Zu stark für dies Leben.
Von Iwan Heilbut.
Erstes Kapitel.
„Ich mache Schluß, Herr Grahl.“
„Guten Abend denn, Herr Uri.“
Grahl zog die elektrische Birne, die von einem grüngläsernen Schirm
umgeben, über seinem Graukopf hing, tiefer zu sich herab. Er beugte sich
näher aufs Buch und zeichnete mit dem Lineal zwei sorgfältige Linien,
eine dicke und dicht unter dieser die dünne. Seine Augen hinter den
Brillengläsern verfolgten mit Sorgfalt die Feder, und die Lippen waren
mit einem Ausdruck von Behutsamkeit gespitzt. Die Hände, von schweren
Adern durchlaufen, zitterten leise. Als er mit den Linien fertig war,
wischte er mit einem Ausdruck von Zufriedenheit über den grauen
Schnurrbart.
Uri, ein dreißigjähriger Mann, breitschultrig, mit einem dicken
braunblonden Bart auf der Oberlippe, hatte inzwischen in der Garderobe
die Hände mit Bimsstein gesäubert, das Jackett gewechselt. Er kam nun
durch die lange Reihe zwischen den leeren Pulten an dem Platz vorbei, wo
Grahl vor dem Buch stand, leise murmelnd addierte und schrieb.
„Wir wären wieder die letzten ...“ sagte Herr Uri mit einem Seufzer. Der
Alte nickte und murmelte fort. „Kommen Sie mit mir,“ forderte Uri auf,
„Sie versäumen sonst gewiß noch die Zeit. Und Sie wissen, von welcher
Wichtigkeit die Versammlung ist, die heute abend zu den geplanten
Entlassungen Stellung nimmt. Nicht _ein_ Mann von unserer
Fakturenabteilung darf fehlen.“
„Kann ich denn?“ fragte Grahl und ein Lächeln, das beinahe schmerzlich
zu nennen war, zog seinen schmalen Mund in die Breite. „Ich bin so
entsetzlich im Rückstand mit meiner Arbeit. Sehen Sie, jenen Haufen
Fakturen habe ich geprüft – und dieser Haufen bleibt mir zu prüfen
übrig. Sie bemerken, daß dieser der größere von beiden ist. Ich soll bis
zum dritten Oktober die Arbeit beendet haben, Sie wissen, bis dahin
müssen die Rechnungen fertig zur Zahlung sein. Also vier Tage ... Aber
wie soll ich – wie kann ich – wie werde ich fertig – wenn eben kein
Wunder eintritt ...“
„Unmöglich, Herr Grahl,“ sagte Uri entschieden, „unmöglich, daß Sie, als
Mitglied der Angestelltenvertretung fehlen.“
„Ich kann aber ... ich kann aber nicht ... Sie sehen doch selber ...
Mein Gott, ich will ja nicht leugnen, daß ich den Kollegen durch das
Mandat, das ich habe, verpflichtet bin. Aber bin ich nicht noch fester
an meine Verpflichtung zur _Arbeit_ gebunden, die mir die Firma bezahlt?
Sehen Sie, ich gehe demnächst in die Sechzig. Und während meiner ganzen
Laufbahn an diesen Pulten, länger als sechsundzwanzig Jahre, hat noch
niemand Grund gefunden, zu sagen: Dieser Grahl ist nicht so verläßlich
als man es wünschte. – Soll mir das nun mit grauen Haaren zum ersten
Male passieren?“ Er machte eine Bewegung, um die Brille besser vor’s
Auge zu rücken, und schrieb. Nach einer kleinen Weile, indessen Uri ihm
stumm zugesehen hatte, sagte Grahl, als ob er alles, was er gesprochen,
noch einmal bei sich wiederholt hätte, gleichsam abschließend: „Na ja.
Das ist doch erklärlich –?“
Darauf sagte Uri – und er versuchte deutlich, seinen Worten Wichtigkeit
zu verleihen: „Erklärlich? Erklärlich wäre es mir, Herr Grahl, wenn Sie
eine halbe Stunde vor Beginn der Versammlung zur Stelle wären. _Das_
wäre erklärlich.“
Grahl blickte ihn an.
„Nicht ich allein meine,“ fuhr Uri fort, „daß Sie, lieber Kollege Grahl,
mehr noch als irgendein anderer, Vorteil finden, wenn heute Abend unsere
Resolution stark und einig herauskommt.“
„Ich?“ Grahl riß die Brille herunter und starrte den Sprecher
erschrocken an. „Ich? Meinen Sie ... ich?“ Und mit einemmal flog das
schmerzliche Lächeln um den Mund, es wollte sich unter dem grauen
hängenden Schnurrbart verstecken – aber Uri wußte bereits, daß Grahl ihn
verstanden hatte.
„Ja,“ sagte er, mit ein wenig schauspielerischem Affekt, „Sie und kein
anderer.“ Und scheinbar, um seinen werdenden Sieg recht zu genießen,
fügte er hinzu: „Kommen Sie _nun_ mit?“
Er hätte das nicht zu fragen brauchen, denn er sah, daß Grahl in
nervöser Eile die Papiere zusammenschob, das Buch auf dem Boden gegen
die Pultseite lehnte und schnell seine Utensilien im Innern verschloß.
Er lief, vornübergebeugt, zur Garderobe, und als er in Hut und
Ueberrock, aber mit ungewaschenen Händen und ein wenig schnaufend,
zurückkam, rief er – es sollte Humor sein: „So ist der Mensch! Mich
hätte nichts vermocht, mein Pult zu verlassen, als dieser Gedanke an
meine eigene Existenz. Meinen Sie wirklich,“ fügte er leiser hinzu,
„meinen Sie wirklich, ich ... ich befände mich in Gefahr? Aber, mein
Gott, das ist doch unmöglich zu denken! Bin ich nicht siebenundzwanzig
Jahre im Dienst? – Wir müssen den anderen Ausgang nehmen, um diese Zeit
hat der Hauswart das große Portal schon geschlossen. – Und dazu bin ich
Obmann der Angestellten. Es ist doch unmöglich. Ich bin nicht zu
kündigen, wissen Sie? Dafür sorgt unser Ausschuß, nicht wahr – ich bin
doch im Ausschuß, ich bin doch immun!“
„Um so wichtiger ist,“ sagte Uri, „daß Sie Ihr Amt nicht versäumen. – Da
kommt eine Bahn!“
Sie befanden sich auf der Straße, im Regen. Das mächtige weite Haus, das
nichts weniger als das Kontor eines der größten Warenhäuser der Stadt
vorstellte, lag wie ein Schiff, in dem nur wenige Lichter brennen, mit
seiner Front in einer belebten Straße der Handelsstadt – aber die Beiden
waren durch die andere Ausgangstür in eine abseitige Straße gekommen.
Sie hätten nötig gehabt, die Trambahn zu nehmen, auch wenn der
Herbsthimmel freundlicher und das Pflaster weniger sprühend gewesen wäre
– denn von der Sankt-Petri-Kirche schlug es achtmal. Auf acht Uhr war
der Beginn der Versammlung in einem Vorstadtlokal, in der „Krone“
bestimmt. Das Innere des Wagens war ziemlich leer, im Herzen der Stadt
schläft das Leben um diese Zeit.
Grahl war vom Laufen noch außer Atem.
„Es ist eine Schande,“ fing Uri an, „acht hat es geschlagen. Statt unser
Recht, unser Arbeitsstundengesetz zu schützen, brechen wir es aus freien
Stücken.“
„Was mich betrifft,“ antwortete Grahl, während hinter ihm an den
Scheiben der Regen lief, „ich gestehe, daß ich mich trotz meiner
Immunität nicht sicher fühle. Ich kann nicht umhin, die Unzufriedenheit
meiner Vorgesetzten recht gut zu begreifen.“
„Sie haben den schwierigsten Posten in unserer Abteilung,“ warf Uri ein.
Grahl schwieg und blickte mit seinen nachdenklichen Augen auf die
Stiefelspitzen. „Heute morgen kam ich wieder um einige Minuten zu spät.
In der letzten Zeit passiert mir das oft, und unten am Eingang vermerkt
die Kontrolle sogar die Zahl der Minuten. Ich bin gewiß, daß unser
Bureauchef, Herr Karst, schon längst unserem Chef über mich einen
gewissen Bericht erstattet hat? – Meinen Sie auch?“
„Es wäre leicht zu denken,“ antwortete Uri, „Karst sucht förmlich
Vorkommnisse, an denen er seine Ergebenheit für Firma und Chef
demonstrieren kann. – Aber bitte, erklären Sie mir, Herr Grahl – warum
verhindern Sie nicht solche Unregelmäßigkeiten, da Sie doch wissen, wie
Ihr Ruf unter ihnen leidet?“
„Ja, ja,“ sagte Grahl. Er lächelte wieder. „Sehen Sie, da ist eine
Sache, die nimmt mich so sehr in Anspruch, daß ich so ziemlich den
ganzen Tag daran denke. Daher auch lahmt meine Arbeit ein wenig. Die
Konzentration ist nicht so billig zu haben, wenn solch ein Gedanke, der
sich nicht auflösen läßt, in einem steckt. Aber laß!“ unterbrach er sich
plötzlich mit einer abwehrenden Bewegung der Hand. Dann blickte er
wieder wortlos auf seine Stiefel. Uri, der nicht ohne weiteres auf die
erwünschte Erklärung verzichten wollte, stellte noch eine bezügliche
Frage. Grahl hörte ihn nicht, wie es schien. Gleich darauf rief der
Schaffner die Haltestation, an der sie den Wagen verlassen mußten. Sie
gingen mit eiligen Schritten zur „Krone“.
Zweites Kapitel.
Als Grahl und Uri im Klubzimmer der „Krone“ anlangten, war der Raum von
Biergeruch, Zigarettendunst und Durcheinandergewirr der Stimmen
durchwirbelt; aus einer Ecke, wo übrigens einige Jünglinge untereinander
tanzten, klang das Gehämmer auf einem Klavier. Sie haben noch nicht
begonnen? dachte Grahl und biß ärgerlich auf den hängenden Schnurrbart,
denn er hatte gehofft, die Formalitäten schon erledigt zu finden, um
sofort an der Resolution teilnehmen zu können. Er begab sich sofort an
den Sofaplatz vor der Mitte des Tisches und eröffnete seinerseits eilig,
mit gewohnten Worten, den Abend, verlas die Bekanntmachungen in einem
Zuge und brachte die Hauptfrage zur Besprechung, während der junge Mann
am Klavier mit gelangweiltem Ausdruck seinen Bock eine nachlässige
Drehung beschreiben ließ.
„Bekannt ist worden, daß seitens der Personalabteilung der Firma ein
Plan in Vorschlag gebracht worden ist, das Personal zu verringern.
Da die Durchführung dieses Vorschlags nur auf Kosten des
Arbeitsstundengesetzes erfolgen kann, ersucht der Ausschuß um eine
Resolution des Personals, um im gegebenen Fall zum Handeln bereit zu
sein.“
Obgleich allen Anwesenden der Inhalt, wenn auch nicht der Wortlaut
dieser von Grahl verlesenen Eingabe schon vorher bekannt gewesen war, da
dieser Antrag das eigentliche Ereignis des Abends bildete, erhob sich
dennoch ein Lärm, ähnlich dem vorigen – der kaum mit Mühe verebbt war.
Ironische Rufe flogen durcheinander, jeder Bemerkung folgte mit doppelt
verstärkter Stimme die nächste, so daß eine Steigerung des
Durcheinanders am Ende schlechthin nicht zu denken war. Am lebhaftesten
gebärdete sich aber der junge Mann, der sich vom Klavierbock erhoben
hatte, mit überschwenglichen Gebärden die rechte Hand über dem Kopfe
schüttelnd. „Ich weiß,“ schrie er mit so maßloser Anstrengung, daß die
Adern an seinem hageren Halse, die der niedere Kragen ohnehin stark
hervortreten ließ, bedeutend schwollen, „ich weiß, wer der erste ist,
der hinausfliegt. Das bin ich!“ Er rief es mit einer Art
Siegesgewißheit. Sein Haar war blond wie Getreidestiele, seine Augen
kindlich und offen. Er war achtzehn Jahre und hieß „der Geiger“, weil er
abends mit Geigenspiel in Cafés sein Monatseinkommen erhöhte. Hier ist
der Platz, eine Begebenheit zu erzählen, die dem „Geiger“ an einem
Spätsommervormittag geschehen ist.
Der „Geiger“, den sein Violinspiel in Kaffeehäusern nicht nur mit Geld,
sondern in gleichem Maße mit jungen Damen bekannt gemacht hatte, war am
Tage des betreffenden Tages von einem Brief in rosa Umschlag überrascht
und sozusagen tödlich verwundet worden. Als er das Kontor betrat, lag in
seinen sonst so lustigen Augen der ergreifendste Ausdruck von
Gleichgültigkeit gegen die Dinge des Lebens. Er setzte sich auf seinen
Bock, starrte mit einem schrägen Blick trübselig ins Leere, und zog
endlich das rosa Kuvert aus der Brusttasche seines Jacketts, um es dicht
vor die Nase zu bringen. Er atmete so wahrscheinlich das feine Parfüm
des Papiers ein ... er steckte sogar die Nase ins Innere des Umschlags,
und es war als sog er sich voll von Schmerz. Denn es stieg ihm blank
über die Augen. Auf diesen Augenblick hatte sein Schicksal gewartet. Der
Chef, ein furchtbarer Mann auch für solche, die sich in keiner Beziehung
schuldig fühlten – sein Blick traf alle Angestellten mit einer Schärfe,
mit welcher ein Stein durch das Fenster ins Innere einer friedlichen
Wohnung einschlägt – dieser Herr Winter, der mehrere Male am Tag durch
die Pultreihen streifte, plötzlich auftauchend und unvermittelt die
Stimme erhebend, ein jähes Geschrei in der Nacht – er befand sich nun
hinter dem „Geiger“, der nichts davon ahnte, und beobachtete seinen
Angestellten, der, seine Nase tief in den rosa Umschlag gesenkt, in der
schmerzlichsten Haltung dasaß. Zu einer Rettungsaktion seitens seiner
Kollegen war es zu spät – und übrigens platzten die anderen an ihren
Pulten vor innerlicher Erwartung, wie es begänne, wie es geschähe ...
„Wie alt sind Sie?“ krachte es förmlich los.
Der „Geiger“ fuhr herum. Er sah aus, als wollte er sagen: Ja, wenn du
auf Zehenspitzen heranschleichst, du Gauner, da kann ich dich wohl nicht
hören. Dann richtete er sein vorwurfsvolles Gesicht auf sein Gegenüber.
Warum habt ihr mich nicht gewarnt, ihr Filous ...! sollte das heißen.
Da krachte es neben ihm noch einmal: „Ich frage, wie alt Sie sind.“
Der „Geiger“ konnte sich immer noch nicht zur Antwort entschließen. Er
empfand so natürlich! Na, na ...! hätte er leicht gesagt, halb erstaunt,
halb verächtlich – es fehlte nicht viel. Als er aber bemerkte, daß das
tiefrote Gesicht, in das er hineinsah, wahrhaftig bis in die Stirne
erbleichte, beeilte er sich.
„Achtzehn Jahre, Herr Winter.“
„Achtzehn Jahre ... hmhm ...“ wiegte Winter den spitzen Kahlkopf. Er war
so klein; er blickte zu dem langaufgeschossenen „Geiger“ hinauf, der
sich nun sogar respektvoll erhob.
„Haben Sie einen Vater?“ fragte Herr Winter, unheimlich tief, und so
laut, daß man die Stimme noch an den letzten Pulten am Ausgang vernahm.
Es war so still im Kontor – man hätte eine Bureaunadel fallen hören.
„Einen Vater? – Jawohl,“ gab der „Geiger“ zur Antwort.
„Und“, fragte der Chef, „er erzieht Sie nicht besser?“
Darauf wußte der junge „Geiger“ keine Antwort mehr. Er sah seinem Chef
zuerst in die seegrünen Augen, dann auf die Geiernase und endlich auf
die Brillantnadel in der Krawatte.
„Zeigen Sie mir diesen Brief,“ sagte Winter.
„Mit nichten,“ sagte der „Geiger“ entschlossen. „Dieser Brief ist an
mich.“
„Zeigen Sie ihn,“ sagte Winter lauter.
„Wie kann ich!“ rief der „Geiger“ entrüstet, „ich kann nicht die Dame,
die mir dies schreibt, kompromittieren.“
Damit wußte Herr Winter immerhin etwas und es sah aus, als wollte er
gehen. Plötzlich schrie er: „Wieviel verdienen Sie aber im Monat?“
Der „Geiger“ nannte sein lächerliches Anfangsgehalt.
„Und für mein Geld ...!“ schrie Herr Winter und schnappte. „Sie
bestehlen mich!“
Und er ging mit langsamen schallenden Schritten davon. Der „Geiger“,
dessen Gehirn an diesem Morgen mehr tragen mußte, als es imstande war,
murmelte noch: „Meinetwegen!“ und „Nun tue ich den ganzen Tag nichts
mehr – es komme, was mag,“ ging hinaus zur Garderobe und schloß sich in
seine gewohnte Kabine ein, um ein wenig zu rauchen.
Daher war der „Geiger“ an diesem Abend so fest überzeugt davon, daß auf
der Liste der zu entlassenden Angestellten sein Name zu oberst stünde.
Von den Ausschußmitgliedern, die sich um den großen Tisch
zusammengezogen hatten, war inzwischen eine Entschließung verfaßt
worden. Sie wurde nun den Versammelten vorgelegt.
„Der Ausschuß versagt seine notwendige Zustimmung zur Entlassung eines
Angestellten in jedem Fall, wenn die Entlassung nicht anders als mit der
Absicht einer Personalverringerung begründet erscheint. Eine derartige
Absicht kann durch den Gang des Betriebes durchaus nicht gerechtfertigt
werden. Die Befugnis des Ausschusses zum Einschreiten gegen Entlassungen
wie die bezeichneten ergibt sich aus dem Paragraph drei im zweiten
Abschnitt des Arbeitsgesetzes.“
Als diese Resolution, trotz den Zwischenrufen des „Geigers“, der noch
eine Klausel verlangte, im übrigen einstimmig angenommen war, drehte
sich dieser auf seinem Klavierbock und behämmerte wieder die Tasten. Die
Anfangsstimmung drang durch. Einige Herren vom Ausschuß verabschiedeten
sich, die Ausschußmitglieder waren alle reiferen Alters. Mehrere
Angestellte wollten nicht bleiben, da sie unmöglich am vorletzten Tage
des Monats – es war der neunundzwanzigste September des Jahres
neunzehnhundertundvierundzwanzig – ein Vergnügen sich vorstellen
imstande waren. Es hatte kaum zu den beiden Gläsern hellen Bieres
gereicht ...
Der mit höflichem, dennoch sehr hastigem Gruß, das Zimmer als erster
verließ, war Grahl.
Drittes Kapitel.
Als er nach Hause kam, fand er sein Essen in einer innerlich
gepolsterten Kiste, die er an einem Sonntag mit seinem Sohne Hermann
verfertigt hatte, warmgestellt. Hermann, der Arzt werden wollte, und
über den Tag in Instituten, Vorlesungen oder in Bibliotheken war, las in
der Zeitung, die er mit beiden Händen ausgebreitet vor dem Gesichte
hielt.
„Hermann,“ sagte Grahl gedämpft, indem er mechanisch den Suppenlöffel
zum Munde hob, „sind sie schon schlafen gegangen?“
„Ja, beide,“ gab Hermann ebenso leise zurück.
Diese „beiden, die bereits schlafen gegangen,“ waren Anna, die Frau
Jakob Grahls, und Gertrud, seine achtzehnjährige Tochter. Hermann war
nur fünfeinhalb Jahre älter als seine Schwester. Die Aehnlichkeit mit
dem Vater war deutlich erkennbar. Er hatte dieselben vernünftigen Augen,
in welchen nur dieser eine Ausdruck von sachlich beherrschter
Innerlichkeit lag. Seine Lippen dagegen, die meistenteils wie die seines
Vaters als ein schmales Bändchen gezogen waren, konnten sich manchmal,
wenn er lebhaft mit einem Gedanken beschäftigt schien, trotzig nach
außen werfen.
„Weißt du vielleicht,“ fragte Grahl nach einer Weile, während der nur
das leise Schlürfen der Lippen vom Löffel zu hören gewesen, „weißt du,
Hermann, ob jemand im Laufe des Tages das Vorderzimmer besichtigt hat?“
„Nein,“ sagte Hermann, „es war niemand da.“ Sein Gesicht war auch beim
Sprechen von der Zeitung verdeckt.
„So,“ sagte Grahl. „Hmhm. Merkwürdig ... Als ob das Unglück mit diesem
Mörk in das Zimmer gezogen wäre. Noch niemand war da, um es zu
besichtigen.“
Er hatte den Namen Mörk leise hervorgestoßen, als hinderten ihn
Verlegenheit oder Wut, mit offener Stimme zu sprechen. Hermann hatte die
Zeitung dichter zu sich herangezogen.
„Vielleicht,“ sagte er ruhig, „sind den suchenden Einlogierern unsere
vier Treppen eine Bemühung, die sie nicht lieben.“
„Aber die jungen Studenten!“ entgegnete Grahl. „Ich hatte damit
gerechnet. Wir sind nicht so weit von der Akademie.“
„Ja, ja,“ sagte Hermann.
„Was steht in der Zeitung?“
„Nichts Interessantes.“
„Aber du liest sehr interessiert.“ Beide schwiegen. Plötzlich begann
Grahl, noch leiser, aber ungleich lebhafter als zuvor: „Du mußt morgen
zur Zeitung gehen, den Redakteur des lokalen Teiles besuchen und ihm
eine Sache nahelegen. Du weißt wohl schon, hm, was ich meine?“ Das
Lächeln, das ihn immer vor der Preisgabe eines Gesichtes, das er zu
verbergen gewillt war, beschützte, zog seinen linken Mundwinkel
aufwärts.
„Den Namen nicht nennen?“ sagte Hermann sachlich, fast ohne Ausdruck.
„Das ist es, ja,“ sagte Grahl noch leiser. Er häufelte einen Rest von
Suppenkraut auf dem Teller. „Höchstwahrscheinlich wird ein Bericht über
die Verhandlung erscheinen. Bitte den Redakteur, er möge sich mit den
Anfangsbuchstaben begnügen. Statt des vollen Namens deiner Mutter setze
er „G.“, zum Schlimmsten „A. G.“. Aber auch nicht den vollen Namen von
... Mörk. Oder vielleicht nur: Die Angeklagte ... der Kläger. Ich denke,
der Zeitungsmann wird sich, auf deine besondere Bitte, ohne Weigern
solch einer Art von Bezeichnung bedienen. Meinst du nicht auch?“
„Kann sein.“
„Du willst es versuchen?“
„Natürlich. – Uebrigens – ich müßte zu sämtlichen Zeitungen gehen. Kann
Gertrud nicht einen Weg übernehmen?“
„Ich möchte, daß Gertrud nicht nur deine Mutter auf diesem entsetzlichen
Wege morgen begleitet, sondern auch über den ganzen Tag bei ihr bleibt.“
„Ich werde es besorgen.“
„Gehe zu den drei großen Blättern: Anzeiger, Nachrichten, Städtisches
Blatt. – Was für einen Eindruck hast du von deiner Mutter am Abend
gehabt? Glaubst du, sie wird überleben, wenn –“
„Ich habe sie nur flüchtig gesehen,“ unterbrach ihn Hermann. „Sie ging
schlafen, bald nachdem ich gekommen war. Und in der halben Stunde, daß
sie im Sofa saß, konnte ich, wenn ich über den Löffel blickte, ihr
Lächeln bemerken, dies unerklärliche Lächeln, das an dem Tage begann,
als das Gericht uns die Anklageschrift auf den Rücken schickte.“
„Und was hat sie mit dir geredet?“
„Kein Wort.“
„O dieser Mörk, dieser Mörk,“ stöhnte Grahl, „hätte er niemals das
Zimmer bewohnt.“
„Ist sonst noch etwas, Papa,“ fragte Hermann, der aufstand und alle
Beilagen nach ihren Nummern zusammenlegte.
„Nein, nichts, mein Junge ... außer den Zeitungsberichten, weißt du.“
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht, mein Junge.“
„Noch eins,“ sagte Hermann und wandte, schon an der Tür, den Kopf um ein
kleines rückwärts. „Ich werde morgen sehr früh aus dem Hause müssen. Ich
sage dir also schon heute für morgen Adieu.“
Grahl hörte noch seine festen Schritte, wie er über den Flur in das
Zimmer hinüberging, wo Gertrud lag und wahrscheinlich noch wachte. Dann
ging er selber behutsam ins Nebenzimmer. Dort, in dem Bette neben dem
seinen, bei einem Lämpchen, das neben der Uhr stand, mit
festverschlossenem Munde lag Anna, von ergrauendem Haar das glühende
Gesicht umrahmt, aber ohne Bewegung und unhörbar atmend.
Viertes Kapitel.
Am nächsten Morgen beim Kaffeetrinken saß Anna im Sofa. Grahl begann,
wie in den letzten Tagen gewohnt, eine Unterhaltung von nebensächlichen
Dingen, auf welche Anna mit kargen Worten, dazu mit ihrem beständigen
Lächeln einging. Grahl fühlte die Zeiger weiterrücken, er vergewisserte
sich, daß seine Zeit schon knapp überschritten war – aber er wollte
seine Frau nicht verlassen, ohne ein bestimmtes Wort gefunden zu haben.
Er suchte danach. Wie jeden Morgen empfand er es als Unmöglichkeit, Anna
in ihrem einsamen Unglück für sich zu lassen. An diesem, dem
entscheidenden Tage, erschien ihm das als Verrat, als der Bruch einer
Pflicht. Er saß und blickte vor sich in die Tasse – bis Anna aufstand
und schweigend die Stube verließ.
Der Morgen war dunkel. Regen sprang auf den blanken Straßen, an den
Sielen schäumten die Strudel. Bei der Haltestelle, die in der Nähe der
Wohnung gelegen war, hielt Grahl im Laufen inne. Aber die Trambahnen
waren bei solchem Wetter kurz vor Beginn der Geschäftszeit so überladen,
daß sie die Stationen ohne zu halten durchfuhren. Und Grahl, unfähig auf
einem Ort zu verharren, begann zu laufen – aus Furcht vor versäumter
Zeit und aus dem Bedürfnis, das Denken in seinem Gehirn zu zerstreuen –
in einem Tempo, wie es ein eiliger Schuljunge anschlägt. Er hätte bei
tüchtigem Schritt weit länger als eine halbe Stunde für seinen Weg
gebraucht – nun lief er mit langen Beinen über die Straße, der Schmutz
des Pflasters spritzte an seinen Hosen hinauf, und die Füße, in
undichten Stiefeln, wurden vom Wasser gebadet. Er kämpfte um jede
Sekunde und erledigte seinen Lauf in siebenundzwanzig Minuten – aber es
war mithin doch dreizehn Minuten nach neun geworden.
Als Grahl in die Nähe des Kontorhauses kam, zog er den Hut sehr tief ins
Gesicht und ging nahe an den Häusern. Er fürchtete nichts so sehr, als
seinem Chef, der selber erst eine Viertelstunde nach neun zu kommen
pflegte, hier zu begegnen. Er wußte bereits aus Erfahrung, daß Winters
Automobil von der anderen Seite auffuhr – daher hielt er das Auge
spähend vorwärts gerichtet, indem er mit kleinen Anläufen dem großen
Portal näher kam. Aber noch etwa zehn Schritt vom Eingang entfernt,
bemerkte er das blaue Automobil, wie es hielt ... und schon erschien die
zum Aussteigen etwas gebückte Gestalt seines Chefs. Grahl, überrascht
von diesem Ereignis, stand einen Augenblick still, wie an die Stelle
gezwungen. Er wollte zurück. Aber die Vorstellung: wie Winter an seinem
leeren Pulte vorbeischreitend, stutzen würde und fragen ... trieb ihn
auf’s Geratewohl vorwärts. Wäre er blind gewesen – genauer hätte er
nicht ins Verderben hineintappen können. Am Portal war er seinem Chef um
einige Schritte voraus, er stieß die Türe auf, aber nur einen schmalen
Spalt, durch welchen er selber allein hindurchschlüpfen konnte ... Daß
Winter, der nun vor der zugefallenen Tür stand, schon allein wegen der
Unhöflichkeit auf den vor ihm Gekommenen aufmerksam werden mußte, sagte
Grahl sich nicht. Er kämpfte nur, wie ein Sterbender, um den Augenblick,
und wollte nichts weiter denken. Er jagte mit eingezogenem Kopf, an der
Kontrolle vorbei, die Treppen hinauf. Indessen fuhr Winter, vom Hauswart
höflich bedient, in einem nur für Chefs und höhere Angestellte
bestimmten Aufzug die Höhe dreier Etagen aufwärts. Als er durch die
Pultreihen kam, langsamen Schritts, um alle Plätze eingehend zu mustern,
war Grahl, noch im Straßenjackett, statt wie gewohnt in der schwarzen
Lüsterjacke, mit einer Rechnung beschäftigt. Grahls Stirne war
dunkelrot. Winter blieb neben ihm stehen ... so lange, bis Grahl seine
Augen hob.
„Und Sie schämen sich nicht?“ schrie Winter so laut, daß alle Köpfe im
Nacken zuckten. Grahl starrte ihn an. Winter ging um den Bock herum,
blickte unter das Pult, zog mit den Händen Mantel und Hut hervor, die
Grahl dort in Eile verborgen hatte, schleuderte sie zur Erde und schrie
noch einmal: „Sie schämen sich nicht?“
Grahl, der bis in den Vorderkopf, wo seine dünnen Haare klebten,
erbleicht war, machte eine Bewegung mit Daumen und Zeigefinger zum
Brillenglas – aber diese Bewegung war so, als griff er sich an das Herz.
Winter betrachtete ihn mit seegrünen, zynisch lachenden Augen. –
Warum demütigt er mich dermaßen? dachte Grahl, wofern es Denken zu
nennen war, was in ihm vorging. Endlich, endlich ging Winter weiter. Er
ging langsam wie stets. Einem Lehrling befahl er, den Personalchef Herrn
Karst zu rufen, der am anderen Ende des Ganges in einem mit Glaswänden
geschlossenen Raum die Abteilung ganz überblicken konnte. Wenige
Augenblicke später schon sah man Karst, eine große, breitschulterige
Erscheinung, den Gang zum Privatkontor durchschreiten. Sein Gesicht, in
dem nach Muster der alten Militärs ein Schnurrbart stand, war voll und
breit, von gesunder Farbe, wie das eines Landmanns. Der Ausdruck der
Augen, wenngleich nicht Klugheit, so doch ein Geschick zur Diplomatie
verratend, dazu der wiegend elastische Gang – dies alles in einem
verriet die Brutalität eines Mannes, der sich vom Pult des
Kontokorrentbuchhalters bis in den „Glaskasten“ hinaufgearbeitet, und
nun nicht vergessen hatte, wie schwer der Aufstieg gewesen wäre, und wie
leicht nun der Vorteil an Macht zu ziehen ... Jetzt betrat Karst mit
einer Verbeugung und klingendem „Guten Morgen, Herr Winter,“ den Raum
seines Prinzipals, um gleich darauf die Tür zu schließen.
In der folgenden Stunde versuchte Grahl, sich zur Arbeit zu sammeln.
Aber er raschelte nur unter Fakturen, blätterte in dem Journal hin und
her. Seine Hände zitterten, hinter der Stirn führten zwei Stimmen
Fiebergespräche. Als der Personalchef nach mehr als dreiviertel Stunden
zurück durch den Gang gekommen war, um in seinem Glasraum die Morgenpost
zu sichten, bemühte sich Grahl, den Augenblick zu bemerken, wenn Karst,
mit dem Lesen des letzten Briefes zu Ende, für eine kurze Pause, die
zwischen dieser und seiner nächsten Beschäftigung eintreten mußte, müßig
am Schreibtisch saß. Als dieser Zeitpunkt gekommen war, ging Grahl in
den „Glaskasten“, verbeugte sich, wünschte Guten Morgen, und bat mit
leiser Stimme um Urlaub für einige Stunden, von halb zwölf gerechnet bis
etwa um zwei. Karst, der nie den Ausdruck der Mienen veränderte, fragte
nach einer Begründung. Grahl gab einen nicht aufzusparenden Weg, eine
Altersversorgung betreffend, vor. Karst konnte ein leises Lächeln nicht
unterdrücken als er nach einer Pause erwiderte, Grahl möge diese
Besorgung seiner Interessen noch um einige Zeit verschieben, später sei
ihm der Urlaub gerne gestattet. Bei dieser Antwort erbleichte Grahl.
Zusammen mit dem verschwiegenen Lächeln drückten die Worte aus, was
seinen Herzschlag stocken machte. Er betonte noch einmal die
Dringlichkeit seines Weges – aber nun eigentlich nur noch zur
Entschuldigung seiner Bitte. Er war ganz verwirrt. Dazu fragte Karst, in
dessen Augen nun keine Spur mehr von Lächeln lag, nach dem Stande der
Arbeit. Und Grahl konnte nicht anders, als die Wahrheit gestehen. Karst
nickte – er hätte nicht grausamer antworten können – als ob ihm dies und
nichts anderes erwartet käme. Doch, ergänzte Grahl, hoffte er durch
vermehrte Stunden der Tagesarbeit mit der Prüfung seiner Fakturen noch
bis zum rechten Termine fertig zu werden. Das hoffe er auch, sagte
Karst, indem er nun auch den Ton zu dem vorigen Lächeln fand. Damit
wandte er sich einer Liste zu, die inzwischen von einem Lehrling
gebracht worden war.
Grahl befand sich wieder allein vor dem Pulte. Arbeiten war ihm
unmöglich. Seine Gedanken waren bei Anna und Gertrud. Sie standen nun
vor dem Richter, er aber, der zwar mit seiner Zeugenaussage auf keinem
Fall dem Geschick eine Wendung zu geben vermochte, fehlte in dieser
Stunde. In einer Stunde, wo Anna, die glühende Angst der Erwartung, und
im furchtbarsten Fall der Entscheidung, ein Gewicht auf dem Herzen
erdulden mußte, für das die bürgerliche Gesellschaft in ihrer kompakten
Masse die Wage bestimmt hat. Grahl wütete gegen sich selber. Er durfte
sich nicht den Weg von der Arbeitsstätte zu Anna um den Preis der
preiszugebenden Wahrheit erzwingen – aber die erfundene Begründung für
seinen erwünschten Urlaub war schwach, lächerlich schwach gewesen.
Dennoch hatte er plötzlich den Einfall, mit dieser selben Begründung
direkt bei dem Chef den Antrag zu wiederholen. Er ist ein Mensch, sagte
er vor sich hin, indem er mit seinen Händen die grauen Strähnen strich,
die seinen Vorderkopf leicht überdeckten. Er ging in die Garderobe, um
die Hände zu waschen. Als er eintrat, verstummte sofort das Gespräch der
dort versammelten jungen Leute. Es blieb still, bis er den Raum verließ.
Sein Gemüt war bedrückt. Er stand an der Tür zum Privatkontor seines
Chefs. Er klopfte, trat ein und wartete auf eine einladende Geste, ehe
er begann. Aber Winter, nachdem er sich unterrichtet hatte wer an der
Tür stand, senkte die Augen hinter dem mit gelben Hornreifen umrandeten
Kneifer auf die Lektüre, die vor ihm lag.
„Ich möchte Sie bitten ...“ begann Jakob Grahl.
„Sie wenden sich wohl an Ihren Bureauchef!“
Und Grahl wendete sich mit gebogenen Knien und ging.
Sein nächster Gedanke war, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Dieser
Vorsatz war schon so stark befestigt, daß Grahl bis an die Garderobe
kam. Aber dort, vor der Türe, den eckigen Schlüssel bereits in der Hand,
schlug ihm die Ueberzeugung, daß dieser Entschluß die wohlbegründete
Lösung des Arbeitsverhältnisses seitens der Firma zur Folge haben mußte,
mit solcher Heftigkeit vor die Stirn, daß er aus seinem in sich selber
versunkenen Denken wie durch den Anblick einer drohenden Tiefe
erschreckt, zu der Wirklichkeit seiner Lage erwachte. Er sah sich schon
jetzt dem Willen sämtlicher Vorgesetzten, der Gleichgültigkeit oder
Spottlust und Klatschsucht seiner Kollegen preisgegeben. Er wußte nichts
Besseres zu tun, als in Unterordnung die Pflicht zu erfüllen und in
Demut zu hoffen, daß alle Anzeichen, die seine Entlassung
vorauszuverkünden schienen – das Lächeln Herrn Karsts, das verstummte
Gespräch der Kollegen, die Ereignisse dieses Morgens, die verachtende
Haltung des Chefs – dennoch nichts mehr als Täuschungen wären, die den
schreckhaften Vater, der seine Familie zu jeder Minute bewußt als den
Antrieb im Innern spürte, zu leicht übermannten. Die Hoffnung und bange
Erwartung vermochten sogar, ihm für einige Zeit vergessen zu machen, was
Anna in dieser Stunde erleben mußte.
Man muß bedenken, daß der Gedanke, als Mann mit ergrautem Haar aus dem
Dienste entlassen zu werden, schon am dreißigsten September, das will
heißen: am Termin der Kündigung auf den ersten November desselben
Jahres, die Perspektive auf Schrecknisse einer Zeit eröffnen konnte, wie
der vor einigen Jahren beendete Krieg sie an einem gewissen Wendepunkt
mit grausamen Händen gezeichnet; wie sie eben erst – aber dies
trifft nicht einmal auf alle Familien zu – von den ungleich
menschenfreundlichen Händen des Friedens verwischt worden war. Die
Wirkung – die seelische wie die körperliche – der Kohlrübenjahre war
damals und ist noch in unseren Tagen so mächtig, daß die Furcht vor der
Situation des Stellungslosen in einer Zeit, da Massenentlassungen Mode
wurden, keiner besonderen Begründung bedarf. Grahl – noch vor wenigen
Stunden von einer ganz anderen Sorge gepeinigt – kannte jetzt nur noch
_eine_ Bitte an die schicksalsfügende Macht, an welche er glaubte, ohne
sich dessen bewußt zu sein: Daß bis um die sechste Stunde der drohende
Schlag der Entlassung ihn nicht treffen möge. Denn um jene Zeit
verließen der Chef und die Mehrzahl der Angestellten das Haus. Hatte
sich bis dahin die Gefahr nicht entladen, so war sie über ihm
weitergezogen.
Aber noch war diese sechste Stunde nicht da. Nach drei rief ihn die
Telephonistin in eine Zelle. „Anna,“ sagte er, und mit lautschlagendem
Herzen nahm er den Hörer. Es war die Bitte um Aufschub eines
zahlungssäumigen Kunden, dessen Konto Grahl in den Büchern führte.
Von nun an erschrak er jedesmal, wenn die Klingel des Telephons zu
schrillen begann. Der Termin des Prozesses war um zwölf Uhr gewesen,
aller Berechnung nach war nun das Urteil schon lange gesprochen. Sie
wußten es, Gertrud wußte es, Hermann wahrscheinlich auch ... Und Anna
... Er aber saß hier und rang seine Finger, von Kümmernissen zu beiden
Seiten des Herzens benagt. Mußten sie nicht schon längst eine Nachricht
durchs Telephon für ihn haben? Und wäre es nur aus Besorgnis um ihn,
warum er, seinem Versprechen entgegen, nicht im Gerichtsgebäude
erschienen war ... Daß dieser erwartete Anruf nicht kam, erfüllte ihn
mit brennender Angst, die in plötzlichen Wogen bis in die Augen stieg.
Die Zeiger waren bis fünf geschlichen, aus dem Privatkontor vernahm man
die langhinsummenden Töne der Uhr. Grahl tat einen Atemzug der
Erleichterung, aber indem seine Brust sich senken wollte, fiel auf das
Buch, das mit offenen Seiten auf seinem Pult lag – ein Brief! Sein Kopf
fuhr herum. Er sah den sechzehnjährigen Lehrling Menzel, der sich eben
auf seinem Absatz drehte – übrigens nicht mit der Absicht, das mokante
Lächeln auf seinem Gesicht zu verheimlichen. Grahl berührte den Brief
noch nicht. Kein Brief mit der Post, keine Marke, kein Stempel. „Herrn
Jakob Grahl, im Hause,“ stand auf dem Kuvert. Er faßte es an – er
brauchte es nicht zu öffnen. Er schob es in seine Hosentasche. Sein
Gesicht war aschgrau. Er fühlte den Halt seines Körpers verlorengehen,
gleichsam ein notwendiges Gewicht aus dem Kopfe fallen. Es blieb eine
Leere. Er stützte die hohe zerbrechliche Stirn zwischen Daumen und
Zeigefinger der Linken, während die Rechte noch in der Tasche am
Umschlag tastete. Ein zitternder Seufzer ging unbewußt aus seinem
bebenden Munde hervor. In diesem Augenblick durchschritt Winter mit
seinen schallenden Schritten die Reihe der Pulte, er trug den schwarzen
Hut tief auf die Geiernase gerückt. Ein gelber Rock hing von seinem
gekrümmten Rücken herunter, er trug ein paar brauner Lederhandschuhe mit
einem schweren Handstock mit silberner Krücke in Händen. Vor dem Hause
erwartete ihn sein Automobil.
Fünftes Kapitel.
Außer dem Kontenführer Grahl war noch dem „Geiger“ gekündigt worden, der
erst kürzlich über den Lehrlingsgrad hinaus, in die Stellung eines
Kommis geklettert war. Während aber der Kündigung Grahls ein Bemerken,
das auf Ueberzähligkeit hinwies, als Begründung zugefügt war, entbehrte
das Schreiben, welches der „Geiger“ erhalten hatte, einer entsprechenden
Angabe ganz und gar. Der „Geiger“ empörte sich auch durchaus nicht
dagegen. Er hatte in einem seiner Cafés, wo er abends spielte, ein
Mädchen kennen gelernt, mit welchem er ohnehin schon einige Male über
den Tag spazieren gegangen war, obgleich diese Tage weder als Fest- noch
als Sonntage auf dem bürgerlichen Kalender standen. Das Geigenspiel
konnte ihn über dem Abgrund vollkommenen Geldmangels halten. Dazu hatte
der „Geiger“ einen Vater, der ebenso jovial war wie er. Der Vater hatte
die Mittel, sich jedes Vergnügen zu leisten. Aus Gewissenszwang wollte
er, was er sich selber gönnte, seinem Sohn nicht versagen.
Seide Freunde neckten den „Geiger“ mit einem unter den Angestellten
beliebten Spruch. Einer rief:
„Du wirst Kommis –“
worauf der Chorus einfiel:
„Aber nich bi mi!“
Wenn sie in der Garderobe in der Nähe des Fensters standen und „durch
die Nase rauchen“ probierten, neckten sie ihn. Er pfiff den Rauch weg
und sagte: „Egal!“
Die innere Verfassung des anderen Gekündigten war anders. Der
anfängliche Sturz der Empfindungen hatte die Denkkraft gelähmt. Und als
er am Abend niemanden in der gleichwohl erleuchteten Wohnstube fand,
aber Anna mit ihrem selbstvernichtenden Lächeln im Bett – nun nicht mehr
glühend von innerlicher Erregung und Präparation für die Stunde am
Richtertisch, sondern weiß bis in die schweigenden Lippen – da sah der
Alte nur noch die Kurve des Untergangs, er fühlte die Hand eines
Schicksals, der zu entrinnen vergeblich wäre. Diese Familie war ihr
verfallen. Ich weiß nicht warum, sagte Grahl, ich weiß nur: es ist so.
Er konnte sich keine Rettung mehr denken. Er wünschte einen
beschleunigten Schluß. Er hoffte wirklich im Schlaf dies Ende zu finden.
Indem er, beinahe stumpf von Leiden, in sein Bett, neben der verbissenen
schweigenden Anna, hineinstieg, wanderten seine Gedanken zu Hermann und
Gertrud, die nur die Hälfte des Schicksals kannten – nur das Teil, das
ihre _Mutter_ betroffen hatte. Ich wünsche euch eine andere Seele, als
ich sie besitze, sagte er wie zum Nachtgebet. Mehr Kraft, mehr Härte des
Herzens, Kinder ...
Er fand keinen Anfang für eine Frage, welche die Bestätigung dessen
verlangte, was er schon wußte. Er fühlte, daß mit gebrochenem Schweigen
der Schmerz, der dieser Frau wie ein eisiger Block die Tränen
versperrte, sich lösen mußte. Von den Gedanken aufs neue bewegt,
verbreitete sich innerlich eine Erleuchtung – als ob hier Schuld und
Verfehlung keinerlei Rolle spielten. Und all das wäre das Schicksal, wie
ein Jeder das Seine gesondert empfängt. Die Erkenntnis, daß seine vom
Leben gefurchte Seele es war, die ihn die Niederlage des heutigen Tages
und endlich den Untergang leiden ließ – dies Gefühl erfüllte ihn, ohne
daß er nach einer Begründung fragte, gleichwie ein Glück. Er war stolz,
sein Schicksal, je schwerer, je lieber, zu tragen. Da sagte er: „Anna!“
Der Glauben, der in ihm zu herrschen begann, machte ihn mächtig, die
Wirklichkeit in dem heiteren Lichte der Unschuld zu sehen und er meinte
diese Gabe des Sehens teilen zu können, mit wem er es wünschte.
Anna aber sagte nicht mehr als _ein_ Wort, in dem sich eine Lippe
rührte, sonst nichts: „Gefängnis.“
„Habe darum keinen Gram. Ueberwinde das mit dem Stolz deines Herzens,
wie ich.“ Er blickte sie an.
Sie hob die blasse Hand von der Decke und drehte den Docht der kleinen
Lampe so tief, daß sie verlöschte. Er nahm ihre Hand, sie entzog sie ihm
nicht. Aber sie weinte auch nicht und sie sprach kein Wort. Auch er
wußte nichts mehr zu sagen. Die Helligkeit in ihm war plötzlich
erloschen. Er ließ ihre Hand los und bohrte den Kopf in die Kissen.
* * * * *
Gertruds Stimme weckte den Vater am folgenden Morgen. Er lag einige
Minuten mit offenen Augen, ohne daß eine Erinnerung an die Dinge von
gestern kam. Das Bett neben ihm war leer. Er hob sich erschreckt auf den
Ellenbogen – in einer Sekunde standen die Tatsachen um ihn herum.
Verwundert, wie das Gedächtnis an den verhängnisvollsten Tag seines
Lebens, um soviel später in ihm erwachen konnte, als er selbst – und
grübelnd, ob nicht die Fähigkeit, zu vergessen, was zu vergessen von
Nutzen sei, ein zu erkämpfendes Können des Innern wäre ... so stand er
auf, sah in den grauen, rieselnden Morgen, durch leckenden Regen, und
kleidete sich langsam an. Eine Schwermut, körperlich, schien ihn zu
lähmen.
Mit seinem Sohne ging er ein Stück des Weges. Er hatte sich von dem
Anblick der leidenden Frau mit Gewalt getrennt. Hermann unterrichtete
ihn mit leiser, von sachlichem Ausdruck beherrschter Stimme, von den
Ereignissen des vergangenen Tages. Frau Anna Grahl war zu einer
Gefängnisstrafe von dreiundeinhalb Monaten verurteilt worden. Sie war
nicht einmal dazu gekommen, die wohlvorbereitete Verteidigung, alle die
in schlaflosen Nächten eingeschärften und oft wiederholten Wendungen, am
Richtertisch vorzutragen. Der Vorsitzende hatte ihr inneres Bekenntnis,
zu dem sie nicht aufgefordert war, mit einem herrischen Ausbruch der
Ueberlegenheit, die sich offenbar mit besonderer Anerkennung respektiert
sehen wollte, unterdrückt, und die Angeklagte in die einzige Haltung
gedrängt, die ihr in ihren eigenen Augen nun noch gemäß war: in stolzen,
schweigenden Trotz. So hat sie also den Kampf aufgegeben, und ließ es
gehen, ohne hinzuhören – schloß Hermann mit einem flüchtigen
Seitenblick. „Ich biege hier ab. Guten Morgen, Vater.“
Grahl hatte die Kündigung sorglich verschwiegen. Sein Wunsch war, die
bedrückten Herzen der Seinen durch die Form, die er selber hielt, zu
erleichtern. Nichtsdestoweniger waren in ihm der leidensbereite Wille,
die stolze Demut unter das Schicksal, die am vorigen Abend in
eigenartiger Kraft aus der Schwäche erstanden waren – verstummt und
vergessen. Aber das gleiche Gefühl für die Pflicht, das ihn am
Kontorpult beherrschte, war in der Sorge um seine Familie wieder
erwacht; es lenkte seine Entschlüsse in völliger Unbekümmertheit um die
geschehenen Verstöße, mit welchen ein Vorgesetzter die Führung des
Angestellten belasten konnte.
Er berief auf den selbigen Abend die Ausschußversammlung ein. Die
Ausschußmitglieder bestanden aus sechs Vertretern des Personals, von
denen Grahl der älteste war. Sie trafen am Abend in einer Restauration,
die „Himmelspforte“ genannt, zusammen. Grahl forderte auf, seiner
Entlassung den Ausschußwillen entgegenzusetzen, da er, als Mitglied des
Ausschusses, in einem Verhältnis zur Firma stände, das bei erloschenem
Mandat erst zu lösen wäre, nicht früher.
Aber zu seinem Erstaunen waren die übrigen Ausschußmitglieder durchaus
nicht einig in ihrer Meinung. Es ergab sich, daß drei unter ihnen in
ihrem Gewissen Bedenken empfanden, das Interesse ihres Kollegen zu
schützen, ohne den Standpunkt der Firma in Rücksicht zu ziehen. Diesen
Standpunkt, hieß es, kenne man wohl, obgleich er – wohl aus einer
gewissen Milde – in dem Entlassungsschreiben verschwiegen war. Der
eigentliche Grund zur Entlassung Grahls – darin waren diese drei Herren
sicher – wäre natürlich der Mangel an Arbeitskraft und Zuverlässigkeit,
der in den letzten Wochen vermocht hatte, den guten Kredit seiner
siebenundzwanzig Arbeitsjahre zu annullieren. Wie sollten sich also
diese gewissenhaften Ausschußmitglieder für Grahl entscheiden?
Widerrede wurde dagegen laut. Grahl selber erklärte, daß _die_
Begründung, die das Kündigungsschreiben enthielt, maßgebend wäre – nicht
eine verschwiegene. Wer nähme wohl an, die Firma wäre in ihrer Erklärung
von zarter Rücksicht geleitet? Im übrigen hielt der Einwand, die
mangelnden Qualitäten betreffend, nicht Stich. Wenn im Verlauf von mehr
als einem Vierteljahrhundert ein Mann mit niemals lahmendem Willen die
Kraft seines Denkens und Tuns in den Dienst einer Firma gestellt habe,
so sei er nicht davonzujagen gleich einem ungebärdigen Hunde, wenn ihn
in einem gefährlichen Augenblicke seines Familienlebens die Kraft für
eine Spanne verlasse. Er setzte sich wieder und stützte den Kopf in die
zitternde Hand.
Man fragte ihn, ob er nicht dies persönliche Schicksal als Begründung
seiner offenbaren Veränderung vortragen wollte. Er schüttelte mit dem
Kopf, ohne die Hand von den Augen zu lösen.
Den drei Vorsichtigen wurde noch andershin widersprochen. Wiewohl es
auch möglich sei – führte ein Obmann aus –, daß die Entlassung des
Kollegen Grahl aus den vorhin genannten Gründen erfolgt sei, so bestehe
die Tatsache dennoch fort, daß Entlassungen zu Zwecken von Ersparnis
einiger Angestelltensaläre ohnehin in Aussicht genommen waren. Mehrere
Posten mit geringerer Arbeitsbelastung sollten, je zwei, vereinigt an
einen der beiden Postenverwalter übertragen werden, um den zweiten zur
Uebernahme anderer Tätigkeit freizumachen. Hätte das Schicksal also
nicht Grahl getroffen, so wäre ihm gleichwohl ein anderer zum Opfer
gefallen. Derjenige nämlich, der nach der Geschäftsleitung Ansicht am
wenigsten Nutzen der Firma bringe. – Das sehe man ein, nicht wahr? Man
müsse also _dagegen_ sein, im Prinzip. Stände im Falle des „Geigers“ die
unanfechtbare Begründung mit seiner Faulheit nicht fest zu erwarten, so
wäre auch dieser Kündigung die notwendige Beistimmung des Ausschusses zu
versagen. Es handle sich um Entscheidungen, die für Jeden einmal
Bedeutung erlangen könnten. Ueber allem aber dies: Zu was bestände denn
das Gesetz, das die Entlassung des Obmanns verbietet? Wer könnte bürgen,
daß nicht eben sein Amt im Ausschuß es war, das ihn zum Fallen gereift
hätte? Und wer von den Ausschußmitgliedern dächte hierbei nicht an sich
selber? Er verlangte die Unterschriften.
Die drei Widerstrebenden dachten wahrscheinlich sehr intensiv an sich
selber. Sie hielten die Macht ihres Mandats für gering im Verhältnis zur
Macht eines Leiters der Personalabteilung, gegen dessen Beschlüsse man
wohl am besten nicht knurrt. Ein Mandat hat auch einmal ein Ende,
dachten sie wohl ... Und sie konnten sich nicht für ihren Kollegen
entscheiden. Sie meinten, etwaige Mängel der Führung seien durchaus
nicht durch ein im übrigen unantastbares Amt als gedeckt zu
betrachten. Darauf berief sich Grahl erneut auf die Begründung des
Kündigungsschreibens, in welchem mit keinem Worte irgendeines Mangels
gedacht war. Es gelang ihm nicht, sie auf seine Seite zu ziehen. Und
obgleich dem gegebenen Rechte nach kein Ausschußmitglied seine
Unterschrift unter das Einspruchsschreiben, das inzwischen gefertigt
war, hätte verweigern können, so zeigte es sich dennoch, daß die drei
Nichtgewillten bis zum Ende in ihrer Opposition verharrten. Ihre Furcht
vor dem Eindruck, den ihre Unterschrift unter ein dem Willen der
Geschäftsleitung entgegengesetztes Schriftstück hervorrufen mußte, war
begreiflich groß. Nach langem Widerstande bemerkte Grahl, daß sein
beharrliches Dringen aufs Recht ihm dennoch keinen Vorteil brachte, und
er ergab sich darein, seinen Fall als den Fall eines einfachen
Angestellten zu führen. Noch bei einem Stimmenverhältnis von drei zu
drei war _für_ den Angestellten entschieden. Das Schriftstück, in
welchem der Ausschuß die Einwilligung zur Entlassung des Buchhalters
Grahl versagte, trug die folgenden Unterschriften: Baaß, Ehrlich, Grahl.
Grahl ging in bedrückter Stimmung nach Hause. Die Unzulänglichkeit
dieser an sich so verläßlichen Institution hatte ihn überrascht und
erschüttert. Er war für den Tag, für den Monat und für den
nächstfolgenden auch, gerettet. Aber gewöhnt, bei der Bilanz seiner
Lebenshaltung nicht nur die Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und
Zukunft in Betrachtung zu ziehen, bangte ihm vor den kommenden Zeiten,
die ihn zwingen würden, die Hilfe der Ausschußmitglieder erneut
anzurufen. Wenn sie ihm dann sein Recht versagten? Gewiß, er würde es
von höherer Stelle erhalten. Das Recht schützt der Staat ...
Als er nach Hause kam, fand er wieder die Stube erleuchtet und leer. Er
ging schweigend durch alle Zimmer; Hermann und Gertrud fand er in ihrer
gemeinsamen Stube lesend. Als er ihre hochgezogenen roten Stirnen
wahrnahm, unterdrückte er seine Frage.
Frau Anna Grahl war bereits ins Gefängnis gegangen.
Sechstes Kapitel.
Am zweiten Oktober wurde das Schriftstück, das der Ausschuß am
vorhergehenden Abend beraten hatte, dem Personalchef Herrn Karst
übergeben. Dies geschah gegen Mittag. Nachmittags ging Herr Karst in das
Kontor des Chefs, und die Türe wurde nachdrücklich geschlossen. Aber bis
zum Abend geschah durchaus nichts.