»Vielleicht kommt das daher, weil ich sie gar nicht als Weib liebe«,

dachte er. »Wie aber? Als Bruder, als Vater, als Künstler?« Er seufzte

tief auf und fuhr sich über die Augen. Das ging nun Nacht für Nacht so;

die eine Nacht las er, die andere dachte er. Wenn Grete da wäre? Aber

nein! Liebte er sie noch? Düster sah er in die Falten der Vorhänge. Was

ist Liebe? Zusammenklang, aber kein Nebeneinanderklang. Ebu Zeidun, du

hattest recht, zu singen: ›Und wir brachen den Zweig der Liebe, und

wir rissen seine Blüten herunter.‹ Und Henry Beyle wußte es auch, als

er seiner Schwester schrieb: ›Wenn wirkliche Liebe in der Ehe besteht,

so ist sie ein Feuer, das erlischt, und zwar um so schneller erlischt,

je heller es gelodert hat. Die Natur läßt die Nerven nicht lange in

derselben Spannung, und jeder häufig wiederholte Eindruck wird geringer

und weniger fühlbar.‹ Als er jene Stelle zum ersten Male las, vor

sieben Jahren, hatte er an ihrer Wahrheit gezweifelt; aber es stimmte

schon.

Eine Mücke summte über ihn hin. »Wir drei, wir drei, wir drei«, summte

sie. Ganz deutlich war das zu hören. Eine Totenuhr klopfte: »Wir drei,

wir drei, wir drei«, klopfte sie. Die Turmuhr schlug: »Wir drei, wir

drei, wir drei«, schlug sie. Wieder rief das Käuzchen: »Wir drei,

wir drei, wir drei«, rief es. Die Wildenten schnatterten auf dem

Burggraben: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schnatterten sie. Grete

oder Swaantje? Grete und Swaantje! Rot und grün! Laut und leise! Licht

und Schatten! Heiß und kühl! Komplemente! Das eine ohne das andere

nicht zu denken. Ergänzungen! Hälften! Nein, Drittel, erst ganz, wenn

es hieß: Gretehelmoldswaantje! Swaantjehelmoldgrete! »Wir drei, wir

drei, wir drei!«, klopfte sein Puls, schlug sein Herz, hauchte sein

Atem.

Vor seinen Augen jagten sich seine Bilder und sangen ihm die Lieder,

die er noch nicht kannte. Hier Wode, da Christus, der eine schwarz,

der andere weiß, und dazwischen als Mittelbild des Triptychons die

Hinrichtung der Sachsen, rot in Rot. Christus und Wode sahen sich über

das Bild an; Christus lächelte verlegen, Wode überlegen. Und das Bild

sang: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund!«

Er sang die Weise vor sich hin. Weg war sie, und eine andere kam

angesummt, leise, wie eine Mücke. »Sie sangen ihm von Avalun, gelb

war sein Haar«, klang es. Und da war das Bild: schneeweiße Sandhügel

mit kohlschwarzen Schatten, die Sahara; davor tote Männer, Kabylen,

lang, mit edlen Gesichtern; der eine mit rotem Bart und blauen Augen,

der andere schwarz, Beni Benjamin, der Doktor. Und daneben mit

Zuhältergesichtern, grinsend, wie Mandrills, französische Offiziere,

Dirnen am Arm. Und dann Swaantje vor weißer Haide, und die Haide sang:

»Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie«. Und

noch ein Bild, furchtbar: Mönche vor einem Holzstoße, der brannte, und

in den Flammen Frigges, der Süßen süßes Gesicht. Und eine weinende

Stimme sang: »Dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot.«

Frigge verschwand; Chali sah ihn an, doch sie hatte Gretes Augen,

traurige Augen! Aber nein, Swaantjes Augen waren es, bitterböse Augen.

Am Morgen war ihnen in der Stadt eine junge Frau begegnet; böse hatte

sie nach Swaantje hingesehen, und deren Augen wurden zu Eis. »Kennst

du die?« Swaantje nickte. »Du haßt sie?« Sie zuckte die Achseln. »Ich

glaube.« »Weshalb?« fragte er weiter. Sie hob abermals die Schultern.

»Ich weiß es nicht; ich glaube, sie haßt mich; das fühlt man.

Gesprochen habe ich nie mit ihr.«

Liebe und Haß, was ist das? Die Buddhisten glauben, daß mit dem Tode

die Seele zerreißt, und daß dann die Stücke neue Verbindungen eingehen,

glückliche und unglückliche; daher kommt alle Wonne in die Welt und

alles Weh, alle Liebe, aller Haß, jede Guttat, jede Bluttat. Ein

schöner Gedanke und ein schrecklicher! Swaantje, gib mir das Stück

meiner Seele, das du bekamst, als du geboren wurdest, und wenn du das

nicht kannst, gib dich mir ganz! Kannst du das? Am Ende bist du zum

Teil Mann! Unsinn! Aber nein: denn wenn eine Frau nicht etwas Mann

wäre, wie könnte sie dann Knaben gebären, und wenn ein Mann nicht etwas

vom weiblichen Wesen in sich hätte, wie wäre es ihm wohl möglich,

ein Mädchen zu zeugen? Es gibt keine Grenzen zwischen den Dingen;

sie werden gemacht! Es gibt keine Arten und Gattungen bei Pflanzen

und Tieren; wir denken das System in die Natur hinein! Eine dumme

Eselsbrücke ist das für uns einsichtsloses Pack. Man kann Umrisse

malen, aber wo sind sie in der Natur? Auch die Moral, auch die Gesetze,

sie sind künstliche Konturen. Wer sich in sie hineinbegeben kann, wohl

ihm; jeder kann es nicht.

Der Mond, der hinter den hohen Pappeln herschielte, schüttelte

mitleidig den Kopf, als er alles das mit ansehen mußte, was sein Freund

sich dachte. Er tippte ihm auf die Schulter und flüsterte ihm zu:

»Kerl, komm, wollen uns was erzählen! Kannst ja doch nicht schlafen.«

Listig grinsend setzte er hinzu: »Sie schläft auch nicht.« »Was geht

dich das an, alter Esel?« schnauzte der Maler, aber dann lachte er,

stand auf, holte sich seine Zigarettendose und setzte sich in den einen

Sessel, der in der tiefen Fensternische stand, und der Mond plumpste in

den anderen.

»Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst dich viel

zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl bleiben, das setzt

an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende Weste. »Halt die

Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein Freund an, aber dann fragte

er: »Schläft sie wirklich nicht?« Doch der Mond war beleidigt; er

antwortete nicht, und als Helmold ihm eine Zigarette anbot, dankte er;

er sei nur Russen gewohnt und möge keine Herzogowinas.

Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter

Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner

Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er blies

den Rauch der Zigarette so, daß er dem anderen in die Stubbsnase zog;

der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich nach der Dose aus

Tulasilber, die aufgeklappt auf dem Fensterbörde lag.

Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf, nickte,

sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch kein Gedicht

gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!« Er zeigte nach dem

Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene Vergleich des

Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach köstlich!« Er steckte sich

eine neue Zigarette an: »Du bist sonst sparsam mit Ausrufungszeichen,

Kerl; aber wie du da mit der Pappel die hochpathetische Stelle zu

betonen wußtest, das ist einfach Goethe!«

Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie famos,

daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem denkenden Leser

Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei der Epheustrophe;

erst alles ganz bestimmt und klar, und dann diese geheimnisvolle,

vielsagende, andeutende Dunkelheit.«

Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich. Der

an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens auf

der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser könnte fehlen; er ist

überflüssig, und das Überflüssige ist immer unkünstlerisch, ist das

Unkünstlerischste. Du kannst ja diese Stelle auch leicht streichen.«

Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr

gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch. Er faßte

erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein ärgerliches

Gesicht und griff dann nach der Zigarettendose, indem er sagte: »Du

erlaubst? ich habe meine im Überzieher stecken lassen!« Er zündete sich

eine Zigarette an, ließ den Rauch aus den Lippen in die Nase steigen,

atmete ihn ein, ließ ihn in zwei Ketten winziger Kringel aus den

Mundwinkeln quellen, lächelte seinen Freund schelmisch an und sprach:

»Meinst du, daß der Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte

ein einfaches Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei

bis drei Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden,

daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er sang

halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein Gebet an die

guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche Frau.«

Helmold zog die Augenbrauen hoch: »Das ist mir zu hoch, Kerl; das mußt

du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also du hast den Vergleich mit

einem Handweiser glücklich begriffen?« Der andere nickte. »Handweiser

pflegen zu weisen.« Wieder nickte Helmold. »Na also!« lachte der

andere, und als der Freund ihn dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da

schlug der Maler sich vor die Stirn, denn der blaue Schatten auf der

weißen Wand zeigte nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief.

Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der andere nickte

listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle; was tut

sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut, oder hat sie

wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch! Los, erzähle! Ich tu

auch alles, was du willst. Soll ich dich in Öl malen oder in Pastell?

Halbakt oder ganz? Kniestück oder stehend? Voll oder halbvoll?«

Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem Stümpfchen

der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich, sah den Maler ernst

an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen, jetzt eben. Sie hatte

Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah sehr schön aus. Ich

habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du weißt, ich sehe nicht

mit Menschenblicken«, setzte er schnell hinzu, denn Helmolds Augen

bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei Licht aus; sie ist vor sich

selber keusch.«

Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich kenne alle

Frauen, die da waren, und sämtliche, die da sind. Ich sah noch wenige,

die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei Jahren war noch kein Gedanke

an einen Mann auf ihren Lippen zu sehen, ihre Brüste lebten still für

sich hin, ihre Lenden schliefen, und ihr Schoß wußte nichts von sich

selber. Das ist jetzt manchmal anders.«

Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst weiß ich

stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die Schrift,

kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen, aber dann sah

ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie denkt, es ist so

wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen ist, sehr schwer. Wenn

ein unberührtes Weib eines Mannes liebend gedenkt, wird sie seiner

gleichzeitig als Mutter, Schwester und Braut gedenken. Darum, lieber

Helmold, du weißt, wir haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an

dich.«

Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn in den Sessel

zurück. »Ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber, weiß ich nicht.«

Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es damit?« Der Mond wiegte

den Kopf hin und her: »An den denkt sie auch noch, aber in verblaßter

Weise; an dich denkt sie mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt

immer an dich. Ob aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie

eine Mutter ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht

sagen. Ich weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch

bin, denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist ohne

Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und Geist.

Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit,

und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser gänzliche

Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte Vertiefen in

Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und andere Allotria. Das

ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von Mannestum, die jedes Weib hat,

braucht sie für ihre Bildung, statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück

Künstler, leider! Künstlertum verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit;

das Erzeugen ist euer Vorrecht. Frauen haben etwas anderes zu tun,

vielleicht besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein

Notbehelf für das Leben.«

Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke und

meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück gelebtes

Leben.« Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit; ich muß fort. Und

dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!«

Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten; wie eine

Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk. Vier Jahre waren es

her, daß er mit Swaantje den sterbenden Sternen zusah. Sie hatte ihn

gefragt: »Was hast du dir gewünscht, lieber Helmold?« Er hatte sie

angelacht: »Ich wünsche nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir

gewünscht?« Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu

spät war.«

Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur wüßte, ob

er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond danach zu

fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere? Er prallte vor

dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten nach ihrer Stirne, seine

Finger dachten an ihre Hände; aber scheu gingen sie an ihren Schultern

vorbei und mieden ihre Hüften gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im

Ballkleide gesehen! Niemals war sein Blut wärmer geworden, und sie war

doch so schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich.

Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und mit

dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener schlaflosen

Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag, als er

in den Büchersaal ging, um sich den Angelus Silesius zu suchen, und sie

plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide, das Licht in der Hand, und der

Schatten der Palmblätter mit unverschämten Fingern über ihre Schultern

nach ihren Brüsten wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit

der linken Hand schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich

gegenüberstand. Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen

Augen hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer

Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner Seele

ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch sie waren von

dem Willen überhört worden.

Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug, hatten seine

Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend fraulich sah sie

darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem, locker

gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende Wiese schritt, hatten

seine aktgeschulten Augen sich auf die Melodie ihres Leibes zu besinnen

versucht; bis zu dem Texte hatten sie sich aber nicht hingetraut.

Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug

fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden mußte

er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen.

Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise auf, und

Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen Gewande schoben

sich ihre nackten Füße verstohlen über den Teppich. Sie hielt mit der

einen Hand die Spitzen über ihrer Brust zusammen, die andere hatte

sie vor den Augen liegen, so daß das Morgensonnenlicht warm auf ihrem

gebogenen Arme spielte. Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr

Gesicht über ihn und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben;

mit einem stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda.

Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda mußte er

liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher, kluger,

kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war, mit dem kein einziger

seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt hatte. Wehrlos mußte er

sich der ungeliebten Frau hingeben, machtlos war er in ihren Armen,

ohne Widerstand duldete er ihre langweilige Leidenschaft.

Mit einem Seufzer, aus Lust und Ekel gemischt, fuhr er in die Höhe, sah

wirr um sich, sprang aus dem Bette, warf sein Nachtgewand von sich und

stieg in das Bad. Erst als er fertig angezogen vor dem Spiegel stand,

gelang es ihm, den Zug von Pein fortzuwischen, der um seinen Mund lag.

Aber als er genauer zusah, erblickte er hinter seinem Spiegelbilde

einen anderen Mann, von den Füßen bis zum Kopfe in Eisen gehüllt, der

ihn aus der Visierspalte mit herrischen Augen ansah, und als er sich

die Augen näher anschaute, erkannte er, daß es seine eigenen waren, und

er wunderte sich darüber.

Doch da war das zweite Spiegelbild auch schon verschwunden.

»Nervenüberreizung«, dachte er und ging in das gelbe Zimmer.

Der eiserne Ritter

Die Sonne spielte mit den Stäubchen Kriegen, als er durch das

Treppenhaus ging; sie fiel durch die grünen und roten Fensterrauten

und warf bunte Streifen durch den Raum, die als seltsame Flecke an den

Wänden hängen blieben.

Helmold ging auf dem Läufer; deshalb wunderte er sich, daß seine

Schritte klirrten, als habe er Reitstiefel an. Er drehte sich um, denn

er dachte, der Reitknecht sei hinter ihm; aber als er den Kopf wandte

und sein Blick in den Pfeilerspiegel fiel, sah er den eisernen Ritter

darin stehen und zu ihm herübernicken. »Kaltwasserheilanstalt!«, dachte

er.

Swaantje stand am Fenster, als er in das Frühstückszimmer trat; sie

hatte das gefährliche Kleid an. Als sie ihn anlächelte und ihm die

Hand bot, wurde ihm weh um das Herz, und ein bitterer Geschmack war

in seinem Munde. Er dankte stumm, als sie ihm in ihrer lautlosen Art

die Brotschnitten zurechtmachte und hinreichte, ihm den Tee eingoß

und freundlich sagte: »Nun iß, lieber Helmold, und erzähle mir, was

dir geträumt hat!« Er sah sie so entsetzt an, daß sie erst auflachen

wollte, aber dann neigte sie sich über den Tisch, griff seine Hand

und fragte: »Was hast du für einen traurigen Mund? Wieder schlecht

geschlafen? Du sollst hier nicht an deine Bilder denken; das hast du

mir doch versprochen.«

Ihr Vater und seine Schwester kamen; erleichtert atmete Helmold auf.

Der alte Herr sah die Post durch. Er machte ein böses Gesicht, und

Frau Gese fragte ihn besorgt: »Sind die Kurse wieder gefallen, liebster

Ollig? Ich habe es mir gleich gedacht, denn wir haben nun einmal kein

rechtes Glück; mein Los hat auch wieder eine Niete gehabt. Und denke

dir, Pinke hat sagen lassen, mehr als acht Pfennige gäbe er für die

Eier nicht mehr! Das ist doch wirklich stark. Swaantien, hast du schon

gefragt, wie viele heute da sind?« Das Mädchen nickte. »Und ob das

weiße Perlhuhn noch immer nicht da ist?« Das Mädchen antwortete durch

ein Kopfschütteln. »Vergiß ja nicht, Fenna zu sagen, daß sie nicht

wieder von der besten Butter für die Leuteküche nimmt, und Janna soll

keine Zeitungen mehr zum Feueranmachen nehmen, sondern Reisig. Das

Mädchen bringt mich noch um mit ihrer Verschwendungssucht!«

Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken; die kann

heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem alten Heidengrabe

wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber Helmold?« Er wollte

schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber da sah er in dem Pfeilerspiegel den

Mann im Harnisch stehen und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und

so antwortete er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns

erst recht nicht!«

Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur eurethalben.« Helmold sah

erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran daß sie neben

uns hertappelt und andauernd über die Gefahr stöhnt, der sie ihren

Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre kummervollsten Augen: »Aber,

lieber Helmold, allein solltet ihr beiden nicht so viel ausgehen. Frau

Bergedorf machte neulich schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne

Ritter nickte; seine Augen funkelten höhnisch durch die Visierspalte.

»Bist du der selben Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich,

»so füge ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe

sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren

Mitmenschen zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.«

Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig. Die Muhme

sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold warf leicht hin: »Na,

sie kann sich beruhigen, in zwei, höchstens drei Tagen muß ich fort;

ich habe ein Dutzend Bilder im Leibe. Aber heute und morgen will ich

Swaantje noch für mich haben. Also verschone mich mit Adda, bitte!

Kommst du mit in den Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf.

Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte:

»Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachtereif; kommt sie mir noch

einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden

Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als die der

kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die eine als

Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter schreibe ich: Hätt'

Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam nicht aus Eden zu gehn!«

Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold, die Tante

ist so gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie es noch.«

Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht bekommt;

Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine Muhme, ich habe

dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt, ist ein Ungetüm,

das inkognito reist, ein menschenfressendes, kannibalisches Geschöpf.

Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn geschlagene Male gesagt:

›Swaantien, hast du dies getan? Swaantien, hast du auch daran gedacht?‹

Hätte sie es noch einmal getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe

wäre nicht geraten oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.«

Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du alt,

und sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur von

Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt, daß du

nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester

wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du eine Art von

besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang dabeistehen, wenn

die Renekloden oder irgendein sonstiges besseres Baumgemüse abgenommen

wird, damit die Mägde ja keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für

dich. Der Deuwel soll darein schlagen!«

Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube, die ganz

rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind, ich habe mich

allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet, das sich

sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist, habe gehungert und

verschwendet, beides reichlich; habe geliebt und gehaßt, und nicht zu

knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern an einem Tische gesessen; habe

die ganze Weltgeschichte in mich aufgenommen; alle philosophischen

Systeme durchgekaut; zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt;

mehr Wonne und Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme

sieht von der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze

auf dem Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann ich

freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis für

die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung des

Blumenkohls ab.«

Er holte eine Zigarre heraus. »Du erlaubst, Liebe? mit Dampf geht es

besser. Du hast wegen deiner Neuralgie zehn Ärzte gefragt und zwanzig

Kuren gebraucht. Ich werde dir etwas sagen: ich schlage Muhme Gese

tot, wir beerdigen sie mit Musik, lassen die vorschriftsmäßigen drei

Zähren auf ihr Grab tröpfeln, und ich wette: in vier Wochen bist du

nicht mehr Swaantien, die arme, verwaiste, hülflos betantete Nichte,

sondern Swaantje Swantenius, meine schöne, kluge und stolze Base. Bei

der Sonnenrune und dem heiligen Kreis, meine Geduld hat ein Ende! Ich

bin ja nur ein Schwippvetter, der hier nichts zu sagen hat, aber ich

werde, bevor ich abreise, einen solchen Höllenlärm schlagen, daß Muhme

Gesina drei Tage lang von Angst und Baldriantee lebt und alle ihre

Kommodenschiebladen nach Herzkrämpfen durchkramt. Und wenn sie mir

nicht bei den Manen ihres Mopses verspricht, dich auf zwei Jahre aus

dem Stalle zu lassen, dann erzähle ich es überall, ich hätte abreisen

müssen, weil Frau Gesina Stieghölter geborene Swanteniussen mir

andauernd schmutzige Anträge gemacht hätte.«

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 3 / 20 段