überkam ihn. Aber als er über sich selber den Kopf schüttelte, fand er,
daß es weniger Genugtuung war als Freude, und auch weniger Freude als
Zärtlichkeit, und schließlich auch das nicht, sondern ein Gefühl, in
dem allerlei sich mischte, und das er nicht genau betrachten konnte,
weil etwas wie eine beschlagene Fensterscheibe davor war. Jedenfalls,
das fühlte er, jauchzte sein Herz nicht, und seine Seele schrie weder
Hurra noch Holdrio. Aber er war betrübt, daß er nicht gleich auf sein
Zimmer gegangen war und den Brief aufgemacht hatte. »Nun sitzt das
arme Mädchen in Ohlenwohle in der Kneipe und langweilt sich nach der
Schwierigkeit« dachte er. Daß Tjark und Ilsabe bei ihr sein mußten,
daran dachte er nicht.
Er zog sich einen besseren Anzug an und war schon auf der Treppe, als
Reimers vom Treppenfuße aus ihm zurief: »Sie werden von Ohlenwohle am
Fernsprecher verlangt, Herr Hagenrieder, von einem Fräulein. Den Namen
konnte ich nicht verstehen.« Ganz ruhig ging Helmold in die beste
Stube und wunderte sich dabei, daß er so gelassen blieb. Aber sein
Herz machte doch einen kleinen Sprung, als er anfragte: »Bist du das,
Swaantje?« und er ihre Stimme und damit das ganze Mädchen dicht bei
sich hatte. »Tjark konnte nicht, er hatte wieder einen Gichtanfall, und
Ilsabe konnte deshalb auch nicht mit, und so bin ich allein gekommen,«
antwortete sie. »Kannst du hier über Nacht bleiben oder nicht, und
wann mußt du wieder zurück?« fragte er weiter. »Ich habe gesagt, ich
führe mit dem letzten Zuge, und der geht um sieben Uhr,« kam es zurück.
»Dann lohnt es sich nicht, daß du erst hierherkommst,« meinte er; »dann
komme ich mit dem Rade dorthin,« setzte er hinzu. Eine Weile war es
still. »Bist du noch da?« fragte er. »Ja,« rief sie; »dann komm, lieber
Helmold; das wird das beste sein.« Es kam ihm vor, als wenn ihre Stimme
mit einem Male ganz anders geklungen hätte.
Er holte das Rad aus dem Schuppen und fuhr los. Er wunderte sich,
daß er so unsicher war; sonst fuhr er den schmalen Fußweg neben der
Haidstraße, ohne vor sich hinzusehen; nun mußte er die Lenkstange
festhalten und bewußt aufpassen, und wo bei einem Querwege eine sandige
Stelle den Pfad unterbrach, da wurde es ihm sauer, durch den Sand zu
kommen. Er schrieb das erst der Hitze zu, bis ihm einfiel, daß er um
drei Uhr aufgestanden war und seitdem keine Stunde gesessen hatte.
Mit vor Schläfrigkeit gleichgültigen Augen sah er die herrlichen
Wacholdergruppen und den über und über mit goldenen Blumen behängten
Ginster an, der die Böschungen des Weges verbarg, und das Gezwitscher
der Hänflinge und das Geschmetter des Baumpiepers kam ihm unbekannt
vor, ja, er lachte nicht einmal, als ein Rehbock, der im Graben
gestanden hatte, so dicht vor ihm absprang, daß er ihn beinahe
umgefahren hätte. Erst als er im Lohkruge einen Schnaps und ein Glas
Wasser getrunken hatte, wurde er einigermaßen munter und konnte wieder
denken.
»Was mag sie haben, daß sie mit dieser elenden Klingelbahn bei dieser
üblen Hitze drei Stunden gefahren ist?« dachte er und stellte sich
vor, wie sie angekommen war und allen Glanz aus den Augen verloren
hatte, als sie ihn auf der Haltestelle nicht vorfand. Und nun saß sie
in dem Kruge und wartete auf ihn. Aber warum hatte sie ihm auch keine
Drahtnachricht geschickt, sondern erst am Abend vor der Abreise den
Brief, der mit der üblichen Verspätung ankam? Und nun: was sollte es
zwischen ihnen geben?
Als er den Morgen vor dem Moore stand und sich über eine Fuchsbetze
freute, die mit vier Junghasen im Fange auf zwanzig Gänge bei ihm
vorüberschnürte, hatte sein Gewissen ihm ganz gehörig die Leviten
gelesen. Er hatte an alle seine Liebschaften gedacht und sich gesagt,
daß er sich keine Vorwürfe darüber zu machen brauchte. »Banausen,
Philister, Fünfgroschenmenschen scheuen sich durchaus nicht, ihrer
Leidenschaft zu folgen; also warum soll ich, ein wertvoller Mensch,
mich zum Verzichten nötigen?«
Aber da hatte eine fremde Stimme gelacht und gesprochen: »Du kamst dir
doch immer als Übermensch vor, mein Herze, nicht wahr, und billigst
dir dabei die Untermoral des waschlappigen Gesindels zu? Glaubst du
vielleicht, die Borgias und ähnliche Kerle waren Helden? Jämmerlinge
waren es, die sich kratzten, sobald es sie juckte. Rede dir nicht
selber etwas vor! Seinen Instinkten zu folgen, ist keine Stärke;
Schlappheit ist es, urmenschenhafte Schwäche oder Neurasthenie.
Außerdem warest du doch stets stolz darauf, ein Mann von Wort zu
sein; war dein Treueschwur vor dem Altar nicht ehrlich gemeint? Du
kannst dich vor dir entschuldigen, das kannst du, mit Schwäche, mit
Gedankenlosigkeit, mit was du willst; aber wenn du versuchst, dich zu
rechtfertigen, dann machst du dich einfach lächerlich. Du bist polygam
veranlagt, sagst du. Schön, aber dann hättest du Junggeselle bleiben
sollen. Du warst ja mehr als mündig, als du vor dem Priester dein
Ehrenwort gabest. Also rede nicht!«
So kam er mit einem Herzen voller verschiedenartiger Empfindungen vor
dem Ohlenwohler Kruge an, grau und kühl wie der Himmel an einem toten
Tage. Der Wirt stand vor der Tür, als er vom Rade sprang. »Das Fräulein
ist rechts in der Stube,« sagte er. Swaantje saß auf dem unbequemsten
Stuhle, als er eintrat. Sie sah blaß und müde aus und hatte Schatten
unter den Augen; aber noch niemals war sie ihm so schön und
hilfsbedürftig vorgekommen. Sie errötete über das ganze Gesicht, als er
ihr beide Hände gab, und ihm war, als verlangten ihre Augen, daß er sie
in den Arm nehmen sollte, und daß er sie küssen möchte; aber er hatte
die Tür nicht hinter sich zugemacht, und auf dem Gange standen Leute
und vor dem Fenster auch, und da die Sonne darauf lag, hätten sie sehen
können, was in der Stube vorging. So drückte er ihr die Hand, zwang sie
in das Sofa und fragte: »Hast du schon etwas gegessen?« Sie schüttelte
den Kopf, und er ging hinaus und bestellte Kaffee und Zukost. Dann
setzte er sich vor den Tisch auf den Stuhl.
Es wurde ihm schwer, etwas Vernünftiges zu sprechen. Der pilzige Geruch
des schlecht gelüfteten Raumes erstickte den Rest von Frische, der noch
in ihm war, und ein Mitleid, stark mit Verlegenheit durchsetzt, machte
ihn unsicher. Und Swaantje saß da, sagte nichts und sah ihn an, mit
einem rührenden Lächeln um den blassen Mund, und ihre Augen schimmerten
feucht.
Endlich sprach sie mit einer weichen, farblosen Stimme, daß sie sich so
sehr auf Stillenliebe gefreut habe, und daß sie vor Enttäuschung nicht
habe schlafen können, als Tjark am Abend vorher seinen Anfall bekommen
hatte. Und daß sie ihm für das Bild doch endlich ihren Dank sagen
müsse. »Denn schreiben, lieber Helmold,« sagte sie und lächelte ihn an,
als wäre sie eben mit ihm getraut, »das konnte ich doch nicht, wie sehr
ich mich darüber gefreut habe.« Sie nahm seine Hand und drückte sie:
»Bist du mir immer noch böse, lieber Helmold?«
Er wußte nicht, was er sagen sollte, und war froh, als die Wirtin mit
dem Kaffee hereinkam. Absichtlich bestellte er noch Brot und Butter
und dann eine Postkarte, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich
verhalten sollte. Das weiße lose Kleid hatte sie nicht an, wie damals
im Garten, als er hinterher den Bajonettangriff auf sie machte; aber
sie war ihm nachgereist, die weiße Fahne in der Hand.
Doch er traute ihr nicht und sich noch viel weniger. Ihr nicht, weil
sie ihm heute mehr denn je als reine Seele, als Nonne, als unsinnliches
Wesen erschien, und sich nicht, weil er sich nur als Bruder oder Vater
ihr gegenüber vorkam, und so gar kein bißchen als begehrender Mann.
Dabei war sie ihm noch nie so schön vorgekommen wie an diesem Tage.
»Zum Erbarmen schön,« dachte er. Gar zu gerne hätte er sie in den Arm
genommen, ihre Backen gestreichelt und ihre Stirn geküßt; aber er hatte
Angst, daß sie seine Liebkosungen mißdeuten oder Erwartungen daran
knüpfen könnte, die er nicht erfüllen konnte. So schleppte sich die
Unterhaltung lendenlahm und langsam hin.
Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Komm, Swaantje,« sagte er;
»wenn es dir recht ist, bummeln wir durch die Haide. In dieser Luft
schrumpelt einem ja das Gemüt ein.« Sie nickte ihn lächelnd an und
erhob sich, wobei sie ihm ganz nahe kam. Wieder wurde es ihm so zu
Sinne, als sei es seine Pflicht, sie zu liebkosen, und ihre Augen sahen
so aus, als sehne sie sich danach; doch abermals streckte der Gedanke,
daß nur ihre einsame, verwaiste Seele geküßt und umarmt sein wolle
und nicht ihr Leib, die Hand gegen ihn aus und hielt ihn zurück. Als
sie vor dem Spiegel ihren Hut aufsetzte, sah ihr Spiegelbild ihn mit
vieler Zärtlichkeit an, und er gab sich einen Ruck, um sie zu umfassen;
doch da polterte eins von den Kindern in das Zimmer, blieb mit offenem
Mund stehen, starrte das Mädchen an, wie einen Geist und stürzte
wieder hinaus; er aber atmete erleichtert auf, als sei er einer Gefahr
entgangen.
Sie schlenderten durch die Felder und unterhielten sich mit Mühe. Erst
als sie in die Haide kamen, frischte ihr Gespräch etwas auf, flaute
aber immer wieder ab. Swaantje fragte, welcher Art die Bilder wären,
die er für das Schauspielhaus male; dadurch kam etwas Zug in ihre
Unterhaltung, so daß er schließlich, zumal er über die Schlafsucht
hinaus war, ganz lustig wurde, und es zu einem ganz fröhlichen
Geplauder kam, das aber rein äußerlicher Art blieb und sie im Grunde
mehr auseinanderhielt, als zusammenführte. Es war ihnen beiden zumute,
als schritte irgend ein langweiliger Mensch zwischen ihnen, den sie
nicht abschütteln konnten. Dazu begegneten ihnen fortwährend Leute, die
vom Heuen kamen, darunter Marien. Seitdem sie verheiratet war, hatte
Helmold sie nur einmal flüchtig gesprochen und sich darüber gefreut,
daß sie tat, als kenne sie ihn nur ganz oberflächlich. Auch jetzt
bot sie ihm mit unbewegtem Gesichte die Tageszeit wie einem fremden
Menschen.
»Hier sind so viele Leute,« klagte Swaantje. Er nickte und bog mit ihr
in einen schmalen Pfad ein, der tief in das Haidkraut getreten war und
nach einem kleinen Wäldchen führte. Ein weißer Bussard, der auf einem
Irrsteine gefußt hatte, flog vor ihnen auf, und ein schwarzes Reh, das
sich am Zwergginster äste, sprang an ihnen vorüber. Da der Weg nur drei
Hände breit war, ging Helmold hinter Swaantje. Sie trug ein Kleid von
ähnlichem Schnitt wie an jenem Tage, als er mit ihr nach dem Tödeloh
ging, doch war es nicht rosenrot, sondern mattblau, und auch das Band,
das den weichen Strohhut umgab, war von derselben kühlen Farbe.
Er nickte. »Ja,« dachte er; »damals erschien sie mir als rosenroter
Traum; heute ist sie mir eine mattblaue Erinnerung.«
Er sah sich um; der eiserne Ritter ging nicht hinter ihm. »Meine
Liebe habe ich in der Bilderkiste eingesargt«, dachte er, »und mein
Verlangen; so blieb mir weiter nichts davon als das Gespenst. Aber ich
glaube nun einmal nicht an Gespenster!«
Hinter dem Wäldchen lagen unter einer krausen Eiche zwei gewaltige
Findelsteine; auf den einen legte er seinen Mantel und wies ihn
Swaantje als Sitz an, auf dem anderen nahm er selber Platz. Vor ihnen
kroch der bleigraue Pfad durch die braune Haide und verlor sich
zwischen hohen Wacholdern und Ginsterbüschen, die mit ihren gelben
Blüten nur so prahlten; davor leuchtete das helle Grün einer quelligen
Sinke.
»Wie wunderschön ist das,« seufzte das Mädchen, und ihre Brust hob sich
unter dem kühlen Kleide; »zum Weinen schön ist es,« fügte sie nach
einem Weilchen hinzu. Ihr Vetter nickte und dachte: »Ganz wie du.« Er
sah, daß ihre Hand zuckte, als wolle sie nach der seinen hin; aber da
der Raum zwischen den beiden Steinen zu groß war, so glitt ihr Arm an
dem Granitblocke herab und nahm eine Eulenfeder auf, die zwischen den
grünen Ranken der Krähenbeere am Fuße des Steines lag.
Das Mädchen drehte die bunte Feder zwischen ihren farblosen Fingern,
besah sie mit gemachter Aufmerksamkeit und fragte, ohne ihren Vetter
anzusehen: »Von welcher Eule ist das?« Er antwortete: »Waldkauz« und
flötete halblaut den Balzruf dieses Nachtvogels. Ohne ihn anzusehen,
sprach sie: »Ich war neulich wieder einmal im Tödeloh.« Er erwiderte
nichts und sah nach dem runden weißen Fleck, der die Spitze des
höchsten und schlanksten Wacholders krönte. Er deutete mit dem Finger
danach: »Der große Würger,« sagte er.
Das Mädchen nickte, räusperte sich und begann wieder: »Sage mal,
Helmold, was hast du dir eigentlich damals gedacht,« sie stockte,
scheuchte eine Mücke fort, die auf ihrem Arme saß und sprach dann
weiter, »damals, als ich dir in dem Walde sagte, du weißt doch, als uns
der Oberbürgermeister begegnete, daß,« sie stockte, »daß das, du weißt
ja, vorbei sei?« Er sah nicht auf und erwiderte mit gleichmütigem Tone,
über den aber ein tiefer Klang von Verständnis hinwegsah: »Das wußte
ich schon vor dem.« Swaantje nickte, strich sich mit der Eulenfeder
über die Stirne und fuhr fort: »Das war vorbei, seitdem du mir im
Tödeloh das eine Wort sagtest.« Er nickte, sah nach einem blanken
Raubkäfer, der eine Raupe umbrachte, und sprach leise: »Das schien mir
damals auch schon so.« Der Würger verließ den Wacholderbusch, rüttelte
eine Weile über der Sinke und strich mit klirrendem Rufe ab. Helmold
sah hinter ihm her.
Die Brust des Mädchens hob sich schwer. »Du verstehst doch, lieber
Helmold,« sie sprach es matt, aber er vernahm die tiefe Zärtlichkeit,
die dahinter lag, »nicht wahr, daß ich nicht anders handeln konnte?« Er
nickte, sah sie aber nicht an. »Denn sieh mal, lieber Helmold, Grete,
du weißt, das ging doch nicht.«
Ihm wurde immer trauriger zumute und immer hilfloser, ihretwegen und
seinethalben erst recht. Da hielt sie ihm nun ihr Herz auf den Händen
hin, dieses arme, ledige, verwaiste Herz, und er konnte es nicht
hinnehmen. Er wußte, was sie ihm gerne gesagt hätte, aber nicht sagen
konnte, daß Grete ihr nämlich dasselbe gesagt hatte, wie ihm, daß sie
an dem ganzen Unglücke schuld sei, das über ihn und das Mädchen und
auch über die Frau gekommen war, und daß sie drei zusammengehörten, daß
sie drei eins waren und sein sollten. Aber Swaantje wußte es nicht, und
er konnte es ihr nicht sagen, daß es dafür zu spät sei.
Er sah, daß die Mücken häufiger flogen, und war ihnen dankbar dafür,
denn nun konnte er mit Anstand rauchen. Er scheuchte eine summende
Mücke fort, langte sich eine Zigarre heraus und zündete sie an.
Swaantjes Lippen versteckten sich. »Sieh mal nach der Uhr,« bat sie;
»ich glaube, wir müssen gehen, denn ich möchte nicht zu spät kommen.«
Sie fuhr heftig zusammen, denn in dem Gebüsch hinter ihnen schreckte
laut ein Reh.
Sie gingen einen anderen Weg zurück. Die Frösche prahlten in den
Gräben, und eine helle Weihe schwebte über den Wiesen. Swaantje
schritt vor ihm her. »Mein Gott, mein Gott,« klagte es in ihm; »wie
schön ist sie, wie wunderschön!« Er sah ihre Nackenlocken an und den
vornehmen Bogen ihrer Backen und dachte: »Warum lege ich nicht meinen
Arm um sie, warum küsse ich sie nicht? Sie will es doch so gern.«
Der Weg zwillte sich. Swaantje ging nach rechts. Er faßte sie unter
den Arm und zog sie nach links. Er hatte vorgehabt, sie an sich
heranzuziehen und ihren Mund zu küssen; aber als seine Hand wohl die
Wärme ihres Armes spürte und sein Herz sich doch nicht regte, ließ er
sie los und ging stumm hinter ihr her, bis der Pfad in den Weg einlief
und sie nebeneinander gehen konnten.
Da begann Swaantje wieder zu reden: »Du bist mir doch nicht mehr böse,
lieber Helmold?« Sie errötete, als sie das sagte, und sah ihn halb von
der Seite an und mit einem Blicke, in dem Sehnsucht und Verlegenheit
miteinander rangen. Er lächelte sie an und versetzte: »Aber, Swaantje,
wie kannst du das denken!« Und dabei keuchte es in ihm: »Ja, aber warum
küsse ich sie denn nicht? Deutlicher kann sie es mir doch nicht zeigen,
daß sie sich selber zürnt, weil sie mich damals zurückstieß.«
Er kam sich vor wie ein rätselhaftes Tier, das ihm noch niemals über
den Weg gelaufen war, ein Geschöpf, ebenso unheimlich, wie lächerlich.
In dumpfem Schweigen schritt er neben ihr her und rauchte.
»Und zwischen dir und Grete ist auch alles wie früher?« fragte endlich
das Mädchen. Er seufzte und antwortete: »Ja, vollständig.« Nach einer
Weile fuhr er fort: »Das heißt, es bleibt doch ein Riß, Swaantje; denn
sieh mal, ich bin damals zerbrochen, und wenn der Bruch auch wieder
heilte, eine gewisse Schwäche blieb zurück.«
Er räusperte sich, ehe er weiter redete: »Ich habe nämlich, verstehst
du? ich bin nämlich, ich werde nie wieder das sein, was ich war. Ich
bin alt geworden damals, zum Greis geworden, wenn ich auch nicht so
aussehe. Mein Mai ist vorüber, und der Sommer ist hin; ich bin beim
Grummet, beim dritten Schnitt; ich bin kein voller Mann mehr.«
Er stockte, warf seine Zigarre in einen Tümpel und sprach leiser:
»Swaantje, ich, weißt du? ja, das ist nun so!« Er zeigte neben den Weg:
»Ich bin wie die Haide hier, zertreten und kurz, weil lange Zeit Tag
für Tag graue Gedanken auf mir herumtraten und mich kurz hielten.« Als
er sah, daß das Mädchen ganz blaß war, setzte er hinzu: »Doch du, liebe
Swaantje, meine Gefühle dir gegenüber sind die selben geblieben; wenn
ich auch ein anderer Mann geworden bin.«
Sie antwortete nicht und hatte einen ganz engen Mund. Er sah nach der
Uhr. »Wir haben noch reichlich Zeit, was sollen wir so lange in der
muffigen Bude sitzen,« meinte er. »Wollen noch einen Umweg machen.« Er
schlug den Weg nach einem Birkenwäldchen ein. Die Augen des Mädchens
belebten sich, und ihr Mund blühte wieder auf.
»So,« sagte er sich; »nun, sobald wir im Walde sind, und ich halte
Wort, soll sie den Kuß haben, den ich ihr schuldig bin, und mir das
geben, was sie mir schuldet.« Warm lief es ihm über die Brust, und mit
heißen Blicken streichelte er ihren Nacken.
»Sieh mal, Swaantje,« sprach er mit zärtlichem Klange; »als wir nach
dem Tödeloh gingen, nahm ich mir fest vor, dich umzufassen und in mein
Herz hineinzuküssen. Ich habe dir das schon einmal gesagt; ganz fest
nahm ich mir das vor. Ich glaube, das wäre für uns beide gut gewesen.
Vielleicht war es aber damals noch zu früh, weil du glaubtest, du
liebtest den andern noch, obgleich ich damals schon wußte, oder
vielmehr ahnte, daß es nicht so war.« Sie antwortete ganz leise: »Aber
ich habe dir doch niemals etwas gesagt, lieber Helmold.« Er schüttelte
den Kopf: »Nein, so schwer dir das auch wurde.« Sie seufzte und er fuhr
fort: »Das war stark von dir, und ich achtete dich darum hoch; aber
klug war es nicht. Es hat uns beide zerbrochen.«
Sie sah ihn demütig an: »Aber ich konnte doch nicht anders, Helmold!«
Er lächelte sie zärtlich an, so daß sie rot werden mußte. »Nein,
Geliebte, du hast keine Schuld, und ich auch nicht. Sieh mal, ich kann
dich nicht so behandeln wie andere Frauen; du bist so ganz anders, und
ich empfinde dir gegenüber auch ganz anders! Im Tödeloh solltest du
mein sein, ganz mein sein, das hatte ich mir auf Ehrenwort versprochen,
und ich mußte es brechen, denn mein inneres Wollen stieß meinen äußeren
Willen beiseite.« Das Mädchen atmete schwer und drängte sich dichter an
ihn, denn der Weg war nur eben breit genug für sie beide.
Da, wo der Weg sich teilte, kam ihnen ein stattlicher, sehr anständig
gekleideter Zigeuner zwischen zwei jungen, grell aufgeputzten Weibern,
die beide guter Hoffnung waren, entgegen. Helmold kannte den Mann;
er blieb stehen und rief: »Na, Jorgas Michali, wohin und woher?« Der
Zigeuner lachte und sagte: »Von der Windwiege nach dem Windgrabe,
Herr Maler.« Die Weiber sahen Swaantje an, wie ein Heiligenbild. »Na,
welche von beiden ist denn deine Frau?« fragte Helmold. Der Zigeuner
grinste: »Beide, Herr Maler!« Hagenrieder lachte: »Vertragen sie sich
denn?« Jorgas' Raubtiergebiß blitzte aus dem schwarzen Krausbarte
heraus: »Wollt' sie kuranzen, wenn nicht,« sagte er und machte eine
Bewegung mit der Hand, als wenn er eine Peitsche darin hielte, und die
Frauen lachten. Der Maler gab ihm eine Zigarre und jeder der Frauen ein
blitzblankes Markstück. Sie küßten ihm die Hände. »Viel Glück, Herr,«
riefen sie, verbeugten sich vor Swaantje und setzten hinzu: »und deiner
scheenen Frau ville Kinder!«
Als die Zigeuner hinter den Büschen verschwunden waren, fragte Swaantje
leise: »Sind das wirklich beides seine Frauen?« Ihr Vetter nickte.
»Natürlich; er hat vielleicht noch ein paar. Jorgas Michali ist einer
der reichsten Häuptlinge; er hat drei große Häuser bei Berlin und
Geld auf der Bank. Und er hat eine schwere Hand. Horch, wie schön der
Kuckuck ruft! immer dreimal.« Er deutete nach dem Birkenwäldchen, in
dem der Kuckuck läutete und die Zippe schlug.
Vor seinen Augen tanzten goldene Flammen, sein Herz schlug fieberhaft,
und der Atem pfiff ihm im Kehlkopfe. »Drei Schritte noch,« dachte er,
»drei Schritte noch, und ich küsse sie, und nehme sie mir.« Gerade
wollte er den Mund öffnen, um »Swaantje, meine Swaantje!« zu sagen, da
stand ein alter Bauer vor ihnen, der ihnen freundlich die Tageszeit bot
und sagte: »Na, dennso kriege ich noch feine Begleitung auf den Weg.«
Helmold wußte nicht, ob er dem Manne danken oder fluchen sollte; er
hörte nur mit einem Ohre auf das, was er erzählte, und wußte nicht, ob
er sich bedauern oder beglückwünschen sollte. Mit Gedanken, so umrißlos
wie Wacholderbüsche im Herbstnebel, kam er im Kruge an.
Das Abendessen verlief anfangs recht still, obgleich Helmold sich alle
Mühe gab, das Mädchen aufzumuntern; doch da er, wie er wußte, um das,
was Swaantje am meisten am Herzen lag, herumgehen mußte, kam ihm jedes
Wort, das er sprach, unehrlich und verlogen vor. So war er froh, als
die Kastenuhr dreiviertel auf sieben meldete. »Noch zwanzig Minuten,«
sagte das Mädchen, und er fügte hinzu: »Ja, es ist schade, daß wir nur
die paar Stunden für uns hatten; wir haben uns so lange nicht gesehen.«
Sie sah ihn an und ihre Augen fieberten. »Ja, wenn sie mir den Wagen
nicht zur Bahn schickten,« sagte sie, schwieg einige Zeit und fuhr
fort: »Ich hätte so gern einmal Stillenliebe gesehen und länger mit dir
geplaudert. Wer weiß, wann wir uns nun wiedersehen. Muhme Gese will
nach Karlsbad, und ich muß wohl mit.« Mit einer hastigen Bewegung, die
so gar nicht ihrem wirklichen Wesen entsprach, haschte sie nach seiner
Hand, die auf dem Tische lag, führte aber ihre Absicht nicht aus, da er
vor sich hinbrütete, sondern drehte die alte Tasse um, als wollte sie
sich die Aufschrift ansehen.
»Wollen gehen,« sprach sie dann matt und sah nach der Uhr. Er half ihr
in den Mantel hinein und klingelte dem Wirte. Der ließ die Türen hinter
sich offen, und während Helmold bezahlte, klang aus der Gaststube
lauter Gesang herüber. Swaantje wurde kreidebleich, als sie das Lied
erkannte; es war das, was Helmold ihr gesungen hatte, als er mit ihr
zum Tödeloh ging, das kecke Lied von dem Jäger und der Jungfrau im
schlohweißen Kleid. Ihre Augen wurden starr, und ihre Lippen verkrochen
sich, als es hinter ihnen herklang: »Denn deine Unschuld und die mußt
du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid, eins zwei.«
Der Zug hatte Verspätung. Sie lehnten an dem Geländer. Swaantje sah
nach der alten Kiefer hin, die ihr düsteres Haupt hinter einem moosigen
Giebel erhob, und ihr Vetter betrachtete ihr Gesicht und wunderte sich
über sich selber. Plötzlich kehrte sie sich zu ihm: »Nun habe ich die
Hauptsache beinahe vergessen, lieber Helmold!« Sie drückte ihm die
Hand. »Ich danke dir viele Male für das Bild, viele Male!« Ihre Augen
wurden dunkel. »Du glaubst gar nicht, wie ich mich darüber gefreut
habe!« Wieder drückte sie seine Hand. »Ich dachte, du wärest mir böse
gewesen. Bist du das auch ganz gewiß nicht mehr?«
Er wußte nicht, was er sagen sollte, und lächelte sie an, als er den
Kopf schüttelte, und er wußte, sein Lächeln mußte gefälscht aussehen.
»Ich bin dir nie böse gewesen, und wenn ich es einmal war, so redete
ich mir das ein, weil ich dir einen Begriff unterlegte, der nicht auf
dich paßte, dich als Weib schlechthin und nicht als das sehen wollte,
was du bist!« Etwas heiser klang seine Stimme, als er das sprach.
Der Zug lief ein. »Schade, daß du nicht mitkannst, lieber Helmold,«
sagte Swaantje und umklammerte seine Hand; »in Bockshorn habe ich
fast eine Stunde Aufenthalt.« Helmold fühlte, daß ihm das Blut in das
Gesicht schoß. »Einsteigen!« rief der Schaffner. Helmold half dem
Mädchen in das Abteil und stieg auf den Tritt. »Lebe wohl, lieber,
guter Helmold,« flüsterte sie und beugte sich zu ihm herunter, als
wollte sie ihn küssen. Aber da schrillte die Pfeife, und eine harte
Stimme schnarrte: »Abfahren!« Er hatte eben noch Zeit, ihre Hand zu
küssen, und er küßte sie, daß sie seine Zähne fühlte, dann schlug der
Schaffner die Tür zu, und der Zug ruckte an.