sich der Weg bergab zieht und zu beiden Seiten junge Buchengebüsche
ihn beschatten, eine Strecke hinab gewandert ist, hat man plötzlich
einen überraschenden Anblick. Links gegenüber nämlich dehnt sich ein
großer, schwarzer Tannenwald herab, an welchem man, ohne irgend etwas
anderes zu erblicken, den obern Theil eines mit Schiefer gedeckten
Thurmes wahrnimmt; man staunt auf die Erscheinung, sieht aber, je
tiefer man hinab wandert, den Thurm immer höher und nach und nach das
Schloß _Stein_ zauberisch hervor wachsen. Man beugt jetzt noch einige
Schritte um einem großen Stein herum, stellt sich dann auf den hohen
Rand des Weges und hat nun einen romantischen Anblick, den keine Feder
zu schildern vermag. Sich gegenüber nämlich erblickt man den hohen,
schwarzen Tannenforst, welcher sich weit durch das Thal hinab zieht
und mit dem lichten Grün junger Buchen hier und da angenehm absticht;
schräg rechts hin ragt das hohe Schloß mit seinen Gebäuden dicht an der
daher fließenden Mulde auf und spiegelt mit seinen vielen Fenstern sich
auf der ruhigen Fläche des Stromes, welcher durch die begraßte Ebene
des Thales still in seinem Bette hinabwogt. Auf dem jenseitigen Ufer
der Mulde zieht sich eine lange, hohe Lindenallee von dem Schlosse an
hinab gegen das Ende des Thales, welches sich hinten in einem waldigen
Halbrund zu endigen scheint und in sein Dunkel die silbern strahlende
Mulde aufnimmt. Bei dem Schlosse macht die Mulde einen ziemlichen
Bogen, denn auch das Thal bricht sich schnell von Süd-Ost nach West,
also fast ein rechter Winkel, daher stelle man sich den angenehmen
Anblick des verfallenen, auf Felsenspitzen gebauten Schlosses vor,
welches sich gerade an diesem Winkel der Mulde erhebt, daß man von
demselben aus auf der einen Seite den kommenden, auf der andern den
fortgehenden Fluß vor Augen hat! --
Hinter dem Schlosse, zwischen den beiden herab sich ziehenden
Gebirgsseiten sieht man hinten aus einem Buchenhaine auf der Höhe
des Berges das Schloß _Hartenstein_ sich freundlich erheben, so wie
auch gegenüber das Städtchen gleiches Namens an einem flachen Gebirge
zwischen Fluren herab breitet. Im Ganzen ein herrlicher, äußerst
romantischer Anblick! Dieses hat man auch gefunden und die Gegend um
das Schloß Stein ist oft gezeichnet und in Kupfer gestochen worden;
aber man hat nicht jedesmal die schönste Ansicht gewählt. Auf dem
Schlosse Hartenstein fand ich in einem Saale ein Oelgemählde, wo die
ganze Gegend um Stein und zwar von der schönsten Ansicht trefflich und
meisterhaft vorgestellt und ganz natürlich abgebildet war; nach diesem
Gemählde müssen Landschaftsmahler die Gegend copiren, wenn sie ganz
interessant sich ausnehmen soll.
Doch wir gehen nun den Berg vollends hinab und in das Thal. Hier
sehen wir in der Nähe des Schlosses einige Häuser, nämlich auf dem
diesseitigen Ufer der Mulde und indem wir nach der überbauten Brücke
gehen, ruft man uns aus dem nahen Hause zu: »erst ~à~ Person _zwei
Pfennige_ Brückenzoll zu entrichten.« -- Dieser Zoll kann nur denen
überflüssig scheinen, welche das Wohlthätige einer Brücke nicht
einzusehen vermögend sind.
Jetzt sind wir im Innern des Schlosses und zwar eigentlich noch
vor dem Thore; aber die Seite, wo wir uns jetzt befinden, ist mit
Ställen, Scheunen und Schuppen angebaut. Ueber dem Thore sieht man
die starken Räder, über welche sonst die Ketten der Zugbrücke herab
rollten; auch der Burggraben ist noch sichtbar, den wildes Gesträuch
und Schutt füllt, unter welchen Nattern und Kröten nisten. Das übrige
Aeußere des Schlosses ist ein Beweiß, daß es schon sehr alt sei; denn
der Styl des Baues grenzt an das Gothische und aus den vielen und
mannichfachen Fenstern erkennt man den kindischen Geschmack jener
Zeiten, so wie man auch wahrnehmen kann, daß später manches dazu
gebaut und verbessert worden sei. Aber der innere Hof des Schlosses
erweckt Grauen und Furcht, wenn man um sich und über sich blickt, wie
auf hochragenden Felsenspitzen man die Seitengebäude aufgeführt hat,
welche dem augenblicklichen Einsturze drohen und mit Gestrippe und
Sträuchern bewachsen sind. Vorzüglich der alte Thurm, welcher einst
zur Warte gedient haben mag, füllt durch sein auffallendes Ansehen mit
Schauergefühlen die Brust des Wanderers, der mit der nächsten Minute
den Zusammensturz desselben fürchtet. Doch wie die Alten mauerten,
können die Neuern, ungeachtet ihrer gerühmten Maurerei, nicht mauern;
je länger es steht, desto fester wird es. -- z. B. die Häuser hinter
den Mönchen in Bautzen.
In diesem Hofe selbst herrscht ein zweifelhaftes Dunkel, die hohen
Wände der Gebäude, welche sich in einem Viereck mit einander verbinden,
sehen schwarz und wie verräuchert aus. Unten herum erblickt man viele
Thüren und Pforten, und vorzüglich durch die, welche dem Thorwege
gegenüber sind, gelangt man in mehrere verfallne Hallen und Gemächer,
deren ehemaliger Zweck mir öfters unerklärbar war; z. B. das niedrige,
von einigen Pfeilern unterstützte Gewölbe, in welchem sich ein nicht
tiefes viereckiges Bassin befindet, in dessen Mitte ein rundes, tiefes
Loch hinab geht, unter welchem man Wasser brausen hört. Sollte dieß
vielleicht ehedem ein Bad gewesen seyn? -- Aber man ließt nirgends, daß
die alten Bewohner solcher Schlösser viel aufs Baden gehalten oder gar
eigene Bäder angelegt hätten. --
Jetzt wohnt in dem vordern Theile des Schlosses ein Pachter oder
vielmehr Verwalter; denn es ist eine ansehnliche Wirthschaft dabei.
Fast die meisten Gemächer, Kammern und Böden sind nicht mehr zu
bewohnen und zu gebrauchen; sie sind die Residenzen einheimischer
Fledermäuse. Auch geht in der Gegend unter den gemeinen Leuten das
Gerücht, daß es nicht geheuer im Schlosse sei, daß sich ein Mönch
sehen lasse u. dergl.
Doch wir gehen jetzt hinter dem Schlosse durch Erlengebüsche auf einem
schmalen Pfade fort, kommen über einen Graben und dann in das Thal, wo
uns die Mulde entgegen fließt. In dieser Richtung sehen wir rechts den
großen Steinischen Wald bis gegen das Ufer der Mulde sich herab dehnen;
links auf der höhern Gebirgsseite aber zieht sich ein dünnes Gehölz
fort, welches jedoch bald weiter hinten in einen großen Buchenwald sich
verwandelt, in dessen Dunkel _die Prinzenhöhle_ liegt. So verfolgen
wir links unsern Pfad, welcher sich durch Wiesen schlängelt, daß uns
die Mulde zur Rechten bleibt. Erst kommen wir bei einem Kalkofen,
sodann weiter oben bei einer Mühle vorbei und hinter derselben nimmt
uns das schattige Dunkel des Waldes auf. Hart an der Mulde windet sich
oft unser Pfad dahin und das Thal wird jetzt so eng, daß nur eben die
Mulde bequem hindurch fließen kann. Links zur Seite steigt das hohe,
steile, mit Felsenblöcken bedeckte Gebirge auf, welches ein finstrer
Buchenwald beschattet und sehr mühsam zu ersteigen ist. Man fühlt einen
besondern Schauer, wenn man durch das waldige Dunkel über die bemooßten
Felsentrümmer die steile Höhe hinan blickt und sich des jungen Prinzen
erinnert, welcher einst, wo gewiß Alles noch wilder war, hieher und
noch dazu hinauf in die Höhle geführt wurde. Doch wir sehen jetzt einen
guten Weg im Zickzack an den Berg hinauf angelegt. Der vor mehrern
Jahren verstorbene Fürst von Schönburg hat sich sehr rühmlich durch
die Anlegung eines bequemen Wegs zur Prinzenhöhle um dieselbe verdient
gemacht. Denn es würde äußerst mühsam und gefährlich seyn, wenn man
über Felsen und Gestrippe den steilen Berg empor steigen sollte. Aber
damit der Wanderer diesen Beschwerlichkeiten nicht ausgesetzt seyn
möge, zieht sich ein bequemer Weg im Zickzack bis zur Höhle empor.
Der Eingang dieser Höhle ist ziemlich eine Mannslänge hoch und
ungefähr zwei Ellen breit, aber je weiter man hinter kommt, desto
enger und niedriger wird sie, daß man endlich nicht weiter kann.[51]
Man sieht übrigens, daß sie nicht von Natur so entstanden, sondern
durch Menschen weiter ausgebildet worden sei; es war vielleicht eine
enge Schlucht vorher, welche irgend Jemand zu einem besondern Behufe
erweitern und bequemer machen ließ. Sie geht eine ziemliche Strecke in
den Fels hinein und am Eingange ist eine Tafel befestigt, worauf die
Geschichte des Prinzenraubes geschrieben steht,[52] aber jetzt schwer
zu lesen ist; auch das Schönburgische Wappen ist am Eingange angemahlt.
Uebrigens aussen vor der Höhle ist es sehr angenehm und unterhaltend;
angenehm durch die Gegend selbst, allerlei Holz umschattet den Fels der
Höhle und nahe dabei rinnt eine labende Quelle herab, Vögel singen, und
aus dem Thale herauf dringt das Rauschen der Mulde, so wie gegenüber
das waldige Gebirge sich mit hervorragenden Felsen hinab zieht und
durch das Dunkel der Tannen die Ruinen der Eisenburg hervor schimmern;
-- unterhaltend durch die unzähligen Namen, welche an den Fels um die
Höhle gemahlt und in die Rinde der Bäume geschnitten sind. Aus den
fernsten Gegenden findet man Viele. Hohe und Niedrige stehen hier
ohne Rang neben einander und was das beste ist, Niemand hat besondere
Gedanken oder Verschen darzu geschrieben, wie es oft mit dergleichen
Merkwürdigkeiten[53] der Fall ist, wo mancher Mißbrauch mit dieser Art,
sich zu verewigen, getrieben wird. --
Dieß, lieber Leser, war die Wanderung über Stein zur Prinzenhöhle;
möchte sie dir so gefallen haben, wie ich es wünsche. Doch wenn
wir wieder bis Stein zurück gekehrt sind, wollen wir einen kurzen
Spatziergang nach dem Schlosse _Hartenstein_ machen.
Man sieht zwar hinter dem Schlosse einen ziemlichen Fahrweg nach
Hartenstein zu führen, aber dieser führt nicht auf das Schloß, sondern
in das Städtchen. Durch die Wiesen am Schloßberge erblicken wir einen
Pfad, diesen wollen wir auch betreten, denn er führt zum Ziele. Der
Weg ist sehr angenehm, aber doppelt angenehmer und romantischer wird
er, wenn man auf die Höhe gekommen ist und durch den dämmernden
Buchenhain nach dem Schlosse zugeht. Mit ihren Aesten verweben sich
die hohen Buchen und wirken ein magisches Dunkel; hier und da ragt ein
Felsenblock hervor an einem Busche und rechts oben blinkt die weiße
Mauer des Schlosses hinter den weißstämmigen Buchen herab. Links durch
die Lücken einzelner Kiefern, welche am schroffen, felsigen Abhange des
Berges ragen, sieht man die Stadt Hartenstein auf der breiten Fläche
des Berges herab ausgebreitet, welches zusammen den interessantesten
Anblick gewährt. So kommt man endlich auf diesem Pfade an den breiten
Fahrweg, welcher sich von der Stadt auf den Berg und an das Schloß
zieht.
Vor dem Thore des Schlosses ist eine starke, steinerne Brücke, welche
über den breiten Graben führt, welcher jetzt aber ausgetrocknet,
begraßt und mit allerlei Gebüschen bewachsen ist. Ueber das Schloß
selbst kann ich wenig oder gar nichts sagen; es ist ziemlich groß, in
gutem Zustande und wird ganz bewohnt. Aber daß man von allen Seiten die
vortrefflichste Aussicht auf alle die schon erwähnten Gegenstände habe,
läßt sich denken. Vorzüglich die Aussicht auf das Muldenthal, worin
sich das Schloß Stein so mahlerisch zwischen den dunklen Waldungen
erhebt, ist eine der schönsten. Auf der Seite gegen Morgen und Mittag
zieht sich ein terrassenförmig angelegter, freundlicher Garten an dem
Berge hinab und erhöht das Angenehme dieser Gegend und des Schlosses.
Auf der Seite vor dem Thore sieht man noch einige schöne Häuser auf
dem Rücken des ansteigenden Berges und alte Linden verbreiten ihren
erquickenden Schatten. --
Nun richten wir unsern Weg wieder zurück nach Schneeberg, wo uns Alles
noch einmal in die Augen fällt und uns mit den freudigsten Gefühlen
erfüllt.
5.
Ueber Schnorrensguth und Auerhammerwerk nach Celle.
Wer sich einige Zeit in Schneeberg aufhält, wird gewiß auch von
dem Schnorrensguthe hören, welches vorzüglich Sonntags von den
Schneebergern häufig besucht wird. Wir wollen daher jetzt auch einen
Spatziergang dahin machen.
Man geht von Schneeberg den sogenannten Stangenberg hinab; man nennt
so den Weg, welcher an den Berg herab nach Schlema führt und unten zu
beiden Seiten mit Stangen versehen ist, um sich fest zu halten.[54]
Wenn man unten ist, geht man rechts den Fahrweg fort, welcher über eine
Brücke führt und mit einem andern quer nach Schlema sich ziehenden
vereinigt. Ueber diesen geht man gerade weg und auf den Pfad, welcher
sich eine Strecke lang an einem lebendigen Zaune fortzieht. Man kommt
sodann auf einen andern ebnen Weg, welcher sich oben um den Berg herum
zieht; auf diesem geht man eine kleine Strecke weiter und betritt
einen neuen, welcher nicht weit von dem Beuthnerischen Hause bergan an
der Spitze des Waldes vorbei beugt und sodann ungehindert die übrige
ziemliche Strecke weit nach dem Guthe führt.[55] -- In dem Walde,
dessen ich erwähnte, ist es sehr romantisch; Fichten, Tannen und
Buchen in schöner Mischung wirken ein liebliches Dunkel, wo bemooßte
Felsentrümmer zur Ruhe und zum Denken einladen, wo verstohlener Vögel
leiser Gesang daher schwebt und aus dem Thale das Geräusch des Tages
dringt. Wie oft habe ich hier auf den weich bemooßten Felsenruinen
gesessen unter der alten Buche, welche ihre dicht belaubten Arme
über mich breitete und unter ihrem Dämmergrün mich aufnahm! Wie oft
in dieser glücklichen Einsamkeit sank der Friede des Himmels in das
aufruhrvolle Herz, wie oft that hier vor meinem Geiste eine glückliche
Zukunft sich auf und goß Entzücken in die jugendliche Brust! Doch die
Jahre schwanden, der Traum zerrann. --
Wir befolgen jetzt den begonnenen Weg und haben auf der Höhe, nicht
fern von dem Walde, den herrlichsten Anblick von dem oft erwähnten
Schlema und der ganzen übrigen Gegend, welche man aus den vorigen
Schilderungen noch kennen wird. Ich versichere im Voraus jeden Fremden,
daß er hier einer Aussicht genießen wird, die über alle Beschreibung
ist; diese Lage, diese Mannichfaltigkeit, dieser hohe Reitz, -- -- o!
Ihr, die ihr des obern Erzgebirges spottet, kommt hierher und seht und
fühlt, und -- ihr ändert gewiß euer Urtheil. --
Hart an dem Wege weiter oben zieht sich nun eine Strecke weit ein
Fichtenwald fort, bei dessen Ende der Weg merklich ansteigt. Wenn man
endlich gegen und auf die Höhe gekommen ist, sieht man hinter einer
Reihe hoher Linden das _Schnorrensguth_ mit seinem großen Garten liegen
und Felder und Aecker, von Waldung eingeschlossen, breiten sich um
dasselbe aus. Dieses Guth gehört jetzt dem Herrn Lagerfactor _Schnorr_
in Schneeberg, welcher es sehr verbessert, geschmackvoller verändert
und ein ziemlich grosses Tanz- und Gesellschaftshaus daran gebaut hat,
welches der Funkenburg in Leipzig fast ähnlich ist.
Das mehrste Vergnügen gewährt der große Garten, worin allerlei
Lauben und Parthien angelegt sind, welche, da sie nicht das Ansehen
des Gekünstelten haben, mehr interessiren, als manche gewöhnliche
Spielereien in solchen Gärten.
Die äußere Gegend, vorzüglich gegen das Thal hinab, ist sehr schön;
auf der flach sich herab senkenden Gebirgsseite, wo wir uns nämlich
jetzt am Ende der Gartenmauer befinden, ist Alles größtentheils Feld
und Acker. Aber uns gegenüber zieht sich ein hohes, waldiges Gebirge
quer herab und so bildet sich unten ein Thal, in welches wir nun gehen
wollen.
Der Weg senkt sich am Saume des Waldes links hinab. Unten müssen wir
über Felsenblöcke klettern und über einen Bach setzen, dann sehen wir
uns in einer ziemlich langen Thalwiese, welche auf beiden Seiten von
dicker Waldung eingeschlossen ist. Es ist hier beständig sehr kühl und
still, nur das monotonische Murmeln des Wiesenbachs, welchen Erlen-
und Haselgebüsche umgrünen, giebt diesem Thale einiges Leben. So geht
man eine Strecke fort, bis der Wald rechts sich plötzlich abbricht
und einer Menge Aecker und Felder Platz macht, welche sich über eine
hügelförmige Fläche bis herab an den Bach ausbreiten; links zieht sich
immer höher der Forst fort und ganz oben sieht man hohe, alte Tannen
stolz darüber ragen. An dem waldleeren Fuße dieses Gebirges liegt
das herrschaftliche Gebäude des _Auerhammers_, welches freundlich
herauf schimmert. Nach und nach werden mehrere Häuser dabei sichtbar,
Rauchsäulen sieht man jetzt empor steigen, immer deutlicher und
lauter wird das Getöse des Hammers und des Wassers. Weiter hinten
sehen wir Gefilde, Häuser und Wald, dort liegt das Städtchen _Aue_.
So kommen wir endlich nach und nach auf das Hammerwerk, welches am
Fuße eines Gebirges hart an dem Schwarzwasser liegt. Dieses fließt aus
einem finstern, waldigen Thale hervor, ist aber weit größer, als bei
Johanngeorgenstadt, indem mehrere Bäche es verstärkt haben.
Die Gegend um Auerhammer hat mir recht sehr gefallen, vorzüglich der
Wald und der Berg mit den bebuschten Felsen hinter dem Herrnhause und
hier die herrliche Aussicht auf die lebhafte Thalebene. Es ist so
friedlich, so ruhig hier, man findet ein Asyl gegen das Geräusche der
übrigen Welt. An das Herrnhaus stößt ein großer Fischteich, auf dessen
baumbepflanzten, breiten Grasufer man einen herrlichen Spatziergang
hat. Ich habe hier sehr vergnügte, frohe Tage verlebt, unter Freunden
die flüchtigen Freuden des Lebens sorglos genossen. -- Klein war deine
Hütte zwar, seliger E., und du selbst arm, aber unsere Freuden waren
groß, und wir sehr reich, denn wir waren zufrieden! --
Von der Schullehrer-Wohnung aus führt ein kleiner Pfad hinauf an
den Saum des Waldes, wo in einem schattigen Halbrund ein kleiner
Tisch nebst einigen Bänken angebracht ist. Von hier aus hat man eine
herrliche Aussicht über die ganze Thalgegend, so wie der Ort an und für
sich sehr angenehm ist.
Jetzt gehen wir von Auerhammer durch das weite Thal hinunter nach Aue
zu, welches der Länge nach vor uns ausgebreitet liegt und wo ein neues,
großes Thal sich herab dehnt. _Aue_ und _Celle_ müssen dem Fremden
als ein Ganzes beinahe vorkommen, denn beide trennt nur die Mulde von
einander, in welche sich hier das Schwarzwasser ergießt, daß durch den
Zusammenfluß dieser zwei in dem obern Gebirge merkwürdigen Gewässer
diese Gegend auf solche Art interessanter wird. Aue ist ein kleines
Städtchen, welches aber durch die unferne Porcellanerdenzeche[56] jedem
Sachsen bekannt seyn wird; von seiner übrigen Lage ist nichts besonders
zu erwähnen. Das auf dem jenseitigen Ufer der Mulde ausgebreitete
Celle aber ist durch seine Lage vorzüglicher. Doch wir wollen über die
steinerne Brücke selbst hinüber gehen.
Am obern Ende des Dorfes gegen das Ritterguth zu zieht sich gegen Abend
eine große, begraßte Ebene hinab, welche auf der einen Seite von der
Mulde und dem hart daran aufsteigenden hohen Gebirge, dessen obern
Theil dunkler Wald bekrönt, -- auf der andern Seite von einem flachen,
mit einzelner Waldung bedeckten Gebirge umgeben ist, und hinten zieht
sich in einem Halbrund ein schwarzer Forst herum, welches einen
ungemein schönen Anblick gewährt. Aber weit romantischer wird dieser
Anblick durch die Kirche, welche weit entfernt von Celle, ganz allein
mitten auf dieser Wiesenfläche steht und auf den ersten Anblick wie ein
kleines Kloster in die Augen fällt. Es ist eine herrliche Aussicht,
welche sehr lebhaft an die Ritterzeiten und Klostergegenden erinnert.
Die entfernte Lage dieser Kirche hat folgendes Mährchen zur Folge
gehabt: Ehedem stand daselbst eine Kirche, welche zu dem ehemaligen
Kloster _Neucelle_, an dessen Stelle jetzt das Ritterguth steht,
gehörte. Da nach der Reformation dieses Kloster, nach dem Schicksale
mehrerer anderer, aufgehoben wurde, so demolirte man jene Kirche und
wollte sie nahe bei dem Dorfe zum Gebrauche für den protestantischen
Gottesdienst wieder aufbauen. Aber, o, welch' Wunder! Nicht nur was
man aufgebaut hatte, war jede Nacht wieder zerstört, sondern Alles lag
wieder an dem alten Orte, wo die Kirche gestanden hatte. Da man nun
eine vergebliche Arbeit sah, so baute man die Kirche wieder da auf,
wo man sie vorher erst nieder gerissen hatte, und -- es fiel keine
Neckerei wieder vor, der Bau ward vollendet. So steht heutiges Tages
noch die Kirche auf ihrem alten Platze. --
Dieses Mährchen wird mit vielen Variationen in dortiger Gegend erzählt
und oft das Ritterguth mit der Kirche verwechselt.
Der Spatziergang durch diese Thalebene ist äußerst ergötzend und wenn
man vorzüglich dann den Weg nach Unter-Schlema wandelt, wird man von
den schönsten Abwechselungen und Vorstellungen der Natur entzückt;
man wird es nicht bereuen, diesen Weg gegangen zu seyn, denn auch
Unter-Schlema liegt sehr interessant. Anmuthige Wäldchen wechseln auf
den grünen Höhen zur einen Seite, so wie fruchtbare Gefilde sich auf
der andern Seite des Thales verbreiten, in welchem die Häuser und Güter
zwischen Obstbäumen versteckt liegen.
Wer dann etwa einigen Durst empfindet, der kehre bei dem Steinmüller
(so heißt der Eigenthümer einer häufig besuchten Schenke,) ein und
labe sich durch einen Trunk Kirchberger-Weißbier, welches man hier
vortrefflich erhält.
6.
Uebrige Gegend um Schneeberg.
Hinter dem Gebirge bei Neustädtel liegt der an und für sich und wegen
der dabei angelegten Torfstecherei wohl bekannte _Filzteich_.
Sein Name zeigt schon an, daß es in seiner Gegend sehr moorig und
filzig sey, und außer dem Teiche erblickt man nichts weiter, als Wald.
Aber man hat eine volle Stunde nöthig, ehe man den Teich umgeht,
daher kann man sich die große Fläche Wasser vorstellen. Er existirt
schon seit dem funfzehnten Jahrhunderte, wo er, da der Schneeberger
Bergbau sehr empor gekommen war, zum Treiben der Räder, welche die
unterirdischen Wasserkünste in Bewegung setzen, angelegt wurde, wozu
er auch noch gebraucht wird. Daher steht er unter bergamtlicher
Jurisdiktion, wird zu gewissen Zeiten gefischt und man hat unter andern
vor mehrern Jahren sehr große Hechte gefangen. -- Bei dem Kanale, durch
welchen das Wasser in ein nahes Haus, worin es sich auf die Zechen
vertheilt, geleitet wird, steht ein Stein, in welchem man »_Dammbruch_«
eingehauen ließt; dieß ist zur Erinnerung an den 4ten Februar 1783, wo
das Wasser den fehlerhaft gewordenen Damm an dieser Stelle durchbrach
und das Dorf Zschorlau überschwemmte, wo es mehrere Häuser fortführte,
viele sehr beschädigte und einriß, daß 18 Menschen umkamen, und so
drang es bis Auerhammer.
Neben dem Filzteiche findet man die große Torfstecherei, welche aber
erst seit 1789. vorzüglich in Gang gekommen ist und jetzt gute Dienste
leistet. --
Seitwärts bei Neustädtel öffnet sich ein großes Thal, worin man vornen
einen ziemlichen Teich erblickt. Durch dieses Thal gelangt man auf
einem sehr angenehmen Wege nach _Lindenau_, einem Dorfe, welches sich
ebenfalls in einem seichten, flachen Thale sehr schön ausbreitet und
durch seine abwechselnde Umgebungen für den Freund der Natur gewiß viel
Reitz hat.
Auf der Poststraße[57] von Schneeberg nach Zwickau kommt man von
Griesbach aus erstlich nach und durch _Weißbach_. Dieses Weißbach ist
ein schönes, großes Dorf von einer vortrefflichen Lage, vorzüglich die
Gegend bei der Kirche ist so romantisch, so einladend, daß man mit
Mühe sich davon trennt. Ich würde mich, so wie über die nachfolgenden
Gegenden, gern weiter verbreiten; aber für mich endigt sich hier das
obere Erzgebirge. Die Berge werden kleiner, die Wälder seltener und von
hier an erblickt man meistentheils Aecker und Felder, kurz, hier ist
der Abfall des Wildromantischen und der Anfang des Fruchtbaren und ganz
Gefälligen. Man übersieht hier die Gegend um Zwickau, dessen Thurm man
auf der Höhe gegen Abend hin auch schon wahrnimmt; ferner stellt sich
auch die Gegend bei _Wildenfels_, nah und fern, dar, und dieses Alles
ist ja kein oberes Erzgebirge, welches einzig nur der Zweck dieser
Schilderungen ist. Es sei daher Andern überlassen, jene Gegenden zu
durchwandern; ich muß meiner Absicht getreu bleiben.
Der _Keilberg_ bei Schneeberg, dessen ich auch erwähnte, ist kein
hoher und vorzüglicher Berg; es ist vielmehr ein breites, sanft und
allmählich ansteigendes Gebirge, auf dessen Fuße eigentlich Schneeberg
liegt, wenn man es genau betrachtet. Auf der Höhe des Keilberges trifft
man in der dünnen Waldung mehrere niedrige Felsen und Felsenblöcke, so
wie dahinter einige Teiche. Auf dieser Höhe hat man eine vortreffliche
und weite Aussicht.
Auch habe ich vorn von einem _Wolfsberge_ gesprochen; dieser liegt
gleich dem Schneeberge gegenüber und bildet mit diesem ein Thal, durch
welches der Fahrweg nach Schlema herab geht. Dieses Gebirge bricht sich
dem Stangenberge gegenüber gegen Morgen hinab, an der Ecke ragt ein
ziemlich hoher Fels auf, worin man den Eingang einer Höhle erblickt,
welche aber nur etwa eine Elle lang ist. An diesem Berge stehen einige
Eichen, die einzigen in der ganzen Gegend. --