geht, sieht man mehrere große, von Gebüschen beschattete Felsen, davon
einer vorzüglich der _Pandurenfels_ genannt wird. Im siebenjährigen
Kriege nämlich lagen hier eine Zeit lang Panduren, welche die Stadt
beängstigten. Auch erzählt der gemeine Mann, daß es in dieser Gegend,
hauptsächlich bei den zwei Tannen nicht richtig wäre, daß man in der
Mitternachtsstunde bisweilen ein Feuer habe brennen sehen, daß ein
großer Schatz daselbst vergraben liege, welchen ein fürchterlicher
Unhold bewache u. d. g. m. In den ältern Zeiten sollen Personen auf
diesem Berge abhanden gekommen seyn, vorzüglich erzählt man von einem
gewissen _Beuthner_, daß derselbe eines Tages auf den Kleesberg
spatzieren gegangen, aber nicht wieder gekommen sei; die ganze Gegend
sei ausgekundschaftet und untersucht, und in den alten Schächten
gegraben worden, dennoch sei keine Spur von ihm zu entdecken gewesen.
Die Geschichte ist wahr, kann aber auch aus den natürlichsten Gründen
erklärt werden; denn jetzt noch giebt es an dem Berge herum viele tiefe
Löcher, deren Rand sehr locker ist: -- wie bald konnte nicht zu jener
Zeit der erwähnte Beuthner, welcher ein Bergmann war, an ein solches
Loch gekommen, mit dem lockern Rande hinab gestürzt und so verschüttet
worden seyn?! --
Hinter dem Pandurenfels zieht sich ein Fahrweg durch den Wald, welcher
nach Aue führt. Hier sind viele Sandgruben, welches in dem Grün der
Gebüsche auf eine besondere Art auffällt; denn diese Sandgruben
haben mehrere Eingänge und inwendig niedrige Pfeiler von dergleichen
Sandsteinen, daß sie den Leichengrotten der Vorzeit nicht unähnlich
sind.
Nun gehe man weiter oben über den Weg und in das dünne Gebüsch; man
steigt über Felsenblöcke ein wenig hinab und plötzlich sieht man sich
auf der schmalen Spitze eines hohen, schroffen und klippenvollen
Felsen, vor welchem sich ein dunkles, tiefes Thal von hohen, dichten
Tannen bedeckt, hinab dehnt. Weit hinunter sieht man die abgerollten,
mit Moose sparsam bedeckten, Felsenmassen aus feuchten Gestrippen
blinken; eine grause, bange Stille herrscht, die nur das monotonische
Gemurmel des fernern Waldbachs unterbricht, -- kein Vogel singt, kein
Käfer summt hier, nur bläuliche Nattern rascheln durch das dürre Laub
zwischen den tiefen Ritzen, nur der Fuchs und der Habicht verzehren
hier in Ruhe ihren Raub und eine schauerliche Kälte herrscht ewig
um dieses Felsengethürm. -- Banger Schauer bebt durch die Glieder,
starrende Angst hemmt auf Secunden des Blutes Lauf, wenn man sich so
plötzlich auf der Spitze dieses Felsen und den schrecklichen Abgrund
vor sich sieht; unwillkührlich beugt sich der Fuß zurück und die Hand
greift gewaltsam nach den überhangenden Aesten der nahen Tanne. So
starrt man hinab in das Thal des Todes und fühlt sich schon bei dem
Gedanken; »wenn ich jetzt ausglitte!« -- halb todt, sieht sich mit
zerschmettertem Haupte unten zwischen den spitzigen Blöcken im Geiste
schon liegen, wie das blutige Hirn umher gespritzt an den bemoosten
Klippen klebt und eine blutige Bahn den schrecklichen Sturz bezeichnet.
Nun wollen wir zur Seite hinab steigen, aber, ob es hier herab gleich
keine besondere Gefahr giebt, so nimm dich dennoch in Acht, da die
Steine locker sind und die dürren Tannennadeln[49] den Boden sehr
schlüpfrig machen. Unten klimmen wir über die zerstreuten Felsenblöcke
und haben nun den hohen, zu beiden Seiten von alten Tannen und
Buchen umgebenen, Fels vor uns, an welchem wir mehrere von der Natur
gebildete, bequeme Sitze wahrnehmen.
Majestätisch und ernst hebt das schwärzliche Steingethürm an
dem steilen Gebirge sich auf und ladet zu ernsten und heiligen
Betrachtungen. Ueberhaupt, wenn man den Ossian recht mit Genuß lesen
will, muß man ihn auf Wanderungen durch das obere Gebirge lesen. Da
sieht man _Kolma_ auf Felsen und Bergen nach ihrem _Salgar_ rufen, und
_Fingal_ die Krieger sammeln, und _Oskar_ an _Kormalo_ den an _Argon_
und _Ruro_ begangenen Meuchelmord rächen. O! hier zwischen Bergen und
Tannenwäldern, unfern des rauschenden Waldstroms auf einem Felsen
sitzend Ossians Gedichte zu lesen, welch ein erhabener Genuß! --
Wenn man sich ganz unten im Grunde des Thales durch Fichtengebüsche
gedrängt und über einen kleinen Bach gesetzt hat, kommt man plötzlich
in eine kleine, begraßte Fläche, rund herum von waldigen Bergen
eingeschlossen, in deren Hintergrunde eine Mühle, die Heßmühle genannt,
liegt. Auch hier ist es sehr romantisch und sonderbar nimmt sich das
Geräusche der Mühle und des Wassers aus. Von hier durch die minder
dichte Waldung des Thales kommt man endlich nach Zschorlau,[50] welches
zwischen zwei sanft abhängenden Gebirgen ausgebreitet liegt und unter
die vorzüglichen Dörfer des obern Erzgebirges gezählt wird.
2.
Das Gerichtswäldchen und das Hammerholz.
Wenn man an das Schießhaus kommt, sieht man gegen Nord-Ost auf einer
sanften, von Feldern eingeschlossenen, Anhöhe ein kleines Wäldchen,
welches das Gerichtswäldchen heißt; ehedem war nämlich daneben der
Gerichtsplatz und noch 1799. stand eine Radsäule da. Jetzt aber ist
alles urbar gemacht, und man sollte überhaupt überall die Brandmale der
Menschheit demoliren und alle Gerichtsplätze urbar machen, damit aus
dem Boden, der Verbrecher-Blut trank, für die Menschheit wenigstens
noch einiger Segen keime. Und soll ja ein Verbrecher hingerichtet
werden, so wird sich gewiß noch ein Plätzchen finden. Aber daß man
besondere, eingerichtete Plätze und schön gemauerte Galgen _noch_ hat
und darauf hält, dieß läßt schließen, daß man von den Menschen, also
von sich selbst, Alles fürchtet und nichts hofft. So bauen sich die
Menschen ihre eigenen Schandmäler! --
Doch von dieser kleinen Ausschweifung kommen wir wieder zurück und auf
den Weg, welchen wir nach dem Gerichtswäldchen hin betreten haben,
nämlich die Lindenallee vom Schießhause an. Es ist Schade, daß diese
Allee so ungleich und bisweilen holpricht ist, daß sie nicht besser
conservirt wird; sonst hat sie manches Angenehme. Zu Anfange hat man
rechts die Hopfenplantagen, um welche sich der verstorbene Kaufmann
_Etler_ so verdient gemacht hat und wodurch dem Brauwesen in Schneeberg
kein geringer Vortheil erwachsen ist. Weiter unten geht es sich, an
einem schön gezogenen Fichtenzaune vorbei, äußerst angenehm durch den
duftenden Hopfengarten. Ueberhaupt ist die Partie um das Schießhaus
nicht übel und könnte bei einer gewählteren Anpflanzung der Lauben und
mehrerer verschiedenartiger Bäume recht schön genannt werden.
Jetzt sind wir da, wo sich die Allee verliert und, links nach dem
Keilberge zu, ein Fahrweg sich abbeugt, welcher über _Langenbach_ nach
_Wildenfels_ hinführt. Wir aber gehen immer den geraden Weg fort, bis
wir auf der Höhe sind und eine, hinten von Waldung eingeschlossene,
mit Wiesen und Gebüschen zum Theil geschmückte, seichte Thalfläche vor
uns haben. Rechts nicht weit von der Straße erhebt sich ein kleiner,
aber zum Sitzen und Umsehen bequemer, Fels; auf diesen zu gehen wir,
ersteigen ihn und blicken uns um und haben eine neue Ansicht der
Gegend; obgleich zwar die Aussicht nicht weit ist, so ist sie doch
immer schön genug und abwechselnd.
Vor uns gegen Mittag sehen wir Schneeberg ausgebreitet, hinter welchem
der Rücken des nahen Gebirges hervorblickt und weiter hinten am
Horizonte ragt aus der Mitte waldiger Berge in ungewissem Grünblau der
Auersberg auf. Rechts hinter dem ausgebreiteten Keilberge blinkt die
Griesbächer Kirche von der waldbekränzten Höhe herüber, hinter uns
breitet sich die schon erwähnte Fläche bis an den aufsteigenden Wald
hinab. Links aber nicht weit von uns sehen wir das Gerichtswäldchen,
hinter welchem in größerer Entfernung der auf einer Seite waldige
Kleesberg mit seinen zwei Tannen sich erhebt und dann als ein, mit
Feldern und Häusern sich ausbildendes, minder steiles Gebirge sich
hinabzieht und Schlema auf der Morgenseite einschließt. Gegen Morgen zu
liegt das Hammerholz und hinter demselben dehnen sich allerlei Berge
dahin, auf und an welchen man theils Wälder und Fluren, theils einzelne
Häuser und Dörfer wahrnimmt, unter welchen letztern sich wiederum das
hohe _Bernsbach_ ausgezeichnet darstellt. Im Ganzen enthält diese
Aussicht hier genug Angenehmes und Abwechselndes. Bei dem Felsen,
auf welchem wir stehen, finden sich mehrere Vertiefungen und Halden
ähnliche Hügel, woraus man sieht, daß hier in den ältern Zeiten eine
Zeche gewesen seyn muß.
Nun steigen wir wieder herab und gehen auf einem sparsam betretenen
Fußsteige auf das nahe Gerichtswäldchen zu, welches, wenn es auch
kalten und gefühllosen Modeseelen gleichgültig scheinen mag, dennoch
für den Freund der Natur viel Anziehendes hat. --
Es dehnt sich dieses Wäldchen auf dem höchsten Puncte der Anhöhe
gegen Morgen hinab und ist rings herum von Aeckern und Feldern
umgeben. Oben ist der Boden felsig und man hat eine angenehme Aussicht
daselbst: der übrige Boden ist zum Theil begraßt und mit Blumen und
Beersträuchern bewachsen. Die Bäume auf der obern Seite sind hohe
Kiefern und alte Buchen, in welchen letztern man viele Namen und
Buchstaben eingeschnitten findet; auf der untern Seite breitet sich
eine Anpflanzung junger Kiefern aus und fast in der Mitte erblickt man
schattige Buchengebüsche, worin man Lauben mit Moosbänken antrifft.
Dieses Gerichtswäldchen hat sehr viel Romantisches, und Liebende haben
gewiß oft hier gewandelt und geweilt, wenigstens lassen dieses manche
eingeschnittene Namensbuchstaben und die Beschaffenheit dieses Haines
vermuthen. Uebrigens hat man eine herrliche, freie Aussicht hier und
daher einen doppelten Genuß.
Nun gehen wir von da den breiten, begraßten Weg hinab bis an das
vorliegende Guth und dann hinter dasselbe an dem lebendigen Zaune fort
gegen das Hammerholz zu. Dieses Hammerholz ist ein in ein kleines Thal
hinab- und auf der andern, hohen Seite wieder hinauf sich ziehender,
Wald, von Fichten, Kiefern, Tannen und Buchen. Doch wir sind jetzt am
Ende des erwähnten Zaunes, wo der Weg bergab geht und bald stehen wir
vor dem Walde. --
Man betrete den Weg, welcher durch Fichten gerade hinab führt. Zur
rechten Seite zieht sich parallel mit dem Wege eine kleine, grüne,
von Gewässern durchschnittene und von den, auf beiden Seiten ragenden
Bäumen, umdunkelte Schlucht hinab, an deren Ausgang links ein klarer
frischer Quell zwischen den Gesträuchern hervor quillt und die Wiese
tränkt, auf welche wir jetzt gekommen sind. Es ist ein überraschender
Anblick, wenn man den kurzen Weg durch den Wald herab gegangen ist und
nun auf einmal auf einer langen, beblumten Wiese sich sieht, welche ein
von Hasel- und Erlensträuchern beschatteter Bach murmelnd durchfließt.
Links oben ist diese Wiese in einem Oval von Waldung umgeben, hinter
welcher sich ein röthlicher, steiler Berg aufhebt, dessen Scheitel
ein dunkler Forst krönt; aus dem dunklen Grün der fernen Gebüsche
schlängelt sich der Bach herab und belebt durch sein sanftes Murmeln,
so wie die aus dem Walde tönenden Gesänge der Vögel, das einsame,
freundliche Thal. Uns gegenüber hat sich die Waldung getheilt; eine
grünende Anhöhe erhebt sich mahlerisch, auf welcher oben zwei schlanke,
hohe Tannen ein schönes Thor bilden. Wo diese Anhöhe beginnt, vor uns
rechts, ragt ein hoher bemooßter Fels, von hohen Fichten und Tannen zur
Seite umgeben und auch auf seiner Höhe, (denn er ist mit dem dahinter
steil aufsteigenden Gebirge verbunden,) breitet sich ein dunkler Wald
aus und zieht sich so durch das Thal hinab. Rechts hinunter sehen wir
den Ausgang des Thales und der Wiese, wo sich uns ein Theil von Schlema
und das drüben mit Güthern und Fluren geschmückte Gebirge darstellt,
auf dessen Rücken sich ein schwarzer Wald ausbreitet. O! gefühlvoller
Leser, könntest du doch nur selbst dieses erfreulichen Anblicks
genießen, was würdest du empfinden, welche Wonne würde deine Brust
durchzittern! Die Sprache ist dazu zu arm! --
Nun gehen wir über den Bach und am Saume des Waldes linker Hand die
Anhöhe hinan. Auf dieser Seite finden wir oben wiederum, im Gebüschen
versteckt, eine kühle Quelle; jetzt wenden wir uns rechts und zwischen
zwei vorragenden Waldspitzen, vor welchen die erwähnten beiden Tannen
ein Thor bilden, und kommen nun erst auf den breiten Rücken der Anhöhe,
wo wir wieder einen angenehmen Anblick haben. Wir sehen hier nämlich
einen großen Theil des Schönburgischen Landes, einzelne Häuser und
Dörfer, Fluren und Wälder, Berge und Thäler; vorzüglich nimmt sich
das auf einer Höhe liegende Lösnitzer Schießhaus sehr schön aus. Wenn
wir uns nach Mittag umkehren, sehen wir Schneeberg und einen Theil
seiner Gegend, den Kleesberg und gegen Abend hin den hochliegenden
Gerichtswald; vor uns breitet sich das Hammerholz in dem Thale aus und
der ganze Anblick, den man durch das Thor der Waldung hat, ist ein
lebendiges Panorama der Natur.
Wir treten den Rückweg an, wenden uns aber links auf die von allerlei
jungen Buchen und Buchengebüschen beschattete Fläche des Berges,
welchen wir zuerst im Thale uns gegenüber hatten und aus dessen
waldigem Fuße jener Fels ragt.
Hier durch diese Buchengänge wandelt man äußerst angenehm; es
scheint hier beinahe, als hätte die Kunst diese schlanken Buchen so
angepflanzt und diese Gänge gebildet, lächelte nicht aus Allem die
schöpferische Kraft und unnachahmliche Einfachheit der Natur hervor.
Von sich selbst beugen und verweben sich junge Buchen zu schattigen
Lauben und unverhofft ladet ein bemooßter Stein zur Ruhe; Vögel singen
zärtliche Melodien aus versteckenden Grün und Schmetterlinge spielen
über nickende Halme. Hier sieht man die Liebe verschlungen weilen,
hier sie Blumen pflücken und Kränze in den Tempellauben aufhängen, zur
Erinnerung einstiger Seligkeiten. Und wann der Mond sein Zauberlicht
über die Gefilde gießt und die Schöpfung ruht, und sehnsuchtsvoll die
Brust sich hebt -- -- Mir fielen _Hölty's_ Worte ein:
Geuß, lieber Mond, geuß deine Silberflimmer
Durch dieses Buchengrün,
Wo Phantasei'n und Traumgestalten immer
Vor mir vorüber fliehn!
Enthülle dich, daß ich die Stätte finde,
Wo oft mein Mädchen saß,
Und oft, im Wehn des Buchbaums und der Linde,
Der goldnen Stadt vergaß! -- --
Seitwärts drüben führt durch den Wald ein Weg hinunter nach Schlema, wo
man beim Ausgange des Waldes auf dem Berge plötzlich durch den schönen
Anblick des durch das Thal ausgebreiteten Dorfes überrascht wird. Der
Weg durch Schlema nach der Stadt ist dann sehr angenehm und durch
manche Abwechselungen unterhaltend.
3.
Die Eisenburg bei Willbach.
Der Weg von Schneeberg bis _Willbach_, einem schönen Dorfe, ungefähr
eine starke Stunde von der Stadt gegen Mitternacht zu, hat allerlei
Angenehmes. Man geht nämlich bei dem Schießhause vorbei jener Anhöhe
zu, die wir schon betraten, wo der kleine Fels ragt und nicht weit
davon das Gerichtswäldchen liegt; ein breiter Fahrweg führt uns
ziemlich eben dann eine Strecke bis an die Gebüsche des Waldes
fort. Hier wenden wir uns rechts auf den Pfad, welcher sich drüben
am Saume des Waldes als breiterer Weg die Anhöhe hinan zieht. Das
Gerichtswäldchen, das Hammerholz und die ganze Gegend gewinnt eine
neue, auffallende Ansicht; vorzüglich schön nimmt sich der Anblick des,
zwischen dem Fels und dem Gerichtswäldchen, hinter der Höhe hervor
blinkenden Kirchthurms, so wie des daneben hoch ragenden, fast überall
sichtbaren Kleesberges aus.
So gehen wir weiter und kommen auf die Willbächer Felder, welche sich
freundlich über das breite Gebirge ausbreiten. Hier haben wir nun
wieder eine herrliche Aussicht; Schlösser sehen wir auf Bergen ragen,
worunter vorzüglich das _Hartensteiner_ Schloß mit seinem umgebenden
Buchenhain sich mahlerisch auszeichnet, -- die Berge werden kleiner,
wenige Wälder sehen wir, aber desto mehr fruchtbare Gefilde, und wo
wir Wälder erblicken, bestehen sie meist aus Laubholz. So breitet
sich an einem Gebirge der große Buchenwald hinab, in welchem man die
Prinzenhöhle antrifft. Kurz, hier sehen wir das Fruchtbare, Gefällige
und Freundliche des Erzgebirges beginnen; es fängt ein ganz neuer
Styl der Gegend an, das heißt aber, jenseits der Mulde, welche hinter
Willbach in dem tiefen Thale herab nach dem Schlosse _Stein_ zu fließt.
So finden wir in der Gegend um Willbach viel Interessantes. --
Um nun die Eisenburg zu finden, gehen wir nach der Kirche zu, also an
das Ende des in einem seichten Thale herab sich ziehenden Dorfes, wo
sich dann eine wilde Schlucht hinab dehnt und in den schwärzlichen
Forst verliert. Willbach ist ein hübsches, schönes Dorf, wohin man
aus Schneeberg vorzüglich zur Zeit, wenn die Kirschen reif sind,
häufig wallfahrtet und auch außerdem hier eine Milch einnimmt. Was mir
auffiel, weil ich es noch nie sah, war der Glockenstuhl; denn da kein
Thurm auf der Kirche ist, (er müßte vor Kurzem darauf gebaut worden
seyn) hängen die Glocken in einem besondern Schuppen neben der Kirche.
Aber mir fiel blos ein, daß eine Kirche, welche Glocken besitzt,
wenigstens einen zweckmäßigen Platz dazu, einen Thurm haben sollte,
-- wär er auch klein oder ein ~quid pro quo~. Der Characterstuhl kam
mir vor, wie ein neuer Dichter oder Schriftsteller; seine Werke haben
vielleicht einen reinen und schönen Klang, -- aber er kann sie nicht
hoch genug hängen, um die literärischen ~pias fraudes~ zu läuten, daß
der sehnsüchtig ausgestreckte Klingelbeutel von der Neugierde der
selten kommenden Eingepfarrten und Filialdörfler desto schwerer werde.
-- Bei dem großen Pfarrhause und der kleinen Kirche gehen wir jetzt
vorbei und bald sehen wir uns im Freien. Vor uns dehnt sich ein dunkler
Wald aus und ein dahin führender Weg zieht sich am Rande der erwähnten,
wilden Schlucht eine Strecke fort; dann kommen wir auf einem alten,
rasigen Fahrweg, welcher hin zur nahen Eisenburg führt. Ein Schauer
überfällt einen, wenn man in das schweigende Dämmergrün des Waldes
tritt und unfern zwischen den Tannen und Fichten die Ruine der Burg und
den dicken, verfallenen Thurm ragen sieht.
Diese Eisenburg war vor alten Zeiten ein Raubschloß und soll durch
einen unterirrdischen, tiefen Gang, welcher sogar unter der Mulde
weggehen soll, mit dem Schlosse _Stein_ in Verbindung gestanden haben.
Man hat aber noch keine Spuren dieses unterirrdischen Ganges entdecken
können. Als der Kaiser Maximilian viele solcher Raubschlösser schleifen
ließ, hatte auch die Eisenburg dieses Schicksal. Sie liegt auf einer
Gebirgsecke an der Mulde, rings herum ist hoher Wald; aber man möchte
fragen, ob dieser Wald auch sie in jenen alten Zeiten umgeben haben
mag? -- Ich glaube, nach der Beschaffenheit der Gegend und des Bodens,
daß, wenn auch nicht dieser Wald sie umgeben hat, sie dennoch in
einem dichten Walde versteckt gelegen habe, wie viel andre dieser
Raubschlösser.
Man sieht noch den innern Hof, Pforten, Treppen und Hallen, so wie
einen starken, nicht hohen Thurm, aber freilich zerstört und im Ruin.
Aber diese Burg muß sehr fest gewesen seyn, welches man noch aus den
traurigen Ueberresten wahrnehmen kann. Besondere Gefühle regen sich
in der Brust, wenn man im trauernden Kreise dieser Ruine sich sieht,
und wem Matthisons meisterhafte _Elegie in den Ruinen einer alten
Bergveste_ bekannt ist, erinnert sich hier gewiß lebhaft derselben.
Doch, wenn es den Leser nicht belästigt, wage ich jetzt, ein Gedicht
hier einzurücken, welches ich einst in den Ruinen der Eisenburg nieder
schrieb.
Empfindungen in den Ruinen der Eisenburg.
Jahre schwinden, ewig durch die Räume
Wandeln Sonnen ihre alte Bahn;
Einmal währen nur der Menschen Träume,
Einmal dauert nur des Lebens Wahn.
An der Schande grausen Mälern nagt der Zahn der Zeit,
Aus des Ruhmes Diamant blitzt nur Vergänglichkeit. --
Banger Ernst umdunkelt dieß Gemäuer,
Einst ein fester Sitz der Tapferkeit
Wilder, raubbegier'ger Ungeheuer, --
Jetzt die Beute der allmächtgen Zeit;
Eulen wimmern hier um Mitternacht ihr Schauerlied,
Sturmwind beugt die Distel, die aus der Ruine blüht.
Wildes Moos grünt an den öden Wänden,
Wo mit ihrem Haus die Schnecke schleicht;
Frech Gestripp verstrickt mit seinen Enden
Jene Treppe, die dem Fuße weicht;
Aus dem feuchten Schutte schlüpft der Molche Brut hervor,
Hagedorn blüht aus des Fensters lockern Sims empor.
Auf des Thurmes tief gespaltner Mauer
Dehnet sich ein junger Fichtenwald; --
Dieß war sie, die einst geträumte Dauer,
Dieß der Thurm, der unzerstörbar galt,
Dieß der Trotz der oft Belagerten und ihre Macht; --
Und nun steht zerborsten er, bemooßt und unbewacht!
Manche Beute ward einst hier vergeudet,
Manches Wandrers Haabe hier verzehrt;
Manche Jungfrau, manches Weib erbeutet
Und beim üpp'gen Mahle frech entehrt;
Ketten rasselten und Seufzer stöhnten im Verließ,
Rieden bellten, wenn zur Jagd ihr Herr ins Hifthorn stieß.
Und ein frommer Pfaff vergab die Sünden
Jährlich für ein wohl besorgtes Mahl;
Wußte selbst den Himmel nicht zu finden,
Dessen Gnade Andre er empfahl, --
Kannte seines Klosters Weine und Gebete nur,
Fühlte glücklich sich bei seiner mästenden Tonsur. --
Oder wandelte im Grün der Tanne
Eine Jungfrau einsam durch das Moos,
Seufzte glühend nach dem schönen Manne,
Dessen Bild entzückend sie umfloß: --
Und nun trat er plötzlich kosend aus dem Busch zu ihr,
Bat um Liebe, und -- bald standen sie verschlungen hier. --
Aber jetzt herrscht um die grausen Trümmer
Dumpfes Schweigen, ew'ge Dämmerung;
Geister wandeln in des Mondes Schimmer, --
Schwerdt und Lanze zischt in wildem Schwung',
Rosse stampfen vor dem halb verfallnen Bogenthor:
Wer ist da? -- »Der Tod und sein Gefolge!« schallt's empor.
Und es spornt der Tod herein den Rappen,
Seine Schwester fliegt voran, die Zeit;
Ihn bedienen tausend bleiche Knappen,
Ihre Zofe heißt Vergänglichkeit.
Moder rieche ich und Blut erblick' ich überall,
Särge folgen, krachend hör' ich der Trophäen Fall.
So durchstürmen ewig sie die Erde,
Schrecken und Entsetzen ihre Bahn;
Nichtseyn zuckt aus jeglicher Geberde,
Alles wird Ruin, was sie nur sah'n.
Was des Menschen Hand gebaut, ist endlich doch sein Grab,
Dann ist alle Kunst vergebens und er sinkt hinab! --
Lehre du, begraßtes Burggemäuer,
Dieses Lebens Unbeständigkeit!
Alles, sey es uns auch noch so theuer,
Alles morden dennoch Tod und Zeit! --
Hänge nie an dieser Erden Güter je dein Herz,
Tobe in der Freude nicht, verzage nicht im Schmerz! --
4.
Ueber Stein zur Prinzenhöhle.
Weiter oben durch Willbach findet man den Weg nach Stein. An den
Feldern schließt sich ein großer, dichter Wald, meistentheils aus
Buchen bestehend, an, welcher der _Steinische Wald_ in dasiger Gegend
genannt wird und im Rufe der Spuckerei bei dem gemeinen Mann sonst
stand und zum Theil noch steht. Man findet aber auch weit und breit
keinen solchen Buchenwald; so viel ausgewachsnes Tannen- und hartes
Holz, von solcher Menge und Stärke, giebt es wohl in Sachsen wenig. Es
ist sehr kühl in diesem Walde, aber an einigen Stellen wiederum sehr
schauerlich und heimlich. Man trifft ganze kleine Himbeerwälder darin
an, deren Früchte von einem besondern stärkenden Geschmacke sind.
Uebrigens aber ist es einsam, und wenn zwei Menschen einander begegnen,
erschrecken sie gewiß anfänglich vor einander. An einigen Stellen soll
sich zu gewissen Zeiten eine weiße, verschleierte Frau sehen lassen,
welche ein großes Buch trägt und beständig in dem dürren Laube am
Boden wühlt. -- Sonst gab es auch viel Wild in diesem großen, dicken
Walde, besonders Schweine, die sich sehr gut von der zahllosen Menge
der Buchennüsse nähren konnten; jetzt aber hat sich dieß ganze Wild an
die Tafeln der Großen verhandelt. Der Weg ist bei trockenem Wetter sehr
gut, hingegen wenn es geregnet hat, ist fast kein Fortkommen, da der
Boden lehmigt ist; vorzüglich wenn es bergab geht, kömmt man sehr übel
an.