Er lachte: »Du, ich glaube, der mag mich. Grade weil ich so

demokrätzig-urwüchsig bin; die Pomadenmanieren hat er ja den ganzen

Tag um sich. Ich habe Angst, daß ich mir den Professortitel zuziehe,

und so was färbt auf das Talent ab. Ein Orden wäre mir lieber, dann

würden die Leute doch sehen, daß ich ein ordentlicher Mensch bin.« Er

lachte lustig. Ȇbrigens wird seine Hoheit mir sitzen. Ich hatte, als

er das Triptychon besah, ihn schnell ein paar Mal auf den Hülfskarton

skizziert, und das hatte man ihm gesteckt. Wenn ich nur wüßte, welches

von seinen zwei Gesichtern ich nehmen soll, das Pflichtgesicht oder das

Wunschgesicht, ob ich ihn als Landesvater oder als Heerführer male.

Weißt du, der Mann tut mir leid! Bei dem Temperament, bei der Unmasse

von Willen immer und ewig den kühlen Herrn von Stande markieren zu

müssen, hol's der Kuckuck, da ist es kein Wunder, wenn der Charakter

allmählich etwas viereckig wird. Wenn unsereins am falschen Platze ist,

na, dann dudelt er sich einmal einen an und schimpft sich die Wut vom

Balge; das kann er sich natürlich nicht leisten. Ich habe mich früher

manchmal über das Hin und Her bei ihm geärgert, aber als Hennecke

mich damals bei der Hofjagd einmogelte und ich den Mann eine Stunde

lang auf drei Schritt sah, da wußte ich Bescheid. Natürlich, er ist

ein Mensch und hat Fehler; aber er hat Leidenschaft im Leibe und ist

imstande, sich zu begeistern, also kein Philister. Philistern verzeihe

ich eine Ziellosigkeit nie; Karrengäule müssen ihren Trott gehen;

Rennpferde dürfen einmal ausbrechen.«

Er sah seine Frau zärtlich an: »Wenn wir uns nicht gefunden hätten!

Ich glaube, ich wäre vor die Hunde gegangen ohne dich. Ja, du hast

erst etwas aus mir gemacht; mit einem Ruck kam ich von der Erde aus

dem Naturalismus in den Realismus, und nun stehe ich mit beiden

Hinterbeinen im Idealismus, komme über mich hinaus. Herrgott, soll das

jetzt ein Leben werden! Hätte ich nur erst die Bilder fertig! Denn

was ich alles noch im Leibe habe, das ahnst du gar nicht, und reden

kann ich darüber auch nicht eher, als bis ich der Sache in das Gesicht

sehen kann. Nur das eine will ich Dir verraten: ich male fortan nur

Tendenz.« Seine Frau sah erstaunt auf, und er lachte: »Jawohl, Liebste,

Tendenz, faustdicke Tendenz, so faustdick, daß sie mir keiner vorwerfen

kann! Meine Tendenz ist: meinem Volke den Rücken mit Franzbranntwein

einzureiben, es mit Freude und Grimm zu füttern und mit Wonne und Weh

zu tränken, damit es so bleibt, wie es ist, sich nicht verplempert

in fremder Art und nicht vergißt, daß es zwei Gesichter hat: ein

gutmütiges und ein bösartiges; denn wir kriegen allmählich zu viel

Gemütsembonpoint, seufzen, wird irgendwo ein Schweinehund geköpft, und

stöhnen, wenn wir die Knarre zur Hand nehmen sollen.«

Er ballte die Hände, reckte die Fäuste und dehnte die Brust: »Einen

Krieg, den möchte ich noch erleben, aber aktiv!« Seine Frau sah ihn

entsetzt an, er aber lachte, drückte sie an sich und flüsterte: »Weißt

du das Lied noch, das Lied von dem rotroten Mohn? Wir wollen es nicht

vergessen; es ist das schönste Wiegenlied für große Kinder!«

Sie vergaßen es nicht; als Helmold wieder abgereist war, flogen die

Mohnblumenkarten jeden Morgen in das Haus. Manchmal war nur eine

kleine, schüchterne Blüte in eine Ecke gemalt, während der übrige Raum

voller Schrift war; dann kam eine, über die sich die Blüten von einer

Ecke in die andere zogen, oder eine andere, auf der sie einen Rand

bildeten oder einen Fries. Wenn aber eine eintraf, auf der ein Kranz

von den glühenden Blumen zu sehen war, dann seufzte Frau Grete auf und

ging abends nicht so früh schlafen, und wenn sie es tat, dann trat sie

vorher in das Schlafzimmer ihres Mannes und streichelte das Kopfkissen.

Aber als die Amsel schon übte und die Finken bereits stümperten,

die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen und der Haselbusch mit

goldenem Staube um sich warf, kamen die Karten immer spärlicher, und

fast nie war eine rote Blume darauf zu sehen, und wenn das doch so war,

dann war sie mit Rotstift flüchtig hingestrichen, und Frau Grete wurde

wieder ganz traurig.

Bis dann der Tag kam, an dem der Frühling sein erstes gelbes Extrablatt

in den Garten flattern ließ, an dem der Fink sagte: »Jetzt kann ich

es aber!« und die Amsel: »Und ich erst recht!« Da rollte ein Wagen

vor das Haus, hielt mit einem Ruck, und Frau Grete stürzte die Treppe

hinunter, denn Gift und Galle, die beiden Teckel, stießen den Ruf aus:

»Herrchen ist da!« und jaulten und kläfften und winselten und kratzten

die Ölfarbe von der Haustüre, und als die Frau die Türe aufriß, stand

Helmold vor ihr, küßte sie, drückte sie, daß ihr schwach wurde, und

rannte die Treppe hinauf, um Swaan und Sweenechien zu küssen. Dann lief

er in die Werkstatt, atmete tief auf, ging in den Garten, liebelte die

Hunde ab, sagte allen Blumen guten Tag und den Fischen in den Teichen

auch. Dann wurde er allmählich vernünftig und ging in die Veranda, wo

nach einiger Zeit seine Frau eintrat. Er drehte sie um und befahl: »So

stehen bleiben!« und als sie sich umwenden durfte, sah sie, daß er

einen Orden vor der Brust hatte.

»Ja, weißt du, ich hatte die Wahl: Professor oder ordentlicher Mensch!

Na, da sagte ich: Exzellenz, so'n Professortitel, wenn man den alle

Tage trägt, der sieht dann schließlich so aus, wie ein alter Gehrock;

dann bitte ich lieber um etwas, das sich nicht so leicht abträgt, weil

man es bloß an hohen Tagen anzieht. Hat der alte Herr gemeckert! wie

eine Bekassine! Ja, und nun habe ich nicht nur einen Vogel im Kopf,

sondern auch einen vor der Brust, aber einen, der sich sehen lassen

kann.« Sweenechien wollte gern den Vogel sehen, den ihr Vater im Kopfe

hatte; da sich das nicht gut bewerkstelligen ließ und um sie auf andere

Gedanken zu bringen, wurde der Koffer ausgepackt, und nun gab es ein

Gequieke und Gejubel in der Veranda, daß der Buchfink beschämt den

Schnabel hielt und die Amsel geärgert fortflog. Aber was hatte der

Vater nicht auch alles mitgebracht! Das war noch viel schöner, als

zum Julfeste, denn da wußte man im voraus, daß man etwas bekam. Swaan

wußte nicht, bei welchem Buche er zuerst anfangen sollte zu lesen,

Sweenechien sah ratlos von der blonden zu der braunen Puppe, und die

Luise und die Minna standen da und machten ganz dumme Gesichter wegen

der schönen Sachen, die sie bekommen hatten, und vergaßen beinahe, sich

zu bedanken. Als sie im Hausflure waren, fielen sie sich um die Hälse

und küßten sich, und vor einer Stunde hatten sie sich noch gefährlich

gezankt.

Frau Grete aber bekam ein Kästchen; als sie es aufmachte, jubelte sie

hell auf, schlug die Hände zusammen und küßte ihren Mann auf beide

Backen, denn in dem Schächtelchen lag ein Schmuck für ihren Hals, wie

sie sich ihn in ihren waghalsigsten Träumen nicht gewünscht hatte. Aber

als ihr Mann aus der Innentasche der Weste einen grünen Lederumschlag

nahm und ihr gab und sie einen Tausendmarkschein nach dem andern

hervorholte, wurde sie mit einem Male feuerrot und steckte das, was

unter dem letzten Scheine lag, schnell wieder in den Umschlag; denn

das war eine roggengrüne Karte, und darauf war ein Kranz aus roten

Mohnblumen gemalt.

Helmold Hagenrieder fehlte es jetzt nie an einem Kranze aus Mohnblüten

zu Häupten seiner Bettstatt, und so mangelte es ihm auch niemals an

kühlendem Schlummer nach heißem Schaffen. Denn heiß waren seine Tage,

heiß und lang. Schon in aller Frühe, wenn die Amsel zu singen begann,

war er in seiner Werkstätte und malte. Bild um Bild entstand, nun ein

lichtes, frohes, reines, ohne eine andere Absicht, als so wirken zu

wollen, wie eine lächelnde Blume oder eine lachende Frucht, und dann

andere, die zwei Gesichter hatten und eine doppelte Sprache redeten.

Seine beiden Saharabilder entstanden, die Söldner und die Sieger, die

zum Tode ermatteten Fremdenlegionäre, im glühenden Sonnenschein durch

den Sand watend, darstellend, und die erschossenen Kabylenhäuptlinge

im grellen Mondenlicht. Dann wurde die Hinrichtung der Sachsen

an der Halsbeeke bei Verden beendet und gleichzeitig Frigges

Flammentod, und hinterher kam das bitterböse Bild von Wodes Zorn.

Auf einer dunkelgrünen Melodie hatte Helmold den Stoff gepflückt, so

verträumt, wie sie an einem weichen Sommerabend erklingt, wenn die

Mädchen eingehakt über die Dorfstraße ziehen und so lange singen,

bis es den Jungens unter dem Brusttuche brennt. Aus Lindenblüten und

Blättergeflüster war sie gewebt, und das Lied, das ihm dabei kam,

begann also: »Ach ich war den ganzen Tag allein, denn mein Schatz

der konnt nicht bei mir sein.« Das Bild aber stellte eine lachende

pfälzische Landschaft dar, grüne Rebengärten an roten Felsenhängen;

doch im Mittelgrunde brannte ein Dorf und im Vordergrunde lagerten

Soldaten Turennes. Der Rahmen war dunkeleisengrau; er wies unten einen

kaum sichtbaren Fries von Menschenschädeln auf, rechts und links den

krähenden gallischen Hahn und oben zwischen zwei wütend schreienden

Raben Wode Wutblick; der Gott aber trug die Züge des Fürsten Bismarck.

Dazwischen entstand ein Bildnis nach dem anderen; denn seitdem Helmold

den Herzog hatte malen dürfen, und in einer Auffassung, die allem

Herkommen entgegen und dabei doch so schlicht und natürlich war, wollte

alle Welt von ihm gemalt sein, und er konnte sich vor Aufträgen nicht

retten, trotzdem oder weil er Preise nahm, daß Frau Grete oft sagte:

»Du machst es ein bißchen zu grob.« Aber dann lachte er und sagte:

»Bisher nahm ich Gesellenlöhne; jetzt lasse ich mir Meisterpreise

zahlen. Das verlangt die Zunftehre«. Es kam ihm aber gar nicht darauf

an, einen Menschen, den er gern hatte, oder dessen Kopf ihm gefiel,

ohne Entgelt zu malen; wenn aber der Kunsthändler Schultze ihm sagte:

»Machen Sie es ein bißchen billiger, verehrter Herr Hagenrieder, dann

nehme ich die doppelte Anzahl Studien,« so hieß es: »Wenn Sie mir

noch einmal ein solches Angebot machen, dann sehe ich mich nach einem

anderen Verhältnisse um.«

Er hatte so viel zu tun, daß er wie ein spielendes Kind dahinlebte;

er aß wie ein Drescher und schlief wie ein Dachs; wenn die Nacht auch

manchmal nur drei oder vier Stunden für ihn hatte, weil es ihn in

aller Frühe schon nicht mehr im Bette litt, er schlief so fest und

traumlos, daß die drei Stunden mehr Frische bei ihm ansetzten, als

sonst deren neun. Das Wetter, von dem er im Sommer vorher immer bis zur

Unerträglichkeit abhängig gewesen war, kümmerte ihn gar kein bißchen;

der Vollmond war schlecht auf ihn zu sprechen, denn er hatte ihn links

liegen lassen und war kein einziges Mal mit ihm losgezogen, wenn der

ihn abholen wollte. Er trank überhaupt nur dann etwas, wenn es gar

nicht anders ging, und wenn er im vorigen Jahre ohne die Zigarre oder

die Zigarette nicht zu denken war, so rauchte er jetzt nur nach den

Hauptmahlzeiten, wenn er mit seiner Frau plauderte.

Die war jetzt viel bei ihm in der Werkstätte und freute sich über

sein federndes Wesen und besonders darüber, daß er von Swaantje ganz

selten sprach und dann nur wie von einer guten Freundin. Ganz langsam

und vorsichtig versuchte sie, ihm den Gedanken an das Triptychonleben,

den sie in ihm heraufbeschworen hatte, auszureden. Frau Gesina war

krank gewesen, und Swaantje war deswegen nach Swaanhof gereist und

hatte Grete eingeladen. Als Frau Hagenrieder wiederkam, brachte sie

ihrem Mann einen schönen Gruß mit und sagte dann: »Wir haben sehr

viel gelacht, denn Swaantje sagte: ›Daß ich simple Landpomeranze

es noch einmal bis zur Romanheldin bringen würde, das hätte ich

nicht gedacht.‹« Ihr Mann, der gerade die Zeitung las, hatte nicht

mehr gezeichnet als ein Rehbock, an dem die Kugel vorbeiflötet, und

hinterher hatte er ganz ruhig mit ihr über sein Verhältnis zu dem

Mädchen gesprochen: »Sie war nötig für mich, liebe Grete,« sagte er,

»und bleibt es auch wohl; doch nicht als Weib, glaube ich. Damals,

als ich ganz zerknittert von Swaanhof zurückkam, meinte ich, es

wäre anders; aber das war wohl nur ein Ausfluß meines gebrechlichen

Zustandes. Von jeher wird mein Gefühl zu ihr auf einem anfangs

unbewußten, dann klar sehenden Mitleid aufgewachsen sein, und wenn ich

sie so recht von Herzen glücklich sähe, wird sie mir nicht mehr sein

als Hennig, denn auf dessen Liebste bin ich ja auch nicht eifersüchtig,

und ich liebe ihn doch sehr. Freilich, er ist ein Mann, und sie,

scheinbar wenigstens, ein Weib, und so hält es schwer für mich, daß ich

mich ihr gegenüber von allgemein männlichen Vorstellungen frei mache.

Aber selbst, wenn ich ihr gegenüber Wünsche hätte, so dumm bin ich

nicht, daß ich ihnen grüne Blätter vorwerfe; denn erstens liebt sie

einen anderen, und zweitens ist keine Möglichkeit vorhanden, daß sie

mein sein könnte. Aber ich würde mich freuen, sie bald wieder zu sehen;

wir haben ja auch einen Wechsel auf Sicht von ihr. Und jetzt habe

ich bald Zeit für lieben Hausbesuch; denn sonst gewöhne ich mir das

Malen noch so an, daß es ein Laster wird, wie einst meine Rauchsucht.

Außerdem muß ich zur Brunft nach Stillenliebe, denn sonst wird der

Prinz öde. Und ich merke es doch, daß auch Arbeit, die man mit Freude

tut, schließlich die roten Blutkörperchen auffrißt. Solange man im

Trott bleibt, weiß man nichts davon; sobald es aber prr heißt, klappt

man um.«

Das fand Grete auch, denn ab und zu sah sie in dem Benehmen ihres

Mannes leichte Schatten, die die heranziehende Nervenüberspannung

vorweg warf. Er arbeitete schon unregelmäßiger, schaffte den einen

Tag sehr viel, tat dann drei Tage nichts, stand den einen Morgen um

fünf Uhr, den folgenden Vormittag um elf Uhr auf, wurde hier und da

ungeduldig, und klagte darüber, daß die Nachbarn ihm zu laut wären,

während er sonst gesagt hatte: »Je mehr in den Nachbargärten gelacht

und gesungen wird, um so lustiger werde ich.« Wenn Swaan, wie es seine

Art war, bei jedem Geschenk, das ihm der Vater mitbrachte, fragte: »Was

hat es gekostet?« so hatte dieser früher gelacht und gemeint: »Der

wird wie sein Großvater und wird nicht erst kreuz und quer durch das

Leben stolpern, ehe er sich zurechtfindet.« Jetzt zog er die Stirne

kraus und fuhr auf: »Junge, was soll das heißen; vom Geld redet man

in anständiger Gesellschaft nicht,« und zu Grete sagte er hinterher:

»Der Junge rückt täglich mehr von mir ab.« Auch bei Sweenechien wollte

er das finden; sie war ihm zu selbstbewußt: »Wird wohl später auch

anfangen, den Vermännerungsschwindel mitzumachen,« brummte er; »früh

streckt sich, was ein tauber Halm werden will.«

So war seine Frau recht froh, als Swaantje sich endlich anmeldete:

»Ich muß Euch doch noch vorher wiedersehen, Ihr Lieben,« schrieb sie,

»denn ich will mit Tjark und Ilsabe nach Italien. Ich freue mich

kindisch.« Auch Helmold freute sich: »Das wird ihr gut tun; sie braucht

Sonne und Luxus. Es wird ihr Spaß machen, einmal Geld zu vertun.« Er

war so aufgeräumt, daß er kaum zusammenzuckte, als Grete ihm eines

Morgens sagte: »Ich denke, es ist besser, Swaantje schläft nicht in

dem großen Fremdenzimmer, sondern in dem kleinen, schon damit ich ihr

beistehen kann, wenn sie ihre Schmerzen bekommt.« Nach dem Kaffee

aber sagte Helmold, der mittags schlecht gegessen und dann geschlafen

hatte, was ihm nie gut bekam: »Die Bemerkung von heute morgen hättest

du im Munde behalten können, Grete; ich habe ihren Untersinn wohl

verstanden. Wofür hältst du mich eigentlich? Glaubst du«, er machte

eine zornige Handbewegung und warf seine Zigarre in den Garten, »ich

bin ein Mann, der einem solchen Mädchen gegenüber sich von bequemer

Gelegenheit bereden läßt?« Sie schüttelte unwillig den Kopf, er aber

fuhr fort: Ȇberhaupt, deine Art und Weise, Swaantje in der letzten

Zeit langsam bei mir abzubrechen, gefällt mir sehr wenig; ich bin

doch nicht verliebt in sie, sondern ich liebe sie. Wie, das ist mir

selber schleierhaft. Jedenfalls: tritt Verliebtheit in dem von dir

befürchteten Sinne hinzu, ich würde nie etwas von ihr nehmen, was sie

mir nicht mit beiden Händen schenken würde, noch nicht einmal einen

Kuß.«

Er steckte sich eine neue Zigarre an, die dritte seit einer Stunde,

und sagte: »Bedenke, was du mir damit angetan hast, und wer die ganze

Schuld trägt; ich sicher nicht! Hättest du damals nicht die fahrlässige

Redensart von dem Triptychonleben gemacht, so wäre ich wohl kaum darauf

gekommen, daß mir das Mädchen mehr sein könnte als eine liebe Freundin.

Jedenfalls versuche nicht, die Sache so hinzustellen, als wenn ich den

Stein in das Wasser geschmissen hätte.«

Er sagte ihr, er wolle allein ausgehen. Das tat er denn auch, und er

beruhigte sich durch einen strammen Marsch. Er dachte an die rosenroten

Stunden, die er mit Grete verlebt hatte; er krempelte sich selber um

und kam zu dem Ergebnisse, daß ihn zu Swaantje weiter nichts hinziehe

als eine rein seelische Neigung, und er trat in Gretes Spur und fand,

daß sie alles, was sie gesagt hatte, aus ihrem leichtherzigen Denken

hatte herausspringen lassen. »Aber,« sagte er sich, »ob mir nun einer

einen Stein mit oder ohne Absicht gegen den Kopf wirft, eine Beule gibt

es auf jeden Fall.« Wenn er sich das Herz auch noch so blank zu reiben

suchte, etwas blind blieb es doch, und so war er ganz froh, als er im

Osterkruge den Vorsteher und den Hegemeister traf, und es war fast zwei

Uhr, als er nach Hause kam. Er wachte um sechs auf, aber da er müde

war, drehte er sich wieder um und schlief bis elf Uhr, und das war

das Allerdümmste, was er tun konnte, denn immer machte ihm Nachschlaf

Falten in die Stirne.

So war auch dieser Tag verloren. Die Farben wollten nicht laufen,

die Pinsel waren bockig, die Leinewand sträubte sich; wütend lief er

aus der Werkstatt und ging mit Grete aus. Aber an jedem Worte, das

sie sagte, stieß er sich die Schienbeine wund. Einige fortgeworfene

Wiesenblumen, die zertreten auf dem Wege lagen, entlockten ihr den

Ausruf: »Wie schade!« Er lachte und zeigte auf eine Fichte, die

der letzte Sturm umgestoßen hatte: »Wenn etwas Kleines kaput geht,

das beseufzt ihr; an der Leiche eines Riesen geht ihr gleichgültig

vorbei.« Die Sonne verabschiedete sich in aller Form. »Welch' ein

schöner Sonnenuntergang!« rief Grete. »Ein Untergang kann nie schön

sein,« spottete er. Es wurde dunkel im Walde; Grete nahm seinen Arm.

»Du erlaubst doch?« bat sie. »Natürlich,« lachte er; »es ist ja eine

Wonne, einmal zu fühlen, daß du auch nur ein schwacher Mensch bist.

Aber so seid ihr; in der Dämmerung laßt ihr euch von uns führen, am

hellen Mittag nehmt ihr uns an die Strippe.« Grete sprach nun kein Wort

mehr, und stumm gingen sie nach Hause.

Er ging auch diesen Abend wieder aus, kam aber bald zurück und begab

sich in die Werkstätte. Um zehn Uhr hörte seine Frau von der Veranda

aus, daß er flötete und sang. Sie freute sich, denn nun wußte sie,

daß er malte. Die Melodie war ihr unbekannt, und deshalb ging sie den

moosigen Weg so weit entlang, bis sie die Worte verstand; die lauteten:

»Und kann es nicht die Lilje sein, so pflück ich mir ein Röselein!« Ihr

wurde traurig zumute, denn es schien ihr, als ob das Lied ihr mit der

Faust drohe; ihr war zu Sinne, als läge sie im Halbschlafe in einer

Wiese und im langen Grase kröche etwas auf sie zu, von dem sie nicht

wußte, was es war, eine harmlose Natter oder die böse Adder. Darum war

sie froh, als am anderen Morgen ihr Mann im Jagdanzuge vor ihrem Bette

stand, sie auf die Stirne küßte und sagte: »Ich bleibe vielleicht drei

oder vier Tage fort; ich muß mal hinaus; ich fahre nach Ueldringen.«

Sie wunderte sich, daß er reiste, weil am folgenden Tage Swaantje

kommen wollte; aber sie dachte: »Er will sich auf sich selber besinnen.«

Als sie nachher in die Werkstatt ging, um Staub zu wischen, sah sie

einen Haufen Papierfetzen in der Ofenecke liegen. Sie hob einige auf

und wurde erst rot und dann weiß; es waren die Reste von zwei Arbeiten,

an denen er Jahre lang geschrieben hatte, allerlei Gedanken über das

Verhältnis der Kunst zum Leben und die Ergebnisse seiner Studien über

die Technik des Malens. Sie sammelte die Fetzchen auf, Tränen in den

Augen, verschloß sie in einer Truhe in ihrem Schlafzimmer und ging müde

an ihre Arbeit.

Dann kam Swaantje. Sie sah blaß und nervös aus, und als sie Grete

ansah, fiel sie ihr um den Hals, küßte sie und fragte: »Aber, liebste

Grete, wie siehst du aus? Was hat sich zugetragen?« Als sie hörte, daß

Helmold zur Jagd gefahren war, drehte sie sich schnell nach Sweenechien

um, die gerade in das Eßzimmer kam, nahm sie auf den Arm und küßte

sie trotz deren Gestrampels ab, denn Kinder gingen nicht gern zu dem

Mädchen, das von sich selber einmal gesagt hatte: »Kinder mögen mich

nicht, und ich kann damit nichts anfangen.« Helmold hatte damals ganz

ernst geäußert: »Bis du eigne hast; vernünftige Frauen machen sich aus

anderer Leute Kindern nichts und sparen sich die Liebe für ihre eigenen

auf. Grete ist es ebenso gegangen. Die Abknutscherei fremder Kinder ist

eine Spezialität hysterischer Weiber!«

Grete fand überhaupt, daß Swaantje ganz anders geworden war; ihr

Mund sah aus, als schäme er sich, daß er noch nie geküßt war, ihre

Augen hatten einen verlassenen Blick, und ihre Hände wirkten noch

hoffnungsloser denn zuvor. Es dauerte auch eine geraume Zeit, ehe

Swaantje den alten Ton wieder fand und mit Grete darüber scherzte,

wie es nun werden solle, ob sie beide Helmolds wegen auf Säbel oder

Pistolen losgehen oder ihn ausraten sollten. Sie zogen das Letzte

vor, doch Swaantje gewann immer, tröstete Grete aber und sagte: »In

den Monaten mit R sollst du ihn haben, und in den anderen nehme ich

ihn; ist das nicht lieb von mir?« Als sie aber ihren Koffer auspackte

und Grete sie fragte: »Hast du das weiße Wollkleid nicht mit, in dem

Helmold dich so gern sah?« da schüttelte sie den Kopf, wie ein Pferd,

das sich der Bremsen erwehren will, und sprach schnell von etwas

anderem.

Am Abend des dritten Tages, daß Swaantje da war, sagte Grete: »Jetzt

wird er gleich hier sein!« Aber er kam nicht. Am Abend des vierten

Tages war sie sehr unruhig und brachte kaum einen Bissen hinunter, und

Swaantje ging es ebenso. Als die Uhr dreiviertel auf sieben schlug,

sprang die Frau plötzlich auf, nahm das Mädchen in den Arm und

schluchzte: »Ach, Swaantien, ich habe eben einen so furchtbaren Schreck

gekriegt! Fühle nur, wie mein Herz klopft!« Aber als sie aufsah,

bemerkte sie, daß auch Swaantje kreideweiß aussah, und sie fühlte, daß

deren Herz ebenso sprang wie ihr eignes.

Der Abend verlief trostlos; bis ein Uhr blieben sie auf, denn um

dreiviertel auf eins lief der letzte Zug ein, mit dem Helmold kommen

konnte; doch er kam nicht. Dann gingen sie zu Bett, ließen aber die

Türen auf. Um zwei Uhr hielt Grete es nicht mehr aus; sie sah, daß

Swaantje noch Licht hatte, ging zu ihr und sah sie so bittend an, daß

das Mädchen ihre Decke zurückschlug und sagte: »Komm, liebe Grete!«

Die Frau legte sich neben sie, nahm sie in den Arm und weinte so

lange, bis sie einschlief. Swaantje drückte das Licht aus und sah in

die Dunkelheit; das Bohren in ihrer linken Schläfe ging von Stunde zu

Stunde tiefer; sie hielt aber stand, bis die Amsel zu singen begann und

der Morgen ihr zunickte. Da endlich fielen ihr die Augen zu.

Um acht Uhr wachte Grete auf und sah sich verwundert um. Dann sah sie

Swaantje an und erschrak; das Mädchen war totenbleich und hatte ganz

farblose Lippen. Sie stahl sich aus dem Bette und zog die Vorhänge fest

zu; aber ehe sie das Zimmer verließ, bückte sie sich und küßte Swaantje

ganz leise auf die böse Schläfe. Das Mädchen lächelte und flüsterte:

»Guter Helmold!« Die Frau zuckte zurück.

Kurz vor dem Mittagessen kam ihr Mann. Er sah ganz braungebrannt

aus, hatte klare Augen und eine helle Stimme. Er küßte seine Frau

herzlich und bewillkommnete Swaantje freundlich. Beim Essen sagte

er: »Ihr seht beide wie die verhagelten Lohgerber aus, denen die

Petersilie fortgeschwommen ist. Habt ihr gestern was gegessen, was

euch unbemessen, oder was ist?« Swaantje sah auf ihren Teller, aber

Grete sagte: »Ich habe mich gestern auf einmal so um dich geängstigt

und Swaantje damit angesteckt.« Ihr Mann lachte: »Neuer Bacillus,

Spirococcus terroris; den solltest du monographisch behandeln; dann

bist du eine berühmte Frau.«

Nach dem Essen sagte er: »Nun, damit du es weißt: ich habe mit einem

Wilddiebe erst höfliche Redensarten und dann grobe Schrote gewechselt.

Der Mann schoß Schwarzpulver; deshalb habt ihr den Krach bis hierher

gehört.« Beide Frauen sahen ihn entsetzt an, er aber lachte: »Der dumme

Kerl schießt mir den besten Bock vor der Nase zusammen, und als ich ihm

sage, er solle mir wenigstens das Gehörn lassen, verjagt er sich so,

daß ihm vor Bammel der zweite Schuß herausrutscht und mir gerade in den

Arm. Übrigens nicht der Rede wert! Na, wie man begrüßt wird, so soll

man sich bedanken; ich schoß ihm die langen Stiebel voll Nummer drei,

und da gab er mir vor Rührung gleich den ganzen Bock. Ich habe ihm die

Leber und die beiden Blätter gelassen, und dann haben wir zusammen

einen auf den Schreck genommen. Es ist ein ganz famoser Kerl!« Swaantje

sah ihren Vetter an, lächelte und sagte: »Du bist doch wirklich ein zu

guter Mensch, lieber Helmold!«

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 7 / 20 段