Sohnes Bosheit erfahren, von seiner schamlosen Art – ich würde
vergessen, daß dies giftige Wesen mein Sohn ist. Wir kennen alle den
Grund zu diesem Prozeß, mit dem Sie uns einige Monate drohten, ehe
Sie ihn zur Ausführung brachten. Da die Drohungen mein Kind nicht zu
Ihrer Verfügung willfährig machten, so wollen Sie doch Ihre Rache
haben! Die haben Sie jetzt. Aber Sie haben auch einen Schlag ins
Gesicht erhalten, von der Hand meiner Tochter! Ich glaube, Sie
denken länger daran, als ich an die armselige Rache von Ihnen. Ich
gehe singend ins Gefängnis hinein, mir ist das eine kleine Erholung.
Ich speie Sie an!
Anna Grahl.“
„(Für den Gerichtstag.)
Herr Richter!
Jetzt will _ich_ einmal diese Sache berichten. Es handelt sich um
einen Stuhl. Dieser Stuhl, der kostbarste in meinem Hause, war ein
Sessel mit rotem Seidenplüschbezug. Weil er war der schönste Sessel,
den ich hatte, stand er im Vorderzimmer, wo alle guten Möbel stehen.
Dies Vorderzimmer bewohnte Herr Mörk. Er hat meinen Sessel so
schlecht behandelt, als wäre der Stuhl eine Waschtischplatte. Flecke
im Stoff und Schrammen am Holz fand ich immer neu. Endlich verlangte
ich, daß Herr Mörk meinen Stuhl reparieren lasse. Herr Mörk sagte:
ja. Und ich denke mir, Herr Mörk hat gewußt, warum er nicht gern von
dem Sessel sprach. (Bei dieser Stelle sehe ich Mörk an, mit einem
vielbedeutenden Blick, so daß die Richter sich denken können, bei
welchen Gelegenheiten mein Sessel zu Schaden kam.) Der Tapezierer
holte den Sessel und behielt ihn einige Wochen. Nun hatte ich aber
inzwischen die Wohnungsmiete zu bezahlen. Ich brauchte Geld. Herr
Mörk ist der einzige Mieter in meiner Wohnung gewesen. Mein Sohn ist
Student, meine Tochter lernt Schneiderei, nur der Vater verdient für
uns alle. Ich verlangte Herrn Mörk nun die Summe ab, die mir der
Tapezierer als Kosten für seine Arbeit zum Voraus genannt hat. Das
waren fünfzehn Mark. Denn der Stuhl war verschandelt. Herr Mörk hat
gefragt, wo der Stuhl denn nun wäre. Der Stuhl war damals beim
Tapezierer. Ich gab ihm zur Antwort: Den Sessel bekäme er niemals
wieder. Weil nun Herr Mörk nicht gern von dem Sessel spricht (hier
seh ich Mörk wieder an), bezahlte er mir die fünfzehn Mark und war
still. Aber einige Wochen später, als der Stuhl schon wieder im
Hause war und bei uns in der Stube stand, wollte Herr Mörk die
Quittung des Tapezierers sehen. Ich hatte nun eine Rechnung, die
lautete über acht Mark und fünfzig. Diese Summe hab ich bezahlt, als
der Tapezierer den Sessel zurück in die Wohnung brachte. Ich hatte
damals bei mir gedacht: Eigentlich sollte das teurer werden. – Aber
weiter nichts. Wie Herr Mörk nun die Rechnung zu sehen verlangte,
merkte ich, daß ich ins Unrecht kam. Darum ging ich zum Tapezierer,
er sollte mir eine Rechnung geben von fünfzehn Mark, und ich wollte
ihm sechs Mark und fünfzig dazu bezahlen. Der Tapezierer fragte,
weshalb ich es teurer haben wollte, und ich erzählte ihm das. Da
wollte der Tapezierer nicht. Ich sagte ihm aber, er _müsse_ – weil
er mir doch zum Voraus _fünfzehn_ Mark, aber nicht acht Mark und
fünfzig gesagt hat. Er antwortete mir, es hätte weniger Arbeit
gemacht als er dachte. Und es bliebe dabei. Da habe ich ihm erklärt,
was er täte, und habe ihm auch gesagt, wie Herr Mörk es nicht gut
mit uns meinte. Der Tapezierer wollte trotzdem nicht. Da bin ich
nach Hause gegangen und habe mir ein Stück Rechenpapier genommen und
habe die Rechnung des Tapezierers darauf geschrieben und am Ende die
Zahl, die der Tapezierer im Anfang genannt hat. Herr Mörk ist zum
Tapezierer gegangen, der erzählte ihm dann den Sachverhalt. Nun hat
mich Herr Mörk vor Gericht gebracht, obgleich er wohl wußte, wie
einfach die sechs Mark und fünfzig auf gütlichem Wege von mir zu
haben waren. Herr Mörk war aber nicht auf sein Geld, sondern auf
seine Rache bedacht –“
„Diese Rede hat meine unglückliche Mutter fest im Gedächtnis gehabt,“
sagte Gertrud, die vor Herrn Uri stand, „und schon im ersten Satz
unterbrach sie der Richter so schroff, daß sie für die folgende
Verhandlung fast gänzlich verstummte. Lesen Sie diesen Zeitungsbericht.
Sagen Sie mir, weshalb sind die Richter und Zeitungsleute so grausam?
Ist es nicht _so_ genug?“
„Warum denn nicht?“ hieß die Ueberschrift des Artikels. – Warum denn
nicht, sagte Frau Anna Grahl, die sich gestern vor dem Richter zu
verantworten hatte, warum soll ich nicht sechs Mark und fünfzig
verdienen? Und sie ahmte mit emsigem Fleiß die Handschrift es
Tapezierers nach, um die vollendete Abschrift dem Untermieter Herrn
Mörk, der seinerseits die Reparatur für einen zuschanden gerittenen
Sessel zu zahlen hatte, mit dem kleinen Aufschlag von achtzig Prozent zu
präsentieren. Herr Mörk aber sagte nun umgekehrt: Warum denn ja? und
besuchte einmal den Tapezierer Herrn Bethge –
„Dieser Schreiberhund gehört vor Gericht,“ brummte Herr Uri, dem der
Zorn das Blut in die Stirne getrieben hatte. „Er lebt von dem Schicksal
der vor den Richter Geladenen und ist ihnen dankbar, indem er seinen
erbärmlichen Witz daran wendet, sie zu verhöhnen.“
„Ja, es war genug, um zwei Menschen davonzujagen!“
Herr Uri erhob sich und stand gerade vor Gertrud. „Nein,“ sagte er
ruhig, „sie sind Beide an einem Tage gegangen, mit einem schlechten
Geschmack vom Leben, aber durchaus nicht gejagt. Ihre Mutter war
konsequent genug, dies ihr Erlebnis ins allgemeine zu übertragen. Sie
sah den Menschen den Zähnen der Hunde ausgesetzt, – er braucht sich nur
eine Blöße zu geben. Sie wünschte nicht solchen dauernden Zustand, für
den ihr nicht Mut, aber Knechtseligkeit, Unterwürfigkeit, Listigkeit
fehlte – und vor allem die Schwäche, ein sinnloses Leben zu Ende zu
führen. Ein vor Gewalt ungesichertes Dasein war sinnlos für sie, ihr
fehlte die Müdigkeit, unfrei zu leben. Sie war noch nicht zahm. So war
auch Grahl. Er lebte verständig, gerecht – und an dem Tage, als er
bemerkte, man müsse das Beste im Leben freiwillig vernichten, um unter
den Menschen im Kampf zu bestehen, da ging sein Dasein von selber zu
Ende. Es ist nicht Stärke – wie die Leute so gerne behaupten, um sich
selbst zu bemänteln –, sondern Schwäche, wenn sie ein Leben, das sie für
sinnlos halten, doch weiter führen. Alle bemühen sich, zahm zu sein.
Sehen Sie Ihren Bruder Hermann. Er ist wie Ihr Vater. Aber er fürchtet
sich, er will nicht so sein, er kennt seinen Untergang mit seinem
starken, trotzigen Herzen als Steuer. Darum zieht er sich lieber vor
sich selber zurück, er ist sich gefährlich. – Er taucht in die Tiefe, um
mit den anderen zu leben, zu handeln und ihre Sprache zu sprechen. Man
nennt die Sieger im Kampf unter Menschen die Starken – aber die wahren
Starken sind zu stark für dies Leben.“
Es entstand eine Pause.
„Noch eins,“ sagte Uri, und zog seinen braunblonden Schnurrbart. „Noch
eins“ – und er wurde fast rot – „ist das Zimmer von diesem Mörk noch
leer?“
„Ja,“ sagte Gertrud.
„Ich möchte da wohnen,“ sagte Herr Uri.
„Sie –?“ fragte Gertrud und stockte.
„Morgen,“ fragte Herr Uri, „ziehe ich ein?“
Anmerkungen zur Transkription
Die einzige Veröffentlichung von „Zu stark für dies Leben“ wurde vom 21.
Juni bis zum 10. Juli 1927 im „Vorwärts“, Berlin, in 14 Folgen gedruckt:
1. 25. Juni, S. 5
2. 26. Juni, S. 5
3. 28. Juni, S. 5
4. 29. Juni, S. 5
5. 30. Juni, S. 5
6. 1. Juli, S. 5
7. 2. Juli, S. 5
8. 3. Juli, S. 5
9. 5. Juli, S. 5
10. 6. Juli, S. 5
11. 7. Juli, S. 5
12. 8. Juli, S. 5
13. 9. Juli, S. 5
14. 10. Juli, S. 5
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[Folge 2]:
... Der „Geiger“, dem sein Violinspiel in Kaffeehäusern
nicht ...
... Der „Geiger“, den sein Violinspiel in Kaffeehäusern
nicht ...
[Folge 3]:
... unmöglich am vorletzten Tages des Monats – es war der ...
... unmöglich am vorletzten Tage des Monats – es war der ...
[Folge 4]:
... Tage, erschien ihm das als Verrat, als den Bruch einer
Pflicht. ...
... Tage, erschien ihm das als Verrat, als der Bruch einer
Pflicht. ...
[Folge 7]:
... mit niemals lahmenden Willen die Kraft seines Denkens und ...
... mit niemals lahmendem Willen die Kraft seines Denkens und ...
[Folge 10]:
... ersten November den Dienst hier quittieren!“ – „Ich
denke ...
... ersten November den Dienst hier quittieren?“ – „Ich
denke ...
[Folge 11]:
... er nicht vogelfrei? Am 29. Oktober wird ihm ein Brief von ...
... er nicht vogelfrei? Am 29. Oktober wird ihn ein Brief von ...