schluchzte auf und schrie: »So sage mir, arme Seele, gehetztes Herz,
müder Geist, sprich, was soll ich tun, daß du dein Lächeln wieder
findest, die Angst aus deinen Augen verlierst und dem Sturme dein
Weinen aus den Händen nimmst? Was ich dir antat, ich weiß es nicht;
aber ich will es wieder gut machen; büßen will ich es, wie du es mir
sagst, mit Not und Tod oder einem Leben ohne Abend- und Morgenrot. Das
schwöre ich dir bei den sieben Sünden, die bei mir stehen, drei zu
meiner Rechten, drei zu meiner Linken und der einen, die über mir ist.
Ich gelobe es dir bei allen Lüsten, die mich locken, und bei allen
Süchten, die mich schrecken. Siebenmal schwöre ich es dir.«
Da sah ihn die Stimme, die nicht von gestern war und nicht von heute,
und nicht hier noch da, und weder laut noch leise, freundlich an,
und also sprach sie: »Ich halte deine Schwüre in der einen Hand und
deine Gelübde in der anderen, und ich sehe, sie sind wahr und ehrlich
und treu; so wisse denn: lege deine grünen Hoffnungen alle ab, wirf
deine blauen Träume hinter dich und tritt weit fort von deinen roten
Wünschen. Das ist das eine; aber das zweite ist dieses: zertritt das
bunte Gedenken, reiße ab die lachenden Erinnerungen und rotte gänzlich
aus das Wissen von dem, was du nicht wissen durftest. Das ist das
andere; aber das letzte ist dieses: laß dein Lachen hier im Walde
liegen und dein Weinen, wo deine Füße stehen, und all dein Fühlen mußt
du der Einsamkeit geben und der Dunkelheit und der Stille. Ohne Wehr
und Waffen gehe von hier, daß ich nicht mehr zittern muß, wenn deine
Schritte meine Gedanken kreuzen, wenn deine Augen Schatten auf meinen
Weg werfen und deine Sehnsucht über mein Herz hinwegfliegt. Gelobest du
mir das?«
Seine Seele neigte ihr Haupt und gelobte es bei allem, was sie
fürchtete, und da sprach die Stimme zu ihm, und noch freundlicher
sprach sie, daß es wie Maiensonne auf seine Angst fiel, und also
sprach sie zu ihm: »Siehe, meine Augen sie bluten nicht mehr so sehr,
und meine Lippen röten sich ein wenig, und meine Hände zittern kaum
noch, weil die Furcht sie nicht mehr so quält und die Angst und das
Entsetzen; und nun höre: du hast gerufen heute: du edeles Wild, adelig
Getier, mein sollst du sein, ehe daß die Sonne sinkt. Wenn die Sonne
sank für dich wie für mich, keine Blume uns mehr blüht und Schmerz und
Lust uns nicht mehr ihre Lieder singen, dann will ich dein sein, ganz
und gar dein sein, für immer und ewig dein sein, du lieber, viellieber,
geliebter Jägersmann.«
Als er in das Dorf zurückkam, riefen im Kruge die Fiedeln, und die
Trompeten schrien, und eine Flöte lachte: »Komm tanzen, junger
Jägersmann!« Er ging in den Saal und sah sich um. Annemieken stand da,
schön wie immer, aber sie kannte ihn nicht. Sein Freund ging an ihm
vorüber, aber er sprach ihn nicht an, und sein Feind warf seine Augen
auf ihn, doch ohne Haß.
An der Wand hing ein Spiegel; der rief ihn zu sich hin. Er sah hinein
und setzte sich auf die Bank der alten Leute.
Der graue Engel
Im blauen Himmel ging alles auf Strümpfen. Die Straße war auf drei
Häuserlängen mit Stroh belegt und mit Kaff bestreut, und an der
Haustüre hing ein Schild, auf dem zu lesen stand: Kein Ausschank. Alles
Vieh und auch der Hund waren in der Nachbarschaft untergebracht, und
die Pumpe war festgebunden, und auf der untersten Treppenstufe war
mit Kreide die heilige Fünf hingemalt, denn der Tod stand hinter der
Haustür.
Er war wütend. Kinder, Greise und sonstiges Niederwild zu jagen dünkte
ihm kein Waidwerk; nach Edelwild gelüstete ihn, nach einer hohen Beute.
Diesen Mann da zu fällen, diesen großen Künstler, ehe er sein Bestes
gegeben, ehe daß er Tausenden von Menschen das Herz gestärkt hatte,
das war ein lohnendes Ziel. Über die zwei Männer und die Frau, die zu
seiten des Krankenbettes saßen und ihre Schilde vor den siechen Mann
hielten, lachte der Tod; aber die eine, die nicht da war, die machte
ihm schwer zu schaffen.
Ingrimmig knirschte der graue Engel mit den Zähnen, daß es dem Förster,
der in der Gaststube saß, eisig über den Rücken lief und er schnell
seinen Schnaps austrank. Dann bückte der Tod sich, trat auf die Straße,
von der die Spatzen entsetzt aufflogen, als sein Schatten auf sie
fiel, und stellte sich vor das gegenüberliegende Haus, wo Lorenmutters
Fuchsien sofort die Knospen verloren, denn die Augen des Todes hatten
sie gestreift. Aber auf die alte Frau fielen seine Blicke nicht; er
wandte sie dahin, wo Helmold lag, und stierte nach dem Fenster.
Hineinsehen konnte er nicht, weil die Vorhänge zugezogen waren; aber er
wollte doch wenigstens hinsehen.
Der Kranke hatte ruhig dagelegen. Sein Gesicht sah wie eine Totenmaske
aus; jede Spur von Leben hatte das Fieber aus ihm herausstilisiert.
Regungslos saß der Arzt da, mit losen Fingern das Handgelenk des
Freundes umspannend. Aber nun blickte er auf; die weiße Flaumfeder auf
den Lippen des Kranken rührte sich hastiger. Frau Gretes Züge verzogen
sich zum Weinen, Hennigs Gesicht verdunkelte sich; die Augen des Arztes
sahen starr nach dem Gesicht des Kranken.
Im nächsten Augenblicke sprang er auf und hielt beide Hände über das
Bett, denn Helmold hatte sich mit einem Ruck emporgeschmissen, sah ohne
Verstand um sich, machte einen bittenden Mund und flehte: »Kuß, ein'
einz'gen Kuß, Swaantje!« Sein Gesicht füllte sich mit Entsetzen; er
fiel zurück und atmete schwer. Dann sprach er mit verdorrter Stimme:
»Die Augen, nein die Augen; was sind das für Augen? Leg sie fort, ganz
weit, nein, dahin, weg!« Seine Brust ging auf und ab; er röchelte: »Ist
nicht wahr, hab ich nicht gemalt, Lüge, alles gelogen. Die Augen, die
Augen! Grete, du hast gelogen. Wir drei, wir drei, wir drei, hast du
gesagt. Gemeine Lüge!«
Er knirschte mit den Zähnen und stöhnte: »Tödeloh, da bin ich
gestorben, ganz totgestorben. Ha la lit! Der gute Bock ist tot! Bock
tot, will ich blasen. Mein Horn ist weg.« Er warf sich hin und her;
dann sang er: »Rose weiß, Rose rot,« und flüsterte weiter: »Sophie,
eine Runde! Deuwel auch, Klaus, laß dir das nicht gefallen; Wiebken
mogelt.« Er lachte: »Es gibt viel Schönes, Wunderschönes: Maserholz,
grobe Leinwand, so wie Annemiekens Hemden, rohes Kupfer, das heilige
Dreieck. Ach ja, das heilige Dreieck, das dunkele Geheimnis, unser
Anfang, Ende auch. Such verwundt, mein Hund, weis' verwund't, mein
Hund! Szissa her mit'n Lüttjen, her mit'n lüttjen Schluck!«
Er flötete den Jagdpfiff, versuchte zu blatten, zog beide Hände vor
das Gesicht, als wollte er in Anschlag gehen, und schrie: »Mariee,
Dicke, was hast du für Arme! Wahre Pracht. Auf Chali pfeif ich; das
ist ein Biest. Jawohl, gnädige Frau, künstlerische Reife ist Beginn
der Fäulnis. Entweder leben oder Künstler sein. Die Atrappe ist höhere
Gemeinheit. Hurra, es lebe der Öldruck! Hennig, deine Line ist keine
Dame, darum mußt du sie heiraten. Damen sind inaktive Dirnen. Pfui
Teufel! Hier habe ich voriges Jahr den Keiler geschossen. Nein, ich
schieß ihn nicht, Swaantje, aber küssen will ich dich, wenn du auch
noch solche Augen machst.«
Er griff mit den Händen umher! »Hülfe, Hülfe, tut mir nichts: ich will
ja mein Herz wegschmeißen! Da, da liegt es, seht Ihr, im Dreck; der
Hund hat es geholt! Seid Ihr zufrieden, Grete und Swaantje? Nun bin ich
ganz artig.«
Er fiel zurück und schlief ein, wachte aber sofort wieder auf und
schrie: »Schwindel! Alles Schwindel, Farbe, Liebe, alles, alles!
Hennig, sieh den Schillerfalter; alle Farben hat er, hat er; also
Schwindel. Hat überhaupt keine, tut bloß so. Nichts ist so, wie es
aussieht. Swaantje sieht gut aus, Swaantje ist böse. Grete auch,
Sophiee auch, Mariee auch, aber Annemieken ist gut. Soll ich dir
helfen, Annemie? Was brauchen wir unsere Herzen? Weg damit! Ohne Herz
liebt es sich bequemer. Wer hat den Hochsitz hierher gestellt? Senator,
Sie irren sich, Sie sind Fachmann, verstehen also von der Sache nichts,
sind darin, nicht darüber. Prinz, du schießt ja doch nur vorbei, ganz
sicher; hast ja den Tatterich. Frau Trui, der Honig ist ausgezeichnet,
süß, wie heimliche Küsse. Aber die Farbe ist Schwindel; Honig muß rot
sein. Alles, was süß ist, ist rot. Rote Rosen sind schön. Wer hat die
verdammten Nesseln mang die Küsse gebunden? Was sollen die Witze? Häh?«
Er fiel abermals zurück. Der Arzt goß Arznei ein und flößte sie dem
Kranken ein, der unwillig schluckte. Frau Grete sah wie der Tod aus,
Hennigs Gesicht war wie aus Holz. Helmold schlug um sich. »Laß mich
in Ruhe mit dem verdammten Kleide, hörst du? Es ist mit kalten Augen
besetzt, gemeinen Augen. Fort damit! Ich hasse die Kanaille und halt
sie mir vom Balge, sagt Horaz. Prost, oller Römer! Janna, Manna, singt
noch eins!« Er summte: »Meiner zu gedenken, das gebrauchest du ja
nicht.« Starr sah er nach der Wand: »Ich habe deine Brüste gesehen, o
wie schön, und ich will sie küssen. Gib sie her, sofort, hörst du! Ach
laß auch, sie sind kalt. Siehst du, das hast du davon. Lauf mir nicht
immer nach, Swaantje! Überall bist du! Ich will den Bock haben, stell'
dich nicht immer davor, sonst wahrhaftig, ich mache den Finger krumm.
Frau Pohlmann, in meinem Bette waren Flöhe. Nein, bloß Spaß, waren
Gewissensbisse. Annemie, ich bin müde. Du sagst, du willst nicht? Teuf,
Lork! Hast auch zwei Gesichter, ein Taggesicht und eins in der Nacht,
und das ist mir lieber.«
Er sang nach einer Tanzmelodie: »Beni Benjamin hat gesagt, ich hab den
Lungenkataharr! Hab' mir das Herz verkühlt, hat kalte Füße gekriegt.
Heißen Pottdeckel darauf, das hilft. Ich will nicht mehr malen, ich
male mir noch alles Blut aus dem Leibe. Und das brauch' ich noch 'ne
Weile. Fritsche, alter Döllmer, trag' das Gewehr nicht so dämlich!
Hennig, wo willst du hin? Ach so! Na, wenn das man gut geht! Nun hab
ich es dicke; überall stehst du mir im Wege, Swaantje! Komm her,
Mädchen. Hoch lebe die Liebe und die umliegenden Bierdörfer!«
Er murmelte: »Ja, ja, schon gut. Mein Bild, das kannst du küssen und
mit ins Bett nehmen, aber mich, das fällt dir nicht ein! Ach Süße, komm
her, einmal, o du, du, du!«
Er schwenkte den Arm: »Tanzen sollst du, bist du weich bist,
windelweich, und dann nehm' ich dir den Rosenkranz ab,
Ringelringelrosenkranz ab. Ein bißchen welk ist er schon. Und nun haben
wir die Bescherung. Siehst du, Prinz, du pürschst zu laut! Sekt her!
Was kann das schlechte Leben helfen. Die alten Deutschen tranken noch
eins!«
Er lachte: »Ja, malen, das kann ich. Kranke Frauen kriegen ganz
gesunde Kinder, gehen aber leicht hopps dabei. Amanda, was sagst du?
Biermamsell, ja, mir Wurst, aber du kannst wenigstens küssen! Jawohl,
Miezi, es ist noch etwas Leberwurst da, aber die Kohlen sind rein alle.
Bete zu deiner Heiligen, und schaff sie ab, wenn sie uns keine Kohlen
schickt. Swaantje, ich will meinen Kuß haben! Den hab ich kontraktlich.
Och Chott, Mensch, das ist ja viel zu weit! schießt ja doch daneben!
Bei meiner Beerdigung muß ich aber dabei sein, diesmal wenigstens.
Christus sagst du? Bin mehr für Wode. Ist ja auch gleich. Meinetwegen
Maria; ich denke dabei an Frigge. Importen mag ich nicht, bekommen
nicht. Frigge hilft uns schon; bete zu ihr. Du sollst sehen, sie hilft
dir. Frigge fügt Hand zu Hand, Mund zu Mund, Schoß zu Schoß. Gelobt sei
Frigge!«
Er lächelte: »Mein Herz tanzt auf einer goldenen Wiese, und mein Mund
läuft hinter dir her. Siehst du, jetzt bist du hingefallen. Na, weine
man nicht; komm her, ich heb' dich auf!«
Er bewegte den Kopf in einem sanften Takte, als horche er auf eine
ferne Melodie; dann fing er an zu summen, so seltsam, daß seine Frau
ein Schauer schüttelte, denn die Singweise war aus Lust und Leid
gewebt, mit Übermut durchwirkt und mit Verzweiflung besäumt.
»H' ach,« rief er dann, »h'ach du, du! Du hast es gesagt. Sagst: ich
habe dir ja nichts gesagt!« Er lachte glücklich auf. »Du sagst, ich
habe dir ja nichts gesagt! Habe dir ja nichts gesagt, nichts gesagt.«
Er lachte belustigt: »Ich habe doch ein Gehör wie der Fuchs. Weiß schon
Bescheid, weiß, was das heißt. An der Fährte spricht man den Hirsch an;
das da ist sicher einer vom zwölften Kopfe. Und den will ich haben,
oder ich will die Kunst nicht verstehen.«
Er schauerte zusammen; der Arzt zog ihm die Steppdecke bis unter das
Kinn. Er flüsterte: »Danke, danke!« Er küßte in die Luft: »Ach wie
schön warm! Das ist so lieb von dir, liebe Swaantje. So warm.« Er
schnurrte wohlig: »Wie lange habe ich dich gesucht, wie lange, aber du
hast die Fährte verwischt. Das ist sicher ein guter Bock. Gute Nacht,
Herrschaften; ich gehe schlafen. Komm Annemie! Mädchen, du hast ja
Swaantjes Kleid an! Nein, das geht nicht; ist dir ja viel zu lang.
Sofort ausziehen, hörst du! Na, weine man nicht, behalt's an; bist ja
doch die beste, die allerbeste!«
Frau Grete ging hinaus, kreidebleich im Gesichte; als sie wieder
hereinkam, sah sie Hennecke an und schüttelte den Kopf. Der Kranke
flüsterte: »Dein Herz ist von Gold, Swaantje, und du hast es an einer
silbernen Kette unter den Spitzen auf deiner Brust. Das sieht doll aus,
ganz doll.« Er schrie auf: »Wo bist du, Gotteswillen komm her!« Sein
Kopf fiel auf die Seite, und er begann rasselnd zu schnarchen.
Der Arzt flüsterte: »Gehen Sie essen, ich bleibe so lange hier; er
schläft. Das ist ein gutes Zeichen, ich habe Hoffnung.« Er zählte die
Pulsschläge und nickte langsam. Dann lächelte er der Frau zu und zeigte
mit dem Kopfe nach der Tür. »Erst etwas essen und dann ein bißchen
hinlegen. Wir haben an einem Kranken genug. Hennecke, gehen Sie mit!
Und daß es ja ganz stille im Hause ist.«
Als Frau Grete draußen war, sah sie Hennig an und flüsterte: »Behalten
wir ihn wohl, lieber Freund?« Er nickte: »Ich glaube es; seine
Indianernatur wird ihm durchhelfen. Aber nicht wahr, jetzt essen Sie
ein bißchen?« Sie nickte müde.
Er führte sie in das kleine Zimmer, rückte ihr den Sessel und die
Fußbank zurecht, goß ihr ein Glas Sekt ein und begann dann zu essen,
ruhig und langsam, wie immer. Das half; sie aß ein Stückchen Brot und
kaltes Fleisch und bekam wieder etwas Farbe.
Hennecke tat, als kümmere er sich nicht um sie; aber wenn er etwas
nahm, rückte er den Auflageteller immer so, daß die besten Stücke vor
ihr lagen, und als ihr Glas leer war, füllte er es. Dann aber sagte er:
»Nun schlafen, bitte, und sobald die Antwort kommt oder eine Änderung
im Befinden eintritt, klopfe ich.«
Die Frau nickte und stand auf; als sie schon die Türklinke in der
Hand hatte, blieb sie stehen und hielt den Kopf schräg, als wenn
sie lauschte. Dann lächelte sie Hennecke zu und sagte: »Sie kommt,
wir werden gleich Nachricht haben. Sie hat das Telegramm selber
aufgegeben.« Hennecke sah sie ernst an und nickte. Die Frau trat auf
ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »War es so
schlecht von mir, was ich tat? Wenn er stirbt, so bin ich schuld.« Er
antwortete: »Beruhigen Sie sich, liebe Freundin; Reue ist die größte
Sünde, die es gibt, denn sie hat keinen Zweck. Sie haben gehandelt, wie
Sie mußten.« Sie sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf: »Nein, ich
habe ihn belogen. Aber, nicht wahr, der Gedanke, er liebt eine andere,
und ich, seine Frau, die zwei Kinder von ihm hat, soll entsagen, Sie
begreifen, daß da zuerst alles Kleine und Enge in einem nach oben
kommt. Und so bin ich hart zu ihm gewesen und schlecht, sehr schlecht.
Erst habe ich gesagt: ›Ja ja, mein guter Junge, sie soll kommen! Wir
drei, nicht wahr?‹ Und so nach und nach nahm ich alles zurück und
dachte nicht daran, daß ich ihm zuerst die Augen geöffnet hatte.«
Dann setzte sie sich an das Fenster. Düster sah sie vor sich hin, die
Hände im Schoße faltend. »Ich bleibe hier; schlafen kann ich doch
nicht, ehe das Telegramm da ist. Rauchen Sie bitte, lieber Hennecke.
Aber erst sehen Sie zu, wie es oben steht.«
Langsam gingen die Stunden dahin, Hennecke löste den Arzt ab. Der
war zufrieden. »Er kommt an das Ufer, glaube ich, der Puls ist ganz
ruhig.« Er aß und ging nach oben, und Hennecke leistete der Frau
wieder Gesellschaft. Sie sprachen wenig. Plötzlich seufzte Frau Grete
erleichtert auf und lächelte gespannt. Männertritte kamen näher und
erklommen die Treppe; die Haustür ging auf. Die Frau erhob sich,
öffnete die Tür und nahm dem Briefträger das Telegramm ab, gab ihm
den Taler, den sie schon bereit hielt, löste gelassen den Verschluß,
faltete das Papier auseinander, las den Inhalt, ohne eine Miene zu
verziehen, nickte, reichte Hennecke die Depesche und sprach: »Es ist
so, wie ich sagte: sie kommt. Gott sei Lob und Dank!«
Die Tür ging auf; der Arzt stand darin, helle Freude im Gesicht. »Sie
haben Ihren Mann wieder, Frau Hagenrieder,« sagte er ganz laut. Er sah
erstaunt auf, als die Frau nur nickte und meinte: »Ich wußte es.« Er
trank ein Glas Sekt aus: »Merkwürdig,« murmelte er dann; »eben erwachte
er, seufzte sich den Schlaf fort, sah ganz klar aus den Augen, machte
sie wieder zu und mit ganz fieberfreier Stimme flüsterte er: ›Sie
kommt!‹ Und dann schlief er wieder ein.«
Am andern Morgen lachte die Sonne, und die Amsel sang zum ersten
Male. Helmold war sehr schwach, aber fieberfrei. Als er die drei
Schneeglöckchen sah, die seine Frau ihm auf das Tischchen stellte, ging
ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er winkte mit den Augen, und sie
bückte sich zu ihm nieder. »Näher!« hauchte er, »noch näher!« Sie küßte
ihn auf den Mund. »Meine liebe Frau,« flüsterte er und schlief ein.
Der weiße Garten
Als Swaantje in Stillenliebe anlangte, war Helmold bereits aus aller
Gefahr, aber noch so angegriffen, daß der Arzt jede Aufregung verbot.
Er gestattete ihr nur, daß sie ihn sah, während er schlief.
Das Mädchen mußte sich am Türrahmen festhalten, als sie ihren Vetter
erblickte. Welk fiel ihm das fast völlig ergraute Haar in die Stirne,
der Bart hing schlaff über die blutleeren Lippen, die Nase trat
scharf hervor, unter den Augen waren tiefe Löcher, die in allen
Farben spielten, die Ohren sahen wächsern aus, und die Hände waren
leichenfarbig.
Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel sie Grete um den Hals und
schluchzte tränenlos, und die Frau sagte, als sie mit ihr in dem besten
Zimmer saß: »Wir wollen Gott danken, daß wir ihn behalten haben,
Swaantje; und sobald er kräftig genug ist, fährst du mit ihm in irgend
eine stille Ecke und pflegst ihn mir ganz gesund. Nicht wahr, Liebste?«
Das Mädchen nickte, denn sie fühlte, daß die andere das im vollen
Ernste sagte.
Es wurde aber nicht so; denn je mehr sich Helmold körperlich erholte,
um so mehr schien seine Liebe für Swaantje zu erkalten. Als ihm seine
Frau einmal von dem Mädchen sprechen wollte, wehrte er ab. »Ich
genese, Grete,« sagte er, »und auch davon.« Er sah sie voll an und
fuhr fort: »Möglich, daß ich ihr später wieder kameradschaftlich näher
komme; vorläufig wäre mir ein Zusammentreffen peinlich, und schädlich.
Hennecke und Benjamin sind der selben Ansicht.«
Wenn er, warm zugedeckt, auf dem Ruhestuhle im Garten lag, dem Schlage
der Finken zuhörte und die knospenden Zweige betrachtete, dachte er
noch oft an das Mädchen, aber nicht in Liebe. Etwas wie Unmut war in
ihm; denn er fühlte sich beleidigt. Er hatte sich vor ihr erniedrigt,
hatte um einen Kuß gebettelt, war fast irrsinnig vor Liebe geworden,
und es hätte nicht viel gefehlt, daß er an seinem Verlangen zu Grunde
ging.
Er wußte aber auch, daß dieses der letzte Rückfall war. »Was hat
sie nicht alles aus mir gemacht,« dachte er; »einen Trinker, einen
Wüstling, einen Salonaffen, einen Streber!« Er las in dem Buche, das
Hennig ihm mitgebracht hatte, und lächelte belustigt, denn er war
vorhin auf einen Ausspruch Montanabbis gestoßen, der vortrefflich zu
seinen eigenen Gedanken paßte, und der folgendermaßen hieß: »Viele
Menschen waren gleich mir Opfer eines weißen Halses, eines rosigen
Angesichtes und zweier Augen, die sanft blickten, wie die der Gazelle.«
Er nickte und dachte: »Hast recht, beturbanter Philosoph; wir wollen
den Fall zu den Akten in das Fach Erledigt legen.«
Die Magd wusch in der Küche Gläser auf und sang. Er nickte lächelnd,
pfiff leise die Singweise durch die Zähne und summte den Schlußreim:
»Kehr' dich ab von mir, heb' dich fort von mir, scher' dich weg von
meiner Tür.« So waren seine Gedanken, wenn er an Swaantje dachte.
Mochte sie sich jetzt ebenso um ihn quälen, wie er es ihrethalben getan
hatte; sie hatte es verdient durch ihre Feigheit.
Mit Schadenfreude stellte er fest, daß er sie nicht mehr liebte. Das
war nur natürlich; es entsprach seiner Veranlagung. Sein Vater hatte
den Grundsatz gehabt, ihm niemals einen Wunsch sofort zu gewähren.
So hatte er ihm, als Helmold zwölf Jahre alt war, verboten, sich
eine Armbrust zu kaufen. Nach einem halben Jahr bekam er sie zum
Geburtstage, rührte sie aber nicht an, denn er war schon darüber
hinaus.
Allmählich dachte er milder. Zu Hennig, der sich seinetwegen frei
gemacht hatte, sprach er sich einmal, als er mit ihm vor das Dorf
ging, darüber aus: »Weißt du, mein Lieber, ich zürne ihr auch nicht
mehr, denn sie konnte schließlich nicht anders handeln, schon ihres
Verhältnisses zu Grete wegen nicht. Ich weiß, das Ganze war Einbildung;
aber daß ich das weiß, das ist eben das Schlimme. Ich bin doch jetzt
körperlich schon wieder ganz rüstig; aber ich bleibe innerlich kalt und
tot. Ich lebe in einem weißen Garten; wo ich hinsehe, verlieren die
Blumen die Farbe und die Blätter das Grün. Mein Herz ist gefeit gegen
jegliches Gefühl; es hat kein Teil mehr am lebendigen Leben.«
Er schwieg und dachte an alle die Frauen und Mädchen, die er geliebt
hatte. Aus Gewohnheit fühlte er ihnen gegenüber Dank, in Wirklichkeit
waren sie ihm alle gleichgültig. »Ja, Hennig,« murmelte er und nickte,
auf das Dorf hinabsehend, wo alle Obstbäume blühten, »das ist nun so:
Helmold Hagenrieder ist tot. Was da lebt, ist bloß noch der Professor
gleichen Namens. Zwischen mir und der Welt ist eine Glasscheibe. Ich
habe noch Sinne, noch Sinnlichkeit; aber ich habe die alte kindliche
Anteilnahme an den Menschen und den Dingen verloren. Ich sehe sie nur
noch in ihren kalten Lokaltönen, nicht mehr in der warmen persönlichen
Beleuchtung, die ich ihnen früher gab.«
Er seufzte, aber dann lächelte er: »Ist übrigens das einzig Wahre. Der
Künstler muß außerhalb der Welt stehen, wie Gott. Wer im Leben steht,
bringt es nie zur Meisterschaft. War schon das beste für mich, diese
dämliche Entgleisung. Wäre ich irgend ein Soundsomensch, Beamter oder
so was, Philister, so wäre ich daran eingegangen; so aber hat mich
diese Geschichte gereinigt. Denn ich bin da, um zu wirken, nicht um zu
leben, wie Hans X und Kunz Y.«
Leise sprach er vor sich hin: »Künstler sollten nicht heiraten; sie
können nicht treu sein, dürfen es nicht, sollen sie sich nicht selber
untreu werden. Aber heiratet man nicht, so hat man keinen Zusammenhang
mit dem Leben, lernt dessen tiefste Nöte nicht kennen. Wie man es auch
macht, es ist immer verkehrt, und so wird das Allerverkehrteste wohl
das einzig Richtige sein.«
Er zündete sich die erste der zwei Zigaretten an, die Benjamin ihm
gestattet hatte, sah den Freund an, legte ihm die Hand auf das Knie
und sprach weiter: »Ich habe früher von der Philosophie niemals viel
gehalten; sie ist noch ein viel lorbeernerer Ersatz für das Leben, als
die Kunst. Jetzt aber, wo ich mit dem Leben innerlich nichts mehr zu
tun habe, philosophiere ich. Höre zu: Nach Kant gibt es kein Ding an
und für sich; ich aber sehe die Dinge an und für sich. Also gibt es
kein Ding an und für mich, sondern nur Dinge an und für sich für mich.
Also geht mich als Menschen nichts mehr etwas an. Also bin ich kein
Mensch mehr; also bin ich tot!«