Swaantje stand an dem offenen Fenster, stützte den Ellenbogen auf die

Fensterleiste und hielt den Rücken ihrer rechten Hand, den Helmold

geküßt hatte, an die Lippen. Ihr Gesicht war ganz weiß, ihre Augen

sahen schwarz aus, und sie lächelte, daß Helmold elend zumute wurde.

Der Zug fuhr ab; das Mädchen nickte ihm zu, küßte ihren Handrücken und

gab ihm so seinen Kuß zurück, und nickte und winkte, solange ihr Vetter

in Sicht blieb, und ehe der Zug hinter den Bäumen verschwand, grüßte

sie ihn noch einmal mit ihrem Tuche.

Das Schlußlicht des Zuges war schon lange unsichtbar, da stand er

noch auf der selben Stelle und starrte nach dem Walde hin. Er ballte

die Faust, denn er hätte sich am liebsten in das Gesicht geschlagen.

Er warf sich rohe Schimpfworte zu. »Du Idiot,« schrie es in ihm; »du

dreimal vernagelter Idiot; wie eine Dirne hast du sie behandelt! Warum

fuhrest du nicht mit nach Bockshorn? Weil du kein Nachthemd und keine

Zahnbürste bei dir hattest? Jahrelang wimmertest du hinter ihr her,

und nun, wo sie daherkommt im Brautkleide, den Myrtenkranz im Haare,

dachtest du daran, daß der Wagen sie in Weddingen erwarte, und daß du

dich für morgen mit dem Prinzen verabredet hast, und dabei hatte sie

gesagt: ›Ich möchte nicht gern zu spät kommen.‹ Bist doch sonst so

neunmalweise, und merktest nicht, daß das hieß: ›Vorausgesetzt, daß

du mich daran nicht hinderst, Geliebter!‹ Kauf' dir einen Strick, und

hänge dich an den ersten besten krummen Birkenbaum am Wege; mehr bist

du wahrhaftig nicht wert.«

Der ganze Bahnhof drehte sich mit ihm herum, so daß er erst, als er

schon aus dem Dorfe heraus war, daran dachte, daß er sein Rad im Kruge

hatte. Er ging zurück, suchte es im Hausflur und im Stalle, bis ihm

einfiel, daß es im Schuppen stand. Endlich hatte er es. Ein quälender

Durst trocknete ihm den Hals aus; er wollte schon in die Gaststube

treten, ließ es aber und fuhr zum Dorfe hinaus. Ganz sicher fuhr er,

ohne auf die Sandstellen und Löcher im Wege zu achten, und so rasend,

daß die Leute, die ihm entgegenkamen, ihm verwundert nachsahen. Aber

in der Haide mußte er stoppen; sein Herz schlug ihm zu grob gegen die

Brust.

Er sah über das dämmernde Land, an dessen Rande ein Ferngewitter

seine blutigen Witze riß. In einem schwarzen Wacholderbusche war

ein weißer Fleck; wie ein menschliches Gesicht sah es aus. »Das ist

meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje,« obgleich er

ganz genau sah, daß es der Stamm einer Birke war. Einzelne warme

Regentropfen fielen. »Jetzt weint meine Swaantje,« dachte er, »meine

geliebte Swaantje.« Ein Windstoß bewegte die weißen Zweige der Birken.

»Meine Swaantje ringt ihre Hände,« dachte er, »meine liebe, geliebte

Swaantje.« Einmal huschte so etwas wie Genugtuung über sein Herz, und

es war ihm, als wenn er dachte: »Nun habe ich die Rache für meine

Tränen«; aber dieser Gedanke wurde sofort vom Winde fortgewirbelt.

Es begann stärker zu regnen; die Birkenbäume stellten sich wie

wahnsinnig an, und die Wachholder taten so, als wenn sie weglaufen

wollten; in der Ferne murmelte das Gewitter unverständliche Drohworte.

Die Regentropfen klatschten Helmold auf Gesicht und Hände und schlugen

ihm durch die Hose. Siedehitze kribbelte ihm unter dem Hute, und über

seinen Rücken lief ein eisiger Schauer.

Vor sich sah er den Schneekrug; er blickte ihn mit zwei leuchtenden

Augen so einladend an, daß er absprang und sein Rad hinter die Krippe

stellte. Er besann sich einen Augenblick, ob er eintreten oder ob er

weiter fahren sollte, aber der Regen stürzte nur so aus dem Himmel,

und das Gewitter begann sich deutlicher auszudrücken. So schwenkte er

seinen Hut aus und trat ein.

Er hatte noch niemals im Schneekruge vorgesprochen, aber er war

dort sofort zu Hause; es war eine Wirtschaft noch ganz von der

alten Art, mit brauner Balkendecke, Kugelfußtisch und den bunten

Bildern an den verräucherten Wänden, die des Jägers Hochzeit, Taufe,

Grab und Auferstehung darstellten, und die noch nicht von Plakaten

verscheußlicht und von einer Musikmaschine veralbert war.

»'n Abend zusammen!« rief er, »binnen is 't besser als buten,« und

nahm an dem Tische unter der Hängelampe, an dem schon drei Bauernsöhne

saßen, Platz. »Mehrste Heu rein?« fragte er, als er seinen Kümmel und

sein Bier getrunken hatte. Die Bauern nickten, und bald war er mit

ihnen im besten Erzählen.

»Ordentlich kalt geworden,« sagte der eine, und schüttelte sich. »Da

ist Grog gut für,« versetzte er und bestellte eine Runde; »aber nicht

mit so viel Wasser, sonst wird er zu kräftig,« setzte er hinzu, und die

Männer lachten. »Auf einem Glase kann man nicht gut stehen,« meinte

er, als die Gläser leer waren, und eine zweite Runde kam, und dann die

dritte.

»Haben Sie's große Loos gewonnen?« fragte der eine Bauer, der ein

Gesicht hatte, als trüge er für gewöhnlich den Offiziersrock.

»Jawollja,« rief der Maler, »aber ich habe es vor der Ziehung verloren.

Das macht aber nichts. Herr Gastwirt, noch ein' Rundgang!«

Es kamen noch vier Gäste, die nach Ohlenwohle wollten, aber von dem

Gewitterregen in den Krug gejagt waren, und nun wurde es ganz lustig,

denn zwei davon kannte Helmold. Rundgesänge wurden angestimmt,

und dazwischen Witze zum besten gegeben, daß der Saft bis an die

Deckenbalken spritzte. So wurde es fast zwei Uhr, als er fühlte, daß

er nichts mehr trinken durfte, wollte er sich in der Hand behalten. Es

regnete immer noch, und es war so dunkel, daß er nicht daran denken

konnte, zu fahren; so blieb er im Kruge.

Er schlief sofort ein, als er in dem Bette lag, und wachte erst auf,

als die Uhr acht schlug. Frisch und munter kam er in die Gaststube,

lachte den Wirt, der über Haarweh klagte, aus, aß tüchtig, trank einen

großen Schnaps dazu, machte die Zeche glatt, steckte sich eine Zigarre

an und fuhr mit leichtem Herzen davon.

Es war ein bildschöner Morgen. Am Himmel war keine einzige Wolke, die

Sonne lachte, die Vögel sangen, was sie nur konnten. »Heute müßte

Swaantje kommen, heute,« dachte er, während er durch die Pfützen

sauste, daß das Wasser spritzte; »heute bin ich ein anderer Kerl!« Er

kam sich gar nicht mehr so alt und kalt und abgestanden vor und stellte

sich für sein gestriges Verhalten ein gutes Zeugnis aus. »Denn,« sagte

er sich, »gestern litt ich an allgemeiner geistiger Körperschwäche und

war wirklich nicht hochzeitsmäßig gekleidet.«

Dann dachte er, wie häßlich und dumm die äußeren Umstände waren, falls,

ja, falls er Swaantje bei alle den deutlichen Worten genommen hätte,

die sie nicht ausgesprochen hatte. Und er sah ein weißes Haus, das lag

vor einem grünen Walde, in dem viele Nachtigallen schlugen, und oben

in dem Hause war ein Zimmer mit roten Rosen auf den Fenstervorhängen,

und in dem Zimmer standen zwei Betten nebeneinander, und weiter kam er

nicht mit seinen Augen, konnte sich den Rest nur denken.

Er schleuderte seine Zigarre in den Graben; sie schmeckte ihm bitter,

und er lachte sich selber aus, weil er einsah, daß er blanken Blödsinn

gedacht hatte. »Wenn du sie liebtest, mein Lieber,« so spöttelte er,

»dann wäre es dir gleich, ob das Haus weiß oder eselgrau wäre, und ob

es im Walde stände oder zwischen Straßenbahngeleisen. Du würdest dann

überhaupt nicht denken; nein, so unkeusch wärest du nicht; handeln

würdest du. Du liebst ja Swaantje gar nicht mehr; Swaantje ist tot. Du

hast sie in den Sarg gelegt, und den hast du zugenagelt und als Eilgut

zur Eisenbahn geschickt, samt deiner Liebe; das, was du dafür hältst,

das ist das Gespenst deiner Liebe, das auf dem Kirchhofe herumspukt und

dein totes Herz beunruhigt. Streue Kümmelsamen hinter dich, damit der

Spuk zurückbleiben muß!«

Er nickte; es war so. Er sah sich in seiner Werkstatt stehen und

Swaantjes Bildnis in einen Sarg betten, in einen flachen Sarg, der aus

weißen Brettern zusammengeschlagen war; und ein Dienstmann mit roter

Nase holte ihn ab, legte ihn auf einen Karren und fuhr ihn fort, den

Sarg, Swaantje und Helmolds heiße Liebe zu ihr.

Einst hatte er um Swaantje geweint; nun galten seine Seufzer seiner

toten Liebe.

Die Panne

In der nächsten Zeit kam er aber nicht dazu, an Swaantje und an seine

verstorbene Liebe zu denken und an sich selber, denn das Leben warf so

schwere Wellen gegen sein Dasein, daß alle seine leisen Gedanken von

dem Rauschen und Brausen überbrüllt wurden.

Zuerst nahm ihn die Arbeit für das Schauspielhaus mit Leib und Seele in

Anspruch. Wenn er sich auch manchmal vorgeredet hatte, daß seine Kunst

ihn, seitdem er es darin zur Meisterschaft gebracht hatte, langweile,

das war doch nicht der Fall, besonders bei diesem Auftrage.

Er hatte völlig freie Hand, sowohl was den Inhalt anbetraf, wie in der

Behandlung. Der Direktor Meier setzte ihm gar keine Schranken, und

die Bankleitung, die hinter dem Unternehmen stand, erst recht nicht.

»Machen Sie, was Sie wollen, Herr Geheimrat,« sagte Herr Meier, ein

blonder Jude, einst ein beliebter Tenor, nun infolge einer reichen

Heirat Millionär, »Sie werden schon das Richtige treffen.«

Sie saßen hinter einer Flasche Wein, als Meier so sprach. »Sie haben

gut reden,« meinte der Maler; »früher glaubte ich, Schrankenlosigkeit

sei das beste für mich. Jetzt sehe ich ein, daß ein gewisser Zwang viel

bequemer ist.« Der andere nickte: »Glaub' ich; geht mir auch so. Wissen

Sie, was habe ich früher oft geflucht, wenn ich gerade das singen

mußte, was zu meiner Stimmung so paßte, wie der Igel zum Schnupftuch.

Jetzt, wo ich nur ab und zu in Konzerten singe, und singen kann, was

ich will, macht mir die Sache eh' keinen Spaß mehr. Das ist genau so,

wie mit der Liebe. Solange ich ledig war, konnte ich davon haben,

soviel ich wollte, machte mir aber nichts daraus, und ich kann Ihnen

sagen, es waren Weiber darunter, erstklassig! Na, und jetzt? Der Mensch

ist das meschuggenste Tier. Meinen Sie nicht auch?«

»Stimmt,« sagte Hagenrieder. Er wünschte, daß Meier ihm die Stoffe

vorschriebe, meinte er dann. Aber der lachte und sagte: »Zerbrechen Sie

sich Ihren Kopf gefälligst darüber, was Sie malen wollen, und nicht

meinen; krieg ich das Honorar oder Sie? Malen Sie nur nicht so, daß

jeder Esel glaubt, er müsse sich dabei wer weiß was denken. Im Theater

soll das Volk nicht denken, sonst wird es gefährlich. Fühlen soll es

und das bar bezahlen, im Vorverkauf mit Rabatt. Dann ist das Geschäft

richtig.«

Der Maler lächelte, weniger über das, was der andere sagte, als

darüber, was diese Worte in ihm locker machten. Er war lange

überzeugter Antisemit gewesen, bis er einsah, daß damit die Judenfrage

nicht zu lösen wäre, und daß dieses Volk für die Germanen bitter

notwendig sei, damit sie sich an dessen Emsigkeit aus ihrer angeborenen

Trägheit emporärgerten. »Und außerdem,« fiel ihm nun ein, »sie sind

doch gewaltige Umwerter und Anreger trotz oder vielmehr wegen ihrer

völligen Unproduktivität. Produktive Nichtproduzenten! Wie Figura

zeigt.«

Denn die Worte des Direktors hatten ihn auf den Weg gebracht. Er sah

die Wände, die ihm zur Verfügung standen, sich mit Bäumen, Blumen und

Gestalten beleben, bei deren Anblicke der Fröhliche noch fröhlicher

wurde und der Betrübte seine Traurigkeit vergessen mußte. Eine Welt

wollte er malen, die leichte Herzen noch höher hob und schwere von

ihrer Unbeholfenheit befreite.

Und das gelang ihm auf das beste. Als Meier die Entwürfe sah, bekam

er einen ganz roten Kopf und sagte: »Hab' ich es Ihnen nicht gesagt,

daß Sie was können? Wissen Sie was? Ihre Bilder sind allein das Entree

wert! Wahrhaftig, wenn ich nicht solch Theaternarr wär', möcht' ich das

Geld meiner Frau in Ihnen anlegen. Ob ich 'n Geschäft mach'?«

Mit ganzem Herzen ging Hagenrieder an die Ausführung und hatte eine

Freude wie ein Kind, als seine Vorstellungen Form und Farbe annahmen.

Am meisten freute er sich darüber, daß er nur Schaffenslust, aber kein

Arbeitsfieber beim Malen hatte; er aß und schlief wie ein Junge, war

ein netter Gatte und Vater und dachte an seinen Auftrag bloß, wenn

er auf dem Gerüste stand. Alles, was er liebte und geliebt hatte auf

der Welt, brachte er auf die Wände, und so bedeckten sie sich mit

viel Licht und Sonne, und wer sie ansah, dem hob sich das Herz. »Herr

Geheimrat,« sagte ihm eines Morgens einer der Tischler, »gestern

hatte ich einen schweren Ärger gehabt und wollte mir eigentlich einen

andudeln; aber da sah ich mir ihre Bilder an und mir wurde gleich

besser, und so bin ich denn vernünftig gewesen.« Die Tage, Wochen und

Monde flogen dahin, wie die Schwalben, und kaum einmal kam Hagenrieder

dazu, auf sich und sein Leben hinabzusehen. Einmal war Swaantje auf

einen Tag gekommen; Karlsbad hatte auch ihr gut getan, und sie sah

frisch und blühend aus. Deswegen und weil er ganz in seiner Arbeit war,

zerwehte der Besuch ihm die Stimmung nicht, zumal er keinen Augenblick

mit ihr allein blieb. Als das Mädchen schrieb, sie käme, hatte er zu

seiner Frau gesagt: »Tu mir den Gefallen, Grete, und laß mich mit ihr

nicht allein,« und als seine Frau nickte, fuhr er fort: »Das arme

Mädchen! So ganz allein zu sein, das ist eigentlich das Schrecklichste,

was es gibt.«

Einige Tage darauf hatte Direktor Meier ihn und seine Frau eingeladen.

Als Helmold gerade den Frack anziehen wollte, kam Grete hereingestürzt,

ganz unglückliche Augen in dem kreideweißen Gesicht, die linke Hand auf

dem Herzen und ein großes Schriftstück in der anderen. »Nanu?« rief er,

»was ist denn los?« Sie hielt ihm das Papier hin, setzte sich auf das

Bett und fing hellauf zu weinen an. »Lieber Helmcke,« schluchzte sie,

»um Gotteswillen, da, lies, ich habe, denke dir, wir haben, von Ohm

Mette haben wir fünfhunderttausend Mark haben wir geerbt.« Kaum hatte

sie das gesagt, so fiel sie in Ohnmacht.

»Verdammter Blödsinn,« knurrte ihr Mann; »mußte der Esel von Anwalt

das auch jetzt gerade schicken!« Er klingelte nach dem Mädchen und

brachte mit ihr zusammen seine Frau zu Bett. Sie erwachte bald wieder,

sagte aber, ihr sei so schlecht, daß sie ihn nicht begleiten könne.

Er fühlte, daß ihr Herz zu eifrig arbeitete und ließ Benjamin rufen.

Der kam sofort, untersuchte den Herzschlag und verordnete ein leichtes

Schlafmittel, machte einen Umschlag und sagte lächelnd: »Na ja, liebe

Frau Hagenrieder, wer kann für Malhör! Morgen werden Sie den Schlag

verwunden haben.« Als er aber mit ihrem Manne allein war, sprach er:

»Hagenrieder, sie hat kein gesundes Herz von Hause aus. Wer hätte das

gedacht; solche blühende Frau! Also immer nett und freundlich zu ihr

sein, und sie mit Ihren Privatsorgen verschonen! Sie hat reichlich

viel Aufregungen und Kummer gehabt in den letzten Jahren.« Am anderen

Tage war sie aber schon wieder ganz vergnügt und freute sich in ihrer

kindlichen Weise über das viele Geld, und ihr Mann tat so, als ob ihm

auch so viel daran gelegen wäre, obgleich das durchaus nicht der Fall

war. Es war ihm natürlich angenehm, daß die Zukunft seiner Frau und

Kinder gesichert war, aber die Menge von Schererei, die die Erbschaft

mit sich brachte, weil ein Teil davon in Häusern und Grundstücken

bestand, war ihm sehr lästig, und es war ihm äußerst unbequem, daß er

deswegen mehrere Reisen machen mußte.

Er hatte seine Frau gebeten, den Kindern nichts von der Erbschaft zu

sagen, aber sie hatten es in der Schule gehört, und Swaan sowohl wie

Swenechien trugen die Nasen nun noch einmal so hoch. Das verdroß ihren

Vater über die Maßen, und als der Junge eines Tages fragte: »Kaufen wir

uns nun ein feineres Haus?«, da fuhr er ihn recht grob an und fauchte:

»Wir? welcher Wir? Glaubst du, das Geld gehöre dir mit? In diesem Hause

ist deine Mutter zur Welt gekommen, und es entspricht der Stellung

deines Vaters vollkommen. Glaubst du, wir sollen uns mit solcher

Protzscheune lächerlich machen wie Noltens, als sie das große Loos

gewannen und sich gleich einen Nagel in den Kopf traten?«

Swaan bekam einen feuerroten Kopf und würgte an seinem Bissen herum;

dann aber sah er Swenechien an und lächelte heimlich. Hagenrieder hatte

es schon öfter bemerkt, daß die Kinder über ihn lachten, wenn er ein

derbes Wort oder einen klobigen Vergleich gebrauchte, und anfangs hatte

er sich darüber gegrämt. Seitdem sein Herz aber kälter geworden war,

war es ihm gleichgültig, wie seine Kinder sich zu ihm stellten; er

wußte es, daß es sein Schicksal war, allein zu bleiben.

In der ersten Zeit nach der Auszahlung der Erbschaft hatte Grete

einen Anfall von Einkaufsfieber gehabt; das hatte sich jedoch sehr

bald gelegt. Sie quälte ihn eine Zeitlang mit der Bitte, sich etwas

zu wünschen, bis er schließlich sagte: »Eine gute Doppelbüchse mit

Sicherheitsverschluß für rauchloses Pulver und Mantelgeschoß, elf

Millimeter, Nickelmantel und Stahlkern, die hätte ich schon lange gern

gehabt; war mir bloß immer zu teuer.« Er bekam sie zum Geburtstage,

und er überlegte lange, was er seiner Frau schenken solle, bis er

hörte, daß das Nachbargrundstück verkauft würde. Da erwarb er den

größten Teil des Gartens von dem Gelde, das er für die Ausmalung des

Schauspielhauses bekommen hatte, schickte seine Frau und die Kinder auf

acht Tage nach Swaanhof, ließ den Zaun abreißen und die Neuerwerbung

in den alten Garten hineinziehen. Grete bekam nasse Augen, als sie am

Morgen ihres Geburtstages von ihm in den Garten geführt wurde, denn

ihr Vater hatte einst, als er Verluste gehabt hatte, die Hälfte seines

Grundstückes an den Nachbar abgetreten, und jedesmal, wenn sie über

den Zaun sah, tat ihr das Herz weh, denn gerade das Stück jenseits des

Gatters war früher ihre liebste Spielecke gewesen. »Du einziger Mann,«

rief sie, und küßte ihn wie in der Flitterwochenzeit. »Aber nun darf

ich dir auch etwas recht Schönes schenken, nicht wahr?« jubelte sie;

»einen kapitalen Elch und einen Hauptbären? Bitte, bitte!«

Er nahm lachend an; er wollte ihr die Freude nicht verderben. Vor fünf

Jahren hätte er ein Indianergeheul ausgestoßen, hätte er auf Elch

oder Bär jagen dürfen; nun waidwerkte er nur noch aus Gewohnheit, und

um mit Anstand den Asphalt hinter sich liegen lassen zu können. Wenn

er mit seiner Frau durch den Stadtwald ging, und die Ulenflucht kam

heran, dann sagte er wohl aufseufzend: »H' ach, ich muß doch einmal

wieder hinaus!« War er dann im Wald und auf der Haide, dann gab er sich

wenig Mühe um Bock und Hirsch, und wenn er den Finger krumm machte,

dachte er: »Hoffentlich hört es den Knall nicht mehr, daß ich es nicht

abzufangen brauche!« Mußte er es dennoch tun, so ekelte ihn das auch

nicht weiter; nur der Gedanke daran war ihm unbequem.

Er fuhr schließlich mit dem Prinzen nach Rußland, legte auch einen

sehr starken Elchhirsch auf der Pürsche aus freier Hand auf die Decke,

schoß einen fast ebenso guten vor den Hunden, regte sich aber so wenig

dabei auf und schoß so kalt wie auf eine Geltricke, so daß er sich

sagte: »Den Bären will ich nun nicht mehr; erstens mache ich mir aus

dem Totschießen gar nichts mehr, und zweitens hat mir der Bär zu viel

Gemüt.« Der Prinz lächelte und sagte: »Du auch? Mir geht es ebenso.«

Nach einer gut gelungenen Saujagd saß Helmold mit ihm im Jagdhause

vor dem brennenden Kamine. Das Gespräch tropfte langsam. Mehrere Male

schien es dem Maler so, als ob der andere etwas auf dem Herzen habe,

aber er fragte nicht; niemals waren zwischen ihnen persönliche Dinge

zur Sprache gekommen; immer nur hatte sich die Rede um Jagd, Kunst,

Literatur, Musik, Philosophie, Religion und Politik gedreht. Der Prinz

wußte, daß Annemieken Hagenrieders Geliebte war; er ahnte auch, daß

zwischen seinem Freunde und Swaantje ein Gewitter niedergegangen war;

doch nie hatte er ein Wort darüber verloren.

Helmold war manches rätselhaft an Samlitz, den er von der Quarta an

kannte, aber er hatte niemals darüber nachgedacht. Jetzt, wo er in

seinen Augen eine schüchterne Bitte zu sehen meinte, fiel ihm ein, daß

er es noch nie bemerkt hatte, daß dieser große, ebenmäßig gewachsene

Mann mit dem Apollogesicht einen weiblichen Mund und unmännliche

Augen hatte, und es fiel ihm ein, daß Brüne so gut wie nie über

Frauen sprach, ihre Gesellschaft möglichst vermied und auch von ihnen

wenig beachtet wurde, und daß er ihn sich mit einer Frau im Arme

schlechterdings nicht vorstellen könne. Er war aber von dem langen

Wege im hohen Schnee so müde, daß der Gedanke, der in ihm aufstieg,

verschwunden war, ehe er ihn genau ins Auge gefaßt hatte. Am anderen

Morgen fand er die stumme Bitte nicht mehr in den Augen des Prinzen

und wunderte sich auch nicht, daß dieser ihm länger und fester, denn

je, die Hand drückte und sagte: »Lebe wohl, und auf ein schönes

Wiedersehen!«, denn Brüne hatte ihm gesagt, er habe eine längere Reise

vor.

Drei Tage später, als er mitten in der Arbeit war, hörte er, wie die

vierschrötige Magd in ihrer groben Weise sagte: »Unser Herr ist für

niemand nicht zu sprechen«, und als er aus dem Fenster sah, mußte er

lachen, denn da stand Klaus Ruter, den Wolkenschieber auf die Nase

gezogen, einen grünen Schal um den Hals und in Kniestiefeln, wischte

mit einer einzigen Bewegung seiner ungeheuren Hand das Frauenzimmer

beiseite und knurrte: »Ich bin auch kein Niemand nicht; ich bin der

Vorsteher von Stillenliebe und ein Duzfreund zu deinem Herrn, daß du's

weißt,« und damit stieg er breitspurig quer über die verschneiten

Beete, und die Magd machte Augen wie eine Kuh, wenn es donnert.

Helmold riß die Tür auf und rief: »Sieh, das ist ja fein, daß du dich

wieder mal hergefunden hast, Rutersklawes; nun riecht es hier doch mal

wieder nach Stillenlieber Torf!« Der Bauer sah sich um, stellte seinen

Eichheister in die Ecke, drehte dann den Schal von dem Halse und sagte:

»Du mußt nicht für ungut nehmen, daß ich hier so hereinkomme, wie ich

bin; ich hatte ein eiliges Geschäft und konnte mich nicht erst fein

machen.« Hagenrieder lachte, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Du

bist mir in Joppe und Kniestiebeln lieber als der König von Spanien in

Frack und Lackschuhen. Hast du schon gefrühstückt?« Ruter schüttelte

den Kopf, und so bestellte der Maler ein handfestes Frühstück.

Der Bauer sprach erst von der Jagd, dann davon, daß das Dorf im

nächsten Jahre eine Haltestelle bekommen würde, und daß die Wirtschaft

in Ohlenwohle abgebrannt sei, und der alte Hillmers vom Schneekruge

hätte tags zuvor das Zeitliche gesegnet, und als er Messer und Gabel

hingelegt und seinen Schlußschnaps getrunken hatte und die Zigarre

anbrannte, sah er Hagenrieder etwas verlegen an, räusperte sich

und sprach: »So, weswegen ich hergekommen bin: es hat sich etwas

Unliebsames bei uns begeben, oder vielmehr ein Unglück.« Helmold riß

die Augen auf: »Mit Annemieken?« Klaus schüttelte den Kopf. »Nein,

der geht es gut, soviel ich weiß. Das heißt, ich habe sie manchen

Donnerstag nicht gesehen; denn wann komm' ich mal nach dem Osterhohl!«

Er drückte an seiner Zigarre, obschon die sehr gut brannte. »Es handelt

sich um den Prinzen.« Hagenrieder wurde es leichter um das Herz; denn

wenn Annemieken ihm seit längerer Zeit nur noch eine Freundin war,

oder vielmehr eine Zuflucht, war ihm die Stadt zu bunt und ihr Volk

zu laut, ihr Schicksal lag ihm doch sehr am Herzen, und er hatte sich

etwas erschrocken, als er sie das letztemal blaß und mager vorgefunden

hatte. Als Ruter nun ganz trocken fortfuhr: »Das heißt, ich glaube, daß

es sich um ein Unglück handelt, und daß er nicht selber Hand an sich

gelegt hat«, da wunderte Hagenrieder sich, wie wenig ihn das zuerst

berührte.

Als Ruter sich aber verabschiedet hatte, kam es Helmold kalt in

seiner Werkstätte vor. Er zog die Schieblade auf, in der er seine

Skizzenbücher verwahrte, nahm ein grünes Heft heraus, schlug es auf,

besah lange das Blatt, auf dem der Prinz in voller Gestalt zu sehen

war, und die, auf denen sein Gesicht abgezeichnet war, setzte sich vor

den Kamin, stützte den Kopf in die Hände und sann lange nach, sich

dabei bittere Vorwürfe machend.

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 18 / 20 段