Als er darum mit dem Oberbürgermeister bei dem Oberpräsidenten zum

Abendessen geladen war, und der Oberpräsident sagte: »Wir freuen

uns sehr auf das, was Sie im Rathause schaffen werden, lieber Herr

Hagenrieder, denn die Hauptgemälde werden Sie doch wohl bekommen,«

lächelte er verbindlich und sagte: »Sehr schmeichelhaft, Exzellenz,

aber in Hinsicht auf die vielen Aufträge, die ich anderweitig habe, war

die Stadt so rücksichtsvoll, mich nicht aufzufordern.« Die Hausfrau

lächelte, der Oberbürgermeister verschluckte sich und spielte während

des ganzen Abends das Mauerblümchen, während Hagenrieder, den die

Gastgeber sehr herangezogen, seinen Geist schillern ließ, so daß die

Oberpräsidentin ganz entzückt von ihm war und ihn bat, ein für allemal

sich als Gast an ihren offenen Tagen zu betrachten, eine Ehre, mit der

sie recht sparsam umging.

Drei Tage darauf schrieb das Stadtoberhaupt an ihn und fragte, ob er

die Wandgemälde für Rottenwiede sehen könne. Er kam, lobte mit einem

gewaltigen Aufwande von hohlen Redensarten das Werk, und als er ging,

hatte Hagenrieder die vier Wände des Sitzungssaales in dem neuen

Rathause und die Glasfenster im Treppenhause in der Tasche. Einige

Monate später ernannten ihn die städtischen Körperschaften zum Beirat

in Kunstfragen, nachdem ihm kurz vorher der Herzog den Professortitel

verliehen hatte. »So,« sagte er zu seiner Frau, »jetzt gelte ich sogar

bei den Stadtverordneten etwas, und das will etwas heißen, denn das

mehrste sind Heuochsen mit Eichenlaub und Schwertlilien.«

In voller Absicht stellte er sich jetzt in den Vordergrund der

Gesellschaft, soweit es seine Zeit erlaubte. Während er früher am

liebsten in Loden ging und sich halb bäuerlich trug, kleidete er sich

nun derartig modisch, ohne die Albernheiten der Mode mitzumachen, daß

er als einer der bestangezogenen Männer der Stadt galt und von allen

Gecken studiert wurde, denn nie war ein Stilfehler in seiner Kleidung,

obgleich, oder vielmehr, gerade weil er seine Kleidung ganz nach

eigenem Ermessen zusammenstellte.

»Der amüsanteste Mann, den wir haben,« sagte die Oberpräsidentin;

»schon als Erscheinung ein Genuß.« Er war zu einer ihrer Gesellschaften

in hochgeschlossener Weste gekommen, wie sie die Bauern trugen. »Wo

haben Sie denn den famosen Westenschnitt her, Herr Hagenrieder?«

fragte die Gräfin Tschelinski etwas spöttisch. »Von den Bauern, meine

Gnädigste, den einzigen Leuten, die heutzutage noch Kultur haben,«

versetzte er. Sie warf den Kopf zurück: »Und wir, Herr Professor?« Er

lächelte: »Sind nur zivilisiert!« Der Bildhauer Professor Brambach, ein

würdevoller Figurenfabrikant, versuchte ihn lächerlich zu machen, indem

er sagte: »Sehr praktische Tracht!« »Jawohl,« antwortete er ihm, »man

braucht nicht alle acht Tage ein reines Hemd anzuziehen.« Die Gräfin

schrie vor Vergnügen, und es gab eine gepfefferte Toilettendebatte.

»Sehen Sie, meine Herrschaften,« lehrte der Maler, »für den Pöbel ist

es ja erziehlich, zwingt die Mode ihn, ein Teil seiner Leibwäsche zu

zeigen; sonst läuft er am Ende vier Wochen in derselben Linnenhülle

herum. Wir aber brauchen den Beweis, daß wir uns reinlich halten,

nicht erst anzutreten; denn sonst müßten wir die umliegende Menschheit

durch einen mit dem Westenausschnitt übereinstimmenden Ausschnitt

in unseren unaussprechlichen Hosen davon überzeugen, daß die noch

unaussprechlicheren Unterbeinkleider ebenfalls durch Tadellosigkeit

glänzen.« Professor Brambach war entrüstet, die anderen quiekten vor

Vergnügen.

Dann kam die Damenkleidung an die Reihe. Hagenrieder erklärte: »Nur

im Reformkleid ist eine Frau angezogen; im Zweistöckigen ist sie

kuvertiert.« Scharf wurde widersprochen. »Beweis?« hieß es. Mit

todernstem Gesicht dozierte er: »Sie selber, meine Damen, denn Sie

tragen alle Reform.« Sie lärmten, denn nur die Gräfin trug sich so. In

lehrhaftem Tone fuhr er fort: »Dasjenige Kleidungsstück, das Ihnen am

teuersten ist, weil es Ihrem Herzen am nächsten steht, ist, soweit ich

in den Auslagen der Wäschemagazine darüber Studien machen konnte, nicht

zweistöckig, sondern besteht aus einem Stücke.« Die Gräfin schloß die

Augen bis auf einen kleinen Spalt, sah ihn von oben bis unten an, und

ihre Zungenspitze ging über ihre Lippen.

Als er nachher im Wintergarten mit ihr allein war, fragte sie mit

gemachter Harmlosigkeit: »Sie sagten vorhin, Herr Professor, schön

sei der Mensch nur im Arbeitskleide.« Er nickte ernsthaft. »Ja,

aber,« meinte sie, »eine Frau wie ich, in welchem Kostüm finden Sie

denn die am schönsten?« Er machte sein treuherzigstes Gesicht, als er

antwortete: »Auch im Arbeitskleide.« Sie fragte neugierig: »Und das

ist?« Mit kindlich naiven Augen sah er sie an, als er versetzte: »Das

Nachtkleid.« Sie machte ein halb entrüstetes, halb belustigtes Gesicht,

als sie ihm mit ihrem Fächer einen Schlag auf die Schulter gab und

zischte: »Unverschämter Mensch!« Aber als er sich glücklich lächelnd

verneigte und fragte: »Ich danke gehorsamst, gnädigste Gräfin; ich darf

diese Bemerkung doch wohl im Gewinnkonto eintragen?«, da lächelte sie,

und ihre Augen sagten: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr

Hagenrieder.«

Dann meinte sie leichthin: »Ich habe zu Hause allerlei Ahnen hängen,

die ein bißchen gichtbrüchig sind, und möchte von Ihnen wissen, ob

das zu heilen ist. Vielleicht sehen Sie sich die Bilder einmal an und

empfehlen mir einen Restaurator, wenn es sich noch lohnt.« Er sah ihr

mit heißen Blicken in die Augen: »Muß das gleich sein?« fragte er

und hielt ihr den gebogenen Arm hin. Sie drohte ihm mit dem Fächer,

lachte und sagte über die Schulter: »O nein. Aber wenn Sie morgen

nachmittag Zeit haben?« und ging dann zu den anderen Gästen. Als er

am anderen Tage zu ihr kam, empfing sie ihn in einem weichen losen

Kleide von weißer Wolle. Er erhob die Hände bis zu den Schultern: »Wie

wundervoll Sie aussehen, Gräfin; der Künstler dankt Ihnen.« Als er ihre

Handgelenke küßte, flüsterte es über seinem Kopfe: »Nur der Künstler?«

Er nahm sie in den Arm, raunte ihr in das Ohr: »O nein; der Mann dankt

noch viel mehr,« und dabei küßte er sie.

Die Gräfin blieb nicht die einzige Frau aus der Gesellschaft, die

sein wurde. Wenn er gewollt hätte, konnte er jeden Tag im Monat einen

anderen Mund küssen. Doch er ging auf Eroberungen nicht aus; wenn aber

ein Weib ihm ihre Neigung mit lächelnden Augen kredenzte, und sie

erregte sein Wohlgefallen, so nahm er dankbar die Labe hin. Mit jeder

Frauenseele, die sich ihm erschloß, glaubte er ein Stück Jenseitsdasein

mehr zu erwerben, wähnte er sein persönliches Leben zu verlängern. Wenn

er malte, sah er sich oft dastehen, umdrängt von vielen schönen Frauen

und Mädchen aus allen Kreisen, die ihre Herzen in den Händen hielten,

Herzen, aus denen frohlockende Flammen schlugen, die einen Duft von

Weihrauch verbreiteten.

Nur eine Lücke war in der Reihe der weißen Leiber, nur ein Gesicht

fehlte, nur ein Herz flammte und duftete nicht zwischen den anderen.

Denn je mehr rote Rosen er in seiner Erinnerung fand, um so stärker

trat wieder der Gedanke an die eine weiße Lilienblüte vor ihn. Er

wehrte ihn ab, trat ihn von sich, aber immer und immer wieder winselte

er vor seiner Seele herum, stahl sich in seine Träume und trabte vor

ihm her, wo er ging und stand. Er suchte sich dadurch von ihm zu

befreien, daß er nach Stillenliebe fuhr, auf Sauen pürschte und bei

Sophien und Annemieken Trost suchte. Er mietete sich in Ohlenwohle ein,

angeblich um Studien zu machen, in Wirklichkeit, um sich an Marieens

derber Art von der städtischen Überfeinerung zu erholen. Es half ihm

wenig; denn überall stand ein blasses, müdes Gesicht neben ihm und

zwei dunkelblaue, tiefumhofte Augen sahen ihn bittend an. Er schloß

alle Lichtbilder von Swaantje ein und jegliches Stück, das ihn an sie

erinnerte; aber dadurch wurde es nur noch ärger.

Er schrieb seinen Zustand auf das Übermaß von Arbeit und Geselligkeit,

das er sich aufgeladen hatte, schaffte langsamer, zog sich mehr zurück,

doch immer mehr nur quälte ihn Swaantje Swantenius, und ab und zu waren

seine Nächte wieder ohne Schlaf und seine Tage ohne Frische. So setzte

er sich denn kurz vor dem Julfeste hin und schrieb ihr einen langen

Brief, einen Brief, in dem er nur heiter von seinem äußeren Leben

plauderte, doch ihm war, als flüsterte jede Seite Worte der Liebe, und

als wäre jeder Buchstabe ein verstohlener Seufzer. Mit eigenen Händen

packte er Swaantjes Bild und einige Bücher ein, legte den Brief dazu

und sandte die Kiste nach Swaanhof.

Ihm war sofort leichter zumute; es schien ihm, als hielte er

Swaantje bei der Hand und plauderte mit ihr, und fröhlich wartete

er auf eine Antwort. Er hoffte auf weiter nichts, als auf einen im

kameradschaftlichen Tone gehaltenen Brief, hinter dessen Gitterwerk

von schwarzen Buchstaben vielleicht ein ganz klein wenig blumiges

Hoffnungsgrün für ihn sichtbar wurde. Aber erst einige Tage nach dem

Feste kam eine Sendung aus Swaanhof an ihn; sie enthielt eine lederne

Zigarettentasche, verziert mit der Sonnenrune, und eine Karte, auf der

die Worte standen: »Lieber Vetter, über die Bücher, das Bild und deinen

lieben Brief ganz besonders habe ich mich sehr gefreut. Wie schön, daß

es dir wieder gut geht! Hab tausend Dank. Dir und Grete herzlichen

Gruß. Deine Swaantje.«

Ganz fassungslos starrte er auf die Zeilen. Eine Absage für immer in

aller Form. »Laß mich in Ruhe!« hieß das. Er sah auf den Sessel, in dem

Swaantje gesessen hatte, als er sie um einen Kuß anbettelte, und nickte

mit dem Kopfe. Er holte sich alle Bilder des Mädchens aus Gretes Truhe,

sah eines nach dem anderen genau an und schüttelte den Kopf. Er nahm

wieder alles das durch, was er von Swaantje und sich gedacht hatte,

und sagte sich: »Es hilft alles nichts; sie wird mein Tod sein, mein

Vampir. Ich werde im Grabe keine Ruhe finden, wird sie nicht mein, und

bleibt sie nicht die Meine.«

Als Luise ihn zum Essen rief, sah sie ihn ganz erschrocken an, und

seine Frau fragte ihn: »Was ist dir, Liebster? du siehst so krank aus.«

Er lächelte ihr die Sorge fort: »Ich habe mich wohl erkältet, das Feuer

wollte nicht brennen.« Er legte sich nach dem Essen zu Bett und stand

erst am anderen Morgen wieder auf. Alle Arbeitslust war ihm vergangen,

und eine beschämende Schlaffheit beugte ihn nieder. »Geh nach

Stillenliebe!« riet ihm Grete. Er nickte. »Ja, Kind, ich muß hinaus; es

war ein bißchen viel Anspannung in der letzten Zeit. Ich will mir die

Knochen wieder munter pürschen.«

Als er den Koffer packte, zitterten ihm die Hände, so setzte ihm

das Fieber zu, und in der Eisenbahn lähmte ihn eine so ermattende

Schüchternheit, daß er es sich nicht verbat, als zwei dicke

Viehhändler, die einen frechen Schnapsgeruch verbreiteten, die Fenster

auf beiden Seiten aufrissen. Völlig durchgefroren und ganz blaß kam

er an, holte sich aus dem Grogglase wieder warmes Blut und setzte

sich auf Sauen an. Gleich am ersten Abend erlegte er eine angehende

Sau, und als er zurückkam, fühlte er sich wohl und munter. Aber wohl

zehn Male wachte er in der Nacht vor Durst auf, und jedesmal, bevor

er einschlief, sah er in seinem fieberhaften Zustande Swaantjes

Gesicht auf sich zuschwimmen, weiß, kalt, ohne Haare und Augenbrauen,

mit blicklosen Augen und einem Mund, dessen Lippen sich versteckten.

Sehnsüchtig nannte er es bei Namen und versuchte es zu streicheln, aber

sofort zerfloß es zu nichts.

Müde und unfrisch wachte er um elf Uhr auf, und die Wirtin sagte

bedauernd: »Sie gefallen mir gar nicht mehr; ich glaube, nach dem

Essen bringe ich Sie gleich wieder zu Bette, mache Ihnen einen Tee und

decke Sie bis zum Hals zu.« Er ließ sich ihre Fürsorge gefallen und

fühlte sich dadurch erwärmt; doch bald darauf war ihm noch eisiger

und unglücklicher zumute, und heftige Fieberschauer stießen ihn aus

dem Halbschlafe. Sein Herz klopfte, sein Blut kochte, aus dem Muster

der Tapete lösten sich fratzenhafte Gesichter los, jeder Laut von der

Straße drang in zehnfacher Stärke zu ihm, und jede Farbe, die er um

sich sah, sang ihm ein böses Lied.

So stand er bald auf, zog sich an, ging aber nicht hinaus, sondern

spielte mit Klaus Ruter und dem Förster Karten und trank sich das

Fieber fort. Am anderen Morgen fühlte er sich besser.

Es regnete nun drei Tage lang, und dann gab es Plattfrost. Eines

Abends, als er reichlich müde von dem weiten Wege und durch und

durch kalt vom langen Passen bei Annemieken saß und sich die Füße

am Torffeuer wärmte, klagte er ihr sein Leid, und als er sie dabei

ansah, kam sie ihm ganz anders vor als sonst, und er fand, daß das

junge Weib ein neues Gesicht und fremde Bewegungen hatte. Sah sie

eben noch wie Sophiee Pohlmann aus, so schien es ihm gleich darauf,

daß sie ihn mit den Augen der Gräfin anblickte; dann wieder war sie

Grete, gleich darauf Swaantje und hinterher Mariee oder Luise oder

eine andere, die er geküßt hatte. Außerdem war die Diele bald hoch und

hell, bald niedrig und duster; eben brannte das Feuer blau, gleich

darauf grün und dann gar nicht; war die Katze jetzt ganz klein, so fing

sie mit einem Male an, unheimlich zu wachsen, und während es vorhin

nach Schweinefutter roch, war plötzlich ein strenger Duft von weißen

Lilien da. Nun fing auch noch der Kesselhaken an, ihm böse Gesichter zu

schneiden, um ihn sofort durch ein freundliches Grinsen zu versöhnen,

aber da begann das Zinngeschirr an der Feuerwand, ihn auszulachen,

das Spinnrad machte ihm einen albernen Knix, der Tranküsel winkte

ihm spöttisch zu, und die Mährenköpfe am Herdrahmen wieherten und

schnaubten gewaltig.

Doch alles das ängstigte ihn kein bißchen, sondern machte ihm

Vergnügen. Er trank ein Glas Grog nach dem anderen und erzählte seine

tollsten Witze, bis ihm einfiel, daß er nun schon drei Tage auf

Spurschnee wartete, und lachend befahl er Annemieken, ihm welchen zu

besorgen. Das Mädchen, das tüchtig mitgehalten hatte und dessen Augen

von dem heißen Grog und den wilden Witzen nur so blitzten, lachte und

sagte: »Ich werde es Großmutter sagen, und die soll dir geben, was du

haben willst; und dann werde ich dir sagen, was du mir dafür schenken

sollst.«

Da ging die Großmutter zu der Herdflamme und sagte ihr den Spruch, den

ihre Mutter sie gelehrt hatte, ehe daß sie starb, und die Flamme lachte

und nickte und wurde gleich siebenmal so lang und leckte mit sieben

Zungen am Kesselhaken entlang. Dann warf die alte Frau die Schuhe

hinter sich und winkte nach der Dönze. Da kamen drei Taubenfedern

angeflogen und sieben Hühnerfedern und dreizehn Entenfedern und

einundzwanzig Gänsefedern und dreiunddreißig Schwanenfedern, alle so

weiß wie Schnee. Sie flogen um die rote Flamme, und die spielte Kriegen

mit ihnen, bis sie eine nach der anderen fing und dem Rauche gab und

ihm sagte: »Zeige ihnen, wo sie hinsollen, und sage ihnen, wie sie es

machen müssen, und dann komme wieder und bring mir Bescheid.«

Der Rauch aber machte einen Knix, und dann wurde er wieder ganz

lang und immer länger, bis er zum Dachloche hinausfuhr, und die

siebenundsiebzig schlohweißen Federn nahm er mit. Nach einer Weile war

er wieder da, warf sich vor der Flamme hin und sprach: »Ich habe alles

getreulich ausgerichtet.« Und die Flamme erwiderte: »Denn so wollen wir

schlafen gehen.« Und da lachte Annemieke und sagte: »Und wir auch!«

In der Nacht hatte Helmold einen blitzblanken Traum. Er sah Frau Holle

auf der blauen Sternenwiese stehen und die Betten sonnen, in denen die

erdenmüden Seelen ausschlafen. Da kamen drei Federchen angetrippelt,

drei schneeweiße Taubenfederchen, stahlen sich durch das Gras und

suchten so lange, bis sie an einem Bette eine Naht offen fanden, und

dann kicherten sie und krochen hinein. Und es dauerte nicht lange, und

sieben weiße Hühnerfedern kamen angelaufen; die machten es ebenso, und

nach ihnen die dreizehn Entenfedern und hinterher die einundzwanzig

Gänsefedern und die dreiunddreißig Schwanenfedern kamen auch an und

krochen in das Bett.

»Was ist denn das?« sagte Frau Holle und stemmte die Hände in die

Hüften, daß das weiße Fleisch ihrer Arme so reizende Falten in der

Ellenbeuge schlug, daß gleich zwei Schmetterlinge kamen und sich dort

niederließen. »Was ist denn das?« sagte Frau Holle, und ihr Kleid

hüpfte vor der Brust, daß unten auf der Erde das Meer ganz still

wurde, weil es solche Wellen nicht schlagen konnte. »Was ist denn

das?« fragte Frau Holle und ihre Brauen wurden ganz schwarz, so sehr

zog sie sie zusammen, und die Wetterwolken auf der Erde krochen vor

Angst in die tiefsten Wälder. Aber dann lachte die schöne Frau, und

der Sturm hörte sofort auf zu schimpfen, und der Donner fluchte nicht

mehr hinter den Bergen. »Ahlmanns Mutter, Ahlmanns Mutter!« lachte die

Hunderttausendschöne, »was machst du mir für Geschichten!« Und dann

nahm sie ihr blitzblankes Messerchen und ritzeratz war die ganze Naht

auf und holterdipolter flogen die weißen Federn von der blauen Wiese

nach der grauen Erde.

»Hat dich was geträumt über Nacht, lieber Jägersmann?« fragte

Annemieken. Sie stand vor dem Spiegel und machte sich ihr Haar. »Und

was hat dich geträumt?« fragte sie und lachte Helmold mit ihrem

Spiegelbilde an; das hatte dunkle Augen und schwarzes Haar und ein

weißes Gesicht, und Helmold wußte es ganz genau, Annemiekens Backen

waren rot wie Rosen, ihre Augen blau wie Bachblumen und ihr Haar sah

aus, wie Haferstroh in der Sonne. Aber er schlief noch in sich, und da

ging sie hinaus, und als sie wieder hineinkam, warf sie ihm eine Grabse

voll Schnee auf den Mund, lachte und sagte: »Da hast du, was du haben

wolltest. Und nun komm und iß; die Suppe schreit schon nach dem Löffel!«

Als er wegging, nahm sie die Katze auf, daß die ihm nicht über den Weg

laufen sollte, und sie spuckte ihm in die Hacken und warf ihm ihren

Schuh in den Rücken und wünschte ihm Pech den ganzen Tag und Hals- und

Beinbruch, soviel es gibt, und lauter schlechten Anblick, und zwischen

jedem, was sie tat und sagte, warf sie dreimal die Türe zu, und

schließlich lief sie hinter ihm her, weinte zwei bittere Tränen über

ihren süßen Mund und sagte: »Auf Wiedersehn, Nimmerwiedersehn, mein

Jägersmann!«

Drei Vögel sah er, als er durch die Feldmark ging. Das erste war ein

Stieglitz; sein Scheitel war rot wie Blut. Das zweite war ein Dompfaff;

seine Brust war rot wie Blut. Das dritte war ein Kreuzschnabel; der war

von oben bis unten so rot wie Blut. Und als er in den Wald hineinkam,

sah er im Schnee eine Fährte; in der war rotes Blut. Alle sieben

Schritte stand sie wieder im Schnee, rot von Blut. Und er sagte: »Du

edeles Wild, adelig Getier, kein anderes Wild, gemeines Tier will ich

jagen noch fangen, ehe daß du nicht mein bist.« Da kam der Häher und

sagte: »Nein!« Da kam der Bussard und sagte: »Niemals!« Da kam die

Krähe und sagte: »Nimmermehr!«

Er wurde traurig und sah, der Schnee war schwarz und die Tannen waren

weiß, sein Herz wurde kalt und sein Gesicht wurde heiß, das Blut blieb

ihm stehen und der Atem flog vor ihm weg, bis er die Wundfährte wieder

fand; da wurden die Tannen schwarz und der Schnee weiß, sein Herz ward

warm, und sein Gesicht wurde kalt, sein Blut fing an zu gehen und sein

Atem beruhigte sich, und er lachte und sagte: »Du edeles Wild, adelig

Getier, mein wirst du sein, ehe daß die Sonne schlafen geht, ehe der

Fuchs auf Raub auszieht und die Eule umfliegt!« »Nein!« sagte der

Häher, »niemals!« der Bussard, »nimmermehr!« die Krähe; aber er lachte

sie alle drei aus.

Und er ging und ging und ging den ganzen Tag. Er kam an den Teich, in

dem die schöne Rosemariee sich ertränkt hatte, und nach dem Stein, wo

der Förster erschossen wurde, und zu dem Kreuz, das da steht, wo die

Nonne ermordet war, und er ging über die Haide und an dem Moore vorbei

und durch den Wald, ließ den Morgen hinter sich liegen und den Mittag

und den Abend, und alle seine Fußstapfen waren gefüllt, erst mit grüner

Hoffnung, dann mit schwarzer Trauer und zuletzt mit grauer Angst. Seine

Füße wollten ausruhen, seine Augen wollten schlafen gehen, sein Herz

sprach: »Ich kann nicht mehr!« Er aber hörte nicht auf sie und ging

weiter, immer dem roten Blute nach.

»Ich will dir helfen!« sprach der Schnee und machte die Nacht heller,

und der Mond kam auch und alle Sterne, die es gibt, und sie gingen

rechts und links neben ihm, daß er die Fährte finden konnte. Er fiel

hin und stand wieder auf, er setzte sich und ging weiter, er bückte

sich über die Quelle und richtete sich empor, und blieb immer wieder

stehen und redete seinen Füßen zu und seinen Augen und seinem Herzen

und sagte: »Nur noch bis zum nächsten Blutsfleck, bitte nur noch dieses

einzige Mal; dann sollt ihr auch schlafen, solange ihr wollt.« Aber

wenn er da war und stehenblieb und um sich sah und horchte, ob er sein

Edelwild nicht sah oder hörte, dann war nur der Wald da und der Himmel

und der Mond, und der nickte ihm zu und sagte: »Immer weiter, immer

weiter!«

Da kam er in einen dunkelen Wald, und die Finsternis sprach zu ihm:

»Siehe!« Da sah er, wie der Wind über den Berg gelaufen kam; in seinen

Händen trug er zwölf Glockenschläge. Dann trat die Stille vor ihn hin

und sprach: »Horch!« Da hörte er die Nacht über den Wald springen; in

ihrem Mantel trug sie ein Weinen, das war ganz fern und doch so nah,

war sehr leise und doch so laut, und so bitter war es und so süß. Seine

Füße starben vor Angst, sein Herz fiel tot um, und seine Augen brachen.

Aber als der Wind den letzten Glockenschlag vor ihn hingelegt hatte,

gab ihm der Tod sein Leben wieder in die Hände; die waren so kalt wie

Eis. Und kalt wie Eis war er ganz und gar und konnte nicht fühlen und

nicht denken und stand da wie ein toter Baum, wie ein lebloser Fels,

wie eine abgestorbene Blume.

Doch der Sturm ermunterte ihn wieder; er hielt das Weinen über ihn,

und daraus flossen Tränen auf ihn und weckten ihn auf, bis das Eis von

seinen Augen schmolz, und seine Füße lebten wieder, und sein Herz

stand auf, und da sah er, daß die rote Fährte im Schnee dort zu Ende

war, wo er stand, und daß es zwei nackte Fußspuren waren, über und

über rot von Blut. Seine Füße zitterten, sein Herz fing an zu bluten,

und seine Augen weinten bitterlich, bis daß die beiden Fußspuren

weißgewaschen waren. Das Alter lehnte sich gegen seinen Rücken, Falten

krochen in sein Angesicht hinein, in sein Haar aber fiel der Schnee.

Das Weinen über seinem Haupte wurde zu einem Lächeln und stellte sich

über die weiße Fährte im Schnee und winkte seinen Augen zu. Und als sie

ihm folgten, kamen ihnen zwei andere Augen entgegen und gingen wieder

zurück und blieben vor ihm stehen, weit genug von seinen Händen. Sie

sahen ihn an und weinten Tränen, die fielen als Blut in die Fußspuren

und füllten sie wieder bis zum Rande, und das Lächeln schlug die Hände

vor das Gesicht und weinte leise, und das Weinen sah ihn mit Augen

an, die voller Furcht waren und leer von Hoffnung, aber beladen mit

Verzweiflung.

Seine Seele zitterte und schrie: »Was soll ich tun, ihr beiden Augen,

beladen mit Angst, gefüllt mit Trauer, beschwert mit Grauen, daß ihr

wieder lächeln könnt? Und du Weinen, bitterliches Weinen, sage mir, was

beginne ich, daß du nicht mehr im Sturm umherirren mußt und in Frost

und Kälte und einsamer Nacht? Und du Lächeln, banges Lächeln, sprich,

was muß werden, damit du dich nicht mehr zu bergen brauchst hinter den

Dornen und in den Disteln und unter den Nesseln? Und du, nackte Seele,

was ist es, das dir wieder Ruhe gibt, auf daß du nicht mehr mit bloßen

Füßen wandern mußt über Berg und Tal und Stock und Stein und Feld und

Flur, blutend aus sieben Wunden, kalt bis in das Herz und müde bis auf

den Tod?«

Da trat die Finsternis hinter ihn, die Einsamkeit winkte der Stille

zu und die legte dem Sturme Schweigen auf. Der Mond ging zur Seite

und nahm die Sterne alle mit; dunkel wurde es rund umher. Aber die

Dunkelheit war klar, so daß er die rote Fährte im Schnee sehen konnte

und die beiden Augen über ihr und einen blassen Mund und zwei Hände vor

einer bangen Brust; die waren ineinander gefaltet. Eine Stimme, die war

nicht hier noch da, nicht von gestern und nicht von heute, nicht leise

und nicht laut, kam langsam aus den blassen Lippen zu ihm gegangen,

stellte sich vor ihn hin und sprach:

»Du, von dem ich nicht weiß, wer du bist, den ich niemals gesehen habe,

und der immer vor meinen Augen steht, vor dem ich vor Angst vergehe

und vor Sehnsucht nach ihm sterbe, du, o du und du, was habe ich dir

getan, daß du mich jagst barfuß und barhaupt und bloß durch Nacht

und Schnee und Frost und durch Dunkelheit und Einsamkeit und diese

Totenstille? Siehe, meine Augen bluten, meine Füße sind wund, mein

Leib ist vor Kälte erstarrt. Mein Lächeln habe ich im Schnee verloren,

meine Ruhe rissen mir die Dornen vom Leibe, der Sturm trägt mein Weinen

vor mir her. Ich bitte dich, bitte dich so sehr, bitte dich um alles

in der Welt, höre auf, mich mit Furcht zu schlagen, mich mit Angst zu

peitschen, mich mit Jammer zu geißeln, da ich dir doch nichts zuleide

tat.«

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 13 / 20 段