»Ich hätte ihn doch fragen müssen; seine Augen baten so sehr darum,«

dachte er; »vielleicht lebte er dann noch.« Denn er wußte, es war ganz

ausgeschlossen, daß ein Unfall vorlag; so sorgsam, wie Samlitz, ging

kein Mensch mit Schußwaffen um. Ein einziges Mal hatte er ihn grob

werden sehen; das war, als ein Jäger beim Treiben mit dem Gewehr durch

die Schützenlinie zog. »Ist Ihre Waffe nicht geladen?« hatte er den

Herrn gefragt, und als der ein verwundertes Gesicht machte und sagte:

»Natürlich!«, kam die eiskalte Antwort: »Na, dann benehmen Sie sich

bitte dementsprechend!«

Es stand für ihn fest, daß Samlitz Selbstmord verübt hatte. Er sann

vergeblich darüber nach, was der Beweggrund dafür gewesen wäre.

Mangel an Geld oder Schulden kamen nicht in Frage; seit fünf Jahren

war der Prinz sehr reich. Irgend eine schlechte Tat konnte auch

nicht vorliegen, denn er war ein zu gefestigter Mann, um sich einer

Leidenschaft hinzugeben. Helmold hatte ihn oft deshalb bedauert.

Niemals hatte er bemerkt, daß Brüne mehr als drei Glas Wein auf einem

Sitz trank, und über zwei Zigarren und eine Zigarette brachte er es

keinen Tag. Auch konnte kein Weib die Ursache dieses unpathetischen

Trauerspiels sein, weder mittelbar noch unmittelbar. »Vielleicht liegt

doch ein Unglücksfall vor,« dachte er schließlich.

Am folgenden Tage wußte er, daß das nicht der Fall war. Zwar war

Samlitz unter einer Wildkanzel gefunden worden, aber gerade das machte

Hagenrieder stutzig; denn daß der Prinz mit geladener Büchse den

Hochsitz erstiegen haben könnte, das war undenkbar. Außerdem saß der

Schuß zu gut, Mitte Blatt. Aber den Ausschlag gab der Brief, der auf

dem Schreibtische des Prinzen lag, und der an Hagenrieder gerichtet

war, einen kleinen Schlüssel und folgende Zeilen enthielt: »Lieber

Freund, in dem Geheimfache meines Schreibtisches, das du hinter der

linken Schublade findest, liegt etwas für dich. Lies es, und sei gut

zu mir, wenn wir uns wiedersehen. Dein Brüne.« In dem Fache lag ein

versiegelter Umschlag, der Hagenrieders Namen trug und darin war ein

schmales, in schwarzes Leder gebundenes Büchlein, dessen fünfzig

Büttenpapierseiten mit der gesucht kräftigen Handschrift des Prinzen

bedeckt waren.

Als Helmold das Buch zu Ende gelesen hatte, schüttelte er sich;

das Herz fror ihm. Er hatte geglaubt, sein eigenes Schicksal sei

schrecklich; das des Freundes war grauenhaft. Nun, da er tot und kalt

war, fühlte er, daß er ihn liebte, oder daß er ihn jetzt erst lieben

gelernt hatte. »Barmherzigkeit!« dachte er, »wenn ich das geahnt hätte!

Wie gern hätte ich ihm, wenn ich ihm auch nicht helfen konnte, die

Lippen geöffnet, daß er einmal in seinem Leben einem Menschen sein

Elend klagen und einen Teil davon abgeben konnte.« Immer und immer

wieder mußte er den Schluß der Niederschrift lesen: »Und weil mir das

Schicksal bestimmt hatte: du sollst nicht wissen, was Liebe ist, und

weil es mir keine Fähigkeiten gab, durch die ich der Menschheit nützen

konnte, und mein Elend dadurch vergessen, so bin ich ohne Liebe und

ohne Haß durch das Leben gegangen, ein überflüssiger Mensch, nicht mehr

wert, als ein seiner selbst unbewußter Trottel. Ich hoffe, daß mir

drüben das gegeben wird, was ich hienieden nicht kennen lernte: eine

Liebe und ein Haß.«

Helmold ging an die Kredenz und trank drei Gläser spanischen Wein,

so fror es ihn. Und dann fiel ihm Swaantje ein, und er fand, daß ihr

Geschick dem des Toten ähnele, und er fühlte etwas wie Genugtuung, daß

er ihr wenigstens eine unglückliche Liebe aufgezwungen hatte. »Das

ist doch besser als gar keine,« dachte er und staubte den Rest der

Vorwürfe, die er sich ab und zu ihretwegen noch machte, von seinem

Gewissen herunter.

Er besorgte alles, was der traurige Fall erforderte, und dann ging er

zu Annemieken, um an ihrem stillen Wesen Beruhigung zu suchen. Die

fand er bei ihr auch, so daß er am folgenden Tage dem Bruder des Toten

gefaßt gegenüber treten konnte.

Er fand einen großen, schweren Mann mit gutmütigem Gesichte, dem man

es nicht ansah, daß er im französischen Kriege eine Batterie über den

Haufen geritten und hundert Buschklepper hatte zusammenschießen lassen.

Er hatte so etwas Bestimmtes in seinem Wesen, daß Hagenrieder mit der

Wahrheit nicht hinter dem Berge zu bleiben vermochte. Als der Fürst

das Buch gelesen hatte, fragte er: »Darf ich es behalten?« Der Maler

nickte: »Ich danke Ihnen, mein Freund,« sagte der andere ernst, indem

er ihm fest die Hand drückte; dann legte er das Heft in das Kaminfeuer,

und Hagenrieder schickte den Brief Brünes hinterher.

»Daß etwas anders als ein Unfall vorliegen könnte,« fing der Fürst nach

einer Weile an, »vermutet hier niemand?« Als sein Gegenüber durch eine

Kopfbewegung verneinte, murmelte er: »Um so besser!«

Hagenrieder begleitete den Fürsten nach Hohen-Samlitz, wo die

Beisetzung stattfand. Die Fürstin, eine sehr große und schöne Frau mit

jungen Augen und ganz weißem Haare, empfing ihn, auf einem Ruhebett

liegend. Nachdem sie dem vierten Kinde das Leben gegeben hatte, war

sie leidend geblieben. »Also Sie waren unseres armen Brüne einziger

Freund?« sprach sie leise, ihn voll ansehend; »er hat sehr oft von

Ihnen gesprochen und ganz anders als von seinen übrigen Bekannten. Sind

Sie sehr vertraut mit ihm gewesen?« Der Maler verneinte. »Also auch Sie

nicht, selbst Sie nicht! Er war so unglücklich sein Leben lang, denn

ich kannte ihn von klein auf. Die Mutter hat ihm gefehlt; sie starb,

bevor er sprechen lernte. Jetzt erst, wo er von uns gegangen ist, weiß

ich, wie gern ich ihn hatte; aber er war so unnahbar. Erzählen Sie mir

von ihm, wenn Sie mögen.«

Obwohl Hagenrieder gleich nach der Beisetzung fortgefahren war, hatte

die Fürstin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er während

der ganzen langen Fahrt ihr Gesicht vor Augen hatte. »Was ist das bloß

wieder mit mir?« dachte er; »ich habe mich glatt in sie verliebt, in

ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund, ihre Hände und in ihre Stimme.« Es

bekümmerte ihn sehr, daß diese schöne, stolze und gute Frau, einst eine

der besten Reiterinnen im Lande, in deren Stimme so viel Kraft und

Leidenschaft lag, seit langen Jahren mit hilflosem Körper da lag, ein

Wrack am Strande.

»Merkwürdig,« so sann er, »und ich liebe sie gerade deswegen. Und darum

liebte ich Swaantje auch so sehr, und darum liebe ich nachträglich

den armen Brüne, alles gefesselte Seelen, und das war es auch wohl,

was mich zu Annemieken zog, das Leid, das hinter ihrem hübschen

Kindergesichte lag.« Er hatte sie niemals gefragt, welcher Art das

Unwetter gewesen war, das sie erlebt hatte.

Zwischen ihr und Helmold war aus der Liebschaft ein Verhältnis

geworden, wie zwischen Bruder und Schwester. Er schlief jetzt immer

im Kruge, denn das Mädchen sagte einmal: »Es könnte darüber doch

einmal so laut geredet werden, daß es in der Stadt zu hören ist; na,

und das willst du doch auch nicht gern!« Aber wenn er in Stillenliebe

war, kehrte er zum Vesper immer bei ihr ein und blieb bei ihr, bis es

Schlafenszeit war. Er saß dann im Backenstuhl am Feuer, rauchte, sah

ihr beim Spinnen zu, dachte an das, was ihm das Leben an Licht und

Schatten gebracht hatte und fand, daß er damit eigentlich zufrieden

sein könne.

Ab und zu sah er in dem wirbelnden Herdrauche Swaantjes Gesicht. Ohne

Eigenleid dachte er an sie; denn er war sich ganz klar darüber, daß er

ihr mehr gewesen war als sie ihm. Er hätte ihr Leben ausfüllen können;

sie wäre ihm nur eine Ergänzung gewesen.

Überhaupt sah er jetzt ganz klar. Eines Tages fuhr er im Kraftwagen

nach Stillenliebe, um den Pachtvertrag auf seine Person umschreiben

zu lassen. Hennig begleitete ihn, wie jetzt öfters, wenn er auch kein

Gewehr anrührte. Helmold hatte am Tage vorher einen langen Brief vom

Fürsten bekommen, der den letzten Willen Brünes betraf, und wonach

Hagenrieder mit der Bauleitung und Ausschmückung für ein Soldatenheim

betraut wurde, das der Verstorbene seiner ehemaligen Garnison stiftete.

Das Honorar war so hoch bemessen, daß der Maler dem Fürsten schrieb,

er wolle erst persönlich mit ihm Rücksprache nehmen.

Gerade setzte er Hennig die näheren Umstände auseinander, da gab es

einen Stoß, und das Auto wollte nicht vom Flecke; die Vorderachse war

gebrochen. Da Hennecke sich den linken Schenkel etwas verstaucht hatte,

verbot es sich, daß er die zwei vollen Stunden nach Stillenliebe zu

Fuß abmachte; darum schickte Hagenrieder den Wagenlenker nach einem

Fuhrwerke.

»Ein Segen, daß es sich aufgeklärt hat,« meinte Hennig und räkelte sich

im Haidkraute; »wenn es jetzt regnete, fände ich den Fall tragisch.«

Sein Freund lachte: »Optimist, der du bist!« Der andere zuckte die

Achseln: »Na, und du bist es ja auch.« Der Maler steckte sich eine

Zigarre an und sah gegen den Himmel, unter dem ein Gabelweih kreiste.

»Hm,« meinte er dann, »anders bleibt einem ja schließlich auch nichts

übrig, wenn man kein oberflächlicher Kopf ist. Sieht der Milan da nicht

herrlich aus, und wie schön die Haidlerche singt!«

Er streichelte ein goldrot blühendes Moospolster. »Du hast einmal

gesagt, Hennig, man ist, wie man ist. Das stimmt. Was habe ich früher

an mir herumgebogen; Zweck hat es nicht gehabt. Ich habe immer gedacht,

als Bauer oder Trapper wäre ich glücklicher geworden; das war natürlich

Unsinn. Ich habe auch geglaubt, ich sei ein Ausnahmemensch, eine

untypische Erscheinung. Jetzt sehe ich ein, daß ich ein Typus bin und

dessen Gesetzen unterliege, mir selber keine schaffen kann. Weil ich

aber ein Künstler bin, bin ich stets unzufrieden gewesen. Zufriedene

Maler und Bildhauer und Dichter und Musiker, die gibt es wohl, aber

dann sind es eben Handwerker. Die Unzufriedenheit ist die Grundlage der

Kunst und alles andern Schaffens.«

Er sah Hennecke an, lachte süßsauer und fuhr fort: »Früher,

hurra, was fühlte ich mich! Aber meine Kunst, die war doch eine

künstliche Maschine, wie diese rote Karre da, die jetzt mit

gebrochenem Schlüsselbein auf der Nase liegt. Vorzüglich in diesem

Koofmichzeitalter ist die Kunst kein solides Lebensfahrzeug. Das

Kunstwerk ist Ware geworden. Ich male ein Bild mit Hirn und Herzblut,

und dann kommt irgend ein weltfremder Kerl und kauft es, und ich und

mein Volk haben das Hinterhersehen. Ach ja, man sieht mächtig klar,

liegt man einmal neben der Karre im Straßengraben!«

Er pfiff leise vor sich hin und fragte dann: »Stimmt das?« Sein Freund

nickte. »Ja, und dann,« spann er weiter an seinen Gedanken, »in dieser

barbarischen kulturlosen Zeit, in diesem exakten Präzisionszeitalter,

wo alles Wertlose seinen festen Barwert hat, führt die Kunst nicht

mehr, sie rennt hinterher und nebenher; sie schenkt nicht mehr, sondern

sie schachert; sie ist nicht mehr Königin, sondern Konfektionöse; dient

nicht dem Volke, sondern dem Kapital. Das habe ich wohl immer gefühlt,

aber nun erkenne ich es. Verfluchte Zucht!« Er warf seine Zigarre gegen

den Erdboden, daß es sprühte.

Sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, als er weiter sprach: »Irgend

ein zielbewußter Idiot hat gesagt, der Künstler müsse sich selbst

genügen; das ist hervorragender Blödsinn! Der Künstler will wirken!

Wenn ich ein Mädchen in den Arm nehme, was suche ich dann: Vergnügen

oder Fortpflanzung? Ich meine das letzte! Aber uns bildenden Künstlern

von heute fehlt jede Fernwirkung; ein kleiner Zeitungsschreiber wirkt

weiter als der größte Maler. Alles verhunzt uns dieses Jahrhundert

der Schachermachai, Kunst, Liebe und Leben. Man existiert, aber man

lebt nicht, und macht man mal den Versuch, schwupp, beißt einen das

sogenannte Gewissen. Der Held dieses Jahrhunderts ist der Philister;

sogar ein Bismarck strich sich demgemäß an, um sich in dieser

halbseidenen Zeit durchsetzen zu können. Wir müßten einmal wieder

einen Krieg bekommen und gründliche Keile, das ist das einzige, was

uns helfen kann, damit wieder Männer oder besser, Kerle an die Spitze

kommen, statt dieser Knechte, die sich Herren schimpfen.«

Er nahm einen roten Feuersteinsplitter auf, besah ihn lange und

murmelte: »Was hat uns bloß so minderwertig gemacht? Die Technik oder

das Christentum? oder der Protestantismus? Ich weiß es nicht. Aber ich

weiß: ich möchte Seeräuber gewesen sein oder Beduinenscheik und jetzt«,

er lachte Hennig an, »Mönch, aber nicht in einem Kloster, in dem Schuhe

und Stiefel unter demselben Bette stehen. Aber ich würde es doch wohl

nicht länger als acht Tage aushalten!«

Er legte den Stein wieder in den Sand. »Quatsch! Ich will lieber

vespern; ich merke, mir wird flau. Vielleicht philosophiere ich dann

etwas positiver.«

Hennecke lächelte, als er sah, wie tapfer sein Freund aß und welchen

gefährlichen Zug Portwein er hinterher nahm. »Das Essen schmeckt dir

ja noch anscheinend und der Wein auch,« meinte er, »und ich glaube,

ein junges Mädchen im Alltagskleide ist dir immer noch lieber, als ein

alter Pastor im Sonntagsstaat. Hm?« Der Maler verlor mit einem Male

jede Spur von Humor aus den Augen, lachte dann aber laut auf und sagte:

»In der Theorie, ja! Sonst aber, weißt du, Hennig, die Frauen sind mir

in der Hauptsache nur noch hübsche Bilder, und du weißt, ich mag in

meinen Räumen keine Bilder leiden.«

Er sah dahin, wo ein Turmfalkenpaar über einem Birkenwäldchen schwebte

und laut kicherte, und er dachte an die junge frische Witwe, die ihn,

den halbreifen Knaben, die Liebe gelehrt hatte, oder vielmehr die

Lust. Früher hatte er immer gedacht, daß das ein Glück für ihn war;

nun erkannte er, daß es sein Verderben gewesen war, denn seitdem hatte

er kein hübsches Weib ansehen können, ohne es zu begehren. Nur in

der Zeit, da er lichterloh für Grete brannte, hatte es für ihn keine

Frauen gegeben; aber dieser Zustand der Reinheit hatte auch nicht lange

gedauert.

»Das kommt vom späten Heiraten«, dachte er; »stückweise habe ich mein

Herz verschleudert und es unkräftig für eine große Liebe gemacht.«

Einst hatte es seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß so viele Frauen

und Mädchen seine Augen suchten; nun sah er den Grund dafür ein. »Sie

sahen in mir den liebeshungrigen, ungesättigten Mann, den unglücklichen

Mann, hatten Mitleid mit mir, und Mitleid und Zuneigung sind

Zwillingsgeschwister.« Er schämte sich. »Pfui, Mitleid! Das empfindet

man mit Krüppeln.«

Ihm fiel der seltsame Blick ein, mit dem Prinzessin Almut ihn bei der

Beisetzung angesehen hatte. Das hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt,

aber weiter keine Wirkung auf ihn gehabt, obgleich das junge Mädchen

eine Schönheit war und Augen hatte, wie ihre Mutter. Der Blick, mit dem

sie ihn ansah, hätte ihn früher in Brand gesteckt; jetzt wurde er kaum

warm davon.

Daß es so war, merkte er, während er eine Woche darauf auf

Hohen-Samlitz zu Gaste war. Als er mit dem Fürsten und der Fürstin über

Brünes letzten Willen sprach und meinte, daß das Honorar das übliche

Maß weit übersteige, erwiderte der Fürst: »Ihre Kunst ist überhaupt

nicht mit Geld zu bezahlen: bitte fassen Sie die Summe nur als Sinnbild

der Wertschätzung auf, die mein Bruder Ihnen entgegenbrachte.«

Da schwieg der Maler. Als der Fürst ging, fragte die Fürstin, ob

Hagenrieder nicht Lust habe, sie alle zu malen, und da versetzte er:

»Durchlaucht verzeihen, aber ich glaube, das ist nicht gut«, und als

sie ihn verwundert ansah, sagte er leise und er wurde ganz rot dabei:

»Ich bin nicht eitel, Euer Durchlaucht, aber ich habe ein sehr bitteres

Erlebnis gehabt, und seitdem habe ich das Unglück, auf Frauen von

Herz sonderbar zu wirken, und noch mehr auf ganz junge Mädchen, die

Mitgefühl und Liebe verwechseln.«

Die Fürstin sagte nichts, hielt aber bei der Tafel die Augen offen, und

so entgingen ihr die Blicke nicht, die ihre jüngste Tochter dem Maler

schenkte. Geflissentlich fragte sie ihn nach seiner Frau und seinen

Kindern, und von da ab sah Almut auf ihren Teller. Nach dem Essen bat

die Fürstin ihn, ihr das Bild seiner Frau zu zeigen. Er holte es, und

sie ließ es rund gehen. Die Prinzessin war ganz blaß, als sie es ansah,

so daß ihre Mutter sie zu Bett schickte.

Hatte auf der ersten Rückfahrt von Hohen-Samlitz die Fürstin Helmolds

Gedanken beschäftigt, so sah er während dieser Reise das Gesicht ihrer

Tochter vor sich und späterhin noch oft genug. Er stellte es sich

vor, welch ein Glück es sein müßte, sie im Arme zu halten und küssen

zu dürfen, aber es schien ihm doch, als wenn er sie nur wie ein Vater

würde küssen können, und daß das zärtliche Verlangen, das ihn in der

letzten Zeit ganz jungen Mädchen gegenüber beschlich, wohl darauf

beruhte, daß es ihm an einer Tochter fehlte, die in ihm aufging;

denn Swenechien entfernte sich immer mehr von ihm. »Ich habe zu spät

geheiratet,« dachte er; »die Kinder haben keine Schuld, daß sie fern

von mir stehen; ich bin zu alt für sie, zu alt und zu kalt. Und darum

ist eine Kluft zwischen ihnen und mir.«

Seine Augen verhärteten sich; denn sein Verstand raunte ihm zu: »Sie

reden Unsinn, Herr Hagenrieder; jeder Mensch bleibt für sich allein;

versuchen Sie logisch zu denken, und Sie werden einsehen, daß Sie vom

Wege abgekommen sind und sich verbiestert haben. Solange man verliebt

ist, ist es anders; aber das hält nicht vor, ist also ein plumper

Schwindel von der Natur, die euch damit ihren Zwecken dienstbar macht.

Und ist die heiße Liebe abgeblüht, dann gibt es einen Kompromiß mit den

notwendigen Kompromißverständnissen. Kein Mensch kann aus seiner Haut

heraus, keiner sein Ich dem andern geben, Mann und Frau sich nicht,

Eltern und Kinder sich nicht.«

Sein Herz wehrte sich gegen diese Worte, aber es konnte nichts

Triftiges darauf erwidern, und ihm wurde kalt vor Einsamkeit. »Leben

wir denn bloß, um uns fortzupflanzen?« fragte er.

Das Soldatenheim brachte ihm aber so viele Arbeit, daß er keine Zeit

behielt, sich zu bedauern. Auch Ärger brachte ihm der Auftrag, denn der

kommandierende General, ein straffer, kurz angebundener Herr, machte

wiederholt Versuche, ihn in der Wahl der Stoffe zu beeinflussen, bis

Hagenrieder die Geduld riß und er sagte: »Nach dem letzten Willen

meines Freundes habe ich unbeschränkte Vollmacht! lehne ich den Auftrag

ab, so fällt das ganze Unternehmen.« Da ließ ihn der General in Ruhe.

Hagenrieder arbeitete nun darauf los, wie es ihm gefiel. Er hatte in

der Garnison einen tüchtigen jungen Baumeister gefunden, dem er trotz

aller Quertreibereien der einflußreichen Klüngelkreise den Bau gab. Er

hatte ihn gefragt, wie er sich das Haus denke: »Einfach und gemütlich,«

hatte Kolden geantwortet, und der Maler erwiderte: »Sie sind mein Mann.«

Als der Bau fertig war, gefiel er ihm so sehr, daß er voller Freude

an die Arbeit ging. Er verzichtete vollkommen darauf, die Wände mit

Schlachtenbildern zu bedecken; er malte Landschaften mannigfachster

Art, in deren Vordergründen der Bauer bei der Arbeit dargestellt war.

Nur die Hauptwand des Vortragssaales bekam ein Bild anderer Art, eine

weite Herbsthaide, rechts und links von goldenen Birken umschlossen,

und über die Haide ritt an der Spitze seiner Reiter, die wie Schatten

aus dem Frühnebel auftauchten, der König als oberster Kriegsherr.

»Ich habe immer gedacht, Uniformen könne man nicht malen,« sagte

Kolden; »ich habe mich geirrt.« Der Maler lachte: »Ja, ohne die

Eselsbrücke mit dem Nebel wäre es auch nicht gegangen.« Aber er freute

sich selber, daß das Bild ein Kunstwerk geworden war, und als der

kommandierende General ihm die Hand schüttelte und sagte: »Ganz recht

von Ihnen gewesen, daß Sie sich mein Dreinreden verbaten; Sie haben

alle meine Bedenken schlank übergeritten,« da fühlte er, wie ihm das

Gesicht heiß wurde.

Am Tage darauf war er bei dem General zu Tisch geladen. »Sagen Sie

mal, was haben Sie eigentlich,« fragte der ihn beim Braten; »machen

immer so hinterhältsche Augen. Auf ihr Wohl!« Helmold lachte und sagte:

»Schlechte Kinderstube, Exzellenz!« Nach aufgehobener Tafel überreichte

er dem Gastgeber ein gestempeltes Schriftstück. Der alte Herr, der

drei Feldzüge mitgemacht hatte, zog die Augenbrauen immer höher, je

länger er las, und ließ sogar seine Zigarre ausgehen. Dann legte er das

Aktenstück auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, sah seine Frau,

den Adjutanten, den Baumeister und dann den Maler an, holte tief Luft

und stöhnte: »Na, das muß ich aber sagen; besser konnten Sie es mir gar

nicht geben. Hört mal, Kinder: unser Freund hier verzichtet auf das

ganze Honorar zugunsten des Militärhülfsvereins. Pff! Ich muß einen

Kognak trinken. Erst Gänsebraten und dann der Schreck!«

Hagenrieder hatte die Schenkung gemacht, weil eine wahrscheinlich

von den Klüngelkreisen beeinflußte recht minderwertige Zeitung eine

Andeutung gemacht hatte, als habe er Samlitz bewogen, ihm den Auftrag

zuzuwenden, und dann war ihm auch zu Ohren gekommen, daß an einigen

Stammtischen gesagt war, mit dem vierten Teile der Summe wäre seine

Arbeit reichlich bezahlt. Er lachte aber nur, als er einige Zeit darauf

das plumpe Lob las, das ebendieselbe Zeitung vor seiner Hoteltür ablud,

und als er mit den Leuten zusammenkam, von denen er wußte, daß sie

ihm von hinten gegen den Rock gespuckt hatten, ließ er es sie nicht

merken, daß er genau darüber unterrichtet war. Aber als er mit ihnen

anstieß und ihnen freundlich zunickte, dachte er: »Ach ja, ich kann

mich sogar diesem Gesindel gegenüber beherrschen; was hätte es mir

früher für einen Spaß gemacht, ihnen die Reißzähne zu zeigen. Man wird

alt.«

Zu der Einweihung des Soldatenheimes erschien der König selbst. Er

zeichnete Hagenrieder sehr aus und ließ sich sagen, welche Absicht er

gehabt habe, daß er bis auf das eine Bild lediglich bäuerliche Arbeit

dargestellt habe. »Ja,« erwiderte der Maler, »Majestät, gedacht? Ich

denke beim Malen nicht. Aber ich hatte so das Gefühl: du malst für

Soldaten, und mußt ihnen das Komplement zum Soldatenleben geben.« Der

König sah ihn ernst an, nickte mehrere Male und sagte: »Ich glaube, Sie

haben das Richtige getroffen. Anfangs stutzte ich, als ich unter dem

Hauptbilde im Lesezimmer den Spruch des großen Korsikaners las. ›Den

Acker bestellen, das ist der wahre Beruf des Menschen,‹ denn er wirkt

unwillkürlich wie ein Witz, und ob der Mann das ehrlich gemeint hat,

ist noch fraglich, denn seine Sankt Helenaer Aussprüche schmecken zum

Teil sehr nach Kaptatio benevolentiae. Aber eine Wahrheit wird darum

nicht entwertet, wird sie nicht aus ehrlicher Absicht gesagt.« Er

betrachtete dann aufmerksam das Gemälde im Vortragssaale, sprach aber

nur von der Landschaft und wandte sich zu dem Baumeister.

Hagenrieder bekam die nächste Klasse des Ordens, den er schon besaß,

und beim Geburtstage des Königs wurde ihm der Adel, den seine Vorfahren

abgelegt hatten, wieder verliehen. Er holte Hennecke ab: »Komm mit nach

Stillenliebe, Hennig,« bat er; »es ist nicht zum Aushalten; jeder Ochse

tut so, als wenn ich auf einmal ein anständiger Mensch wäre. Ich komme

mir wahrhaftig beinahe selber schon so vor.«

Auf dem Bahnsteige begegnete ihm Kommerzienrat Britting mit seiner

Frau Meinholde geborene Marten. Sie war noch schöner geworden und sah

den Maler so an, daß Hennecke dachte: ›Dunnerkiel!‹ Er sagte jedoch

nichts. Er hatte seinen Freund und sie vor Jahren einmal im Walde

getroffen, Helmold aber nie nach ihr gefragt. Der grüßte höflich

wieder, ohne den heißen Blick zurückzugeben. Zwischen ihm und ihr

hatte sich beinahe eine Liebschaft angeknüpft, und es wäre ihm leicht

gewesen, das Mädchen ganz zu gewinnen. Da bemerkte er bei einer

Gesellschaft, daß sie mit einem häßlichen Blick nach dem Nacken seiner

Frau sah. »Unverschämtheit!« hatte er gedacht, und sie fortan gemieden.

Während der Zug durch das herbstliche Land schnaufte, dachte er

an alles das, was ihm im Leben entgangen war, aber mit demselben

Gleichmute, wie an das, was es ihm beschert hatte. »Du«, sagte Hennig,

und hielt ihm die Zeitung hin, »die Prinzessin hat sich verlobt.« Sein

Freund nickte; das rührte ihn nicht mehr als das Adelsprädikat, als

Meinholdes einladender Blick, als das ganze Leben mit allem seinem Drum

und Dran. Er erschrak sogar recht wenig, als er Annemieken wiedersah;

sie hatte eine verdächtige Glut in den Augen, auf jeder Backe einen

kreisrunden roten Fleck, und ihr Husten war hart und trocken. Er

sagte ihr, sie solle sich einmal gründlich untersuchen lassen, und er

wollte sie gern nach dem Süden schicken, aber sie wehrte ab: »Das geht

vorüber. Und mich vor dem Doktor nackigt ausziehen, ich müßte mich ja

totschämen. Und unter fremde Leute kann ich schon gar nicht gehen.«

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 19 / 20 段