dabei wütend paffte: »Der Mensch hat an erster Stelle Pflichten gegen
sich selber. Deine Pflicht ist, aus dir das zu machen, wozu dich
das Schicksal bestimmt hat, aber dich nicht selber im Grundrisse zu
verzeichnen und in der Fassade zu verkorksen. Du mußt heraus aus deiner
Watteverpackung, mußt etwas erleben, Gutes und Schlimmes, aber nicht
dasitzen, bis du jenseits von Gut und Böse bist, dein Herz an einen
Mops hängst und drei Stunden darüber redest, daß der Gerichtsrat Meyer
seinen Lehnstuhl neu hat überziehen lassen. Ich mache mir aus deiner
Bibel nicht viel; sie liegt mir nicht, aber es steht doch manches
vernünftige Wort darin, so von dem Pfunde Sterling, mit dem man wuchern
soll. Glaubst du denn, ich weiß nicht, wie dir zumute ist? Nun bin ich
bald vier Wochen hier, und in der ganzen Zeit habe ich keine Nacht mehr
als drei Stunden geschlafen, und manche gar nicht. Heute war es halb
sechse, als ich einschlief! Du meinst, weil ich an meine Bilder denke?
Ich pfeife darauf! An dich habe ich gedacht, um dich mir Sorge gemacht;
denn ich kann es nicht ansehen, wie die Frau dich auf kaltem Wege
hinrichtet, und das tut sie. Aber ich kenne dich und weiß, bei dir hat
alles Reden keinen Zweck, weil du verbrecherisch selbstlos bist. Und
das macht mich so mutlos.«
Beim Mittagessen war er von blendender Kälte, denn der eiserne Mann
sah ihn fortwährend aus dem Spiegel an. Deshalb versalzte er der Muhme
die Suppe mit gleißenden Widersprüchen, verpfefferte ihr den Braten
mit funkelnden Vergleichen und übersüßte ihr den Schokoladenpudding
mit irrlichternden Witzen, bewies ihr auf das höflichste, daß sie eine
Gans in Großfolio sei, und überzeugte sie auf das verbindlichste, daß
sie am besten täte, nichts zu sagen. So aß sie denn kaum so viel, wie
die drei anderen zusammen, und war selig, sah Helmold sie einmal nicht
spöttisch an. Auch sagte sie nichts, als er nachher in weißer Bluse,
Kniehosen und langen Strümpfen, die Jacke auf dem Arme, herunterkam,
und sie seufzte noch nicht einmal, als er auf ihre Frage: »Wollt ihr
denn kein Butterbrot mitnehmen?« antwortete: »Im Gegenteil; einmal ist
das kleinbürgerlich, und dann wollen die Wirte auch leben.«
Es war ein Tag in Blau und Gold. Der Himmel war hoch, die Sonne lachte
über das ganze Gesicht, die Feuerbohnen, Sonnenblumen und Georginen
hinter den Zäunen freuten sich ihres Lebens. Und Helmold auch. Er
hatte den unbarmherzigen Zug um die Lippen verloren, und hinter dem
frohen Leuchten seiner Augen schimmerte eine geheime Zärtlichkeit,
wenn er Swaantje ansah, die ihr rosenrotes Kleid, ihr Morgenrotkleid,
wie er sagte, anhatte, und den weißen, weichen, mit einem rosenroten
Bande umwundenen Hut. Tausende von goldenen Gedanken blitzten vor ihm
über den Weg hin, und nur ab und zu summte ein schwarzer oder brauner
dazwischen herum. Hinter ihm her aber schritt der eiserne Ritter; das
Klirren seiner Sporen klang gut zu Swaantjes hellem Lachen, mit dem sie
Helmold für sein fröhliches Geplauder dankte.
Zwei Bauermädchen kamen ihnen entgegen und boten ihnen die Tageszeit.
Sie streiften ihn trotz seiner auffallenden Kleidung kaum mit
den Augen, sahen Swaantje aber voll andächtiger Bewunderung an.
»Merkwürdig!« dachte er; »alle Frauen sehen sie an, und jeder Mann
blickt an ihr vorbei! Woher das wohl kommt? Sie ist ihnen zu geistig,
zu hoch, zu unnahbar; ein goldenes Gitter von Reinheit ist vor ihr.«
Der Fußweg unter den Hängebirken war so schmal, daß Helmold hinter
ihr gehen mußte. Ein Fest war das für seine Augen, wie sie vor ihm
herschritt, umflossen von dem leichten Kleide, dessen lose Formen ihren
hochadeligen Wuchs geflissentlich hervorhoben. Der Ritter flüsterte ihm
über die Schulter zu: »Sie ist die Schönste, die Allerschönste: wer
sie lieben darf, den kann kein Himmel mehr lohnen und keine Hölle mehr
schrecken.« Aber Helmold zuckte die Achseln.
Eine Viertelstunde hatten seine Blicke nun schon die Locken ihres
Nackens geküßt, ohne daß ihre Wangen roter wurden, ohne daß sie sich
umwendete, und er wußte es: jedes Weib, dem er in den Nacken blickte,
drehte sich nach ihm um. Er sah sich nach dem Ritter um; der lächelte
und flüsterte: »Das Windröschen blüht in einer Stunde auf; die Rose
braucht mehr Zeit dazu.«
Aus den Zweigen der Birken lispelte die Hoffnung Helmold
verheißungsvolle Worte zu; aber da flog ihm ein dicker, schwarzer
Gedanke mitten in das Gesicht; er dachte an den Mann, den Swaantje
liebte. Doch dann wiegten sich seine Blicke wieder in den Falten ihres
Kleides, das über dem grauen Fußsteige schwebte wie Morgenröte über
einem Flusse.
Als sie vor dem Donnerkruge waren, setzte er die hohlen Hände vor den
Mund und schrie wie ein Haupthirsch vom zwölften Kopfe. Die hübsche
Wirtin schoß aus der Tür heraus, lachte, gab ihm die Hand und rief:
»Nein, haben Sie sich aber nüdlich gemacht, Herr Hagenrieder!« und dann
war sie fertig mit ihm und machte zu Swaantje die selben andächtigen
Augen wie vorhin die beiden Bauermädchen.
Sie deckte unter der Linde. Als sie den Kaffee herbeitrug, stellte sie
in einen alten Krug, auf dem ein springendes Pferd zu sehen war, einen
mächtigen Busch von Astern, Ringelblumen und Georginen auf den Tisch,
so daß Helmold ihr eine Kußhand zuwarf und rief: »Großartig, Frau Trui;
nun haben wir alles, was wir brauchen.«
Er hatte seine lichte Laune wieder. Seine Augen lachten, als Swaantje
ihm den Kaffee aus der bauchigen Zinnkanne eingoß, und er aß in einem
fort, nur um sich an den leisen Bewegungen ihrer Arme zu erfreuen, wenn
sie ihm vorlegte. Aber dann sah er ihre Hände an, und ein mütterliches
Mitleid stieg in ihm auf: »Arme, kleine, müde, entsagungsvolle Hände!«
dachte er, und ein bitterer Zug schloß seine Lippen; »Hände, deren
Seele nur gedacht und nie gelebt hat, die von Sehnsucht erzählen, aber
von keinem Wunsche; Hände, die im Schatten aufwuchsen!«
Doch da flüsterte der Ritter ihm etwas in das Ohr. Entsetzt prallte er
zurück und machte Kontrahieraugen; aber als er den eisernen Mann ansah
und merkte, daß der keinen häßlichen Spott mit ihm trieb, da nickte er
ihm verstohlen zu, gab ihm heimlich die Hand und war wieder der lustige
Kamerad. Fortwährend erklang Swaantjes fröhliches Lachen, so viel bunte
Witze und farbige Schnurren breitete er vor ihr aus, und die Falte der
Entsagung zwischen ihren Brauen war nicht mehr zu sehen.
Sie gingen dann die heiße Landstraße entlang, bogen zwischen den kühlen
Wallhecken ein, kamen über die sonnenbeschienene Haide und durch
Wiesen, glitzernd von Licht. Solange sie nebeneinander gingen, blieb
der Mann im Harnisch taktvoll zurück; wurde aber der Weg schmal oder
morastig, so daß das Mädchen vorangehen mußte, sofort war der Ritter
wieder neben Helmold und flüsterte ihm durch die Visierspalte zu:
»Vergiß nicht, was ich dir geraten habe!« und Helmold sah ihn an und
schüttelte den Kopf.
Ja, er wollte es wagen, mochte daraus entstehen, was da wollte! Eine
übermütige Lust überkam ihn. Mit schmetternder Stimme begann er ein
schalkhaftes Volkslied; in den Schlußreim aber legte er jedesmal alle
Süßigkeit der Sehnsucht. Er sprang von Hott zu Hüh und kam immer
wieder geschickt darauf zurück, daß Kunst, Wissenschaft, Religion und
Philosophie nichts seien gegen ein bißchen erlebtes Leben; aber das
beste an ihm sei und bleibe die Liebe zwischen Mann und Weib. Das
Mädchen hörte aufmerksam zu, doch ihre Wangen blühten nicht voller
auf, und ihr Atem ging seinen gewohnten Weg. Aber wenn er auf den
wundersamen Zusammenklang von Schatten und Licht, auf die Unter- und
Übertöne der Landschaft, auf den geheimen Sinn der Blumen und auf das
beredte Schweigen der Bäume hindeutete, dann schenkten ihm ihre Augen
zärtliche Blicke.
Kalt durchschauerte es ihn, wenn bei jedem ernstgemeinten Worte ihr
innerstes Wesen sich gegen seine Brust lehnte. Mit barschem Griffe
faßte er mitten in ihr religiöses Gefühl hinein, als sie von der
Seligkeit des Glaubens sprach. »Du verabscheust den Selbstmord,
liebe Swaantje,« begann er; »aber was ist denn Glauben anders als
Selbstmord? Wer glaubt, dem ist das Leben kein Problem. Er kann
sich getrost begraben lassen; für ihn gibt es keinen Kampf mehr.
Ich aber will kämpfen; sonst danke ich für das Leben. Wir Germanen
sind niemals gläubig gewesen. Religion hatten wir immer, aber eine
Diesseitsreligion; das Jenseits versparten wir uns für später. Mit
beiden Beinen standen wir auf dieser lieben Erde, lebten unser Leben
in Zucht und Sitte, berauschten uns nicht an Wollust und Grausamkeit
und brauchten daher auch nicht, wie die Asiaten, Opiate wie Reue und
Buße. Zu unsern Göttern standen wir wie zu unsern Fürsten; wir zahlten
ihnen pünktlich den Zins, machten Front, fuhren sie vorbei, und damit
holla! In unser persönliches Leben durften sie nicht hineinreden.
Ich habe mehr als einmal mit dem Tode Kugeln gewechselt; aber niemals
ist mir dabei der Gedanke gekommen, daß ich vorher erst ein reines
Hemd anziehen müsse, für den Fall, daß ich plötzlich vor jemand stehen
würde, der erst meine Wäsche ansähe, ehe er mir die Tür aufmachen
ließ. Wir sagen: wir sind Christen, aber wir sind es nicht; wir können
es auch nicht sein. Christentum und Stammesbewußtsein vertragen sich
ebensowenig, wie Sozialismus und Kultur. In der Theorie sind wir
Christen; aber sobald es an die Praxis geht, in Politik, Geschäft und
dergleichen, dann sind wir genau solche Heiden wie die Männer, die dort
schlafen gelegt wurden.«
Er zeigte nach dem Tödeloh hin, der sich vor ihnen über der
Kiefernhaide erhob, und von dem das verbuhlte Gurren eines
Ringeltäubers herüberklang. Die Sonne stand noch hoch, so daß die
gewaltigen Wachholderbüsche halb schwarz, halb goldig aussahen; aber
die Ferne war in dichten Duft gehüllt, und über dem Bachgrunde lag der
Nebel wie der Atem eines Hünen.
Der Fußweg war so schmal, daß Helmold die Gelegenheit benutzte, um
hinter der Heißgeliebten herzugehen. Er drehte sich um und nickte
seinem Hintermanne zu. Ja, er wollte es wagen! Sie sollte etwas
erleben! Er wollte sie umfassen und küssen und das Weib in ihr wecken;
der Föhn seines Atems sollte das Gletschereis von ihrer Seele schmelzen
und der Platzregen seiner Küsse den Staub von ihrem Herzen waschen.
Sie sollte sein werden, ehe die Sonne hinter dem Wahrbaume zu Boden
glitt. Er wollte jedes Gedenken an den anderen in ihr fällen, wollte
Feuer in ihre Vergangenheit werfen und das taube Gekräut totbrennen, um
Platz für die junge Saat zu schaffen.
Absichtlich blieb er hinter ihr, mit Fleiß ließ er sie vor sich
hergehen. Seine Lippen sollten dursten nach ihrem Munde und seine Hände
hungern nach ihrem Leibe; sinnlos sollten sie vor Liebe werden.
Er pflückte einen langen Halm und ließ dessen Spitze über ihre Wangen
gleiten; lässig strich sie mit der Hand nach der Stelle hin. Als er
zum dritten Male den Scherz machte, sah sie sich um und lächelte
ihm schalkhaft in die übermütig funkelnden Augen. Er sang leise und
mit aller Zärtlichkeit, die er in seine Stimme legen konnte, ein
verträumtes Liebeslied, das das Volk sich erdachte, und in dem das
Allerletzte zwischen Mann und Weib gesagt wird, aber als er endete:
»Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der
Lüneburger Haid«, da blieb sie stehen, sah ihn mit leuchtenden Augen
an und sagte: »Das ist ja ein köstliches Lied; das habe ich noch nie
gehört!« Ein kalter Schauder lief ihm über das Herz; sie sah das
Kunstwerk in dem Liede und fühlte nichts dabei. Mutlos ließ er den Kopf
hängen und schritt hinter ihr her; ihm war, als müßte er sie schlagen.
Doch der Ritter flüsterte ihm zu: »Sie ist ein unberührtes Weib; wer
sie zuerst küßt, den wird sie lieben. Und du willst sie küssen, wirst
sie küssen, mußt sie küssen, schon ihretwegen, um sie zu erlösen, damit
sie sich herausringt aus dieser blutlosen Nonnenhaftigkeit, aus diesem
unmenschlichen Vegetieren, aus diesem geschlechtlosen Unleben. Das
willst du, das mußt du, und das wirst du!«
Der urzeitliche Friedhof lag in zufriedenem Schweigen da; der
Stechpalmen Korallenschmuck leuchtete heiß aus dem kalten Blattwerke,
das sich hinter dem grauen Seelenhause erhob. Swaantje nahm aus
dem bunten Strauße, den ihr Frau Heinemann mitgegeben hatte, eine
schneeweiße Aster, zwei blutrote Georginen und vier von den grellen
Ringelblumen, band sie mit einem blonden Halme zusammen und legte sie
vor die Tür der Urahnenkapelle hin. Dann ließ sie sich auf der Jacke
nieder, die Helmold für sie über das schimmernde Moos gelegt hatte, und
er setzte sich zu ihrer Linken.
Sie saß ein wenig unter ihm, so daß er sie mit den Augen umspannen
konnte. Wild schlug sein Herz und dann wieder zaghaft. Ein dumpfer
Druck lag auf seinem Gehirne, und seine Kehle war wie eingeschnürt.
Aber kein heißer Schauer lief ihm über die Brust, und keine süße
Erwartung fieberte in seinen Lippen; nur eine bleiche Furcht hockte
hinter ihm, und vor ihm kauerte die Hoffnungslosigkeit, von oben bis
unten in Spinneweben gekleidet.
Swaantje sah in die Sonne, die rot und rund über dem weiß atmenden
Bruche stand. Sie wandte sich nach Helmold, sah ihn zärtlich an und
sagte: »Vetter, wieviel Schönes habe ich dir doch zu verdanken; ich
hätte nicht geglaubt, daß der Herbst mir so viel bringen würde.« Ihre
Augen schimmerten feucht, als sie ihm die Hand gab; kühl lag sie in
seinen heißen Fingern, so kühl, daß er sie nicht festzuhalten vermochte.
Aber da flüsterte ihm der Ritter zu: »Jetzt sprich ihren Namen so
zärtlich aus, wie du kannst, und sieh ihr so bittend in die Augen, wie
du es vermagst, und dann nimm sie und küsse sie, bis ihre Seele in der
deinigen ertrinkt.«
Helmold nickte und sah das Mädchen an, das verträumt nach der Sonne
hinblickte, die sich immer schneller dem Wahrbaume näherte, dessen
schwarze Krone wie eine böse Rune über dem Milchsee stand.
»Swaantje,« begann er, und er erschrak, denn seine Stimme klang ganz
blaß. »Vetter?« antwortete es ihm, aber dabei sah Swaantje unverwandt
in die Sonne. »Liebe Swaantje«, begann er von neuem, und er spottete in
sich selber über die Farblosigkeit seiner Stimme; »du hast mir kürzlich
etwas gesagt; nun will ich dir auch etwas sagen: ich liebe dich.«
Er sah scheu zur Seite, denn da stand der Ritter, stampfte mit dem
Fuße, daß es klirrte, lachte verächtlich und fauchte durch das Visier:
»Dümmer konntest du es gar nicht anfangen!«
Swaantje war kaum zusammengezuckt; sie sah nach der Sonne, und Helmold
fuhr fort: »Ich liebe dich seit sieben Jahren. Ich habe dich vom ersten
Tage an geliebt. Ich habe dich schon geliebt, ehe daß ich dich kannte,
ehe daß du lebtest.«
Er seufzte tief auf: »Ich weiß das erst seit jenem Abend, als Grete
sagte: ›Du müßtest immer bei uns bleiben, Swaantje; ich dächte mir das
reizend, wenn wir drei immer zusammen blieben. Ich wäre dann deine
Sonnenfrau, Helmke, und Swaantje wäre dein Mondweiberchen‹.«
Das Gesicht des Mädchens war blutlos geworden; geisterhaft hob es sich
von dem dunklen Wachholderbusche ab; ihre Augen hingen fest an der
Sonne, die mit bösem Blicke über dem Wahrbaume stand.
Helmold half einem Käfer auf, der im Sande auf dem Rücken lag; dann
sprach er weiter: »Du weißt, daß Grete am anderen Morgen fragte: ›Ist
dir nicht gut?‹ Ich hatte in der Nacht kein Auge zugetan. Ich habe
seitdem überhaupt noch nicht wieder geschlafen. Es ist seither keine
Stunde gewesen, daß ich nicht an dich gedacht habe. Und deswegen kam
ich nicht zu euch. Aber schließlich sah ich ein, daß ich zugrunde ging,
wenn ich dich nicht wiedersah. Ich habe wie ein Verrückter gearbeitet;
sonst wäre ich irrsinnig geworden. Ich habe seitdem mehr gemalt, als
andere in zehn Jahren zuwege bringen. Aber ich habe es als totkranker
Mann gemalt. Schließlich mußte ich dich sehen und kam. Am Tage lebte
ich; in jeder Nacht starb ich. Du weißt, wie ich des Morgens aussehe,
und du weißt, wie anders mein Gesicht wird, wenn ich eine Viertelstunde
bei dir bin. Ich habe mich ganz genau daraufhin untersucht, wie ich
dich liebe, ob als Bruder, ob als Vater; aber ich liebe dich als Mann;
ich will dich. Und deshalb muß ich dir das alles sagen, denn sonst, ich
bin meiner nicht mehr sicher, und wenn ich dein Vertrauen verlöre, dann
müßte ich mein Leben fortwerfen. Denn das würde ich verlieren, hätte
ich das getan, was ich mir vorhin vorgenommen hatte: dich in den Arm zu
nehmen und in mein Herz hinein zu küssen.« Der Ritter schüttelte den
Kopf und ging langsam von dannen.
Helmold und Swaantje sahen nach dem Wahrbaume, dessen unheimliche
Zauberrune mit Gold unterlegt war. Dann sprach das Mädchen: »Helmold,
das ist furchtbar, das ist entsetzlich. Ich wollte, ich könnte dir
helfen, aber ich kann es nicht. Selbst wenn das nicht wäre, wovon ich
dir sprach, könnte ich dir nicht helfen. Ich bin sehr unglücklich
darüber, denn du tust mir so unsäglich leid. Und doch bin ich stolz
darauf, sehr stolz, und ich danke dir; du hast mir ein großes Leid
geschenkt, und eine große Freude. Wenn ich dir nur helfen könnte,
liebster Helmold! Aber du weißt es selbst, daß ich das nicht kann.
Nicht wahr?«
Sie sah ihn zum erstenmal wieder an; er nickte ihr mit ernstem Gesichte
zu, bückte sich und küßte ihre Hand, und sie zuckte merkbar zusammen,
denn sie fühlte, daß eine Träne darauf fiel. »Armer Helmold!« flüsterte
sie und sah dahin, wo die riesenhafte Rune stumpf und tot vor dem
rosenroten Himmel stand, während darüber ein Stern aufgehen wollte.
Der Ritter kam wieder herangeschlichen: »Noch ist es Zeit, noch ist es
nicht zu spät!«, raunte er heiser; »greif zu! Eine Stunde wie diese
kommt niemals wieder. Küsse sie! Mein Wort darauf, sie ist dein.«
Helmold sah ihn ungläubig an. Swaantje schauderte zusammen. »Steht
hier irgendwo Irrkraut?« fragte sie und drängte sich ganz dicht an ihn
heran, so dicht, daß ihre Backe an seiner Schulter lag und ihre Lende
seinen Schenkel berührte. »Nun oder nie!« zischte der Mann im Harnische
ihm zu, und Helmold näherte von hinten seine Hand, mit der er sich in
das Moos gestützt hatte, der Schulter des Mädchens; aber da sah sie ihm
ängstlich in die Augen und flüsterte: »Steht hier welches? Ich fürchte
mich!« Er gab ihr die Hand und half ihr auf. »Feigling, Dummkopf!« rief
ihm der Ritter zu und ging laut lachend durch den hohen Adlerfarn, daß
es rauschte.
Der Abendwind warf mit dem dunkelgrünen Geruche des zertretenen Krautes
um sich, und Swaantje schauderte abermals zusammen. »Schrecklich,
wie das Farnkraut riecht! Hast du keine Angst davor?« Er lächelte:
»Nein, ich habe vor nichts Angst!« Er legte ihr das Spitzentuch um die
Schultern, zog die Jacke an und reichte ihr den Arm; ohne Zögern legte
sie ihre Hand hinein und lehnte sich fest an ihn, wie er es liebte. Als
er sich umdrehte, stand der Ritter an einen Baum gelehnt und blickte
ihm höhnisch nach; er sah wie ein hoher, spitzer Wachholderbusch aus.
Krähen flogen über sie hinweg und schrieen sich heiser; schweigend
ruderte ein Reiher dem Flusse zu. Der Himmel sagte einen zweiten
Sonnentag an; hell stand der Liebesstern da.
Lange Zeit sprach Helmold nicht, dann begann er: »Du verstehst doch,
Swaantje, daß ich dir das alles sagen mußte?« Sie nickte ernsthaft.
»Und ich muß es auch Grete sagen.« Sie nickte abermals. »Und obzwar
ich mir dadurch, daß ich dir meine Liebe in dieser Weise offenbarte,
alle und jede Hoffnung genommen habe, ich bin doch froh darüber, daß
ich es tat. Und ich bin froh, daß es so gekommen ist. Ich hatte immer
die Angst, daß ich alt und kalt geworden wäre; wer liebt, ist nicht
alt. Ich weiß, daß ich noch jung bin und ein Herz habe; denn es blutet,
und das danke ich dir. Ich war so hoffnungslos. Grete und ich, wir
haben uns heiß geliebt. Das ist vorbei. Sie ist zu sehr selbsteigene
Persönlichkeit, um in mir aufgehen zu können; alles in ihr wehrt
sich gegen mich. Darum macht sie mir so oft, oder eigentlich immer,
Opposition. Das kann ich nicht vertragen, denn ich bin eine Herrennatur
und will keinen Widerspruch; von meinem Lebensgenossen wenigstens
nicht. Wer mir widerspricht, ist mein Feind. Die Frau aber soll der
beste Freund des Mannes sein. Grete kann mir das nicht sein; mein Wesen
und ihres stammen aus verschiedenen Ländern, meines aus Nord, ihres aus
Süd. Uns trennt eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung. Ihr Wollen
drängt von sich zur Welt; mein Wille geht von dem, was da ist, zu dem,
was ich bin. Sie ist zentrifugal, ich bin zentripetal. Sie lebt; ich
schaffe. Wir haben aneinander keinen Teil.«
Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarre an, und als er bemerkte, daß
das Mädchen totenblaß aussah, strich er ihm sanft über die Backen, gab
ihm den Arm und sprach im Weitergehen: »Trotzdem gehören Grete und ich
zusammen, denn sie liebt mich, und ich liebe sie; und dann haben wir
Kinder. Ich weiß, was du denkst, aber ich sage dir: trennte ich mich
von ihr, und liebtest du mich auch, so wie ich dich liebe, du kämest
dann erst recht nicht zu mir, und solange Grete meine Frau ist, habe
ich auch keine Hoffnung, daß du mein wirst. Das ist mir alles ganz
klar. Zudem: du liebst einen anderen.«
Der Arm des Mädchens zuckte in dem seinigen, und er fühlte, wie sie
sich fester gegen ihn lehnte. »Friert dich?« fragte er. Sie schüttelte
den Kopf, und er fuhr fort: »Wenn der, den du liebst, dich liebte,
und er brächte dir das Glück, dann könnte ich wieder ein froher Mann
sein.« Sie schauderte wiederum zusammen und lehnte sich noch fester an
ihn. »Du frierst doch wohl?« fragte er; »willst du meine Jacke haben?
Ich brauche sie nicht.« Sie wehrte ab und flüsterte, und süßer als je
zuvor, erschien ihm der Tonfall ihrer Worte: »Dann mußt du mich aber
sehr lieb haben, Helmold!« Er antwortete erst nicht, aber dann sprach
er mit ernster Stimme: »Mehr als meine Kunst.«
Der Ritter flüsterte hinter ihm: »Aber Mensch, sie will ja, daß du
sie küssest! Küsse sie! Sie liebt dich und nicht den anderen!« Doch
Helmold, der bemerkt hatte, daß Schauer auf Schauer das Mädchen
schüttelte, blieb stehen, zog seine Jacke aus und befahl: »So; kleine
Mädchen haben zu gehorchen!« und so verstand er nicht, was der Mann im
Harnisch ihm zuraunte. Er half Swaantje, die mit niedergeschlagenen
Augen dastand und beklommen atmete, in die Jacke, und dann sagte er:
»Nun wollen wir etwas schneller gehen«, und eine lustige Weise flötend,
schritt er, das Mädchen am Arm, an dem Ritter vorbei, der schwarz und
gespenstig auf der Haide zurückblieb.
Tief im Walde ließ der Kauz sein blutrotes Lied erschallen; vom Flusse
her heulte ein Dampfer; es klang fast genau so. Der Mond kam hinter den
Kiefern hervorgegangen; sie spannen lange Schatten über den weißen Weg.
Helmold lachte auf: »Hör, Swaantje, die beiden! Was sich liebt, das
neckt sich. Denk dir das Bild: Der Waldkauz balzt den Dampfer an!
Findet er Gehör, so gibt es ulkige Küken: kleine Dampferchen, die auf
die Mausjagd gehen, oder Ulenküken, die nach Steinkohlen piepen. Und
nun reden wir nicht mehr davon!« Er schwenkte ihren Arm auf und ab und
pfiff die Kasatschka.
»H' ach!« fing er dann an; »die möchte ich noch einmal tanzen. Das ist
ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen riecht!
Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und die Mädchen hin- und
herschmeißen, bis sie windelweich sind, aber nicht diese betutige
Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa im Schwange ist. Überhaupt:
Ballschleppe und Tanzen! Das ist schon mehr Fesselballonbetrieb.
Etwas angetrunken muß man auch sein, und die, mit der man tanzt,
muß hinterher zu allem Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In
der Ukranja habe ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz
hellblond; aber sie hatte den Satan im Leibe!«
So prahlte er und erzählte Kasakenschwänke und Witze, die er in der
Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger Ewerführerplatt
und Schnurren in pfälzischer und ostpreußischer, schlesischer und
bayerischer, münsterscher und berliner Mundart, eine immer toller als
die andere, so daß Swaantje mehr als einmal hell auflachen mußte. Er
blieb auch den ganzen Abend lustig und versöhnte Tante Gesina gänzlich
wieder, denn er machte gar keine kecken Witze, sondern blieb völlig in
der guten Weise des Marktfleckens.
Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot. Dann blies
er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell vom Mondlichte
war. Um ihn summte ein neues Lied, erst leise dann laut, bis seine
Lippen die Weise nachsummten: »Am Himmel steht ein goldener Stern
dahinten über dem Walde«. Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz
kühl zog er es in den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand,
weißglühende Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle
blondbärtig und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand
stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die
schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier.