Fakturenkontrolle, wie erforderlich, am nächsten Tage beenden zu können.
Mitunter gelang es ihm, wohl eine Viertelstunde lang ruhig und
aufmerksam die Salden der Konteninhaber zu prüfen, – dann plötzlich fuhr
er sich mit der Hand über Stirn und Augen, blickte um sich, um zu
bemerken, daß selbst Herr Uri schon fortgegangen war, und daß außer dem
hellgrünen Licht, das auf sein Pult von der Lampe über ihm strahlte, das
ganze Kontor im Dunkel lag. Dann konnte er zehn Minuten lang mit
verdeckten Augen sitzen und denken. Er dachte an Anna. Die Notwendigkeit
trieb ihn wieder zur Arbeit. Wenn er die Menge des noch zu bewältigenden
Materials vor sich sah, fühlte er, wie sein Herz sich krampfte, ein
Schwindel begann seinen Kopf zu verwirren. Mit einem stöhnenden Laut,
gewaltsam, setzte er seine Rechnungen fort.
Grahl hatte einen der lastendsten Posten, er führte die Konten der
Firmen, deren Titel mit M, N oder R begannen. Auf diesen Platz, das
„Konto MR“, war er, als ein zuverlässiger Buchführer, im Laufe der Jahre
– noch unter dem Vater des jetzigen Chefs und unter wechselnden
Personalvorgesetzten – gelangt. Aehnlich umfangreichen Arbeitsstoff
hatte höchstens der Kontenführer des „Konto ST“ zu bewältigen. Für diese
Erscheinung eine Erklärung zu finden, ist leicht, wenn man die Statistik
der vorkommenden Namen in unserem Lande betrachtet; eine solche
Statistik bietet zum Beispiel das Adreßbuch der Stadt.
Am nächsten Tage mußte Grahl statt fertiger Arbeit die Erklärung
abgeben, daß er in einigen Tagen bestimmt alle von ihm geführten Konten
zum Abschluß gebracht haben würde. Nicht lange nachdem diese Mitteilung
seinerseits geschehen war, befahl ihm der Personalchef Karst, sich
unverzüglich in eine andere Abteilung, das Revisionsbureau, zu begeben.
Der Dienst dieses Ressorts bestand darin, die Arbeit der Kontenführer zu
prüfen, ihre Fehler zu finden und richtigzustellen. Zwar erforderte
diese kontrollierende Tätigkeit Ausdauer und ein gewisses Talent, das
mit dem Spürsinn zu tun hat – aber dennoch wurden die Posten dort meist
mit jungen Angestellten und Kontoristinnen besetzt, deren Monatsgehälter
einem der niedersten Sätze des Angestelltentarifs entsprachen. Kaum
hatte Grahl seinen Dienst in dieser Abteilung begonnen, als der Lehrling
Menzel den Raum betrat, um ein verschlossenes Kuvert auf seinen Platz zu
legen. Grahl öffnete und fand nun in deutlichen Worten die Begründung zu
seiner Entlassung ausgesprochen – dies war die Antwort auf die gestern
erfolgte Eingabe des Ausschusses. Als Grahl jenes Wort, das, alles in
einem, den Grund zur Entlassung aussprach, las – suchte er tastend nach
einem Halt. Im übrigen wurde ihm dringend geraten, freiwillig aus diesem
unerquicklichen Dienstverhältnis auszuscheiden, das, je weiter er es in
die Länge zu dehnen versuche, desto mehr an Schaden ihm bringen würde.
Das Wort, die Begründung, hieß: Unfähigkeit.
Wäre Grahl seiner ersten Regung gefolgt, hätte er sich um eine
Unterredung mit Karst oder gar mit Winter bemüht. Aber gewarnt durch den
letzten Bescheid, den er von Winter hatte entgegennehmen müssen, hielt
er sich fest vor dem Pult, und es gelang ihm notdürftig, sich zu seiner
neuen Arbeit zu sammeln. Als die Kontorzeit vorüber war, begab er sich
eilig zur Post, um dort einen Brief, einen schmerzerfüllten Protest,
aufzusetzen. Später strich er die innerlichst gefühlten Worte heraus und
als er das Schreiben in sauberer Abschrift an einem der Schalter gegen
Quittung aufgab, da war es ein sachlich gestraffter Widerspruch. „Man
hätte mir eine Frist zur Verfügung stellen sollen,“ schrieb Grahl, „zum
Beweisen, daß das Nachlassen meiner Arbeitskraft nur auf äußere
Einflüsse ohne Dauer zurückzuführen war. Man hätte mit mir verhandeln
sollen“ (das Wort „menschlich handeln“ hatte zuvor an dieser Stelle
gestanden), „statt dessen hat man mich schweigend beobachtet und in
Unkenntnis meiner Lage mir gekündigt.“
Er merkte es wohl – an dem nächsten wie an allen folgenden Tagen: Von
seinen Vorgesetzten als Arbeitskraft völlig verachtet, ward er von
seinen Kollegen im Rücken verspottet. Diese seltsamen Kreaturen, die ihn
so lange als arbeitsamen, rechtschaffenen Buchhalter kannten, schoben
die Oberzähne über die Unterlippe, fast bis aufs Kinn, als wollten sie
sagen: Du Verräter der Firma, der gegen die Autorität opponiert, – hebe
dich fort, wir haben mit dir nichts zu tun. Der Einzige, der ihn
freundlich ansprach, war Uri. Sie waren während einiger Jahre
Pultgenossen gewesen.
Der Leiter der Revisionsabteilung war Baaß, derselbe, der im Ausschuß
für Grahl gegen seine Entlassung gehandelt hatte. Aber nun erschien dem
biederen Manne die Stellung, in die er sich selber begeben hatte, nicht
mehr ungefährlich – auch war ihm vielleicht von höherer Stelle die
Initiative, die er jetzt ergriff, nahegelegt. Er besah sich öfters am
Tage seinen Revisionsangestellten Grahl, indem er sich mit der roten,
fleischigen Hand über den goldblonden Borstenschnurrbart strich. Und
endlich erklärte er Grahl – er brauchte zu dieser Erklärung sechs Worte:
er wisse mit ihm nichts anzufangen.
Ueber diese Erklärung war Grahl so verdutzt, daß er die Augenlider
zusammenzog, als blinzelte er gegen Rauch. Er fragte seinen
Ausschußkollegen nach dem Anlaß, den er zu solchen Worten gegeben: und
er erfuhr, daß er, Jakob Grahl, der Arbeit, die man ihm gab, sich
augenscheinlich durchaus nicht gewachsen zeigte.
„Erledige ich nicht, was man mir zu erledigen gibt?“
„Schon recht,“ sagte Baaß und rieb mit dem Zeigefinger über den Borst
unter der Nase – „aber man kann Ihnen leider nur wenig geben. Sie
arbeiten langsam, Herr Grahl.“
Unfähigkeit! sagte Grahl für sich, obgleich er wußte, daß Baaß all dies
sagte, um ihn aus irgendeinem Grunde, den er nicht kannte, zu verderben.
Er biß die Zähne gegeneinander und machte jene Bewegung zur Brille, wie
um sie besser vors Auge zu setzen – und schwieg.
Was kümmert mich dies, sagte er sich später, mir bleibt mein Mandat, das
mich schützt. Er war entschlossen, in diesem Kampfe nicht nachzugeben.
Ich sehe keine Veranlassung, dachte er in kaltem Trotz, mich aus freien
Stücken auf die Straße zu setzen. Ermordet mich und schafft mich hinaus
... lebendig bringt ihr mich nicht vor die Türe.
Aber während dieser Zeit schweigenden Kampfes wurde er äußerlich und
auch innerlich anders. Hatte er früher mit Hermann die Tagesereignisse
gern und lebhaft besprochen – so saß er jetzt schweigend, bleich, mit
aufgewälztem Stirnbein und verdeckten Augen seinen Kindern gegenüber
beim Abendbrot. Sie dachten, es wäre das Unglück der Mutter, das seine
Gestalt so mager erscheinen ließ. Und in Wirklichkeit – _war_ es nicht
dies? Ja, _auch_ dies. – Mitunter meinte er nachdenklich bei sich
selber, daß diese _beiden_ Kümmernisse _auf einmal_ nicht ohne heilsamen
Vorteil wären, da dem einen Kummer, sobald er stärker zum Herzen
vorstieß, der andere zur Ablösung kam.
Zwei Tage später aber, als Baaß seiner Unzufriedenheit Ausdruck gegeben
hatte, wurde Grahl auch von dem neuen Posten im Revisionsbureau enthoben
und in die Paketannahme versetzt. Er übernahm dort den Posten eines
Herrn, der an diesem Tage aus unbekanntem Grunde nicht wieder zur Arbeit
erschienen war. Grahls Tätigkeit war mit einigen Boten zusammen, die
sehr verwundert waren, den Herrn Buchhalter Grahl, den sie noch vor
kurzem mit tiefgezogener Mütze gegrüßt hatten, nun als ihresgleichen
beim Quittieren, Sortieren und bei der Verteilung eingehender Pakete zu
sehen. Er selber fand diese Verwunderung seiner neuen Kollegen
natürlich, und er behandelte sie mit der gleichen Achtung, die er nicht
nur für Menschen, sondern vielmehr für jedes lebende Wesen empfand.
Wenn er abends über die dunklen Straßen den Heimweg ging, wagte er es,
seine Mienen abzuspannen, und sein über den Tag aufrecht getragener
Körper gab sich nun Erschlaffung hin. Seine Lider lagen schwer über dem
trostlosen Blick; seine Mundwinkel, von dem struppigen Schnurrbart wirr
überhangen, waren tief bis ins Kinn gefurcht. Es war in solchen
Augenblicken ein Ausdruck des Grams schon vermischt mit den Mienen
verächtlicher Gleichgültigkeit – Gleichgültigkeit gegen die flackernden
Blicke, den hitzigen Atem der Welt.
Einmal traf er am Ausgang mit Uri zusammen. Sie gingen ein Stück des
Weges miteinander. Uri erzählte, der erste Nachfolger Grahls auf dem
„Konto MR“ sei schon am dritten Tage an ein anderes Pult zu anderer
Arbeit versetzt worden. Der nächste aber, ein junger Mann, der sich viel
auf seine Gewandtheit zugute tat – hatte während eines einzigen Tages
des Amtes gewaltet, um am nächsten und allen folgenden Tagen überhaupt
nicht mehr im Hause sichtbar zu werden. Er zog es vor, mit gutem Mut
eine Stellung bei einer anderen Firma zu suchen. Das „Konto MR“ hatte
seitdem den Namen erhalten: „Konto Ueber die Kraft“.
Grahl schwieg dazu. Uri seufzte einige Male. „Sie wissen doch, Grahl,“
begann er, „daß nun auch gegen den Ausschußwillen beim Arbeitsgericht
Einspruch erhoben worden ist?“
„Was ... sagen Sie da?“ sagte Grahl leichenblaß. Seine Stimme war rauh.
Er zog die Augenlider zusammen. Plötzlich stolperte er seitwärts einige
Schritte und hielt sich schwer atmend an einem Baum.
„Nicht erschrecken, Grahl,“ sagte Uri und nahm seinen Arm. „Meiner
Meinung nach erwartet Sie Kampf ... Kampf und Sieg. Das Arbeitsgericht
wird, in gerechter Betrachtung, sich für den Ausschußwillen entscheiden
müssen.“
„Das Arbeitsgericht, soso ...“ sagte Grahl mit einem Ausdruck von
Gleichgültigkeit.
Als er aber in seiner Stube hinter der Zeitung die leidenden Mienen vor
den Kindern versteckte, erwachte der Anfangstrotz wieder auf, der dem
Gefühl für die Seinen entsprang. Hermann las in dem kleinen Band einer
volkstümlichen Bibliothek – es war eine Einführung in die Philosophie –,
Gertrud, indem sie an einem Kleide nähte, beachtete jede Bewegung des
Vaters, jeden Blick – um ihm das Teeglas aufs neue zu füllen oder die
Teller vom Tische zu tragen oder das Gaslicht zu regulieren. Sie war es
auch, die ihre Mutter in ihrer jetzigen Wohnung besuchte. Niemanden
anders wollte die Frau zu Besuch haben. Mitunter sah Grahl seine Tochter
mit einem kurzen dankbaren Ausdruck an, als hätte er all seine
Zärtlichkeit, die er in der denkbar verschwiegensten Weise zu äußern
imstande war, auf das Kind zu übertragen.
Siebentes Kapitel.
Am 21. Oktober, dem Termin der Arbeitsgerichtsverhandlung in Sachen der
Firma Winter, Kommanditgesellschaft, gegen den Buchhalter Jakob Grahl,
befanden sich vor dem Vorsitzenden: als der Vertreter der
antragstellenden Firma der Personalchef Karst, als seine Zeugen Herr
Baaß nebst einem andern Ausschußmitgliede – welches übrigens eines der
drei widerspenstigen war –; ihm gegenüber: der Angestellte Grahl mit
seinen Zeugen: Uri, langjährigem Pultgenossen von Grahl, und
Rottmann, dem früheren Personalchef, der vor Jahresfrist als ein
sechsundsiebzigjähriger Mann nach mehr als drei Jahrzehnten die Arbeit
endgültig aus den Händen gelegt hatte. Er widersprach mit leiser fester
Stimme der Meinung Herrn Karsts, der in dem Buchhalter Grahl das Prinzip
der Unzuverlässigkeit _in corpore_ erblickte. Rottmann vermochte mit
gutem Gedächtnis aus Redewendungen Grahls, die er zitierte, und
charakteristischer Handlungsweise, die er lebhaft zu schildern wußte,
dem Vorsitzenden und seinen Beisitzern ein lebendiges Bild zu
vermitteln. – Nach ihm wurde der Leiter der Revisionsabteilung, Herr
Baaß, um seine Zeugenaussage befragt. Herr Baaß, indem er sich über den
Schnurrbart rieb, begann im Tone der echtesten Ueberzeugung die Worte
Herrn Karsts zu wiederholen. Aber er hatte kaum einige Sätze
vorgebracht, als Grahl, der mit graublassem Gesicht und geschwollenen
Schläfen am Tische stand, in unhemmbarer Erregung, mit hastig gestoßener
heller Stimme zu widersprechen begann. Der Vorsitzende rief ihn zur
Ruhe, er vermahnte ihn, bis die Aufforderung zur Rede an ihn erginge,
stille zu schweigen. Aber Grahl, mit beschwörend vorgestreckten Armen,
rief mit dringlichstem Ausdruck:
„Ihn treibt im besten Falle die Furcht, mit einem günstigen Wort über
meine Leistung die Gunst seiner Obern zu verlieren. Ihn hindert
Feigheit, ehrlich zu sein – nicht Feigheit, nein, ich verzeihe ihm das,
weil ich weiß, wie es tut, um das Brot der Zukunft zu bangen.“
Darauf schwieg er still. Und es war eine Stille im Saal. Der Vorsitzende
und seine Nebenmänner, von dem echten Klang dieser Stimme erschüttert,
vergaßen den kühlen Ausdruck, dessen sie sich sonsthin bedienten. Die
übrigen, die vor dem Tische standen, verhielten den Atem. Nur Karst,
zuerst überrascht und mit ängstlichen Mienen – gab sich nun den
verächtlichsten Ausdruck, dessen er fähig war. – Das Gericht ging nun
zur Beratung über.
Dies Arbeitsgericht war vormals eine Funktion des Kaufmannsgerichts
gewesen. Infolge vieler willkürlicher Entlassungen hatte es sich zur
besonderen Instanz ausgebildet, und sein Zweck war die Schlichtung von
Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Angestellten. Die Entscheidung
dieses Gerichts war der „Beschluß“, gegen den ein Einspruch nicht
möglich war. – Grahl stand mit gesenkten Augen am Tisch. Seine stummen
Lippen drückten den Ueberdruß eines Mannes aus, der am Ende des Kampfes,
ob Sieg oder Niederlage, mit der Empfindung unbegrenzter Verachtung den
Platz verlassen wird. Dennoch wurde er noch um eine Nuance bleicher, als
der Vorsitzende den Beschluß zu verkünden begann.
Der Beschluß hatte folgenden Wortlaut:
„In der Sache der Firma Winter, Komm.-Ges., Antragstellerin, gegen den
Buchhalter Jakob Grahl, Antragträger, die Erwirkung der Erlaubnis zur
Entlassung des Antragträgers betreffend, erkennt das Arbeitsgericht
durch Richter und Beisitzer für Recht: Die beantragte Zustimmung zur
Kündigung Grahls wird versagt. – Die Begründung folgt schriftlich.“
„Sehen Sie,“ sagte Herr Uri, der gar nicht zur Zeugenaussage gekommen
war, „sehen Sie, Grahl, nun haben Sie doch nicht umsonst ihr gutes Zeug
angelegt.“
Grahl bewegte die Lippen. Gertrud und Hermann, sagte er lautlos. Er
lachte über Herrn Uris Spaß. Auf den Abend lud er ihn in die Wohnung
ein. Herr Uri, der nicht verheiratet war, bewohnte ein kleines Zimmer
und saß an den Abenden, die schon winterlich waren, in Cafés oder
Restaurants. – Vorerst begaben sich die beiden zurück an die Arbeit,
denn erst war Mittag vorbei. Grahl ging gebeugt, mit schüchtern
gebogenen Knien neben der aufrechten breiten Gestalt seines Zeugen.
Schon am Eingang zum Kontorhause, wo sie einige Bekannte trafen, rief
Uri das Ergebnis mit schallender Stimme aus. Er drehte an seinem
kräftigen Schnurrbart und lachte. Er ging an sein Pult, Grahl in die
Paketannahme.
Abends bewirtete Grahl, der nun erleichterten Herzens seinen Kindern
alle Erlebnisse der letzten Woche mitteilen konnte, den Gast. Zwar mußte
er sich diesen Posten in der Paketannahme gefallen lassen ... mußte,
noch mehr, bei Ablauf seines Mandats der Entlassung gewärtig sein – an
eine Mandatsverlängerung war schwer zu glauben ... „Aber, mein Gott,
hieße es nicht eigentlich undankbar sein, an diesem Tage der sicheren
Gegenwart zu vergessen?“ fragte Uri, „um einer nicht unbedenklichen
Zukunft willen?“
„Ja, ja,“ sagte Grahl. Aber er faßte nervös an die Brille und sah seine
Kinder an.
„Und übrigens,“ meinte Uri, „stehen das Fräulein Tochter wie der Herr
Sohn auf eigenen Füßen?“
Nein, Hermann studierte und brauchte nun einmal die Unterstützung des
Vaters.
„Und Fräulein Gertrud?“ fragte Herr Uri. „Gehen Sie nicht nach dem
Beispiel so vieler Frauen in berufliche Konkurrenz mit uns Männern?“
Grahls Tochter wurde rot, als Herr Uri, dieser Mann mit seinem großen
Schnurrbart und den offenen blauen Augen, sich direkt an sie wandte. Sie
schüttelte nur den Kopf.
„Das gefällt mir,“ sagte Herr Uri lachend, „und auch, daß Sie, was Ihre
Kopfzier betrifft, nicht im Wettbewerb mit den Männern stehen.“
Hier mußten alle lachen. Herr Uri machte auf seine Art Komplimente.
Gertrud hatte zwei goldblonde Zöpfe dicht und breit im Nacken gewunden.
Sie bedeckten die Ohren – die sicherlich so dunkel erröteten wie Wangen
und Stirn, als Herr Uri das Glas, mit einem leichten Rotwein gefüllt,
ihr entgegenhielt, und mit seinem galantesten Lächeln sagte: „Zuerst auf
Wohl und Genesung Ihrer Mutter im Krankenhause – und nun auf das Ihre!“
Er lachte und trank.
Grahl legte seine weiße Stirn zwischen Daumen und Zeigefinger; Gertrud
bückte sich, um ein Fädchen vom Teppich zu geben; Hermann sprach einige
Silben, stand auf und entfernte sich aus der Stube.
Achtes Kapitel.
Am folgenden Tage wurde Grahl durch den Lehrling Menzel vor Herrn Karst
gerufen. Herr Karst las in einem Briefe ruhig bis zu Ende, ohne den Gruß
von Grahl erwidert zu haben, der nahe der Tür stehengeblieben war. Als
er mit dem Lesen fertig war, machte der Personalchef dem Angestellten
den Vorschlag, freiwillig zum Ende des Monats auszuscheiden.
Grahl glaubte im Ernst, nicht richtig verstanden zu haben. Herr Karst
wiederholte den Vorschlag und Grahl konnte darauf nur fragen: Ob nicht
gestern ein Beschluß der Instanz in dieser Sache entschieden hätte? Herr
Karst überhörte diese Bemerkung. Es schien, als interessierten ihn nur
seine eigenen Worte – und außer diesen höchstens die Bestätigung, die
nach seinem Wunsch zu erfolgen hatte. Er wiederholte wörtlich das vorige
Verlangen. Grahl preßte die flache Hand an die Stirn. – Sie nehmen mich
hier beleidigend einfach, schien er zu denken. – „Wie soll ich auf das
mir zugesprochene Recht verzichten?“ sagte er laut. – „Sie wollen also
nicht?“ fragte Karst. – „Nein.“ – „Gehen Sie an Ihre Arbeit.“ – Grahl
ging in die Paketannahme zurück.
Am nächsten Morgen wurde er wieder in das Glashaus des Herrn Karsts
gerufen. „Haben Sie sich meine Frage inzwischen bedacht?“ fragte Karst.
– „Ich hatte keine Veranlassung, dies zu tun.“ – „Was sollen wir also
mit Ihnen beginnen?“ – Grahl schwieg. Dann sagte er fest: „Ich bin
tauglich zur Arbeit, so gut wie ein anderer.“ – Mit einem Mal begann der
Personalchef zu lächeln. Er stand auf und ging in vertraulicher Art bis
dicht vor Grahl. Dann sagte er leise: „Ich will Ihnen einmal im geheimen
eine Andeutung machen. Sie haben sich an der höchsten Stelle
vorübergehend in Ungunst gebracht.“ – Grahl sagte kein Wort. Er blickte
sein Gegenüber wartend an. – „Bedenken Sie,“ fuhr der Personalchef
geheimnisvoll leise fort, „daß Ihr Mandat als Vertreter des Personals
Sie in eine feindliche Stellung zur Leitung gedrängt hat.“ – „Was soll
das heißen?“ fragte Grahl, indem er die Lider zusammenzog. – „Ihr Mandat
ist zum Schaden für Sie, wie es scheint.“ – Er bemerkte, daß Grahl zu
zittern und schwer zu atmen begann. Plötzlich verzog der Alte den Mund
zu spöttischem Lächeln. „Das Gesetz, das den Angestelltenvertreter gegen
die Leitung immun macht,“ sagte er langsam, „ist also nicht überflüssig,
wie’s scheint. Vor dem Arbeitsgericht war von anderen Mängeln die Rede.“
– Karst biß die Lippen verärgert zusammen. – „Für Ihre Andeutung danke
ich, ja,“ vollendete Grahl mit vollkommen höflichem Tonfall.
Karst sah seinen Plan gescheitert. Grahl durchschaute, daß man ihn von
dem Amt eines Ausschußmitgliedes ablocken wollte, um ihn der Immunität
zu berauben. Sein Gesicht verriet sein Verständnis davon. – „Gehen Sie
an Ihre Arbeit,“ sagte der Personalchef verdrießlich.
Nach der Erregung und einer gewissen Wut, welche ihn überkam – ihm
schienen die Mittel, mit welchen man ihn übertölpeln wollte, gar zu
beleidigend – stellte sich eine Ruhe ein, aus dem Gefühl von
Geborgenheit unter dem Spruch, mit dem das Gericht ihn vor dem
furchtbaren Winter des Stellungslosen bewahrte. Morgens, wenn er die
Wohnung verließ, schlug ihm der Windstoß, ein Bote des nahen November,
kalt ins Gesicht. Grahl empfand seine Sicherheit mit triumphierender
Freude, und er bestärkte sich, allen Versuchen, die ihn zu törichten
Schritten verführen sollten, mit wortkarger Ablehnung oder
offensichtlicher Ironie zu begegnen. Sie hatten ihm seinen alten Posten
genommen – das mochten sie tun. Die Stellung, das Brot ihm zu nehmen,
sollte so leicht nicht fallen. Dazwischen stand ein Gesetz.
Er war inzwischen auch in den Besitz der Urteilsbegründung gelangt.
„Da die Klägerin“ – hieß es in der Begründung – „bei ihrem ausgedehnten
Betriebe vielerlei Verwendungsmöglichkeit für den Beklagten besitzt, so
ist in keiner Weise begreiflich, warum dem Beklagten, dessen
Tauglichkeit auf dem lange geführten Posten bestritten wird, nicht eine
andere Tätigkeit übertragen werden sollte. Beklagter scheint zurzeit,
unter dem Einfluß besonderer Verhältnisse, nicht voll dem gewohnten Amte
genügen zu können.
„Das Gericht“ – hieß es weiter – „hält es für seine Pflicht, den
häufigen Wechsel im Ausschuß zu unterdrücken. Denn nur ein Ausschuß, der
die Verhältnisse der Firma und der Angestellten im einzelnen kennt, ist
seiner Aufgabe gewachsen. Nur dort, wo ein wirklich wohlbegründetes
Interesse des Arbeitgebers ersichtlich ist, wird er daher seine
Zustimmung zur Kündigung geben. An einem solchen wohl begründeten
Interesse fehlt es in diesem Falle durchaus.“
Da konnte Grahl also ruhig sein. –
Am nächsten Tage wurde er abermals vor den Personalchef gerufen. – „Sie
wünschen gewiß ein Zeugnis zu erhalten?“ fragte ihn Karst –
Unwillkürlich erbleichte Grahl. Er führte Daumen und Zeigefinger zur
Brille. – „Nicht wahr?“ sagte der Personalchef lächelnd. Dies gutmütige
Lächeln in dem vollen brutalen Gesicht warnte den Alten. – „Warum sollte
ich wünschen, ein Zeugnis zu erhalten?“ stieß er gereizt hervor. –
„Halten Sie es nicht für besser,“ sagte Karst, mit ernster Miene im
Sessel lehnend, „daß Sie zum ersten November den Dienst hier
quittieren?“ – „Ich denke gar nicht daran,“ rief Grahl. – „Ueber kurz
oder lang werden Sie _doch_ Ihren Posten verlassen müssen,“ sagte Karst
mit überzeugter Stimme und gegeneinanderklopfenden Fingerspitzen; „es
kann Ihnen vielleicht gelingen, einen Monat länger bei uns
herumzuliegen. – Uebrigens, schämen Sie sich denn nicht, diesen Posten
da in der Paketannahme so ganz selbstverständlich innezuhalten?“ – „Ich
habe mir diesen Posten niemals gewünscht,“ rief Grahl entrüstet. – „Und
Sie hoffen,“ fuhr sein Gegner fort, ohne dem Ausruf Beachtung zu
schenken, „Sie hoffen nach Ihrem trotzigen Widerstand noch ein
brauchbares Zeugnis zu erhalten?“ – „Ich will kein Zeugnis,“ rief Grahl,
„ich habe Arbeit, ich habe Stellung – ich brauche kein Zeugnis.“ – „Sie
werden bald anderer Meinung sein.“ – Grahl lachte. – „Ich rate Ihnen,
sich klug zu verhalten. Geben Sie diese Stellung auf, wie man von Ihnen
verlangt – so werden Sie mittels des Zeugnisses, das wir Ihnen
ausstellen wollen, bald eine neue, besser geeignete Stellung gefunden
haben. Verharren Sie aber in Ihrem ungeschickten Verhalten, so bleibt
Ihnen, wenn Sie sich von den Tatsachen überflügelt finden, die Hilfe von
unserer Seite versagt.“ – „Mein gutes Schicksal erspart mir,“ schrie
Grahl, „sowohl das Los, eine Stellung suchen zu müssen – eine Stellung
in dieser Zeit! – als auch das Unglück, Ihr Zeugnis erwarten zu müssen.
Ich will nichts mehr hören!“ schrie Grahl. – „Gehen Sie an Ihre Arbeit,“
sagte der Personalchef, ohne ihn anzublicken.
„Hetzt mich, hetzt mich,“ murmelte Grahl, als er den langen Flur im
Kellergeschoß hinabging – dort war die Paketannahme –; „solange ihr mich
wie einen Hasen zu treiben versucht, merke ich doch, wie gern ihr mich
fangen möchtet.“ –
Im Innern gereizt, aber äußerlich still, seinen Kummer sowie die
Ursachen heimlich verschweigend, saß Grahl in seiner Stube, wo Gertrud,
ihm gegenüber, mit langsamen regelmäßigen Zügen Brief um Brief und dazu
die Adressen schrieb. Neben ihr lag die Abendzeitung, in welcher sie
mehrere Inserate unter der „Zimmer“-Rubrik mit Kreuzen bezeichnet hatte.
– Hermann war wohl zu einem Vortrag gegangen.
Plötzlich schellte es an der Wohnungstür. Beide erschraken. Gertrud
ging; Grahl preßte die Hand auf die Brust ... Es war Herr Uri. Er konnte
nicht umhin, gleich beim Eintritt einige sehr lustige, freundliche
Sachen zu Gertrud zu sagen. Er komplimentierte die Farbe des Kleides und
fand noch mehr zu bewundern. Gertrud legte eilig die fertigen Briefe
zusammen, sie begab sich in die Küche, um für den Gast ein Abendbrot zu
bereiten.