»Weißt du, liebe Grete,« meinte er, »du müßtest eigentlich Romane

schreiben, denn du hast ein bedeutendes Erfindertalent. Sieh mal,

dieser hier, in dem wir drei die Hauptpersonen sind, ist doch einfach

eine glänzende Leistung. Sag' mal, wie hast du dir den Schluß gedacht?

Blumenthal-Schönthansch oder Shakespeare-Sophokleïsch? Hm? Denn du hast

doch ein Ziel gehabt, als du das erste Kapitel anfingst?«

»Wißt ihr was, Kinder,« und er nahm in den einen Arm Grete und in den

anderen Swaantje, »wir wollen uns hinsetzen und jeder einen Schluß

schreiben, oder habt ihr zwei beiden schon einen fertig? So scheint mir

das wenigstens. Ich bin in der Beziehung etwas unbegabt. Bin überhaupt

ein dummes Luder, das alles ernst nimmt, was seine Frau im Scherz sagt.

Vor sieben Jahren sagte sie: ›Die Hauptsache ist, Helmold, daß wir

beide immer gute Freunde bleiben.‹ Heute weiß sie nichts mehr davon,

denn die Hauptwaffe der Frauen ist das abstellbare Gedächtnis.«

Ȇbrigens: wie famos die Schatten da sind! Genau so wie die, die deine

Worte über mein Herz warfen; das sieht wie ein rotes Zebra aus. Ihr

könnt es später auf den Jahrmärkten sehen lassen. Und das da ist die

Venus, der sogenannte Liebesstern. Sie zittert; ihr ist kalt. Mir auch.

Ach, Kinder, ist das ein schöner Abend! Sieh, da ist ja auch der Mond.

Na, Kerl, was sagst du nun? Jetzt habe ich die beiden Frauen, die laute

und die leise; es fehlt nur noch der Schimmel und die Wölfe, die sich

um Männerköpfe beißen. Kerl, es ist alles Schwindel, alles; ich habe

überhaupt keine Frau, nur eine Frau Gemahlin, geborene Möllering.« Er

pfiff sein frechstes Lied.

Zum Abendessen kam Hennecke; Grete hatte ihn herbeigebeten und ihm

gesagt, wie es um Helmold stand. Beim Essen wurde von der Sache nicht

gesprochen. Hinterher sprach er erst mit Helmold und versuchte, ihn

umzustimmen; das gelang ihm nicht. Dann ging er zu Grete. Swaantje kam

in das Zimmer. Nach einem langen Schweigen fragte sie ihren Vetter:

»Weiß er es?« Er nickte: »Ja, von Grete, von mir nicht.« Das Mädchen

fragte weiter: »Was denkt er von mir?« Sie zuckte zusammen, denn ein

Blick wie ein Messer streifte sie. Und abermals zuckte sie zusammen,

als Helmold antwortete: »Das denkbar Schlechteste,« und zum dritten

Male, als er fortfuhr: »nämlich, daß du dich völlig als Dame benommen

hast!«

Er ging im Zimmer auf und ab: »Ich bin mit ihm fertig, denn er hat dich

in meinen Augen herabgesetzt. Er sagte: ›Sie ist ein Weib, also auch

nicht wert, daß man ihretwegen auch nur ein einziges Haar grau werden

läßt.‹ Er denkt nicht besonders von euch. Als ich ihm Gretes Verhalten

darstellte, lachte er und sagte: ›Darüber wunderst du dich? Nimmst

du denn Frauen ernst? Mein Lieber, du bist über vierzig! Freu' dich,

daß es Kinder sind und bleiben, die nicht aus Gemeinheit unwahr sind

sondern aus Instinkt.‹ Na ja, die Mädchen, mit denen er verkehrt, mögen

so sein. Ich denke besser von Grete und von dir, oder dachte so, und

deshalb bin ich so elend geworden.«

Er ging auf das Mädchen zu, gleich als wollte er sie anfassen; sie

sprang auf und stellte sich hinter den Sessel. Er schüttelte belustigt

den Kopf: »Habe keine Angst; ich will dich nicht mehr. Das eine Wort:

›es ist mir peinlich‹ hat mir gezeigt, wer du bist. Und wenn wir beide

eine Woche allein wären, und du trügest jeden Tag das weiße Kleid, ich

würde stets die Dame in dir achten, die Dame, die umfällt, wenn ihr

eine Maus über den Weg läuft, und die den einzigen Mann, der das Weib

in ihr sah, und den sie zum Sterben liebt, aus ganz gemeiner Feigheit

umkommen läßt. Ich will dir etwas zum Andenken schenken.« Er ging in

das Atelier und kam mit einem gerahmten Pastellbildchen wieder. Es

stellte einen Sarg dar, der auf zwei Stühlen mitten in einer Wiese

stand; in dem Sarge lag Helmold Hagenrieder, wie er nun war, und sah

spöttisch auf Helmold Hagenrieder hinab, wie er einst war.

Swaantje legte das Bild entsetzt fort und sah verstohlen ihren

Vetter an. Sie fand, daß seine Schläfen ganz grau waren, und daß er

Altemannsfalten über dem Munde und neben den Augen hatte. Sie stand auf

und ging auf ihn zu, aber da kam Hennecke mit Grete.

Um Mitternacht gingen Grete und Swaantje zu Bett; Helmold und Hennig

saßen noch lange auf. Hennecke versuchte in seiner ruhigen Art dem

Freunde aus dem Gestrüpp herauszuhelfen. Helmold hörte geduldig zu,

aber dann sagte er: »Du hast vollkommen recht, und Grete hat recht,

und Swaantje hat recht. Hier handelt es sich aber nicht darum, sondern

darum: soll ich leben oder sterben? Ich glaube übrigens, es ist für das

eine schon zu spät; denn ich bin bereits tot!«

Er sah Hennig mit harten Augen an: »Sage mal, Grete sagte vorhin, du

hättest gesagt: ›Wenn ich eine Schwester hätte, und ein verheirateter

Mann näherte sich ihr in der Weise, wie es hier vorliegt, den schösse

ich tot.‹ Ist das wahr? Hast du das gesagt?« Hennecke bekam einen

schmalen Mund: »Muß ich antworten?« Der andere nickte, ihn starr

ansehend, und Hennig antwortete: »Nein, das hat deine Frau gesagt,

nicht ich; das konntest du dir doch wohl gleich denken.« Helmold holte

schwer Luft: »Um dir zu beweisen, was aus mir geworden ist; als Grete

mir das sagte, antwortete ich ihr: ›Hat er das gesagt, dann kenne ich

ihn nicht mehr.‹ Wer nur im geringsten gegen mich ist, ist mein Feind.

Pfui, wie kann eine Frau so handeln!« Hennecke zuckte die Achseln: »Was

soll sie machen? Sie ist eine Frau! Sie hat andere Ehrbegriffe, sie

kennt nur eine Moral: ihren und der Ihren Vorteil. Du hast deiner Frau

viel zu danken und darfst ihr die Unbesonnenheit, die doch lediglich

ein Ausfluß ihrer arglosen Natur ist, nicht übelnehmen.«

Das hatte sich Helmold schon viele hundert Male selbst gepredigt;

darum sah er seine Frau am anderen Morgen doch böse an, als sie sagte:

»Swaantje fährt heute; sie leidet zu sehr.« Er sagte erst nichts, aber

dann trat er auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Grete,« bat er,

und seine Stimme war wie eine Nacht ohne Mond und Sterne, »sei doch

nicht so hart! Sieh mal, ich sterbe daran. Ich kann doch nichts dazu.

Du sagst, du liebst mich; beweise es mir!« Seine Frau machte sich

von ihm los; ihre Stimme klang spitz, als sie antwortete: »Was soll

ich denn tun? Wenn es irgend jemand anders wäre; aber meine eigene

Kusine?« Er sah sie starr an. »Erinnerst du dich, was du mir sagtest,

als ich von Swaanhof zurückkam?« Sie zuckte die Achseln: »Was sollte

ich machen? Du warest krank, und ich dachte ja auch, daß deine Liebe zu

Swaantje lediglich Mitleid sei. Ich habe nicht geahnt, daß du derartige

Absichten hattest!«

Da polterte er los. Er legte sich so wenig Zwang auf, daß Swaantje

entsetzt hereingestürzt kam. Aber auch da bremste er sich nicht,

sondern schüttelte alle die Angst und die Wut und allen Kummer und

Grimm vor den beiden Frauen aus. Als er herauszischte: »So höre denn:

ich liebe dich nicht nur nicht mehr, ich hasse dich. Du hast mich

von oben bis unten belogen, hast kein Mittel gescheut, um mich zu

zerbrechen, hast sogar meinen einzigen Freund gegen mich auszuspielen

versucht. Ich bin fertig mit dir!« und seine Frau den Hieb damit

zurückgab, daß sie ihm eine Scheidung vorschlug, da lachte er und

sagte: »Schön! Doch gehst du, so sieh zu, wie du leben willst. Mir ist

es recht, aber ich kümmere mich dann in keiner Weise weiter um dich,

und die Kinder bleiben bei mir. Oder sie können wählen, denn mir liegt

jetzt an nichts mehr etwas, und sie ähneln ja auch dir mehr als mir.

Sobald du den ersten Schritt tust, verkaufe ich alles, was mir gehört,

und gehe irgendwohin, wo nicht Weiberköpfe, sondern Männerfäuste

herrschen; denn dieses ganze verfluchte Land mit seinem verbildeten

Gesindel ist mir ekelhaft.«

Grete, die ganz weiß aussah, bekam einen roten Kopf, und ihre Augen

funkelten, als sie rief: »Ich denke, du willst dir Swaantjes Liebe

erringen; meinst du, daß dieses der Weg dazu ist?« Er lächelte

freundlich: »Nein, denn ihre Liebe habe ich. Mir liegt übrigens nichts

mehr daran. Jetzt kannst du sie mir schenken, und ich nehme sie nicht.

Außerdem ist das meine ureigenste Angelegenheit, ob ich Swaantje liebe

oder nicht, und geht weder dich noch sie etwas an. Überhaupt liebe ich

sie nicht mehr; ich liebe das Gespenst meiner Liebe zu ihr. Ich kann

keine Menschen mehr lieben, denn ich bin tot. Mein Herz ist nicht mehr

da; ich habe eine Fiedel daraus gemacht und spiele jede Farbe darauf,

die es gibt. Ich bin Künstler geworden; aber ein Mensch bin ich nicht

mehr. Das habe ich euch zu verdanken, dir, liebe Grete, und dir,

Swaantje; ich danke euch herzinnig dafür.« Er küßte beiden die Hand und

ging in die Werkstatt.

Ruhig und besonnen arbeitete er an seinem neuesten Bildnisse weiter.

Da fielen seine Blicke auf die Saharabilder, und auf Wodes Zorn. Er

stutzte, rückte die Bilder zurecht, trat zurück, und dann nahm er den

breitesten Pinsel, tauchte ihn in einen Farbentopf und strich mit

festen Zügen die Bilder aus.

Als er fast damit fertig war, trat Swaantje ein. Er ließ sich nicht

stören und erst, als sie trocken aufschluchzte, sagte er: »Nun sag'

bloß noch: ›Die schönen Bilder!‹, und dann müßte Grete noch sagen:

›Das schöne Geld!‹, und dann hätte ich einen Grund, einmal wieder von

Herzen zu lachen.« Aber als er das Mädchen genau ansah, sprang er zu,

geleitete sie zu dem Sessel und rückte einen anderen daneben, in den

er sich setzte. Er faßte ihre Hand: »Ich weiß, ich weiß, Kind, in

welcher schweren Herzensnot du dich befindest, und wie sehr du darunter

leidest, und daß Grete so unglücklich ist. Aber bedenkt ihr denn nicht,

daß ich mehr bin als ein beliebiger Herr Soundso? und daß ihr, helft

ihr mir, einem Manne das Leben neu schenkt, der dazu berufen ist,

seinem Volke große Werte zu schaffen? Wiegt das nicht die ernstesten

Bedenken auf? Und ich will ja so wenig, will weiter nichts, als ein

bißchen Hoffnung, mit offenen ehrlichen Händen gegeben. Und darum bitte

ich dich: gib mir einen Kuß, einen einzigen, einzigen Kuß; ich will

dir alles dafür geben, was ich habe: meine ganze Vergangenheit und alle

meine Zukunft.«

Bittend sah er das Mädchen an; aber als sie schwieg und an ihm

vorbeisah, stand er auf. »Swaantje,« rief er, »du weißt, meine besten

Bilder habe ich behalten. Ich schenke sie dir. Mache damit, was du

willst! Gib sie irgendeinem Schuster; er darf auch sein Zeichen

darunter setzen. Aber gib mir einen Kuß, oder laß dich von mir küssen!

Nur ein einziges Mal, sonst geht es so nicht mehr weiter. Neulich, in

der Bar, habe ich Heulkrämpfe gekriegt, daß alle die leichten Mädels

und sämtliche schwergeladenen Gäste es mit der Angst bekamen. Ich bin

fertig. Ich heule jede dritte Nacht mein Kissen naß. Grete merkt das

nicht; aber sieh dir einmal die Augen an, mit denen unsere Luise mir

nachsieht. Das Mädchen ist verlobt, und sie hat ihren Schatz gern.

Aber, wenn ich winke, kommt sie; aus mütterlichem Mitleid. Alle Frauen

und Mädchen sehen mich an, als wollten sie mich in den Arm nehmen, so

dauere ich sie. Und ich komme mir vor, wie ein ganz kleines Kind, das

liebgehabt werden will, weil es hungert und friert. Was habe ich früher

die Leute beneidet, die sorglos leben konnten und die, die sich mit

Lob wuschen und in Ruhm badeten. Jetzt bin ich so gut wie berühmt, was

ich male, ist Gold wert; ich beherrsche die Technik autokratisch. Aber

ich bin ärmer als damals in München, als ich mit der Miezi in einer

Bodenkammer lebte und froh war, wenn ich Brot und Wurst hatte. Meine

Haare sind grau geworden, meine Augen sind kalt, und mein Herz vereist

langsam. Meine eigene Frau stieß mich in den Tod, und du stehst dabei

und siehst zu. Hätte ich nicht diesen Indianerkörper, ich wäre längst

auch leiblich tot.«

Er trat dicht vor das Mädchen hin und sah sie lange an; sie blickte

an ihm vorbei. »Du leidest ebensoviel wie ich, Swaantje,« begann er

endlich wieder; »vielleicht noch mehr, denn du hast Angst zu sprechen,

und du wagst nicht mich anzusehen. Ich will dich auch nicht weiter

quälen, denn du tust mir sehr leid, und ich liebe dich mehr als je

zuvor. Was ich vorhin sagte, war nichts als Wut. Ich werde dich immer

lieben, so oder so, auch wenn ich tot bin.« Sie zuckte zusammen. »Habe

keine Angst, ich töte mich nicht. Es hätte gar keinen Zweck mehr;

denn ich bin schon tot. Tote darf man küssen, Swaantje, darf man auf

Nimmerwiedersehen küssen, denn sie küssen nicht wieder. So gib mir denn

den einen Kuß.« Er beugte sich zu ihr, faßte sie um Kinn und Nacken und

näherte seinen Mund ihren Lippen. Aber je näher er ihr kam, um so mehr

versteckten sich ihre Lippen, um so starrer sah sie gegen die Wand,

um so krampfhafter hielt sie den Atem an, und so streifte er mit den

Lippen eben ihre Stirne, ließ sie los und ging aus der Werkstatt.

Beim Mittag war er sehr ruhig, sprach auch ganz freundlich mit seiner

Frau und scherzte mit den Kindern. Als Swaantje reisefertig war, fragte

er: »Darf ich dir einmal schreiben?« Sie schüttelte den Kopf, ohne

ihn anzusehen. Dann sagte er ganz geschäftsmäßig: »Dein Bild schicke

ich dir, wenn es fertig ist. Die weiße Haide muß heraus; sie drückt

zu sehr auf dein Gesicht. Überhaupt habe ich in der letzten Zeit viel

Quatsch gemalt; ich hatte ja auch meist Fieber. Ich werde jetzt nach

Stillenliebe fahren; vielleicht hilft mir die Jagd. Und nun, liebe

Swaantje, verzeihe mir alles, was ich dir antat. Ich bin krank, sehr

krank. Und ich will mir Mühe geben, daß hier wieder alles so wird wie

früher. Lebe wohl; der Wagen ist da!« Er reichte ihr die Hand hin; sie

legte die ihre lose hinein, ohne ihn anzusehen, und ging die Treppe

hinab, wo Grete sie erwartete.

Beide stiegen ein, ohne sich umzublicken. Er sah dem Wagen so lange

nach, bis er um die Ecke verschwand; dann ging er in die Werkstatt, und

Gift und Galle, seine beiden Teckel, folgten ihm mit gesenkten Ohren

und hängenden Ruten.

Der Platzhirsch

Am anderen Morgen fuhr er nach Stillenliebe; neben ihm auf der Bank

lagen Gift und Galle, seine Hunde, und Gift und Galle waren auch in ihm.

Er hatte, unterdes Grete und Swaantje zur Bahn fuhren und er in der

Werkstatt mit Sweenechien Bilder besah, die Ereignisse der letzten Zeit

überdacht und einen dicken Strich unter sich und Swaantje gezogen. »Das

muß ein Ende haben,« sagte er sich und nahm sich vor, recht nett zu

seiner Frau zu sein.

So nahm er sie in den Arm, als sie zurückkam, küßte sie und sagte: »Ich

will morgen nach Stillenliebe; sonst wird der Prinz öde. Hör' mal, er

schreibt: Die Hirsche schreien, wenn auch nicht, wie es fälschlich

in der Bibel heißt, nach frischem Wasser, sondern nach passender

Damenbekanntschaft, aber auch nach dir, vorzüglich der Schadhirsch vom

Schandenholz, der schon letzten Herbst sterben sollte. Jetzt ist er

aber reif; er hat einen braven Zwölfender zu Tode geforkelt. Also!«

Helmold hatte gelacht, als er seiner Frau den Brief vorlas. »Dem

will ich es besorgen, Grete! Er steht in der unzugänglichsten Ecke,

und deswegen hat ihn mir der Prinz so lange eingemottet, denn er

weiß, bei mir heißt es: je leichter, desto langweiliger! Das ist

ein Hirsch, den man nur auf den Ruf schießen kann, denn er tritt

niemals bei Büchsenlicht aus der Dickung. Na, dann machen wir es

eben, wie Mohammed mit dem Berge! Es ist ein ganz alter Bursche, der

aber nur ein Gabelgeweih trägt und deswegen jahrelang als Schneider

durchgegangen ist, und keiner ahnte, daß er der Mordhirsch war. Und

wir sind gute Bekannte; vor zwei Jahren schrie ich ihn mir bis vor die

Stiefelspitzen; aber ehe ich den Finger krumm machen konnte, bekam er

Wind. Dieses Mal aber soll er daran glauben, oder ich will die Kunst

nicht verstehen.«

Er legte die Hände vor den Mund und machte eine Brunft im vollen Gange

nach, vom Mahnen des Kälbertiers bis zum Orgeln des Platzhirsches, so

daß Luise, die frisches Trinkwasser brachte, entsetzt aufschrie und die

Flasche fallen ließ. »Ich kann's noch,« lachte Helmold; »Demonstratio

ad Luisam! Morgen früh ziehe ich zu Holze; ich habe nun doch ein

bißchen zu viel Farben verblutet seit vorigem Herbste, und mein Vorrat

von Arbeitslust ist alle. Und das ist ein Zeichen, daß die roten

Blutkörperchen bei mir sparsam werden.«

Als er so prahlte, bekam Grete ihre lichte Laune wieder. Sie holte den

kornblumenblauen Samtkasten hervor und kramte die Mohnblumenkarten aus.

»Bekomme ich dieses Mal wieder welche?« fragte sie, indem sie sich auf

die Sessellehne setzte und ihm das Haar kraulte. Sein Herz beschattete

sich; er dachte an die Mohnblumenkränze, die sie ihm über das Bett

gehängt hatte. Aus Seidenpapier waren sie gewesen. Er machte seinen

Kopf los und sagte kühl: »Gewiß, wenn dir an papiernen Blumen so viel

gelegen ist.« Sie stand auf, und als er ihr Gesicht im Spiegel sah,

bemerkte er, daß ihre Augen hart und ihre Lippen unbarmherzig aussahen;

alle die guten Vorsätze, die er am Nachmittage gefaßt hatte, fielen zu

Boden und zerbrachen.

»Bitte, sage dem Mädchen, sie solle mir einen Wagen zum Siebenuhrzuge

bestellen und dieses Telegramm besorgen, und jetzt will ich packen.

Zwei Wochen bleibe ich mindestens fort,« sagte er trocken und ging in

die Werkstatt. Dort blieb er bis Mitternacht und ging schlafen, ohne

seiner Frau den Gutenachtkuß zu bringen. Über Nacht knabberten viele

graue Gedanken an seiner Seele; drei Uhr wurde es, ehe er einschlief,

und als er am anderen Morgen in das Zimmer seiner Frau ging, stand das

harte Gesicht, das ihm am Abend der Spiegel gezeigt hatte, zwischen ihm

und ihr, so daß er mit einem losen Händedruck Abschied nahm.

Es war ein frischer, sonniger Herbsttag, und die Landschaft sah

lustig aus. Sonst hatte er sie während der Fahrt immer liebkost; nun

behandelte er sie schlecht; sie langweilte ihn. »Schwindel!« dachte er,

als er sah, daß hier und da einzelne Büsche sich in schreiende Farben

gehüllt hatten; »Plunder, nicht echt!« Selbst seine guten Freunde die

Kiefernwälder und Haidberge zerfetzte er mit höhnischen Blicken, und

als er die gewaltigen Schirmkiefern neben der alten Hammerschmiede sah,

sonst sein Entzücken, lächelte er verächtlich.

Auf einer Haltestelle stieg ein hübsches Bauermädchen ein, das ihn mit

ungescheutem Verlangen ansah, denn keine Kleidung stand ihm so gut wie

der verschossene Lodenanzug. Erst achtete er wenig auf sie, dann aber

dachte er: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück' ich mir das

Röselein,« und da das Mädchen gegen die Sonne sehen mußte, machte er

ihr neben sich Platz und sagte: »Komm hier sitzen, Mädchen, denn so

hast du die Sonne nicht im Gesicht.« Sie wurde vor Verlegenheit ganz

rot, setzte sich aber sofort zu ihm. Er dachte daran, daß er sich über

Nacht gelobt hatte, sich fortan so viel Zucker in den Kaffee zu werfen,

wie er kriegen konnte, denn ihm war eine der blödsinnig klingenden

Weisheiten Henneckes eingefallen. Als sie eines Abends durch den Wald

gingen, hatte Hennig ärgerlich brummend den Kopf geschüttelt, und

als er ihn fragte, was ihm fehle, geantwortet: »Ich habe verdammt

vergessen, mir heute morgen Zucker in den Kaffee zu schmeißen, und das

kann ich mein Leben lang nicht wieder einholen.«

Er sah das Mädchen genau an; sie strotzte vor Kraft und Frische und

wurde jedesmal rot, wenn er sie anblickte. Er schlug sie auf die Lende:

»Wo soll die Reise hin, Lüttje?« Sie wurde rot: »Nach Ohlenwohle!« Er

sagte ganz trocken: »Hast du aber Dusel! Dann fährst du ja anderthalb

Stunden mit mir zusammen!« Nun mußte sie lachen, und sie litt es, daß

er den Arm hinter ihren Rücken schob, und als er fragte: »Hast du auch

keine Bange vor mir?« schüttelte sie lustig den Kopf. »Ich bin aber

ein ganz gefährlicher Kerl,« flüsterte er und zog sie an sich; »glatte

Mädchen mag ich zum Fressen gern. Paß mal auf, jetzt geht's los!« Er

drückte sie und küßte sie.

Die Hunde hoben erstaunt die Köpfe; er warf den Jagdmantel über sie:

»Das ist nichts für kleine Kinder,« sagte er, und zog das Mädchen auf

den Schoß. »Magst mich leiden?« Sie nickte und sah ihn verliebt an. Sie

blieben anderthalb Stunden allein, denn auf der nächsten Haltestelle

steckte Helmold dem Schaffner einen Taler in die Hand. Als der Zug

dicht vor Ohlenwohle war, sagte das Mädchen: »H' ach Junge! Na, wenn

das unsere Mutter wüßte! Und nicht wahr, du besuchst mich mal?« Er

küßte sie und sagte: »Ich wäre schön dumm, wenn ich das nicht täte. Auf

Wiedersehn, und schönen Dank auch, Mariee!«

Als er in Stillenliebe ausstieg, hatte er wieder einen frischen Mund

und fröhliche Augen. Der Prinz erwartete ihn mit dem Jagdwagen. Er

gab ihm die Hand und meinte: »Du wohnst am besten im Blauen Himmel,

von da hast du eine knappe Stunde bis zum Schandenholz; vom Jagdhause

sind es anderthalb. Die Zimmer habe ich schon belegt, das heißt von

morgen ab, denn heute mußt du mit zum Jagdhause. Der Wind ist für das

Schandenholz nicht gut, und außerdem will ich dich einmal wieder für

mich haben. Ist dir doch recht?«

Frau Sophiee Pohlmann, die Wirtin des Blauen Himmels, stand in der Türe

des Kruges, als der Wagen vorfuhr; die junge Witwe sah in dem blauen

Waschkleide mit der weißen Latzschürze zum Anbeißen aus. Sie lachte

über das ganze Gesicht, als sie den Maler sah. »Das ist aber schön,

daß Sie sich einmal wieder sehen lassen, Herr Hagenrieder!« rief sie,

vor Freude errötend, als er ihr die Hand schüttelte; »ein ganzes Jahr

sind Sie nicht hier gewesen. Ich dachte schon, Sie wollten uns untreu

werden.« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht, als er sagte, er bliebe

den Tag im Jagdhause.

Als er am anderen Mittag mit dem Prinzen in der Wirtschaft vorfuhr,

lachte sie aber schon wieder. Sie ging ihm nachher in sein Zimmer nach

und fragte: »Ist auch alles so richtig?« Er machte die Türe zu und

sagte: »Jetzt ja!« und damit faßte er die Frau um und küßte sie. Sie

stemmte ihre Hände gegen seine Schultern: »H' ach, Herr Hagenrieder,«

stöhnte sie, »wenn aber jemand kommt!« Er lachte übermütig, ohne sie

loszulassen. »Möchte das keinem raten, dem seine heilen Knochen lieb

sind.« Er ließ sie los, stellte sich vor sie hin und befahl: »Kuß!«

Mit niedergeschlagenen Augen, feuerrot im Gesichte, kam die hübsche

Frau näher, legte ihm die Hände auf die Schultern, hob sich auf den

Zehenspitzen und küßte ihn. »So recht, mein Mädchen, so schön, mein

Kind, so brav, mein Zuckerchen!« lobte er, faßte sie um die Mitte und

küßte sie, bis sie keinen Willen mehr hatte.

»Mensch, du hast wohl seit acht Tagen nichts zu essen gekriegt!« sagte

der Prinz, denn sein Freund kniete sich ganz gefährlich hinter die

Mahlzeit. Der lachte und antwortete, indem er der Wirtin, die den

Nachtisch hereinbrachte, einen kurzen Blick zuwarf, den sie mit einem

langen zurückgab: »So hat es mir lange nicht geschmeckt, wie heute,

und wenn ich nun den Hirsch nicht kriege, will ich Karl der Große

geheißen werden.« In der Türe drehte die Wirtin sich um und warf ihm

einen heißen Blick zu. Brüne bekam ihn durch den Spiegel zu fassen,

lächelte aber kaum.

Die Wirtin brachte dann den Kaffee und viererlei Backwerk. »Frau

Pohlmann,« meinte der Maler, »wenn ich vier Wochen bei Ihnen in Kost

bin, passe ich in keinen Sarg mehr!« Die Wirtin lächelte ihn an: »Wie

lange bleiben Sie denn, Herr Hagenrieder? Sonntag haben wir Danzefest!«

Er schlug auf den Tisch: »Hipp hipp hurrjeh! Nun ist das Geschäft

richtig!«

Als der Prinz fortgefahren war, sagte der Maler zu der Frau: »Ich will

jetzt eine Stunde schlafen; weck' mich um halbig dreie, Sophiee! Aber

erst will ich einen Schlafschönkuß haben; das ist bekömmlicher, als der

Kürassao, den der Prinz nach dem Kaffee nimmt. Also!« Er ließ den Kopf

auf die Sofalehne fallen und klopfte auf seine Kniee; die Wirtin setzte

sich auf seinen Schoß. »Ach, ich habe so viel gegessen, daß ich nicht

küssen kann,« sagte er lachend; »das mußt du besorgen. Und ich bin so

müde und so faul, daß ich nicht allein ins Bett finde. Denn so wirst

du mich wohl hinbringen müssen; hm?« Die Frau kuschelte sich an seine

Brust: »Geh vor,« flüsterte sie heiser, »ich komme gleich nach; ich

habe sowieso oben Wäsche fortzupacken. Jetzt muß ich erst eben in die

Küche.«

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 9 / 20 段