Als Herr Uri sich mit Grahl allein in der Stube befand, wurde der

Ausdruck seines Gesichts nachdenklich ernst. Und dann – mit wenigen

Worten unterrichtete er Grahl von dem neuesten Schlag, zu welchem man

gegen ihn ausholte. Baaß und jenes Ausschußmitglied, das vor dem

Arbeitsgericht mit Baaß zusammen als Zeuge der Firma erschienen war –

diese beiden hatten in einer Versammlung, die eben beendigt war und

sowohl alle Ausschußmitglieder, mit Ausnahme von Grahl, als auch eine

Anzahl von Angestellten vereinigt hatte, den folgenden Antrag gestellt:

Nach den beleidigenden Ausfällen Grahls vor dem Arbeitsgericht gegen

eines der Ausschußmitglieder, Herrn Baaß, sei eine nutzbringende

Gemeinschaft zwischen Grahl einerseits und den übrigen Mitgliedern

andererseits zu bezweifeln. Unter Verzicht auf eine Entschuldigung

seitens Grahls werde dieser aufgefordert, von seinem Posten als

Ausschußmitglied zurückzutreten.

Grahl sprang auf, fiel in den Stuhl zurück, stemmte eine Faust auf das

Herz und stöhnte. „Ich werde nicht!“ rief er aus, „ich habe keine

Veranlassung, von meinem Posten zurückzutreten. Wer kann mich zwingen?

Mich deckt nicht mein Recht allein – mich schützt das Gesetz auf

zweifache Weise.“

„Lieber Grahl,“ sagte Herr Uri, „ich habe Ihnen mit dieser Nachricht

nichts Gutes gebracht. Aber nun wird jene Aufforderung, welche Sie

höchstwahrscheinlich schon morgen treffen wird, nicht mehr vermögen, Sie

zu einem unbesonnenen Entschluß zu verleiten.“

„Mich verleiten?“ rief Grahl. „Zu einem Entschluß? Ich habe keine

Veranlassung ... Was? Halten mich meine Kollegen für schwachsinnig –

wie?“

Gertrud, ein Tablett vorsichtig in Händen tragend, kam an die Tür. Herr

Uri sprang auf, um ihr behilflich zu sein. Und während der Stunde, für

die Uri noch blieb, konnte er solch ein gutmütiges frohes Geplauder mit

der Tochter seines Kollegen treiben, als wäre an diesem Abend von gar

nichts Ernstem die Rede gewesen.

Neuntes Kapitel.

Am nächsten Morgen fand Grahl, wie erwartet, den Brief. Er hatte bereits

ein kurzgehaltenes Antwortschreiben verfaßt, in dem er erklärte, es gäbe

für ihn keine Veranlassung, von dem Amt, zu welchem die Stimmen der

Wähler ihn berufen hatten, zurückzutreten. – Er ersuchte einen Boten,

dies Schreiben zu überbringen, und blieb in einem Gefühl von

Befriedigung und Verzweiflung zurück. Um sein laut klopfendes Herz zu

beschwichtigen, wiederholte er sich mit gemurmelten Worten, daß das

Gesetz seine Stellung auf zweifache Weise schützte. Aber die innerliche

Empfindung von dennoch nagender Angst entsprang der Gewißheit von einem

dunkel sich näher gegen ihn wälzenden Ende. Er hörte die triumphierenden

Hörner der Jäger, das Kläffen der Hunde. Seine Stirne nickte kaum

merkbar, nickte unaufhörlich nach dem unaufhörlichen Takt seines

klopfenden Herzens.

Am Nachmittage wurde ihm ein Schreiben gebracht, des Inhalts, daß

sämtliche Ausschußmitglieder von ihrem Amte zurückgetreten wären, um

einen vom Personal neu zu wählenden Ausschuß zu ermöglichen und somit

das unerwünschte Nebeneinander mit Grahl zu lösen. – Grahl, ohne merkbar

mit einer Miene zu zucken, steckte den Brief in die Tasche. Nun wußte er

auch, daß es eben diese Maßnahme war, die er gefürchtet hatte, als die

Empfindung von Angst in ihm zu klopfen begann. Für eine halbe Stunde und

länger war sein Denken gelähmt. Dann schrieb er mit fiebernder Hand

einen Brief: Er protestierte; er verlangte Gehör.

Die Erregung in ihm, die nach entscheidender Aussprache drängte, trieb

ihn, mit eigenen Händen den Brief in die Revisionsabteilung Herrn Baaß

zu bringen. O, er kannte sie wohl, seine Kollegen vom Ausschuß. Sie

standen nun alle unter dem Einfluß von Karst, dem sie gut zu gefallen

suchten; der selber nun wohl eine Gunstbezeugung für die Vollstrecker

seines Willens daran wenden mußte, nachdem dieser sein Wille, in

unmittelbarem Angriff auf Grahl, sein Ziel nicht hatte erreichen können

...

Als er in dem langen Flur, dicht bei der Kantine, an der Tafel

vorbeigehen wollte, wo für die Angestellten wichtige Mitteilungen zu

finden waren, blickte ihn die Ueberschrift eines Aufrufs an: „Neuwahl

zum Ausschuß am 29. Oktober“. – Grahl blieb stehen. Sein Herz stand

still. Es war schon zu spät. Nun hieß ein Versuch, die Gegner von ihrem

Unrecht zu überzeugen, sich vor ihnen zur Erde beugen ... umsonst sich

zur Erde beugen. – Er wendete sich mit schurrenden Sohlen und kehrte den

Weg über den langen Flur, sich nah an den getünchten Wänden haltend,

zurück.

Das Oktoberwetter umpfiff ihn, als er den Weg nach Hause ging. War er

vogelfrei? Mit seinem Mandat ging seine Immunität verloren. Ein Versuch

zu erneuter Kandidatur wäre sinnlos. Aber dann blieb noch ein anderes

Recht. Er konnte noch als einfacher Angestellter den bald neugebildeten

Ausschuß zum Einspruch gegen die Kündigung aufrufen, die ihn

voraussichtlich am letzten Tage des Monats traf. Aber die Hoffnung, die

ihn auf diesem Wege begleiten konnte, war lächerlich winzig. Denn

sicherlich würde die Mehrzahl der alten Ausschußmitglieder den neu zu

wählenden Ausschuß bilden. Die Auflösung samt der folgenden Wahl – dies

war ein taktischer Zug, wahrscheinlich betrieben von Karst, den

Buchhalter Jakob Grahl aus dem Amt zu entfernen. War er nicht vogelfrei?

Am 29. Oktober wird ihn ein Brief von seinem erloschenen Mandat in

Kenntnis setzen, am 31. ein anderer von seiner Entlassung am 1.

Dezember. Dann kann er noch einmal zum neuen Ausschuß gehen, der sich im

besten Fall aus anderen Untertanen zusammensetzt als der alte – das kann

er, als der gekündigte Buchhalter Grahl ... aber er wird es nicht tun.

Er hüpfte von einem Fuß auf den andern. Obgleich ihm der Wind ins

Gesicht pfiff, glühte die Stirn. Nur die Finger, in seinen

Manteltaschen, und die hüpfenden Füße waren eiskalt.

* * * * *

Aber es kam noch anders, als er erwartet hatte. Am Morgen des

Neunundzwanzigsten war an Stelle des Aufrufs zur Wahl eine Mitteilung an

die Tafel geheftet: Aus Mangel an Kandidaten konnte die Wahl nicht

vonstatten gehen. – Es gab also keinen Ausschuß mehr. – Niemand wünschte

durch die Eigenschaft als Führer des Personals in einen etwaigen

Konflikt mit der Leitung der Firma zu geraten. Man hatte ja wohl

bemerkt, wie wenig Sicherheit eine Immunität bedeutet, wenn sie Herrn

Karst nicht gefällt ...

Mit der Kündigung, welche Grahl erwartungsgemäß am Vormittag des 31.

Oktober (zum 1. Dezember) erhielt, wurde ihm sein Gehalt für den

vergangenen Monat verabfolgt. An der Summe fehlte beinahe ein Drittel zu

seinem Monatssalär. Er wandte sich an den Kassierer, der ihm erklärte,

daß für den vergangenen Monat der Gehaltstarif für Boten und Packer,

nach welchem der Vorgänger auf seinem Posten gelohnt worden war, auch

für _ihn_ Geltung hätte. – Ohne zu merken, daß er gegen Böcke rannte,

und Menschen, die ihm im Wege standen, beiseite stieß, lief Grahl durchs

Kontor und trat in den „Glaskasten“ ein, wo Herr Karst, einen Brief

diktierend, am Schreibtisch saß. Ehe Grahl den ersten Satz mit hastiger,

oft versagender Kehle zu Ende gesprochen hatte, hielt ihm Karst einen

geschlossenen Umschlag entgegen. Er trug eine Aufschrift: „Zeugnis für

Jakob Grahl“. – Grahl hörte Herrn Karst noch die Worte sagen: „Sie

können nach Hause gehen. Die Firma verzichtet auf Ihre Tätigkeit,

obgleich das Dienstverhältnis bis zum 1. Dezember geht. Sie brauchen

nicht wiederzukommen. _Trotzdem_ wird Ihnen am Letzten des kommenden

Monats das Gehalt für einen Boten bezahlt. Adieu.“

Herr Karst fuhr fort, einen Brief zu diktieren. Grahl wollte entgegnen

... aber es schien ihm dann, als wäre es sinnlos, etwas zu sagen. –

„Vollkommen sinnlos,“ sagte er mit vernehmlicher Stimme und stand im

Regen vorm Haus.

* * * * *

„....., den 31. Oktober 1924.

Herrn Jakob Grahl.

Am 29. Oktober 1924 ist das Mandat des alten Angestelltenausschusses

erloschen. Ein neuer Ausschuß ist nicht gewählt worden. Es besteht

also seit diesem Tage kein Ausschuß mehr.

Mit dem Erlöschen des Mandats des alten Angestelltenausschusses ist

auch Ihre Zugehörigkeit zum Angestelltenausschuß erloschen.

Die Voraussetzungen, weswegen uns von seiten des Arbeitsgerichts

eine Kündigung versagt worden ist, sind somit in Fortfall gekommen.

Wir kündigen Ihnen daher hiermit Ihre Stellung zum 1. Dezember 1924.

Hochachtungsvoll

Winter, Komm.-Ges. (Personalleitung)

Karst.“

* * * * *

„....., den 31. Oktober 1924.

Zeugnis.

Herr Jakob Grahl war vom 1. Mai 1898 bis 31. Oktober 1924 bei uns

beschäftigt.

Er fand während dieser Zeit in verschiedenen Abteilungen Verwendung

und erledigte die leichteren Arbeiten zu unserer Zufriedenheit.

Das Vertragsverhältnis wurde von uns zum 1. Dezember 1924 gelöst,

weil Herr Grahl sich den Anforderungen unserer Buchhaltung nicht

gewachsen zeigte und wir eine Beschäftigungsmöglichkeit für ihn in

anderen Abteilungen nicht fanden.

Seine Führung war, abgesehen von den letzten drei Monaten, gut.

ppa. Winter, Komm-Ges.

Karst.“

Zehntes Kapitel.

Zu seiner Verwunderung fand er zu Hause weder Gertrud noch Hermann,

obgleich der Eingang zur Wohnung unverschlossen gewesen war. Es war ihm

recht, mit sich selber allein zu sein. Er legte sich, bleierne Schwere

in Kopf und Füßen, aufs Sofa. Er wünschte zu schlafen, um vor den

Gedanken, die hinter der Stirne eilig wie Mäuse durcheinanderflohen,

Ruhe zu haben. Er fand sich nicht fähig, den in seiner Sache notwendigen

Entschluß zu fassen. In Wirklichkeit – sagte er sich, wenn er die letzte

Kraft seines Denkens für einen Augenblick zu sammeln vermochte – in

Wirklichkeit muß die Verteidigung gegen das Unrecht, das mir getan

worden ist, einfach sein; obgleich diese Pflicht, mich zu wehren, wie

eine unabwälzbare Last auf mir kniend, mich lähmt ...

Plötzlich wurde die Wohnungstür in nervöser Hast mit dem Schlüssel

geöffnet. Die Stubentür wurde aufgerissen; Hermann, bleich und mit

klebrigem Haar, rief verzweifelt: „Vater, komm mit.“ Grahl sprang auf.

In diesem Augenblick fühlte er nichts mehr von seinen Leiden, er

stolperte durch den Flur, und ohne den Hut aufzusetzen, folgte er seinem

Sohn die Treppen hinunter, indem er beständig sagte: „Was ist denn

geschehen? Ist deiner Mutter etwas geschehen?“ und Hermann mit seiner

abgehetzten heiseren Kehle hervorstieß: „Komm mit, ich erzähle dir

unterwegs.“ An der Haltestation der Straßenbahn blickte Hermann den Lauf

der Schienen hinunter. „Wir müssen laufen, es kommt keine Bahn,“

flüsterte er, und ohne zu zögern, warf er den Körper herum und hastete

weiter. – „Hermann, ich folge nicht mehr – keinen Schritt“ – keuchte der

Vater, „wenn ich nicht nun erfahre ... Ist deiner Mutter ... oder ist

Gertrud ... Hermann ...“

„Gertrud,“ stieß Hermann im Laufen heraus, „ist heute früh zum Gefängnis

gegangen. Sie kam dann zurück und holte mich – wie ich dich. Als ich von

ihr erfuhr, was geschehen war, angeblich geschehen, lief ich zu dir ins

Bureau. Dort sagte man mir, du wärest nach Hause gegangen. So ist es

gewesen ...“

„Was ist denn geschehen?“

„Es ist vielleicht gar nicht geschehen, gar nicht so furchtbar, Vater

... aber du mußt denken, bei dir ... du mußt dir das Furchtbarste

denken. Dann bist du sicher ... vor jeder Nachricht, die uns erwartet.

Stelle dir vor ... das Schlimmste – es braucht darum nicht zu _sein_.“

„Ich stelle mir nun das Schlimmste vor – Hermann – ist es so?“

„Ich weiß es selber nicht, Vater. Ich weiß es nicht.“

So rannten sie bis zum Bahnhof, wo sie den Vorortzug, mit dem sie zur

Wette gelaufen waren, davonfahren sehen mußten. Sie hatten eine

Viertelstunde zu warten, sie gingen, jeder für sich, umher. Sie blickten

aneinander vorbei und schwiegen.

Im Abteil führten sie eine Unterhaltung, die darin bestand, daß Grahl

seinen Sohn – und Hermann den Vater ermahnte, des Schlimmsten gewärtig

zu bleiben ... des Schlimmsten, das denn nichts anderes als ein

natürlicher Punkt des Lebens sei.

„Ich denke meine Gedanken zu Ende, Vater, und bleibe ruhig. Bleibe auch

du ruhig, Vater.“

„Ich kann was vertragen, Hermann. Man muß auch mal zeigen, daß man sich

meistern kann. – Uebrigens ist es noch gar nicht gesagt ...“

„Natürlich ist es nur eine Sicherheit gegen den äußersten Fall, wenn wir

uns ...“

„Ganz ruhig bleiben, mein Junge, ganz ruhig ...“

Als sie aber in einer Räumlichkeit mit nackten Wänden an der Bahre

standen, auf welcher die Strafgefangene Anna Grahl mit ein wenig

geöffneten Augen lag, waren die Vorbereitungen gänzlich vergessen.

Hermann, mit dem Ausdruck eines skeptischen Philosophen, stand an der

langen Seite der Bahre, die Brauen herunter-, den Mundwinkel aufwärts

gezogen, als nähme er mit schlichter Nachdenklichkeit das Geschehnis zur

Kenntnis. Er nickte sogar in einer Weise, als fände er hier eine

naturwissenschaftliche Annahme bestätigt. Dann ging er hinaus. – Grahl

hatte zuerst überrascht geblickt. Dann betrachtete er mit einer Miene

von Grauen, Schrecken und schmerzlicher Verdrossenheit die durch einen

Spalt glänzend blickenden Augen in jenem bekannten unbekannten Gesicht,

auf welchem trotz der Verzerrtheit des Mundes die hohe Fremdheit

vollkommener Ruhe und unendlicher stiller Entferntheit schwieg. Dann

wich sein Blick zur Seite, wo, neben der Bahre, ein Halstuch lag,

zusammengerollt wie ein Strick. Er sah wieder die offenen Lippen, die

tiefe Färbung des Angesichts – seine Augen gingen langsam über die

fremde geöffnete Kleidung und langsam wieder hinauf bis zur Stirn ...

Mißtrauen und ängstliche Ahnung, wie sie sich eines Knaben in

unbekannter geheimnisvoller Umgebung bemächtigten, runzelten seine Haut

überm Brillensattel. „Anna,“ sagte er leise ... „lebst du nicht mehr?“

Es schien ihm, als zuckte die Unterlippe. – Kein Laut.

Da stampfte Grahl mit dem Fuß.

Es war aus. Und der Schmerz, der Kampf, die Arbeit ums Leben – was sie

beide gemeinsam gehabt und getragen ...

Das war alles umsonst? War nur dies?

Schon wieder besiegt? Schon wieder besiegt? Ja, ungerecht wie die

Menschen – so war auch der Tod.

Elftes Kapitel.

Am Abend saßen die Kinder Grahls, jedes für sich beschäftigt, am Tisch,

während ihr Vater mit blauen Schläfen regungslos auf dem Sofa lag. Es

klingelte an der Wohnungstür und Herr Uri kam. Beim Anblick der

gramdurchfurchten Gesichter legte Herr Uri für einen Augenblick den Kopf

auf die Seite, als sagte er bei sich selbst: Welch ein Unglück, ja, ja

... diese Kündigung. – Aber ehe er über die Ereignisse im Kontor hätte

beginnen können, sagte der Alte mit einer bedeutungsvollen Bewegung:

„Sie kommen zur rechten Zeit, mein Lieber. Ich möchte mit Ihnen ein

wenig spazieren gehen. Ich brauche Luft um die Stirn.“

Er erhob sich vom Sofa. Aber indem er merklich erbleichte, fiel er

zurück. „Es ist nichts,“ sagte er nach einer Pause mit schwachem

Lächeln, „draußen wird das vorübergehen.“ Er strich seinen Kindern mit

einer ruhigen Bewegung über die Scheitel. Gertrud neigte den Kopf noch

tiefer und brachte endlich ihr Nähzeug lautlos bis an die Augen.

An der Treppe zögerte Grahl. „Geben Sie mir Ihren Arm, mein Lieber ...

ich weiß nicht ... die Treppe ...“ Herr Uri führte ihn langsam hinunter.

Die frische sternklare Straße machte ihn tiefer atmen, er seufzte. Es

war, als ob von Augenblick zu Augenblick Regungen eines hohen Schmerzes

zitternd vom Kopfe zum Herzen liefen, sein Gemüt mit jenem Frieden

erfüllend, den die Demut unter das Schicksal erzeugt. – Herr Uri

berichtete unterdessen, gleichsam zum Troste, von einigen Mißvergnügten

im Personal, die ihrer Empörung über den Abschied des Alten Ausdruck zu

geben begannen. Es hatte sich nun herausgestellt, daß der Nachfolger

Grahls in der Paketannahme – eben derselbe Angestellte war, der früher

den Posten gehalten hatte. Es war ein Bote, welchem die Firma den Urlaub

für das vorgehende Jahr noch schuldete. – In seiner Abwesenheit hatte

man Grahl auf den Posten gestellt, mit seinem Wiedererscheinen hatte man

ihn entlassen.

„Glauben Sie denn,“ fragte Grahl, „daß diese Stimmen, die sich nun

einzeln für mich erheben, nachdem sie so lange geschwiegen haben –

glauben Sie, daß diese Stimmen etwas vermögen, nachdem die letzte

Vertretung des Personals unter der Macht des Geldherrn und unter der

Vorsichtigkeit der Angestellten vergangen ist?“

Herr Uri schwieg. Dann sagte er leiser: „Das ist wahr – unser Recht ist

dahin.“

„Wir wollen nicht davon reden, Uri,“ sagte der Alte; „wenn es so und

nicht anders auf Erden ist, kann man wohl schlecht was dagegen sagen.

Geben Sie mir bitte Ihren Arm. – – Heute vormittag, Uri, hat meine Frau

mittels eines Tuches, das sie sich etwas fest um den Hals wickelte, ihre

aristokratische Gleichgültigkeit gegen dies Leben öffentlich kundgetan.

Ich bin ganz verwirrt, muß ich sagen. Sie ist davon gegangen – sie hielt

es für gut – mich ließ sie beinahe beschämt zurück. Uri, einige sterben,

weil sie sich vor den Menschen fürchten; andere, weil sie sich

eingestehen, daß sie nicht ins rechte Milieu geraten sind, als sie in

die Menschenwelt eingelassen wurden. Ich weiß nicht recht ... ich habe

einen Respekt. Wenn ein Mensch nicht mehr weiter kann und daher umkehrt

– dann heißt man das: Schwäche. Meine Frau war stark, da ist gar kein

Zweifel. Sie hat sich bestimmt nicht zurückgezogen aus Furcht. Sie

konnte den Kopf so hoch wie sie wollte tragen. Das hätte sie auch in

dieser Sache vermocht. Sie hatte da eine Sache, Uri, müssen Sie wissen

... Gut, Anna war also stark. Aber ich? Ich habe um Anna, wenn ich sie

lächeln sah – ich verstand ihr Lächeln so gut, so ganz, daß ich mich

heute nicht hätte wundern sollen – ich habe um sie so gezittert und so

an der Seele geblutet, daß ich nichts mehr vom Leben wußte und sah,

außer ihr. Die äußere Welt, in der ich gebunden war, verlor ihre

Wirklichkeit, ich kannte in ihr meinen Platz nicht mehr, es gab für mich

keine Sorgen, noch Pflichten – ich lebte mit ihrem Leben, mit ihrem

Leiden hab ich gelitten, ich war über Tag und Nacht in der Seele der

Frau, die so lächeln konnte, daß ich mich für die Menschheit schämte,

die dies Lächeln herausgefordert hatte. Sie müssen wissen, man hat sie

verklagt und vor die Richter gebracht. Um einen Dreck und nichts ...

Aber weiter von mir. Sie sehen, das war meine Schwäche. Meine

wesentliche Verwandlung, deren Zeuge Sie waren, Uri, in deren Verlauf

meine Hände lahmten, und alle mich für stumpf und ermattet hielten –

diese Verwandlung führte mich ins heftigste innerste Leben. Aber ich

hätte da Einhalt gebieten müssen, nicht wahr ... Auf den Gedanken komme

ich erst jetzt. Es sollten einige ausgemustert werden – und weil ich der

Schwächste schien, griffen sie mich. Ich hätte auch, als sie im Ausschuß

begannen, mich an den Rand zu drängen, mit ganz anderen Mitteln mich

wehren müssen. Man kann sich ja wohl auch anders wehren, nicht wahr? Ich

hätte Baaß nicht beleidigen sollen, oder, nachdem ich es einmal getan,

hätte ich unternehmen sollen, ihn zu versöhnen. Ihn hätte ich auf den

Abend an meinen Tisch zu einer Flasche Wein bitten sollen – statt dessen

habe ich _Sie_ eingeladen. Ich hätte ein Machtmittel bei mir behalten

sollen, einen Austauschwert – statt dessen ließ ich mir alles nehmen und

behielt nur mein Recht. Ich war bis zum Schluß der irrigen Meinung, die

höchste Macht sei – das Recht. Uebrigens – und Sie können hieran meine

ganze Schwäche erkennen – dieser Meinung bin ich noch jetzt. Ich habe

keine Kraft, sie von mir zu tun, keine Gelegenheit – nämlich keinen

Wunsch. Wenn ich wünschte, im Unrecht zu sein, wünschte ich nicht mehr,

meine Sache zu gewinnen. Und wie ich nun einmal bin, rief ich nicht

einmal Beistand zu Hilfe – ich sah alles so einfach an, ich war ja im

Recht. Wenn die Natur mich für einen kurzen Abschnitt verwandelt, so daß

meine Kraft, wie in Krankheit, lahmt, so bin ich doch eben im Recht ...

und die Menschen müssen dies Recht respektieren, ohne Erklärung von

meiner Seite, ohne Preisgabe eines Gefühls, dessen Art es ist, stumm im

Leben zu bleiben. Gott sorgt für alle, heißt es zu unrecht, wie ich

bemerke; aber ein reicher Mann, das Haupt einer Kommanditgesellschaft,

kann für tausend sorgen, wenn er nur will. Unter den Tausenden einer

mußte hinaus – denn dieses einen Monatssalär wollte ein Sparsamer sparen

– dieser eine war ich – ich war schwach – _denn_ ich war schwach – dies

„denn“ ist sehr wichtig – verstehen Sie mich – es empört mich – ja ...

ja, ich bin schwach ...“

Er hatte sich aus dem Arm Uris gerissen. Etwa zehn Schritte noch ging er

fort. Dann wurde sein Gang ein Torkeln vornüber. Er torkelte auf die

Seite, wo eine Laterne stand. Mit der Absicht, sich anzuklammern, hob er

den rechten Arm. Aber plötzlich fiel der Arm herab. Grahl sank in die

Knie, schlug zur Seite, machte noch eine kurze Bewegung und lag

regungslos auf dem Pflaster.

„Was ist Ihnen ... Grahl ...“ sagte Uri, indem er die zerbrochene Brille

hinter den Ohren des Liegenden löste. Dann wendete er ihn mühsam in das

Licht der Laterne, blickte ihm in die Augen und schwieg.

Zwölftes Kapitel.

Einige Tage nach dem Begräbnis ihrer Eltern saß Gertrud abends allein am

Tisch, die Augen auf beide Arme gelegt. Ueber ihr zischte leise das

Gaslicht. Vor ihr stand die Lade einer Kommode, deren Inhalt zum Teil

auf dem Tisch ausgebreitet war. Mit ihren Armen lag Gertrud auf einigen

Blättern beschriebenen Briefpapiers. Neben ihr krümmte sich ein

besonderes Blatt, welches wahrscheinlich zerknüllt in dem Schubfach

gelegen hatte, denn es bog sich mit vielen Falten und knackte, als

wollte es sich nicht in die neue Lage gewöhnen. Dies Fach, das Gertrud

an diesem Abend zu sichten unternommen hatte, war Frau Annas Privatfach

gewesen, in welches noch keines der Kinder Einblick genommen hatte.

Gertrud, um sie ihrem Bruder zu ersparen, hatte entschlossen die

gefürchtete Arbeit begonnen. Aber nun stockte sie schon, von der

Gegenwart dieser lebendigen Schrift übermannt, unter aufsteigenden

Erinnerungen.

Plötzlich klopfte es an die Tür und Herr Uri war da. Gertrud sprang auf.

Herr Uri mußte von Hermann, der eben die Wohnung verlassen hatte,

eingelassen worden sein. Auf seinen Gruß erhielt er ein schmerzliches

Lächeln zur Antwort, er hörte den hellen Ton unterdrückten Schluchzens –

und befand sich, ehe er noch zu Worte gekommen war, allein in der Stube.

Mit dem dringenden Wunsche, diesem Mädchen, dem von ihren Eltern

geblieben war, was sich auf einem Tische ausbreiten ließ, Trost, Hilfe

und – wenn es die Konstellation ergäbe – mehr noch zu bringen, ließ sich

Herr Uri auf dem Sofa nieder. Es gingen Minuten vorbei. Die Wanduhr

schlug. Endlich bemerkte er das Blatt, das offensichtlich einmal

zerknüllt gewesen war, und las.

„Sehr geehrter Herr Mörk!

Sie haben mich beim Gericht verklagt. Sie denken wahrscheinlich bei

sich: Diese Frau ist eine Verbrecherin, es ist gut, sie vor die

Richter zu bringen. Wenn ich Ihnen aber dagegen sage, daß ich in

meinem Leben bis heute – da mir von meinen blonden Haaren das letzte

ergraut ist – noch niemals versuchte, irgend jemandem mit Bedacht zu

schaden, und daß mein Unrecht, wenn es nun einmal zu existieren

scheint, ein Spiel des Unglücks mit meinem ehrlichen Namen ist – so

ziehen Sie vielleicht die Anklage, die Sie gegen mich führen,

zurück? Was mir auch vom Gericht aus geschehen möge, ich werde nicht

vor Schande und auch nicht vom Hohn meiner Nachbarn sterben. Aber

der Gedanke, ein falsches Urteil entgegennehmen zu müssen, das ist

für mich ein Todesgedanke. Ich weiß, daß vieles gegen mich zeugt,

und ich sage Ihnen: Ich bin _doch_ nicht schuldig. Und ich werde es

_nicht_ ertragen.“

An Stelle der Unterschrift standen folgende Worte:

„Nie im Leben schick ich dies ab.“

Herr Uri nahm die Blätter von Gertruds Platz.

„Abschrift.

Herr Mörk!

Zu stark für dies Leben · 第 3 / 4 段