Familie war doch einst von Adel?« Der Maler nickte: »Jawohl, von
altem Bauernadel. Wir verarmten in Kriegszeiten völlig und legten die
Standesbezeichnung ab, denn sie war zum störenden Ornament geworden,
womit man überall anhakte. Ich besitze übrigens alle Papiere über mein
Geschlecht; der Stammbaum weist keine Lücke auf über sechshundert
Jahre.« »Ei, ei,« meinte der Gastgeber und sprach von etwas anderem.
Einige Zeit darauf wurde Hagenrieder zum geheimen Hofrate ernannt.
Um den Glückwünschen aus dem Wege zu gehen, und um sich von den
gesellschaftlichen Anstrengungen zu erholen, fuhr er nach Stillenliebe.
Er hatte sich in Annemiekens Hause eine Dönze eingerichtet und wohnte
nicht mehr in der Wirtschaft. Die Bauern vermieden jede Anspielung auf
seine Stellung zu dem Mädchen; er gehörte so sehr zu ihnen, daß sie
sein Eigenleben ebenso achteten, wie sie ihr eigenes schützten.
Alle, die ihn näher kannten, fühlten heraus, daß er nicht mehr der
lustige Mann war, als den sie ihn kennen lernten; aber da jeder von
ihnen selber einen Packen auf dem Nacken hatte, erbot sich keiner, ihm
den seinen tragen zu helfen, selbst der Vorsteher Klaus Ruter nicht,
sein bester Freund im Dorfe. Als der Pfarrer vom Kirchdorfe einmal bei
Ruter vorsprach, angeblich kirchlicher Angelegenheiten halber, und
anscheinend beiläufig auf das Verhältnis Hagenrieders zu Annemieken zu
sprechen kam, fragte ihn der Vorsteher: »Was trinken Sie lieber, Herr
Pastor, Bier oder Wein?« Da sprach der Geistliche schnell von etwas
anderem.
So hatte Helmold Hagenrieder zwei Gesichter, das des Jägers und Bauern,
und das des Stadtmenschen und Künstlers. Er konnte die halbe Nacht mit
den Bauern trinken und Karten spielen, und er brachte es fertig, vier
Stunden lang im Frack der Glanzpunkt einer Tischgesellschaft zu sein.
Die Bauern ahnten nicht, daß der Mann, der mit jedem von ihnen auf
du und du stand, der bedeutendste bildende Künstler seiner Zeit war.
Als ein Reisender eine Zeitschrift im Kruge liegen ließ, in dem der
Geheime Hofrat Professor Hagenrieder beschrieben und abgebildet war,
machten sie zwar den verlegenen Versuch, ihm seine Titel zu geben,
aber da lachte er und sagte zu dem Wiebkenbauern: »Alter Döllmer! Soll
ich zu dir vielleicht Herr Vollmeier oder Herr Jagdvorsteher oder Herr
Gemeinderatsmitglied sagen? Professor und Geheimrat und das andere bin
ich, wenn ich die Kellneruniform anhabe; hier heiße ich Hagenrieder
und damit basta. Prost, Korl! auf daß deine Kinder einen klugen Vater
kriegen!« In der Stadt hinwiederum hatte man keine Ahnung davon, daß
der Herr Geheimrat, der fesselnde Plauderer, da hinten in der Haide
wie ein Halbindianer lebte und mit einem Mädchen, das mir und mich
verwechselte, selbst wintertags keine Hosen trug und mit dem Messer
aß, auf du und du und so weiter stand und ihr beim Holzhacken und
Stallausmisten half. Die einzigen Stadtleute, die darum wußten, Hennig
Hennecke und der Prinz, sprachen darüber nicht.
Mehr als einmal hatte Helmold es vorgehabt, sich seiner Frau zu
entdecken; doch stand er davon ab, indem er sich sagte: »Wozu soll
ich sie ärgern?« Und dann wußte er auch, daß er ihr eigentlich gar
nichts verheimlichte, denn was war ihm Annemieken schließlich mehr als
ein Teil des Dorfes, ein Stück der Landschaft? Die Zeit der Liebe war
vorbei für ihn, also auch die Zeit der heimlichen Sünde.
Er hatte sich jetzt völlig in der Hand; sein Herz lief Schritt und
Trab, wie er es haben wollte. Nur ein einziges Mal schlug es noch
etwas über die Stränge. Das war auf dem großen Maienfeste, das die
Künstlerschaft im Hirschgarten veranstaltete. Es fiel gerade in die
Zeit, in der sich Swaantje bei Benjamin einer Behandlung unterzog.
Sie wohnte bei Hagenrieders. »Ist es dir auch nicht unangenehm?« hatte
Grete gefragt. »Durchaus nicht,« antwortete ihr Mann.
Mit einer gewissen Feindseligkeit im Herzen trat er ihr anfangs
gegenüber, doch fand er bald, daß er sich unnütz in Paukwichs geworfen
hatte. Ihre Stimme klang nicht mehr bis zu seiner Seele, und seine
Augen streichelten sie weder, noch drohten sie ihr. Er vermied aus
Nützlichkeitsgründen das Alleinsein mit ihr; ließ es sich aber nicht
umgehen, so zwang er sich zu einem leichten freundlichen Plaudertone.
Sobald sie aber eine ernste Frage anbrach oder an sein Innenleben
heranging, machte er kehrt.
Ganz kalt beobachtete er sie. Sie war noch ebenso schön, wie einst;
aber er hatte zu lange hinter ihr hergeweint, als daß seine Augen für
sie nicht erblindet wären. Er liebte sie nicht mehr, und fühlte auch
keinen Haß gegen sie; sie war ihm nichts, als das Bild eines Menschen,
den er einst heiß geliebt hatte.
»Schade,« dachte er, »daß es so ist; aber nichts ist überzeugender, als
die Wucht der Tatsache!«
Er sah sie im Garten neben Grete stehen. Er zog sie mit den Augen aus,
betrachtete ihren Akt, gab ihr alle Stellungen und setzte sie jeglicher
Beleuchtung aus, schüttelte den Kopf und dachte: »Es war einmal! Ein
Segen, daß sie nicht meine Frau geworden ist.« Und mit einem Male mußte
er auflachen. Er hatte Professor Groenewald kennen gelernt, einen Mann,
der nach Eitelkeit und Kölnischem Wasser roch, Weiberhände hatte und
einen Brillantring trug. »Schmalzlerche!« hatte Helmold gedacht, als er
ihn sah. Nun aber dachte er: »Solche Männer, die keine sind, gefallen
so'nen Weibern, die keine sind.«
Bei der Tafel hatte er Swaantje halb rechts gegenüber sitzen; ein
großer Strauß trennte zumeist ihre Blicke, so daß er sich völlig
seiner Tischdame widmen konnte, eben jenem schönen Mädchen, das ihm
einst in der Eisenbahn ihr Herz umsonst hingehalten hatte, und das
den rosenroten Namen Meinholde Marten trug. Sie war glücklich, neben
ihm sitzen zu können; ihre Augen funkelten noch mehr als die Demanten
in ihrem goldenen Haar und auf ihrem herrlichen Halse. Seine Blicke
streichelten ihre Schultern und stahlen sich dahin, wo ihre Brüste im
Schatten der Spitzen auf und abhüpften, ab und zu freudig errötend,
wenn eine zarte Schmeichelei oder ein kecker Vergleich sie in Erregung
versetzte.
Niemals war Helmold bezaubernder gewesen, als an diesem Abend: er focht
Dessin mit seinen Worten, schlug ganz leichte Terzen an, gebrauchte
listige Finten und setzte dann eine Tiefquart dahinter, daß Lappen und
Knochensplitter flogen und die Abfuhr völlig war. Aber das war nichts
als Schlägermensur; mit dem krummen Säbel trat er erst an, als er sich
zum Trinkspruche erhob, denn da sah man den Renommierfechter. »Ich
habe den peinlichen Auftrag erhalten, den Trinkspruch auf die Damen
auszubringen,« begann er und sah kalt von rechts nach links in die
vierhundert verblüfften Augen. »Ich denke gar nicht daran, den Auftrag
zu erfüllen; denn,« er sprach es mit einem bösen Blicke, »den Frauen
und Jungfrauen will ich ein Lobredner sein, so gut ich es kann.« Alle
Augen wurden hell. »Dame, was ist das?« fuhr er fort; »ein wälsch Wort,
ein farblos Wort, ein Unwort. In der galanten Zeit kam es auf, und
bedeutete nichts Sauberes, schmeckte nach Liebelei, aber nicht nach
treuer Liebe, sagt doch der alte gute Friedrich von Logau: ›Was Dame
sei und dann, was Dama wird verspürt, daß jene Hörner macht und dieses
Hörner führt.‹«
Er lachte lustig und rief: »Fort mit dem dämlichen Wort!« Und dann wand
er den Frauen und Jungfrauen einen Kranz aus roten und weißen Blüten;
er huldigte ihnen als Mann, nicht als Knecht; er gab ihnen die Hand,
küßte ihre aber nicht, die Kniee beugend; vergaß keine, weder die
vornehme Frau noch die einfache Magd, und dann schwenkte er ab, näherte
sich gefährlichen Punkten, daß die Männer unruhige Augen bekamen und
den Frauen das Herz stille stand, weil sie ihn schon abstürzen sahen;
doch mit einem harmlosen Lächeln gab er seinen Worten eine Wendung,
die ihn rettete. So führte er seine Zuhörer ein dutzend Male an
gefährlichen Abgründen vorbei, um sie schließlich zu einem Gipfel zu
leiten, von dem aus sich ihnen eine Aussicht bot auf lauter Sonne und
Wonne.
Alle Augen an der Tafel waren erfüllt von dem Abglanze seiner Worte,
als er endete und hinter einem Gitter weißer Arme verschwand, die ihm
die Sektkelche entgegenstreckten, deren helles Klirren sich von dem
neidischen Beifallsgemurmel der Männer abhob, wie weiße Blumen von
abendlich dunklem Gebüsche. Doch am meisten leuchteten die Augen seiner
Tischnachbarin; als er mit ihr anstieß, hauchte sie: »Du!«
Swaantjes Augen aber standen schwarz in ihrem weißen Gesichte; ihr
Mund war wie ein Strich, und ihre Hand lag geballt auf dem Tische. Sie
hatte das selbe Gesicht, wie an jenem Tage, als er in der Werkstatt um
einen Kuß flehend vor ihr stand, Tränen in den Augen. Nun stieß er,
sie unbefangen anblickend, mit ihr an und setzte sich nieder, seiner
Tischnachbarin ein Wort zuflüsternd, das Abendröte auf ihrem Gesichte
hervorrief.
Keinen Augenblick ließ Swaantje das Paar mit den Blicken los, solange
die Tafel währte. Ihr Vetter merkte es wohl; als er sah, wie blaß sie
war, stieg ein unbehagliches Gefühl in ihm auf. Aber da er rundumher
nur zärtliche Augen erblickte, und der Sekt sein Blut erhitzte, und das
Mädchen, das neben ihm saß, ihn ganz in Anspruch nahm, und zudem der
Fliederstrauß Swaantje halb verbarg, so vergaß sein Herz sie.
Und dann kam der Fackelreigen durch den dunkelen Wald, an dessen
Rändern die Nachtigallen schlugen, und er hatte das wunderschöne
Mädchen erst am Arm, und bald darauf, als der Zug sich auflöste, im
Arm, und der Kauz rief und der Waldmeister und das junge Buchenlaub
dufteten, und Helmold küßte Meinholde und sie küßte ihn wieder, bis sie
aufseufzte und flüsterte: »Nun geh! sonst reden sie über uns.«
Dann aber fand er sich mitten im Trubel, stand vor Swaantje und bat
sie um den Walzer. Sie tanzte schlechter als sonst, und sah so bleich
aus, daß er sie zu einer Bank führte, sich zu ihr setzte und einen
leichten Ton anschlug. Sie antwortete matt und lächelte kaum, wenn er
etwas Lustiges sagte, und mit einem Male sah sie starr nach seiner
Hemdenbrust, stand jäh auf und sagte: »Ich muß einen Augenblick allein
sein; mir ist so sonderbar.«
Als sie ihn verlassen hatte, nahm er das goldblonde lange Haar fort,
das an der Perle hing, die sein Hemd zusammenhielt, und er wußte
nicht, sollte er die Stirn runzeln oder lächeln. Aber dann erinnerte
er sich an das, was er sich an dem Tage vorgenommen hatte, als er den
Mordhirsch im Schandenholze geschossen hatte. »Blut um Blut!« dachte er.
Am folgenden Tage fuhr er zur Jagd; absichtlich fuhr er in aller Frühe
fort, ohne Abschied zu nehmen. Als er nach einer halben Woche wieder
kam, nach jungem Birkenlaube und Post duftend, drei Birkhähne in der
Hand, traf er Swaantje ganz allein zu Hause, denn seine Frau hatte
einen Besuch zu machen und die Mädchen waren mit den Kindern aus.
»Du siehst nicht besonders aus, Kleine,« sagte er und tätschelte ihr
die Backen wie einem Kinde. Sie bediente ihn beim Kaffee; er freute
sich der kraftlosen Anmut ihrer Bewegungen und nahm den Klang ihrer
weichen Stimme dankbar hin, suchte aber vergebens nach den goldenen
Blumen in ihren Augen und lauschte umsonst auf den Widerhall seiner
Liebe in seiner Brust.
Wenn er sie ansah, war ihm zu Mute, als käme er in eine Stadt, in der
er einst viele liebe Freunde hatte, und nun waren sie alle tot.
Doch als er dann in der Werkstätte war, dachte er: »Ich will sie an
ihre Schuld mahnen, jetzt gleich. Donnerwetter, sie ist und bleibt
doch immer eine Lücke in meinem Leben, über die ich in Gedanken alle
naselang noch stolpere!« Er gedachte der Nacht, in der sie in dem
Büchersaale von Swaanhof vor ihm stand in dem weißen Nachtkleide, den
hellen Schein der Kerze über ihrer Brust, auf die der Schatten des
Palmenwedels mit kecken Fingern deutete, und des Maientages, an dem sie
mit dem Rade fiel und ihre Röcke so schüttelte, daß ihre Hosen bis über
die Hüfte sichtbar wurden, und er sagte sich: »Ich will mir holen, was
mir zukommt; denn ich habe es mit meinem Leben erkauft. Also!«
In diesem Augenblicke kam Swaantje aus dem Wohnhause und ging in den
Garten, ein Buch in der Hand. »Aha!« sagte er sich; »läuft der Hase
so?« Denn sie hatte ein weißes loses Kleid an, fast ganz so wie jenes,
das einst seine Hände hungrig gemacht hatte.
Er ging ihr entgegen: »Du hast mein neuestes Bild noch nicht gesehen,
Swaantien,« sagte er. Sie wurde rot und folgte ihm. »Ach, wie schön,«
flüsterte sie und sah ihn mit hingebungsvollen Augen an.
»Bleibe ein bißchen hier und erzähle mir was, Maus,« bat er und deutete
auf das Ruhebett. Sie gehorchte und sah ihm zu, wie er an dem Bilde
einige Stellen vollendete.
»Ach was, malen!« rief er und stellte den Pinsel in das Glas; »ich habe
keine rechte Lust dazu!« Er schob einen Sessel heran und setzte sich
zu ihr. »Hast du nichts Neues geschrieben?« fragte er. Sie schüttelte
den Kopf: »Ich habe es aufgesteckt; ich habe gar kein Talent.« Er
lächelte in sich. »Ist auch besser so. Talentvolle Frauen sind keine.«
Und dann fragte er weiter: »Hat dir Benjamin geholfen?« Sie nickte:
»Etwas!« antwortete sie. Er strich über ihre Schläfe. »Immer noch die
alte Stelle?« Sie nickte und sah ihn dankbar an, denn seine Hand war
ihr eine Erquickung. Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte sie auf
den Mund und flüsterte: »Meine Swaantje!« Ihre Arme erhoben sich, als
wenn sie seinen Hals umfassen wollten, aber dann stieß sie ihn zurück
und rief: »Aber Helmold, schäme dich!« Er ließ sofort von ihr ab und
lächelte: »Entschuldige, liebe Swaantje; das verflixte Kleid!«
Als er zu Bette ging, fragte ihn seine Frau: »Hast du Swaantje etwas
Böses gesagt? Sie war so sonderbar und will morgen abreisen.« Er
errötete etwas, erwiderte jedoch ganz ruhig: »Ich! wie sollte ich dazu
kommen?« Doch ehe er einschlief, schämte er sich, einmal, weil er seine
Hände nach einem Weibe ausgestreckt hatte, an dem ihm nichts gelegen
war, und dann, weil er fühlte, daß er sie doch noch liebte, wenn auch
nicht als Weib. »Ich habe in ihrer Seele, die ich immer und ewig liebe
und begehre, mein Bild zerschnitten,« dachte er und nahm sich vor, sie
um Verzeihung zu bitten.
Dazu kam er aber nicht, denn als er sie am Frühstückstische traf, sah
sie nicht bleich und elend aus, wie er gefürchtet hatte, sondern eher
froh und glücklicher, als in den letzten Wochen, und als sie abreiste,
nickte sie ihm aus der Wagentür freundlich zu.
»Der Teufel soll aus den Frauenzimmern klug werden,« dachte er und kam
sich wie ein dummer Junge vor, der eine kokette Abwehr ernst genommen
hatte. Späterhin aber freute er sich des Mißerfolges. Was früher seine
höchste Wonne gewesen wäre, nun wäre es besten Falles weiter nichts
gewesen, als ein Vergnügen.
»Ich hätte nicht mehr davon gehabt, als wenn ich die Zunge zum Fenster
hinausgehalten hätte,« dachte er, suchte einen bespannten Keilrahmen
heraus und entwarf ein Bild von ihr.
Der Sarg
Es wurde ein wahrhaftiges Kunstwerk; es war so schön, daß er dachte:
»Eine Liebeserklärung auf Leinewand!« Dann aber lächelte er und meinte
zu sich: »Nicht ganz, eher das Gegenteil.«
Als er aber das Bild, bevor er es einpackte, noch einmal ansah, schien
es ihm doch anders. Er setzte sich ihm gegenüber und sah ihm in die
Augen, bis das weiße Mädchenangesicht, das hell und kühl aus dem
Schatten des Kiefernwaldes hervordämmerte, zu lächeln begann und mit
bittenden Lippen flüsterte.
»Meine Nonne,« dachte er, »warum liebte ich dich so sehr, ohne dich zu
begehren? und begehrte dich, ohne dich zu lieben? Weil ich der einzige
Mann bin, der dich aus deiner Nonnenhaftigkeit erlösen konnte, aus
deinem eiskalten Alleinsein, dir ein Kind schenken, ein warmes Leben,
damit du des Nachts nicht frierst, wenn du erwachst?«
Er dachte daran, daß alle Kinder Angst vor dem Mädchen hatten, oder
wenigstens keine Zuneigung für sie, und daß kein Mann sie ansah,
außer ihm selbst und Brüne. Und mit einem Male sah er den Freund, den
einsamen, der keine Frau hatte, und der vielleicht nie eine Geliebte
gehabt hatte, der zwischen seinen Büchern und Gemälden und Bildwerken
das tote Leben des unfruchtbaren Ästheten führte, und erkannte, daß
dieser Mann denselben unerfüllten Wunsch in den Augen hatte, wie
Swaantje, und dasselbe hoffnungslose Bitten um die Lippen.
»Was ist es,« dachte er, »das diese Menschen zu mir hinscheucht
und mich zu ihnen, mich, dem alles Halbe, Unfertige, Dilettantische
gleichgültig ist? dem das Problematische kein Problem ist, und dem
das Rätselhafte nicht wert dünkt, es zu raten?« Er sah zwei Gärten
vor sich, von Mauern umschlossen, alte stille Gärten, deren Blumen
nur verstohlen dufteten, und in denen die Vögel ganz anders sangen
als sonstwo, ohne Wunsch und Wille. Er sah Brüne in weißer Kutte und
Swaantje in der steifen, kühlen Tracht der Bräute Christi, und beide
blickten ihn an mit wunschleeren Augen, in denen ein hoffnungsloses
Bitten lag.
Er pfiff das freche Lied von der Lüneburger Haide, steckte sich
eine Zigarre an und dachte an die vielen, vielen schönen Frauen und
hübschen Mädchen, die in seinen Armen zerschmolzen waren. »Restlos
zerschmolzen,« dachte er und lächelte spöttisch; »Weh und Wonne
hinterlassen gleicherweise keine sichtbaren Spuren in der Erinnerung;
wenigstens nicht auf die Dauer.«
Früher hatte er sich in lauen Stunden gern der roten Küsse erinnert,
die rechts und links in reicher Fülle neben seinem Wege blühten.
Sie waren verwelkt; dürre Stengel waren alles, was von ihnen übrig
geblieben war. »Das Leben lohnt sich wirklich nicht,« dachte er und
folgte einem Winke des Standspiegels.
Er besah sich von oben bis unten, kehrte sich um und um, zerpflückte
sich und betrachtete die einzelnen Stücke. Seine Augen sprachen die
Worte Antars, des Dichters: »Wir gehören zu einem Geschlechte, das
nicht in seinen Betten stirbt,« tuschelten sie ihm zu. »Irrtum,
Herrschaften,« sagte er, »zu dem Geschlechte derer, die nur dann
glücklich werden, wenn sie nicht in ihren Betten sterben.« Er langte
die Chronik derer von Hagenrieder heraus, ein Werk Henneckes, blätterte
darin und sah, daß die Hagenrieder nur dann Glück fanden, wenn sie den
Pflug oder das Schwert geführt hatten.
Sein Vater fiel ihm ein, der strenge, gemessene, kühle Kaufmann, der
daran gestorben war, daß er so oft verbindlich hatte lächeln müssen,
wenn er lieber gebrüllt und dreingeschlagen hätte, und daß er selber,
des früh Verstorbenen Sohn, niemals stolzer und froher gewesen war, als
wenn er die Faust hatte gebrauchen können, als Werkzeug, wenn er den
Garten grub oder Pürschsteige schlug, oder als Waffe.
»So ist es,« sprach er vor sich hin, als er die Bilderkiste zunagelte;
»Kunst ist ungelebtes Leben, ist ein Notbehelf dafür, ein ganz elender
Ersatz!«
Als er die Aufschrift auf die Kiste malte, mußte er lächeln; ihm war zu
Sinne, als schicke er seine Liebe nach Swaanhof, damit sie dort an die
Wand gehängt werde. »O, ich entbehre sie ja auch nicht mehr,« dachte
er. »Einst, als ich jung und heiß war, suchte ich in Swaantje den
Frieden des Schattens, seine kühle Ruhe, seine sanfte Stille; was soll
ich jetzt mit ihr, jetzt, da ich alt und kalt bin? Glut brauche ich
heute, sehr viel Glut und Licht und Farbe für mein kaltes Herz. Mein
ganzer Leib ist mit Küssen bedeckt, wenigstens bedeckt gewesen, aber
mein Herz hat keine davon abbekommen, mindestens lange nicht genug.
Aber Tränen sind reichlich darauf gefallen, doch die wärmen nur einen
Augenblick; sobald sie verdunsten, erzeugen sie Kälte. Das weiß ich
noch aus der Physikstunde.«
Er schrieb den Frachtschein und freute sich, daß seine Handschrift
noch genau dieselbe war wie vor dreißig Jahren, anspruchslos, ohne
Schnörkel und übersichtlich. »Im Grunde bin ich ein ganz einfacher
Mensch,« überlegte er, »so gar kein bißchen kompliziert. Wenn ich
mir und anderen manchmal so vorkam, so lag es daran, daß dies Leben,
dies zivilisierte Leben von heute in diesem Koofmichzeitalter,
in dieser Ära des geistigen Mittelstandes, in dieser Periode des
bekömmlichen Durchschnittes, so kompliziert ist. Ach ja, die goldene
Mittelmäßigkeitsstraße! Freiheit für alle Unfreien, Gleichheit
zwischen Groß und Klein, Brüderlichkeit zwischen dem, was sich haßt;
schöner Blödsinn, an dem wir vor die Hunde gehen werden.«
Die Sonne fiel plötzlich so in die Werkstatt, daß die Büchse an der
Wand grell funkelte. Er nahm sie herunter, spannte sie, stach den
Hahn ein, suchte ein Ziel, drückte ab, repetierte, stach wieder,
drückte wieder ab, schüttelte den Kopf und hängte sie an das Geweih.
Sein Gesicht war ganz ernst geworden. Er dachte daran, daß er lange
Zeit den heißen Wunsch gehabt hatte, eine Schlacht mitzumachen, aber
vorne, in den ersten Reihen. Er lächelte und sagte sich: »Na die, in
der ich mir damals den schweren Blattschuß, zwölf Ringe, faustgroßer
Ausschuß, geholt habe, die war schon blutig genug; vollkommen
invalide, knapp landsturmfähig kam ich nach Hause, und ohne Orden und
Kriegsauszeichnungen.«
Er lachte, zog ein Buch aus dem Schranke, schlug eine Stelle auf und
nickte: »Hast recht, Tscheng ki tong, wenn du schreibst: ›Übrigens kann
so etwas nie genug kosten, denn nur die Vergnügen, die uns ruinieren,
haben wirklichen Reiz.‹« Er lächelte, als er das Buch wieder in die
Reihe schob: »Stimmt, alter Chinese, und mit den Schmerzen ist es
ebenso. Der Unterschied ist nur der, daß überstandenes Weh salzig
schmeckt, verlorene Wonne aber bitter. Man kann jedes Leid wieder
erleben, aber keine Lust.«
Er ließ einen Dienstmann rufen, schickte die Kiste fort und vergaß
Swaantje, bis ein Brief von ihr kam, oder vielmehr ein Kasten, in dem
drei rote Rosen lagen, und eine Karte, auf der weiter nichts stand als
die drei Worte: »Lieber guter Helmold!«
Sie klangen ihm wie ein Schrei. Dabei freuten sie ihn wenig und
schmerzten ihn kein bißchen, trotzdem er wußte, was sie bedeuten
sollten, eine demütige Abbitte und eine Hingabe auf Gnade und Ungnade.
Übrigens mangelte ihm auch die Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen;
ein ganz großer Auftrag nahm ihn vollkommen in Anspruch, ein Auftrag,
der sich nach jeder Seite hin lohnte: ihm war der gesamte Wandschmuck
und die Innenausstattung für das neue Schauspielhaus übertragen worden,
ohne daß er sich darum beworben hätte.
Früher hätte er die Kasatschka getanzt, wäre ihm eine solche Arbeit
angeboten worden; jetzt verzog er keine Miene und sagte beim
Mittagessen so nebenbei: »Ich habe die Inneneinrichtung und alle Wände
für das Schauspielhaus bekommen, Grete, will aber Kersten, Ludemann und
natürlich für die Bildhauerarbeit Voß und Meinecke heranziehen. Mir
bleibt ja so noch genug übrig.« Seine Frau sah ihn groß an: »Wann hast
du den Auftrag bekommen?« und als er sagte: »Gestern abend,« wurde sie
ganz blaß.
Denn war das noch ihr Mann, dessen fernster Traum es einst war, einen
solchen Auftrag zu bekommen? Und mit diesem Auftrag hatte er gut
geschlafen und den halben Tag gearbeitet, und er sprach davon, als wenn
er eine Kiste Zigarren geschenkt bekommen hätte.
Angst und Trauer befielen sie, und nach dem Essen schrieb sie an
Swaantje, die bei Thorbergs in Weddingen war, daß Helmold den Auftrag
bekommen habe und für die nächste Woche in Stillenliebe zur Jagd sei.
Warum sie ihr das schrieb, wußte sie nicht; sie fühlte nur, daß sie
schreiben mußte. »Besucht ihn da doch einmal,« schrieb sie.
Es war einige Tage später, da kam Helmold gegen Mittag von der Pürsch
zurück. »Es ist auch ein Brief für Sie da, Herr Hagenrieder,« sagte der
Wirt. Der Maler nickte und setzte sich, trank sein Bier und spielte
mit den Kindern. Als er nach dem Essen auf sein Zimmer ging, um zu
schlafen, sah er, daß der Brief, der auf dem Tische lag, von Swaantje
war. Sie schrieb aus Weddingen: »Tjark und Ilsabe und ich kommen heute
nach Ohlenwohle mit dem Mittagszuge; hole uns mit Gespann ab. Wir
wollen gern einmal Stillenliebe sehen. Deine Swaantje.«