Ein Goldammerhähnchen kam angeschnurrt, ließ sich auf einem Zaunpfahle

nieder, sah die Männer zutraulich an, glättete seine gelbe Holle und

begann zu singen. Helmold pfiff leise durch die Zähne das Lied des

Vogels nach, nickte und murmelte: »Manche sagen, der Goldammer singt:

›Wie wie hab ich dich lieb, lieb.‹ Andere meinen, er sänge: ›Mein Nest

ist weit weit, weit.‹ Alles auf der Welt hat ein zweites Gesicht, die

Natur, die Kultur, die Religion, die Kunst, die Politik, die Liebe,

alles, alles. Wer das nicht weiß, ist glücklich; ich weiß es. Ich habe

es wohl immer gewußt, bloß manchmal vergaß ich es, und dann glaubte

ich, glücklich zu sein. Im Sichselbstvergessen allein liegt das einzige

Glück, also in der Narkose, durch Liebe, oder Haß, oder Arbeit. Der

Mensch ist die Krone der Schöpfung, sagt man. Er ist und bleibt aber,

wie alles Leben, eine dilettantische Leistung. In einem Buche über die

Kultur der alten Assyrer steht folgender Vers eines Dichters jener

Zeit: ›Gewandert ist in Hast mein müder Fuß so viel; ich gönnt' ihm

keine Rast, doch fern bleibt stets das Ziel.‹«

Ein braunes Ding kam über den Zaun geschwenkt, streckte gelbe

Krallen nach dem singenden Vogel aus und verschwand damit hinter der

Hecke. Helmold sah Hennig an und lachte lustig: »Eine Gemeinheit

sondergleichen; der gelbe Vogel singt von Liebe, und die Natur oder

die Vorsehung schickt ihm den braunen Tod! Ich hatte einen Mitschüler,

er hieß zwar Julius und noch dazu Müller, aber nie hat es ein so

goldenes Herz gegeben, nie so viel Güte in einem Menschen. Er starb

an Wundstarre, starb sieben Tage lang, lag da bei vollem Bewußtsein,

konnte kein Glied rühren und mußte durch künstliche Atmung hingehalten

werden, bis auch das nichts mehr half. Seine Mutter, eine Witwe, war

eine gläubige Katholikin. Sie hat, nachdem ihr Julius tot war, keine

Kirche mehr betreten und nie wieder gebetet. Ich war jeden Tag, solange

mein Freund im Sterben lag, bei ihr, und mit jedem Tag bröckelte mein

Gottesglauben mehr ab, bis nichts mehr davon übrig war, besonders

seitdem ich vergleichende Religionsgeschichte gelesen hatte. Und dann

kam ich an die Philosophie.« Er schüttelte den Kopf: »Na, das ist

erst der größte Blödsinn; Narkose im Quadrat; vierte Dimension des

Stumpfsinnes.«

Ein fast voll entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren mit hellblonden

Flechten kam losen Ganges den Fußweg entlang, warf sich in die Brust,

als sie die beiden Männer sah, machte ihnen einen Knix und sah den

Maler so heiß an, daß Hennig die Augenbrauen hochzog. Helmold bemerkte

es und meinte: »Ein reizendes Geschöpf, und so sehr verliebt. Die

am Herzen liegen zu haben, das brächte mir am Ende noch ein bißchen

Glück. Aber das wäre unmoralisch. Früher lebte ich unmoralisch, und

hielt darum von der Moral sehr viel. Jetzt werde ich wohl moralisch

leben, denn ich weiß, daß die Moral Schwindel ist, besonders die

Geschlechtsmoral; ihre Wurzel ist der Neid, und weiter nichts. Wenn

ich mit den Augen winkte, flöge mir dieses Bild von Mädchen an die

Brust, und gäbe mir alles, was sie zu verschenken hat. Und nähme ich

es, so gäbe das ein schönes Geschrei; denn alle Männer sehen ihr mit

den selben hungrigen Augen nach, wie ich, und wie du, lieber Hennig.

Infolgedessen, darum und so weiter!«

Er sah den Rauchringeln nach, blickte mit leeren Augen über das

lachende Land und auf die kleinen Mädchen, die in der Wiese Blumen

pflückten, und sprach vor sich hin: »Ich will hier fort. Mir ist es

peinlich, die Anteilnahme in Frau Pohlmanns Augen zu sehen. Und dann

ist Annemieken da. Allen bin ich Dank schuldig; aber wie kann ein toter

Mann Dank abstatten? Höchstens durch kalte Worte. Laß uns irgendwohin

fahren, wo kein Mensch mich kennt, und wo kein Mensch ist, den ich

lieben muß.«

Das taten sie denn auch; doch zuvor fuhr Helmold nach Hause, um einige

Tage mit den Kindern zu verleben. Als er eines Morgens, während seine

Frau ausgegangen war, in der Werkstatt seine Bilder betrachtete, um

zu prüfen, ob nicht dort oder da Spuren einer krankhaft verzerrten

Anschauung zu finden seien, klopfte es an der Tür und auf seinen Zuruf

trat Luise herein. Sie war ganz blaß und hatte die Augen unter sich. Er

hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihr allein zu sein, und er war

sehr froh darüber gewesen; aber als er sie so dastehen sah mit auf den

Estrich gerichteten Augen, wurde sein Herz doch ein wenig warm, denn

sie sah so schön und dabei so magdlich demütig aus. »Nun, liebe Luise,«

fragte er, und strich ihr mit der Hand über die Backe, »wo fehlt es?

Denn du hast etwas auf dem Herzen, das sehe ich dir an.«

Das Mädchen sah auf, schlug aber die Augen sofort wieder nieder, und

ihre Brüste gingen auf und ab, als sie endlich herausstotterte: »Herr

Hagenrieder, ich, ich, mein Schwager, Sie wissen doch, meine Schwester

ist gestorben, und nun sitzt er da mit den beiden kleinen Kindern. Und

er ist da und fragt mich, ob ich ihn nicht heiraten will.« Sie strich

an ihrer Schürze entlang und schwieg. »Hast du ihn gern?« fragte er.

Sie nickte: »Er ist ein guter Mann und fleißig, und er sagt, er hat

mich von jeher gut leiden mögen, und denn sind die Kinder da, und die

mögen mich gut leiden. Und so wie es ist, kann es doch nicht bleiben.«

Sie stockte, fuhr aber gleich fort: »Aber ich meine, solche Eile hat

das just nicht, und wenn Sie wollen, Herr Hagenrieder, so bleibe ich

noch.«

Eine warme Welle lief ihm über die Brust. Er faßte das Mädchen bei der

Hand und sagte: »Nein, das will ich nicht; denn auf die Dauer durften

wir nicht so weiter leben. Wenn Sie Ihren Schwager wirklich gern haben,

ist es so das Beste.« Sie nickte und sah ihn dankbar an, Tränen in den

Augen. Er gab ihr die Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück, mein

liebes Kind. Und noch eins: jeder Mensch kann einmal Sorgen haben.

Vergiß nie, daß ich dir sehr viel Dank schuldig bin.«

Er sah ihr nach, als sie gerade und aufrecht durch den Garten ging, und

als sie in der Haustür verschwand, dachte er: »Meine Jugend hat mich

verlassen; wohl mir!«

Am anderen Tage fuhr er mit Hennecke fort. Als er nach einem Monde

wieder kam, hatte er ein volles, braunes Gesicht, klare Augen, eine

feste Stimme und einen straffen Gang. Das Weiche, Zarte war ganz bei

ihm verschwunden, doch auch das Harte und Eckige.

Er sah seinen Kleiderschrank durch, tat alles beiseite, was nach

gesuchter Eigenart schmeckte, hielt eine fürchterliche Musterung unter

seinen Halsbinden und Handschuhen ab und gab dann der neuen Magd den

Auftrag, das Moos, das er früher so sehr geliebt hatte, von den Wegen

im Garten zu entfernen. Dann stellte er alle Bilder von Swaantje wieder

an ihre Plätze und desgleichen die Geschenke, die er und seine Frau

von ihr erhalten hatten, und schließlich schrieb er ihr einen netten

Vetternbrief, in dem er ihr in leichter Weise erzählte, wie sein

äußeres Leben in der letzten Zeit gewesen war. »Denn,« sagte er sich,

»sie ist nun doch einmal unser Bäschen.«

Als Grete ihm erzählte, daß Swaantje Krankenschwester werden wolle,

erwiderte er: »Na, dann wird sie hoffentlich über kurz oder lang Frau

Doktor Soundso heißen. Das wäre auch das beste für sie.« Seine Frau

stand auf, legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Ist das

dein voller Ernst, lieber Helmold?« Er sah sie mit aufrichtigen Augen

an, nickte und antwortete: »Jawohl, das ist es; ich werde nicht wieder

rückfällig.« Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Sie war

mir ein leiser Oktavton; er ist in mir aufgegangen und klingt nicht

mehr. Ich war C, sie eine Oktav tiefer. Es gab keine Dissonanz, aber

auch keinen Akkord, denn sie war ein zu unselbständiger Ton neben mir.

Ich liebte sie aus Angst vor dem Altwerden; jetzt habe ich vor dieser

Angst keine Bange mehr.«

Er sprach die Wahrheit; er wußte, daß er bereits alt war. In dem

Luftkurorte, in den er sich mit Hennecke geflüchtet hatte, war er

bald der Mittelpunkt der Geselligkeit gewesen, und wenn er gewollt

hätte, so konnte er viel süße Küsse pflücken. Er hatte aber nur mit

Worten getändelt und zumeist harmlos, bis sich aus dem Wortgetändel

zwischen ihm und einer hübschen, sehr schlagfertigen Frau, die unter

den Folgen eines Scheidungsprozesses litt, etwas entwickelte, das wie

Liebe aussah, aber im Grunde nur der Niederschlag der gepfefferten

Wortgefechte war, die ihm neue Spannkraft gaben und ihr das zerdrückte

Herz aufrichteten.

Er war oft sehr weit in seinen Bemerkungen gegangen. Die Frau trug

eines Tages seidene Strümpfe mit einem spiralig verlaufenden Muster.

Als er mit lustigen Augen darauf hinsah, fragte sie ihn: »Interessieren

Sie meine Strümpfe so sehr?« Er lachte: »Ja freilich; das Muster

eröffnet dem denkenden Leser die interessantesten Perspektiven?« Sie

fuhr auf: »Aber, Herr Hagenrieder?« Er lachte wieder: »Na was denn?

Denkt man sich die Spirale fortgesetzt, so landet man schließlich bei,«

er sah sie harmlos an, »dem klugen und schönen Gesichtchen!« Sie drohte

ihm mit dem Finger.

Drei Tage, bevor sie abreiste, sagte sie ihm: »Sie haben mein Herz

wieder lachen gelehrt, Sie ganz frecher Mensch Sie; aber ich glaube,

ich habe Ihnen auch etwas geholfen. Es ist übrigens gut, daß jetzt

wieder jeder seinen eigenen Weg geht.« Sie sagte das mit lachendem

Munde, aber dabei liefen ihr Tränen in die Augen, und sie drehte sich

schnell um.

Er hatte sich sehr an sie gewöhnt, und ihm war so, als müßte er ihr in

den Laubengang nachgehen und sie in den Arm nehmen; aber er riß sich

zurück. Als sie abgereist war, sagte er sich: »Herr Hagenrieder, Sie

werden alt, oder vielmehr, Sie sind es schon.«

Er war es; er wurde kühlverbindlich in seinem Benehmen, zurückhaltend

im Reden und vorsichtig im Handeln. Er, der früher Gefahren und

Verwicklungen suchte, schlug jetzt Richtwege ein, konnte er dadurch

eine Unannehmlichkeit vermeiden. »Passé!« dachte die Gräfin

Tschelinski, als sie ihn wiedersah, und wich ihm aus, was ihm sehr lieb

war, denn ihr übermodernes Wesen hatte ihm schon längst den Appetit

verdorben. Noch froher war er, als der Prinz ihm erzählte, daß Frau

Pohlmann ihr Anwesen verkauft und sich anderswohin verheiratet habe.

Mit viel mehr Freude konnte er nun zur Pürsch auf den roten Bock

fahren. Aber auch mit der Jagd war er auseinandergekommen; er schoß

nach dem Bock, wie nach der Scheibe, und während er sich früher

gänzlich der Stimmung der Landschaft hingegeben hatte, betrachtete

er sie jetzt mit den selben Augen, mit der er seine entthronten

Herzensköniginnen ansah. Er bemerkte ihre Schwächen, ohne daß er

dadurch abgestoßen wurde; er hing nicht mehr an ihnen, und so

beleidigte ihn das Fehlerhafte nicht.

Seine Frau freute sich über ihn; er war jetzt immer gleichen Mutes,

hatte nie üble Laune, vergaß kein einziges Mal den Morgen- und

Abendkuß, gab sich viel mit den Kindern ab, war der rücksichtsvollste

und verbindlichste Kavalier in allen Gesellschaften, zu denen sie mit

ihm ging, sah nie mehr mit langenden Augen nach anderen Frauen hin, aß

stets mit Appetit, ging rechtzeitig schlafen und teilte sich Arbeit und

Erholung gewissenhaft ein.

Ab und zu wurde ihr die Abgeklärtheit und Durchsichtigkeit seines

Wesens etwas unheimlich; aber bei ihrer frohherzigen Natur kam sie bald

darüber hinweg, und sie sagte sich schließlich auch: »Ach was, es ist

auch besser so!«

Ganz das selbe dachte er dann und wann auch. Wenn er beim Malen war,

und er alle die Formen und Farben, die sein Herz ihm nicht mehr bot,

aus seinem Verstand hervorholte und kühl und überlegen zu kraftvollen

Werken zusammenklingen ließ, dachte er: »Ist das langweilig! Ich weiß

ja, es gelingt: also lohnt es sich nicht mehr!«

Er wünschte sich in solchen Augenblicken, er wäre tot, und seine Witwe

fände einen netten, guten und klugen Mann; denn in Wirklichkeit stand

auch sie samt den Kindern fern von ihm.

Mit Hennecke ging es ihm nicht anders; er liebte ihn nur noch in der

Erinnerung und hatte ihm das einst gesagt. »Ist mir ganz schnuppe,«

hatte Hennig geantwortet, und er setzte hinzu: »es freut mich aber,

daß du es mir sagst; das ist eine Liebeserklärung in bester Form. Ich

habe dir viel, du mir einiges zu danken; daran wollen wir uns genügen

lassen. Schließlich bleibt doch jeder Mensch allein.«

Auch er war ein kalter Mann geworden, seitdem ihm seine Line drei

Tage, bevor er sich mit ihr trauen lassen wollte, von einem Kraftwagen

totgefahren war. Nicht viel anders ging es Beni Benjamin. Er hatte die

Stelle als Nervenspezialist am städtischen Krankenhause angenommen,

den Professortitel bekommen, spielte eine Rolle in der Gesellschaft,

und noch mehr seine schöne, lebhafte Frau, und er hatte auch die leise

Frau, die er sich geträumt hatte, in einer Patientin gefunden, die er

von jahrelangem Leiden gerettet hatte. Da starb ihm sein Sohn, und

nach einem Vierteljahr war er ein stiller Mann mit toten Augen und

lippenlosem Munde.

»Tja«, scherzte Helmold Hagenrieder, als er mit ihm und Hennecke

hinter einer guten Flasche saß, »hier sitzen wir drei Weisen aus dem

Morgen- und Abendlande, hocherhaben über der blöden Menge und können

singen: ›Guter Mond, du gehst so stille!‹ Ja, lieber Hennig, du hattest

recht, als du mit zwanzig Jahren dichtetest: ›Nichts hoffen, aber

auch nichts fürchten, nie traurig, doch auch niemals froh; Ich möchte

sein, was ich gewesen; ach was, es ist auch besser so!‹ Stoßt an,

Brüder von der kalten Lamain; das Leben ist einer Hühnerleiter nicht

unähnlich: ziemlich dreckig, oder noch mehr einem Kinderhemde: kurz und

bescheiden. Na, wir haben es bald zur Strecke gebracht. Ha la lit!«

Das meinte er aber durchaus nicht im trübseligen Sinne, und gleich

darauf erzählte er die tollsten Schnurren, ließ sich den Wein und die

Zigarre schmecken und ging um halb elf Uhr heim; denn der Alkohol war

ihm jetzt nur noch ein guter Freund, von dem er sagte: »Man darf die

Freundschaft nicht zum Verkehr ausarten lassen.« Einmal in der Woche

traf er sich mit Hennig und Beni beim Wein und einen anderen Abend ging

er in den Künstlerverein, um Billard zu spielen und zwei Gläser Bier

dabei zu trinken.

Nur wenn Vollmond war, kam ab und zu die alte Unruhe über ihn; aber

dann sah er sich vor und fuhr nach Stillenliebe, tobte sich mit Klaus

Ruter, der inzwischen den väterlichen Hof übernommen hatte, hinter den

Karten aus und ließ sich von Annemieken die Brummfliegen wegjagen.

Bei diesem Mädchen, das gar keine Bildung, aber ein Herz und einen

scharfen, wenn auch nicht weiten Verstand und viel Takt hatte, wich

alle seine Unruhe sehr bald. Zudem fesselte sie ihn, wenn auch wenig

mehr als Weib und auch kaum als Einzelmensch, sondern als Typus; das

Erdgebürtige, das Urwüchsige, Unverbildete ihrer Erscheinung und

ihres Wesens sagte seinem Urmenschenempfinden zu, und mit stets neuem

Erstaunen lauschte er den unwillkürlichen Offenbarungen, die ihrem

Unterbewußtsein entsprangen.

Sie konnte eben noch lustig lachen, aber dann begannen ihre Augen

zu verschwimmen, und wenn sie sprach, hörte er nicht ein hübsches

Landmädchen reden, sondern sein Volk sprach zu ihm. Stundenlang konnte

er, die Pfeife im Munde, im Backenstuhle sitzen und in das offene

Feuer sehen, während Gift und Galle sich zu seinen Füßen räkelten und

die Katze auf seinem Schoße saß und schnurrte; ihm gegenüber saß dann

Annemieken, spann und sang mit nur halb entfalteter Stimme ein altes

Lied.

»So kann man tausend Jahre sitzen,« sagte er, den Funken zusehend, die

um den Dreifuß sprangen. »Ja, Feuer ist Gesellschaft,« antwortete das

Mädchen und ließ das Rad weiter schnurren.

Er sah sie groß an; dieses eine Wort, das einzig mögliche, um die

Bedeutung des offenen Feuers für das Seelenleben eines ganzen Volkes

wiederzugeben, eröffnete ihm einen Ausblick auf die Entstehung der

gesamten Volksdichtung.

»Weißt du, Mieken, daß du eine Dichterin bist?« fragte er sie. Sie

nickte gleichmütig: »Ja, ich habe erst heute noch das Fenster

im Ziegenstall gedichtet«, und dann lachte sie, weil er ein ganz

verblüfftes Gesicht machte, denn das war der erste Kalauer, den er von

ihr hörte.

Doch so ging es ihm oft mit ihr; sie hatte tausend Schubladen und

Geheimfächer in ihrer Seele, und manche davon waren so versteckt

angebracht, daß sie sie nur ganz zufällig fand und selber erstaunt

war über die alten Erbstücke, die darin herumlagen, einige noch

gut erhaltene, andere vergilbt und stockfleckig, mottenfräßig oder

schimmelig.

Das Spinnrad schnurrte, der Tranküsel flackerte, rote Funken sprangen

hin und her, und die gewaltigen Pferdeköpfe des Herdrahmens warfen

unheimliche Schatten auf die Wände des Fletts. Mieken rührte die Arme

fleißig, und Helmold betrachtete mit zufriedenen Augen ihr reiches

blondes Haar, ihr frisches Gesicht, das bei jedem Lächeln drei Grübchen

vorwies, die vollen Brüste, die sich ungesucht unter dem weißen Hemde

und dem roten Leibchen abzeichneten, und die prallen Lenden, die

der blaue Rock umspannte, während die weiße Schürze sich im Schoße

verführerisch knickte, und er ließ sich von der alten Weise streicheln,

die der Kessel brummte und Annemieken summte, bis sie, mit verträumten

Augen vor sich hinstarrend, zu erzählen begann und ihn in die Zeiten

führte, da noch die Bäume rote Herzen hatten und jedes Tier eine

Sprache besaß, die von Menschenohren verstanden wurde.

Sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte, saß vor ihm

in Weibesgestalt, durchsichtig, wie ein tiefes Wasser, und ebenso

unergründlich, schön anzusehen und doch schrecklicher Geheimnisse voll,

und es blickte ihn mit hellen warmen Augen an, die einen Pulsschlag

später kalt und dunkel aussehen konnten.

Er zerfaserte sein Verhältnis zu dem jungen Weibe, das vor ihm saß und

in völliger Selbstvergessenheit spann. Zu Bildern waren ihm die Frauen

im allgemeinen nun geworden; er konnte sie nur noch flächig sehen.

Bei Annemieken war das anders, die lebte um ihn; weniger sie selber,

als das, dessen Sinnbild sie war, als sein Volk, mit dem er sich eins

fühlte.

Er dachte an die Stadt und lächelte in sich; Plunder, Volants, außen

und innen, ein Staffeleileben, zwecklose Ornamentik, Künstelei, das

Ganze ohne viel Sinn und Zweck.

Er sah sich im Flett um; da war nur Zweck und gar kein Ornament. Selbst

die Mährenhäupter des Rahmens waren nur Zweck, eine Verbeugung vor

Wode, dem entthronten Gotte. Aber wie schön war nicht der Kesselhaken

in seiner ganz auf den Zweck gearbeiteten Form, wie schön jedes Stück

Geschirr an der Feuerwand, wie sinngemäß die kunstvolle Pflasterung des

Estrichs mit den geschwungenen Schmuckstreifen aus weißen Kieseln. Das

war Kunst, Kunst im Leben, nicht neben dem Leben, keine Staffelei- und

Atelierkunst.

Überall lachte sie ihn an, die Seele seines Volkes, die ein Kunstwerk

aus jedem Geräte gemacht hatte, und nur deshalb, weil sie an Kunst

nicht dachte. Ob es nun der Kugelfußtisch war oder der Stuhl mit dem

Sitze aus Schilf, die Tranlampe oder der Tellerkranz, jedes Stück

erzählte oder sang in seiner leisen Art; desgleichen der Rosmarinstock

vor dem Fenster der Dönze und der grüne Topf, in dem das Allwundheil

wuchs. Das war die Welt, in die er hineinpaßte, in der er hätte leben

müssen, wenn auch nur als kleiner Handwerker.

Hier tönte ihm noch ein Echo des wirklichen Lebens. Es war ihm ein

Bedürfnis, Annemieken die schweren Arbeiten abzunehmen; er fühlte

sich ganz hineingestimmt in diese Welt, er, der Mann, der dem übrigen

Leben gegenüber sich zum Außerhalbsbewußtsein hingefunden oder verirrt

hatte. Da war Ruhe und Frieden und langsames, bedächtiges Schaffen;

da war nicht jeder Augenaufschlag mit einem Lächeln gewürzt, wurden

Zärtlichkeiten nicht feilgeboten. Alles mußte erarbeitet oder erobert

werden.

Unglaublich tief war das Verständnis dieses einfachen Weibes für

seine Art; denn es beruhte auf der uralten Überlieferung, auf nach

Jahrtausenden zählenden Gewohnheiten, auf einer unermeßlichen Erfahrung.

›Hier ich, da du!‹ das war die Losung, und das Feldgeschrei

hieß: ›Jedem das Seine!‹ Da gab es keine Seelenvermanschung,

Persönlichkeitsverquirlung, nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie

zwischen dem Birnbaum im Grasgarten und dem Efeu, der ihn umwuchs. Vor

allem! man sprach nicht über Dinge, die mit Worten nicht zu ändern

sind, wie man seit Jahrzehntausenden wußte; man war zu klug und zu

gebildet und zu keusch. Man zog sich nie nackt vor einander aus, und

man quälte sich nicht mit Unmöglichkeiten. Man gab sich keine Mühe, den

anderen zu durchdringen; man wußte, jeder blieb doch für sich. So gab

es keine Enttäuschung und kein Entfremden, keinen kalten Blick nach dem

Nacken des anderen.

Er trank den Rest Warmbier aus der zinnernen Kanne, die er neben dem

Feuer stehen hatte, klopfte seine Pfeife aus, hängte sie an den Nagel,

sah das Mädchen an und sprach: »Annemie!« Sie lächelte und ihre Augen

leuchteten, denn wenn er sie so anredete, das wußte sie, mußte sie ihm

irgendwie helfen. Sie sah ihn fragend an. Er fing an: »Annemieken, du

hast sie doch gesehen, damals, als ich so krank war?« Sie nickte. »Wie

gefiel sie dir?« Sie wiegte den Kopf hin und her: »Ich weiß nicht; das

war nicht Fisch noch Fleisch!«

Er sah Swaantje vor sich. Ihre Augen hatten keine goldenen Blumen

mehr, sondern gelbe Flecke; ihre Stimme war nicht mehr weich, sondern

schwach; ihr Gesicht war zu sehr nach Mannesart geschnitten, und ihr

Haar roch nicht wie Mädchenhaar; was sollte er also mit ihr?

Aber er hatte ein Anrecht auf sie, er wollte seine Satisfaktion von ihr

haben; wollte damit alles das, was er durch sie eingebüßt hatte, wieder

in sich hineinzwingen. »Aber das wird doch nicht gehen,« überlegte

er, nahm Annemieken in den Arm und küßte in ihr sein Volk, ließ sein

Bewußtsein in ihr untergehen, wärmte sein altes Herz an dessen ewig

jungem Leben.

Als dann der Schlummer sein Denken schon zudecken wollte, war es ihm,

als ob seine Ehefrau neben ihm atmete, und sehnsüchtig gedachte er

ihrer. Er sah sie als Bäuerin im Hause walten, ruhig und bedächtig,

nur ihm und den Kindern lebend, unbekümmert um das, was außerhalb

ihres Hofes in der Welt vor sich ging, ganz und gar weiter nichts als

Frau Hagenrieder, von seiner selbstverständlichen Achtung umgeben, und

seiner vollen Liebe um so sicherer, als davon niemals die Rede war.

Als er nach drei Tagen in der zweiten Wagenklasse heimfuhr, hatte er

ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft zur Fahrtgenossin. Sie war

einst seine Tischnachbarin gewesen, hatte ihm in allen möglichen Dingen

widersprochen, bis ihm die Geduld riß und er freundlich antwortete:

»Ja, über bildende Kunst kann ich nicht urteilen, gnädiges Fräulein;

ich bin man bloß Maler.« Sie hatte erst einen roten Kopf bekommen und

glühende Augen, war aber dann ganz weich geworden und hatte ihn in

aller Form um Entschuldigung gebeten.

Nun war sie wie Knetwachs in seinen Händen. Sie war sehr schön und

von reizendem Wesen, und er wußte es: »Ein Wort, ein Griff und du

hast sie.« Aber er hatte eingesehen, warum er noch vor kurzem jedes

Frauenherz annahm, das ihm hingehalten wurde; Seelen hatte er sich

vermählen wollen. Nun er einsah, daß das eine Unmöglichkeit war, riß

er sich zurück, unterhielt das hübsche Mädchen auf das beste, vermied

jene innere Annäherung und schied von ihr mit einem höflichen Lächeln.

Am nächsten Tage mußte er abermals ein Herzchen dankend ablehnen. Er

war allein im Hause und Minna, das Kindermädchen, das mit einem Male

einen prallen Schürzenlatz und verlangende Augen bekommen hatte, umgab

ihn, als er zu Abend aß, mit so durchsichtiger Hingebung, daß die

Absicht mit Händen zu greifen war. Als er dann allein in der Werkstatt

war, erschien sie zweimal dort, reizend anzusehen in dem Waschkleide,

dem weißen Tändelschürzchen und dem Spitzenhäubchen in dem welligen

hellen Haar.

Sie tat ihm leid, denn allzu deutlich bot sie sich ihm an, von der

Natur getrieben und aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus gegen den

allzeit gütigen Herrn; auch war er sich ganz klar darüber, daß er sie

begehrte, einfach deshalb, weil die Natur den reifen Mann zu dem eben

aufblühenden Weibe hinzwingt; aber er nickte ihr nur freundlich zu und

sagte: »Danke, liebes Kind, nun habe ich alles; wenn du noch etwas

ausgehen willst, so ist mir das recht. Es ist ein so schöner Abend.«

Rüstig arbeitete er an seinem Bilde weiter, denkend: »Ich bin nicht

mehr jung genug für solche Dinge und habe also das Recht darauf

eingebüßt. Und sie ist zu schade dafür, mir weiter nichts zu sein, als

ein Spielzeug. Und sie wird nicht mehr an mich denken, sobald sie einen

findet, der ihrer Art ist.«

Die nächste Zeit hatte er sehr viel zu tun, einmal mit seinen großen

Aufträgen und dann mit dem Doppelbildnis des Oberpräsidenten und

seiner Frau. Als es fertig war, schickte er es ihnen hin, und als er

am folgenden Tage dort eingeladen war und die Oberpräsidentin ihm

sagte: »Sie haben uns hoch erfreut, lieber Freund; wie sollen wir das

gut machen?« lachte er und sagte: »Dadurch, daß Eure Exzellenz mir

gestatten, noch oft kommen zu dürfen.«

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 15 / 20 段