Laut flötend ging er nach zwei Stunden durch das Dorf, die Büchse über

den Rücken geschlagen. Für alle Menschen, die ihm begegneten, hatte

er ein lustiges Wort, und für jedes Kind einen Apfel. Gift und Galle

jagten kläffend die Spatzen von der Straße und trieben die Katzen über

die Zäune, und Helmold fand, daß die Welt doch noch ganz nett sei.

Er freute sich über die bunten Blumen hinter den Zäunen, über die

Tauben, die vor ihm herflatterten, über den Turmfalken, der auf der

Stoppel rüttelte, und dachte: »Hol's der Teufel; Gott gibt's reichlich

wieder!« Er war auch gar nicht ärgerlich, als er spät abends zurückkam,

ohne seinen Hirsch gehört zu haben.

Als er am anderen Nachmittage dicht vor dem Osterhohl war, kam er

an einem kleinen Hause vorbei, das halb versteckt hinter gewaltigen

Stechpalmenhorsten lag. Ein Mädchen stand in der Tür und sah ihm mitten

in die Augen. Sie hatte ein volles, aber feines Gesicht, und ihre Augen

sahen halb wie die eines Kindes aus, halb wie die einer Frau, die

allerlei erlebt hat. Er ging auf sie zu: »Willst du mir Glück bringen,

Mädchen?« Sie lachte ihn an: »Gerne, wenn ich es machen kann.« Er legte

die Büchse auf den Boden. »So, nun spring dreimal darüber!« Sie nahm

ihre Röcke zusammen und sprang, daß ihre hübschen Waden zu sehen waren.

»Danke schön!« sagte er, nahm sie um die Mitte und küßte sie. »So, und

nun schenk mir noch ein Glas Wasser!« Sie ging vor ihm in das Haus, und

er folgte ihr. »Wie heißt du denn, Hübsche?« fragte er und setzte sich

in den Spinnstuhl. »Annemieken Ahlmann,« antwortete sie und lächelte

ihn an. »Hm,« meinte er; »nun laufe ich schon sieben Jahre hier herum

und habe dich noch kein einmal gesehen.« »Ich Sie aber schon oft!«

erwiderte das Mädchen; »aber Sie gingen immer so stolz vorbei.«

Eine alte Frau kam herein. Sie kicherte, als sie Helmold sah, und zwang

ihm ein Glas Buttermilch auf. »Ja,« sagte sie, »wir sind froh, wenn

sich hier mal ein Mensch sehen läßt. Seit das mit Abbe gewesen ist,

will keiner was mit uns zu tun haben. Und es war doch man ein Unglück.

Ja, ja, das hitzige Geblüt, wer das hat, der kommt leicht zu Schaden.

Na, denn viel Glück auch, junger Herr, und lassen Sie sich mal wieder

sehen. Annemieken, zeige dem Herrn den Richteweg über die Osterhaide;

das ist um die Hälfte näher.«

Das Mädchen ging mit. Als sie im Holze waren, legte Helmold den Arm um

sie und küßte sie. Sie wurde rot und weiß nacheinander und fragte dann:

»Kommen Sie Sonntag auch zum Erntebier?« Er nickte. »Aber mittanzen tun

Sie wohl nicht?« Er nickte wieder. Sie wurde feuerrot und flüsterte:

»Auch mit mir einmal?« »Aber sicher,« antwortete er; »ich glaube, mit

dir tanzt es sich fein!« Sie nickte: »Ich kann mich tottanzen! Aber

wir haben Unglück gehabt. Vater und Mutter sind an der Auszehrung

gestorben und Abbe, mein Bruder, der hat den Verwalter von Ohlenhofen

totgestochen, wo seine Braut diente. Würden Sie das nicht auch tun?« Er

nickte: »Ganz sicher, wenn mir einer an meine Braut käme!« Da lachte

sie und drückte sich fester an ihn.

Als er eine Viertelstunde vor dem Schandenholze war, kehrte sie um.

Er warf seinen Rucksack zu Boden und legte die Hunde ab. Er ging erst

schnell über die Haide, aber je näher er dem Walde kam, um so kürzer

wurden seine Schritte. Hinter einem mächtigen Wachholderbusche blieb

er stehen und lauschte; es war alles still, nur die Goldhähnchen

piepten. Er schlich unter dem Winde von Busch zu Busch, bis er das

Hauptgestell übersehen konnte. Eine halbe Stunde blieb alles still,

dann meldete halb rechts ein geringer Hirsch. Einen Augenblick später

brach es dort und in voller Fahrt floh der Schneider über die Schneise;

hinter ihm her dröhnte der Baß eines starken Hirsches. Von fern her

schrie ein guter Hirsch, näher ein anderer. In der Dickung brach es,

dumpfe Schläge erschallten; der Schadhirsch strafte ein Stück Wildpret

ab. Helmold lachte; am liebsten hätte er geschrieen: »So recht, mein

Hirsch!« Seine Augen funkelten, halb vor Freude, halb vor Haß.

Langsam rauchte er und sah durch die Zweige des Wachholderbusches die

Schneise entlang, die von den schrägen Sonnenstrahlen getigert war.

Ein Fuchs schnürte dicht an ihm vorüber, ohne ihn zu wittern; ihm

folgte ein Hase. Eine Weile saß er still, dann rückte er zu Felde.

Tauben schwangen sich in ihren Schlafbäumen ein; der Schwarzspecht

rief zum letzten Male. Helmold lauschte angestrengt. Ab und zu gab der

Platzhirsch ein halblautes Knören von sich. Die Sonne sank; hier und

da glühte auf einem Kiefernstamme ein roter Fleck auf und täuschte ein

menschliches Angesicht vor, verschwand und tauchte an einer anderen

Stelle wieder auf. Im Kienmoore schrie ein guter Hirsch herausfordernd;

drohend antwortete der Platzhirsch. Ein Kälbertier trat über das

Gestell; das Kalb folgte. Warnend rief der Hirsch und zog bis an den

Rand der Dickung; sein Atem flog weiß vor ihm her. Das Tier machte

Kehrt und trat wieder zurück, und das Kalb trollte hinterher.

Helmold lächelte kalt. »Der weiß mit den Weibsleuten umzugehen,«

dachte er; »fällt ihm gar nicht ein, zu schmachten und zu betteln. Er

nimmt sich, was ihm zukommt, kraft seines Geweihes.« Er überdachte

das letzte Jahr. »Welch ein Narr bin ich gewesen! Hätte ich damals

im Tödeloh zugepackt, so hätte ich nicht Nacht für Nacht in mein

Kopfkissen hineinzuheulen brauchen. Und wäre ich Grete mit der

Tatsache gekommen, so hätte sie sich geduckt.« Er schämte sich vor

sich selber. Er hatte sich nackt vor ihr ausgezogen. »Ein schwerer

Fehler! Frauen wollen den Mann über sich sehen; stellt er sich neben

sie, so sehen sie auf ihn hinunter. Sobald sie wissen, man liebt sie

wirklich, ist man schon verloren,« dachte er; »Mann und Weib sind

Todfeinde; das ist es. Das Weib ist Realist, klebt an der Erde; der

Idealismus, die Himmelssehnsucht des Mannes, ist ihm unbegreiflich, ja

verächtlich. Urmensch ist es, handelt nur aus Instinkt. Ihre Hauptwaffe

ist die Lüge, die Verstellung; unbewußt, darum so gefährlich, weil

uns unlogisch erscheinend, unbegreiflich. Ihre Unwahrhaftigkeit ist

primitiv, ist naiv.«

Er drückte die Asche in der Pfeife herunter. »Sie müssen gedrückt

werden, soll ihre Liebe nicht ausgehen,« dachte er und lachte. »Auch

Swaantje ist ein Weib; ich habe mir eine Göttin aus ihr gemacht. Magd

soll das Weib dem Manne sein, nicht Herrin. Nie ist sie ihm Kamerad.«

Es prasselte in der Dickung; der Hirsch trieb die Tiere zusammen. Dumpf

schallte es; er forkelte ein störrisches Stück. »Ruppig muß man sie

behandeln. Nietzsche hat recht: ›Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die

Peitsche nicht!‹ Erobert wollen sie sein, roh hingenommen. Wieviel

Glück und Wonne hätte mir das Jahr bringen können, wäre ich meiner

Natur gefolgt! Den Kameraden suchte ich in Grete; Wahnsinn! Suchte bei

ihr Verständnis! Als ob es das zwischen Mann und Weib gäbe. Von Mann zu

Mann, ja, und von Weib zu Weib, aber nicht über Kreuz. Der Hirsch ist

klüger; er hält sich zum Hirsch, solange ihn die Liebe nicht zwickt,

und ist es damit aus, läßt er das Frauensvolk stehen und sucht sich

Kameraden, die so fühlen wie er selber.«

Die Schlagschatten der Stämme fielen über das Gestell; hohl rief

der Kauz; ein Bock schreckte in den Bleeken. Ganz selten schrie ein

Hirsch; der Abend war zu lau und versprach Regen. Helmold stopfte sich

eine neue Pfeife und steckte sie hinter dem Hute an. Er hielt Grete

und Swaantje nebeneinander und schüttelte den Kopf. »Ein dreifacher

Esel bin ich gewesen; eine Möglichkeit, die den beiden als eine

Unmöglichkeit erscheinen muß, habe ich von ihnen erbeten. Ich war

krank, sonst wäre ich nicht auf einen so irrsinnigen Gedanken gekommen.

Bei beiden habe ich meinen Nimbus zerstört; sie sehen auf mich hinab.

Das muß anders werden, denn«, er reckte die Brust, »denn ich will

meinen Wunsch nicht verhungern lassen.«

Er bohrte seine Blicke in die Dämmerung. »Und Grete, sie ist eine kluge

und gute Frau. Sie ist eben Frau und kann deshalb kein Mensch in meinem

Sinne sein; und die andere schließlich auch nur so lange, als bis«, er

stockte im Denken und sah mit harten Augen nach dem schwarzen Fleck,

der auf der Schneise stand. Langsam hob er das Glas; es war ein Stück

Wild, das sich dort äste; ein zweites und ein drittes trat dazu. Er

nickte vor sich hin: Jawohl, so mußte es werden; er wollte sich mit

Grete gut stellen, denn er liebte sie. Wenn er sie zuweilen zu hassen

glaubte, so kam das daher, daß er ihr seine eigene Dummheit nachtrug.

Er fuhr zusammen; mitten auf der Schneise stand ein Schatten, höher als

die anderen. Das Glas versagte, aber es mußte der Hirsch sein. Dumpf

dröhnte es und die anderen Schatten zogen in das jenseitige Jagen, von

den Geweihstößen ihres Gebieters getrieben. »Wie viele mag er bei sich

haben?« dachte Helmold. »Sicher zehn bis zwölf. Das ist für ihn der

Begriff des Weibes, wie für mich die Zusammenstellung Greteswaantje;

aber Sophiee und Annemieken und Mariee runden den Vollbegriff Weib erst

ab. Denn ich bin mehr wert als zehntausend andere Männer, kann deshalb

auch mehr Ansprüche machen. Und das werde ich, so wahr ich Helmold

Hagenrieder heiße!«

Er erhob sich, ging einige hundert Schritte zurück und stellte sich

unter einer Schirmkiefer auf der Haide an. Der Abendstern stand blank

über dem Walde. Er dachte an Swaantje; kühl betrachtete er sie und

lächelte. Sie hatte mit Grete über den Roman gelacht, dieweil er mit

zerrissener Brust am Boden lag; sie empfand es peinlich, als er mit

einem Weidewundschusse im Wundbette saß. Er lachte tonlos vor sich hin:

›Was denkt er von mir?‹ hatte sie gefragt. Ach ja, die Dame war stark

in ihr. Eine kalte Wut schüttelte ihn. »Wenn sie jetzt hier wäre, würde

ich ihr zeigen, daß ich ein Mann bin. Komm! würde ich sagen und sie

würde kommen.«

Kühl strich der Abendwind über die Haide und ruschelte in den gelben

Moorhalmen. Helmold fröstelte es. Er knirschte mit den Zähnen; er

dachte daran, wie erbärmlich er sich angestellt hatte, als er in

der Werkstatt um einen Kuß bettelte. »Hätte ich zugepackt, stände

ich anders vor ihr da. Jetzt bemitleidet sie mich. Pfui Teufel! Und

sie? Auch an ihr habe ich gesündigt, schwer gesündigt. Ich habe ihr

vorenthalten, was ihr zukam; krank und elend habe ich sie gemacht,

ebenso wie mich. Gedichtchen habe ich ihr geboten statt Küsse, Seufzer

anstatt Liebkosungen. Schöner Held, der ich bin mit meiner schlappen

Rücksichtnahme auf ihre Seele, auf Grete, auf die Verwandtschaft, die

Gesellschaft, meine Stellung und ähnliche Albernheiten!« Höhnisch

lachte die Scham ihn an. Er dachte an den Mühlenkrug, an Janna und

Manna, an sein Lautenspiel und an die Lieder, die er den Mädchen sang.

»Pfui, pfui; wie ein Schuljunge benahm ich mich!«

Der Hirsch im Kienmoore schrie; er schrie sich bis in die Bleeken

hinein. Der Schadhirsch antwortete und zog ihm näher. Helmold lauschte;

blanke Freude lachte ihm aus den Augen. Die Hirsche standen sich

gegenüber, der eine schrie dem anderen in das Gesicht. »Wundervoll,«

dachte er, und ihm war, als wenn der eine feuerrot, der andere blutrot

schriee. »Ein Leben von rot auf Rot; rote Liebe auf rotem Mord; das

ist Leben!« Er dachte an einen Mann, der ihm einst mitten in sein

Leben hineingegriffen hatte. An einem klaren Wintermorgen standen sie

sich im weißen Walde gegenüber. Wie blödsinnig das war: die Zilinder,

die Pelze, die Gummischuhe, die rotbraunen Handschuhe, und darin die

Pistolen, und vor allem: die glattrasierten, höflichen Gesichter der

Zeugen und die verbindlichen Manieren des Unparteiischen! Sein Gegner

ebenso, und er selber nicht anders. Und dabei: zehn Schritt Barriere

mit Vorgehen und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. Er lächelte,

denn er dachte daran, wie ihm sein Gegner den hohen Hut vom Kopfe schoß

und in demselben Augenblicke mit einem schweren Schulterschusse umfiel.

Hier der Seidenhut mit dem weißen Atlasfutter im Schnee, da der Arzt

bei dem Verwundeten, alle Wipfel voll von Goldhähnchengezirpe, die Luft

erfüllt von den Locktönen der Kreuzschnäbel, und der von himmelblauen

Schatten gestreifte Schnee, von der Sonne mit Demanten besät, und

mitten darin ein großer herzförmiger roter Fleck und ein kleiner, der

wie ein Kreuz aussah, und von dem lauter rote Kleckse bis zu der Stelle

führten, wo der Arzt arbeitete; eine schöne Erinnerung!

»O, ich habe auch solche,« dachte er, als er, die Hunde hinter sich,

über die Haide ging; »und sogar eine ganze Menge.« Vor seinen Augen

stand ein Tanzboden, niedrig und ganz mit Tabaksrauch gefüllt, und

durch das Fenster flog, das Fensterkreuz und alle Scheiben mitnehmend,

ein Gefreiter von den Oldenburger Dragonern, und der ihn so auf den

Schwung gebracht hatte, das war der Einjährigfreiwillige Hagenrieder

gewesen. Seine gewilderten Rehböcke fielen ihm ein und der Hirsch,

den er auf einem Birkenbaume dreihundert Gänge weit über die Grenze

geschleift hatte, und Tiedo Tiedsen, sein Konpennäler, der auszog, um

den Buren gegen die Khakis zu helfen, und der das redlich besorgte,

bis eine Kugel sein heißes Herz zur Ruhe brachte. Eine unbändige

Lust packte ihn, die ganze Zivilisation auszuziehen und irgendwohin

zu gehen, wo Kraft vor Recht geht und nur der Mann gilt, der am

schnellsten im Anschlage ist. Aber dann dachte er: »Verpfuscht, zu

spät!« Die drei wilden Blumen, die er die letzten Tage über am Wege

gepflückt hatte, kamen ihm wertlos vor; er schlug einen Bogen, um

nicht an Ahlmanns Hause vorbeizukommen, von dem ein kleines Licht

herüberschimmerte, und er setzte sich im Krug in das Gastzimmer und

nicht in die kleine Stube, wo er mit der Wirtin allein sein mußte.

Es kamen nun einige regnerische Tage und die Hirsche schrieen nicht.

Vergebens umschlich er das Schandenholz und pürschte im Kienmoore; es

blieb alles stumm. Jede Nacht trat der Schadhirsch aus, wie die Fährten

auf der Haide wiesen, zog jedoch vor Tau und Tag wieder in die sichere

Dickung. Am Sonnabend aber drehte sich der Wind und wurde hart und

kalt, und sofort orgelten überall die Hirsche.

Es war noch schwarze Nacht, als Helmold zu Holze zog, Gift am

Schweißriemen. Unter dem Winde wartete er auf der Haide den Tag ab,

in seinen Mantel gewickelt. Der Himmel war ganz hoch und sternenklar,

und das Haidkraut starrte von Reif. Der Schadhirsch schrie zwischen

den Krüppelkiefern in den Bleeken und zog dem Hirsche vom Kienmoore

entgegen. Helmold hörte, wie die Geweihe aneinanderprasselten, und

das Keuchen der beiden Kämpen war deutlich zu vernehmen. Ein heller

Wind bewegte die Kronen der Kiefern und flüsterte in dem Haidkraute;

im Osten zerriß die Nacht über dem Walde; Wanderdrosseln pfiffen, und

im Moore weckten sich die Kraniche auf. Die Sterne gingen langsam

nach Hause, und aus den unheimlichen Gespenstern wurden harmlose

Wachholderbüsche.

Der zweite Hirsch schrie schon wieder im Kienmoore. Helmold merkte

sich ganz genau seine Stimme, während er langsam und bedächtig Brot

und Speck aß. Als er damit fertig war, prüfte er mit nassem Finger

die Windrichtung, nahm einen kleinen Schluck Kognak, zog den Mantel

aus, legte den Rucksack ab, steckte den Hirschruf in die rechte

Joppentasche, legte den Hund ab und deckte ihn mit dem Mantel zu, und

sobald er Korn und Kimme zusammenbringen konnte, pürschte er sich an

das Holz heran.

Der Wind wurde noch schärfer; Helmold knöpfte die Joppe fest zu und

zog den Gürtel enger. An der Ostseite bohrte der Morgen ein Loch in

die Dämmerung und sah dadurch über die Haide. Der Hirsch im Kienmoore

schrie noch einmal und verschwieg dann. Helmold trat an den Rand

des Hauptgestelles, prüfte den Wind und lauschte. Endlich hörte er

es einmal linkerhand brechen; der Platzhirsch hatte seinen alten

Stand eingenommen. Er hörte ihn ab und zu knören und vernahm, wie ein

Kälbertier mahnte.

Es war mittlerweile ganz hell geworden; die Meisen wachten auf, die

Goldhähnchen piepten in den Zweigen, eine Krähe zerkrächzte die Stille.

Helmold sah sich um; ein Mutterreh mit zwei Kitzen zog über das

Gestell, dicht an dem Hasen vorbei, der still wie ein Baumstumpf da

saß und nur die Löffel aufrichtete, als Helmold in den Bestand trat.

Da sah es wild und wüst aus; der Sturm hatte vor Jahren einen Teil

der untergebauten Fichten umgeschmissen, und den Rest hatte die Nonne

umgebracht. Die von allerlei Gestrüpp bewachsenen Wurfböden erhoben

sich überall, zwischen ihnen lagen kreuz und quer die hohen Stangen,

von oben bis unten mit silbergrauen Flechten bezogen.

Behutsam das Geknick meidend schob er sich von Stamm zu Stamm, die

Büchse schußfertig in den Händen, mit den Augen das silbergraue Gewirr

zerpflückend. Nichts entging ihm, weder die Fährte am Boden, noch der

Dompfaff in dem Ebereschenbusch, nicht der Fliegenpilz unter der Birke,

nicht die zerfetzte Rinde an den Malbäumen.

Eine Stunde war vergangen, da hatte er erst zweihundert Schritte

hinter sich, denn nach jedem Tritte machte er Halt und lauschte mit

offenem Munde oder prüfte den Wind. Da hörte er den Hirsch knören.

Langsam schob er sich hinter einen Wurfboden, langte die Muschel aus

der Tasche und quetschte einen neidischen Ruf heraus; von drüben kam

eine mürrische Antwort. Er ging, den Schritt eines Hirsches nachahmend,

rücksichtslos durch das Fallholz, sich immer in Deckung haltend und

ab und zu einen Schrei aus der Muschel herausholend; der Schadhirsch

antwortete schon ärgerlicher. Helmold machte das Mahnen eines Tieres

nach und ließ einen herausfordernden Ruf hinterher folgen; gereizt

erwiderte ihn der Mordhirsch und zog näher. Hinter einem Wurfboden

trat Helmold laut hin und her, daß der anmoorige Boden quatschte und

das Fallholz brach, und während ihn der Frost schüttelte, vernahm er,

wie sein Hirsch immer näher kam. Er setzte die Muschel an den Mund

und schrie ihm eine grobe Redensart entgegen, und abermals eine, die

noch viel frecher war, und eine dritte, mehr als gemein. Der Hirsch

meldete nicht; es schien, als ob er starr wäre über die bodenlose

Unverschämtheit des Nebenbuhlers. Helmold ließ den Hirschruf in die

Tasche gleiten und machte scharf.

Vor ihm war alles still, dann mahnte ein Schmaltier und darauf brach

es laut; vor ihm stand der Hirsch auf dreißig Gänge und schrie aus

vollem Halse. Helmold sah nichts, als vier lange blanke Enden, ein

graues Gesicht mit tief liegenden Lichtern und einen Strom weißen

Dampfes. Die volle Brunftwitterung stank ihm in Nase und Mund hinein.

Der Hirsch schrie noch einmal mit ganzer Kraft und wendete sich. Sowie

er das Blatt freigab, hielt Helmold darauf und riß Funken. Er hörte

Kugelschlag und sah durch das Feuer, daß der Hirsch stark zeichnete.

Prasselnd fuhr er ab, daß das graue Geäst weit umherflog. Hinter ihm

her polterte das Kahlwild.

Helmold blieb eine Weile stehen, wischte sich den Schweiß von der

Stirne, trank einen Schluck Tee, steckte sich eine Zigarre an und ging

auf den Anschuß. Er brauchte nicht lange zu suchen; er fand Schweiß

und Schnitthaar. »Tiefblatt«, murmelte er, als er die Schweißspritzer

betrachtete und von einem Farnwedel einige Haare ablas. Er verbrach den

Anschuß und ging dahin, wo er den Hund abgelegt hatte. Dort überlegte

er; bis zu der Wirtschaft, das war reichlich weit. Da fiel ihm

Annemieken ein, und er ging nach dem Osterhohl.

Als er in das Haus trat, begrüßte ihn die alte Frau freudestrahlend.

Dann trippelte sie nach der Halbetüre und rief mit ihrer brüchigen

Stimme: »Annemieken, Mädchen, komm hille!« Das Mädchen kam herein; es

hatte bloße Arme und vor dem Leibe einen alten Sack als Schürze. »Kann

ich bei euch einen Teller Suppe haben?« fragte Helmold. Sie lachte

glücklich; aber dann bekam sie einen roten Kopf und sagte: »Wir haben

aber bloß Bohnensuppe und alten Speck.« Er lachte: »Das ist grade

das Richtige; ich habe einen Hirsch geschossen und will ihn nachher

nachsuchen, und bis zum Kruge ist es mir zu weit.« Er ließ sich in

den Spinnstuhl fallen und sah den Funken zu, die um den Kesselhaken

spielten. Als die alte Frau hinausgegangen war, sagte das Mädchen:

»Ich dachte, du würdest gestern abend hier noch einmal vorbeikommen.«

Er antwortete: »Ich war sehr müde und hatte meine böse Stunde.« Das

Mädchen sah ihn groß an: »So ein feiner Herr? Ich dachte, der hätte

nicht Kummer, noch Sorgen. Denn ist es wohl um ein Mädchen? Aber

darüber mußt du dir keinen Kummer machen; wenn man nicht hat, was man

lieben will, denn so liebt man, was man hat.« Er lachte: »Woher hast du

denn diese Weisheit?« Sie bekam dunkele Augen: »Ich war eine Zeit in

der Stadt.«

Sie ging zu dem Kessel, rührte das Schweinefutter um und sah in dem

kleinen Topf nach, ob das Essen bald fertig war. Dann ging sie in den

Garten und kam mit einem Blumenstrauß zurück, den sie auf den Tisch

stellte, über den sie ein weißes Tuch gelegt hatte, machte sich vor

dem halbblinden Spiegel das Haar, band die Sackleinwandschürze ab,

ließ ihren Rock herunter, wusch sich die Hände und band eine reine

Schürze vor. Die Großmutter brachte die Suppe, Helmold holte, was er

an Wurst und Schinken im Rucksacke hatte, heraus und legte es auf den

Tisch, desgleichen eine Tafel Schokolade und stellte die Kognakflasche

dazu, aus der die alte Frau ein Schlückchen bekam. Es wurde ein sehr

gemütliches Essen, und die Großmutter gnickerte in einem fort über den

lustigen Jägersmann, der so schöne schlechte Witze erzählen konnte.

Nach dem Essen aber nickte sie sofort im Spinnstuhle ein und Helmold

gähnte auch. »Kannst in meinem Bette schlafen gehen, Junge,« sagte

Annemieken. »Und du mein Schatz, bleibst hier?« sang er. Sie schüttelte

den Kopf und ließ sich mitnehmen.

Um zwei Uhr wachte er auf und hörte die Großmutter im Flett

umhertrippeln. Annemieken stand vor dem Spiegel und kämmte sich. Er

wunderte sich, daß ihr Spiegelbild ganz anders aussah, als ihr Gesicht,

bis ihm einfiel, daß Spiegel lügen. »Alle Reproduktion ist Schwindel,«

dachte er. Die Großmutter klopfte an: »Der Kaffee ist fertig,« rief

sie, und als er auf die Diele kam, tat sie, als ob sie von nichts wüßte.

»So, Gift, nun ist es aber Zeit, daß wir uns auf die Strümpfe machen,«

sagte Helmold, als er gegessen und getrunken hatte. Als er den Anberg

hinaufging, flötete er vor sich hin und dachte dabei: »So, das war

ein Tag, rot in Rot; den nimmt mir keiner mehr weg!« Lustig pfeifend

schritt er über die Osterhaide. Auf der Blöße äste sich vertraut ein

guter Bock; er ließ ihn leben. »Annemiekens wegen,« dachte er, denn sie

hatte ihm erzählt, daß sie sich jeden Morgen über den Bock freute.

Vor dem Holze nahm er den Schweißriemen ab, dockte ihn halb auf, und

als er bei dem Anschusse war, legte er den Hund zur Fährte. »Such

verwund't, mein Hund,« rief er ihm zu; »weis' verwund't, mein Hund!«

Der Teckel stieß einen dünnen Laut aus und tupfte mit der rotbraunen

Nase auf einen Schweißspritzer. Dann legte er sich so stürmisch in den

Riemen, daß sein Herr gänzlich aufdocken mußte.

Es war eine wilde Nachsuche, denn der Hund schliefte fortwährend

unter den gefallenen Fichten durch, so daß Helmold alle Augenblicke

den Riemen fahren und über die toten Stangen hinwegsetzen und den

Riemen wieder festtreten und greifen mußte. Nach fünfhundert Gängen

wies der Hund das erste Wundbett vor. Das zweite kam, ein drittes in

einem Tümpel und ein viertes; aber da brach es in der Dickung, der

Hund riß Helmold den Riemen aus der Hand und hetzte mit hellem Halse

weiter. Sein Herr blieb stehen und atmete tief, auf den Ball des

Teckels horchend. Seine Augen strahlten: »Wundervoll, ganz wundervoll!«

dachte er, wischte sich Stirn und Hals ab, nahm einen Schluck aus der

Kognakflasche und setzte sich auf einen Wurfboden, bis sein Herz sich

beruhigt hatte.

Dann horchte er auf; der helle Hatzlaut des Hundes brach mit einem Male

ab und vertiefte sich zu dumpfem Standlaut. Helmold lachte: »Hat ihn

schon!« Er nahm die Büchse vom Rücken und ging schnell aber vorsichtig

dem Halse des Hundes nach, der aus dem Nachbarjagen herüberläutete.

Er trat über das Gestell und drängte sich durch die Fichtenleichen,

ab und zu springend, wenn die grauen Stangen zu hoch lagen, oder sich

zwischen zwei Wurfböden durchwindend. Je näher der Standlaut klang,

um so behutsamer schlich er, und dann blieb er auf einmal stehen und

riß sein Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander, denn mitten in

einem quelligen Ellernsumpfe stand der Hirsch bis an den Leib in der

Modder und versuchte, den Hund zu forkeln, der vor ihm auf einem zwei

Fuß hohen Kissen von Silbermoos vorstand und ihn mit heiserem Halse

verbellte, ab und zu den Versuch machend, ihn niederzuziehen, aber

gewandt zurückzuckend, sobald der Hirsch das Haupt senkte.

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 10 / 20 段