Prinz sagt, ich wäre ein Biest, und gerade deswegen könne er mich so
gut leiden. Na ja, er ist das nicht, und hätte das Geschick dem guten
Samlitz nicht so und so viele Erbtanten in die Wiege gelegt, ich
möchte wohl wissen, wie der sich durch das Leben schlängeln wollte.
Ich behandele ihn ja mehrstens etwas ruppig, schon damit er nicht noch
millionärrischer wird. Ein wahrer Segen, daß er bloß seine Zinsen
aufessen darf; sonst hätte er in drei Jahren alle meine Bilder und ich
seinen Mammon nebst diesbezüglichen üblen Folgen. Scheußlich, mit einem
Geldschrank um den Hals auf die Welt zu kommen!«
Swaantje lächelte und fragte dann: »Bist du mit ihm so befreundet
wie mit Hennecke? Und was ist es für ein Mann?« Ihr Vetter blies den
Zigarrenrauch gegen die Decke: »Befreundet? Ja; aber mit einer Barriere
darum; es bleibt immer eine Menge Form zwischen uns. Ich verstehe
manches an ihm nicht.« Er sah den Rauchringeln nach: »Aber ich bin
ihm Dank schuldig. Hätte er mir damals nicht meine alten Schinken
abgekauft, dann hätte Grete waschen gehen können, und ich konnte mit
meiner Leier von Destille zu Destille ziehen oder Schnellmaler im
Tingeltangel werden.« Swaantje schüttelte den Kopf: »Allerdings, du
brauchtest damals das Geld sehr nötig, und ich bin heute noch dir
und Grete sehr böse, daß ihr euch nichts merken ließet; sehr böse!
Aber bedenke, wer war der Mäzen? Doch wohl du, denn die Bilder sind
heute das Zehnfache wert.« Helmold nickte: »Jawohl; aber erstens gab
damals kein Mensch auch nur die Materialkosten dafür, und zweitens
hatte der Prinz zu jener Zeit selber bloß lumpige fünfzigtausend Mark
Jahreseinkommen; also hat er sie mir sehr gut bezahlt.« Swaantje gab
ihm die Hand über den Tisch: »Helmold, ich freue mich über dich!«
Zum ersten Male sah er sie jetzt in der alten Weise an, und fünf
Minuten darauf hatte sie keine blauen Schatten mehr unter den Augen.
Aber der alte Klang war doch nicht in seiner Stimme, wenn er mit ihr
sprach; er hielt sich von ihr zurück, das merkte sie, und obgleich sie
sich Gretes wegen darüber freuen wollte, so tat es ihr doch bitter
weh, zumal sie fand, daß auch zwischen ihrem Vetter und seiner Frau
eine Glasscheibe war. So beschloß sie nach drei Tagen abzureisen;
aber da schlugen Grete und Helmold einen solchen Lärm, daß nichts
daraus wurde, zumal ihr Vetter noch sagte: »Ehe die weiße Haide nicht
fertig ist, kommst du nicht fort; ich habe schon dein ganzes Schuhzeug
eingeschlossen.« So saß sie ihm denn einige Vormittagsstunden, bekam
das Bild aber nicht zu sehen.
Ihren Augen gegenüber hing ein kleines Bild, das einen weiblichen Akt
darstellte, der auf einer weiten, im Hintergrunde mit Birken besäumten
Haide unter einem hellblauen, mit weißem Gewölk bedeckten Himmel stand.
»Das ist ein entzückendes Bild, lieber Helmold,« sagte sie, »ein ganz
entzückendes Bild.« Aber weiter sagte sie nichts; sie wußte, Geld nahm
er von ihr nicht. Sonst sprachen sie wenig miteinander, wenn er malte;
auch flötete, summte und sang er nicht dabei. Sie wußte wohl, warum er
das nicht tat, aber ihr Herz tat ihr doch weh. Sie schlief keine Nacht
vor dem Morgengrauen ein und sah, daß ihr Vetter von Tag zu Tag ernster
und blasser wurde; jede Nacht vernahm sie, wie er sich leise im Bette
herumdrehte, ab und zu hörte sie Papier rascheln; er las also.
»Heute müßt ihr beide allein ausgehen, Kinder,« sagte Frau Grete, die
inzwischen ihre Seelenruhe wiedergefunden hatte, als sie sah, wie
Helmold sich zu Swaantje stellte; »Tante Rößler hat mich gebeten, zu
kommen; ihr geht es nicht gut, und für Swaantje ist es kein Genuß, die
Geschichte von dem offenen Bein von A bis Z anzuhören. Ich gehe aber
erst um sieben Uhr hin, denn bis dahin habe ich zu tun. Also seht zu,
wie ihr die Zeit totschlagt.« Da Helmold die letzte Hand an Swaantjes
Bild legte, war er erst um vier Uhr zum Ausgehen fertig. Swaantje, die
die ganze Nacht wieder vor Schmerzen nicht geschlafen hatte, sah sehr
hinfällig aus. »Willst du lieber hier bleiben?« fragte er; »ich gehe
nur deinetwegen. Du weißt ja, Spazierengehen, dazu bin ich zu sehr
Bauer.« Swaantje wäre am liebsten daheim geblieben; aber Grete hatte
sie gebeten: »Geh ja mit; er hat zuviel gearbeitet und muß hinaus; und
dir ist es auch gut.«
Sie fuhren mit der Straßenbahn in eine Gegend, die das Mädchen noch
nicht kannte. Helmold stellte ihm die Landschaft in prickelnder Weise
vor. Aber wenn auch das, was er sagte, wie Demanten funkelte, so klang
es doch ebenso kalt. In der Gartenwirtschaft, in der sie einkehrten,
war er von der höflichsten Besorgtheit für sie; aber die Zuneigung, die
sonst seine Handlungen durchleuchtete, fehlte.
Die Sonne schien hell, die Luft war warm und blitzte von allerlei
winzigem Getier, ein neckischer Wind kraulte den Bäumen die Köpfe,
der Himmel war hoch, und seine lichte Bläue hoben weiße Windwölkchen,
so zart wie mit einer Schnepfenfeder gezogen; dazu lachten die bunten
Herbstblumen nur so, und die Stare sangen, als wenn eben der Mai
angekommen sei; doch Helmolds Worte waren wie ein leiser Nordwind. Er
erzählte, als wäre er der fröhlichste Mensch von der Welt; doch sein
ganzes Geplauder war nicht das von Kamerad zu Kamerad, sondern von
dem Herrn der guten Gesellschaft zu einer sehr geschätzten Dame aus
denselben Kreisen. Kein einziger kecker Witz, kein gewagter Vergleich
entschlüpfte ihm. Das Mädchen schauerte zusammen.
»Friert dich?« fragte er. Ja, sie fror, sie fror sehr. Früher hatte
er sie nie angesprochen, ohne hinzuzusetzen: »Liebe Swaantje« oder
»Kleine« oder »Maus«; früher lachte er sie mit dem Herzen und den Augen
an; jetzt lächelte er nur noch mit dem Gesichte. »Helmold,« begann sie
mit einem unabsichtlich bittenden Ausdruck in der Stimme, als sie durch
den Wald gingen, »lieber Helmold!« Er sah sie von der Seite an. »Und,
liebe Swaantje?« fragte er und sie fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage,
ist vielleicht sehr töricht von mir, aber sage ich es nicht, so bin ich
unehrlich. Das, was ich dir damals in deiner Werkstatt sagte, das ist
vorbei.« Sie atmete schwer. Er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an,
er änderte auch seine ruhige Sprechweise nicht, als er fragte: »Wie
ist das gekommen?« Sie zitterte, als sie antwortete: »Vielleicht nur,
weil ich es dir gesagt habe.« Er nickte: »Wahrscheinlich; Sprechen und
Weinen erlöst.« Er schwieg eine Weile. Sie sah ihn verstohlen von der
Seite an; sein Gesicht zeigte keine Bewegung.
Ein Herr mit grauem Vollbarte begegnete ihnen, sah Helmold
aufmunternd an und grüßte, als dieser keine Miene machte, zuerst zu
grüßen, ganz tief, und Helmold erwiderte gemessen. »Wer war das?«
fragte das Mädchen. Ihr Vetter lachte: »Ein hohes Lokaltier, unser
Oberbürgermeister. Er denkt, weil er Ober im Kunstverein ist, müßte ich
zuerst grüßen, auch wenn ich mit einer Dame gehe. Na, jetzt braucht er
sich den Knigge nicht zu kaufen«.
Erst nach einer geraumen Weile begann er wieder: »Ja, Swaantje, ich
weiß nicht, ist das nun gut für dich oder nicht? Einerseits bin ich
froh, daß du diese taube Neigung zu den übrigen Pensionsandenken
gepackt hast; anderseits: nun hast du gar nichts auf der Welt, noch
nicht einmal einen Kummer. Ich hoffe, daß die Reise mit Terborgs dich
aufrappelt; alle das viele Schöne aus alter und neuer Zeit, das du
sehen wirst!«
»Gieb mir deinen Arm,« bat das Mädchen, »mir ist etwas schwindlig.« Er
führte sie zur nächsten Bank: »So, wir sind ein bißchen weit gegangen,«
sagte er und lächelte, aber nur mit den Lippen; »in fünf Minuten sind
wir bei der Haltestelle.«
Beim Abendessen mußte sie sich ein Kissen ausbitten, so schmerzte sie
der Rücken, und nach dem Essen ging sie sofort zu Bett, so todmüde
fühlte sie sich. Alle Glieder taten ihr weh, aber schlafen konnte sie
nicht. Auch Helmold schlief nicht. Durch das Schlüsselloch kam ein
dünner Lichtschein, ab und zu knarrte sein Bett leise, sie hörte, wie
er in dem Buche blätterte und dann roch sie, daß er rauchte. Sie wußte,
daß er sonst nie im Bette rauchte; es mußte ihm also sehr schlecht
gehen.
Es war drei Uhr, da hörte sie, wie er leise aufstand und Wasser in ein
Glas goß; ein Papierchen knitterte, ein Teelöffel klirrte in dem Glase.
»Veronal«, dachte sie, und unter ihrem Mitleid glitzerte blanke Freude:
»Er hat sich verstellt,« schrie es in ihr; »er liebt mich noch, denn
sonst würde er schlafen.« Ihr Kopf fiel hintenüber, und sie schlief ein.
Als sie am anderen Vormittag in der Werkstätte auf dem Ruhebette lag
und ihrem Vetter zusah, der aus ihrem Bilde die letzten Spuren der
Maltechnik entfernte, »denn, wo man noch Technik sieht, da ist keine,
und deshalb ist Segantini viel früher gestorben, als er verantworten
konnte,« hatte er gesagt, da fing er mit einem Male zu sprechen an,
konnte aber nie den Weg zu dem Punkte finden, den er in der Nacht vor
sich gesehen hatte, auch kam bald Grete, Sweenechien an der Hand, und
dann Luise, die irgend etwas aus dem Nebenraum holen wollte, und so
wurde es Mittag. Hinterher gingen sie selbdritt aus, und abends kam
Hennecke. Er sah sich erst die neuen Bilder an, fand den Mädchenakt
auf der Haide herrlich, aber als sein Freund fragte, was er von den
Saharabildern und von Wodes Zorn halte, tat er, als habe er es nicht
gehört, und ebenso verhielt er sich, als Helmold ihm sagte: »Du,
Hennig, es ist ganz ulkig: zu jedem Bilde habe ich jetzt ein Lied.«
Bei Tische war Helmold sehr aufgeräumt, doch sah er, wenn er sprach,
meist seinen Freund an. Grete fand aber bald heraus, daß er nicht bei
der Sache war, und wenn Helmold mit Swaantje sprach, ließ Hennig einen
kurzen Blick über das Paar fliegen, als suche er im Dunkeln den Weg.
In dieser Nacht schlief Swaantje fast gar nicht; sie mußte immer an den
einen heimlichen Blick denken, den ihr Vetter ihr zugeworfen hatte,
als sie mit Hennig und Grete in eifriger Unterhaltung war; er hatte
geglaubt, sie sähe es nicht, und so hatte er sich nackt ausgezogen.
Als sie dann am nächsten Vormittag von Helmold in die Werkstatt gebeten
wurde, mußte sie an sich halten, um sich nicht zu verraten, denn ihr
Vetter sah ganz alt und krank aus. Er zeigte ihr mit erkünstelter
Unbefangenheit einige Studien aus der Umgegend von Mecklenhusen,
nötigte sie dann auf das Ruhebett, legte ihr die Schlummerrolle unter
den Nacken, deckte sie warm zu und sagte: »Schlaf noch ein bißchen;
du siehst müde aus, Kleine!« Sie schlief sofort ein, wachte aber bald
wieder auf, und als sie unter den Wimpern nach ihm hinblickte, sah
sie, daß er vornübergebeugt im Sessel saß und sie mit hoffnungsloser
Zärtlichkeit anblickte.
Sie schlug die Augen voll auf; er lächelte sie an, redete erst von
diesem und jenem, und dann klagte er ihr mit gleichgültig klingender
Stimme seine Herzensnot. Sie antwortete, als Helmold endlich schloß:
»Du tust mir sehr leid, Vetter, aber in diesem Punkte gibt es für
mich keinen anderen Weg als den, den mir Religion und Sitte weisen;
das wirst du selbst wissen.« Er nickte, und sein Gesicht sah ganz
gleichmütig aus, auch klang seine Stimme alltäglich, als er leichthin
sagte: »Natürlich weiß ich das; du bist Dame, bist höhere Tochter,
verfügst also über einen mündelsicheren Fond von Konventionsmoral.
Ich verstehe dich nicht nur vollkommen, ich schätze dein Verhalten
auch in vollem Maße, denn: entsetzlich wäre mir der Gedanke, eine
angeheiratete Kusine zu besitzen, die selbst dann, wenn es auf Tod und
Leben geht, ihre Ladyleikigkeit vergäße. Aber länger halte ich es nicht
aus, und das Beste ist, ich mache Schluß; für Grete und die Kinder ist
einigermaßen gesorgt«. Swaantje sprang auf: »Auch das noch!« stöhnte
sie und verließ müden Schrittes die Werkstatt.
Helmold warf ihr einen bösen Blick nach und knirschte mit den Zähnen;
dann aber zog er den Vorhang von ihrem Bilde und sah es lange an.
Danach langte er den Mädchenakt auf der Haide von der Wand, suchte
einen Grabstichel und stach in die Ecke des Rahmens die Buchstaben
hinein: H. s. l. Sw., ging in das Wohnhaus, überzeugte sich davon, daß
Swaantje in der Küche war, trat schnell in ihr Schlafzimmer, legte das
Bild auf den Spiegeltisch und trat wieder in die Werkstätte.
Als er zum Essen kam, bemerkte er einen harten Zug um den Mund seiner
Frau, und daß Swaantjes Gesicht vor Kälte starrte. Er aß fast nichts
und sprach kein Wort, antwortete kaum, wenn er angeredet wurde, und
horchte noch nicht einmal auf das Geplauder der Kinder. Als Swaantje
das Zimmer verlassen hatte, fragte er: »Gehen wir aus?« Seine Frau
schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Zeit.« Er sah aus dem Fenster,
sprach längere Zeit nichts, und dann warf er über die Schulter hin:
»Na, dann will ich mit Swaantje nach dem Billerloh.« Seine Frau legte
ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn bittend an: »Du, Helmold,
sei nicht böse, aber du mußt das verstehen: Swaantje hat mich gebeten,
sie nicht mit dir allein zu lassen; ihr ist das peinlich.« Er sah sie
mit gleichgültigen Augen an: »So? schön; ich werde der Dame weitere
Peinlichkeiten ersparen.« Damit ging er aus dem Zimmer und verließ
gleich darauf das Haus.
Er kam nicht zum Vesper, er kam nicht zum Abendessen. Grete und
Swaantje saßen bis zwei Uhr auf, aber er kam nicht. Es war fünf Uhr, da
hörte Grete die Haustüre gehen. Sie horchte und vernahm, daß ihr Mann
in die Werkstatt ging, und als sie an das Fenster trat, sah sie, daß er
Licht gemacht hatte, und daß sein Schatten auf und ab ging.
Um acht Uhr morgens ging sie zu ihm, um ihn zu fragen, ob er nicht
frühstücken wolle; aber die Türe war verschlossen. Er erschien auch zum
Mittag nicht, obgleich Sweenechien, die zu ihm geschickt war, lange
an der Tür rappelte und in einem fort bettelte: »Väterchen, essen
kommen!« Zum Vesper aber kam er, aß jedoch fast nichts, tat so, als
wäre nicht das Geringste vorgefallen, hatte aber flackrige Augen und
ein welkes Gesicht. Er behandelte Swaantje höflich, doch wie einen
Menschen, an dem ihm nicht ein bißchen gelegen war, und drehte seiner
Frau mit liebenswürdiger Härte jedes Wort im Munde herum, bis sie
aufstand und hinausging.
»Lieber Helmold,« bat Swaantje, »sei doch nicht so zu Grete!« Er sah
kalt an ihr vorbei, ging in sein Zimmer, zog sich um, verließ das Haus
und kam erst am anderen Morgen wieder, ganz fahl im Gesicht und mit
breiten Schatten unter den Augen, setzte sich an den Tisch, aß wieder
fast nichts und sprach kein Wort, bis seine Frau an zu weinen fing. Da
stand er auf und ging in die Werkstatt.
Swaantje ging ihm nach. »Helmold,« bat sie und faßte seine Hand. Er
sah sie kühl an und deutete auf einen Sessel; müde sank sie hinein.
»Tut mir leid, Swaantje, daß du gekommen bist, sehr leid, deiner Nerven
wegen. Aber schließlich: mir geht es ja nicht besser.« Er sah sie
feindlich an: »Die arme Grete, nicht wahr? Und der böse Mann, nicht
wahr? Die gute Frau hat ihrem lieben Mann die Augen geöffnet, und nun
ist sie böse, daß er sehend geworden ist. Solche bodenlose Gemeinheit
von dem Kerl! So ist nämlich die weibliche Logik. Erst heißt es: Mach,
was du willst! dann: wir drei! und schreit dann so ein dämliches
Männerherz vor Glück auf, dann tritt man mit dem Absatze darauf und ist
noch peinlich,« er sprach das Wort gallenbitter aus, »peinlich berührt,
quietscht es.«
Er sah das Mädchen spöttisch lächelnd an: »Fräulein Swaantje Swantenius
ist es peinlich, mit ansehen zu müssen, wenn ein Mann sich zu ihren
Füßen in Todeskrämpfen windet, denn sie hat die höhere Töchterschule
besucht und ist in dem vornehmsten Pensionat der Residenz verbildet
worden. Sie würde ja gern alles für ihn tun, nur das eine nicht, denn
sie ist eben Dame. Und so läßt sie ihn sich totquälen, obgleich sie ihn
liebt.«
Swaantje sah an ihm vorbei, als sie mit blasser Stimme antwortete: »Ich
habe dir doch nichts gesagt!« Er zwang sie, ihn anzusehen und sagte in
ruhiger Weise: »Danke, das genügt mir! Menschenskind,« fuhr er dann
fort, und seine Stimme zitterte, »sollen wir denn alle dreie zugrunde
gehen? Ich kann ohne dich nicht leben und du ohne mich auch nicht, und
wärest du nicht so charakterlos charakterfest, so würdest du zu mir
kommen und sagen: ›Da!‹ Denn, das mußt du wissen, erbetteln will ich
mir nichts von dir, und überrumpeln will ich dich auch nicht, denn ich
bin nicht in dich verliebt, ich liebe dich eben nur, und ich will, daß
du dich mir aus vollem Herzen schenkst.«
»Swaantje,« bat er und trat auf sie zu, ihre Hand fassend, »sieh
doch: du weißt, wer ich bin, daß ich meinem Volke etwas sein werde.
Meinst du, es wäre so sehr schlecht, hülfest du mir dabei? Ich will
ja nichts,« und dabei brach seine Stimme, und die Tränen kamen ihm
in die Augen, »als ein ganz klein bißchen Hoffnung, weiter nichts.
Und bedenke: Grete und ich sind geschieden; nur du kannst uns wieder
verbinden. Ihr seid für mich eins: seid das Weib. Bist du nicht mein,
kann ich Grete nicht mehr in Liebe ansehen. Glaube mir, ich handele
nicht leichtsinnig; ginge es nicht auf Tod und Leben, ich hätte
dich nicht in eine so schwierige Lage gebracht. Und du mußt daran
denken, daß Grete alle, aber auch alle Schuld hat. Jetzt heißt es:
›Ja, ich konnte doch nicht denken, daß du das ernst nähmest!‹ Es ist
schrecklich: da stößt einen die Frau mitten in das helle Feuer, und
kriegt man Brandblasen, dann ist sie empört.«
Mit düsteren Augen sah er aus dem Fenster, in das die Morgensonne
hineinlachte. »Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr; ich
kann bloß noch malen und rauchen. Ich werde noch nicht einmal mehr
betrunken. Noch eine solche Woche, und in mir zerreißt etwas. Ich bin
ein ganz armer alter, kalter, toter Mann geworden, der um ein Bröckchen
Hoffnung bettelt, und die beiden Frauen, die da vorgeben, sie lieben
mich, schlagen mir die Tür vor der Nase zu.« Er lachte trocken auf
und sang den Endreim des sozialdemokratischen Liedes: »Denn ich bin
Mitglied von dem Verein gegen Verarmung und Hausbettelei.«
Swaantje schüttelte sich. »Frierst du, liebe Kusine?« fragte er. »Da
steht Kognak! Mir hilft er nicht mehr gegen die Gänsehautbildung
auf dem Herzen. Vorige Nacht habe ich acht Kognaks, drei Grogs und
unglaublich viel Sekt getrunken und bin doch nicht warm geworden, trotz
der beiden zwar etwas leichten, aber bildhübschen und sehr lustigen
Mädel, die rechts und links bei mir saßen und sich wie barmherzige
Schwestern gegen mich benahmen. Die eine heulte sogar und sagte: ›Was
fehlt Ihnen eigentlich? Ich möchte Ihnen so gern helfen!‹ Ja, eine Dame
war das nicht, aber ein Weib, und darum tat ich ihr leid, und es war
doch nicht viel mehr als ein Allermannsliebchen.«
Er rückte sich eine Staffelei zurecht und malte; barsch ging der breite
Pinsel über die Leinwand. Dann lachte er: »Malen kann ich noch, sehr
gut sogar; aber es langweilt mich. Hast du das Bild gefunden?« Swaantje
nickte, sah aber nicht auf, als sie sagte: »Ja, und du wirst verstanden
haben, warum ich dir nicht danken konnte.« Er lächelte freundlich und
nickte: »Ja, so dumm ist er nicht. Hätte Fräulein Swantenius sich
bedankt, so hätte sie Herrn Hagenrieder notwendigerweise in den Arm
nehmen müssen, und das schickt sich doch nicht. Und so hat man sich den
Dank erspart, an dem mir übrigens den Kuckuck etwas liegt.«
Das Mädchen seufzte schwer auf. Er schüttelte den Kopf: »Helmold
Hagenrieder wird weiter malen; Swaantje Swantenius wird weiter als
zweckloser Mensch dahinleben und langsam eine alte Jungfer werden, die
nur etwas voll und ganz durchgelebt hat, nämlich ein Leben, das keins
war. Und wenn sie alt und grau ist, dann wird sie doch einmal nachts in
ihrem Bette weinen und wimmern: ›Ich habe es verpaßt!‹ Oder wie denkst
du dir dein Leben?« Das Mädchen nickte: »Genau so!« Er sah sie herrisch
an: »Und du glaubst, das werde ich dulden? Glaubst du, ich bin ein
dummer Junge, der nach einem Küßchen gibbert? Ich will dich ganz haben,
und du wirst dich mir ganz geben, und freiwillig wirst du das tun; denn
obzwar du Dame bist, so bist du nebenbei doch noch etwas Mensch und ein
wenig Weib geblieben und viel zu gebildet, um nicht einsehen zu müssen,
daß Sitte und Gesetz Papier sind, und daß Not kein Gebot kennt. Ich
will nicht in dich dringen, aber ich bitte dich, Swaantje: gib mir ein
wenig Hoffnung, ein ganz klein wenig, nur so viel, daß ich mein Leben
eben damit friste.«
Er ging zu ihr hin und faßte ihre Hände. »Willst du das?« Sie sah an
ihm vorbei und schüttelte leise den Kopf. »Kind,« flüsterte er, »ich
brauchte dich ja nur umzufassen und zu küssen, denn ich sehe durch dich
hindurch wie durch Glas. Aber ich will das eben nicht, denn ich liebe
dich. Also du gibst mir keine, aber auch gar keine Hoffnung?« Abermals
schüttelte sie den Kopf. »Na, dann vereinfacht sich der Fall, und die
Sache liegt so: dann stehe ich hier ganz allein, Grete und die Kinder
da, und du dort. Denn von dem Augenblicke an, daß ich weiß, ich habe
keine Hoffnung mehr, habe ich keine Verwendung mehr für das, was man
Herz nennt. Also reden wir von etwas anderem.«
Er pfiff leise vor sich hin und malte weiter. »Weißt du, Swaantje,«
fing er dann an, »was ich glaube? Du hast eigentlich recht! Im
Grunde passen Männer und Frauen überhaupt nur so zueinander wie die
Nuß und die Hülle. In der Jugend halten sie zusammen; sind sie
reif, dann verlieren sie den Zusammenhang, weil jeder sich auf sich
selbst besinnt. Wenn Stahl und Stein zusammenkommen, gibt es rote
Liebesfunken; aber Stahl bleibt Stahl und Stein Stein; höchstens
splittert der eine etwas ab, und der andere kriegt Kratzen. Zu was also
das ganze Gehampel? Ich bin ein Mann von über vierzig, du gehst auf die
dreißig; die schönste, dümmste Zeit liegt hinter uns. Darum tun wir
gut, vernünftig zu sein. Der eine stickt sich ins Grab, der andere malt
sich hinein, derweilen das junge Blut sich liebt und küßt und Wonne und
Weh leidet. Ein Segen, daß wir beide klüger sind. Nicht, Swaantje?«
Das Mädchen sah ihn hülflos an; ihr Gesicht war blaß und mager. Er ging
zu ihr und streichelte ihr die Backen. »Arme Kleine! So quälen wir uns
beide, aus Feigheit, aus Rücksicht, aus Mangel an Naivheit. Bald ist es
Winter. Anstatt daß wir uns der letzten Blumen freuen, gehen wir daran
vorüber. Nachher tut uns das leid.« Er steckte sich eine Zigarre an.
»Na, vielleicht komme ich doch noch darüber hinweg, obgleich ich das
nicht hoffen will, denn dann danke ich bestens für mich.« Swaantje sah
ihn ernst an. »Helmold, du hast doch noch immer deine Kunst!« Er lachte
lustig: »Ich pfeife darauf! Kunst, weißt du, was das ist? Ungelebtes
Leben! Sieh dir die Griechen an; nie hat ein unglücklicheres Volk
gelebt. Sie waren sehr unglücklich; sonst hätten sie es nicht in der
Kunst so weit gebracht. Die Römer hatten keine Kunst, die lebten ein
lebendiges Leben. Die Kunst ist wie ein Spiegel; vorne Farbe und Leben,
hinten Pappe.«
Er ging an den Bücherschrank, nahm den Angelus Silesius heraus, schlug
ihn auf, reichte ihn Swaantje und sagte: »Lies die grün angestrichene
Stelle.« Das Mädchen las und bekam ganz enge Lippen, denn da stand:
»Die Braut verdient sich mehr mit einem Kuß um Gott, denn alle
Mietlinge mit Arbeit bis in den Tod.« Er nickte ihr spöttisch lächelnd
zu: »Ja, der frumbe Mann wußte Bescheid; die Liebe ist alles, das
andere ist nichts. Aber: wie du willst! Mögest du nie wissen, was Reue
ist! Ich weiß es. Als ich ein junger Kerl war, gab ich unserem netten
Dienstmädel mal einen Kuß, rein aus Übermut. Als ich zu Bette ging,
machte sie leise ihre Kammertüre auf und flüsterte: ›Gute Nacht, Herr
Hagenrieder.‹ Ich wollte aber keinen Unfug machen und nickte ihr nur
zu. Am anderen Tage fuhr ich nach München. Die Augen, die das Mädchen
mir machte, als ich an ihr vorbei aus dem Hause ging, vergesse ich mein
Leben nicht, und wenn ich einmal in die Hölle komme, so ist es wegen
einer Unterlassungssünde.«
Seine Frau kam herein. Mit scheinbarer Unbefangenheit schlug sie für
den Nachmittag einen gemeinsamen Spaziergang vor. Helmold nickte. »Mir
ist alles gleich,« sagte er. Aber im Walde wuchs seine Übellaune von
Minute zu Minute; die schlaflosen Nächte wirkten nach. So wurde es ein
ungemütlicher Spaziergang. Mit zersetzender Geistreichigkeit machte
er sich über die Natur, das Wetter, die Menschen und die ganze Welt
lustig, und quirlte auf dem Heimwege Ernst und Hohn so durcheinander,
daß seine Frau und Swaantje die kalte Angst in das Genick faßte.