»Prachtvoll, ganz prachtvoll,« dachte der Maler, legte den Rucksack

ab, langte vorsichtig das Skizzenbuch heraus und hielt mit dem Stifte

Hund, Hirsch und Landschaft fest; dann stach er die Büchse, zielte auf

den Halsansatz, und so wie es knallte, prasselte und quatschte es,

der Hirsch war verschwunden, und mit giftigem Laute sprang der Teckel

zu. »Tot, tot!« rief Helmold ihm zu, liebelte ihn ab, brach sich einen

Bruch, zog ihn über den Einschuß und steckte ihn an den Hut; dann

setzte er das Horn an die Lippen und prahlerisch klang es über Wald und

Haide: »Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!«

Er hob das Geweih aus dem Schlamm. »Donnerhagel!« sagte er, als er es

sich ansah, »Donnerhagel noch einmal, das ist mein bester Hirsch!« Er

zog das Waidmesser und brach mit zwei Griffen die Kusen heraus. »Nummer

eins,« lachte er, als er sie in die Hosentasche steckte. Aber dann

strich er sich über die Stirn, als ob er da Herbstseide gefühlt hätte;

er dachte an die silberne Spange mit den Hirschhaken, die er Swaantje

verehrt hatte. Mit Mühe brachte er den Hirsch auf die Decke, brach ihn

auf, machte den Hund genossen, schärfte die Mürbebraten heraus und

die Zunge und tat sie in den Rucksack, während er das große Gescheide

verscharrte und das Kleine zum Ausschweißen an einen Ast hängte. Dann

zog er säuberlich das lange Gehääre aus der Brunftmähne, wickelte es in

ein Stück Papier, legte es in das Skizzenbuch, wusch sich die Hände und

machte das Messer sauber, trank den Rest seines Tees aus, steckte sich

eine Zigarre an, dockte den Schweißriemen auf und ging dem Gestelle zu,

wo er sich der Länge lang an einen Jagenhaufen lehnte, gegen den Himmel

sah und rauchte, während Gift in seinem linken Arme lag und schlief.

Nach einer Viertelstunde knallte Peitschenschlag; der Wagen hielt

vor dem Gestell. Helmold sprang auf und winkte den Wagen heran; der

Prinz lenkte, und hintenauf saß der Jagdhüter und der Kutscher.

»Waidmannsheil!« rief der Prinz, »ist es der Mörder?« Der Maler lachte:

»Jawollja, ein Haupthirsch; herzlichschönen Dank auch! Es ist mein

bester Hirsch bis heute, obzwar er man vier Enden hat. Aber solche!«

Er reckte den Arm und zeigte mit der Hand erst auf den Ellenbogen, dann

auf den Schulteransatz. »Klobige Stangen, und Enden so weiß wie ein

Jungfernbein.«

Der Prinz sprang ab und folgte seinem Freunde, der ihn zu dem Hirsche

führte. »Auf den Ruf?« fragte er. Helmold nickte und erzählte, wie er

es angefangen hatte. Etwas wie Neid kroch um den Mund des anderen, als

er das Geweih sah, doch dann sagte er: »Na, den wollen wir heute abend

im Jagdhause ordentlich tottrinken.« Der Maler schüttelte den Kopf:

»Nee, im Blauen Himmel, da ist heute Erntebier!« Der Prinz faltete

seine Stirne zusammen, aber dann meinte er: »Ich danke, bleibe lieber

im Jagdhause. Willst da wohl Studien machen, Helmold?« Der lachte: »I

wo, denke nicht daran; tanzen will ich, daß die Haide wackelt; mir

läuft jetzt schon das Wasser in den Tanzbeinen zusammen.«

Der Jagdhüter und der Kutscher schleiften den Hirsch dem Gestelle zu.

»Guter Schuß,« meinte der Prinz; »Blatt rein, Blatt raus.« Er sah

sich das Herz an, dessen Spitze durchschossen war. »Unglaublich, daß

der Hirsch damit so weit geflohen ist! Man sollte meinen, mit einem

solchen Schusse müßte er im Feuer bleiben. Und der Gift, das ist ja ein

Haupthund! Komm her, Kerlchen, hast brave Arbeit gemacht!« Aber der

Teckel wich ihm aus.

Helmold hielt das Herz des Hirsches in der Hand und ihm war, als

wäre es sein eigenes. Auch er hatte einen tödlichen Blattschuß

bekommen und lebte noch, floh durch Dorn und Dickung, schleppte sich

von einem Wundbette zum andern, und war doch verloren, denn hinter

ihm her hetzte mit hellem Halse das Gedenken an die Eine. Mit einem

Schlage sah er ein, daß seine Wunde nie verheilen würde, und wenn er

sie noch so oft kühlen würde in allen Marieen und Sophieen, die er

auf seiner Todesflucht antraf, denn immer kläffte die Erinnerung

in seiner Rotfährte, und einmal würde sie ihn doch zu Stande hetzen

und niederziehen. »Und wenn schon,« dachte er, und sah mit frechem

Blicke hinter sich, als stände der eiserne Ritter da, »und wenn schon!

Vorgestern die Mariee, gestern die Sophiee, heute Annemieken, und

morgen,« er stockte, aber dann sprang er über den Graben, »und morgen

Grete und übermorgen Swaantje. Blut um Blut; denn umsonst will ich

nicht gestorben sein!«

Sie brachten den Hirsch nach dem Jagdhause, wo der Prinz zurückblieb,

während der Maler mit dem Kutscher und dem Jagdaufseher nach

Stillenliebe fuhr. Helmold freute sich über den prachtvollen Nacken

des Jagdhüters, über den festen Schnitt seines Gesichtes und den

weitausgreifenden Blick seiner ruhigen blauen Augen. Es war ein Mann

der schnellen Tat, der nicht viele Worte machte und niemals lange

fackelte, ganz gleich, ob es sich um Wild oder Weib handelte, oder um

einen Wilddieb. Früher wurde in der Gegend viel gewildert; seitdem

Moormann da war, hatte das fast ganz aufgehört, besonders seit der

Zeit, daß er Sliekenhinnerk, einen Freischützen von Beruf, der im

Verdacht stand, den Ohlenwohler Hegemeister totgeschossen zu haben,

niedergeknallt hatte. Hagenrieder hatte ihn gefragt, wie ihm dabei

zumute gewesen war, als der Mann tot zu seinen Füßen lag. »Großartig«,

hatte Moormann gesagt und lachend hinzugesetzt: »Ein Schade, daß er

nichts auf dem Kopfe hatte zum Andiewandhängen; aber ich habe doch

wenigstens seine Photographie!«

Hagenrieder sah ihn sich genauer an. Er war fünfundvierzig Jahre alt,

hatte aber keine einzige Falte in dem braunen, rotbäckigen Gesichte,

und auf seinem Handrücken hatte kein unerfüllter Wunsch seine Fährte

hinterlassen. Er hatte eine hübsche stramme Frau und einen Haufen

Kinder; doch sagte man ihm nach, er ließe auch sonst nichts anbrennen.

Die Blicke, die manche Frauen und Mädchen ihm gaben, waren wie ein

verstohlener Händedruck; aber die von einigen Männern und Jungkerlen

schmeckten nach Messerstichen. Wenn er anlegte, knallte es auch

schon, ob er nun Hagel oder Kugeln nahm. »Wer sich besinnt, der nicht

gewinnt,« sagte er. Er hatte mehrere solcher Sprüche: »Wer viel denkt,

sich viel kränkt,« hatte er einmal zu Hagenrieder gesagt, und ein

anderes Mal meinte er: »Frauenvolk und Nesselkraut, wer sachte zufaßt,

kriegt Blasen auf die Haut.« Dieser Spruch fiel Helmold nun ein. »Ach

ja!« dachte er und kam sich klein und feige vor.

Als sie ein Weilchen gefahren waren, kamen sie an einem Trupp

junger Burschen vorbei, die ihnen nachjohlten. »Sind das nicht

Schadhörstener?« fragte der Kutscher. Der Jagdaufseher nickte, und der

andere meinte: »Das ist eine rüdige Bande.« Moormann zuckte verächtlich

die rechte Schulter.

Helmold hörte kaum darauf, was vor ihm gesprochen wurde; er mußte

wieder an Swaantje denken, an den Tag, als sie krank im Bette lag und

er ihr die Pfirsichspelten zwischen die Lippen schob. »Nein,« dachte

er, »es ist doch ein Unterschied zwischen diesen Weibsleuten hier und

Grete und Swaantje; die einen kann man ganz hinnehmen und sie bleiben,

was sie sind, und bei den anderen kann ein einziger Kuß die Seele bis

auf den Grund aufwühlen.« Ein Schatten flog über sein Gemüt; er wußte:

nie und nimmer würde er Swaantje so behandeln können, wie Mariee oder

die Krugwirtin, und deshalb würde er sich bis an sein Lebensende mit

dieser tauben Liebe herumschlagen. Dann aber sagte er sich: »Und wenn

Swaantje daran zerbricht, ich will meinen Willen haben, denn ich bin

zu wertvoll, als daß ich an ihr umkommen darf. Was ist sie denn? Ein

schönes Mädchen aus guter Familie! Es gibt mehr solche; aber Männer

wie ich kommen nicht oft vor. Sobald ich nach Swaanhof komme, mache

ich einen Bajonettangriff auf sie. Denn zum Kuckuck noch einmal, es

ist doch alles Unsinn, was ich in sie hineingeheimnist habe, auch

ihre Schriftstellerei. Das war nichts als Widerhall meiner Seele, und

es war schließlich nur ein Geständnis von ihr, eine feine Art der

Hingebung. Sie hat von mir empfangen und brachte Novellen und Skizzen

zur Welt. Aber so sind wir: schafft ein Mann etwas Mittelmäßiges, so

verreißen wir ihn nach allen Regeln der Kunst; bei einem Weibe finden

wir dieselbe Leistung riesig. Warum? Weil Weiber im Durchschnitt nicht

produktiv sind bei ihrer rein rezeptiven Veranlagung und uns jede

Ausnahme davon als Riesenleistung vorkommt.«

Eine heiße Blutwelle brandete in seinem Gesichte; er schämte

sich. »Verflucht!« dachte er; »ich machte sie zur mittelmäßigen

Schriftstellerin, und sie rächte sich dadurch, daß sie mich auf Abwege

brachte.« Seine Tendenzbilder fielen ihm ein; alle vier hatte er

übergestrichen. Niemals hatte er früher eigene Verse und Singweisen

bei der Arbeit gehabt; so sehr hatte ihn diese elende Verliebtheit

zerrüttet, daß er alle Klarheit verloren hatte.

Noch einmal schämte er sich, denn ihm fielen die zugeknöpften Augen

Hennigs ein, mit denen der die Bilder betrachtet hatte. »Famoser

Kerl!« dachte er, und ging in Gedanken alle seine Bilder aus der

letzten Zeit durch. Aber er fand nur noch bei Swaantjes Bildnis einen

Fehler; die Landschaft war zu aufdringlich, die Haide zu rosenrot,

die Wacholder zu botanisch richtig. Das mußte alles zusammendämmern,

ineinanderfließen, so daß nur das Gesicht allein wirkte. Er wischte

in Gedanken alle Härten aus der Landschaft und arbeitete den Kopf

mehr heraus. Dabei fiel ihm ein, daß er nur die halbe Swaantje gemalt

hatte, die milde, weiche, selbstlose Swaantje mit den zärtlichen Augen

und den liebevollen Lippen; aber sie konnte auch unbarmherzige Augen

haben und grausame Lippen. Davon sollte das Bild auch erzählen, von

ihrem zweiten Gesichte; aber nur ganz verstohlen durfte es aus dem

Alltagsgesichte hervordrohen. »Alltagsgesicht, das ist es,« dachte er;

»Maske ist ihre Weichheit, ihr feuchtschimmernder Blick, ihre hilflose

Anschmiegsamkeit, mit der ihr Gesicht sich Tag für Tag schmückt;

dahinter ist Starrheit, Kälte und Geiz. Ich will das alles in ihr

zerbrechen, und wenn sie dabei zusammenkracht!«

So dachte er, denn eine freche, schwefelgelb und feuerrot geringelte

Tanzweise schallte vom Kruge herüber. Der Wagen hielt. Unter der Linde

stand Hennig, seine Line neben sich. »Donnerwetter, Kerl, ist das ein

blödsinnig vernünftiger Gedanke von dir!« rief Helmold, »und fein, daß

du deine Lüttje mitgebracht hast. Tag, schöne junge Frau!« Das Mädchen

schlug lachend ein. »Kinder, kommt mit rauf, ich muß mich erst noch

umhosen und waschen.«

»Du siehst großartig aus, Helmke,« sagte Hennig, als sie oben waren,

ihn mit zufriedenen Augen ansehend. »Tja,« erwiderte der andere; »die

gute Landluft!« Er schrie die Treppe hinunter: »Mine, zwei Handtücher!«

Das Mädchen kam heraufgestürzt. Es war ein blasses, dünnes Geschöpf,

aber sie sah in dem hellen Tanzkleide so niedlich aus, daß der Maler

sie an das Ohr faßte und heranzog. »Kiek sieh, aus Kindern werden

Leute! Hast'e schon 'n Bräutigam?« Sie schlug die Augen unter sich.

»Na, dann bring' ihm das mit und sag', ich lasse ihn schön grüßen!«

Er küßte sie, daß ihr die Luft fortblieb. Mit feuerrotem Kopf schob

sie sich aus dem Zimmer. »Na, ihr seid gut!« sagte Line lachend; »die

wievielte ist das denn hier? Aber alles was recht ist, so seid ihr mir

doch lieber, als wie neulich, wo ihr aussahet, wie eine kranke Katze.«

Helmold wusch sich im Nebenraum. Er hatte nur die Kniehosen an, als

er, das Handtuch in der Hand, hereinschoß. »Du, Hennig, ach so; na,

Line, Sie sind ja schon etwas abgehärtet! Also, warum hast du neulich

nichts gesagt, als ich dir meine Saharabilder und so weiter zeigte?«

Sein Freund schnitt sorgfältig die Spitze der Zigarre ein. »Muß man

denn immer etwas sagen?« Helmold lachte. »Alter Politikus!« Er ging

in das Schlafzimmer und kam wieder heraus, nun mit einem grün und

rot gestreiften Leinenhemde über dem Oberkörper. Er stellte sich

vor den Spiegel, zog eine Halsbinde durch den Kragen, knöpfte ihn

an und band sich eine unverschämte Schleife. Als er die Hosenträger

über den Kopf schlug, fragte er: »Du, Hennig, ich male nicht mehr

mit Orchesterbegleitung.« Der andere brummte etwas vor sich hin, und

Helmold fuhr fort: »Mir kommt das so vor, als wenn du mit der einen

Hand schreiben würdest, und mit der anderen malst du.« Hennig sah

auf und nickte seinem Freunde in den Spiegel zu: »Sehr richtig!« Der

lachte: »Ja, warum hast du das nicht eher gesagt, alter Heimtücker!«

Der antwortete: »Ein Schwäre muß von selbst aufgehen!« Helmold platzte

los: »Großartig; meine Lyrik als Abszeß! Aber du hast recht. Und nun

höre: geh' morgen in meine Malstatt, und sieh dir die Saharabilder,

Wodes Zorn und Frigges Feuertod an; ich glaube, jetzt werden dir die

Bilder gefallen.« Er drehte sich um und sah Hennig listiglustig an.

Der machte sein dümmstes Gesicht. »Ich habe nämlich an allen eine

Kleinigkeit geändert; rate mal, was?« Der andere nahm die Schultern

auf und ließ sie wieder fallen. »Malgründe habe ich daraus gemacht,

weggestrichen habe ich sie!« Er lachte ausgelassen.

Hennecke sprang mit feuerrotem Gesichte auf: »Mensch,« rief er,

»Helmke!« nahm ihn an den Ohren und küßte ihn, daß es knallte; »das ist

ja großartig!« Er faßte Line an den Arm und warf sie Helmold an den

Hals: »Küsse ihn, Mädchen, küsse ihn, bis er nicht mehr piep sagen

kann! Wir haben unsern Helmke wieder! Er ist gesund! Er wird keine

Heulkrämpfe mehr kriegen und anständige Leute im Ratskeller blamieren.«

Er sauste aus der Türe und kam nach einer Weile mit einer Flasche

Sekt und drei Gläsern zurück: »Kerl, darauf wollen wir aber mit dem

Besten anstoßen, das es in diesem Kretscham gibt! Heil, heil und zum

abermalten Male heil!«

Er schenkte wieder ein und fröhlich paffend kramte er, Line neben

sich in das Sofa ziehend, aus: »Was haben wir uns für Sorgen um

dich gemacht! Nicht wahr, Linchen?« Das Mädchen nickte und lächelte

ernsthaft. »Eine halbe Nacht heulte sie mir im Bette herum und

wimmerte: ›Was fehlt ihm bloß! was fehlt ihm bloß! wenn wir ihm doch

bloß helfen könnten!‹ Ich habe mich in meinem Leben noch nicht so

erschrocken, als wie du uns sagtest, daß du bei jedem Bild jetzt ein

Lied und eine Melodie hast! Und als ich dann deine gemalten Leitartikel

sah, da war ich ganz zertrümmert; am liebsten hätte ich dir eins

an den Hals gehauen! Kerl, was bin ich froh, daß du diese schwere

Infektion hinter dir hast! Denn ich war tatsächlich in Sorge um dich.

Du kamest so fein in die Höhe, und mit einem Male fielest du die ganze

Treppe wieder hinunter und fingest an zu malen, als läge dir etwas am

schwarzen Adler. Übrigens: die weiße Haide ist auch fehlerhaft; es ist

eine Tautologie.« Helmold nickte. »Das Dümmste ist schon heraus; das

andere kommt noch. Ja, ich war schön in den Dreck gefallen.« Er pfiff

laut: »Das macht die Liebe ganz allein!« Hennig sah ihn von der Seite

an, lachte dann und sagte: »Auf der großen Diele sieht es sengerich

aus; die Schadhörstener Rauhbeine sind da; es riecht nach Kloppe!«

Als sie auf die Diele traten, Line zwischen sich, kam von dem

Ausschanke her ein heiseres Hohnlachen; da standen die Schadhörstener,

prahlten und tranken sich Frechheit an. Helmold ging vorbei, ohne

sie anzusehen, und ohne darauf zu achten, daß es hinter ihm herflog:

»Kiek den Stadtjapper! Der hat sich die Waden ausgestoppt!« Brüllendes

Hohnlachen folgte dem Witze. Die Freunde gingen auf die Stillenlieber

Jungens zu; Helmold sagte ganz laut: »In Schadhorsten haben sie wohl

kein Geld für ein eigenes Erntebier? Und da tanzen sie wohl bloß, wenn

sie eine Handvoll Schrote auf den Hintern kriegen!« Die Stillenlieber

lachten hell auf; die Schadhorstener brummten wie Dächse, denn zwei von

ihnen hatten wegen Wilderns gesessen.

Den Walzer ließ Helmold vorbeigehen; Hennig und Line tanzten ihn.

Als sie zum vierten Male bei den Schadhörstenern vorbeikamen, wurde

aus ihrer Mitte ein junger Bengel so gegen Line gestoßen, daß sie

stolperte; aber Hennecke hielt sie und trat einem Schadhörstener mit

Absicht so auf die große Zehe, daß der Mensch die Zigarre aus dem Munde

fallen ließ.

Helmold bestellte bei der Musik die Hamburger Polka; die Trompeter

bliesen sogleich an. Er klatschte in die Hände und winkte Annemieken

heran; mit hochaufgerichtetem Kopfe ging sie quer über die Diele und

stellte sich neben ihn. »Dunnerkiel,« sagte Hennig zu Line; aber was er

sich dachte, sagte er nicht.

Die Musik legte los; hastig liefen die verrückten Töne hintereinander

her. Helmold und Annemieken tanzten vor, dann kam Klaus Ruter, der

Sohn des Vorstehers, mit seinem Schatz, und darauf Hennig und Line

und dann die anderen Stillenlieber. Die Schadhörstener machten lange

Augen; solch Tanzen hatten sie noch kein Mal gesehen; aber Helmold

hatte vorher eine Runde Portwein ausgegeben, und der hatte die Knochen

geschmiert. Er tanzte gerade auf die Schadhörstener los, schlug ihnen

die Füße dicht vor den Gesichtern vorbei und sah durch sie durch, als

wenn sie Luft waren. Sie ärgerten sich blau und blaß, trauten sich aber

nicht aus ihrem Winkel heraus, denn die Stillenlieber Jungens hatten

keine guten Augen, und der Schadhörstener Hauptschläger sollte erst

noch kommen.

Mit dumpfem Getrampel und gellendem Aufjuchen brach der Tanz ab; die

Stillenlieber Jungens hatten alle rote Köpfe, und ihren Mädchen gingen

die Schürzenlätze auf und ab. »Kinder!« schrie Hagenrieder und schlug

auf den Tisch, daß die Gläser Polka tanzten, »ich habe von Morgen

den dicken Happbock vom Schandenholz dode geschossen; darauf will

ich einen ausgeben. Frau Pohlmann, sechs Buddeln Rotkopp und eine

Kiste Ziehgarr'n!« Die Schadhörstener, die sich erst alle umgedreht

hatten, als er so losprahlte, machten schnell wieder kehrt, als der

Wein herbeigeschleppt wurde. Aber dann lachten sie, denn Christel

Remmert, der Sohn ihres Vorstehers und der Hauptschläger weit und

breit, trat ein, gerade als die Stillenlieber mit Hagenrieder und

Hennecke anstießen und lauthals hoch riefen, als Helmold schrie: »Hoch

Stillenliebe und alles, was sich dazu rechnet, und die Knochen für die

Hunde vor der Türe!«

Christel Remmert ging quer über die Diele, warf der Musik einen Taler

hin und schrie: »Solo für Schadhorsten!« Die Musiker standen auf und

stimmten einen Walzer an. Die Stillenlieber tranken ihre Gläser aus

und stellten sich vor ihre Mädchen. In der vordersten Reihe standen

Hagenrieder, Hennecke und Ruter, die Hände in den Taschen, die Zigarren

in den Mundwinkeln.

Remmert trat vor sie hin, klatschte in die Hände und winkte Annemieken,

und zwei andere Schadhörstener machten es bei Line und Ruters Mädchen

ebenso, aber die Mädchen lachten sie aus. Da versuchte Remmert,

sich zwischen dem Maler und seinem Freunde durchzudrängen, erst mit

der Schulter, und als das nicht gehen wollte, indem er sie mit den

Händen auseinanderschob. Aber Helmold stieß ihn vor die Brust, daß er

zurücktaumelte.

»Teuf, du Aas!« schrie der lange Kerl und sprang auf den Maler zu;

der trat zur Seite und schlug ihm mit einer schnellen Fußbewegung die

Beine unter dem Leibe weg, so daß er schwer auf die Diele hinstürzte.

Auf ihn fiel ein anderer Bengel aus Schadhorsten, den Hennecke in die

Herzgrube geboxt hatte, und da schrie Klaus Ruter: »Die Fenster auf!«,

sprang mitten zwischen die Fremden, packte den Stärksten von ihnen an

Brust und Hosenlatz, hob ihn auf, warf ihn zwischen die Stühle, daß es

krachte, griff wieder zu, schleppte ihn zum Fenster und warf ihn in die

Mistgrube.

Die Stillenlieber brüllten vor Vergnügen, und Helmold auch. Da hörte

er hinter sich einen Schrei, und als er sich umdrehte, sah er Remmerts

kreideweißes Gesicht und eine Hand, die ein Messer hielt. Im nächsten

Augenblicke aber war das Gesicht rotgestreift, und das Messer fiel

zu Boden; Annemieken hatte dem Heimtücker eine Weinflasche so in das

Gesicht geschlagen, daß ihm die Scherben Mund und Nase zerschnitten.

Im nächsten Augenblicke stand kein Schadhörstener mehr auf den

Beinen. Moormann, der von der Gaststube aus zugesehen hatte, rief:

»Sie gebrauchen das Messer!« Sofort standen die acht Stillenlieber

Bauern den jungen Leuten aus dem Orte bei, und nun flogen die

Fremden kopfoberst, kopfunterst teils aus der großen Tür, teils aus

dem Fenster, und die diesen Weg gehen mußten, lernten dabei, wie

Stalljauche schmeckt. Helmold und Hennig halfen tüchtig mit, und dabei

bekam der erste einen Schlag mit einem Bierglase auf die Backe, daß er

einen fingerlangen Schnitt davon behielt. Er ließ sich schnell nach

Ohlenwohle fahren, wo der Arzt wohnte, und kam nach anderthalb Stunden

geflickt und vernüchtert wieder, aß wie ein Wolf und tanzte bis in die

zwölfte Stunde. Dann brachte er Annemieken nach Hause und saß hinterher

mit Hennecke und den Bauern noch beim Biere. Frisch und munter wachte

er am anderen Morgen um acht Uhr auf, frühstückte mit Hennig und Line

und fuhr sie zur Haltestelle.

Auf dem Rückwege fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Nachmittage noch

nicht an Swaantje gedacht hatte, und nun er das tat, schien sie ihm nur

noch ein Schatten zu sein. Als er nach dem Mittagessen auf dem Sofa

lag und den Spielfliegen zusah, die unter den Deckenbalken tanzten,

überlegte er sich seine Lage in aller Ruhe. »Sieben Jahre lang hat mir

diese Liebe in den Knochen gesteckt; ein Jahr lang war sie akut. Das

genügt mir; jetzt ist Schluß«, sann er. »Ein Loch behalte ich immer

davon, das weiß ich; ungeküßte Küsse und ungeschlagene Schläge, das

ist das bitterste Weh. Aber schließlich vernarbt alles und schmerzt

nur noch ab und zu bei Wetterwechsel.« Er dachte geflissentlich an das

Mädchen; aber seine Gedanken waren nicht hell und zart wie das Laub der

Maibuchen, und nicht welk und mürbe, wie Fallaub, sie waren hart und

fest, wie das Buchenblatt, das sich schon gewendet hat.

»Im Grunde hat mir die Sache nur genützt,« überlegte er; »bisher

war ich ein Junge, ein Kind; jetzt habe ich mich entweiblicht und

vermännlicht. Ich will jetzt nur noch tun, was ich will, und mich unter

keinen fremden Willen mehr ducken. Ich werde küssen, was mir gefällt,

und zu Boden schlagen, was mir vor die Pferde kommt.«

Es klopfte leise an die Tür. Er rief: »Herein, wenn es kein

Geldbriefträger ist!« Die Wirtin kam mit dem Kaffee. Sie hatte den

ganzen Tag mit ihm gemuckt, Annemiekens wegen, und als er sie vorhin

in der kleinen Stube umfassen wollte, hatte sie sich ihm schweigend

entzogen. Jetzt stellte sie ihm ihr feinstes Geschirr auf den Tisch und

einen bunten Strauß dazu, und als er sich in der Sofaecke reckte und

unter herrischem Augenaufschlage fragte: »Ist das alles?« da warf sie

sich in seine Arme und küßte ihn, wie sie ihn noch nie geküßt hatte.

»So werde ich das fortan immer machen,« beschloß er, als sie ihn

verlassen hatte und er seine Zigarre rauchte; »den Hirschen und den

Männern werde ich höflich entgegengehen und die Frauenzimmer auf mich

zukommen lassen. Das Hinterherlaufen hat nun ein Ende. Moormann hat

recht.«

Ruhig und bedächtig machte er sich für die Nachmittagsbrunft zurecht,

nachdem er Grete eine Mohnblumenkarte gemalt und in den Kasten gesteckt

hatte.

Die Wundfährte

Seine Frau freute sich, als er braungebrannt und helläugig zurückkam.

»Aber wie bist zu dem schönen Schmisse gekommen, Helmold?« fragte sie.

»Ja,« sagte er und lachte, »bei der Schweißarbeit geht es oft nicht

gerade säuberlich her, und die drei Geweihe sind den Krätzer schon

wert.« Er schämte sich gar nicht, daß er um die Wahrheit herumging.

Früher hatte er seiner Frau alles, aber auch alles gesagt und sich in

Hemdsärmel und ohne Kragen vor ihr gezeigt; das sollte nicht wieder

vorkommen.

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 11 / 20 段