Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen, weinte,

daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine geliebte, süße

Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann stand er auf, wusch

sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast leer, sah in den Park,

holte sich seine Zigarettendose und wollte sich damit vor das Fenster

setzen. Aber als er an dem Spiegel vorbeikam, prallte er zurück: der

Ritter stand da. Seine Rüstung blitzte weiß, das Visier hatte er

heruntergeklappt; er sah an ihm vorbei, wie an einem wortbrüchigen

Hallunken, und wies mit dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh.

Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder. »Elende

Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlider zufielen.

Das Seelenhaus

Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als Helmold eintrat;

zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge standen, starrten ihn

mit toten Augen an.

Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak aber

sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel

blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus,

aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht.

Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen

nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten fröhlich

zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem dritten in die

Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich! Drei große Bilder so

gut verkauft, Aufträge über Aufträge, und nun noch erster Sieger in

einem internationalen Ausschreiben!« Ihre Stimme fiel herab, als sie

ihn ansah: »Aber freust du dich denn gar nicht ein bißchen, lieber

Helmold?« Er nötigte sich ein Lächeln ab und sagte gleichgültig:

»Natürlich; Berühmtheit ist bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an.

»Lieber Helmold,« begann sie nach einer Weile schüchtern, »sei nicht

böse; heute kann ich dich nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den

Brief und seufzte: »Was fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag,

Swaantje, nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.«

Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter zwei ungeheueren

Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen sie sich nieder und

sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft des Grummets herkam.

Beide waren still; Helmold war todmüde; es war schon hellichter Tag

gewesen, als seine Augen das Sehen vergaßen, und Swaantje war betrübt,

denn unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende

Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel

im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche die

Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen und ihrer stumpfen grauen

Farbe sah sie aus, wie das Seelenhaus in Tödeloh.

»In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten unsere Urahnen

ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an; »glaubst du das?« Er

nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten sind auch Seelenhäuser

gewesen, denn sie sind genau in der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle

Jahre am Todestage ihrer Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin

und gossen Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an,

damit die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie einmal

wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt haben.« Er

sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude, und sonderbar klang es,

als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du mir auch Blumen bringen, damit ich

mich darüber freuen kann, wenn ich einmal wiederkomme?«

Das Mädchen sah ihn erschrocken an und faßte seine Hand: »Lieber

Helmold, wie kannst du mich so ängstigen! Das war nicht hübsch von

dir. Du bist überreizt, überarbeitet, nervös; du solltest einmal in

ein richtiges Pussiersanatorium gehen, wie damals, als du so herunter

warest.« Er sah sie spöttisch an: »Meinst du, daß mir heute noch

ein Flirt hilft? Das glaubst du doch selber nicht.« Das Mädchen sah

einem weißen Falter nach, der an ihr vorüber in die Wiese flog, die

Weidenröschen am Grabenrand umflatterte und ziellos weitertaumelte.

Dann sah sie die Hand ihres Vetters an, die auf seinem Knie lag;

gestern war sie noch männlich und straff gewesen, nun sah sie

weiberhaft aus und ermüdet. Verstohlen besah sie ihre eigene Hand;

beide Hände waren sich jetzt ähnlich; früher waren es Gegensätze

gewesen. Die braune, derbhäutige, großporige, haarige, in breiten,

harten Nägeln endende Hand des Mannes erinnerte sie an den Vorsteher

Groenhagen, hinter dessen derben Zügen, unter dessen harten Augen so

sehr viel unausgesprochener Kummer lebte.

»Ja, Swaantje, das ist nun so!« lachte Helmold und wies nach einem

hohen Riesenampferbusche, der mit seinen feuerroten Blättern unbändig

prahlte; »der rote Hinnerk da, so nennen die Bauern das Kraut, jeder

freut sich darüber, wie er so knietschrot dasteht; aber er ist welk,

ist tot. Ein Meister der Farbe ist er; aber sein grünes Herz ist

gestorben.« Er unterbrach sich, denn ihm war, als stände eine bleiche

Gestalt in dem Seelenhause und winkte ihn zu sich heran. Dann lächelte

er über sich; erstens war das kein Seelenhaus, sondern eine Hütte für

die Hütejungen, und die bleiche Gestalt, das war ein alter Lappen, der

da hing.

Er warf den Kopf in den Nacken: »Du magst recht haben, Swaantien!«

Sie lächelte ihn an, denn noch nie hatte er die Koseform ihres Namens

gebraucht. Er pfiff eine leichtsinnige Weise vor sich hin. »Ich bin

überarbeitet, habe mich dazu um dich zu viel gesorgt. Nun verschieße

ich mich noch dazu; das zieht in keinen hohlen Weidenbaum.« Er summte:

»Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück ich mir ein Röselein.« Er

machte ein säuerliches Gesicht: »Mein Herz heil pussieren, das wird

schwer halten, aber als Heftpflaster hilft vielleicht so ein bißchen

Eintagsliebe. Man weiß nur nie, was man sich damit für Löcher ins

Gewissen läuft. Die andere hat sich vielleicht schon wer weiß wie lange

getröstet, und man denkt immer noch, sie wankt mit durchgescheuerter

Seele herum.«

Er scharrte mit der Fußspitze im Sande umher: »Na, die Hauptsache ist,

daß du dich heute nachmittag in eurem Geisteslackierklub gut vergnügst.

Wird Er auch da sein?« Swaantje wurde rot: »Ich glaube,« flüsterte sie,

aber es lag keine Freude in ihrer Stimme.

»Weißt du was, Zuckerchen,« fuhr es Helmold heraus, »eigentlich

müßte ich mit und dir dort in einer so feuergefährlichen Weise den

Hof schneiden, daß dem Professor das Brett vor dem Kopfe aufbrennt;

denn das hat er doch sicher dort, denn schließlich gönnt kein

rechtschaffener Mann eine einem anderen, und tritt man ihm auf die

Platzhirschhühneraugen, dann wetzt er sogleich die Kampfsprossen. Aber

die Bergedorfsche ist da samt ihren üblen Töchtern, und so wie ich mich

kenne, setzte es einen Heidenskandal, ginge ich mit. So will ich lieber

zusehen, daß ich den Bock in der Wittenriede bekomme.«

Nach dem Mittagessen bat er sich den Fuchs aus, hängte die Büchse

über und ritt in das Bruch. Dort stieg er ab, ließ das Pferd bei den

Hütejungen und waidwerkte zu Fuße weiter. Aber er spähte nicht nach dem

alten Bocke, der dort umging, er träumte mit kalten Augen über das Land

hin, das in der Sonne glitzerte. Schließlich setzte er sich bei dem

Seelenhause an, rauchte und brütete vor sich hin. Immer wieder gingen

seine Augen nach der Büchse. Er sah sich um: wenn er seinen einen Fuß

in die Brombeerranken wickelte und sich durch das Herz schoß, dann nahm

alle Welt ein Unglück an; denn daß ein Künstler an dem Tage, der ihm

den größten Auftrag seines Lebens gebracht hatte, Selbstmord verüben

könne, das glaubte kein Mensch. Ein Druck, und er konnte endlich einmal

wieder ausschlafen.

Aber dann fiel ihm ein Wort Hennigs ein: »Selbstmord wirkt niemals

tödlich«, hatte der einst gesagt und hinzugefügt: »denn es ist keine

organische Lösung.« Und dann waren die Kinder da, seine lieben Kinder

Swaan und Sweenechien, und Grete und Swaantje. Schon derentwegen durfte

er nicht Hand an sich legen; sie würde vor Gram zerbrechen. Außerdem:

er hatte den Auftrag vom Schicksal, seinem Volke viel Schönheit zu

bringen. »Nein,« sagte er zu sich, »nein, das tust du nicht!« Er

stand auf, entlud die Büchse, warf den Patronenrahmen in den Bachkolk

und ging nach der Wittenriede. Der starke Bock äste sich auf dem

Wiesenfleck; gleichgültig sah Helmold ihm zu. Ein dutzend Male war er

hinter ihm hergepürscht; aber selbst, wenn er jetzt eine Patrone gehabt

hätte, er hätte doch nicht schießen mögen. Ihm lag nichts mehr daran.

Ihm war an nichts mehr etwas gelegen. Ihm war alles gleichgültig. Ihn

langweilte sogar die Landschaft. Zu spitz dünkte ihm das Glitzern des

Stechpalmenbusches, zu frech seine roten Beeren, und albern kam ihm des

wilden Täubers Ruf vor. Er lag im Moose, auf der selben Stelle, auf der

er tags zuvor gesessen hatte, rauchte und starrte ohne Blick über die

Wiesen hin.

Er sah sein zukünftiges Leben vor sich: wie ein Brandmoor würde es

aussehen. Nur Nutzpflanzen würden darauf noch gedeihen: Moorkorn,

Hafer, Kartoffeln, aber keine rosige Blüte mehr. Mit Hand und Kopf

würde er große Werke schaffen, derweil sein Herz unter Ruß und Asche

lag. »Alles müssen wir bar bezahlen,« hatte Hennig gesagt; »alles!« So

war es; alles gab ihm das Leben und nahm ihm alles, weil es ihm das

eine nicht gab. Er versuchte, sich zum Weinen zu zwingen, indem er den

Namen der Geliebten vor sich hinflüsterte und die Stelle streichelte,

wo sie gesessen hatte; doch seine Augen lachten ihn aus.

Müde stand er auf, ging langsam dahin, wo der Fuchs war, schenkte

den Jungen eine Mark, saß auf und ritt die Landstraße entlang. In

Mecklenhusen stand die Wirtin vor der Türe und lachte ihn einladend an.

Er grüßte flüchtig und trabte weiter, obwohl ihn hungerte; aber er

mochte mit niemandem sprechen, der ihn kannte.

Deshalb schlug er die Straße nach Lütkenhusen ein und stieg beim

Taternkruge, wo er noch nie gewesen war, ab. Das war eine schmierige

Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das Butterbrot, das

ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß des Ekels. Ein

fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem Gesichte, bunt angezogen,

kam herein, bettelte ihn an und machte ihm verheißungsvolle Augen. Er

schenkte ihm ein blankes Markstück und einige Zigaretten, ging aber

nicht auf sein Sprechen ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um,

als es dem Walde zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es

ihm schnell mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der

Bewegungen und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen; sein Blut

blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror.

»Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an, denn er

hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief er, als er

es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben und Töne brannten

und klangen in ihm durcheinander; er sah ein Bild in Moll vor sich

und hörte eine blaßrote Melodie. Er nahm sein Taschenbuch heraus und

schrieb ein Lied hin, las es durch, änderte eine Stelle, schrieb

ein zweites, ein drittes und noch eins. Eine Kiepenflickerfamilie,

die inzwischen eingetreten war, sah ihm neugierig zu, und zwei

Handwerksburschen machten heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es,

kümmerte sich aber nicht darum. Ein Motorradfahrer kam herein,

schimpfte mörderlich, weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen

müssen, daß er seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer

auf und ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der

antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen, bis

die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte seine

Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz verlegen wurden,

und ritt fort.

Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke sogleich auf Frau Adda. Sie

saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und sprach über

bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum Narren, bewies

ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern nur einzelne

Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener Tafel vor, er

müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb aber nur die vier Gedichte

ab, gab sie Swaantje, die er auf der Treppe traf, sagte ihr, er

wolle den Abend allein verbringen, und ging in den Ratskeller, wo er

sich in die dunkelste Nische setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner

verbot, Licht zu machen und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei.

Er starrte vor sich hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und

ließ seine Zigarre kohlen. »Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter

Mann raucht nicht,« dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben

dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in einer

schwarzgebrannten Deckelurne. Und vor dem Seelenhause lagen Blumen,

weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die Jahreszeit sie bot, und

die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht Tau war es, der in ihren

Kelchen schimmerte, Tränen, kalte Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt

neben dem Seelenhause stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor

dem Gesicht, einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und

breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich

betten, so sanft.«

Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts.

Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich feige

hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das Ganze! Und ein

jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte, eines

Lebens, das rot in Rot vor seinen Augen stand, hellrote Küsse auf

einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute. Das Ende? Ein Pfeil in der

Brust, zwei Küsse auf den Lippen, und so, zwischen der Sonne und dem

Mond, zwischen der lauten und der leisen Geliebten, schnurstracks

nach Walhall, und da: Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan

anders sein: Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer

Hoffnungslosigkeit. Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar

Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist, und

ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen. Hol's

der Teufel!

Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje; der Vorhang flog zur

Seite, und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen gab er Helmold die

Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete vor herzlicher Freude.

»Ich hörte von der Wirtin, daß Sie hier seien,« sagte er mit seinem

dunklen Basse, »und daß Sie allein sein wollten. Ich sah Sie heute vom

Kruge in Mecklenhusen aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb

dachte ich: laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und

nun: Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist mir

gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das besser.«

Als der Sekt da war, hob er das Glas: »Auf das, was wir

lieben!« Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen

wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit ist der

anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß ein Blatt

heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab es dem Arzte.

Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen über sein Gesicht. Er

streckte dem Maler die Hand hin: »Dank, vielen Dank, Hagenrieder!«

Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer und sah sie eine Weile an.

Dann flüsterte er, und seine Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der

einzige Mensch, der mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich

gesehen, lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten.

Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind, Sie in Blond,

ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben, ich bin glücklich.«

Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!« Er warf seine Zigarre

in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler Hinsicht bin ich auch

glücklich, aber die Intestina denken anders. Jeden Tag, wenn ich mich

nach dem Essen lang mache und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz wo

anders hingehöre, auf einen Pferderücken, oder ein Kameel, und um

mich ist die weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle

unter Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind

deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus und

sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und eine für die Seele,«

flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen einen hungrigen

Blick.

Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung: »Gehen Sie mit?« fragte

er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter hat wieder einen

Anfall. Das beste für die gute Frau wäre ja Morphium, denn diese

Herzbeklemmungen sind schrecklich. Aber das dürfen wir ja nicht. Ist

das eine verlogene Welt heute! Einer hetzt den anderen unbedenklich mit

Geschäftspraktiken tot; aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage

stirbt, zu erlösen, das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!«

Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den Schatten der

Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die Wacholderbüsche auf

der Haide zu bösartigen Gespenstern um. Helmold ließ den Arzt reden.

Er sah sich mit Swaantje am Arm durch die mondhelle Haide gehen; ein

kreischendes Verlangen von ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie

kommen oft nach Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte.

»Ja, ich tue so, als ob ich nach der alten Dame sähe, aber die junge

meine ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem

bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter; das ganze lavendelduftende

Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein Mädchen! Wissen

Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise Frau; Blond liegt mir so fern

wie Ihnen meine Kulör. Aber in meiner ganzen Praxis ist kein Mensch,

um den ich mich so ängstige wie um sie. Gewalt! möchte man schreien,

wenn man zusehen muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der

besten Absicht. Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber

Herr Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr

an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹ Lieber

Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor Ihnen hat die Alte einen

Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange in die Schenkstube. Ich

bin gleich wieder da und dann, wenn es Ihnen recht ist, trinken wir

noch eine dicke Flasche oder zwei. Wissen Sie, bei Vollmond muß ich

Bettschwere haben.«

Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein

mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen war

und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte vor sich hin:

»Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger Trost, daß es dem Arzt

ebenso ging wie ihm! Und es ging ihm viel besser, denn der hatte seine

leise Frau noch nicht gefunden; er aber hatte sie gefunden und hatte

sie zur selben Stunde verloren.

Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht, als er ihm vorhin

sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere heiligen Bücher

wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele ihren Männern und ihren

Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die das nicht können, sind mißlungen.«

Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm

entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn nicht

Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte er, »daß zwei

Seelen sich voneinander lösen, die einst eins waren, wie meine Seele

und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt, wenn sie in seinen

Armen zerschmolzen war, daß nicht nur ihr Leib ihm gehörte. Das war nun

vorbei; er war hier, und sie war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad,

Freund, ja; er wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen

sein. Mann und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie

die beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins.

Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen ab; darum

war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das Pentagramm, wie bei

den Ariern. Und deshalb waren die Juden glücklicher im Leben, scheinbar

wenigstens, denn schließlich: die besten unter ihnen schielten doch

aus dem Sechsstern zum Fünfstern, wie er von Grete nach Swaantje.

Warum: die eine ging in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur,

die andere ein problematischer Charakter. Die eine satt, die andere

hungrig, unbewußt hungrig.

Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen Himmel

und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das Tödeloh stand. Eine

reisende Drossel flog über die Linde und pfiff verlassen; unsichtbare

Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror das Herz. Er stand auf und

wollte in das Haus; da kamen harte Schritte näher, und der Arzt stand

vor ihm. »Haben Sie eine Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den

Maler ansah. Der lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn

besorgt von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna und

die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige Mädchen und nicht

glücklich; ein und der selbe Mann hatte beiden die Ehe versprochen, und

nun lachen sie sich am liebsten ihren Kummer fort, denn sie lieben ihn

beide noch immer, trotzdem an dem Kerl nichts dran war.«

Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der es

verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in die

Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß Janna

und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen eine mitfühlende

Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der Arzt, »Schampagner am

besten schmeckt.« Er nahm die Laute von der Wand und klimperte darauf

herum, eine Weise dazu brummend, die nach Moschus und Ambra roch. Er

stieß mit allen an. »Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein,

erzählte eine lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat

die Mädchen um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und

Manna sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten

war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre

an einem dunklen Winterabend.

»Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »aber erst die

Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen wir nachher im

Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde und sang dann zu einer

verschüchterten Begleitung das heimliche Lied an den Abendstern. Die

Augen der Mädchen wichen nicht von seinen Lippen, und der Arzt sah

ihn mit besorgter Miene an. »Bitte noch eins,« bat Janna leise, und

Manna flüsterte: »Ach ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen

Jüngling, der auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von

Zuckerkand, zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken

lag. Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war, wie

perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er schloß: »Sag

ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann singt der Vogel

nimmermehr von Tod und Not, dann blühen alle Blumen rot, so rot, so

rosenrot,« hatten beide Mädchen feuchte Augen, und auf der Stirne des

Arztes lag eine Falte, die wie ein Hufeisen aussah.

Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte erst die

Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas Schampagner

hinunter und begann leise, aber mit jubelnder Stimme: »Rose weiß, Rose

rot, wie süß ist doch dein Mund, Rose rot, Rose weiß, dein denk ich

alle Stund.« Die Augen der Mädchen erhellten sich; aber als die Laute

einen wehen Ton gab, und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund

bei Tag und Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da

sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend klang es

wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes Lied er sang, Rose

weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,« und abermals wimmerten

die Saiten und wie ein Schluchzen war es in des Sängers Stimme: »sprang

vor Freuden hin und her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es

klang.«

Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds Stimme lachte

wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte sie, als er fortfuhr:

»Was wird aus dir und mir?« und schneidend, wie Glassplitter wurde ihr

Ton bei den Worten: »ich glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist

nicht bei mir,« und es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in

dem Gemache, als er endigte: »nicht bei mir, geht andern Gang, falsches

Lied der Vogel sang von mir und dir.«

Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte stumm den

Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten Gefühle von Scham vor

sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus, dann folgte Helmold. Im Hausflur

drückten ihm die Schwestern die Hand, und eh' er es sich versah, nahm

ihn von jeder Seite eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund,

ohne daß sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich

zu.

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 5 / 20 段