beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend nebeneinander
her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold war todmüde, aber vor dem
Bette graute es ihn. »Von wem sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von
mir,« antwortete der andere, und seine Stimme hörte sich staubig an.
»Die Melodieen auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber
er war schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der
Haide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold aber
schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über dem schmalen,
weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wachholderbüschen den Hügel
emporschlich, ein morgenrotfarbiges Kleid, das einen schlanken Leib
umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit summte er die Singweise
des Rosenliedes vor sich hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in
den Wind hinein, der in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches,
wehes Weinen war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein
weißes, tränenlos schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund.
»Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die Hand unter die
Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir können Sie getrost alles
sagen.« Doch der Maler schüttelte den Kopf und lächelte gezwungen:
»Halluzinationen, Übermüdung und Sekt, weiter nichts; ich habe oft
dergleichen.« Aber er wurde wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje
zurückkam, ihm auseinandersetzte, daß das Mädchen in die Welt müsse, um
sich einen Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht
am lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann
der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in den Farben der
Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart, daß dem Maler das
Herz schwoll.
Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin, daß
Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm nach, als er
mit leichtem Schritte über den Hof ging und so sicher, als wenn er nur
Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich; einer wie der andere!«
dachte der Arzt.
Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin; dort war noch
Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte sich Vorwürfe, daß er
ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem Zimmer fand er eine dringende
Depesche. Er packte seinen Koffer und legte sich nieder, den Herodot in
der Hand. Er wollte nicht einschlafen, er hatte Angst davor, aber die
Augen fielen ihm über dem Buche zu.
Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den Halter
heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte er. Schnell
badete er, und als er sich angezogen hatte, ging er in das gelbe
Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Gedeck war unberührt; die anderen
hatten schon gefrühstückt, denn ihre Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig
kam herein; sein Gesicht sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es
hat Krach gegeben, deinetwegen. Die Bestie, die Bergedorfsche, hat
ihr Lästermaul wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe
nach dem Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln.
Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da; er
verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.«
Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber Helmold,«
sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antwortete er, »sehr früh sogar,
denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er drehte sich absichtlich
so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen herunterwarf. »Ach
meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina und hob ächzend die Scherben
auf: »die ist nun in Stücken!« Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter
nichts in Stücke geht, kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit
dem Mittagszuge reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir
einmal die Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß
sie in den Sessel knickte und ihn hülflos ansah: »Also: ich reise.
Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig hier.
Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die Tür; ich
bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich dich zu bedenken.
Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich nicht. Du solltest nicht so
viel Kartoffeln essen, und nicht so viel Kuchen, und deinen Kaffee zu
Hause trinken statt bei der verfluchten Klapperschlange vom Duttenhofe,
die bei Gott verderben möge!«
Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!« Er warf
den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und keine Lästerung.
So, und nun kommt die Hauptsache: sobald Swaantje wieder in der Reihe
ist, geht sie auf zwei Jahre aus dieser Mottenkiste heraus, verstehst
du mich? Oder dreie! Wohin ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht
hier, sonst komme ich hierher, und dann sollst du mich einmal richtig
kennen lernen. Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und
darum nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann
nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will, meinetwegen
nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß die Esel von Letten sich
bis dahin die Bombenschmeißerei etwas abgewöhnt haben. Drei Wochen habe
ich deine pomadigen Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten,
um das Mädchen aufzumuntern; dir hat es gefallen, mit einem Wort
meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie die
Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit einem Manne
allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld dazu, daß sie hier
versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich machst, wie das hier
guter Ton ist? Siehst du denn nicht, wie du sie mit deiner Tanterei
kaput machst? Ohm Ollig, frage den, der ist ganz meiner Meinung;
nur mag er nicht den Mund auftun, weil du ihm dann acht Tage lang
Hammelbraten vorsetzest.«
Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte Helmold
aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du vielleicht, es ist
eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag in einem Ende gefragt
wird. ›Swaantien, hast du dies gemacht? Swaantien, wie steht es damit?
Swaantien, du hast doch nicht vergessen?‹ Als ich vor drei Jahren hier
war, hing mir dies Gefrage schon armlang zum Halse heraus, und deswegen
bin ich so lange nicht hier gewesen. Da hieß es: ›Swaantje ist krank,
nervenkrank!‹ Weißt du, was ich da zu Grete sagte? ›Kein Wunder bei
dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!‹ Jawohl, das habe ich
gesagt, und hätte Grete damals nicht die Kleine an der Brust gehabt,
sie wäre gekommen und hätte hier einmal gründlich ausgelüftet. Na, und
dann durfte Swaantien«, er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja
endlich kommen. Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen,
heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen Schatten
gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam. Na, wir
fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben, was sie wollte,
und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr. Nach einem halben Jahre
komme ich hierher, und wen finde ich? Swaantien«, er sprach es wieder
so niederträchtig wie möglich, »Swaantien mit dem Bindfaden am Bein,
an dem die gute, die liebe, die mütterliche Tante Gese den ganzen Tag
herumzockt.«
Giftig funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird dir ja
leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem ziemlich trüben.
Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen sind, sondern daß sie
dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,« seine Stimme wurde weicher,
»eines schickt sich nicht für alle. Du weißt, ich bin ein abgesagter
Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels, dem Steckenpferdchen
von Grete. Deswegen sperrt man doch aber ein Mädchen, das nach
Weiterbildung und nach Kunst hungert, und nach der Welt und ihren
Menschen, nicht zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie;
Benjamin, mit dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz
meiner Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das
alles jetzt sage, daran ist er schuld.«
Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre mit dem
Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den Frühstückstisch,
goß sich Tee ein, und während er auf und ab ging, würgte er ein
trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina strich ihm eins und legte ihm
mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch und Eier vor, und ohne zu wissen,
was er tat, aß er. Dann riß er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter
heraus, schrieb zwei Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er
sah ganz blaß aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen
Mund, und seine Hände zitterten.
Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr die Hand
und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu weinen an. Er
klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes Muhmchen, meinst es
nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich glaube, du siehst auch ein,
daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig. »Na, und so lasse sofort
die Näherinnen kommen und Swaantjes Kleider in Stand setzen, und melde
sie bei Ohm Otte an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete
wird viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen
und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr: »Sieh bitte
zu, ob ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl sagen.« Die
Tante ging hinaus und kam nach einer Weile wieder. »Sie ist aufgewacht
und möchte ein wenig gekochtes Obst essen und freut sich, dich zu
sehen. Du mußt aber vorsichtig sein mit ihr; die Schmerzen können bei
jeder Aufregung wiederkommen.«
Er lächelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst.
Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl! Dank für
alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte die Sache
besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen müssen, aber ich bin,
wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs, Muhme Gese! Und nicht wahr,
ich verlasse mich auf dich? Großes Bierwort darauf? Und verschone
mir das Mädchen mit allen Butternöten und Legehennensorgen und
Negerkinderbekleidungsmanufaktur; laß sie machen, was sie will. Sie
redet dir in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also:
Gehabet euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.«
Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der Hand aus
dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden Sie mich bitte,
Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an: »Das gnädige Fräulein
warten schon.« Sie stockte einen Augenblick, dann griff sie nach seiner
Hand, drückte sie und stammelte: »Herr Hagenrieder, ich war nebenan;
ich horche sonst nie, aber die Hand könnte ich Ihnen küssen! Sie sollen
sehen, sobald Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund.
Gott,« sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!«
Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache? Na
na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder sonstwo etwas
verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich komme dann sofort. Hier, das ist
für etwaige Auslagen. Und bringen Sie mir Ihre Herrin gesund wieder,
dann gibt es einen blauen Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu
und ging die Treppe hinauf.
Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang des
Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag halb sitzend im Bette.
Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand von der Schläfe. »Maria mit
den sieben Schwertern« dachte er, und er mußte sich auf die Lippen
beißen, um nicht aufzuschreien. Ihr Gesicht sah nicht so blaß aus,
wie er gefürchtet hatte, nur ihre Augenlider waren gerötet. Aber ein
Leuchten lag in ihrem Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte,
und eine Süßigkeit war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der
Teller auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren
fing. Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett
auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die
Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun schuld!«
Sie lächelte lieblich und nickte: »Ja, aber ich danke dir doch sehr;
du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die Hand und flüsterte
zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich, aber das ganze
Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß, einen einzigen Kuß!« dachte er.
»Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm den Teller
und den Löffel; »jetzt muß die kleine Swaantje erst ein bißchen essen;
und wenn sie sich nicht beschlabbert, und wenn sie erst wieder gesund
ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt sie zu Hagenrieders, und dann
geht sie nach Wiesbaden, und nach München, und im Sommer geht sie mit
uns an die See, und nachher in den Harz.« Sie lächelte, und die Augen
wurden ihr feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsichspelte nach
der anderen zwischen die Lippen schieben.
Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf die
Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr den Schmerz
abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und während er das dachte,
stand der gepanzerte Ritter wieder hinter ihm, stieß ihn leise an
und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch, küsse sie; sie wird dich
wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber er küßte sie nicht, und keiner
seiner Blicke sprach von mehr als von Brüderlichkeit.
Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar an und
sagte: »Das hat mir mehr geholfen als alle Pulver. Aber du mußt gehen,
es wird sonst zu spät für dich, lieber Helmold!« Er stand auf und sah
sich im Zimmer um; er selbst hatte die Einrichtung entworfen. Er sah
das Mädchen an, ihre Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr
Gesicht, das eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag
halbgelöst um ihre Schläfen; es hatte einen fettigen Schimmer. Langsam
hob ihre Brust das weiße Nachtgewand.
»Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine Stimme;
»werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder und küßte ihre
beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen seine Stirn streiften,
und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete. Aber schnell nickte er
ihr zu und verließ das Zimmer.
Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm eine Karte
erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm der Diener den
Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf hin, daß der Mann
lächelte.
Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung. »Zehn
Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden fortgeworfen!«
dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid hinter ihm. Er trat zur
Seite und sah Frau Bergedorf vor sich stehen. Sie erwiderte holdselig
seinen Gruß und fragte ihn: »Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch
eine Woche bleiben?« Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders;
ich habe in einem großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den
Auftraggebern verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre
Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine
Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem großen
Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau jemanden?« Sie
nickte: »Meine Olga.«
Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein waren.
Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine Base ist leider
recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu sehr aufgeregt, das ein
Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft über sie aufgebracht hat. So
etwas ist doch gemein, gnädige Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von
einer Person ausgeht, die als verlobte Braut abends verschleiert einen
Leutnant so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter
hat, die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die könnte
sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas darüber und
haben die große Güte, es mich wissen zu lassen. Hier meine Adresse!« Er
zog eine Karte heraus und gab sie ihr.
Der Zug lief ein. »Empfehle mich ganz gehorsamst, meine Gnädigste,«
sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte seinen Daumen über
ihren Handschuh; »und ich bitte um gütige Empfehlung zu Hause.« Er
verbeugte sich und ging auf den Zug zu. Vom Fenster aus grüßte er noch
einmal; Frau Bergedorf dankte gütig.
In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern;
er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold blieb am
Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte, und als es verschwand,
setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener Haide immer näher
kam. Er sah den Weg, den er mit Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo
der Tod ihn angebettelt hatte, flog schnell vorüber und langsamer der
Wahrbaum.
Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er doch
wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr als Erquickung
hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte er nichts von ihr,
als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den zerwehten Klang ihrer
Stimme in seiner Seele, und ihr blasses Bild in seiner Erinnerung. Er
liebkoste es mit den Augen, küßte es auf die Hände, aber jedes Mal,
wenn er die Lippen küssen wollte, verschwand es, und er sah nichts als
das rote Polster vor sich und den langen Offizier.
Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen; drei
Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im Tödeloh. Jede Nacht
stieg seine Seele aus dem Grabe und ging in das graue Steinhaus, wo
sie die Schatten anderer Männer traf, die vor vielen tausend Jahren
dort ihre Leiber vergessen hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg,
schimpften darüber, daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen
Wildpret und Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig,
weil er ein jedes Mal jedweden von ihnen fragte, ob nicht ein Kranz
oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären.
Es war aber niemals etwas da und weinend stieg er wieder in sein Grab.
Der Mohnblumenkranz
Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister der
sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen da, und die
sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib wiederfand und
singend aus dem grauen Grabe zum grünen Leben hinaufstieg.
Es waren jedoch keine weißen Blumen, die vor seinem Grabe lagen, rote
Mohnblumen waren es, und nicht Swaantje hatte sie dort niedergelegt,
sondern Grete, seine kluge, gute und starke Frau hatte sie zum Kranze
gewunden und zu Häupten seines Bettes aufgehängt; sie flüsterten ihm
mit ihren leichtsinnigen roten Lippen so leise Schlummerlieder zu,
daß er die ganze Nacht verschlief und den nächsten Tag, und nachdem
er einen Bissen gegessen und einen Schluck getrunken hatte, schlief
er abermals ein, denn ein frischer Kranz hing über seinem Bette, und
den löste ein dritter ab, und so schlief Helmold Hagenrieder drei Tage
und drei Nächte, und dann stand er in der Frühe auf und ging in seine
Werkstatt, ging frisch und fröhlich an seine große Arbeit und pfiff ein
Lied dabei.
Es hatte eine seltsame, lustige Weise, das neue Lied; leichtsinnig
war sie und doch so tief, froh, und doch so schwül, und die roten
Mohnblüten hatten es ihn gelehrt. Helmolds Augen strahlten, blickte er
seine Frau an; und er küßte sie, wie seit langem nicht, seine liebe,
gute Grete, die sich seiner Not erbarmt hatte, als er krank und elend
und zerbrochen von Swaanhof kam und ihr sein bitterliches Leid geklagt
hatte. Sie hatte ihm das Haar gestreichelt und die Stirne geküßt wie
eine Mutter, und ihm zugeflüstert: »Ja, ja, mein armer Junge; sie soll
kommen; ich selber will sie rufen.«
Deshalb konnte er mit einem Male wieder lachen und flöten und singen;
darum aß er, wie lange nicht, und schlief fest und lange wie ein
Kind, und küßte seine Frau, wo er sie zu fassen bekam, und sang ihr
jede Nacht das Lied von dem roten Mohn in die Ohren; und wenn dann
am anderen Morgen Frau Grete ihre Zöpfe flocht, dann lachte sie ihr
Spiegelbild an und dachte: »Wie eine junge Frau seh' ich aus; wie eine
ganzganz junge Frau!«
Zum roten Mohn gehören blaue Kornblumen, und da Helmolds und Gretes
Backen von Tag zu Tag mehr den roten Blumen ähnlich wurden, so sahen
ihre Augen von Nacht zu Nacht blauer aus, denn die volle Sonne lag auf
ihnen; rund herum war das Feld so gelb wie Gold und versprach eine
Ernte, wie sie lange nicht gewesen war, reif und schwer. Kein Landregen
schlug sie zu Boden, kein Sturm zerzauste sie, kein Schloßenfall
knickte sie ab; jeden Tag hingen die Ähren tiefer, und wenn der Wind
über sie ging, dann rauschten sie leise, rauschten ein heimliches Lied,
bis Helmold es vernahm und es erst leise und dann immer lauter pfiff,
und was er flötete, das malte er auf einen neuen Karton, erst in leisen
Strichen, dann in halblauten Linien, und schließlich in hellklingenden
Farben.
Aus warmen Liedern, heißen Küssen und glühenden Farben waren die
Entwürfe entstanden, die auf den drei großen Kartons an den Wänden zu
sehen waren, und wenn Helmold, seine Frau im Arme, davor stand, dann
schüttelte er den Kopf, lachte und sagte: »Jetzt weiß ich erst, daß ich
etwas kann. Aber was kriege ich von dir dafür?« Dann nahm sie ihn in
die Arme, reckte sich an ihm hinauf, zog seinen Kopf an ihren Mund und
flüsterte ihm etwas zu, das kein dritter Mensch hören durfte, und es
war doch weiter nichts als das Lied vom roten Mohn. Jeden Tag mußte sie
es ihm in das Ohr summen, den einen Tag das eine, den anderen Tag das
zweite, den dritten das dritte Stück, und als er in der Eisenbahn saß
und dahin fuhr, wo aus den Entwürfen Werke werden sollten, sah er auf
den kahlen Feldern lauter rote Mohnblumen vor sich, und als der Abend
ihm die Landschaft vor den Augen fortnahm, blühten rote Mohnblüten in
den Wolken auf, immer mehr, bis sie den ganzen Himmel erfüllten.
Jedweden Tag bekam Frau Grete eine Karte mit roten Mohnblüten, eine
einzelne oder ein ganzes Feld voll darstellend; sie legte sie alle
der Reihe nach in einen Kasten aus kornblumenblauem Samt, besah sie
jeden Abend, zählte sie immer und immer wieder und sang sich selbst
mit dem Liede in den Schlaf. Doch am Tage vor dem Julfeste kam keine
Mohnblumenkarte, da kam der, der mohnblumenrote Küsse zu verschenken
hatte, und ganze Fäuste voll brachte er davon mit, drei große Sträuße,
für jeden Feiertag einen. Und daran sahen sich ihre Augen, die vom
vielen Sticken und Nähen und Kochen und Backen ein wenig blaß geworden
waren, wieder so blau, wie Kornblumen, und auch die Augen ihres Mannes,
die zu viel Farbe hatten hergeben müssen in den letzten Wochen, färbten
sich voller.
»Nun noch zwei oder drei Monate, Gretechien,« lachte er, »und dann
singe ich wieder in meiner Werkstatt, denn ich habe noch manches Lied
in den Augen, das du nicht gesehen hast. Ich bin froh, daß ich alle die
drei Bilder auf einmal angelegt habe, und du solltest mich einmal bei
der Arbeit sehen; ich sage dir, es ist die reine Kilometerfresserei!
›Sie müßten sich eigentlich Rollschuhe anschnallen,‹ sagte der Herzog
neulich. Ich hatte nicht gewußt, daß er kam, und achtete gar nicht
darauf, daß mehrere Leute eingetreten waren, denn ich war in voller
Arbeitsbrunft. Ich hatte grade am rechten Seitenbilde gemalt, du weißt
doch, das Kriegsbild, und da fiel mir etwas am linken Seitenbilde
ein, und ich sauste das Hängegerüst entlang und malte an der anderen
Seite und flötjete dabei, wie ein Scherenschleifer. Wie ich nachher
hörte, hat der Adjutant mich darauf aufmerksam machen wollen, daß der
hohe Herr da sei, aber der hatte abgewinkt und mir lachend zugesehen,
bis ich nach dem Mittelbilde hinlief, denn mir fiel ein, daß noch ein
bißchen Schatten mehr das Gesicht der jungen Frau heller machen würde.
Na, und da sagte der Herzog denn das.«