Ihr Vetter sah sie böse an: »Möglich, das heißt, wenn du dieses

zwecklose, unbefriedigte Leben weiter führst. Sieh mal, ich kenne dich

ziemlich gut. Ich habe früher schon Grete aufgehetzt, sie solle Muhme

Gesina so lange zwiebeln, bis sie dich aus dem Käfig läßt. Grete hat

das auch getan; den Erfolg kennst du: es stellte sich glücklich der

so bequeme Herzkrampf ein, und dann sprach die gute Swaantien: ›Nein,

liebstes Tantchen, ich verlasse dich nicht!‹ Deine Muhme in Ehren;

wäre sie nicht gewesen, so könntest du dich vielleicht als Gouvernante

oder Gesellschafterin piesacken lassen; das weiß ich. Aber vielleicht

wäre das besser gewesen; denn was hast du von deinem vielen Gelde? Du

willst deinen Geist betätigen, möchtest schaffen; statt dessen mottet

Muhme Gese deinen Geist ein und zwingt dich, zu murksen. Lauter dumme

Arbeiten sind es, zu denen sie dich antriezt, und da keine davon dein

Denken ausfüllt, zerfetzt sich diese hoffnungslose Neigung völlig.

Daß deine Nervenschmerzen, die dich seit einigen Jahren quälen, einen

anderen Grund haben, als weil du dir einmal beim Schlittschuhlaufen

nasse Beine geholt hast, das ist mir und Grete schon lange klar.«

Er setzte sich in den Vierländer Bauernstuhl, nahm die Laute und begann

die Weise zu klimpern, die er vorhin gesungen hatte. »Sieben Jahre mein

Herz nach dir schrie,« flüsterte es in ihm und dann: »Mensch, weißt du

es denn nicht, daß du sie liebst! daß du sie zum Verrücktwerden liebst!

von dem Tage an liebst, als du sie zum ersten Male sahst, als sie ein

Backfisch und du ein glücklicher Bräutigam warst?« Sein Herz zuckte

zusammen; das war wahr, war wirklich wahr. Er mochte nicht aufsehen

und steckte sich aus Verlegenheit eine neue Zigarette an, denn wenn

er jetzt, in diesem Augenblicke, das Mädchen ansah, dann, das fühlte

er, lag er vor ihr, küßte ihre Hände und bettelte um einen Kuß von den

Lippen, die nach einem anderen Manne seufzten.

Er griff in die Saiten und spielte das frechste von allen Liedern, die

er kannte, und summte dabei halblaut die ersten beiden Verszeilen:

»Auf der Lüneburger Haide ging ich auf und ging ich unter,« und

dann setzte er das Singen durch Flöten fort. Als er in den Spiegel

blickte, erkannte er, daß er tiefe Schatten unter den Augen hatte.

»Swaantje,« rief er und legte die Laute fort; »hier gibt es nur ein

Mittel: eine Tätigkeit für dich, die dir Freude macht. Dieser Kram da

zu Hause, wo du nur die Rolle eines unmaßgeblichen Haushaltsreferendars

spielst und nie eine freie Stunde für dich hast, das ist Gift für

dich. Raus mußt du, auf einen verantwortungsreichen Posten, der dich

müde, aber nicht matt macht, und auf dem du die Hauptperson bist

und nicht bloß ein Tantenschwanz, der alles machen muß, aber nichts

zu sagen hat. Entweder du verabschiedest die Tante, aber dann würde

sie sich natürlich sofort einen ihr gut stehenden Sarg anmessen

lassen, oder du kündigst ihr und ziehst mit lautem Hörnerklang in

die Hinausferne, siehst dir die Welt einmal ohne die Tante an und

siehst zu, daß du eine Arbeit findest, als Krankenschwester, als

Redaktörin, meinetwegen auch als sozialdemokrätzige Agittattersche

oder Frauenbewegungspropagandame. Aber zu Hause sitzen, Strümpfe für

Niggerblagen stricken, Missionspredigten anhören, Traktätchen verteilen

und sonst die Einmacherei überwachen und die Eierproduktion des

Federviehs statistisch aufnehmen und den ganzen Tag die Tante auf den

Hacken zu haben mit ihrer kamigen Liebe, dafür halte ich mir keine so

hübsche Kusine!«

Da lachte Swaantje wieder, stand auf und schüttelte die Falten aus

ihrem Rocke, und wie ein Blitz schlug in Helmold eine Erinnerung ein.

Er war vor Jahren einmal mit ihr Rad gefahren, und zwar an einem Tage,

an dem seine Lippen abscheulich heißhungrig waren, denn er war seit

drei Wochen Strohwitwer und sah, ohne sich viel dabei zu denken, allem

nach, was Röcke trug und jung und hübsch war. Als er so mit Swaantje

dahinradelte und ihr allerlei dumme Witze zuwarf, paßte sie nicht auf,

fuhr gegen einen Stein und kippte um. Er sprang sofort ab, aber ehe er

bei ihr war, stand sie schon wieder auf den Füßen, lachte, faßte ihren

Rock und schüttelte ihn in der Aufregung so gehörig, daß er in die Höhe

flog und er ihre Hosen bis oben hin sah. Nun konnte er alles vertragen,

bloß keine weißen Mädchenhosen; aber das einzige Gefühl, das er damals

gehabt hatte, war: »Wenn sie es bloß nicht gemerkt hat, daß ich es

gesehen habe!«

Jetzt, wo sie mit der selben Bewegung, wie an jenem Maienmorgen,

ihre Röcke schüttelte, brannte ihn eine nesselnde Vorstellung. Ihm,

das wußte er, konnte sie nie gehören, und er wünschte ihr alles

Gute, und dazu gehört für ein Weib ein Mann; aber der Gedanke, daß

ein Mann einmal so vertraut mit ihr stehen würde, daß er sie in den

verschwiegensten Hüllen sehen durfte, diese Vorstellung flog ihm wie

Schwefeldampf in den Hals und klemmte ihm die Lunge zusammen. Doch

sobald er das Mädchen wieder ansah, wurde ihm leichter zumute, und

während er sie in das Wohnhaus geleitete, fielen ihm schon wieder ein

paar Schnurren ein, und lachend kam er mit ihr in das Wohnzimmer.

Sie gingen alle früh zu Bett, und er schlief auch bald ein; aber am

anderen Morgen sah er so wenig frisch aus, denn er hatte fast die ganze

Nacht die quersten Sachen geträumt, daß seine Frau ihn fragte, ob er

nicht wohl wäre.

Da erzählte er ihr von Swaantjes tauber Liebe zu Professor Groenewold,

und Grete, die den Mann kannte, meinte ernst: »Das ist eine ganz

dumme Geschichte; nun wollen wir doppelt so lieb zu ihr sein und sie

möglichst lange hier behalten.« Sie wunderte sich weiter nicht, daß

ihr Mann nicht mehr sang und pfiff, wenn er malte, und nicht mehr so

frisch und fröhlich aussah, außer wenn das Mädchen zugegen war, und

dann dachte sie: »Er nimmt sich ihr Schicksal sehr zu Herzen.« Deshalb

schickte sie die beiden möglichst oft allein aus und freute sich, wenn

sie mit blanken Augen und roten Backen zurückkamen, und sie machte sich

weiter keine Sorgen darüber, daß Helmold, wenn er im Garten bei den

Blumen beschäftigt war, meist einen trüben Zug um den Mund hatte.

Sie war nicht eifersüchtig veranlagt, hatte viel gelesen und scharf

beobachtet. Nachdem ihre beiderseitige Liebe nicht mehr so toll

schäumte, sondern ruhig weiterperlte, hätte sie ihrem Manne eine

kleine Grenzverletzung nicht weiter nachgetragen, wenigstens wäre ihr

das lieber gewesen, als wenn er sich mit einer unglücklichen Neigung

herumgeschleppt hätte. In einer rosenroten Stunde hatte sie einst

seinen Kopf an die Brust gezogen und ihm gesagt: »Du, ich glaube, den

meisten Männerchen fällt es sehr schwer, ihren Weiberchen treu zu

bleiben. Wenn es dir einmal so geht, und du richtest weiter kein Unheil

an, tu', was du willst, nur wissen möchte ich es nicht.« Da hatte er

hellauf gelacht und gesagt: »Bist du aber gemein! Damit hast du mir den

ganzen Ulk verdorben; denn wenn ich tun darf, was ich will, dann ist

das Beste davon weg.«

In den drei Jahren, da sie beide mit vielen Sorgen kämpften, und er

noch obendrein in der ihm gar nicht liegenden Stellung als Lehrer an

der Kunstgewerbeschule reichlich Ärger und Verdruß gehabt hatte, hatten

sie ein Dienstmädchen gehabt, ein bildhübsches Menschenkind, das ihnen

mit seinem Lächeln ein wahres Labsal gewesen war. Als sie den Dienst

verließ, um zu heiraten, seufzte Frau Hagenrieder lang und breit hinter

ihr her; ihr Mann aber sagte: »Du hast am allerwenigsten Ursache, so zu

seufzen. Danke Gott, daß sie fort ist; denn wenn sie noch lange hier

gewesen wäre, wahrhaftig, ich hätte es nicht ausgehalten: ich hätte sie

in den Arm nehmen und küssen müssen.« Seine Frau hatte ganz trocken

geantwortet: »Das hätte ich dir weiter gar nicht übel genommen, und ich

wundere mich bloß, daß du es nicht getan hast; denn du bist doch sonst

nicht so.« Aber Helmold schüttelte den Kopf: »Erstens war sie verlobt,

und zweitens mochte ich sie viel zu gern leiden, um sie in Verwirrung

zu bringen. Aber offen gestanden, einen Kuß hätte ich als Andenken ganz

gern behalten.«

Von Swaantje bekam er auch keinen Kuß zum Andenken. Früher hatte er

ihr immer einen gegeben, wenn sie kam oder ging. Dieses Mal war er

dazu nicht imstande und küßte ihr noch nicht einmal die Hand, als

sie in ihr Abteil stieg. Am Abend vorher hatte seine Frau nämlich

etwas gesagt, das ihm wie ein Dachziegel auf den Kopf gefallen war.

Er hatte sich alle Mühe gegeben, recht lustig zu sein, und wenn ihm

auch gar nicht so zumute war, so gelang es ihm doch; es wurde ein so

vergnügter Abend, daß seine Frau seufzend sagte: »Es ist ein Jammer,

Swaantje, daß du morgen abreisen mußt; wie schön wäre es, wenn du

immer bei uns bliebest. Helmold kann ganz gut zwei Frauen brauchen,

und du paßt eigentlich besser zu ihm, als ich. Außerdem habe ich mit

dem Haushalte und mit den Kindern so viel zu tun, daß ich mich um den

armen Mann so gut wie gar nicht kümmern kann. Überlege dir das einmal,

Swaantje! Ich bin dann seine Sonnenfrau, die für den Leib sorgt, und

du das Mondweiberchen, das seine Seele bescheint.« Das Mädchen hatte

gelacht und gesagt: »Wenn alle Stränge reißen, werde ich von deiner

freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen!« Als aber Grete lachend fragte:

»Und du, Helmold, wie denkst da darüber?« da ging er nach der Türe und

ließ den Hund herein, obgleich der noch gar nicht gekratzt hatte.

In der Nacht aber tat er kein Auge zu und sah am Morgen grün aus. »Sieh

bloß, Swaantje, wie er sich grämt, daß du uns verläßt!« sagte Grete

beim Frühstück. Das Mädchen wollte ihn ansehen, aber er sagte, ohne

aufzusehen, denn er strich sich gerade ein Brötchen: »Ich freue mich

auf das Wiedersehen; Swaantje will uns ja bald wieder besuchen.« Die

nickte. »Ja, aber erst, wenn du bei uns gewesen bist. Nicht wahr, du

kommst recht bald, lieber Helmold?«

Das versprach er ihr; aber ein halbes Jahr verging, bis er sein Wort

einlöste. Zu seiner Frau, die ihn oft genug quälte, hinzureisen, denn

er gefiel ihr von Woche zu Woche weniger, sagte er, seine Pläne hielten

ihn an beiden Händen fest. Das schien auch so; denn er arbeitete wie

verrückt darauf los, und wenn er kaum über den Anfang bei einem Gemälde

hinaus war, dann redete er schon von einer anderen Vorstellung, die

er unter dem Herzen trüge, und seine Frau mußte ihm recht geben, wenn

er sagte: »Du kennst mich ja! Ich würde doch keine Ruhe haben. Mich

langweilt vorläufig alles, außer der Arbeit. Das kommt, weil ich mich

jetzt endlich als Meister fühle. Stoff und Farbe gehorchen auf den

Pfiff. Zudem fange ich an, berühmt zu werden, und ich muß das Publikum

schmieden, solange es warm ist. Ich werde fünfundvierzig Jahre alt, und

diese Jahre sind meine besten. Aber, du hast recht; ich habe zu viel

getan. Sobald dieses Bild fertig ist, schnüre ich meinen Wanderstab und

fahre los.«

Doch als er soweit war, bekam er einen Auftrag von dem Prinzen, der

endlich zu seiner größten Freude das Stapelienbild bekommen hatte,

das sein Freund ihm früher nicht verkaufen wollte. Als der Prinz ihm

den Gutschein gab, lachte Helmold und sagte: »Danke! Übrigens neulich

wollte ich es dir beinahe schenken, lieber Brüne. Leider kann ich mir

solche Scherze nicht leisten.« Der Prinz, der seine Augen nicht von dem

Bild losbrechen konnte, meinte: »Geschenkt hätte ich es nicht genommen,

und wenn ich armes Tier mehr Geld hätte, würde ich dafür bezahlen, was

es wert ist. Aber warum magst du es eigentlich nicht mehr?« Der Maler

sah das Bild böse an: »Weiß ich selber nicht; bin die Person leid

geworden! Liegt mir zu offenbarungseidmäßig da. Sieh dich übrigens mit

ihr etwas vor; sie hat den bösen Blick.«

Als Gegengift bestellte der Prinz dann ein Gegenstück dazu. Der Maler

sagte: »Pendants sind eigentlich Blödsinn, aber mir fällt zufällig eins

ein.« Vier Wochen darauf hatte der Prinz das Bild, und da gerade eine

alte Muhme ihm eine gehäufte Million und ein Gut hinterlassen hatte,

gab er Helmold zwanzig statt der vereinbarten zehn Tausendmarkscheine.

Das neue Bild zeigte in der selben Lage, aber als Spiegelbild, und in

einem ähnlichen, nur in den Einzelheiten anders gehaltenen Rahmen, ein

Mädchen, dessen Augen alle Süßigkeit, die vom Weibe kommt, ausdrücken.

Hier war nur der Leib gemalt und einiges an den Lilien und Rosen, die

den Hintergrund bildeten; die Landschaft als solche aber war aus dem

Holze herausgespart. Helmold fiel, als er das Bild malte, das ein, was

er zu Swaantje über das Aussparen des Aktes der Chali gesagt hatte, und

als er den letzten Pinselstrich tat, sagte er vor sich hin: »Die Liebe

ist alles; das andere ist nichts.«

Dann trat er vor den Spiegel und sah sich an. Grete hatte recht; er

sah elend aus und hatte unruhige Augen. Er hatte zu viel gearbeitet,

hatte gar keine Erholung gehabt als höchstens eine Abendstunde, wenn er

mit den Kindern spielte. Das taube Herumlaufen hatte er immer gehaßt,

und die Jagd reizte ihn augenblicklich nicht. Dazu aß er nicht genug,

schlief vor drei Uhr nicht ein, rauchte viel zu viel, konnte keine

Flasche Wein mehr vertragen; es war Zeit, daß er Schluß machte.

Der Arzt hatte ihm geraten, eine Kuranstalt aufzusuchen, aber dazu

hatte er keine Lust. »Geh zu Swaantje!« riet ihm seine Frau, »die

bügelt dich wieder auf!« Aber das mochte er auch nicht; denn er sagte,

die Muhme fiele ihm auf die Nerven. Er fuhr in die Alpen, kam aber

bald zurück: »Die aufgedonnerte Landschaft mit ihrer Eiskonditorei und

ihrer Fastnachtsstaffage macht mir Nesselfieber!« Er ging an die See

und war nach acht Tagen wieder da: »Tortenbacken aus Sand, dazu bin ich

denn doch schon zu ausgewachsen. Und dann das ewige Geschmatze von dem

Meere! Ehe es sich keine besseren Tischmanieren angewöhnt, lasse ich da

nicht mehr arbeiten!«

Da schrieb Ohm Ollig, daß es mit Swaantje gar nicht gut stände; sie

schliefe keine Nacht vor Schmerzen, sähe wie ein Kellertrieb aus

und mache ihm wirklich Sorgen. »Fahr hin, und muntere sie auf!«

sagte Frau Grete, und wenn es auch drei Tage dauerte, ehe er so weit

war, schließlich fuhr er doch los. »Daß du sie mir aber mitbringst,

Helmold,« rief ihm seine Frau noch nach, als er auf der Treppe war; »es

ist doch niemals schöner bei uns, als wenn wir drei zusammen sind.«

Er hätte nicht sagen können, was für Fahrtgesellschaft er gehabt hatte;

er sah auch kaum die Landschaft, die er sonst immer zur Unterhaltung

mitnahm. Er hörte nur, daß die Wagenräder fortwährend nach einer und

der selben Weise seiner Frau die Worte nachsangen: »Wir drei, wir drei,

und wir drei und wir drei,« und als er sich besann, fand er heraus, daß

es eine Singweise von ihm selber war, die nämliche, die er gefunden

hatte, als er Swaantje vor der weißen Haide malte, das Lied von Rose

Marie, zu dem ihm noch folgende Strophe eingefallen war: »Jedwede

Nacht, jedwede Nacht, hat mir im Traume dein Mund zugelacht; kam dann

der Tag, kam dann der Tag, wieder alleine ich lag.«

Er wollte etwas anderes denken, aber er konnte die Melodie nicht

abschütteln, solange er in der Eisenbahn saß. Als er dann in dem

Jagdwagen nach Swaanhof fuhr, rasselten auch die Räder des Wagens in

dem Takte des Liedes.

Der Mond aber stand hinter den hohen Pappeln und grinste.

Der Vollmond

Von allen Freunden, die Helmold hatte, war der Mond der älteste; ob

es sein bester war, das erschien ihm freilich fraglich, als er in dem

großen Himmelbette lag.

Treu und anhänglich war er zwar, aber er hatte die dumme Angewohnheit,

immer dann zu kommen, wenn es Helmold am wenigsten paßte. Jetzt zum

Beispiel hätte er gern geschlafen, um die Gedanken loszuwerden, die

ihn fortwährend bissen; doch es ging nicht. Schon dreimal war er

aufgestanden und hatte in den Park gesehen, der taghell vom Mondlichte

war, und immer hatte er sich wieder hingelegt und den Versuch gemacht

einzuschlafen. Schließlich gab er es auf; er lag mit offenen Augen da.

Der Rücken tat ihm weh, sein Herz ging bald laut, bald leise, eben war

ihm die Steppdecke zu schwer, dann wieder zu leicht. Und dann war diese

aufdringliche Erinnerung da mit ihrem abgegriffenen Bilderbuche.

»Helmke, schläfst du noch nicht?« fragte ihn seine Mutter. Er sah sie

vor sich mit ihren sanften Augen und vernahm ihre warme Stimme. Und er

hörte, wie er ihr entgegenquiekte: »Ach, Muttchen, der Mond und ich,

wir haben eben so prachtvoll zusammen gespielt.« Ja, der Vollmond,

der war an vielem schuld gewesen, auch daran, daß Harmtien Hilgenberg

auf einmal zu ihrer Muhme auf das Land mußte. Helmold lächelte.

Harmtien Hilgenberg! Wenn die Mädchen Wadenmessen spielten, war sie

immer die Beste gewesen. Als sie dann einmal im Kirschbaum saß mit

ihren weißen Strümpfen und ihren weißen Hosen, damit fing es an. Und

dann der Wassergang und der Schloßwall! Ach ja! Schön war es doch

gewesen, trotzdem es eine Kinderei war! Na, und schließlich kam der

alte Hilgenberg dahinter, und es gab einen großen Krach. Beinahe wäre

Helmold von der Lateinschule gejagt, und bei allen Müttern in der Stadt

galt er als ganz verdorbener Junge. Er lächelte. Dafür galt er bei den

Töchtern als gefährlicher Mensch, und das schadete ihm wenig.

Er seufzte. Das Bild an der Wand, das Swaantjes Mutter darstellte,

sah ihn freundlich an. Ob das Mädchen auch wohl wachte? Sie hatte

den ganzen Tag nicht gut ausgesehen; auch sie litt unter der

Zudringlichkeit des Mondes. Ob er ihr auch Dinge erzählte, an die

man sonst nicht denkt? »Kerl,« hatte der Mond oft zu Helmold gesagt,

»Kerl, weißt du, wie dein Leben sein müßte: ein Gedicht von rot in Rot;

rote Küsse auf rotem Blut! Die weite Haide, Kerl, ein blitzblanker

Rappe zwischen den Beinen, den Bogen auf dem Rücken, den Köcher an

der Seite, und in der Hand das Schwert, das mit dem damaszenischen

Stichblatt, Kerl! Und dann, Kerl, hinter dir tausend Kerle, so wie du,

Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen, Kerl, und dann der Feind!

Kerl, nichts sieht doch feiner aus, als rotes Blut auf einer mit Gold

ausgelegten Klinge! Und dann, Kerl, wenn die Wölfe sich um Männerköpfe

anknurren, Kerl, und du dich gebadet und umgezogen hast, dann Kerl,

das Haus am Berge, das weiße, du weißt doch, unter den Eichen, und die

beiden schönen Frauen, die dir entgegenwinken, Kerl, und dir geben, was

du haben mußt, laute und leise Küsse, und heiße und kühle, so viel du

willst. Was hältst du davon, Kerl?«

Helmold warf sich auf die andere Seite. Albernheit! Aber schön wäre es

doch. Damals, in München, hatte er jeden Tag zweierlei Küsse bekommen,

laute und leise, heiße und kühle. Wie Swaantje wohl küßte? Sicher

leise und kühl. Er schüttelte den Kopf und wischte sich die Lippen ab.

Würde sie ihn wohl küssen mögen, wenn sie wüßte? Die kleine sanfte

Schneiderin, was war sie weiblich. Miezi hieß sie. Und das dicke

heftige Tresl! Er wäre verhungert, hätte er die damals nicht gehabt.

Sie hatte sich ihm aufgedrängt, und er hatte sich ihre heißen Küsse

und ihre heißen Bockwürste gefallen lassen. Die Akademie hatte ihm

den ehrenvollen Abschied gegeben, Schneeschüppen brachte nicht sehr

viel ein, der Vormund schickte ihm kein Geld; eine schöne Patsche war

es, in der er saß. Keine Wohnung und ein Hunger, ein Hunger! Kalte

Pellkartoffeln hatte er einmal mit Wonne gegessen, zweiundzwanzig

Stück, und amerikanisches Schmalz dazu. Wenn er gewollt hätte, konnte

er damals Selchermeister werden, denn das Tresl hätte ihren Vater

dazu herumgekriegt. Beinahe war er schon so mürbe, aber da traf ihn

der Mond im englischen Garten: »Kerl, du wirst doch nicht? Bist wohl

verrückt, Kerl! Würstemachen? Ja, wenn es in der Haide wäre! Aber hier,

das hältst du nicht aus auf die Dauer. Komm mit, Kerl, ich will in die

Haide!«

Helmold trat die Steppdecke von sich, aber dann zog er sie wieder über

sich und streichelte sie; Swaantje hatte die Spitzenkante gehäkelt.

Swaantje! Er sprach den Namen leise vor sich hin. »Du hast dich

eigentlich noch so gut wie gar nicht erholt, lieber Vetter!«, hatte sie

ihm gesagt; »du mußt hier nicht an deine Bilder denken!« Verächtlich

verzog er den Mund. Seine Bilder! Die quälten ihn nicht. Ein Dutzend

hatte er im Kopfe fertig, ein ganzes Dutzend, in diesen vier Wochen,

seitdem er auf Swaanhof war. Und was für Bilder! Schulze in Firma

Schulze und Schultze würde sich alle seine zehn klebrigen Finger

danach lecken. Sechsmal hatte er ihm schon geschrieben und gefragt,

ob er nicht das nächste Bild haben könnte. Früher war das anders;

da mußte Helmold im Vorzimmer warten, bis ihm der Magen knurrte, und

nachher hieß es: »Herr Schulze ist leider abgerufen!« Jetzt konnte er

Herrn Schulze warten lassen, und der nahm es ihm nicht übel. »Ich habe

Zeit, verehrter Meister!« grinste er. Und Hennig Hennecke sagte ganz

ernst: »Malermeister, Herr Schulze, Malermeister!« Und Schulze lächelte

schlagsahnig: »Ein Witzbold, der Herr Redaktör, ein geistreicher Kopf!«

Ja, daß er und Hennig Freunde wurden, das hatte er auch wieder

dem Monde zu verdanken. Eigentlich war es zu dumm. Auf der großen

Frühjahrskitschausstellung hatte die Jury endlich ein Bild von ihm

angenommen und in die Ecke gehängt, wo das Tageslicht seine blendendste

Negativität entwickelte. Hennecke hatte sein Verzeichnis dort liegen

lassen und es abends geholt, und dabei hatte ihm der Vollmond

Hagenrieders Bild gezeigt. »Die Nebelfrauen« hieß es, aber der Mond

hatte Leberwürste aus den Elfen gemacht, und Hennecke hatte in seinem

Berichte also geschrieben. Helmold lachte. Wo er hinkam, hielt man ihm

die Zeitung unter die Nase. Fuchsteufelswild hatte er Hennecke auf eine

Postkarte gemalt, wie der abends über eine Moorwiese lief und sich vor

lauter gespenstigen Leberwürsten ängstigte, die ihre Mostricharme nach

ihm ausstreckten, und die hatte er ihm geschickt.

Am anderen Tage klingelte es: »Sind Sie Hagenrieder? Ich heiße

Hennecke! Wo pflegen Sie sich zu betrinken?« Nach einer Stunde waren

sie ebenso angeheitert wie angefreundet.

Ach ja! Wer so sein könnte, wie dieser Mann! So ruhig, so bäurisch, so

zielbewußt. Er hatte ihm das einmal gesagt. Hennig hatte gelacht, ein

Buch aus dem Schranke gelangt, eine Stelle aufgeschlagen und gelesen:

»Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.«

Dann hatte er gesagt: »Also sprach der Korse. Merke es dir, du Dussel,

und sei froh, daß du nicht diese verflucht übersichtliche Begabung

hast, wie ich. Konjak oder Schartrös?«

Helmold langte nach der Wasserflasche. In seinem Wohnzimmer hatte er

Konjak. Aber er wollte nicht trinken; nun gerade nicht. Jedesmal, wenn

er nicht hatte Maß halten können, war es bei Vollmond gewesen. Auch

damals, als ihm das Leben auf der Kunstgewerbeschule den Atem nahm. Der

Direktor, dieser Professor Römer, er meinte es ja gut, als er ihm eine

Schwungfeder nach der anderen auszog. Und dann kam der bewußte Abend.

»Nun noch die Schwanzfedern, dann der Professortitel und dann bin ich

so weit,« hatte Helmold gedacht und sich derartig unter Sekt gesetzt,

daß er drei Tage schwänzen mußte.

Er lachte, denn das Gesicht des Direktors war zu niedlich gewesen,

als der ihn gefragt hatte, warum er weggeblieben war, und die Antwort

bekam: »Ich hatte zu viel Sekt getrunken!« Na ja, und dann gab es

Krach, und es war Schluß. Grete hatte erst ein langes Gesicht gemacht,

sich aber bald sehr tapfer benommen. Tüchtiges Mädel! Schade nur, daß

sie ihn so gar nicht verstand. Oder vielmehr, daß sie zu sehr auf sich

gestellt war. Da war Swaantje anders. Die lehnte sich mehr an, gab sich

mehr hin, war weniger Mensch für sich, mehr Weib.

Der Goldrahmen an der Wand blitzte. Im Garten rief das Käuzchen.

Mehr Weib? Vielleicht schien das nur so. Wenn sie an einem anderen

Platze stände, würde sie vielleicht weniger weiblich-hülflos wirken;

körperlich wenigstens, oder vielmehr: leiblich.

Helmold nahm sein Tuch und trocknete sich die Stirne und die Brust.

Er sah sie neben sich, den Kopf auf seinem Arme, und er nahm sie und

küßte sie auf die Hände und den Mund und langte nach den Spitzen unter

ihrem Kinn; aber da war sie verschwunden. Er lachte bitter. So ging es

ihm immer; Hände und Mund, mehr bekam er von ihr nie, auch in Gedanken

nicht, und im Traume schon gar nicht. Seine Stirne bezog sich, seine

Augen stachen nach dem Bilde ihrer Mutter hin. »Wenn ein Mensch einen

anderen liebt, müßte er es doch merken«, hatte Swaantje neulich gesagt.

Professor Groenewold merkte es nicht, und Swaantje auch nicht.

Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte · 第 2 / 20 段