Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
ist _so ausgezeichnet_.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
[Illustration]
Hermann Löns
[Illustration]
Das zweite Gesicht
Eine Liebesgeschichte
Sechzehntes bis dreiundzwanzigstes Tausend
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1917
Vorspuk
Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind
angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie
niesen mußte, und davon wachte sie auf.
Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre Röcke
zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eine
Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung sei und ob die
Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf die strammen Lenden,
wiegte den Kopf hin und her, lächelte, summte eine frische Weise vor
sich hin und tanzte los.
Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote
Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebänder an der
goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem
dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz
sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen:
die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strümpfe mit
den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch
gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße
Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte,
sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den
strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang ein Ende
weiter.
So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da; aber
sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie
schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, wupps
war sie wieder fort, und die Flammen machten lange Hälse hinter ihr her.
Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb
stehen, daß das weiße Hemd über der runden Brust auf- und abging,
hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom
Wollgrase war.
Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen
Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war
ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne im grünen
Rocke, der ein Schießgewehr auf dem Rücken trug, an dem Rucksacke drei
Birkhähne hängen hatte, und mit dem Springstocke über die Gräben und
Abstiche hinwegsetzte.
»Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »das ist aber ein
glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade paßlich.« Sie ging
schneller, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hände
um den Mund und rief: »He, du!«, aber der Jäger hörte sie nicht. Sie
versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Glück.
So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und
schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann, als sie schon
ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und nach ihr hinsah. Sie
winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, mit wem er es zu tun hatte,
setzte den Springstock ein und machte, daß er weiter kam.
»Du Flegel!« schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter ihm her, so
daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm immer dichter auf
die Hacken. Als es gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten
Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich so tief, daß
ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte
Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war.
Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling und
den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der
anderen Seite hin über das schwelende Haidkraut, den glimmenden Torf,
an den knisternden Wachholderbüschen und den lichterloh brennenden
Krüppelkiefern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein
Rauch und eine Glut war. Einmal blieb er stehen, verpustete sich und
zog ein Büschel Torfmoos aus, das er aus einem Graben riß; aber da
sah er auch schon das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die
gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin,
wo der Bach an den Wiesen vorbeilief.
Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume
angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen, hängte die
Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf sich in das Gras,
lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete tief, dahin sehend, wo
die Brennhexe stand und ihm mit der Faust drohte, während um sie her
allerhand schwarze und graue Gesichter nach ihm hinglotzten, ihm
Fratzen schnitten, Ruß nach ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und
ihm ihre roten Zungen ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen
eine lange Nase, steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter
den Dampf entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend.
Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe
war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das ausgebrannte
Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen stolzen Schritt; ihr
aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen hatten einen zärtlichen
Glanz, und ihre Hände waren weiß und sehr klein. Sie nahm damit an
beiden Seiten ihr Kleid auf; das war von weißem Wollstoffe und so lose
geschnitten, daß es schöne Falten warf; der Halsausschnitt und die
halblangen, weiten Ärmel waren mit einer goldenen Borde besetzt.
Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und blickte ihn mit
freundlichen Augen an; die kamen ihm erst schwarz vor, dann meinte er,
sie wären braun, und schließlich sah er, daß sie blau waren, blau mit
goldenen Blumen darin. Da erkannte er das Mädchen, nickte ihm zu und
rief: »Swaantje, wie kommst du denn hierher?«
Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war und geträumt
hatte; aber er war über den Traum so erschrocken, daß ihm das Herz
bis in den Hals hinein schlug. Er stand auf, warf die Büchse über
den Rücken, stellte den Springstock in den Busch und sah sich nach
seinem Hute um, bis ihm einfiel, daß der ihm vom Kopfe geflogen war,
als er vor der Brennhexe fortlaufen mußte. Er lachte und ging langsam
dem Walde zu, in dem der wilde Täuber ihn bedauerte: »O du, du, du!«
rief er; aber der Häher lachte den Jäger aus, weil er so schwarz und
schmierig im Gesichte aussah und nichts davon wußte; er flog vor ihm
her und schrie in einem fort: »Ätsch, ätsch, ätsch!« Doch als der Jäger
ihm drohte und zum Spaß nach der Flinte griff, kreischte der bunte
Vogel laut auf: »Nein, nein!« schrie er und flog schnell in den tiefen
Wald hinein.
»Du lieber Himmel, Herr Hagenrieder«, rief die Wirtin vom Blauen Himmel
und schlug die Hände zusammen; »wie sehen Sie denn aus!« Als der Jäger
ein dummes Gesicht machte, drehte sie ihn an der Schulter um, daß er
in den Spiegel sehen mußte, und da lachte er, denn er war schwarz und
grau gestreift von Ruß und Schweiß. Die Wirtin hatte die Hände auf die
Hüften gestemmt und lachte, daß ihre Zähne blitzten.
»Auch noch auslachen!« rief der Jäger, faßte sie um und küßte sie so
lange, bis sie ebenso aussah, wie er, und ihn halb böse, halb verliebt
ansah; er aber lachte und sagte: »So, nun haben Sie nichts mehr vor
mir voraus, und jetzt muß ich für drei Taler Waschwasser und drei
Handtücher auf mein Zimmer haben, und wenn ich wieder herunterkomme,
ordentlich etwas zu essen und zu trinken, denn die Brennhexe hat mich
über das ganze Moor gejagt.« Da wurde die Frau ganz blaß und sagte:
»Und ich dachte, Sie hätten bloß ein bißchen beim Löschen geholfen.«
Er stieg die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer, legte sein Zeug
ab, wusch sich von oben bis unten und zog einen städtischen Anzug
an. Als er vor dem Spiegel stand, die Halsbinde zur Schleife band
und die gleichfarbige Schärpe um den Leib knüpfte, mußte er wieder
an Swaantje denken. Er hatte sie einmal zu einem Ausfluge abgeholt,
und weil es sehr heiß war, kam er in weißer Bluse und mit gegürteten
Lenden, die Jacke auf dem Arme. »Reizend siehst du aus, Vetter Helmold,
ganz reizend«, hatte das Mädchen ausgerufen und vor Vergnügen in die
Hände geklatscht; »ich finde, Westen sind scheußlich, und warum die
Männer selbst bei dieser Hitze dreifaches Zeug anhaben, das verstehe
ich nicht. Und sieh bloß, wir sind ja ganz auf eine Melodie gestimmt:
beide in Weiß und Weinrot! Hast du dich vielleicht vorher bei Fride
erkundigt, was ich anziehen wollte?«
In der Eisenbahn saß ihm ein junges Mädchen gegenüber. Es war sehr
hübsch; aber da es eine bräunliche Hautfarbe, dunkle Augen und
schwarzes Haar hatte, so machte er sich aus den anerkennenden Blicken
nichts, mit denen es ihn musterte. Ab und zu, wenn er aus dem Fenster
sah, mußte er mit den Augen über es hingehen, und dann fiel es ihm
auf, welchen Gegensatz zu Swaantje es darstellte, mit den zackigen
Bewegungen, dem grellen Augenaufschlag, den rastlosen Händen, der
wirbelnden Stimme und dem klirrenden Lachen, denn es unterhielt sich
eifrig mit einem alten Herrn, in dessen Begleitung es fuhr.
Da hörte er Swaantjes milde Stimme und vernahm ihr weiches Lachen,
sah ihre abgemessenen Bewegungen und dachte an ihre kleinen, fast
zu kleinen Hände, die niemals hin- und hersprangen, sondern still
auf ihrem Schoße lagen oder bedächtig die Nadel führten, und ab und
zu schlug sie langsam die Augen auf und sah ihn mit schwesterlicher
Zärtlichkeit an. »Ich habe sie lange nicht mehr gesehen« dachte er.
Als er sein Haus aufschloß, fuhren ihm seine Hunde winselnd und
kläffend um die Beine, und eine lustige Frauenstimme rief: »Schon da?
Das ist ja prächtig!« Seine Frau kam ihm entgegen, frisch und fröhlich
wie immer; sie hielt ihm den lachenden Mund hin, und er küßte ihn
dreimal.
Sodann fragte sie ihn: »Wir haben Besuch; rate einmal, wer es ist?«
Er lachte: »Du weißt doch, Grete, der Verstand ist zum Glück meine
schwache Seite!« Aber da tat sich die Tür zum Eßzimmer auf und Swaantje
Swantenius stand vor ihm, genau so, wie er sie im Traume gesehen hatte,
in dem weißen losen Wollkleide mit der goldenen Borde am Halse und
unter den Ellenbeugen, goldene Blumen in den blauen Augen. Sie gab ihm
die Hand und sagte: »Willkommen, lieber Helmold! Wie schön, daß du so
früh kommst; da wird uns das Essen gleich dreimal so gut munden.«
Seine Augen freuten sich, als er sie so dastehen sah, und sein Herz
lachte, als er ihre Stimme hörte. Er nahm seine Frau in den rechten
Arm und ihre Base in den linken und sagte: »Das ist hübsch von dir,
Swaantje, daß du einmal wieder hergefunden hast; dafür bekommst du auch
ein Glas Sekt. Nicht wahr, Weibchen?«
Seine Frau nickte eifrig: »Natürlich, wenn eine so liebe Kusine da ist!«
»Kußine«, scherzte ihr Mann und gab erst seiner Frau und dann Swaantje
einen Kuß auf die Backe.
Die Sektflasche
Als die alte Kastenuhr auf dem Vorplatze zwölf Male geschlagen hatte,
kam etwas über die Straße getaumelt, wankte bald auf dem Fahrdamm,
bald auf dem Bürgersteige umher, rannte fast den Laternenpfahl um,
der vor Helmold Hagenrieders Hause stand, schob sich an der Mauer
entlang, kehrte nach einer Weile um, sah nach den Hausnummern und
Namenschildern, fand sich wieder zu dem Hause mit der Laterne vor
der Türe hin, tippte sich vor den Kopf, murmelte etwas, langte in
die Tasche, suchte mühsam darin umher, brachte einen Schlüssel zum
Vorschein, besah ihn genau, steckte ihn wieder ein, fand endlich den
richtigen, schloß die Haustür auf und trat ein.
Die Hunde im Gange knurrten, als es bei ihnen vorüberschlich, aber wach
wurden sie nicht. So konnte es mit dem Drücker, den es aus der Tasche
nahm, die Türe des Windfanges aufmachen. Es trat ein, klinkte die Türe
des Eßzimmers auf, schlug den Vorhang zum Nebenzimmer zurück, schlich
sich hinein, wobei es gegen eine Truhe anlief und sich das eine seiner
Beinchen so stieß, daß es zurückprallte, sich umdrehte und mit dem
dicken Bäuchlein, das gleich unter dem Halse anfing, gegen den Nähtisch
stieß, daß es krachte. Aber nun hatte es auch, was es wollte; denn es
zog die Schieblade auf und suchte so lange in den Fächern umher, bis es
ein Stück Kreide fand.
Damit malte es eine gewaltige Sektflasche auf die Flügeltür, holte ein
Messer aus der Tasche, klappte den Schampagnerhaken auf, setzte ihn an
den Stöpsel der Flasche, brach die Drahtverschlüsse auf, und buff flog
der Kork heraus. Schäumend stieg der heitere Trank aus der Mündung,
lief über, floß auf den Fußboden, quoll unter den Türen durch in die
Schlafzimmer, in die Küche, in das Kinderzimmer, auf die Veranda, über
den Vorplatz, tropfte die Treppenstufen hinunter, geriet in den Gang
und von da in den Garten, erfüllte die Malwerkstatt, die an dessen
Ende lag, kehrte wieder um, hüpfte die Treppe empor und krabbelte
sogar in die Mädchenkammer. Als nun das ganze Haus nach Sekt roch,
suchte der Eindringling mühsam den Pfropfen auf, quälte ihn ächzend
in den Flaschenhals hinein, band ihn mit zwei Kreidestrichen, die er
übereinanderbog, fest, löschte die Flasche von der Türe weg und stahl
sich kichernd wieder aus dem Hause heraus.
Um sechs Uhr in der Frühe sprang die hübsche Dienstmagd trällernd die
Treppe hinunter und ließ die Hunde auf die Straße, und die stellten
sich ganz übermütig an. Dann erschien das Kindermädchen und summte ein
fröhliches Liedchen vor sich hin. Um sieben kam die Hausfrau heiteren
Angesichts aus dem oberen Stocke und hinter ihr ihr Mann, eine kecke
Weise durch die Zähne flötend, und nun gab es im Kinderzimmer ein
großes Lachen und Quieken. Als dann die ganze Familie am Kaffeetische
saß, auf dem ein knallbunter Blumenstrauß stand, wurden die Vorhänge
aufgeschlagen, und mit einem Lächeln, so freundlich wie die Sonne,
die durch die offene Treppentür in die Veranda schien, trat Swaantje
in ihrem weißen Kleide ein, küßte die Hausfrau und die Kinder und gab
ihrem Vetter die Hand. Als der brummigen Gesichtes, aber mit lustigen
Augen sagte: »Mich auch Kuß haben!« bekam er einen auf die Backe,
sagte: »Ah!« strich sich den Magen, und alle lachten.
Es wurde viel gelacht bei Tische und nachher auch; denn als Swaantje
hinter Helmold, der ihr seine neuen Bilder zeigen wollte, die
Gartentreppe hinunterging, rief Frau Grete, die gesehen hatte, daß es
über Nacht schwer getaut hatte, ihr besorgt nach: »Mach dich nicht
naß!«, worauf das Mädchen sich entsetzt umsah und entrüstet ausrief:
»Aber Greete!« Nun hallte der ganze Garten von Gelächter, und Swaantje
nahm ihre Röcke zusammen und huschte in die Werkstatt. Dort aber vergaß
sie das Lachen; sie ließ die Hände an den Hüften herabhängen, hob sie
dann langsam wieder hoch, schlug sie vor der Brust ineinander, seufzte
tief auf, wandte sich nach ihrem Vetter hin und flüsterte: »O, das ist
ja wundervoll, lieber Helmold; das ist das Schönste, was du bisher
gemalt hast«. Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände, drückte sie und
sagte: »Ich danke dir viele Male, und ich bin sehr stolz auf dich!«
Der Maler betrachtete mit zugekniffenen Augen das Bild und lächelte.
Es war von gewaltigem Umfange und stellte mehrere hünenhafte,
unbekleidete Männer dar, die auf Tod und Leben mit bunten Tigertieren
rangen. Die hell und dunkel gestreiften Körper der Riesenkatzen, die
nackten Menschenleiber mit den bis auf das höchste angespannten, durch
helle Lichter und dumpfe Schatten betonten Muskeln, das zertretene
Gras, die wirbelnden Staubwolken, von schräg fallenden Sonnenstrahlen
geteilt, das war eine Menge von scharfen Gegensätzen, die eine reife
Anschauung durch einen starken Willen zu einer einheitlichen Wirkung
zusammengefügt hatte.
Swaantje hatte sich in den bequemen Ledersessel gleiten lassen, stützte
ihre schmalen Schuhe, über denen das weiße Kleid ein Stück der seidenen
Strümpfe sehen ließ, auf eine mächtige Elchschaufel, die als Fußbank
diente, und vergrub sich ganz in die Stimmung, die von dem Gemälde
ausging. Helmold stand am Fenster und freute sich über den stolzen
Schnitt ihres Gesichtes, über den bescheidenen Glanz, der auf ihrem
aschenblonden Haare lag, über die vornehme Sprache ihres Unterarmes
und fand, daß ihre Hände zu klein waren, und der unentschlossene Zug,
der sich darin ausprägte, paßte schlecht zu der ganzen Erscheinung des
Mädchens. Auch sah er, daß ihr Gesicht zu durchgeistigt war, und mit
Betrübnis entdeckte er hinter ihren Mundwinkeln eine Falte, die er dort
nicht haben wollte.
Aber da fing Swaantje zu sprechen an: »Weißt du, Helmold, was ich mir
bei dem Bilde denke? Ich ginge unter den Rabenbergen her, wenn die
Abendsonne darauf liegt. Dann sieht es dort genau so aus.« Ihr Vetter
machte ein ganz ernstes Gesicht. Dann zeigte er auf das Bild und
sagte: »Vorgestern war Frau Jucunda Othen-Othen hier, du weißt doch,
die berühmte Kunstgewerblerin, um nicht zu sagen, die berüchtigte
Eklektikerin, besser wohl Ekleptikerin. Sie rauschte mir hier mit
ihren gräßlichen seidenen Unterröcken herum; schauderhaft, dies
Seidenpapiergeraschel!, tat so, als interessiere sie sich für Kunst,
wollte natürlich nur Technik schinden und Motive klauen; na, und als
sie das Bild sah, steckte sie ihre Nase unter das Lorgnon, machte ihr
überlegenstes Gänsegesicht und fragte: ›Was soll denn das bedeuten,
Herr Hagenrieder?‹ ›Abendsonne auf der Haide, gnädige Frau,‹ sagte
ich. Die Miene, die sie da aufsteckte, war zum Heulen, sage ich dir.
Sie glaubte, ich wollte sie uzen. Na, das wollte ich ja auch wohl,
denn sonst hätte ich ihr nicht die blanke Wahrheit gesagt. Das ist in
manchen Fällen die höchste Raffiniertheit. Bismarck, der verstand sich
großartig darauf.«
Er warf die blonde Stirnlocke zurück. »Weißt du, die habe ich den Tag
erst klug und dann wieder dumm gequatscht. ›Ja,‹ sagte ich zu ihr,
›wenn man den Eindruck einer Landschaft gänzlich falsch wiedergeben
will, tut man am besten, sie zu porträtieren, vorausgesetzt, daß
sie stille sitzt und nicht alle fünf Bierminuten ein anderes
Beleuchtungsgesicht schneidet. Das tun die meisten sogenannten
Landschafter, oder besser gesagt, Landschaftsschuster, und darum
hängt überall so viel Schauderschund herum.‹ Sie machte ein Gesicht
wie eine Meerkatze, die niesen muß. ›Ja,‹ sagte ich dann, ›wenn man
das aber nicht will, dann muß man eben durch ganz etwas anderes sein
Ziel zu erreichen suchen, oder vielmehr, man muß warten, bis das von
selber kommt, denn mit Überlegung, Verstand und anderen billigen
Malmitteln kommt man doch zu nichts.‹ Mit einem Male fuhr sie mir
dazwischen: ›Danach müßten Sie ja einen Menschen durch eine Landschaft
wiedergeben!‹ Ich nickte und bewies ihr das so scharf, daß sie ganz
begossen dastand, und da fragte sie: ›Wie würden Sie denn den Eindruck
wiedergeben, den ich auf Sie mache?‹ Und da sagte ich zu ihr: ›Gnä'
Frau, Sie haben doch schon gesehen, wenn bei windstillem Wetter auf
einmal die Luft küsselt und Papier, Stroh, Blätter und Staub umeinander
dreht und mit nach Hause nimmt, eine der lieblichsten Erscheinungen in
der Natur, so flüchtig, so luftig, so entzückend vergänglich. So kommen
Sie mir vor.‹«
Er lachte unbändig und Swaantje ließ ihre Fröhlichkeit dazwischen
läuten. »Was hat sie denn darauf gesagt?« forschte sie. »Gar nichts,«
antwortete ihr Vetter. »Erst hat sie ein fuchtiges Gesicht gemacht und
mit einem Male wurde sie wie Margarine; ich konnte sie hinschmieren,
wo ich sie hinhaben wollte. Aber ich mache mir aus Kunstbutter nichts;
lieber schon Schmalz. Unsere Luise ist mir dreimal so lieb, als
diese Donnja. Sie macht in Kunstgewerbe, wie andere in Heringen oder
Flanell.« Er sah Swaantje an: »Weißt du, was ich malen würde, um den
Eindruck wiederzugeben, den du auf mich machst? Weiße Haide, aber
Sandhaide!«
Das Mädchen fuhr in die Höhe: »Aber weiße Haide bedeutet doch Unglück!
Wirke ich so auf dich?« Er schüttelte den Kopf: »Im Gegenteil! Und
warum bedeutet weiße Haide Unglück? Weil sie zu der Zeit, da unser
ureigenes Wesen von der wälsch-fränkischen Vergewaltigung noch nicht
vermanscht war, eine Glücksblume war, was sie in England heute noch
ist und ebenso in der Haide. Der Freitag war der Tag der Frigge, der
Friggetag, der Glückstag; an ihm wurden die Ehen geschlossen, und
unsere Haidbauern heiraten heute noch möglichst an diesem Tage. Die
Dreizehn war die heilige Zahl und die Sieben auch; unsere Ahnen liebten
nichts, was aufging, denn damit hörte es auf, ein Problem zu sein. Aber
die Taktik der karolingischen Mönche verkehrte alles das ins Gegenteil;
der brave Deutsche fiel darauf hinein und gab sein naturfreudiges Wesen
gegen eine asiatische Naturentfremdung auf. Und daher unser tiefes,
weites und hohes Unverständnis für alles, was Kunst heißt.«
Er schob das Bild, das auf einer Rollstaffelei stand, zur Seite und
sagte: »Bitte, setz dich einmal da hin, nein, da rechts von der Tür!«
Dann zog er den goldbraunen Vorhang zurück, der die Hinterwand des
Raumes verhüllte, und ein anderes Gemälde wurde sichtbar, doch nur in
seinen großen Umrissen, da das Oberlicht abgeblendet war, und auch
dem Seitenlichte war durch Vorhänge der Zutritt verwehrt. Das Mädchen
richtete sich in dem Sessel auf, beugte sich vor, öffnete ihre Augen
ganz weit und fragte verwundert: »Seit wann malst du denn Dolomiten,
Helmold? Du sagtest doch, bloß die Haide könne dir zur visionären
Erscheinung werden? Aber dieses Bild gibt ganz und gar die Geheimnisse
der Sellagruppe wieder. Das heißt, so ganz verstehe ich es doch nicht.«
Der Maler lächelte, zog erst die Vorhänge von dem Seitenlichte fort und
machte dann dem Oberlichte Platz, und da sprang Swaantje auf, brach
in ein helles Jubellachen aus und rief: »Nein, nein, Helmold, du bist
ja ein Zauberer! Das ist ja, ja das ist ja der Kreuzestod Christi!«
Sie schüttelte den Kopf, bewegte die Lippen, als wenn sie etwas sagen
wollte, und dann ließ sie sich wieder in den Sessel fallen, lehnte den
Kopf gegen die alte Stickerei, die darüber hing, blendete sich mit den
Händen das Ober- und das Seitenlicht ab und flüsterte: »Die Sella und
die Kreuzigung; wie geheimnisvoll! Helmold, wo ist die Lösung?«
»Ja, Swaantje,« antwortete er und ein bißchen Selbstverspottung lag
in seiner Stimme; »ja, ich sage: ich will dies, und hinter mir steht
wer und sagt: ›du sollst das!‹ Sieh mal, die Sellagruppe hat damals
auf mich den selben blödsinnigen Eindruck gemacht, wie auf dich, aber
mein bewußtes Ich sagte mir: du hast doch weiter nichts davon, als
daß du durch die Komplementärwirkung zu einem tieferen Verständnis
deiner Heimlandschaft kommst. Niemals habe ich daran gedacht, Dolomiten
zu malen. Als ich dann eines Abends bei Hennecke saß, kam die Rede
auf den Verlust der Überlieferung in der bildenden Kunst und auf das
Effekthaschen und Sensationsmachen in der Wahl der Stoffe, und da
sagte der Prinz: ›Der Staat müßte einmal zehn Jahre lang verbieten,
daß etwas anderes gemalt würde als Kreuzigungen; dann würde man bald
sehen, wer wirklich etwas kann.‹ Dieses Wort juckte mich so lange,
bis ich mir eines Tages sagte: So, jetzt wird eine Kreuzigung gemalt,
damit du endlich Ruhe hast! Ja Kuchen: Als ich den Schaden besah, stand
die schöne Frau Sella neben mir, machte mir eine lange Nase, knixte
und sagte: Schau, da hast du mich doch malen müssen, ätsch! Na, und
so war es; der lange schwarze Mann im Vordergrunde wirkt als tiefe
schmale Schlucht, die anderen Figuren und die Längsbalken der Kreuze
geben die senkrechten, die Querbalken und die Arme der Gerichteten
die wagerechten Linien der Sellaarchitektur wieder, und so hatte ich
Dolomiten gemalt und keinen Dunst davon gehabt. Ja, bei uns muß es wohl
heißen: suchet nicht, so werdet ihr finden.«
Das Mädchen nickte ernsthaft. »Ja,« meinte sie dann, »Kunst und Glaube
sind zweierlei.« Ihr Vetter schüttelte den Kopf. »Nein, Swaantje, sie
sind das selbe, und deshalb sind alle wahren Künstler gottlose Menschen
in landläufigem Sinne. Sie suchen Gott nicht; sie haben ihn in sich;
ihn oder den Ungott.«
Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und blies den Rauch weit
von sich, schob das Bild zur Seite, verhüllte es und desgleichen das
andere Gemälde und machte die Tür zu dem Nebengemache auf. Das Mädchen
stieß einen Laut aus, halb Seufzer, halb Schrei und sprang auf, die
Hand auf dem Herzen und mit weit aufgerissenen Augen nach dem Gemälde
starrend, das hinter dem Türloche stand. Als der Maler, den ihr jähes
Erbleichen erschreckt hatte, neben sie trat, umklammerte sie seinen
Arm, und er fühlte, wie ihr Herz zitterte, und sah, wie ihr der Atem
hastig über die Lippen sprang. Er warf ebenfalls seine Augen auf das
Bild, und da erschrak auch er, denn einen so gemeinen Ausdruck hatte er
noch nie in den Augen des Weibes gesehen, das er da gemalt hatte.
»Chali,« flüsterte es an seiner Schulter, und er murmelte: »Das ist
es! Ich habe gedacht, es gibt keinen Namen dafür, aber du hast sofort
den einzig möglichen dafür gefunden. Das böse Prinzip des Weibes.« Sie
ließ sich, wie vor Erschöpfung, in den Sessel gleiten, und fragte,
immer das Bild anstarrend: »Wirst du es mir sagen?« Er nickte. »Ja,
Kind, gern, soweit es sich um den äußeren Anstoß dazu handelt. Du weißt
ja, wie der Prinz ist. Eines Tages kommt er hier angeautobt und stellt
mir eine kostbare Schüssel vor die Nase, in der auf bleichem Moose
dreißig unheimliche Blumen lagen und mich auf ganz hundsgemeine Weise
anschielten. Ich machte ein dummes Gesicht und fragte: ›Bist du auf dem
Mars gewesen?‹ Denn in meinem Leben hatte ich solche Satansblumen noch
nicht gesehen. Da lachte er und sagte, es wären Stapelien, Kusinen von
den Kakteen, und sie wären aus seinem Treibhause, und er kritzelt mir
eine argentinische Stapelienlandschaft in das Skizzenbuch.«
Er holte tief Atem und fuhr fort. »Den ganzen Tag war ich zu nichts
zu gebrauchen. Wie ein Affe saß ich da und sah diese niederträchtigen
Blumen an, diese Katerideen von Blumen, diese Antiblumen oder was weiß
ich. Ein Vierteljahr war ich ganz elend. Erst dachte ich, es wäre die
Grippe, nahm Dampfbäder, ließ mich massieren und trank Grog. Dann
hielt ich es für einen Darmkatarrh, trank Boonekamp und ließ mir heiße
Pottdeckel auf den Magen legen, wenn ich zu Bett ging. Dann wieder
schien es mir Nervenüberreizung zu sein; ich aß Sanatogen, schluckte
Hämatogen, verkniff mir den Tabak, den Kaffee und den Wein, trank
abends Fliedertee und morgens Brombeerblätteraufguß und wurde immer
elender, bis ich mich auf einmal benahm, wie ein Brunnendelphin, der
abends vorher zu viel Bier getrunken hat. Darauf schlief ich drei Tage,
und dann malte ich das Bild aus dem Handgelenk in acht Tagen und war
kreuzfidel, als ich es hinter mir hatte, denn mir fehlte gar nichts;
mir hatte nur das scheußliche Bild verquer im Leibe gesessen, ein Meter
vierzig zu eins zwanzig. Aber sieh es dir einmal genau an!«
Swaantje stand auf, doch sie zögerte noch. Sie sah den schweren,
klobigen, in den massigen Formen der sumerischen Bauweise gehaltenen,
reich geschnitzten, mit buntem Glasflusse ausgelegten und mit goldenen
und silbernen Ziernägeln beschlagenen Rahmen und dann das unheimliche
nackte Weib an, das vor einem unglaublich klaren und grundlosen Wasser,
das eine unbekannte Farbe hatte und von der Abendsonne eiterrote
Glanzlichter bekam, auf der Seite lag, die brutalen Knie gegen den
üppigen Leib gezogen, den stützenden Arm halb überschüttet von einem
Sturzbache straffen Haares von einer rohen roten Farbe, und das sie mit
seelenlosen Tigeraugen ansah, ebenso schrecklich, wie die unheimlichen
großen Blumen, die an den starren Stämmen hinter ihrem Rücken hingen,
aber auch ebenso schön, Chali, die Göttin des unblutigen Meuchelmordes,
das greuliche Geheimnis des bengalischen Bambusdickichts.
Langsam ging sie darauf zu und sah, daß das Weib keine Tigeraugen,
sondern Menschenaugen hatte, doch mit dem Blicke des Tigers, oder
vielmehr, mit gar keinem Blicke, aber dadurch wirkten sie gerade so
tigerhaft. Als sie noch näher kam, nahmen ihre Züge den Ausdruck
kindlicher Neugier und einer dummen Verwunderung an, denn das Bild
war auf Holz gemalt und der Leib des Weibes war nicht gemalt, sondern
ausgespart, so daß überall die Maserung und hier und da ein Astfleck zu
sehen war. Der Gesamteindruck war aber so mächtig, daß diese Dinge vor
ihm völlig zurückgingen.
Helmold, der hinter sie getreten war, nickte ihr zu und sagte: »Ja,
ja, es ist wunderlich, was man nicht alles macht, wenn man so dumm
dahertollpatscht. Warum habe ich das auf Holz gemalt und nicht auf
Leinwand? Im allgemeinen male ich nicht gern auf Holz, und wenn schon,
so kleine Bilder. Aber dieses mußte ich auf Holz malen, scheinbar,
weil das Brett gerade da stand, in Wirklichkeit aber, weil dieses
Weib nicht gemalt, sondern ausgespart werden mußte. Es verkörpert das
negative Prinzip des weiblichen Wesens, konnte also am besten durch
eine Negativität wiedergegeben werden. So ist es auch im Leben; das
Schlechte, das Unheimliche, das Gemeine: tritt dicht davor, und siehe,
es ist ein Nichts, es ist Holz, dumm gemasert und mit Kienstellen
durchsetzt. Ein wirkliches Weib, ein Weib von Herz und Gemüt, von
Fleisch und Blut, das hat nicht hier mitten auf dem Bauche einen
Leberfleck aus Kien und auf der Kalipygie eine Maserung, soweit meine
geringen Erfahrungen auf diesem interessanten, aber schwierigen Gebiete
reichen.«
Er zog den Vorhang zu, nahm Swaantje um die Mitte, führte sie zu dem
Ruhebett, stellte einen alten Bauernteller mit Äpfeln und eine Dose
mit Biskuit vor sie hin und nötigte zum Zulangen: »Iß, Mädchen, desto
eher wirst du elend! Und hier sind auch Nüsse.« Swaantje nahm eine,
steckte sie dem wunderlichen Nußknacker in das Maul, zerbrach sie und
rief dann: »O, ein Vielliebchen! Wer ißt es mit mir?« Ihr Vetter hielt
die Hand auf. »Dir zuliebe tue ich alles,« lachte er; »sonst esse ich
nur Nüsse, wenn sie mir einer kaut, aber das will keiner. Wenn man
nämlich nicht aufpaßt, kaut man acht Tage lang an einer Nuß herum.« Er
steckte die Nuß in den Mund, schluckte und sagte, indem er auf seine
Weste zeigte: »Es geht auch ohne die alte Kauerei.« Da lernte Swaantje
das Lachen wieder und vergaß das unheimliche Bild und den entsetzten
Blick, den Helmold darauf geworfen hatte. Dann zeigte er ihr einige
Porträts und eine Anzahl von den Studien, die er zu Hunderten in den
Schiebladen der großen Schränke liegen hatte, schwatzte Kraut und Rüben
durcheinander und hetzte einen Witz hinter dem anderen her, bis sie
vor Lachen nasse Augen bekam und ihn händeringend bat, aufzuhören:
»Denn ich habe nur ein Zwerchfell, Helmold, und das ist schon dreimal
gestopft!«
Sie kuschelte sich bequem auf das Ruhebett hin, biß in einen Apfel
und sah zu, wie er überall herumkramte, und ihr allerlei zeigte, das
bravste Gehörn von dem letzten Jahre, eine Pfeilspitze aus Feuerstein,
die er in der Haide gefunden hatte, eine alte Schnapsflasche mit einem
himmelblauen Vogel Phönix darauf und der Inschrift: »So wie der Fönix
der Flamme entspringt, so meine Liebe zu dir hin dringt« und ähnliche
Seltsamkeiten, die er bei seinen Jagdfahrten in den Dörfern aufgegabelt
hatte. Dann, als er eine Schieblade aus einem grell gestrichenen
Schranke zog, rief er: »Holla! Beinahe vergessen!« Er langte ein
Kästchen heraus, machte es auf, nahm etwas heraus und drückte es
dem Mädchen in die Hand. Es war eine Fibel aus dickem, gerieftem
Silberdraht, aus zwei engen Spiralen gebildet, deren jede einen
prachtvoll gebräunten Hirschhaken umschloß. »Da!« sagte er, »als Dank
für diesen schönen Morgen!«
Sie errötete und klatschte in die Hände: »Wie entzückend! So eine
fehlte mir gerade. Die hast du doch selbst entworfen? Und wie reizend
von dir, mir die zu schenken, mit den prachtvollen Kusen darin!«
Sie drehte das Schmuckstück hin und her, nahm die Pfeilspitze von
Flintstein von dem Tischchen, hielt beide Gegenstände aneinander und
sagte: »Die gehörten einmal zusammen, paß auf: der alte Oberpriester
war voller Wut, denn seine Tochter, Loide hieß sie, sah Wuni gern; aber
der war ihrem Vater ein Gräuel, weil er die Kunst, Waffen und Geräte
aus Metall zu schmieden, aus der Fremde mitgebracht hatte und deshalb
der Priesterschaft als gottloser Mensch galt. Nun war noch jemand da,
der die schöne Loide liebte; Ulahu hieß er, und war ihrem Vater genehm,
dieweil er ein Steinschmied war und jede Neuerung haßte. Aber Wuni war
stark und Ulahu schwach, und da sprach der Oberpriester, Krwo hieß er:
›Der Rabe jagt dem Adler den Fraß ab, obwohl dieser siebenmal so stark
ist.‹ Ulahu merkte sich diese Rede, und als er Loide einmal in das Haus
ihres Vaters eintreten sah, mit flammenden Augen, brennenden Wangen und
glühenden Lippen, und bemerkte, daß ihr Kleid vor der Brust mit einer
silbernen Fibel, in der zwei Hirschhaken befestigt waren, geschlossen
war, da ging er zu seiner Hütte, weinte, nahm den Eibenbogen und drei
Pfeile zur Hand und schlich Wuni nach, als er in der Frühe auf Jagd
ging, und schoß ihm den Pfeil von hinten durch das Herz, daß er sterben
mußte. Ulahu aber freite Loide, doch am Morgen nach der Hochzeit lag
er tot in seiner Hütte; Loide aber war verschwunden, und wenn die
Nachtschwalbe rief, sagten die Mädchen: ›Da schreit Loide nach Wuni.‹«
Während sie so sprach, verhärteten sich ihre Augen, so daß es Helmold,
der ihr anfangs mit vieler Freude zugehört hatte, erschien, sie hätten
ein wenig von dem, was die Augen der Chali aufwiesen, und sein Herz
kehrte sich um. Doch er jagte die graue Fledermaus, die auf ihn zuflog,
mit einer heftigen Bewegung fort, nickte, lächelte und sagte: »Das
ist sehr schön, Swaantje, und du wirst das aufschreiben und mir als
Gegengeschenk verehren. Du solltest überhaupt deine Gesichte zu Papier
bringen. Ich habe es schon oft gedacht: Du bist eine Künstlerin! Und
wem eine Gabe ward, der soll ihrer pflegen, sonst bleibt er unfroh sein
Leben lang.«
Doch als er das gesagt hatte, schüttelte er in sich darüber den Kopf,
denn er glaubte nicht an eine künstlerische Begabung des Weibes. Er
hatte, als er einst einer schönen Frau, die acht gesunde Kinder besaß,
einen Spruch in ihr Gästebuch schreiben sollte, folgendes eingetragen:
»Der größte Künstler ist klein gegen eine Mutter; denn er kann keinen
Menschen von Fleisch und Blut schaffen.«
Während er nun Swaantje freundlich ansah, besah er ihr Gesicht genau
und dachte: »Ihr ganzes Wesen ist weiblich, aber ihr Geist ist
männlicher Art. Am Ende ist sie kein völliges Weib; das wäre ein
Jammer, denn dann wird sie das wahre Glück nie kennen lernen. Denn die
Liebe ist alles, und das andere ist nichts.«
Da kam Swaan angelaufen und rief: »Väterchen und Muhme Swaantje,
ihr möchtet zum Essen kommen, aber schnell, sonst wird der Braten
kalt!« Stolz setzte er hinzu: »Es gibt Birkhahn, den Vater geschossen
hat.« Sweenechien aber, die hinter ihm hergetappelt war, rief: »Und
Flammerie! Hast du das auch geschossen?« Da lachte Swaan sie aus und
Helmold und Swaantje auch; unter viel Lachen und Scherzen ging es in
die Veranda, wo Frau Grete sie mit den Worten empfing: »Was ist das
bloß heute? Alles im Hause lacht in einem fort! Die Mädchen sind aus
Rand und Band und ihr auch. Der Sekt kann doch nicht nachspuken?«
Das schien aber doch so, denn es blieb bei dem Lachen. Helmold lachte,
wenn er zu Bett ging, und er lachte, wenn er aufstand. Die Arbeit
flog ihm nur so von der Hand, und während der Pinsel bald langsam und
vorsichtig, bald schnell und sorglos über die Leinwand ging, sang und
pfiff er, daß man es über den ganzen Garten bis in das Haus hören
konnte.
Wenn aber aus der Werkstatt kein Singen und Pfeifen kam, so wußte
Grete, daß Swaantje dort war. Die saß dann in einem der großen Sessel
und arbeitete an einer Stickerei oder lag auf dem Ruhebett, sah ihrem
Vetter zu und freute sich an seinen schnellen und doch so sicheren
Bewegungen, an seiner frohen Laune und seiner Urwüchsigkeit; denn wenn
er mitten in der Arbeit war, vergaß er alles um sich und konnte, fuhr
er einmal gegen einen Baum, mit den saftigsten Ausdrücken um sich
werfen, und Swaantje rief dann wehklagend: »Aber Herr Hagenrieder, ich
bin eine deutsche Jungfrau!« Wenn er dann sagte: »Leider! vergaßen sie
zu bemerken, mein allergnädigstes Fräulein«, dann lachte sie.
Einmal wäre ihm beinahe die Antwort entwischt: »An mir liegt es
wahrhaftig nicht«; doch er packte rechtzeitig den schlechten Witz noch
am Nackenfell, denn es war ihm wirklich nur Spaß damit gewesen.
Mehr als einmal sagte er zu seiner Frau: »Es ist nun an der Zeit, daß
Swaantje heiratet; sie bekommt sonst noch Druckstellen.«
Das Stapelienbild
Chali langweilte sich. Früher konnte sie fast den ganzen Tag mit dem
Maler sprechen; seitdem aber das junge Mädchen da war, war es aus
damit, denn Swaantje fürchtete sich vor ihr, und so hatte Helmold das
Bild in den Nebenraum gestellt, wo es weiter nichts gab als Bilder,
Rahmen, Kisten und Kasten, Töpfe und Kruken.
Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in der
Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts genützt.
Holz und Stoffe boten ihren Blicken keinen Widerstand, und so mußte sie
es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie der Maler sich mit dem
blonden Mädchen unterhielt und ihm liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag
da und starrte auf die Tür; ihre Augen wurden von Tag zu Tag böser und
leuchteten im Dunkeln grün.
Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte waren, holte
der Maler sich aus der Vorratskammer ein frisches Malbrett, was er
immer tat, wenn er ein neues Bild begann, das ihm aus dem Herzen kam,
und da er an das Bild dachte, das er anfangen wollte, so ließ er in
Gedanken die Tür offen stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er
hatte es schon bei Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang
hinweggekommen, bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben
müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen im
Halbschatten sitzen müsse, während rings umher alles hell von Licht
war. So setzte Swaantje sich also an das große Fenster, vor dem die
Vorhänge zusammengezogen waren, und drehte der zweiten Tür den Nacken
zu.
»Heute wird es etwas, Swaantje,« rief Helmold; »das kommt wohl daher,
weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in Erregung gesehen
habe. Du bist übrigens der einzige Mensch, mit dem ich Walzer tanzen
kann. Sonst liegt mir der Walzer nicht; mein Blut geht im Polkatakt.
Hamburger, Schwedische Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka
und dergleichen, wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln
kann, das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um
seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern
bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer tanzst,
so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich will sie nächstens
mal fragen.«
Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und sie stach mit
spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens; jedesmal, wenn Helmold
hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung ein wenig änderte,
fuhren grüne Blitze aus dem Nebenraume dahin, wo die aschenblonden
Nackenlocken auf der roten Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter
mit ihr plauderte, merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr
vorging; aber nun fing Helmold an, eine neue Singweise zu suchen, indem
er ganz leise durch die Zähne pfiff, und das bedeutete, wie sie wußte,
daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum rührte sie
sich nicht, so gern sie das auch getan hätte.
Denn ihr war so merkwürdig schwach und hülflos zumute. Sie hatte ein
bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch ein Glas Sekt
mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so wunderschön auf dem
Frühlingsfeste gewesen; so viele hübsche, fröhliche Frauen und Mädchen,
und so viele nette, lustige Männer hatte sie noch nie beisammen
gesehen, und so hatte sie mit den anderen getollt und sich prachtvoll
vergnügt.
Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck in
der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Herzschlagadern ein.
Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen; aber sie wußte,
wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu kam; denn nun
pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat nicht fortwährend vor und
zurück, sondern er stand still, malte eifrig, summte erst eine Weise
vor sich hin, und dann sang er: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre
mein Herz nach dir schrie, Rose Marie, Rose Marie, aber du hörtest es
nie.« Er war in voller Fahrt.
Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hülfloser zumute
wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke, die der
Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über das Lied, das er
sang, während er malte, und so wandte sie ihre Meuchelmörderaugen nicht
einen Pulsschlag lang von dem Nacken Swaantjes.
»Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war froh; aber ihr
fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu keinem Menschen
gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen wollte. Aber da dachte
sie an die Faschingsnacht in München, als ihr Vetter zwischen all dem
tollen Lärm zu ihr gesagt hatte: »Kleine, wenn du einmal etwas hast,
das dich drückt, und du magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn
ich dir irgend helfen kann, so tue ich es.«
Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich, Helmold!«
Aber dann hatte sie lachen müssen; wie er so dasaß, vollkommen im
Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch, mit gebrannten,
gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht und kohlschwarzem
Schnurrbart und dazu die vergoldeten Ohren, das hatte zu närrisch
ausgesehen, zumal seine blauen Augen so treuernst blickten.
Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold, ich
muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche: ich liebe einen
Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter; ihm war zumute, als
habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz weggenommen und ihm nur den
Verstand gelassen. Darum fragte er, ohne daß seine Stimme anders klang
als sonst: »Weiß er es?« Swaantje sah gerade aus: »Nein; das glaube
ich nicht.« Ihr Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie
erwiderte: »Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du
ihn also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?«
Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie nickte:
»Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte
hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie sagte:
»Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu jung für eine
Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn groß an: »Dann würde ich
ihn doch nicht lieben können!«
Er lächelte und dachte: »Heilige Einfalt!« Aber dann steckte er die
Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So, nun rüttele
dich und schüttele dich, wirf aber nicht alle deine Blätter über mich,
sondern behalte noch ein paar für dich übrig. Wir wollen einmal eine
Pause machen; mich rauchert.«
Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre. Als
er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem Nebenraume offen
stand; Chalis Augen starrten ihn höhnisch an. Wütend warf er ihr das
Streichholz in das Gesicht und wunderte sich, daß es grüne Funken gab.
»Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje, »dein
schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und knurrte:
»Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr Zyankali!«
Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter Kalauer!« Er
schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn mir ganz schlecht
ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar Kawärmer, wenn nicht
Kaheißer.« Das Mädchen hielt sich die Ohren zu: »Kommt das noch
schlimmer?« Dann lachten sie beide aus vollem Herzen, bis es Helmold
einfiel, daß er sein Herz irgendwo habe liegen lassen müssen; denn ihm
war so leer in der Brust und so schön leicht, als ob er tot wäre.
Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und sprach: »Ja,
liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache. Du liebst ihn, und er
weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren, und er ahnt es nicht.
Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere, oder aber, denn es
gibt solche Männer, so unglaublich das auch klingt,« und er lachte,
als er das sagte, »er hat kein Verlangen nach dem Weibe. Hier kann dir
niemand helfen, sogar ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die
Zähne ausziehen würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.«
Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh mal, Swaantje,« fuhr
er dann fort, »alles, was ich von dem Manne gehört habe, spricht für
ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben, in der er den
Unwert der karolingischen Zivilisation für uns nachweist. Wir Stedinger
Blutsbrüder haben ihm damals ein Horüdhotelegramm geschickt und noch
eins, als ihm die hochwohllöbliche Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den
Geschichtsunterricht abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei,
gegen die Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses
Louis des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine
Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen
Namen, den du dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es ist nichts zu
machen. Hingehen und ihm sagen: ›Bitte, seien Sie so gütig und heiraten
Sie mich!‹ das kannst du nicht gut, und ich kann auch nicht zu ihm
gehen und ihm sagen: ›Heiraten Sie meine liebe Base, oder ich fordere
Sie auf dreimaligen Kugelwechsel ohne Binden und Bandagen!‹ Denn je
besser ein Mann ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib
seines Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt
machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade dir so
etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in mich verliebt hättest!
Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort mein Zelt in der Türkei
auf und betete zu Allah. Hol's der sogenannte Dieser und Jener!« Er
warf seine Zigarre gegen den Ofen, daß es ein kleines Feuerwerk gab,
und steckte sich eine Zigarette an.
Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes
Kopf schon deutlich vor einem Haidberge zu erkennen war, aus dessen
rosiger Pracht ein Busch weißer Haide verschämt hervorschimmerte, und
als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein Fall ist so gut wie
hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn wirklich so sehr?« Sie
nickte. »Als Schülerin oder als Weib?« Sie wurde rot. »Nicht nur als
Schülerin.« Er räusperte sich, und dann fragte er in trockenem Tone:
»Entschuldige, Swaantje, und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht:
Grete und ich glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib
bist; das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest mir
bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für kalt
von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du weißt, ich
spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du mir diese Frage
nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Das Mädchen sah ihn mit klaren
Augen an. »Weißt du, Helmold, nach dem, was ich in den Büchern las und
von anderen jungen Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als
die anderen Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so
bin. Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort. »Doch
das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn: »Leidest du sehr
unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich glaube, ich gehe daran
zugrunde.«