In Südwesten ragte über die nahen Gebirge in blauer Entfernung der

schon erwähnte _Fichtelberg_ hervor. Weiter gegen Westen breitete

sich ein Theil des Voigtlandes, des Erzgebirges, des Altenburgischen

und des Schönburgischen, wie eine Landkarte aus. Dörfer und Städte,

Thäler, Hügel und Berge, Fruchtland und Waldungen wechselten so

angenehm und so frey ohne gezwungene Ordnung mit einander ab, daß

wir uns davon kaum loszureissen vermochten. Eibenstock, Schneeberg,

Zwickau, Crimmitschau, Altenburg, Hohenstein, Lichtenstein,

Annaberg, Scheibenberg waren mit bloßen Augen ohne Schwierigkeit zu

unterscheiden. Und die Menge Dörfer, welche vor uns lagen, lassen sich

nicht alle herzählen. Gegen Nordosten lag der König der sächsischen

Gebirge und bedeckte die Aussicht in das ebene Land Böhmens. Südöstlich

lag Johanngeorgenstadt in einer Einöde rund mit Waldungen umgeben; und

weiter südlich war, so weit das Auge reichte, die Waldung kaum durch

ein einzelnes Waldhaus unterbrochen. Jetzt wünschten wir den Thurm

wieder hergestellt, welchen einst ein sächsischer Regent auf die Spitze

dieses Berges zu seinen Vergnügen, wenn er hier jagte, hatte bauen

lassen; wovon auch noch die Spitze des Berges der _Thurm_ genannt wird;

träumten uns dann die ungleich größere Aussicht, dachten uns unser Auge

mit einem Herschelischen Telescop bewaffnet! Die Erde, welche nun jetzt

schon so groß, so schön sich uns darstellte, würde es gewiß dann noch

mehr seyn; und welchen Horizont hätte hier der Astronom!

Mit einem Wort, ich kann dir die Freude nicht beschreiben, welche ich

diesen Tag auf dem Auersberg genossen: unvergeßlich wird er mir seyn,

denn zu tiefe Eindrücke haben alle, die von mir daselbst zum erstenmal

gesehenen Erscheinungen in meiner Seele gemacht. Noch eine Bemerkung,

welche ich diesen Morgen beym Aufgang der Sonne machte, muß ich dir

mittheilen. Ich erinnerte mich an die Urgeschichte der Welt, und

überzeugte mich fest: Moses, oder wer der Verfasser derselben ist,

hat auf einem hohen Berg den Aufgang der Sonne gesehen, und bei der

Beschreibung der Schöpfung kopirt; denn alle Erscheinungen folgten fast

in der von ihm angeführten Ordnung.

_Es war finster auf der Tiefe. Gott sprach: es werde Licht, und es

ward Licht._ Das hab ich heute mit meinen Augen gesehen, daß, und wie

es Licht ward, ohne eine Sonne zu sehen. _Es sondern sich Wasser von

den Wassern und bilden eine Veste._ -- Hier hat der Verfasser Nebel

aufsteigen gesehen, welcher das flache Land bedeckt, und sich nach und

nach zu Wolken gebildet hat. Damit man das flache Land von den Wässern,

Flüssen, Seen, Meeren u. s. w. unterscheiden könnte, läßt er den

Schöpfer eine Absonderung gebieten. Die Nebel schwanden, und man sah

Trocknes und Erde. -- Jetzt sahe er Pflanzen, Gräßer und Bäume auf der

Erde -- diese mußte der Schöpfer nun schaffen. --

Jetzt gieng die Sonne wirklich auf. Doch du wirst, ohne mich, die

Idee sehr leicht weiter ausdehnen können. Dieser Gedanke soll

keine Erklärung der Urschrift seyn; sondern ich führe ihn nur der

Aehnlichkeit wegen an.

5.

Von Wildenthal über Eibenstock nach Ober- und Unterblauenthal.

Das Hammerwerk Wildenthal liegt nicht übel in einem tiefen Thale, an

dem einen Fuße des Auersbergs. Das Herrschaftshaus, hinter welchem

sich eine waldleere, grüne Bergseite, mit einem am Saume des Waldes

hervor stehenden Hause, erhebt, nimmt sich vorzüglich gut aus.

Ueberhaupt herrscht eine auffallende Thätigkeit und Lebhaftigkeit in

diesem einsamen, wildromantischen Thale; das Geräusch der Hämmer,

des Fuhrwerks, des Wassers, der dazwischen tönende Klang der kleinen

Glocke, -- und wer zählt all das Geräuschvolle in diesem Thale hier

auf? --

Sehr angenehm aber ist vorzüglich von hier aus der Weg nach Eibenstock

zu.

Nicht weit von dem Wirthshause geht man über eine Brücke, unter

welcher sich ein röthlicher Bach über Granitblöcke schäumend wälzt

und in kleinern Gräben dann auf die Räder vertheilt, welche hier in

einigen Hütten gehen. Zugleich senkt sich hier das Thal tiefer, so daß

man jetzt an der untern Seite eines Berges fortgeht und den Rest des

weit hinab sich dehnenden Thales zur Rechten hat. Der Weg zieht sich

links an dem hohen Gebirge hin, ist eben und fest, und so über eine

Stunde fast lang zu beiden Seiten abwechselnd und gemischt von Buchen

und Tannen beschattet. Je weiter man wandert, desto angenehmer wird

es; große, bunte Felsenblöcke ragen dicht zwischen den hochstämmigen

Fichten, Buchen und Tannen, welche die linke hohe Gebirgsseite bis zum

Wege herab beschatten, hervor; von da senkt sich sogleich der dunkle

Wald wieder hinab in das Ende des Thals, aus welchem das Gemurmel des

Waldbachs dringt. Gebrochene Tannen liegen trauernd hier und da, und

durch die Lücken der Waldung sieht man drüben die kahlen, oft von

Buchenhölzern und Felsen belebten, übrigen verschiedenen Gebirgsseiten

hervorragen, vorzüglich den Abfall des Auersberges. Hier herum wachsen

viele stärkende und gesunde Kräuter, deren Duft zur Abendzeit im Sommer

den Geruchsinn lebhaft ergötzt.

Ich wanderte diesen Weg einst in einer warmen, mondhellen Sommernacht;

aber es war schaurig, der Mond bildete allerlei Gestalten, die tiefste

Stille herrschte, nur vom Gewimmer flatternder Eulen unterbrochen, der

Bach rauschte unten so einförmig dahin; ich war allein, und damals

von düstern Gedanken umlagert. Aber es war dennoch schön, eben dieses

schauerliche Wesen schuf mir Genuß! Auf einem hohen Felsenblocke

saß ich, mitleidig stahl durch den Raum schwarzer Tannen des Mondes

bleicher Strahl sich zu mir herab, mit trübem Blicke sah ich die

glückliche Vergangenheit im fliegenden Rosengewande vorüber schweben

und trauernd blickten auf mich die geschiedenen Freuden, -- als

ich auf einmal langsam Tritte daher schallen hörte, ich fuhr empor.

-- Ein alter Mann gieng vorüber und eilte erschrocken zurück, als

er mich gewahrte. Ich lief auf ihn zu und beruhigte ihn. »Ach! mein

lieber Herr, -- meinte er in seiner Einfalt, -- hierum ists auch nicht

richtig!« -- Ich lächelte für mich und gab blos meine Neugierde zu

erkennen, weil es eine vergebliche Mühe ist, alte Leute von dem Glauben

an wandelnde Geister zu heilen. Er gieng einen Weg mit mir und erzählte

mir folgendes Mährchen:

»Vor vielen hundert Jahren, da hier noch alles menschenleer und wild

war, verirrte sich in dieser Thalgegend ein reicher böhmischer Graf,

welcher von einem Feste, das ein Reußischer Fürst gab, mit seiner

Tochter nach Böhmen zurück kehrte. Er war mit der schönen Tochter

von seinem Gefolge abgekommen und hatte sich auf diese Art mit ihr

verirrt. Beide waren zu Roß, aber da sie in dieser Wildniß nicht mit

den Rossen durchkommen konnten, banden sie dieselben an und giengen

um auf einen Weg oder auf ihr Gefolge zu stoßen. -- Es war Nacht,

Alles dunkel und finster, kein Stern stand am Himmel und so geriethen

sie abgemattet, hungrig und durstig an den Ort, wo ich erst saß und

wo der große Felsenblock liegt. -- Der Graf war ein böser Mann, der

seine Unterthanen drückte und quälte, manche Jungfrau, manches Weib

schon unglücklich gemacht hatte und stets in Schwelgerei lebte. Er

fieng auch jetzt an, zu fluchen und zu toben, als er sich verirrt sah

und lästerte den Namen Gottes; aber seine Tochter, ein gutes, frommes

Kind, betete zu Gott, daß er sie und ihren Vater aus dieser Wildniß

erretten möchte. Den bösen Vater verdroß ihr Gebet, er zog das Schwerdt

und gebot ihr unter den gräßlichsten Drohungen, zu schweigen; aber sie

betete in ihrem Herzen fort. Endlich wurde es plötzlich hell, wie wenn

der Mond scheint, -- ein fremder, großer Ritter in schwarzer Rüstung

stand vor ihnen und sprach: »Graf! so du mir dein Kind giebst, will ich

dich erlösen aus allem Ungemach: ich bin ein Rittersmann, nicht weit

von hier liegt meine Burg!« -- Und der Graf antwortete: »Wohl will ich

dir die Dirne überlassen, so du mich aus der Wildniß geleitest.« Aber

das Mädchen zitterte heftig und betete zu Gott. Da sprach der schwarze

Ritter: »Ich habe keine Gewalt an ihr, doch du bist reif, grausamer

Vater! Deine Zeit ist vorbei, du mußt mit mir von hinnen!« -- Ob dieser

Worte entbrannte der Graf in seinem Zorne und hob das Schwerdt. Aber

der schwarze Ritter grinzte ihn schrecklich an, und, als der Graf auf

ihn zustürzte, ergriff er einen großen Felsenblock und schleuderte ihn

auf den Grafen. Dieß ist der Block, den man heutiges Tages noch links

am Wege sieht, darunter soll nun der böhmische Graf liegen. -- Der

schwarze Ritter war -- der Satan, welcher alsbald mit Gestank und Dampf

verschwand. Aber vom Himmel stiegen die heiligen Engel hernieder,

trugen die fromme Tochter aus der Wildniß und heim auf ihr Schloß nach

Böhmen. Zum Andenken an diese Begebenheit stiftete sie ein Kloster,

welches aber im Jahr 1507. von einer Räuberhorde verbrannt und zerstört

wurde.« --

Dieses Mährchen hat freilich viel Lücken, aber um der Gegend willen,

welche ich schilderte, rücke ich es hier mit ein. -- Am Ende dieses

schönen Weges, nämlich bey den Eibenstöcker Feldern, wo die Poststraße

einen großen, bogigen Umweg macht, hat man die Aussicht theils auf die

vor uns liegenden, sich ausbreitenden Fluren, theils auf Berge, Wälder,

Felsen und Häuser, welche vermischt in einem Halbrunde sich darstellen.

Man geht nun auf dem Fußsteige fort, welcher sich bei einer Mühle

vorbei zieht. Rechts senken sich die Wiesen tiefer hinab bis an

den Saum des Waldes und an diesem Saume ragt ein ziemlich hoher,

ruinförmiger Fels auf einer kleinen Anhöhe auf, welches einen schönen

Anblick gewährt.

Jetzt kommt man durch ein kleines romantisches Wäldchen von Tannen und

Laubholz, welches rings herum von Feldern eingeschlossen ist; mehrere

Felsentrümmer liegen hier und da, angenehm und vielfach ertönen der

Vögel Gesänge und die Liebe scheint hier mit ihren süssen Geheimnissen

zu weilen. Mehrere kleine Gräben durchschneiden die nahen Wiesen zur

Wässerung, welches, wenn die Sonne das Wasser in Silber verwandelt,

herrlich aussieht; und nun weiter vorn kommt man wieder auf die Straße

und erblickt Eibenstock.

_Eibenstock_ ist gewissermaßen in einem Halbrund gebaut, auf der einen

Seite ziemlich eben, auf der andern aber ziehen sich die Häuser etwas

bergab, und steigen zum Theil dann wieder an einem Berge auf. Im Ganzen

ein recht schöner Anblick. Uebrigens ist die Gegend um Eibenstock

nicht etwa schlecht, aber man findet auch keine besondere merkwürdige

Gegenstände welche eine nähere Schilderung verdienten. --

Der Weg von Eibenstock bis _Oberblauenthal_, ein Eisenhammerwerk an der

Mulde, ist auch sehr unterhaltend.

Bis an den Wald vor Oberblauenthal hat man nun wieder allerlei Berge,

Wälder und Gefilde vor den Augen, doch in dem Walde selbst herrscht

eine angenehme Kühle und Abwechselung, und wenn man eine Strecke darin

fortgegangen ist, senkt sich der Weg allmählich einen ziemlichen Berg

hinab. -- An dem Ausgange der Waldung wird man auf die angenehmste

Weise durch den Anblick des Hammerwerks überrascht.

Dieses sieht man vor sich in einem engen Thale, auf dem obern Theile

der Gebirgsseiten von Waldung fast überall umgeben; an den Bergen herab

und unten breiten sich Felder und Wiesen aus, durch welche sich die

Mulde, an ihren Ufern mit Gebüschen geschmückt, hindurch schlängelt.

Die gewöhnliche Lebhaftigkeit und all das geschäftige Wesen auf solchen

Hammerwerken, das Rauschen mehrerer Bäche, alles dieses erhöht auch

hier den schönen Anblick und giebt ihm viel anziehendes. Wenn man

den Berg vollends hinunter gestiegen ist, hat man unten wieder eine

interessante Ansicht von dem Thale.

Da, wo die Mulde hervorfließt, bildet hinten die schwarze Waldung ein

schönes Halbrund, welches sich, je höher es steigt, in lichteres Grün

verwandelt. Zur Seite sieht man den steilen Fuß des Berges, von welchem

man herab kam, an seinem Ende nimmt man junge Fichtengebüsche und

weiß hervor ragende Sandsteine wahr. Weiter hin, der Mulde entgegen,

ragt ein großer, kahler, felsiger Berg majestätisch hervor, einzelne

hohe Tannen zieren seinen Scheitel, an seinem jähen Fuße breiten

sich bebuschte Wiesen aus, durch welche in einem schönen Bogen die

Mulde sich windet. Der Anblick dieses blaßroth grauen Berges, ist so

auffallend, als schön: aber auch hinter ihm ragen noch in der Nähe

einige solche Berge, nur oben mit mehr Waldung, und unten aus der

weiten Schlucht schimmert das schöne, herrschaftliche Gebäude des

Hammerwerks _Unterblauenthal_ hervor, welches zusammen gewiß ein

angenehmer Genuß für das Auge ist. --

Dahin nun richte man seine Schritte selbst und betrete den Weg, welcher

durch Erlengebüsche oft hart an dem felsigen Ufer der Mulde sich hin

windet.

_Unterblauenthal_ liegt fast noch angenehmer, als Oberblauenthal;

freilich kommt es hier auf das Urtheil eines Jeden selbst an, der diese

Gegenden durchwanderte und kennt. Von Unterblauenthal, vorzüglich von

dem sogenannten Herrnhause aus, hat man die schönste Aussicht durch

das ganze lange Thal hinab; ich sage es noch einmal, die schönste,

vortrefflichste Aussicht hat man hier. --

In Merkels, von Engelhardt neu herausgegebener Erdbeschreibung von

Sachsen im ersten Bd. S. 201. ließt man Folgendes:

»Die Gegend über Eibenstock, Johanngeorgenstadt, Wiesenthal, Jöhstadt

u. s. w. bis nach Böhmen auf der einen, und bis ins Voigtland auf der

andern Seite, nennt man gewöhnlich (??) das _Sächsische Siberien_,

ein Name, der freilich paßt, wenn man jene Gegenden mit Meisnischen

oder Thüringischen vergleicht. Denn man erblickt dort, ausser etwas

kärglichem Ackerbau, fast nichts, als Wald und Wüstung. Der Schnee

liegt gewöhnlich 2--3 Ellen, in den Hohlwegen wohl 20--30 Ellen, tief,

und schmilzt immer erst spät im Frühjahr, oft kaum vor Johannis. In

einer Nacht verschneit gleich Haus und Hof, daß ein Meisner oder

Thüringer etc. nicht wissen würde, ob er in Sachsen oder Siberien

sei.« -- --

Da Herr Engelhardt das Meiste aus handschriftlichen Nachrichten

erfahren hat, so mag die angeführte Stelle auch aus einer dergleichen

Nachricht vielleicht herrühren. Denn der verdienstvolle Herr

Herausgeber würde sich gewiß bedacht haben, dieses einzurücken, wenn

er die Gegenden bei Johanngeorgenstadt und Eibenstock durchwandert

hätte, und Derjenige, welcher ihm jene Nachricht überschickte, hat

entweder dabei besondere Absichten gehabt, oder er ist nicht weiter,

als vor die Thüre gekommen. -- Mir sowohl, als mehrern unpartheiischen

Erzgebirgern, welche die Gegenden gewiß kennen, in welchen sie leben,

kam es sehr lächerlich vor, daß man wähnen kann, in diesem Theile des

Gebirges bloß kärglichen Ackerbau, Wald und Wüstung zu erblicken; daß

ferner der Schnee in den Hohlwegen 20--30 Ellen tief liegen soll. Das

ist nun wahrlich übertrieben! -- Denn man stelle sich nur vor, wenn

der Schnee 20--30 Ellen in den Hohlwegen liegen soll, müssen diese

natürlich selbst so tief seyn;[39] aber ich kann behaupten, daß es

in dortiger Gegend nicht einen solchen Hohlweg gebe. Der Boden ist

steinigt und fest, und kann so tief gar nicht durchgefahren werden,

man würde sehr bald auf Felsen stoßen, womit die ganze Gebirgskette

versetzt ist; übrigens ist auch das Fuhrwesen gar nicht so stark und

häufig. Der Begriff überhaupt, welchen man hier den Meisnern und

Thüringern von dem obern Erzgebirge geben will, ist nun wohl ein

wenig überspannt und falsch. Nicht ein Winter ist wie der andere, und

man findet, wenn im Gebirge ein großer Schnee gefallen ist, auch in

Meißen und Thüringen nicht wenig, wie ich sehr wohl weiß. -- Es giebt

sogenannte Spaßvögel, welche in den andern sächsischen Provinzen die

fadesten Lügen[40] von dem obern Erzgebirge gesagt haben. Verständige

Leute sollten daher nicht Alles unbedingt glauben, das Ungewöhnliche

nicht für das Gewöhnliche halten und weniger partheiisch seyn!! --

6.

Der Weg von Sosa nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke.

Von Unterblauenthal kommt man nach _Sosa_, ein ziemliches Dorf, dessen

Einwohner sich theils vom Bergbau und Spitzenklöppeln, theils aber vom

Arzenei verfertigen und Vitriolbrennen nähren. Man trifft, sogar in den

entferntesten Gegenden, bisweilen Bergleute mit Arzeneikästen, welche

meistentheils aus Sosa sind. Eigentlich sind es keine gewöhnlichen

Bergleute, sie kleiden sich blos aus besonderer Anhänglichkeit in

bergmännische Tracht.

_Sosa_ liegt in einem schönen Thale, zwei Stunden von

Johanngeorgenstadt, von einem Bache durchschnitten und auf den beiden

Bergseiten von Feldern und Büschen umgeben. An dem untern Ende des

Dorfes fängt sich ein dichter, finstrer Wald an, welcher sich bis

an den Ausgang des Thales fortzieht und wodurch der Weg nach dem

Schindlerischen Blaufarbenwerke geht. Aber man stelle sich unter Weg

hier ja nicht das vor, was eigentlich mit diesem Begriffe verbunden

ist. Es ist vielmehr ein ganz schmaler, oft steiniger, oft lehmiger

Pfad, der hier und da plötzlich verschwindet und eben so plötzlich

wieder sich zeigt; Gestrippe und Aeste verwirren des Wanderers Fuß, daß

man äußerst vorsichtig gehen muß, um nicht Schaden zu nehmen. -- Man

geht dem Waldbach anfänglich immer rechts zur Seite, aber weiter unten

muß man öfters herüber und hinüber springen, um fortkommen zu können.

Es ist ein schauerliches, stilles Thal, welches man hier durchwandert,

nur selten sieht man den Himmel, kein Vogel singt hier, kein Blümchen

duftet hier, ewiger Wald bedeckt Alles mit grauenvoller Finsterniß

und eine Kühle, wie in Leichengrüften, herrscht darin. Banger Schauer

schüttelte meine Glieder, in unerklärbarer Furcht pochte mein Herz, als

ich das erstemal dieses Thal durchwanderte; oft sah ich mich ängstlich

um, jedes Knarren einer alten Tanne, jedes unbedeutende Geräusch

erschreckte mich Einsamen, kein lebendiges Wesen war zu erblicken, und

dennoch freute ich mich in der Beklommenheit meiner Brust dieses wilden

Thals. Bald mußte ich über schlüpfrige Wurzeln, bald über Gestripp und

Steine klettern, bald über den Bach setzen, bald durch dichte Gebüsche

mich drängen, bald auf einem handbreiten Ufer, an herab hängende Aeste

mich festhaltend, klimmen, bald hinan, bald herabsteigen. Weiter unten

erhoben sich zu meiner Linken weißgraue Felsen aus dem grünen Dunkel

empor, welche hier und da mit Moos bedeckt waren. Dieses überraschte

mich sehr, und nach einer kleinen Strecke kam ich an einige schlüpfrige

über den Bach gelegte Hölzer, auf welchem Wege ich dann einen Fahrweg

erreichte, der bis an den Ausgang des Thals führt. So sehr Furcht und

Grauen das Herz des Wanderers füllten, als er sich in diesem langen,

schauerlichen Thale einsam und verlassen sah: um so größer war die

freudige Ueberraschung und das Erstaunen bei dem Ende dieses Thals.

Aus dem schaurigen Dunkel des schweigenden Forstes trat ich plötzlich

in ein breites, grünes, freundliches Thal, durch dessen Mitte hinab die

Mulde sich schlängelte; Blumen prangten hier, Vögel sangen fröhlich,

die Wellen des Flusses schlugen plätschernd an die Ufer, über mir war

so rein und klar der Himmel ausgespannt und eine warme Luft umwehte

mich. Ich kann nicht sagen, wie angenehm ich überrascht war, mit

welchen frohen Gefühlen ich umherblickte; mir war, als sei ich einer

Gefahr entgangen, als käm ich aus dem Todtenhaine des Tartarus in

die freundlichen Gefilde Elysiums. -- Zu beiden Seiten sah ich die

sehr hohen Gebirge mit vermischter Waldung bedeckt, an deren Saum

hier und da Felsen von Buchen umschattet aufragten; vor mir erblickte

ich das große, steinerne Wehr, auf dessen mittelsten Pfeiler ein

weißes Monument daher blinkte, welcher Anblick ausserordentlich viel

romantisches in sich faßt. Ich gieng nun weiter und kam auf das

Wehr, welches zugleich eine Brücke über die Mulde bildet. Es ist

aus lauter Quaderstücken auf dem felsigen Bette des Flusses gebaut

und man hat hier zugleich den angenehmsten Anblick eines, wenn auch

nicht hohen, aber doch starken, Wasserfalls; mit Pfeilesschnelle

strömt das klare Wasser über die schrägen Quadersteine und stürzt

dann schäumend und siedend sich in die klippenvollen Bassins hinab,

wo es nun murmelnd weiter fließt. Ein dumpfer, ewiger Donner herrscht

hier. Das weißmarmorne Monument auf dem mittlern Pfeiler ist einfach

und geschmackvoll; es ist zur Erinnerung an den verstorbenen,

verdienstvollen Factor _Bauer_ auf dem Schindlerischen Blaufarbenwerke

errichtet. In einem Oval ist eine lateinische Innschrift, welche sich

ungefähr so anfängt:

~En petrarum molem perennem! Perennis quoque sit memoria etc.~

Die Mulde fließt hier hart an dem waldigen Fuße des Gebirges linker

Hand fort, welches sehr schön in die Augen fällt. Man geht nun über das

Wehr und immer den Weg an einem starken Bache fort, welcher von der

Mulde abgeleitet ist und die Räder auf dem Blaufarbenwerke treibt. Zu

beiden Seiten ist man von Erlen und Haselgebüschen umgeben, lachende

Wiesen breiten sich aus, immer steiler und höher werden die Gebirge,

tiefer wird das Thal und Alles schöner und freundlicher. -- Jetzt sieht

man das Blaufarbenwerk, weiße Dampfsäulen steigen empor, eine Menge

dichter Holzstöße umschanzt es; die Gebäude sind gut gebaut und das

ganze Werk überhaupt schön angelegt, welches Alles in diesem schönen

Thale auf die angenehmste Weise sich darstellt. Das Schindlerische

Blaufarbenwerk liegt an dem Fuße des Steinbergs, eines sehr hohen,

steilen Berges, welchen Waldung und allerlei gestaltete Felsenblöcke

bedecken. Es ist sehr angenehm daselbst und man findet vortreffliche

Spatziergänge.

Der Weg geht jetzt hinter dem Werke vorbei und steigt ein wenig an,

so, daß die ganzen Gebäude tiefer unten liegen. Weiter hin geht jetzt

ein Weg den steilen Berg hinan, man kommt auf demselben nach einem

kleinen Dorfe _Albernhau_;[41] der andere Weg geht gerade auf dem Fuße

des Gebirges fort, daß man immer noch am waldigen, steilen Ende des

gegenüber ragenden Gebirges die Mulde zur Seite hat. Dann kommt man

bei dem Floßhause vorbei, wo sich ein Floßgraben[42] anfängt, welcher

durch mehrere Thäler fließt und dann in _Schlema_ bei Schneeberg sich

endigt. --

Von hier kommt man endlich an die sogenannte Muldenbrücke, welche

überbaut ist und hart an einem Felsen anstößt, durch welchen ein

tiefer, wagenbreiter Weg gehauen ist, welches sehr schön aussieht; im

heißesten Sommer herrscht in diesem Felsenwege die angenehmste Kühle.

Hier hat man eine herrliche Aussicht hinab auf das Thal, wo auf der

einen Seite durch Wiesen, auf der andern die Mulde an Felsengethürme

sich dahin schlängelt, an welcher man öfters Leute mit Angeln sitzen

sieht. Einzelne Waldung bedeckt die Berge und weiter unten macht das

Thal einen schnellen Bogen, daß es scheint, als endige es sich hier;

Tannen und Fichten verhüllen Alles und in das dunkle Grün verschwindet

hier die Mulde.

Der durch den Felsen gehauene Weg steigt jetzt einen ziemlichen Berg

auf und ist bis zur Hälfte gepflastert; er führt nach dem nicht weit

entfernten Dorfe _Bockau_. --

Diese Wanderung von Sosa aus gewährte mir viel und mannichfaltigen

Genuß. Der Uebergang vom Schauerlichen und Wilden zum Freundlichen und

Sanften, die immer neuen Abwechselungen, die Ruhe und der Friede in dem

reizenden Muldenthale that meinem Herzen so wohl, daß ich mit Petro

ausrief: Hier will ich mir Hütten bauen!

7.

Die Gegend um Bockau.

Wenn man von Johanngeorgenstadt nach _Bockau_ geht, kommt man hinter

dem einsam im Walde liegenden Jägerhause auch in eine Gegend, welche

der _Ochsenkopf_ heißt. Einige nennen das ganze dortige Gebirge so,

andere nur eine Gegend desselben. Verschieden sind auch die Meinungen

über den Ursprung dieses Namens, die alle hier aufzuzählen nicht nöthig

ist; aber die allgemeine, und, wie mir scheint, richtigste Meinung

darüber, will ich hier anführen:

Eine starke Viertelstunde hinter dem Jägerhause fand man vor vielen

Jahren seitwärts vom Wege eine hölzerne Tafel an eine Buche angenagelt,

worauf ein Ochsenkopf gemahlt war. Ein Fleischer trieb hier einen

Ochsen; dieser wurde plötzlich scheu, gieng dem Fleischer zu Leibe und

spießte ihn auf die Hörner, daß er sterben mußte. Zur Erinnerung an

diese Begebenheit ward auf der Stelle, wo man den Fleischer gefunden

hatte, jene Tafel aufgerichtet und die ganze Gegend führt seit dieser

Zeit den Namen _Ochsenkopf_. Denn in ältern Büchern findet man diesen

nicht.

Dieses ganze Gebirge ist mit hohen Tannen und Buchen bedeckt, ist

wild und öde; es giebt viele, vorzüglich warme, Quellen daselbst, und

gebrochene Tannen sieht man zerstreut umher liegen. Ueberhaupt wenn

starker Wind ist, muß man sich vorsehen, denn Bäume brechen dann links

und rechts.

Der Weg geht bergab, ist steil und steinigt, und wird erst am Ende des

Gebirges und der Waldung angenehmer. Man sieht dann zur Rechten eine

Wiese von Laub- und Nadelholz umzäunt, und vor sich durch das Thor

der Waldung die Kirche, mehrere Häuser und Felder des nahen Bockau's,

hinter welchen sich oben mehrere waldige Berge herabziehn. Aus den

fernen Bergen blickt zwischen schwarzem Walde der untere Theil von

Albernhau herüber, welches Alles hier schön angenehm in die Augen

fällt. Nun ist man den Berg herab gegangen und nahe vor Bockau; man

hat die Aussicht in den romantischen Thalgrund hinter der Kirche,

woraus sich ein Bach hervor schlängelt. Dann geht der übrige Weg bis

an das erste Haus des Dorfes auf Fels und man sieht, daß die Kunst ihn

bereitete.

Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge · 第 4 / 9 段