, war ein edles Frauengemüt! Rasch fand er die Erklärung für

den großen Schmerz des Mädchens. Mit Hingabe hatte sie den Krieger nun

fast zwei Wochen hindurch gepflegt, nicht der Anstrengungen achtend,

die ihre Wangen hohl gemacht hatten. Unsägliche Freude hatte sie

empfunden, als seine kräftige Natur in dem erbitterten Kampf mit der

schweren Krankheit endlich die Oberhand gewann, und sie fühlte dadurch

ihre heißen Bemühungen tausendfach belohnt. Schon sah sie, wie die

Gesundheit in den erstarkenden Körper wieder einzog, -- da begannen

gestern Abend die Pulse von neuem zu hämmern, die Temperatur stieg

bedrohlich und ohne einen Grund dafür erkennen zu lassen, stand wieder

auf derselben Höhe wie in den Tagen der qualvollsten Zweifel, stieg

darüber hinaus, -- und dann mußte sie ohnmächtig zusehen, wie der eben

wieder lebensfroh gewordene Kranke die Augen hilfesuchend auf sie

richtete und mußte zulassen, daß der dem Tode kaum Entrissene dennoch

sein Opfer wurde. In einer einzigen Nacht war ihre große Freude zu

schwerem Kummer geworden.

So, fühlte er, hatte es sich zugetragen, und ihre Seele, die warme

Nächstenliebe, Aufopferung und tiefes Mitgefühl anfüllte, hatte großen

Schmerz erlitten.

Da konnte er seine Bewegung nicht mehr meistern: er trat zu der sich

eben wieder von ihm wendenden Jungfrau, nahm ihre Hand in die seinige

und sprach ihr mit teilnehmenden und tröstenden Worten sein Mitgefühl

aus.

Das Fräulein war bei der Berührung ihrer Hand unwillkürlich

zusammengeschreckt, aber sie hatte sie ihm doch willig überlassen und

mit Verwunderung seinen Worten zugehört. Eine starke Blutwelle trieb

wieder nach ihrem Kopfe und färbte ihre blassen Wangen dunkelrot, bis

hinauf unter die schweren, braunen Zöpfe auf ihrem Haupte.

Langsam entzog sie ihm endlich ihre Hand und trat einen Schritt zur

Seite. Dann sprach sie:

»Herr von Tiefenbach, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Ich hatte

sie nicht erwartet und konnte nicht ahnen, daß Sie meinen Schmerz

erkennen würden. Der Tod dieses mir noch vor wenigen Wochen Unbekannten

hat mich, wie Sie richtig erraten haben, schwer getroffen und mein

tiefstes Bedauern wachgerufen. Er liebte das Leben und klammerte sich

mit bewunderungswürdiger Zähigkeit daran fest. Und wie beglückt und

dem Schöpfer dankbar er dem neuen Leben entgegenging! -- Doch, Herr

von Tiefenbach,« fuhr sie nach einer kurzen Pause der Sammlung in

verändertem Tone fort, »eine Pflegerin darf nicht weich werden, sonst

taugt sie nicht für ihr Amt. Voll Freude hatte ich dem Verstorbenen in

seinen schweren Leidenstagen meine Kräfte gewidmet; er sollte nicht

genesen. Jetzt gehört meine Kraft wieder den Lebenden!« Und mit dem

stummen Gruße, mit dem sie sich sonst von ihm zu verabschieden pflegte,

ging das Mädchen zu den Kranken.

Auf Max hatte dieser Vorgang tief eingewirkt. Das, was er bis zu dieser

Stunde nur empfunden hatte, war mit einem Schlage Überzeugung: in

diesem schönen Mädchen wohnte eine herrliche Seele, auf deren tiefsten

Grund er soeben geschaut hatte. Durch die wenigen Worte, die er mit dem

Fräulein gewechselt, fühlte er sich ihr innerlich nähergerückt. Es war,

als wenn eine hohe Schranke, die bis heute zwischen ihnen aufgetürmt

war, von Zauberhand beseitigt worden sei.

Wenn sich im Leben zwei Menschen dabei kennen lernen, daß ihnen ein

Erlebnis von scheinbar geringer Bedeutung zustößt, das sie aber

zwingt, sich gegenseitig einen vollen Einblick in das wie durch einen

Blitzstrahl erhellte eigene Innere zu gewähren, und beide gleichzeitig

erkennen, daß ihre Empfindungen und Anschauungen in der ihre Herzen

berührenden Frage übereinstimmen, dann webt das Schicksal auch sogleich

mit emsiger Hand geheimnisvolle Fäden von einem Herzen zum andern. Die

Worte der Zurückhaltung und Förmlichkeit erscheinen ihnen nichtssagend

und armselig, deshalb lassen sie den Zwang fallen und sprechen

zueinander, als ob sie schon seit Jahren gute Nachbarn wären. Und doch

waren sie sich noch vor einer Stunde fremd und hatten sich im Leben

vielleicht noch niemals gesehen. Das kleine Ereignis aber hat beide

menschlich so nahe gebracht, wie sonst nur Vertraute zueinander stehen.

Jahrelang wandeln oft zwei Menschen nebeneinander dahin, ohne daß sie

sich bis ins Innerste des Herzens hinein kennen lernen. Es bedeutet

mitunter viel, einen Menschen so zu finden, denn die in solchen Stunden

geschlossene Freundschaft dauert nicht selten bis über das Grab hinaus.

Max fühlte, daß dieser Vorfall imstande sein konnte, von großer

Bedeutung für sein künftiges Geschick zu werden. Wären sie nicht

feindliche Geschwisterkinder gewesen, so hätten sie in dem

angeschlagenen vertraulichen Tone länger zusammen gesprochen, und des

Mädchens Worte hätten wohl herzlicher geklungen. Aber so hatte, während

sie miteinander sprachen, neben ihr der Schatten des Familienzwists,

an seiner Seite der alte Haß gestanden, unter deren Eishauch die

Herzlichkeit nach dem ersten Aufschäumen frostig wurde und sich alsbald

in eine kaum zu verbergende Verlegenheit verwandelte. Und dadurch ward

das aus dem Herzen freudig hervordrängende Gefühl getötet, noch ehe es

der Mund in Worte prägen konnte.

Und während sich Max unaufhörlich mit dem Begebnis am Morgen dieses

Tages beschäftigte, zog in seiner Brust, in der bisher im Leben die

widerstreitenden Gefühle friedlich nebeneinander geschlummert hatten,

in aller Stille ein Sturm herauf, der den starken Mann wie ein

schutzloses Bäumchen auf einsamer Höhe schütteln sollte.

Der Anblick, den das Fräulein heute geboten hatte, stand Max in

plastischer Deutlichkeit vor der Seele. Er sah wieder ihr bleiches

Gesicht mit den müden Augen und dem Zuge von verhaltenem Schmerz, der

sich um ihren Mund gelagert hatte, und wenn sie sprach, kostete es

sie sichtlich Mühe, ihre zuckenden Lippen zu beruhigen. Jedem anderen

Menschen, dessen Seelenschmerz sich ihm so offenbart hätte, würde

er in reicherem Maße Trost zugesprochen haben. Das gebot ihm die

Christenpflicht. Und in welch raschem Flusse gleiten erst die Worte vom

mitfühlenden Herzen, wenn es gilt, einen edeln Menschen zu trösten, den

der Kummer durch selbstlose Hingabe an Unglückliche überkommen ist.

Aber wenn immer er einem Leidenden das Herz erschließen durfte,

hier durfte er es nicht! Diesem gemütvollen, erschütterten und doch

willensstarken Mädchen gegenüber, zu dem ihn sein empfindsames Herz,

ohne daß er widerstreben konnte, heute hingedrängt hatte, diesem

Mädchen gegenüber mußte er seine Brust mit Eisen panzern. Denn sie war

seine Feindin.

Max fuhr mit der Hand über die Stirn, als wenn er damit alle Unruhe

verscheuchen könne, die ihn überfallen hatte. Seine Feindin, sagte

er eben? Ja, war sie denn wirklich seine Feindin? Konnte das blasse,

schöne Mädchen mit dem reichen Gemüt, das seine Kraft so bereitwillig

in den Dienst der Leidenden stellte, und das der Tod eines ihrer

Kranken so mächtig ergriffen hatte, wirklich etwas getan haben, daß ein

Mensch auf der ganzen weiten Welt sagen durfte: Seht, das ist meine

Feindin?

Und doch war er es, der sie Feindin nannte! Beging er damit nicht

ein großes Unrecht? Hatte sie eine Mitschuld an dem ganzen unseligen

Familienzwist? Warum vergalt man ihr, was ihr Großvater versündigt

hatte? Mußte er als Christ diese Handlungsweise nicht als eine schwere

Versündigung an einem unschuldigen Menschen bezeichnen, und warum

lehnte sich nicht alles Gute in ihm auf gegen eine solche Tat?

Alle diese Fragen drangen zu gleicher Zeit mit Ungestüm auf Max ein,

und sein sonst so ruhiges Denken geriet in arge Verwirrung. Daran, daß

die Feindschaft, die die Freihofer gegen die Schloßleute unterhielten,

berechtigt sei, hatte er noch nicht gezweifelt. Jetzt schien es ihm,

als wenn eine Binde von seinen Augen fiele. Von allen Seiten kamen ihm

plötzlich Zweifel über die Richtigkeit seiner tiefen Abneigung. Sie

drangen auf seine Seele ein und vereinten sich zu der ernsten Anklage:

Du hast denen droben auf dem Weißen Schlosse schon seit Jahren schweres

Unrecht getan.

Max wußte nicht, wie ihm geschah. War es möglich, daß er in

Zweifelsqualen darüber geraten konnte, ob seine Abneigung, sein

feindseliges Gefühl gegen die Verwandten berechtigt sei?

Während des ganzen Tags war der Freihofer wie ein Träumer

umhergegangen. Nach dem Mittagessen hatte er sich hinter die

Wirtschaftsbücher gesetzt, aber die Arbeit wollte nicht vorwärts gehen.

Der Kopf war ihm zu voll. Wenn er die schwarzen Zahlen betrachtete,

schien es ihm, als wenn sie lebendig geworden wären, wunderliche Formen

annähmen und durcheinander tanzten. Schrieb er sie nieder, so mußte er

genau achtgeben, daß er nicht eine falsche Summe eintrug.

Da wurde er mit einem Male ärgerlich, denn er hatte in dem neuen

Hauptbuch dem Händler Kornteuer die dreihundert Taler, die dieser

noch vom Herbst her für Getreide schuldete, ins Haben anstatt ins Soll

geschrieben.

Ärgerlich warf Max die Feder beiseite, klappte das Tintenfaß heftig

zu und verließ das Zimmer. Seine Mutter, die am großen runden Tisch

stand und von einem dicken Ballen Leinwand Stücke abschnitt, um daraus

Hemden für die kranken Soldaten anzufertigen, hielt die Schere still

und sah erstaunt dem Sohne nach. Was war es mit ihm? Es war ihrem

scharfen Blicke nicht entgangen, daß er bereits seit einigen Tagen

in sich gekehrt und zerstreut war. Abends, wen sie sich um die Lampe

versammelt hatten, war er einsilbig gewesen. Anfangs hatte er oft und

mit lebhaften Worten von seinen Kranken gesprochen, jetzt berichtete

er nur noch kurz von ihnen. War er nicht mehr zufrieden? Was konnte es

sein, das seinen Blick so versonnen machte?

Aber die Freihoferin war nicht gewöhnt, über kleine Veränderungen im

Wesen ihres Sohnes lange zu grübeln. Seine Seele lag von Kindheit an

wie ein offenes Buch vor ihr, in dem sie Tag für Tag las, und sie wußte

genau, was auf jedem Blatte geschrieben stand. Deshalb ließ sie schnell

diese Gedanken fallen und wendete die Aufmerksamkeit wieder ihrer

Arbeit zu.

Max war unterdessen über den Hof gegangen und in die große Scheune

getreten, wo die Knechte in zwei Runden Weizen ausdroschen. Eine

kurze Weile hielt er sich dort auf, dann ging er wieder zurück und

schlenderte durch die Ställe. So lief er lange Zeit durch alle

Wirtschaftsräume, Arbeit suchend und keine findend. Wenn er eine kleine

Unregelmäßigkeit entdeckte, ward er ärgerlich und schalt die Mägde.

Im hintersten Stand hatte sich eine Kuh losgemacht und bog gerade zu

einem Spaziergang in die Stallgasse ein, und wie er den Pferdestall

betrat, fiel sein Blick auf die tragende Stute, deren Kette so lang

gesteckt war, daß das Tier mit dem Maule bis zu dem hohen Streustroh

herunter konnte und dieses fraß. Jeden andern Tag hätte er selbst Hand

angelegt, um dem Mangel abzuhelfen. Heute rief er mit schallender

Stimme nach dem Gesinde. Überall fand er zu verbessern und zu tadeln.

Alles sah er, nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging seinem Auge.

Und doch waren seine Gedanken nicht bei ihm, immer standen vor seinem

Geiste die umflorten Augen eines schönen Mädchens.

* * * * *

Der kurze Januartag neigte sich seinem Ende zu. Max stand in der Stube

an einem der Fenster, die nach der Straße lagen und blickte hinaus auf

die beschneite Landschaft. Überall, wohin das Auge reichte, nichts als

Schnee. Auf der Dorfstraße war eben der mit sechs kräftigen Gäulen

bespannte Schneepflug vorübergegangen und hatte eine breite Bahn

hinterlassen. Hüben und drüben türmte sich der Schnee hoch auf, der

auch heute bis zum Nachmittag wieder unaufhörlich gefallen war. Jetzt

hatte sich ein scharfer Wind erhoben, die oberste feine Schicht des

Neuschnees vor sich hertreibend. Es war bitterkalt draußen, und der

Himmel hing voll grauer Wolken. Die schwarzen Äste der breiten Buchen

waren mit der weißen Masse dicht bedeckt, und jede der Zaunlatten trug

ein hohes Häubchen davon.

Max beobachtete, wie sich ein einsamer Spatz dicht vor dem Fenster auf

den Zaun niederließ. Das Tierchen guckte sich mit flinkem Drehen des

Köpfchens nach allen Seiten ein paarmal um wie aber keiner von seinen,

augenscheinlich schon zur Ruhe gegangenen Spießgesellen erschien,

piepste es mit leiser Stimme einmal auf und flog dann davon. Ein

winziges Häufchen Schnee fiel dabei vom Pfahl herunter.

Weit und breit war nichts Lebendes zu sehen. Die Natur verharrte in

tiefem Schweigen.

Max sah nichts mehr von dem weißen Bilde. Er hatte den Kopf an die

Scheiben gelegt und kühlte seine brennende Stirn.

Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten Male, läßt man

die Lebenden entgelten, was die Toten versündigt haben. Dann stürmten

wieder bittere Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von

neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von langen Wimpern

beschatteten Augen stumm auf ihn richtete.

Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt. Vom Freihof ein Stück die

Straße hinauf, drüben hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines

Häuschen, aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule blauen Rauches

wand. Dort wohnte eine arme, junge Frau, die kurz vor Weihnachten den

Mann verloren hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten

zwei schwer am Keuchhusten litten.

Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt heraus und lief

mit eilenden Schritten durch den Schnee herüber nach der Straße. Der

Wind spielte mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um Brust und

Kopf geschlungen hatte und versuchte, es ihr zu entreißen. Aber sie

bemerkte seine Anstrengungen und wickelte sich fester in das Tuch. Max

bemühte sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden Dämmerung

zu erkennen und trat von neuem dicht an das Fenster. Aber ihr Kopf war

sorgsam eingehüllt, und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt war

sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen, da riß ihr

ein heftiger Windstoß das Tuch von der Stirn. Hastig griff sie danach,

um das Gesicht wieder zu bedecken, -- aber es war zu spät.

Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster verschwunden und

zur Seite getreten. Aber er konnte die Augen nicht von der Gestalt

losreißen, durch die Gardine hindurch schaute er dem rasch davon

eilenden Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht unbedeckt

gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es war Maria von Tiefenbach.

Diese überraschende Entdeckung ließ die während des ganzen Tages in

seiner Seele im Schlummer gelegene Erregung mit einem Schlage hoch

auflodern.

Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten Wochen und besonders seit

ihrer Begegnung am Morgen des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt

hatte, befand sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen

Fußes seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden.

Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und wie im März unter dem

linden Hauche der Frühlingswinde die Eisdecke auf den Bächen schmilzt,

so brach in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand jäh

zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen herauf, dem

Mädchen nachzueilen und es zu zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War

es Freude, sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich zu

sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die auf dem Spiele stand,

wenn das Mädchen, nachdem sie wahrscheinlich ein paar Stunden bei den

Kindern der Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte, um

wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen?

Max stand von neuem am Fenster und sah mit klopfendem Herzen dem

Mädchen nach. Die Wange an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er

die Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die Umrisse der

Verschwindenden noch zu erkennen. Da machte er eine unwillkürliche

Bewegung und stieß mit dem Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte

er sich um, -- und sah sich seiner Mutter gegenüber. Hoch aufgerichtet,

in steifer Haltung, die Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die

Freihoferin.

In tiefem Schweigen standen sich Mutter und Sohn gegenüber, jedes die

Augen fest auf die des anderen gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort

klang, kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein lähmendes

Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken hoher Erregung Max das

Blut in den Adern fast stocken machte.

Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter aber nicht ertragen, und

er senkte die Augen zu Boden. Die Aufwallung, die sich vor wenigen

Sekunden seiner bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm, als

wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun wieder von ihm wich.

Seine Pulse flogen nicht mehr wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter

dem Blicke des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung

zurück.

Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf diese Frage nicht

so rasch die Erklärung geben. Das Fräulein vom Schloß war draußen

vorübergegangen, das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten

begab, und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal den Beruf

der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und er war hart an das Fenster

getreten, um ihre Gestalt mit den Blicken zu erfassen -- --?

Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese Frage, eine andere

Antwort wußte er nicht.

Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt? Ihn, Max von

Tiefenbach, den jungen Freihofbauern, der von seiner Mutter so viel

kühlen Verstand geerbt hatte, und den man so oft um sein inneres

Gleichgewicht beneidete?

Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf. Sollte er nahe daran

gewesen sein, durch zwei blaue Mädchenaugen zum törichten Jungen zu

werden, der stundenlang schmachtend um das Haus seiner Herzenskönigin

schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen?

Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht weiter verfolgen zu

können. Da merkte er, daß ihm die Röte in die Schläfen stieg, und das

versetzte ihn in Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse, der

wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es ihm, sich zu räuspern,

aber den Blick vom Boden zu erheben vermochte er nicht.

Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben seine Großeltern

einstens tödlich beleidigt! Solch eine Schmach darf nie vergessen

werden, und wer lebte, mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen

oder die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht, wenn sie

ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher Haß mußte jederzeit

im Herzen lodern, in allen Winkeln der Räume seines Besitztumes

lauern, von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten der Gebäude

schweben, und durch alle Arbeit und alles Leben auf dem Freihofe

mußte sein Klang zittern. Das hatte schon sein Großvater mit seiner

Verwünschung besiegelt.

Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und seine Mutter ansehen.

Diese stand noch immer stumm vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem

Ausdruck auf den Sohn gerichtet.

Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst versuchte sie

ein paarmal, zu sprechen, bis sie endlich mit gepreßter Stimme, rauh

hervorstieß:

»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben müssen, Max!«

Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte Brille und Gebetbuch vom

Tische auf und verließ das Zimmer.

Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze stehen und sah nach

der Tür, durch die die Freihoferin verschwunden war. Dann machte er

eine kraftvolle Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel

sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf und ab.

Herr, mach' uns frei! · 第 7 / 31 题