aus, um die umliegenden Gebirge zu untersuchen, wobei sie sich zugleich
des Ruthenschlagens bedienten. Diese kamen nun auch zu dem Felsen,
welcher damals höher und stärker gewesen seyn soll; müde und abgemattet
setzten sie sich hier nieder, um auszuruhen. Sie erzählten sich manches
und unter andern fiengen sie auch an, von dem Baue der Stadt und
ihrem Vorhaben zu sprechen und äußerten oft den Wunsch, daß Gott den
Katholiken die schwere Sünde vergeben möge, die sie durch so manche
Kränkungen an den Lutheranern begiengen. Plötzlich rauschte es hinter
ihnen, -- erschrocken kehrten sie sich um und sahen einen langen,
dicken Mönch aus einem Busche hervortreten, welcher, den Zeigefinger
der rechten Hand emporgestreckt, ihnen dreimal winkte. -- -- Sie
geriethen in Verlegenheit und wußten nicht, was sie thun sollten;
endlich entschlossen sie sich und giengen näher hinzu, worauf der Mönch
langsam auf den Fels gestiegen sei, gleichwie auf einer Treppe, und
jeder Tritt seines Fußes hätte eine solche Stufe gebildet, wie man
heutiges Tags noch sieht. Von oben herab hätte er nun zu ihnen mit
einer schauerlichen, besondern Stimme gepredigt, ihnen Gold und Silber
und alles was sie wünschen würden versprochen, wenn sie katholisch
würden, aber den Namen Gottes und des Heilands hätte er nie erwähnt.
Doch sie blieben standhaft! Wie er endlich anfieng, durch große
Verheißungen und glatte Worte ihr Herz zu bestricken, so riefen sie
laut in ihrer Angst: »Heiliger Gott, sei uns gnädig und barmherzig!«
-- Sogleich krachte es fürchterlich, der Mönch verschwand und in der
Luft hörten sie ein gräßliches Gewinsel. Getrost und muthig giengen sie
zurück und unterweges schon erhielten sie die frohe Nachricht: daß so
eben wieder ein reichhaltiger Silbergang gefunden worden sei, welches
sie für einen Lohn Gottes ansahen und Danklieder anstimmten, u. s. w.«
Da, wie ich merkte, den meisten in der Gegend dieses Mährchen nicht
bekannt ist, so ist ihnen auch der Name Teufelskanzel weniger bekannt;
denn der Mönch, welcher hier predigte, war, nach ihrer Meynung, kein
anderer, als ††† Gott sei bei uns! Herr Lurian! --
Auf dem größern Felsen nun kann man von hinten wirklich wie auf
einer Treppe, nur nicht gar so bequem und ein wenig gefahrvoll,
emporklettern, und oben nach Mittag hin ist eine Art von Brustwehr,
kurz dieser Fels ist einer Kanzel in der That nicht unähnlich.
O! man steige hinauf und sehe sich um, und predige die Wunder der
Natur! -- Welch eine erhabene, entzückende Aussicht auf diesem Felsen!
Stärke mich, Muse, daß ich es jetzt wage, der lieblichen Aussicht
meinen Gesang zu weihen! --
Wanderer, der du mit mir erstiegst in gefährlichen Stufen
Und in Erwartung belohnender Aussicht die felsige Kanzel,
Komm nun, o! komm, und siehe, wie freundlich und gütig der Herr sei!
Siehe nach Mittag hin, welch' ausgebreitete Menge
Freundlicher Felder und Fluren und fleißig durchgrabener Aecker,
Die, am Rande mit Mauer und mancherlei grünenden Sträuchern
Rund umzäunt, wie niedliche Gärten dem Fremdling erscheinen!
Baumbepflanzte Wege und klare Gewässer und Bäche
Schlängeln im Thale sich hin und beugen sich über die Höhen;
Ueberall Hütten und Häuser und Menschen, Alles beleben
Frohsinn, Fleiß und Arbeitsamkeit. -- Ha! hörst du die dumpfen
Schläge des mächtigen Hammers, der hinten, vor dir in dem weiten
Wittichsthale, vom Wasser gehoben, Eisen zu Blech schlägt?
Hörst du der Bäche Geräusch und das ferne Klappern der Mühle?
Und wie der Wind den Forst durcheilt und die Thäler und Klüfte? --
Dort auf dem Berge, der schroff sich hinabbeugt ins Thal und ans
Wasser,
Siehst du die Stadt, die Liebe zur Wahrheit und Freiheit des Geistes
Bauten, daß jetzt so weit umher Gefilde und Fluren
Sich verbreiten, wo einst die kälteste, grausendste Wildniß
Barg blutdürstige Wölfe und Bären! Daß Menschen da wohnen,
Wo einst der Thiere des Waldes mächtige Anzahl sich mehrete. --
Wo man ein winziges Häuslein vordem mit Mühe aufsuchte,
Dehnet sich jetzt so blühend und menschenvoll eine Stadt aus.
Blicke im halben Kreise umher am Horizonte,
Wie sich aus waldigen, böhm'schen Gebirgen Häuser und Felder,
Felsen und kleinere Hügel nun deinen Blicken darstellen,
Daß die Stadt und ihr Berg im Thale zu liegen dir scheinen! --
Und nun wende nach Morgen dein Antlitz, und siehe die Mischung
Kleiner und größerer Berge, wie kleine und große Regenten:
Einige siehst du das kahle Haupt zum Himmel erheben,
Andere schmückt des Waldes Grün und des Schattens Erquickung.
Und dort drüben auf jenem kugelförmigen Berge
Ragt auf dem nackten Scheitel ein röthliches Felsengethürm auf,
Wie Ruinen irgend eines gothischen Schlosses;
Täuscht mich der Anblick doch so sehr, daß getäfelte Wände,
Stiegen und geränderte Bogen ich wähne zu sehen.
Weiter hinten blickt auf der weitansteigenden Höhe
Silbern die Kirche des Dorfes _Breitenbrunn_ mir entgegen,
Das sich zwischen Gefilde und Aecker hinab in das Thal dehnt,
Und nun weiter dort hinten, wie sich Flecken und Häuser
Auf den schwindenden Bergen schwindend und zaubrisch verbreiten;
Wie an die Erde der Himmel sich anschließt und man empfindet,
Tief in der Brust empfindet, daß die Heimath des Menschen
In dem Himmel nur sei, daß solcherlei Sehnsucht ein Gott nur
In des Erdenbürgers strebenden Busen gepflanzet.
Und so nenne den Fels nicht eine Kanzel des Teufels,
Nach der Vorzeit Fabelerzählung, nenn' ihn nach deines
Herzens Gefühlen die Gotteskanzel! -- Hier lehre im großen,
Wundervollen Tempel der heilgen Natur ihren Schöpfer,
Wann dich der scheidenden Sonne Purpur golden verkläret,
Und ein Stern nach dem andern am reinen Azur hervorglänzt,
Zu bezeugen, es sei ein Gott, der die Menschen geschaffen,
Daß moralische Vollkommenheit sei der Schöpfung
Heiligster, höchster Zweck, und Tugend das Mittel der Menschen!
Oder verweile auch hier, wie einst ich mußte verweilen,
Wenn sich am brennenden Himmel wildrollende Donner verfolgen,
Wenn sich die Flammen des Blitzes im zischenden Zickzack verbreiten,
Bänglich durch schlüpfrige Ritze der Wind heult, rauschend die
Wipfel
Alternder Tannen erzittern und rings die Söhne des Forstes
Brausen; -- wenn sich die ganze Natur im Sturm zu lösen
Droht, wenn Nacht und Dunkel und schlängelnde Blitze dann
schrecklich
Dich umzingeln und nirgends ein lichterer Fleck an dem Himmel
Kündet dir an der tobenden Wetter bald nahendes Ende, -- --
Dann verweile, o Wandrer, wie ich einst verweilte am Felsen!
Was du empfindest, so lange du lebst, vergißt du es nimmer! --
Nachdem wir uns satt und überall umgesehen haben, klettern[17] wir
wieder (aber sei ja vorsichtig!) herab von dem Felsen, betrachten
ihn unten noch einmal von allen Seiten und steigen von der Anhöhe
selbst wieder hernieder. Oft unterweges blicken wir uns um nach der
ragenden Kanzel, bis die dichten Fichtengebüsche sie gänzlich unsern
Blicken entziehen. Wir kommen zu dem sogenannten Schneiderguthe zurück;
hier wollen wir eine Milch einnehmen und uns an dem vielfachen Echo
ergötzen, welches man, zwischen Nord und Ost gerichtet, nicht weit
von dem Hause am Wege wahrnehmen kann. Fünfmal kann man einen starken
Schall ziemlich zurück hören.
Nun richten wir unsern Weg wieder nach der Stadt, um für künftige
Wanderungen uns zu stärken und zu erquicken. --
2.
Die Gegend am Schwarzwasser nach Breitenbrunn.
Wenn man eine rechte romantische Gegend, voll Abwechslung und
Gegenständen mancher Art, durchwandern und besehen will, so darf man
nur auf dem Wege am Schwarzwasser nach Breitenbrunn gehen. Für den
aufmerksamen Freund der Natur hat diese Gegend gewiß viel wahren Genuß
und Reitz, indem Erhabenheit und Ernst in immer neuen Scenen dem
forschenden Auge sich darstellen.
Man geht zuerst von dem Schießhause vorbei auf der Chaussee; zur
Rechten rauscht über große Steine schäumend das Schwarzwasser, an
welchem sich der Rabenberg waldig emporhebt und längs demselben
fortzieht. Links an dem schroffen Fuße des Heimbergs liegt ein kleines
Wiesenthal ausgebreitet, worin man die sogenannte Finkmühle und die
dabei befindliche Zinnschmelzhütte erblickt. -- Weiter hinten, am Ende
des Thals geht es nun ein wenig bergan und das Schwarzwasser macht
einen Bogen rechts von dem Wege, daß man eine hübsche Wiese erblickt,
über welche oben die Straße sich hinbeugt und Felsen und Gebüsche sich
dehnen. Hier ragt am jenseitigen Ufer des Schwarzwassers ein kahler
und steiler mit Felsenruinen verwahrter Gebirgsfuß hervor, vorn an der
Spitze mit wenigen hohen, schwarzen Tannen bewachsen; gleich dahinter
steigt wieder ein hoher, ebenfalls kahler, schroffer Berg auf, auf
welchem ganz oben ein Gemisch von Fichten, Buchen und Felsen sichtbar
wird. Gewiß ist der Anblick sehr schön, den man hier hat: neben sich
die grüne Wiese mit ihrem Fels, an deren Ende das geschlängelte,
rauschende Schwarzwasser, hinter welchem das kahle, steile Gebirge mit
dünner Waldung und grauen Felsen ansteigt. Hier habe ich oft und gern
verweilt. --
Der Weg senkt sich jetzt wieder hinab und bleibt nun durchs ganze
Thal eben. Man kommt an eine Mühle, welche, von einem nicht großen
Grasplatze hinten und zur Seite umgeben, jenseits des Schwarzwassers
am Fuße des nun waldigen Gebirges liegt. Links dehnt sich jetzt
ebenfalls eine Gebirgskette mit Waldung und weiß hervor schimmernden
Granitblöcken fort, an deren Fuße unweit der Mühle ein Stolln, Namens
_Trau und bau auf Gott_, befindlich ist. Krumm beugt sich der Weg dann
um des Gebirges hervorragenden Fuß und so hat man bis jetzt links
wieder eine neue, überraschende Aussicht.
Die Gebirgsseite ist eine Strecke fort meistens kahl und nur oben zieht
sich der dunkle Forst hin, an dessen Saume man mehrere Reihen alter und
neuer[18] Holzstöße erblickt. Weiter unten ragen hie und da aus einem
Chaos von Gestrippe, Steinen, Moos und kleinen Gebüsche einige hohe
röthliche Felsen auf, anmuthig von Buchen umschattet, welches ebenfalls
einen überaus schönen Anblick gewährt. Zur Rechten das rauschende
Schwarzwasser und der hinten aufsteigende, dichte Wald, aus welchem
der Vögel frohe Gesänge tönen; über sich so hoch den Himmel, vor sich
den mit dem Wasser parallel geschlängelten Weg und das ganze tiefe
Thal, wie oben höhere Tannen majestätisch aus den Forsten ragen, wie
dort zerschmetterte Stämme im Kreise mächtiger Granitblöcke trauern
und aus dem Dunkel der Waldung ein scheuer Hirsch hervorlugt. Und
immer begegnet man biedern aufrichtigen Menschen, auf ihren gesunden
Gesichtern leuchtet Frohsinn und Zufriedenheit. _Zufriedenheit_, --
auch wenn im Winter der häufige Schnee die Wege versperrt und die Thür
der Hütte verschneit; muthig wird ein Weg gebahnt. Wenn Weib und Kinder
frieren: rasch den Schlitten zur Hand, ringsum ist ja Wald,[19] wo man
Holz holen kann; väterlich sorgte die Vorsehung! -- Nicht wahr, ihr
Erzgebirger, ihr lebt in keinem Siberien, wie Weichlinge euer Gebirge
nennen? Uns, meine braven Landsleute, gefällts im Schooße unserer
Thäler und Berge! -- Selten und fast nie dringen zu uns die Gräuel und
Schrecken des Krieges; wenn Andere mit vielem Blute sich Land auf Land
erobern, genügt uns an einer Hütte und dem nöthigen Auskommen, wenn wir
nur gesund sind und arbeiten können. O, wie glücklich leben wir auf
unsern verschrieenen Bergen! --
Unter Abwechslung der Gegenstände, wie ich sie geschildert habe, kommen
wir endlich auch an das sogenannte _Teumerhaus_, eine an dem Wege
liegende Schenke; von hier bis nach Johanngeorgenstadt rechnet man eine
starke Stunde, und für Reisende ist es wirklich gut, vorzüglich im
Winter, daß sie hier ein Wirthshaus treffen.
Der Weg zieht sich immer links am Fuße des Gebirges fort und schlingt
sich endlich um eine kleine, mit einer Mauer halb umrundeten Wiese;
das Thal erweitert sich nun ein wenig und das Schwarzwasser macht
rechts einen ziemlichen Bogen. Am Ende der Wiese links erhebt sich ein
kolossalisches Felsengethürm, welches aus lauter großen, abgerundeten,
viereckigten Felsenmassen auf einander geschichtet scheint, und dieser
hohe Fels, so wie noch einige, die wir unterweges treffen werden,
heißen die _Hefenklöße_.[20] Farbiges Moos und allerlei Gestrippe
bedecken hie und da diesen Fels; schlanke, junge Tannen beugen sich aus
den häufigen Ritzen und Klüften hervor und bedecken seinen Scheitel.
Von vorn herab ist er, wie abgeschnitten und unersteiglich; wenn man
ihn aber von der Bergseite erklettert, an welcher er sich emporhebt,
hat man eine ziemliche Aussicht ins Thal. Grausen und Schwindel
überfällt den Wanderer, der auf seiner Höhe weilt, und der bloße
Gedanke schon, »wenn ich hinabstürzte« -- treibt bleiches Schrecken
und Zittern über sein Angesicht und seine Glieder. Ach! ihm würde auch
nie wieder die Sonne scheinen, wenn er hinabstürzte; ehe er den Boden
berührte, hätte des Todes Hand ihn zerschmettert! --
Wenn man eine Strecke weiter im Thale fortgegangen ist, kommt man an
eine Meilensäule und hier nun hat man wieder einen vortrefflichen
Anblick. Schräg gegen über erblickt man wieder einen Fels, dessen
ganze Gestalt aber von den Hefenklößen abweicht. Er erhebt sich mehr
terrassenförmig und spitzig auf der hervorstehenden, waldleeren
Seite des Gebirges rechter Hand, und glänzt in verschiedenen bunten
Farben, vorzüglich unten; einige junge Fichten schmücken ihn und hart
an seinem Fuße rauscht das Schwarzwasser vorbei, welches hier den
angefangenen Bogen endigt. Gerade vor sich sieht man jenen großen, auf
dem Schneiderfelsen schon wahrgenommenen, kugelförmigen Berg mit seinem
Basaltfelsen, bis an die Mitte von Waldung bedeckt; und nun bilden sich
zwei Thäler.
Das eine nämlich links hinauf, durch welches ein schäumender Waldbach
braußt und ein Weg, nach _Steinheidel_ und andere Waldflecken führt.
Rechts entsteht das andere Thal, durch welches das Schwarzwasser an der
Breitenbrunner Straße hart dahinfließt. Der Weg geht jetzt über eine
Brücke, wo sich jener Bach in das Schwarzwasser stürzt; wir bleiben
aber auf dem Wege nach Breitenbrunn.
Unterweges kommen wir wieder an einige solche kolossalische Felsen, wie
der oben beschriebene, an die Hefenklöße. Aus des Forstes dunklem Grün
steigen sie hart an der Straße auf und flößen Staunen und Bewunderung
ein.
Wenn man eine Strecke weiter fortgegangen ist und sich rechts gehalten
hat, sieht man, wie sich rechter Hand das Thal erweitert, die Waldung
dünner wird und endlich auf der Höhe einige Felder zum Vorschein
kommen. Erfreulicher wird diese Wahrnehmung, wenn endlich der Wald
nach und nach aufhört und man an einige Häuser[21] kommt, hinter
welchen wiederum am Saume des Waldes sich verschiedene Felsen empor
heben. Alles wird jetzt freundlicher, man naht sich Breitenbrunn immer
mehr, und, auf der Brücke stehend, sieht man links hinunter in ein
von dunkler Waldung eingeschlossenes Thal, welches das nun breiter
fließende Schwarzwasser durchschneidet und worin das Hammerwerk
_Breitenhof_ liegt. Man hört das Getöse des Hammers und der gehenden
Treibräder, hört das schauerliche Pfeifen der Blasebälge, die das
Wasser hebt; sieht die Sprudel ewiger Funken und die weißlichen
Dampfsäulen zum Himmel steigen, sieht das lebendige Fuhrwerk und das
Kommen und Gehen der Menschen. -- Rechts dehnt sich Breitenbrunn einen
allmählig ansteigenden, hohen Berg hinan, oben auf der Höhe des Berges
steht erhaben die Kirche; seiner freundlichen Lage nach verdient
Breitenbrunn vorzüglich unter die ansehnlichen, hübschen Dörfer des
obern Erzgebirges gezählt zu werden.
3.
Der Teufelsstein bei Steinbach.
In den vorhergehenden Schilderungen haben wir uns meistentheils in
der untern Region um Johanngeorgenstadt aufgehalten; jetzt wollen
wir auch die obere durchstreifen und unsern Weg nach _Steinbach_
richten. Vielleicht lächelt mancher hier, der einige Kenntniß von der
dortigen Gegend hat, daß ich den Leser nach Steinbach, ein kleines, von
Bergleuten bewohntes Walddorf, führen will, aber nicht dieses will ich
ihm, sondern die in dieser Gegend befindlichen Merkwürdigkeiten und
unter diesen vorzüglich den _Teufelsstein_ zeigen. Warum man diesen
Fels so nennt, weiß ich nicht; vermuthlich gab die Einbildungskraft des
gemeinen Mannes, welche immer die Hand des Teufels und nicht Gottes
Hand am Außerordentlichen wahrnimmt, einem Felsen diesen Namen, dessen
auffallende Gestalt und übrige Lage ich jetzt schildern und zugleich
den Eindruck zeichnen will, den der Anblick desselben in der Brust
eines jeden gefühlvollen Naturfreundes macht.
Man geht die Eibenstöcker Straße, welche bei einer Zeche, Gotthelf
Schaller genannt, vorzüglich vorbei nach dem weiter oben liegenden
Walde sich zieht, daß man das schon erwähnte Schwefelwerk dann schräg
linker Hand hin nicht weit von sich erblicken kann. Auf diesem Wege
gehe man eine ziemliche Strecke immer durch den Wald fort, bis man
rechts herüber in kurzen Pausen eine Glocke[22] tönen hört. Nun wende
man sich rechts, gehe durch die dünne Waldung und bald wird man auf
eine große Blöße[23] kommen, wo sich auf einer kleinen Anhöhe am Saume
des Waldes eine hohe Felsenwand zuerst und auffallend darstellt. Man
wird wirklich bei dem Anblicke derselben überrascht, ob es gleich
nichts seltenes ist, im obern Erzgebirge häufig auf Felsen zu stoßen:
aber die Gestalt dieses Felsens verdient, daß man eine Weile sich hier
erst durch den Anblick desselben ergötze. --
Vor sich sieht man eine unmerklich sich daher senkende, mit jungen
Gebüschen, mit größern und kleinern Steinen und Stöcken überzogene
Fläche, welche weiter unten mit den Steinbächer Wiesen und Feldern sich
vereinigt. Seitwärts rechts auf einer kleinen Anhöhe hebt sich der
Teufelsstein empor.
In der Gestalt dieses Felsens findet man wirklich die täuschendste
Aehnlichkeit mit den Ruinen irgend einer alten Burg aus der Vorzeit;
denn man nimmt nicht nur die deutlichsten Spuren mehrerer Fenster,
sondern auch Thüren und Bogen daran wahr. Er steigt, wie eine
Treppe, von der einen Seite zu einer beträchtlichen Höhe auf, und
senkt von da sich auch so wieder auf der anderen Seite hinab. Ein
interessanter Anblick, wie diese röthlich grauen Ruinen am Saume des
Forstes aufragen, dessen schwarzes Grün einen lebhaften Farbenabstich
erzeugt und das Romantische dieser Erscheinung vermehrt! Und wenn
man den pausenweisen Klang der unfernen Zechenglocke hört, wenn man
nicht weiter um sich sieht, sich auf Flügeln der Phantasie in die
graue Vergangenheit zurück schwingt, wo Schilde und Speere klirrten:
wahrhaftig man wähnt, es töne die heimliche Klosterglocke und ein
Ritter Bruno oder ein Adelbert habe mit gewaltiger Macht vor etlichen
Monden jenes Raubschloß zerstört; nun wird der steinige Boden grünend,
von der Anhöhe herab dehnt sich der Burggarten, wo im Schatten der
hohen Linden eine Adelheid oder eine Gertrud wandelt, der Minne erste,
selige Gluth empfindend. Nun mahlt die Phantasie lebhafter und auf die
angenehmste Weise diese Bilder weiter aus, und einer süssen Wehmuth
Gefühl schauert durch die beklommene Brust. --
Aber aus der lieblichen Täuschung erwacht man bald, wenn man näher
hinzugeht und mehrere senkrechte Spalten, und viele viereckigte,
säulenförmige Felsenmassen wahrnimmt, welche, wie von Menschenhänden an
und auf einander gestellt, den Teufelsstein bilden. Von vorn herab, wo
wir jetzt unsre Blicke hinwerfen, ist der ganze Fels wie abgeschnitten,
keine Möglichkeit findet sich hier, ihn zu ersteigen. Staunend blickt
man ihn an und findet: daß der Mensch in seinen Werken nie die Natur
nachzubilden vermag, daß ein kostbares Meisterwerk der Kunst, hier
aufgestellt, viel verlieren würde. Aber der Mensch bildet auch nur nach
seinen Idee'n Gestalten; noch fand man keine medizeische Venus[24]
unter den Menschen und keinen attischen Eros,[25] und es fragt sich, ob
der geübte Meisel des Künstlers den Stein, welcher verachtet am Wege
liegt, nachbilden kann, so, daß man die Hand der Kunst nicht entdecke.
-- So fehlt auch den Felsen, die man bisweilen im Niederlande in
vornehmen Gärten antrifft, weiter nichts, als daß man nicht wahrnehmen
müßte, sie wären zusammengepfuscht. Aber um so herrlicher und erhabener
ist der Anblick, wenn man an Gegenständen der Natur, wie z. B. an
diesem Felsen, wahrnimmt, daß es scheint, als hätten Menschenhände es
gethan; da dem doch nicht ist, so wie man bei künstlichen Felsen weiß,
sie sind zusammengesetzt und sollen doch natürlich scheinen. Dieß
verhält sich nun so auch im Allgemeinen; das Künstliche soll natürlich
scheinen, und das Natürliche trägt Spuren der höchsten Kunst an sich. --
Es würde uns aber ein großer Theil des Genusses entzogen werden, wenn
wir den Teufelsstein nicht erklettern sollten, und zu diesem Ende
gehen wir auf die hintere Seite und bemerken zugleich, daß diese hohe
emporragende Wand kaum 30 Zoll stark sei. Hinten lehnt sich eine andere
Felsenwand an, daß man jedoch die Abgesondertheit Beider wahrnehmen
kann, und auf dieser steigt man, freilich etwas beschwerlich und mit
klopfendem Herzen, empor. Bald kommt man an ein paar fensterförmige
Durchsichten; wem nun hier beim Herabblick auf die Gegend schon
schwindlich wird, dem rathe ich nicht, weiter zu steigen, weil von
jetzt an das Klettern bis zu den Spitzen des Felsens gefährlich wird.
Jedoch wird man durch die erhabenste Aussicht vielfältig belohnt.
Tief unter sich sieht man nun den daran stoßenden Forst, und wie sich
hie und da waldige und kahle Berge emporheben; sieht vor sich unten
das weidende Vieh und schräg drüben die Wasserkunst beim Schimmel,[26]
sieht, wie sich die Gestänge wimmernd an einander reiben, und weiter
hinten Steinbach, man hört das Getöse der gereihten[27] Pochwerke und
das Handthieren links auf der Straße. -- Hinter sich sieht man die
ganze Fläche von Waldung umzingelt, hinter welcher im verjüngtesten
Maaßstabe der Schneiderfels hervorblickt und hinter diesem dehnt sich
wiederum fern hinab der Rücken des Rabenbergs. Wahrhaftig es ist
interessant, bei, um und auf diesem Felsen zu weilen. --
Wenn man das obere Gebirge bereis't, so beobachte man vorzüglich,
einen Gegenstand aus verschiedenen, fernen Gesichtspuncten zu
betrachten, sodann sich ihm allmählich zu nahen und dann seine übrigen
Untersuchungen anzustellen. Eine allgemeine Regel kann man freylich
nicht geben, weil die Lage und Form der Gegenstände, und sie selbst zu
verschieden sind; aber nur jenen wissenschaftlichen Handwerkssinn[28]
hege man nicht, wenn man die Schönheiten der Natur betrachten will,
die dann nur schön sind, wenn man mit reinen Gefühlen und nach keinem
idealischen Maaßstab sie betrachtet; wenn man die Natur kindlich ehrt.
-- So betrachtet den Teufelsstein, so seht von seiner Höhe gleichsam
herab auf die Erde, ach! sie ist so schön, wenn man sich über sie
erhaben sieht! --
Seitwärts in dem Forste findet man noch mehrere Felsen von
verschiedener Gestalt, die aber, weil der Wald zu dicht um sie sich
drängt, jenes Anziehende und Heimliche verlieren, welches wir bei
dem Schneiderfelsen und dem Teufelssteine fanden und empfanden. Man
trifft hier in der Nähe einen Fels, welcher ein bogiges, richtiges Thor
bildet. -- Die mannichfachen bunten Moosarten an den Felsen und auf
manchen Bergen dienen auch dieselben zu beleben und zu verschönern.
Ich fand Steine, welche, vorzüglich nach dem Regen, wie Veilchen
dufteten, ja noch stärker und reitzender; die Ursache ist ein rothes,
äußerst dünnes, jedoch sehr fest mit dem Steine vereinigtes Moos,
welches aber nur an einer gewissen schwärzlichen Steinart gefunden
wird. Dieser sogenannte Veilchenstein ist auch selten, ich fand ihn
hinter der _rothen Grube_ nach _Sosa_ zu. Nicht genug rühmen kann ich
den angenehmen Geruch, welchen dieser Stein, als ich im Frühherbste
die Gegend durchwanderte, nach einem leichten, kurzen Regen von sich
duftete. Uebrigens kam er mir nirgends wieder vor.
4.
Der Auersberg.
Von Johanngeorgenstadt nach Abend hin, ungefähr zwey Stunden weit,
erhebt sich der _Auersberg_, welcher von dem sonst[29] häufig auf ihm
sich aufhaltenden Auerwildpret diesen Namen erhielt. Von _Eibenstock_
aus liegt er zwischen Morgen und Mittag, zwei Stunden weit; von
Schneeberg aus aber liegt er gegen Mittag, und man rechnet bis zu
seinem Fuße vier Stunden, wenn man nämlich über _Sosa_ dahin reißt. Wie
bekannt, ist dieser Berg nach dem Fichtelberge der höchste in Sachsen:
er erhebt sich 2353 Fuß hoch über Wittenberg.
Man merkt, wenn man von Johanngeorgenstadt ausgeht, nicht seine Höhe so
auffallend, denn von diesem Gebirge steigt er immer allmählig empor.
Als Fremder findet man allein den Weg nicht, man muß einen Führer
nehmen und um 1 Uhr früh, versehen mit geistigem Getränke und einem
tüchtigen Frühstücke, (denn auf hohen Bergen wird man bald und oft
hungrig) sich aufmachen, daß man vor Sonnenaufgang oben ist; denn das
ist der herrlichste, erhabendste Genuß, hier den Fürsten des Tages aus
seinem Rosenbette steigen zu sehen.
Angenehm ist von Steinbach aus der Weg freilich nicht, denn bisweilen
ist es sumpfig, und Frauenzimmer mögen sich mit Stiefeln verwahren;
dann geht man auf lauter quer gelegten Stangen den größten Theil
des Weges hinan, immer von hohem, dunklem Wald umgeben. Es wird der
Auersberg häufig von Fremden und Einheimischen besucht, und die
letztern wallfahrten in ganzen Gesellschaften dahin. Von Eibenstock aus
ist der Weg besser, aber man muß viel steigen, denn von Wildenthal aus
hebt sich der Berg steil empor. Der angenehmste Weg ist von Sosa aus.