Der obere Theil des Berges (nicht, wie Merkel bemerkt, der höchste

Punct) wird der _Thurm_ genannt, indem Johann Georg I., welcher bei

einer Jagd sich auf der Spitze des Berges befand und von der herrlichen

Aussicht entzückt ward, einen hölzernen Thurm drauf bauen ließ, von

welchem man jetzt aber wenig oder gar keine Spuren mehr findet. Dieser

Scheitel des Berges ist ziemlich groß und eben, mit Riedgras und

Beersträuchern weit bedeckt und auf der etwas tiefern Morgenseite zu

von Waldung umrundet, welche aber der Aussicht keinen Schaden thut. Man

trifft übrigens weiter unten nach Sosa zu hier und da tiefe Gruben,

oft in Fels, welche aber nicht alle um des Bergbaus willen entstanden

zu seyn scheinen, denn man nimmt nicht das geringste Merkmal irgend

eines Aufsturzes oder einer Halde wahr; auch findet man Himbeere von

unvergleichlichem Geschmacke.

Im Winter liegt der Schnee am höchsten und längsten auf dem Auersberge,

ja, man findet in manchen Löchern zur heißesten Sommerszeit Schnee,

welcher viele Jahre alt ist, wie man aus den Schichten des Laubes,

die, vom Schnee eines Jahres bedeckt, vielfältig auf einander liegen,

erkennen kann. Auch hält sich viel Wildpret um den Berg auf, freilich

jetzt nicht mehr in so großer Anzahl, da die böhmischen Wilddiebe

sonst truppenweise herüberzogen, das meiste wegschossen und auf Wagen

ungescheut fortfuhren.

Ueber dem Auersberge steht äußerst selten, ja fast nie ein Gewitter,

immer legen sie sich tiefer daran und es ist eine der erhabensten

Scenen, wenn man im Sonnenscheine auf der Spitze des Berges steht und

unter sich graue Wolken sieht, aus welchen Blitze flammen und Donner

rollen. So stand einst Moses auf Sinai. --

O! welche unnennbare Gefühle zittern hier in der Brust des gefühlvollen

Menschen, wenn er sich dem Himmel so nahe und die Erde so tief und

klein unter sich sieht! Wie eitel, wie lächerlich erscheint ihm hier

alles Treiben und Streben der Menschen nach armseligen Gütern, wie

klein erscheinen ihm dann die angstvollen Wünsche, die sie nur für

die Erde hegen! Mitleidig blickt er auf ihre Fehden und Kriege hinab,

mitleidig auf die Götter der Erde, die sich da unten so groß dünken.

-- So gieng einst auch Jesus auf hohe Berge, denn hier fühlte er die

selige Nähe seines himmlischen Vaters, hier sprach er mit ihm und

überdachte den heiligen Plan zur Rettung der Menschheit! --

Doch, es sey mir erlaubt, eine Reise zu erzählen, welche ich einst mit

einigen meiner Jugendfreunde von Schneeberg aus nach dem Auersberge

machte. Es ist dieses gewiß eine unterhaltende und belehrende

Geschichte. --

Es war in einem Juliusmonate und die schöne Witterung versprach Dauer,

als wir beschlossen, eine Reise auf den Auersberg zu machen, welchen

wir so oft in seiner Ferne schon betrachtet hatten. Wir wurden einig,

uns so einzurichten, daß wir des Nachts auf der Spitze des Berges

bleiben könnten, um dann früh desto gewisser den Aufgang der Sonne zu

sehen. Daher versahen wir uns mit Lebensmitteln und zum Theil auch mit

Säbeln, und traten froh und heiter um 1 Uhr Mittags unsre Reise an;

giengen über _Zschorlau_ nach dem _Schindlerschen_ Blaufarbenwerke und

kamen von da nach _Sosa_. Ich will hier die Anfangsbuchstaben der Namen

meiner Freunde hersetzen, damit, wenn sie dieses Buch lesen sollten,

sie sich an mich und an die originelle Reise erinnern. W--r und Oe--l

aus J**, F--r aus A**, K--sch aus S**, und H--n aus H**; vielleicht

wird sich der letztere noch seiner Ausruffungen an den Mond und seines

Durstes, und die Andern Alle sich der interessanten Scenen des Nachts

auf dem Berge erinnern! --

Unerfahren in solchen Reisen, war schon bei unserer Ankunft in Sosa

unser Proviant aufgezehrt, daß wir uns mit frischem versehen mußten,

wozu wir Schnaps[30] und Bier fügten, ein Jeder hatte das Seine. -- Man

rieth uns, es war gegen 6 Uhr Abends, in Sosa sehr ab, des Nachts auf

dem Berge zu bleiben, weil uns sehr frieren würde; aber, wie nun einmal

junge Leute sind, wir lachten und bestellten einen Führer, welcher uns

bis an den Fuß des Berges leiten sollte. Er erschien und wir traten die

abentheuerliche Wanderung an.

Der Weg gieng durch ein schönes, mit Wiesen, Feldern, Bächen und

Büschen geschmücktes Thal, in welchem schon einige Dämmerung herrschte.

Aus dem Walde zu beiden Seiten drangen die Abendgesänge der Vögel an

unser Ohr, die Purpurstrahlen der Sonne mahlten die Wipfel der Bäume

und hie und da begegneten uns heimkehrende Feldarbeiter und Bergleute,

welche uns nicht wenig anstaunten; denn unser Zug mochte auch besonders

in die Augen fallen. Voran der Führer, dann einzeln nach einander, weil

der Weg schmal war, wir Wanderer mit Flaschen und Gewehr belastet. --

Nie kann ich aber das romantische Thal vergessen, durch welches wir

giengen, so abwechselnd, so heimlich und doch freundlich. Jetzt war zur

Rechten Tannenwald und zur Linken Laubholz mit Felsen, jetzt umgekehrt

hatten wir Nadelholz zur Linken und Buchen zur Rechten; jetzt giengen

wir durch gewässerte Wiesen, jetzt zwischen Aeckern und Gebüschen, und

ein murmelnder Bach blieb stets uns zur Seite. Endlich kamen wir an dem

steil aufragenden Fuße des Auersbergs an und blickten beklommen an der

mächtigen Höhe empor, nicht ahnend, daß wir nun noch über eine Stunde

zu steigen hatten. Unser Führer stieg eine Strecke mit uns empor und

zeigte dann, in welcher Richtung wir uns halten müßten, wünschte uns

gute Nacht und verschwand.

In Sorgen des Weges und in Furcht (ich will es nur gestehen) vor

Wilddieben stiegen wir empor, fest entschlossen, uns mit keinem Blicke

umzusehen, damit wir die Aussicht dann doppelt genießen möchten. Wir

kamen nun an einen Absatz des Berges, ungefähr in der Mitte der Höhe;

hier zog sich eine schmale Seite des Waldes hervor, mit einzelnen

Granitblöcken, welches angenehm auffiel. Wir kamen an mehrere der

erwähnten Gruben, in welchen ewiger Schnee blinkte; uns schwitzte sehr,

und der Contrast der Jahreszeit mit diesem Schnee regte unsern Durst,

daß die mit genommenen Flaschen Bier es empfanden.

Wir kamen sodann an den Theil des Berges, welcher der Thurm heißt und

wurden froh, weil wir das Ende unsers Steigens und das Ziel unserer

Reise nun bald erreicht sahen. Jetzt wurde es etwas waldiger, wir

drängten uns durch Gebüsche, immer emporsteigend, bis wir endlich,

und mit welchen frohen Gefühlen! auf die Spitze des Berges kamen. Wir

ersahen uns ein bequemes Plätzchen, warfen unser Gepäck hin und uns

daneben nieder, um auszuruhen; es wurde gegessen, getrunken, gescherzt

und unterhalten. Acht Uhr war vorbei, aber auf dem Berge war es nach

dem Stande der Sonne etwa erst fünf Uhr. --

Nachdem wir uns gelabt und erholt hatten, wurde Anstalt gemacht,

(umgesehen hatten wir uns wenig oder gar nicht) eine Hütte von Reisig

aufzubauen, worein wir uns des Nachts legen könnten. Wir fiengen daher

an, mit unsern -- Säbeln Aeste und junge Bäume abzuhauen, sammelten

eine Menge dürres Holz zu einem Feuer und nun gieng der Bau an. Nach

einer Stunde stand die kleine Hütte fertig, vor der Thüre[31] derselben

loderte ein Feuer und die ganze Scene schien einer Niederlassung

unstäter Nomaden oder Apenninischer Rinaldo-Truppen[32] nicht unähnlich

zu seyn; denn die Andern hatten sich um das Feuer gelagert und

schmauchten ein Pfeifchen. Aber ich strich noch auf dem Scheitel des

Berges herum, mich umzusehen, es war 10 Uhr vorbei.

O Gott! wie ward ich überrascht, als ich hin nach West blickte und die

Sonne, ohne Strahlen, wie eine Rubinkugel, glühend am grauen Horizonte

hinab sinken sah! -- Alle Sterne funkelten am Himmel und in seinem

Silberglanze strahlte zugleich der Mond, von der Erde unter mir war

nichts zu sehen, ein weißer Nebelschleier wallte darüber. Der Anblick

griff mich zu mächtig an, ich wußte nicht mehr, wo ich war, als ich

Sonne, Mond und Sterne am Himmel, Tag und Nacht zugleich sah; und nun

die erhabene, schauerliche Stille, welche nur bisweilen ein rauher

Windstoß durch den Forst unterbrach! -- Ich wollte weinen, und wußte

nicht, warum, -- beten wollte ich und konnte nichts denken, und so

starrte ich in der höchsten Bewegung meines Geistes umher. Alles war so

friedlich, so ruhig, und lieblich winkten die goldnen Sterne mir: -- da

ward mir leichter, da sank eine drückende Last von meinem Herzen, da

fühlte ich mich plötzlich dem Himmel näher, ich stand vor dem Throne

der Gottheit und trunken schwebte ich durch das Reich der Sterne hin

... ewig war der Raum, mein Flug ein Gedanke, meine Bahn zwischen

Sonnen, ach! und ich konnte sie nicht beenden ... des Raumes Ewigkeit

warf den zitternden Jüngling wieder auf seine Erde. -- »O! wäre es mir

-- seufzte ich -- nur vergönnt, so ewig auf Erden zu leben! Warum muß

ich wieder vergehen, ohne zu wissen, was ich war, wo ich war? Das wäre

grausam, wenn ein Gott ist.« -- -- Und da sank schnell die Sonne hinab,

ich schauerte zusammen; -- »Ja! -- rief ich -- ja, ich sinke! Aber ich

gehe auch wieder auf, gehe strahlend wieder auf!« -- Mein Geist rang

mit einem Heere schrecklicher Zweifel, endlich besiegte er sie, mit

Sonnenlichte strahlte der göttliche Gedanke Unsterblichkeit in mir auf:

und lieblicher winkten alle Sterne mir, und freundlicher lächelte der

Mond auf mich. Beruhigt, getröstet und heiter kehrte ich zu meinen

Freunden zurück. --

Diese hatten nichts mehr zu trinken, und waren von Durst und von

Ameisen[33] geplagt. Längst schon waren Zwei fort, um Wasser

aufzusuchen, aber noch nicht zurück gekehrt, daß wir unterdessen viel

Angst ausstanden; endlich kamen sie und brachten -- mehrere Flaschen

Bier, statt Wasser, welches sie, man denke die Aufopferung, aus

_Wildenthal_ herauf geholt hatten. Dankbar gegen sie labten wir uns und

legten uns einmüthiglich in die Hütte, um ein wenig zu schlafen, es war

12 Uhr Mitternachts.

Kaum hatten wir uns an einander gelegt, um uns zu wärmen, denn über

die flache Bergspitze daher strich ein kalter Nachtwind, da pfiff man

plötzlich in einiger Entfernung von uns zweimal stark auf dem Finger

... wir fuhren erschrocken auf und griffen -- ängstlich nach unsern

Gewehren. Noch einmal pfiff es jetzt, daß der Wald gellte, wir hoben

uns langsam und leise empor und fürchteten schon, von Wilddieben

angefallen zu werden,[34] gossen daher Bier auf die glimmenden Kohlen,

damit wir dadurch nicht bemerkt würden. -- Horch! da raschelt es durch

das Riedgras langsam über den Scheitel des Berges daher ... Keiner

von uns wagte erst, aus der Hütte zu sehen; endlich gewahrten wir ein

hohes, schlankes Reh nicht weit von uns vorüber trippeln, welches

gerade auf die Gegend hinab, woher der Pfiff gekommen war, zulief,

lange noch hörten wir das Geräusch seiner Tritte, bis es nach und nach

verschwand. -- Plötzlich gieng ein Büchsenschuß auf, der, von dem Echo

vervielfältigt, schauerlich durch die Thäler der Nacht dahin krachte,

und nicht lange darauf hörten wir im Thale auf der Mittagsseite einen

Wagen rollen. Es war also gegründet, daß böhmische Wilddiebe in unserer

Nähe gewesen waren. --

Wir hatten nun nicht eben die größte Lust, mehr zu schlafen, sondern

standen auf und machten wieder Feuer an, während dessen sahen wir in

Böhmen ein ziemliches Feuer aufgehen; wir nahmen das Fernrohr zur Hand

und bemerkten, daß zwei Scheunen wegbrannten.

Ein Uhr war jetzt vorbei und schon stieg am östlichen Himmel die

Morgenröthe auf, und reiner und schöner strahlte ihr purpur goldener

Saum; auch der Scheitel des Berges fieng jetzt an, sich hie und da

zu röthen, einzeln verloschen schon am Himmel die Sterne, bleicher

wandelte Luna und kehrte allmählich ihr Angesicht nach dem blühenden

Sonnengotte, welchem funkelnd Venus voraus wandelte.[35] Aber auf

der Erde drunten war noch Nacht und Dunkel; kein Berg, kein Thal,

kein Wald, keine Stadt, nichts war zu unterscheiden, alles war eine

ewigragende Finsterniß; aber Verklärung herrschte auf dem Berge.

Ach! es wäre doch grausend und schrecklich gewesen, wenn auf immer die

Erde so von mir wäre getrennt geblieben, wenn ich nicht mehr unter

den Menschen dieses Lebens hätte wandeln können, nicht mehr von ihnen

geliebt und gehaßt, belohnt und betrogen worden wäre und _so_ einsam

immer auf der Spitze des Berges hätte weilen sollen! Man leidet und

duldet gern, wenn andere leiden und dulden, aber man genießt alle

Seligkeiten doppelt, wenn man sie als Mensch unter Menschen genießt. --

Immer lichter und goldener wurde es in Osten, immer weiter am Himmel

verbreitete sich ein hehrer Glanz; ein Fleck war jetzt der strahlende

Verräther der Sonnenbahn, sichtbar erhöhte sich das Licht, die Vögel

des Waldes auf der Höhe des Berges wachten auf und sangen so schön,

eine wärmere Luft strich über unsere Wangen, -- und da hob sich in

weißer Gluth, neu und vergnügt die liebe Sonne am fernsten Horizont

langsam empor. Ihr erster Strahl traf uns und die Spitze des Berges.

Unter uns war alles noch finster und still, weiße Nebel wallten

durcheinander, bis endlich nach und nach die Sonne höher stieg, durch

ihre allmächtigen Strahlen die Nebel zerriß und zerstreute, und

magisch uns die Menge der Städte, Dörfer, Häuser, Felder, Wälder,

Berge und Felsen enthüllte und darstellte. Dieser Anblick war äußerst

überraschend und herrlich! --

Wir konnten mit bloßen Augen viele Meilen weit ziemlich deutlich

im Umkreise umher blicken und durch Hülfe des Fernrohrs uns besser

von den Gegenständen überzeugen und mancherlei neue entdecken. Wir

konnten gegen Abend hin das ganze Voigtland und die verschiedenen

Herrschaften, die ganze Zwickauer Gegend, nach Mitternacht hin die

Schönburgischen Landschaften mit ihren Schlössern und Ruinen und die

dahinter sich anschließenden Gegenden erkennen. Nach Morgen zu das

untere Erzgebirge und ein Theil des Meißner Landes, woran sich weiter

oben Böhmen anschließt und dann in einem halben Kreise nach Mittag bis

Abend hin sich ausbreitet. Zwischen Morgen und Mittag ragt aus mehrern

größern und kleinern Bergen stolz der waldige _Fichtelberg_ empor und

schielt neidisch herüber auf seinen kleinern Bruder; weiter hin nach

Morgen der grabähnliche _Pöhlberg_[36] und alle die darum liegenden

Berge. Näher vor sich sieht man den _Riesenberg_, einen ziemlich hohen,

kahlen, mit ruinförmigen Basaltfelsen auf der Spitze ausgezeichneten

Berg, und so gegen Mittag hin nimmt man viel hohe Berge in Böhmen

wahr, worunter sich vorzüglich ein mit hellgrünen Steinen bedeckter,

auszeichnet. Wir hatten eine entzückende Aussicht! -- Nun wollten wir

auch nach dem lieben Schneeberg sehen, lange mußten wir suchen, und

wie groß war unser Staunen, als es tief, tief da unten so klein und

unbedeutend lag, daß wir unsern Augen kaum trauten. So gieng es uns

mit mehrern näher liegenden Orten, wir mußten, ob sie schon auf Bergen

lagen, sie doch in der Tiefe aufsuchen.

Wenn die Luft rein und hell ist und man ein gutes Fernrohr hat, kann

man sich viel Vergnügen und zugleich manche Belehrung über die Lage und

Form verschiedener Städte, Dörfer und Gegenden verschaffen, ob man sie

gleich mit keinem Fuße betreten hat; man kann, und zwar mit Wahrheit,

versichern, diesen und jenen Ort _wirklich_ gesehen zu haben, ohne in

die Gegend gekommen zu seyn. --

In dem Walde um und unter uns wurde es nach und nach immer lebhafter;

wir hörten fleißige Holzäxte klingen, hörten das Rasseln der Wagen

in den nahen Thälern, (des Wildenthaler Blechhammers monotonische

Schläge hatten wir die ganze Nacht hindurch gehört) und den schwebenden

Schall der Frühglocken, das frohe Gebrülle des Viehes, das man auf

die Weide trieb, und den schönen Gesang der Vögel. Es war entzückend,

unvergleichlich erhaben, jetzt auf dem Berge zu weilen. In Thränen

hätte man vor Wonne vergehen mögen! -- --

Lange noch senkten wir die trunkenen Blicke umher auf die Gegend, wo

wir immer mehr neue und interessante Gegenstände und Scenen auffanden.

Endlich aber, von Hunger und Durst geplagt, schickten wir uns zur

Rückreise an, welche wir auch vergnügt und glücklich vollendeten.

Nach mehrern Jahren reißte ich wieder einmal auf den Auersberg und fand

die Ruinen unserer damaligen Hütte noch, worüber ich die lebhafteste

Freude empfand, denn dadurch wurde ich an manche frohe Stunde erinnert,

die ich nie wieder so genießen werde.

Reiche Leute könnten sich recht verdient um den Auersberg machen,

wenn sie eine nicht zu hohe, steinerne Gallerie auf die Spitze

desselben bauen ließen; die Aussicht gewönne dadurch ungemein, man

hätte mehr Bequemlichkeit, und in der Ferne würde dieß dem Berge ein

interessanteres Ansehen geben. -- Steine giebts im Gebirge, auch arme

Leute genug, die sich etwas verdienen möchten und könnten! --

Der Aufgang der Sonne auf dem Auersberg bei Eybenstock.

Eine Novantike für Freunde der Natur.[37]

Den 12ten July 1793.

Hab ich mir je gewünscht ein Dichter zu seyn: so hab ichs heute.

Heute habe ich die Sonne auf dem _Auersberg_ aufgehen gesehen. Eine

Erscheinung, Freund, die schon von vielen Dichtern lebhaft besungen und

von Prosaikern beschrieben worden; deren Beschreibung aber doch das

Gefühl in mir nicht rege gemacht hat, als es die Natur diesen Morgen

selbst in uns hervorbrachte. Sey es nun, daß das frühe Erwachen, die

Morgenluft und die mit ihr vereinigte Bergluft, die höhere Region, in

welcher wir uns befanden, zu unserer Stimmung für Freude und reine

Naturgefühle das Ihre beygetragen haben: genug, ich muß Dir gestehen,

daß ich solche Empfindungen nie in mir gefühlt habe: ob ich schon die

Sonne oft, aber auf der Ebene, habe aufgehen sehen. Ich will dir

ohne allen dichterischen Schwung die Erscheinung, so gut ich kann,

beschreiben.

Um 12 Uhr des Nachts machten wir uns in Eybenstock auf den Weg; denn

wir hatten volle 2 Stunden, einen ziemlich ungebahnten Weg bis auf die

Spitze des Auersberges, der Thurm genannt, zu steigen. Unser Weg bis

an den Abhang, welcher sich in das Thal der großen Bucke hinabstürzt,

war fast eben. Aber auf einmal als wir uns dem Abhang näherten, wo

wir gegen über wieder aufwärts klettern mußten, wurde unser Pfad

kritischer. Vorsichtig und in Gefahr hinab zu rollen, stiegen wir in

das Thal der großen Bucke hinab, und befanden uns, so viel als die

Schatten der Nacht urtheilen ließen, in einem sehr engen, auf beiden

Seiten mit hohen Gebirgen und freistehenden Felsenwänden umgebenen Thal

eingeschlossen. Der einzige Ort wo wir ins Thal herab gestiegen waren,

machte es zugänglich. Von hier aus stiegen wir wieder in einer von

freystehenden Felsen gebildeten, mit hohen Bäumen bewachsenen und durch

zerstreut umherliegende Felsenmassen fast unwegbaren Schlucht aufwärts.

Das durch die Hitze der vorigen Tage ausgetrocknete Moos und die durch

die schattichten Bäume noch dunkler gemachte Nacht, erschwerte unser

Steigen ungemein. Unsere Schuhe wurden so glatt, daß wir aller Versuche

ungeachtet, uns nicht immer aufrecht erhalten konnten; und die

Dunkelheit erlaubte es nicht uns bequemere Fußtritte auszusuchen.

Unter solchem mühvollen Aufwärtsklettern waren wir endlich auf der

Spitze des Berges angelangt. Heller als das Thal war die Region in

welcher wir uns befanden. Wir konnten die wenig entfernten Gegenstände

ziemlich genau unterscheiden. Die schwarze Farbe die über der Süd-,

Nord- und Oestlichen Gegend ausgebreitet war, ließ uns Waldung

vermuthen; auch bestätigte die Aussage unsers Führers unser Urtheil.

Diese schwarze Farbe war aber auch jetzt alles, was wir in einiger

Entfernung unterscheiden konnten; denn es war finster auf der Tiefe.

Die Nacht lag noch mit ihrem bleyernen Zepter über der Gegend um uns

her, indeß in Osten die weißen Sonnenstrahlen den Schimmer der Sterne

verbleichten, und nur die hellglänzende Venus allein übrig ließen.

Diese ersten Bothen des werdenden Tages veränderten ihre Farbe aus

einem ekelhaften Grau bald in ein helles blendendes Silberweiß: und

ihr Abglanz erhellte den Ort unsers Aufenthalts. Noch immer bedeckte

Dunkel das Erdreich, und Finsterniß die schlafenden Völker; doch die

Umrisse der Gebirge wurden mehr bemerkbar. -- Jetzt verlohr auch Venus

ihren Glanz und verbarg ihr reizendes Gesicht hinter den Strahlen des

Taggestirns als einen undurchsichtigen Schleier. -- Jetzt röthete

sich tief im Osten der Horizont, aber bald fuhr sie höher herauf,

Aurora, die Hoffnung des kommenden goldhaarigen Phöbus. -- Goldene

Strahlen warf der Schneeberg[38] in Südwest uns zurück, und machte ihn

durch sein Leuchten in der Entfernung kenntbar. -- Jetzt war es ganz

Tag bey uns, jetzt umtönte uns der Gesang der erwachten gefiederten

Waldbewohner; und doch ruhete noch Nacht auf der Tiefe. Noch konnte

man Eybenstock nicht deutlich unterscheiden. Die schlängelnden

Krümmungen der Thäler waren mit einem sanften Milchflor ähnlichem

Nebel bezeichnet. Das Morgenroth, das der Sonne voraus gieng, hatte

so eine brennende Purpurfarbe, daß unsere Augen seinen Anblick kaum

vertragen konnten; und wir erwarteten jeden Augenblick den Hervortritt

des jungen Phöbus. Eine neidische schwarze Wolke am Horizont entzog

uns die ersten Strahlen noch wenige Augenblicke. Auf einmal aber

brach, über die neidische siegend, der erste Strahl der Sonne gleich

einer Fackel hinter einem Vorhang hervor gebracht, so durchdringend

hervor, daß unsere Augen thränend wurden. -- Die beyden Basaltberge,

der _Pöhl-_ und _Bärnsteiner Berg_, bildeten ein Thor, durch welches

die Sonne sich den Eintritt über den Gesichtskreis eröfnete. Um uns her

glänzten der Berge Spitzen -- und die Schatten der Thäler zerstreuten

sich immer mehr und mehr. Zween Hirsche zogen sich von den Feldern

in ihre dicken Schlupfwinkel langsam mitten am Auersberge zurück.

Gerührt über das majestätische Schauspiel der Natur hatte es keiner

von uns gewagt, ein lautes Wort zu sprechen: -- so mächtig wirkte

diese erhabene Naturscene auf unsere Empfindung! Der dumpfe Schall des

Hammers im Thal der großen Bucke tief unter unsern Füssen gelegen,

versetzte uns auf einmal in Gedanken auf die Spitze des _Aetna_, und

wir wähnten, das Getöse der einäugigen Cyclopen in ihrer Werkstatt zu

hören, und erzitterten über den etwanigen Ausbruch eines Feuerstroms

aus dem Bauche des Berges. -- Jetzt hatte sich eine Aussicht über eine

Fläche eröfnet, die nur gesehen aber nicht beschrieben werden kann. Das

erste was uns in die Augen fiel, waren die Merkmale, daß die Bewohner

der vor uns liegenden Städte und Dörfer nach und nach erwachten. Dicke

senkrechte Rauchsäulen stiegen aus ihren Wohnungen hoch in die Luft

empor, wo sie durch Strahlen der Sonne zerstreut wurden und erinnerten

uns, daß die erwachten Einwohner dem arabischen Gotte in diesen frühen

Morgenstunden ein Rauch- und Trankopfer zu bringen schon bemüht waren.

Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge · 第 3 / 9 段