bleibe, weiß ich nicht.« Seine Frau machte ein etwas beleidigtes
Gesicht: »Gleich den ersten Abend?« Er faßte sie unter das Kinn und
küßte sie: »Jawohl, mein Herze; es geht nicht anders.« Er ging erst
ziellos auf der Hauptstraße hin und her, setzte sich dann anderthalb
Stunden in ein Kaffeehaus, spielte mit einem ihm unbekannten Herrn
Billard und ging gegen zehn Uhr nach Hause. Grete, die etwas blaß und
ermüdet aussah, lachte vor Glück, als er so früh und mit so fröhlichen
Augen zurückkam, rückte ihm den bequemsten Sessel hin, brachte ihm Wein
und Zigarren und räumte dann auf.
Er sah ihr nach und freute sich über ihre vornehme Erscheinung, ihr
schönes Haar und ihre frischen Bewegungen. »Sie ist eigentlich doch die
Schönste!« dachte er und machte so verliebte Augen, daß sie sich auf
seinen Schoß setzte. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und meinte:
»Ich danke dir auch sehr für die wunderschöne Karte; es war nur eine
in zwei Wochen, aber es ist ja auch Herbst!«
Sie besann sich einen Augenblick, unterdes sie ihm bald die Hände
streichelte, bald den Nacken kraulte, und dann sagte sie mit etwas
verlegener Stimme: »Ich habe dir auch etwas zu schenken: ich bin aus
dem Verein ausgetreten. Weißt du, das ging mir doch zu weit: das ist
kein Frauenbildungsverein mehr, das ist ein Vermännerungsklub. Und
dann diese Geschichten, die da vorgekommen sind! Die überspannte Frau
Kelling ist mit einem Kalifritzen ausgerückt und hat ihren netten Mann
und die reizenden Kinder sitzen lassen, und Frau von Besentzien läßt
sich scheiden. ›Mein Mann ist mir geistig nicht gewachsen,‹ hat die
Gans gesagt. Aber das schlimmste ist die Sache mit Professor Detten,
du weißt doch, der uns immer die glänzenden Vorträge über Frauenkultur
hielt. Jetzt hat er einen Haufen Geld geerbt, und was tut er? Er
heiratet die Köchin seiner Mutter!«
Helmold lachte, daß ihm die Arme flogen: »Ja, das ist allerdings
eine Gemeinheit sondergleichen, wo er doch in dem Vereine ein so
wohlassortiertes Lager von ge-, ver- und überbildeten Dämlichkeiten
hatte. Aber ich habe es dir ja früher oft gesagt: die radikale
Frauenbewegung hat sehr viel Gutes; sie verekelt allen ernsthaften
Männern die Damen und veranlaßt sie, Mädchen zu freien, die ihren
Männern weiter nichts als Frauen sein wollen und ihren Kindern Mütter.
Übrigens, so sehr ich mich freue, daß du aus der Blase heraus bist, in
die du vernünftige Frau gar nicht hineinpaßt, meinetwegen hättest du
das nicht zu tun brauchen. So ein bißchen Sport will jeder Mensch neben
dem Alltagsleben haben.«
Es gingen einige schöne Wochen in das Land; Helmold arbeitete fleißig,
aber ohne Überstürzung. Er malte den Hintergrund zu Swaantjes Bild um,
gab ihrem äußeren Gesichte einen weichen Zug, brachte aber dahinter
etwas rätselhaft Hartes an, das niemand fassen konnte, das aber jeder
fühlte, und umgab das Bild mit einem dunkelgrünen, gleißenden, durch
grellrote Perlen gehobenen Rahmen, der die Wirkung von reich tragenden
Stechpalmen andeutete. Als er sein Malzeichen unter das Bild setzte,
pfiff er das freche Lied von der Lüneburger Haide so laut, daß Grete
angestürzt kam und ihn fragte: »Du pfeifst das üble Lied, und so denke
ich, ich darf mal kommen!« Er nickte und sagte, auf das Bild weisend:
»So! vorher war es wabbliger Kitsch, jetzt ist es etwas. Nicht wahr,
Gretechien?« Sie nickte; frei wurde es ihr um das Herz. Seine Stimme
war ohne Unterklang, seine Augen sprachen nur von dem Bildnisse und
nicht ein bißchen von dem Mädchen, das es darstellte. Sie hätte
aufschreien mögen vor Glück. Doch der Brief, den sie in der Hand hielt,
verbot ihr das.
»Helmold,« begann sie, und ihre Stimme duckte sich, »hier lies mal.
Swaantje geht es nicht gut. Sie bittet mich, zu kommen, denn Muhme
Gese, schreibt sie, fiele ihr doch etwas auf die Nerven. Was meinst du,
soll ich fahren?« Sie setzte sich auf das Ruhebett, und er nahm in dem
Sessel Platz. Langsam und bedächtig las er den Brief. Bei jeder Zeile
wurde seine Stirne krauser; aber obwohl er tiefes Mitleid empfand,
spöttelte er in sich doch über die verlogene, oder, wie er sich selber
verbesserte, verbogene Schrift und den gequälten Humor, der den ganzen
Brief durchzog. Er gab den Brief zurück und sagte: »Natürlich fährst
du; sie braucht einen Menschen, den sie wirklich liebt; die alten
Leute bieten ihr so gut wie nichts. Ich glaube, sie ist von ihnen
mit Altersschwäche angesteckt, denn Ohm Ollig und Tante Gese sind,
meine ich, schon mit Arterienverkalkung und Hämorrhoiden auf die Welt
gekommen, in geistiger Beziehung wenigstens sicher. Fahre sofort und
muntere sie auf. Übrigens Thorbergs fahren erst nach Neujahr; sein
Prokurist ist krank, schreibt er mir, und es ist jetzt zu viel zu tun.
Schade! Was Swaantje fehlt, ist frische Luft und neue Menschen.«
Seine Frau hatte ihn aufmerksam angesehen, solange er sprach. War das
derselbe Mann, der jüngst noch fast einen Tobsuchtsanfall bekommen
hatte, als sie sich zwischen ihn und das Mädchen stellte? Ein
sonderbares Angstgefühl hielt ihr den Atem fest. Sie betrachtete ihn,
während er Swaantjes Bild an den ersten besten Nagel hängte, ganz
aufmerksam. Es war ihr Helmcke, aber er war es doch nicht; es lag eine
Ruhe und eine Gelassenheit in seinem Gesichte, die sie erschreckte. Der
dummejungenhafte Zug, der ihre Lust und ihr Leid gewesen war, fehlte
gänzlich. Schon die Art und Weise, wie er schritt, befremdete sie, und
als er ganz behutsam die Zigarre einschnitt, langsam das Streichholz
entzündete, mit großer Aufmerksamkeit die Zigarre ansteckte, das
Zündholz ausblies und in den Dreifuß fallen ließ, kam er ihr wie ein
ganz anderer Mensch vor, wie ein Mann, der weit von ihr gerückt war und
hoch über ihr stand. Wenn er früher eine Zigarre ansteckte, ging das
immer hopphopp. Und wie er rauchte! wie ein alter Geheimrat. Und alt
war er geworden; es war nicht das graue Haar über den Ohren, es waren
nicht die scharfen Falten hinter dem Munde, und es war auch nicht ein
Altern, sondern eine Ausgereiftheit. Niemals mehr würde er poltern, das
sah sie, nie wieder grob werden, aber sich auch niemals wieder wie ein
Kind an sie schmiegen.
Die Angst drückte ihr die eiskalte Hand auf die Stirne. Sie stand auf,
legte ihrem Manne die Arme um den Hals und flüsterte: »Helmold, fahre
du hin!« Er machte eine abwehrende Bewegung. »Höre zu!« fuhr sie fort,
»während du in Stillenliebe warest, habe ich über die ganze Sache sehr
viel nachgedacht. Du hast ganz recht gehabt; erst habe ich dich zu
Swaantje hingestoßen, und dann riß ich dich zurück. Das war schlecht
von mir, und dumm. Aber du verstehst?« sie lehnte sich an ihn, »ich
hatte solche Angst, daß sie dir mehr würde als ich, und wenn ich dich
ihr auch sonst gern gegönnt hätte, und sie dir, Zweitfrau wollte ich
doch nicht sein. Aber jetzt,« sie stockte und sprach heiser weiter,
ohne ihn anzusehen, »jetzt weiß ich, daß du mir doch ganz und immer
gehörst, auch wenn, wenn,« sie atmete erleichtert auf und hob ihr
Gesicht zu ihm empor, und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt, »wenn
sie ganz dein geworden ist. Und deshalb, liebster Mann, fahre hin und
denke, daß ich nicht deine Frau, deine Liebste bin, sondern dein bester
Freund, der dir alles gerne gönnt, was dein Herz fröhlich macht. Denn
ich habe dich lieb. Und Swaantje auch.«
Helmold fühlte, daß ihm die Augen feucht wurden, aber er jagte die
Tränen dahin, wo sie hingehörten. Er küßte seine Frau auf die Stirne,
nahm sie um den Leib und zog sie, sich in den Sessel gleiten lassend,
auf seinen Schoß. »Sieh mal, Grete,« begann er mit etwas rauher Stimme,
»hättest du eher so gesprochen, so hättest du mir viele bittere Wochen
erspart, und dir auch. Aber alles auf der Welt hat seine Zeit. Zudem
war ich damals so krank, daß du gar nicht wissen konntest, ob das, was
ich wollte, einem zwingenden Grunde oder einer Einbildung entsprang.
Wir wollen von dieser Sache nie wieder sprechen, denn ich glaube, ich
bin darüber hinaus. Jedenfalls bin ich dir herzlich dankbar für deine
gütigen Worte, und rechne dir die Selbstüberwindung, die sie dich auf
jeden Fall kosteten, sehr hoch an. Was nun die praktische Seite deines
Vorschlages anbetrifft, so kommt hier lediglich Swaantje in Frage, und
Swaantje braucht, so scheint es mir, jetzt mehr eine Schwester denn
einen Bruder. Grüße sie herzlich von mir, und sage ihr, sie solle sich
zusammenreißen und sich mit Italien und Spanien im voraus trösten, und
schustere Tante Gesina einmal gehörig zurecht, das heißt, in Güte,
denn Grobheiten habe ich ihr damals so viele gesagt, daß ihr Bedarf
vorläufig gedeckt sein wird.«
Sie sah ihn ungläubig an. »Übrigens,« fuhr er fort, »mache nicht
solch ein Passionsgesicht! So schlimm wird es mit ihr nicht stehen;
Neuralgiker sind zähe, das sieht man an Bismarck. Der Tausend, du
siehst ja wie Buttermilch aus! Lege dich einen Augenblick hin!« Er
führte sie nach dem Ruhebette, deckte sie zu und streichelte ihr so
lange die Stirne, bis sie einzuschlafen schien.
Aber sie schlief nicht, sie dämmerte nur. Gespenstige Vorstellungen
wisperten ihr seltsame Worte zu. »Wenn er sie nicht mehr liebt, liebt
er dich auch nicht mehr,« flüsterten sie; »du bist rot und warm, sie
ist grün und kühl; ihr seid ihm Komplemente, bildet eine Einheit in
seinen Augen. Fühlst du nicht, daß er nur noch mit den Lippen küßt und
nicht mehr mit der Seele? Daß bloß seine Hände dich streicheln, aber
daß seine Gedanken nicht auf deiner Stirn sind? Daß nur seine Sinne
noch leben, sein Herz aber, das ist tot?«
Sie fuhr in die Höhe, seufzte gequält und sah verängstet um sich.
Ihr Mann streichelte ihr die Backen; sie blickte ihn verzweifelt an:
»Helmold,« schluchzte sie, »ich habe so schrecklich geträumt! Ich
möchte am liebsten nicht fahren. Ich habe solche Angst, ich glaube du,
daß du, du liebst Swaantje nicht mehr und mich auch nicht mehr. Wir
haben dir das Herz zertreten. Du bist so ganz anders geworden, du bist
mir so fremd, daß ich dich nicht ansehen kann, wie man seinen Mann
ansehen soll. Du kommst mir so vor, wie damals, als du auf einmal ohne
Bart nach Hause kamest. Helmold,« stöhnte sie und faßte seinen Kopf
mit beiden Händen, »ist das wahr? Ich habe jetzt immer so viel Angst.
Fühle, wie mein Herz klopft. Komm mit, du und ich und Swaantje, wir
drei wollen uns so lieb haben, wie noch niemals Menschen sich lieb
hatten.« Sie schluchzte fassungslos in das Kissen hinein.
»Gretechien, mein dummes Gretechien,« scherzte er und liebkoste sie;
»du siehst Gespensterchien! oder willst du dich rächen? denn genau
solchen Unsinn habe ich damals auch von dir gedacht. Glaubst du, solche
rosenroten Stunden, wie wir sie erlebten, könnten verblassen und
verwelken? Waren diese Wochen nicht ganz so, wie vor acht Jahren, als
wir Tag für Tag zu Frigge beteten und sie lobten, wie sie gelobt werden
will? Gewiß bin ich anders geworden, aber auch ohne das, was sich die
letzte Zeit begab, wäre ich mehr Mann geworden, denn allzulange bin ich
Junge gewesen. Und bist du nicht auch in den beiden letzten Wochen eine
andere geworden? Glaubst du, daß du noch einmal wieder zu mir so ein
hartes Gesicht machen kannst, wenn ich ein bißchen ungezogen bin?« Sie
lächelte unter Tränen und schüttelte den Kopf und zog ihn fest an ihre
Brust, hungrig seine Lippen suchend.
Am Nachmittage brachte Helmold sie, Swaan und Sweenechien samt der
Kindermagd zur Bahn, denn er hatte bestimmt, daß die Kinder mitfahren
sollten. »Sie haben Ferien, und Swaanhof ist für sie das, was für uns
die Riviera. Und sonst bangst du dich nach ihnen. Außerdem hat Muhme
Gese dann etwas mehr zu tun und läßt Swaantje in Ruhe. Und bleibe,
solange es dir da gefällt. Sage aber nichts von dem Bilde; das soll sie
als Julklapp haben.«
Als er nach Hause ging, mußte er immer noch an das reizende Bild in
dem Fenster des Eisenbahnwagens denken: seine schöne Frau zwischen
den beiden Blondköpfen und dahinter das niedliche Mädchen, glühend
vor Reisefieber. Und welche glücklichen Augen Grete gehabt hatte und
welchen weichen bräutlichen Mund!
Stolz leuchteten seine Augen, als er die Straße entlang ging, und alle
Frauen und Mädchen, die ihm begegneten, sahen ihn an, als wollten sie
sagen: »Muß der aber küssen können!« Er nahm alle diese Blicke dankbar
hin, nutzte sie aber nicht aus, trotz des überlegenen Paschagefühles,
das ihm die Muskeln schwellte.
Er dachte an den neuen großen Auftrag, den er bekommen hatte. Anfangs
hatte er sich darüber geärgert, denn es handelte sich um eine
naturgetreue Wiedergabe von drei Landschaftsbildern für den Speisesaal
auf Rottenwiede, dem Stammschlosse des Freiherrn von der Rotten. Er
hatte angenommen, weil er den Preis bestimmen durfte, und er hatte sehr
viel gefordert. Jetzt freute er sich über den Auftrag. »Denn die enge
stoffliche Begrenzung«, dachte er, »schließlich ist sie doch keine
größere Einengung als die, die bei jedem Bildnisse Voraussetzung ist.«
Und er wollte einmal den Nurlandschaftern zeigen, was es heißt, eine
Landschaft wörtlich abzuschreiben und doch einen echten Hagenrieder
aus ihr zu machen. Ein Wort Oskar Wildes über den Wert des Reimes fiel
ihm ein, über den wohltätigen Zwang, den er auf das Gemüt des Dichters
ausübt, und er sagte sich: »Künstler ist nur der, der vor keinem
Auftrage zittert.« Er ging schneller, denn die Hand juckte ihn nach der
Arbeit.
Als er am anderen Morgen mitten im Schaffen war, fröhlich vor sich
hinsummend, sah er, daß die Großmagd sich im Garten zu schaffen machte.
Er hatte es immer mit Freude angesehen, das große, schlanke, herrlich
gewachsene Mädchen. »Sonnenschein über Apfelblüten,« dachte er, als er
ihr goldenes Haar und ihr rosiges Gesicht ab und zu über den Büschen
auftauchen sah. Er freute sich über das prächtig entwickelte Muskelwerk
ihrer Unterarme und den guten Sitz ihres frischen Waschkleides, und
er dachte, indem er dem Spiele der Schulterblätter und der Lenden
unter dem rosenrot und weiß gestreiften Rocke zusah: »Muß die einen
köstlichen, unverbildeten Akt haben!«
Plötzlich fand er, daß das Mittelbild sehr gewinnen würde, wenn im
Vordergrunde rechts Figuren wären, und er sah Luise da stehen und,
ein Kind an der Hand, über die Haide nach dem Dorfe hinsehen. Er trat
aus der Tür und rief das Mädchen in die Werkstatt. »Hören Sie mal,
Luise,« begann er, sie mit Wohlgefallen ansehend. Sie wurde über
und über rot und konnte ihn nicht anblicken. »Ich brauche hier für
das Bild eine schlanke Figur, und Sie würden großartig dazu passen.
Würden Sie so gut sein und mir dazu stehen?« Das Gesicht des Mädchens
färbte sich noch roter: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr
Hagenrieder,« antwortete sie leise, und ihre Stimme zitterte. »Aber
in dem Kleide geht es nicht,« meinte er, und da er gerade das Bild
betrachtete und dann in das Nebengemach ging, um sich Farbe und Pinsel
herauszusuchen, so sah er nicht, was hinter ihm vorging. Als er nun aus
dem Vorratsraume zurückkehrte, stutzte er und stand mit heißem Gesichte
vor dem Mädchen, das gerade dabei war, das letzte Kleidungsstück, das
ihren Leib verhüllte, abzulegen.
»Halt!« rief er und hob die Hand; »so habe ich das nicht gemeint,
Luise. Ich wollte, Sie sollten sich ihr Dorfkleid anziehen; denn so
brauche ich Sie hier und nicht in Ihrem städtischen Zeug.« Das Mädchen,
dessen Gesicht aufgeflammt war, als er ihm gegenüberstand, wurde
kreidebleich. Schlaff ließ es die Arme an den Hüften herabhängen, hielt
den Kopf tief gesenkt und stotterte: »Ich, ich dachte, Sie meinten
das so, weil doch die Modellmädchen und deshalb.« Ihr Herr suchte
nach Luft. Das Blut kribbelte ihm unter den Haaren, der Atem wollte
ihm nicht über die Lippen, und seine Augen klammerten sich an den
Fußboden. »Luise,« sagte er, und heiser klang seine Stimme, »es wäre
sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir einmal Akt stehen wollten, denn
solche Figur, wie Ihre, die finde ich wohl nie wieder. Aber was wird
Ihr Bräutigam sagen?« Das Mädchen nahm den Kopf in die Höhe und sah ihn
an, und ihre Augen schienen ihm zu leuchten, als sie erwiderte: »Das
ist aus.« Erstaunt fragte er: »Aus? Warum denn? Es war doch eine gute
Partie für Sie?« Kühl antwortete sie: »Ja, er war einmal eklig gegen
seine Mutter, und er schämte sich, weil sie eine Waschfrau ist.« Ohne
daran zu denken, daß das Mädchen nur noch das Hemd anhatte, trat er auf
sie zu und faßte ihre Hand, denn er wollte sie trösten, und da kam in
ihre Augen ein Glanz, daß ihm auf einmal einfiel, daß sie vorhin gesagt
hatte: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.« Dann war alles rosenrot
um ihn, und im selben Augenblicke hing das Mädchen an seiner Brust,
willenlos und willfährig. Ohne zu wissen, was er tat, nahm er hin, was
sie ihm gerne gab. Freude war in ihm, als sie ihn verlassen hatte. »Du
liebst sie,« dachte er; »und wer liebt, ist noch jung.«
Die Blutsbrüderschaft der Stedinger, ein loser Freundschaftsverein,
aus einer Mitschülervereinigung entstanden, hatte einen klobigen
Häuptlingsstuhl, auf dessen riesiger mennigroter Lehne in knallweißer
Pfefferkuchenschrift zu lesen war: »Der moralisch bessere Teil der
deutschen Studentenschaft ist ein ganz rauhbeiniges und freches
Gesindel, und dazu gehören wir!« An diesen protzigen Leitspruch mußte
Helmold denken, und er lächelte dabei vor sich hin. »Ja, ich bin ein
ganz unmoralischer Mensch,« dachte er, »und das bekömmt mich denn
so schön!« Er besah sich ganz genau und lächelte wieder, denn ein
Ausspruch von Hans von Bülow, den er sehr liebte, fiel ihm ein: »Die
Kunst steht über der Moral,« hatte der irgendwo geschrieben: »Der
Künstler, der würdige Priester seiner Kunst, hat, sei er im übrigen
auch wie er wolle, gerechten Anspruch auf höhere persönliche Geltung
als der einfache gute Mensch und Bürger.«
Er belehrte sich daraus also: »Ich bin äußerst schöpferisch als
Künstler, also auch als Mensch. Ich habe eine Welt in mir, die ich
nicht nur in Kunstwerken wiedergeben kann, sondern die ich auch durch
mein Leben verkörpern muß. Ich liebe alles, was sehr schön und sehr
gut ist, und eine große Zärtlichkeit drängt mich, es zu umfassen.
Aus Weibes Schoße bin ich geboren und fühle mich in Dankbarkeit
wieder dorthin gezwungen. Ein einziges Weib kann, ohne in Flammen
aufzugehen, alle die Liebe nicht ertragen, die ich dem Weibe als
solchem abzustatten mich für verpflichtet fühle, und verglimmen und
verkohlen würde ich, dürfte ich meine Liebe nicht hellauf lodern und
weithin leuchten lassen. Von jeher war, wo gesunde, einfache Sitten
herrschten, die Magd die Zweitfrau des Hausherrn. Sie sorgte für ihn,
sie schaffte für ihn, sie kannte alle seine Geheimnisse oft besser als
seine Ehefrau, denn sie machte sein Bett und sah, ob er gut geschlafen
hatte oder nicht. Er muß ihr dankbar sein, und wie kann ein Mann einem
Weibe besser Dank abstatten als durch Kuß und Umarmung?«
Er dachte an die reizende Magd, die ihm und seiner Frau in schweren
Jahren das Leben verschönt hatte durch ihr sonnenhelles Wesen, und er
sandte einen Seufzer der Reue dem Kusse nach, den er sich von ihr nicht
hatte nehmen mögen, weil ihr Herz für einen andern Mann schlug.
Alles das dachte er, wenn er frisch und fröhlich an den drei gewaltigen
Bildern malte. Er fühlte sich durchaus nicht minderwertig, weil seine
Magd seine Geliebte war; im Gegenteil, sein Gesicht blühte von Tag
zu Tag mehr auf, immer federnder wurde sein Schritt, und er schaffte
wieder, wie vor der Zeit, da Märzenschnee die Jungsaat seiner Seele
versengt hatte. Nie hatte er vor dem Jenseits gebangt, nie ein
Dankgefühl einem höheren Wesen gegenüber empfunden, aber jetzt hatte er
es in sich. »Gott,« dachte er, »wenn du bist, so bist, wie das Volk ihn
sich denkt, gütig und voller Verständnis für alles, was deine Kinder
tun, daß du mir, dem Manne, der die Höhe seiner Tage überschritten
hat, so viel blühende Jugend an das Herz legtest, damit er sich daran
erquicke, ich danke dir und will dafür zu dir beten, vorausgesetzt,
daß dir daran etwas gelegen ist; denn ich glaube, dir genügt es, deine
Geschöpfe glücklich zu wissen.«
Er verhehlte sich gar nicht, daß sein Verhältnis zu Luise eine
Gefahr für ihn wie für sie war. Sie entstammte einer hochachtbaren
Arbeiterfamilie und war streng kirchlich; zudem war sie seiner Frau von
Herzen zugetan. Doch sie war ebenso ganz und gar und nichts als nur
Weib, daß der Gedanke, eine Sünde zu begehen, ihr die Küsse, die sie
geschenkt bekam, auch nur ein ganz wenig vergällen konnten; denn sonst
wäre sie nicht in den beiden Wochen des Alleinseins mit ihrem Herrn
nur noch ansehnlicher geworden. Nie aber vergaß sie ihre Stellung,
niemals war sie, außer, wenn sein Arm sie umschlungen hielt, etwas
anderes als die Magd, die ihre Arbeit tat und dafür ihren Lohn erhielt.
Als seine Frau wiederkam und das Mädchen es mehr als einmal ansehen
mußte, wie die Ehegatten zärtlich zueinander waren, blieb ihr Benehmen
sich gleich, nur daß es Helmold schien, als ob sie der Frau gegenüber
noch mehr Willfährigkeit und Aufmerksamkeit darlegte, so daß diese
sagte: »Das Mädchen wird mir von Tag zu Tag lieber; sie tut, was sie
mir an den Augen absehen kann, und ich glaube, sie ist in dich gehörig
verschossen.«
Er mußte lächeln, als sie so redete; sie blieb trotz der einen
schlimmen Erfahrung immer noch das harmlose Gretechien ohne Arg und
Sorge und dachte sich nichts bei dem, was sie in ihrer frohen Art
dahinplauderte. So hatte sie auch, als sie von Swaanhof zurückkam, in
aller Unschuld von Swaantje ein so rührendes Bild gemalt, daß Helmold
schnell von etwas anderem sprach, denn er fühlte, daß die Sehnsucht
sich wieder vor ihn stellte und ihn bittend ansah, und so sagte er
denn: »Ich will ihr einen hübschen Brief schreiben, wenn ich ihr ihr
Bildnis schicke, und ein paar Bücher beilegen, die ihr Freude machen
werden und sie zerstreuen, bis sie nach Italien fährt.«
So kaufte er einige gute Werke, die ihr die Augen für alles das
öffnen sollten, was sie in der Fremde sehen würde, wählte auch einige
Bücher heiteren Inhalts, damit sie sich durch sie nötigenfalls über
ihre Schmerzen hinweglesen sollte, die, wie Grete ihm erzählte, oft
noch sehr arg waren, und an die er mit Bedauern dachte, doch ohne
den Wunsch, sie mit leise streichelnden Händen von ihrer Schläfe zu
entfernen. Dann und wann erhob sich zwar in seiner Seele das geheime
Wünschen und flüsterte begehrliche Worte, aber da ihn sein Weib mit
herzlicher Liebe erquickte und die Magd ihn mit untertäniger Hingebung
erfrischte, so glaubte er herauszufinden, daß er in Swaantje weiter
nichts gesehen habe als ein Sinnbild für seine starke Hinneigung zu dem
Weibe an sich, dem er durch die Eingehung der Ehe hatte entsagen müssen.
Das Gefühl von Gereiztheit seiner Frau gegenüber, unter dem er selber
am meisten gelitten hatte, war völlig verschwunden, seitdem er vor
ihr diese Heimlichkeit hatte. Er hatte vor ihr eine Schuld, aber eine
Schuld, die ihn nicht drückte, die ihn nur dazu antrieb, doppelt so
gut zu ihr zu sein, und mehr als je zuvor regelte er sein Benehmen ihr
gegenüber, wurde zärtlich wie ein Bräutigam und aufmerksam wie ein
Hausfreund.
Vor allem hütete er sich, sie mit seinen eigenen Angelegenheiten zu
behelligen, sobald diese unerquicklicher Art waren, und daran fehlte es
ihm nicht. Der Oberbürgermeister hatte es ihm nicht vergessen, daß er
ihn seinerzeit gezwungen hatte, ihn zuerst zu grüßen; er versuchte es
ihm heimzuzahlen, indem er die Ausschreibung eines Wettbewerbes für die
Ausschmückung des neuen Rathauses hintertrieb und es durchsetzte, daß
die Aufträge unter der Hand vergeben werden sollten. So lag die Gefahr
vor, daß die Hauptarbeiten recht mäßigen Malern zufielen, die es
keine Überwindung kostete, den Rücken zu beugen und Vorzimmerlungerei
zu treiben, worauf Helmold sich nicht einließ. Er tat überhaupt keine
Schritte, einen Auftrag zu bekommen, und bat Hennecke sogar, in der
Presse nicht für ihn einzutreten, zumal es ihm an Aufträgen nicht
fehlte.