Wäre ich Ihre Mutter, und ich würde von meines dreißigjährigen

Sohnes Bosheit erfahren, von seiner schamlosen Art – ich würde

vergessen, daß dies giftige Wesen mein Sohn ist. Wir kennen alle den

Grund zu diesem Prozeß, mit dem Sie uns einige Monate drohten, ehe

Sie ihn zur Ausführung brachten. Da die Drohungen mein Kind nicht zu

Ihrer Verfügung willfährig machten, so wollen Sie doch Ihre Rache

haben! Die haben Sie jetzt. Aber Sie haben auch einen Schlag ins

Gesicht erhalten, von der Hand meiner Tochter! Ich glaube, Sie

denken länger daran, als ich an die armselige Rache von Ihnen. Ich

gehe singend ins Gefängnis hinein, mir ist das eine kleine Erholung.

Ich speie Sie an!

Anna Grahl.“

„(Für den Gerichtstag.)

Herr Richter!

Jetzt will _ich_ einmal diese Sache berichten. Es handelt sich um

einen Stuhl. Dieser Stuhl, der kostbarste in meinem Hause, war ein

Sessel mit rotem Seidenplüschbezug. Weil er war der schönste Sessel,

den ich hatte, stand er im Vorderzimmer, wo alle guten Möbel stehen.

Dies Vorderzimmer bewohnte Herr Mörk. Er hat meinen Sessel so

schlecht behandelt, als wäre der Stuhl eine Waschtischplatte. Flecke

im Stoff und Schrammen am Holz fand ich immer neu. Endlich verlangte

ich, daß Herr Mörk meinen Stuhl reparieren lasse. Herr Mörk sagte:

ja. Und ich denke mir, Herr Mörk hat gewußt, warum er nicht gern von

dem Sessel sprach. (Bei dieser Stelle sehe ich Mörk an, mit einem

vielbedeutenden Blick, so daß die Richter sich denken können, bei

welchen Gelegenheiten mein Sessel zu Schaden kam.) Der Tapezierer

holte den Sessel und behielt ihn einige Wochen. Nun hatte ich aber

inzwischen die Wohnungsmiete zu bezahlen. Ich brauchte Geld. Herr

Mörk ist der einzige Mieter in meiner Wohnung gewesen. Mein Sohn ist

Student, meine Tochter lernt Schneiderei, nur der Vater verdient für

uns alle. Ich verlangte Herrn Mörk nun die Summe ab, die mir der

Tapezierer als Kosten für seine Arbeit zum Voraus genannt hat. Das

waren fünfzehn Mark. Denn der Stuhl war verschandelt. Herr Mörk hat

gefragt, wo der Stuhl denn nun wäre. Der Stuhl war damals beim

Tapezierer. Ich gab ihm zur Antwort: Den Sessel bekäme er niemals

wieder. Weil nun Herr Mörk nicht gern von dem Sessel spricht (hier

seh ich Mörk wieder an), bezahlte er mir die fünfzehn Mark und war

still. Aber einige Wochen später, als der Stuhl schon wieder im

Hause war und bei uns in der Stube stand, wollte Herr Mörk die

Quittung des Tapezierers sehen. Ich hatte nun eine Rechnung, die

lautete über acht Mark und fünfzig. Diese Summe hab ich bezahlt, als

der Tapezierer den Sessel zurück in die Wohnung brachte. Ich hatte

damals bei mir gedacht: Eigentlich sollte das teurer werden. – Aber

weiter nichts. Wie Herr Mörk nun die Rechnung zu sehen verlangte,

merkte ich, daß ich ins Unrecht kam. Darum ging ich zum Tapezierer,

er sollte mir eine Rechnung geben von fünfzehn Mark, und ich wollte

ihm sechs Mark und fünfzig dazu bezahlen. Der Tapezierer fragte,

weshalb ich es teurer haben wollte, und ich erzählte ihm das. Da

wollte der Tapezierer nicht. Ich sagte ihm aber, er _müsse_ – weil

er mir doch zum Voraus _fünfzehn_ Mark, aber nicht acht Mark und

fünfzig gesagt hat. Er antwortete mir, es hätte weniger Arbeit

gemacht als er dachte. Und es bliebe dabei. Da habe ich ihm erklärt,

was er täte, und habe ihm auch gesagt, wie Herr Mörk es nicht gut

mit uns meinte. Der Tapezierer wollte trotzdem nicht. Da bin ich

nach Hause gegangen und habe mir ein Stück Rechenpapier genommen und

habe die Rechnung des Tapezierers darauf geschrieben und am Ende die

Zahl, die der Tapezierer im Anfang genannt hat. Herr Mörk ist zum

Tapezierer gegangen, der erzählte ihm dann den Sachverhalt. Nun hat

mich Herr Mörk vor Gericht gebracht, obgleich er wohl wußte, wie

einfach die sechs Mark und fünfzig auf gütlichem Wege von mir zu

haben waren. Herr Mörk war aber nicht auf sein Geld, sondern auf

seine Rache bedacht –“

„Diese Rede hat meine unglückliche Mutter fest im Gedächtnis gehabt,“

sagte Gertrud, die vor Herrn Uri stand, „und schon im ersten Satz

unterbrach sie der Richter so schroff, daß sie für die folgende

Verhandlung fast gänzlich verstummte. Lesen Sie diesen Zeitungsbericht.

Sagen Sie mir, weshalb sind die Richter und Zeitungsleute so grausam?

Ist es nicht _so_ genug?“

„Warum denn nicht?“ hieß die Ueberschrift des Artikels. – Warum denn

nicht, sagte Frau Anna Grahl, die sich gestern vor dem Richter zu

verantworten hatte, warum soll ich nicht sechs Mark und fünfzig

verdienen? Und sie ahmte mit emsigem Fleiß die Handschrift es

Tapezierers nach, um die vollendete Abschrift dem Untermieter Herrn

Mörk, der seinerseits die Reparatur für einen zuschanden gerittenen

Sessel zu zahlen hatte, mit dem kleinen Aufschlag von achtzig Prozent zu

präsentieren. Herr Mörk aber sagte nun umgekehrt: Warum denn ja? und

besuchte einmal den Tapezierer Herrn Bethge –

„Dieser Schreiberhund gehört vor Gericht,“ brummte Herr Uri, dem der

Zorn das Blut in die Stirne getrieben hatte. „Er lebt von dem Schicksal

der vor den Richter Geladenen und ist ihnen dankbar, indem er seinen

erbärmlichen Witz daran wendet, sie zu verhöhnen.“

„Ja, es war genug, um zwei Menschen davonzujagen!“

Herr Uri erhob sich und stand gerade vor Gertrud. „Nein,“ sagte er

ruhig, „sie sind Beide an einem Tage gegangen, mit einem schlechten

Geschmack vom Leben, aber durchaus nicht gejagt. Ihre Mutter war

konsequent genug, dies ihr Erlebnis ins allgemeine zu übertragen. Sie

sah den Menschen den Zähnen der Hunde ausgesetzt, – er braucht sich nur

eine Blöße zu geben. Sie wünschte nicht solchen dauernden Zustand, für

den ihr nicht Mut, aber Knechtseligkeit, Unterwürfigkeit, Listigkeit

fehlte – und vor allem die Schwäche, ein sinnloses Leben zu Ende zu

führen. Ein vor Gewalt ungesichertes Dasein war sinnlos für sie, ihr

fehlte die Müdigkeit, unfrei zu leben. Sie war noch nicht zahm. So war

auch Grahl. Er lebte verständig, gerecht – und an dem Tage, als er

bemerkte, man müsse das Beste im Leben freiwillig vernichten, um unter

den Menschen im Kampf zu bestehen, da ging sein Dasein von selber zu

Ende. Es ist nicht Stärke – wie die Leute so gerne behaupten, um sich

selbst zu bemänteln –, sondern Schwäche, wenn sie ein Leben, das sie für

sinnlos halten, doch weiter führen. Alle bemühen sich, zahm zu sein.

Sehen Sie Ihren Bruder Hermann. Er ist wie Ihr Vater. Aber er fürchtet

sich, er will nicht so sein, er kennt seinen Untergang mit seinem

starken, trotzigen Herzen als Steuer. Darum zieht er sich lieber vor

sich selber zurück, er ist sich gefährlich. – Er taucht in die Tiefe, um

mit den anderen zu leben, zu handeln und ihre Sprache zu sprechen. Man

nennt die Sieger im Kampf unter Menschen die Starken – aber die wahren

Starken sind zu stark für dies Leben.“

Es entstand eine Pause.

„Noch eins,“ sagte Uri, und zog seinen braunblonden Schnurrbart. „Noch

eins“ – und er wurde fast rot – „ist das Zimmer von diesem Mörk noch

leer?“

„Ja,“ sagte Gertrud.

„Ich möchte da wohnen,“ sagte Herr Uri.

„Sie –?“ fragte Gertrud und stockte.

„Morgen,“ fragte Herr Uri, „ziehe ich ein?“

Anmerkungen zur Transkription

Die einzige Veröffentlichung von „Zu stark für dies Leben“ wurde vom 21.

Juni bis zum 10. Juli 1927 im „Vorwärts“, Berlin, in 14 Folgen gedruckt:

1. 25. Juni, S. 5

2. 26. Juni, S. 5

3. 28. Juni, S. 5

4. 29. Juni, S. 5

5. 30. Juni, S. 5

6. 1. Juli, S. 5

7. 2. Juli, S. 5

8. 3. Juli, S. 5

9. 5. Juli, S. 5

10. 6. Juli, S. 5

11. 7. Juli, S. 5

12. 8. Juli, S. 5

13. 9. Juli, S. 5

14. 10. Juli, S. 5

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere

Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[Folge 2]:

... Der „Geiger“, dem sein Violinspiel in Kaffeehäusern

nicht ...

... Der „Geiger“, den sein Violinspiel in Kaffeehäusern

nicht ...

[Folge 3]:

... unmöglich am vorletzten Tages des Monats – es war der ...

... unmöglich am vorletzten Tage des Monats – es war der ...

[Folge 4]:

... Tage, erschien ihm das als Verrat, als den Bruch einer

Pflicht. ...

... Tage, erschien ihm das als Verrat, als der Bruch einer

Pflicht. ...

[Folge 7]:

... mit niemals lahmenden Willen die Kraft seines Denkens und ...

... mit niemals lahmendem Willen die Kraft seines Denkens und ...

[Folge 10]:

... ersten November den Dienst hier quittieren!“ – „Ich

denke ...

... ersten November den Dienst hier quittieren?“ – „Ich

denke ...

[Folge 11]:

... er nicht vogelfrei? Am 29. Oktober wird ihm ein Brief von ...

... er nicht vogelfrei? Am 29. Oktober wird ihn ein Brief von ...

Zu stark für dies Leben · 第 4 / 4 段