Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt.
Im Original durch größere Schrift hervorgehobener Text ist _so
dargestellt_.
Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
Buches.
Interessante Wanderungen
durch
das Sächsische
Ober-Erzgebirge.
Zur
Belehrung und Unterhaltung
herausgegeben.
[Illustration]
Freyberg, 1809.
in Commission bey Craz und Gerlach.
Kurze Einleitung,
welche die Ursachen der Geringschätzung der Erzgebirgischen
Gegenden und die Absicht dieser Schrift angiebt.
Es waren die schönsten, die glücklichsten Tage meines Lebens, wo ich
mit einem Herzen voll Unschuld und Frohsinn, wo ich noch voll seliger
Ruhe die Berge der theuern Heimath erstieg, auf ihren Höhen weilte,
durch jene traulich stillen Thäler irrte, -- wo ich das Erzgebirge
durchwanderte. Sie sind nicht mehr, die glücklichen Tage! -- Wie durch
graue Wetter das goldene Abendgewölk lächelnd dahin schwebt: so lächelt
mir rosig die Vergangenheit durch die Risse ewiger Ungewitter; -- ich
starre kindisch froh das liebliche Gebild an, ich sehe sie wieder, die
wonneseligen Tage meiner Knabenzeit, sehe wieder die frohen Spiele der
Unschuld auf beblümter Wiese, -- dort steht mit ihrem Schatten die
alte, weitästige Buche; dort lehnt sich am bebuschten Hügel der ernste
Fels empor, ihn umklettern weidende Ziegen, -- dort rinnt im grünen
Moose der silberne Quell. O! daß sie leider nicht mehr sind, jene
glücklichen Tage! -- --
Doch immer denke ich an dich, theures, liebes Erzgebirge! Ich
fühle mich getröstet, eine neue Sonne geht mir auf. Darum habe ich
beschlossen, dich und deine Schönheiten gefühlvollen Naturfreunden
zu schildern, für diese Provinz Sachsens Aufmerksamkeit erregen, die
sie nicht minder als die Gegend bei Schandau verdient; denn auch hier
sind heilende Bäder zu _Wolkenstein_ etc. Vielleicht gelingt es mir,
manche lächerliche Meinungen und Sagen von dem obern Erzgebirge, denn
auf dieses nur beziehe ich mich, zu widerlegen und zu tilgen, die
Unwissenheit in Rücksicht einiger Gegenstände desselben in genauere
Kenntniß zu verwandeln und so Interesse und Beifall für dasselbe zu
erwecken.
Es kann überhaupt unter die leidigen Schwächen der Menschen mit
gerechnet werden, daß sie am häufigsten immer nur nach dem ganz
sinnlich Angenehmen streben und doch jeden etwas beschwerlichen Weg
dahin zu vermeiden suchen, ja bisweilen aus dieser widerstreitenden
Ursache sich lieber jedem andern angenehmen Eindrucke trotzig
entziehen. Ich halte daher denjenigen nicht eben für einen ächten
Freund der Natur, welcher nur immer auf duftigem Blumenlager,
umschattet von den goldbefruchteten Bäumen Italiens, von Nachtigallen
zauberisch umflötet, am weichen Ufer des Silberkieselbachs zu ruhen
wünscht, dem Sybariten gleich.
Am wenigsten aber kann ich einen Sachsen für einen Kenner, Verehrer und
Freund seines Vaterlandes halten, wenn er von demselben mit kleinlicher
Verachtung und Geringschätzung schwatzt, -- wenn er nicht sein
Vaterland durchreißt oder wenigstens doch aus Schriften kennen lernt,
sondern die Hotels des Auslandes bereichert. Fern sei es von mir, das
Reisen in fremde Länder zu tadeln, -- dieses wäre thörigt: aber vorher
sollte man doch erst sein Vaterland kennen. -- Mancher wird mich hier
mitleidig lächelnd fragen: »Was ist denn im Erzgebirge besonders zu
sehen? Etwa ein Berg, oder ein Fels, ein schlechter Weg, oder Ellen
hoher Schnee? -- Oder soll man in Schächte und Stollen fahren?« -- Wer
weiß all das elende Geschwätz, welches man einwerfend vorbringt und
ohne Scheu und Scham schon vorgebracht hat! -- Dieses ganze Buch möge
antworten! --
Um der Ehre vieler Sachsen willen glaube ich aber auch, daß der
Mangel einer naturhistorischen Beschreibung des obern Erzgebirges
jene Unbekanntschaft und Geringschätzung desselben zur Folge gehabt
habe, obgleich im Einzelnen manche Skizzen besonderer Gegenstände
existiren. Diese Skizzen, ohne sie etwa zu tadeln, dürfen jedoch
nicht unter diejenigen Schriften gezählt werden, welche mannichfachen
Genuß gewähren, Interesse dafür und Verlangen nach den beschriebenen
Gegenständen erwecken, noch weniger als Wegweiser angesehen werden
können. Daher möchte man fast behaupten, daß von dem obern Erzgebirge
die allerwenigsten und unvollständigsten Nachrichten da wären;[1] daß
man allen Fleiß und alle Aufmerksamkeit nur den reichen Gängen seines
Schooßes widmete und, statt seine Gegenden und übrigen Merkwürdigkeiten
zu beschreiben, nur das löthige Silber aufschrieb, welches man gewann.
O! eurer vergaß man, ihr stillen friedlichen Thäler, wo in dürftigen
Hütten zufriedene Armuth wohnt, -- wo über funkelnde Steine crystallne
Bäche sich schlängeln und die grünen Wiesen tränken, -- wo der Friede
Gottes ruht! -- Eurer vergaß man, ihr heimlichem dunkeln Tannenwälder,
wo zwar nicht Nachtigallen flöten, wo keine saftigen Früchte den Gaumen
reitzen und nicht der müssigen Spatziergänger Schaar lärmt: aber
verstohlen ein Vöglein singt, wo die purpurne Erdbeere verschämt unter
ihrem Dreiblatt schwillt, -- wo hoher Ernst weilt, wo im frischen,
elastischen Moose gelagert der Denker ruhig und ungestört in andere
Gefilde sich schwingen und eines Himmels sich freuen kann; -- wo
unglückliche Liebe weinend und mit verschlungen Armen am bekränzten
Felsenblocke lehnt! --
O! eurer vergaß man, ihr Berge, ihr silber schwangern Stützen des
Himmels, wo man, erhoben über dieser Erde schimmernden Tand, am
Sonnenthrone der Gottheit knieen und ihre beglückende Gegenwart tief
in der Brust fühlen kann, -- wo man nicht mehr Mensch ist, sondern
rein aus der gebrechlichen Hülle tritt und mitleidig hinunter auf all
das eitle Thun der Menschen blickt! -- Man vergaß eurer, ihr Felsen,
wo im schaurigen Dunkel greiser Tannen, die Wehmuth ins Thal starrt,
-- die ihr, ein Bild männlicher Größe, in stürmender Wetter grausen
Schrecknissen fest stehet, -- um die beim Schimmer der Sichel die
Eule flattert und Beute hascht! -- Eurer vergaß man, ihr murmelnden
Bäche, die ihr den Wiesengrund belebt und dem Müller im Thale sein Brod
bescheert, -- in deren crystallener Kühle bunte Forellen und Schmerlen
scherzen, an deren bebuschten Ufern der Knabe weilt und sich Ruthen
schält! Deiner ward nicht gedacht, du rauschender Waldstrom, der du
über deine Felsen schäumest, durch dichter Fichtengebüsche nickende
Reihen dich drängend! -- Nicht ward eurer gedacht, ihr schönen,
romantischen Gegenden, wo man bei dem Anblicke einer jeden, in einer
jeden möchte sein Leben unter den biedern, herzlichen Naturmenschen
zu bringen! So laß mich hier, glückliche Vergangenheit, noch einmal
in den Spiegel deiner Erinnerungen blicken, noch einmal so manche
abgeschiedenen Freuden vorüber gleiten, laß mich die theuern und
geliebten Menschen sehen, die ich kannte und noch kenne! Ach! manche
sind schon heim gegangen! --
Woher aber rührt jene Unbekanntschaft mit den Naturschönheiten des
obern Erzgebirges? -- Woher kommt es wohl, daß der Bewohner anderer
Sächsischer Provinzen[2] wenig oder gar keine Kenntniß jener
Gegenstände besitzt, -- daß es ihn Fabel dünkt, wenn man von den
Bergen, Thälern, Gegenden und riesigen Felsen des obern Erzgebirges
erzählt? --
Hält man meine Meinung nicht für übertrieben und hart, so will ich
diese Fragen überhaupt zu beantworten suchen. Ich glaube, daß dieses
erstlich daher komme, weil, wie ich schon erinnert habe, keine
genaue und reelle Beschreibung der Naturmerkwürdigkeiten des obern
Erzgebirges da ist, indem man Mühe und Beschwerlichkeiten, eine solche
zu liefern, scheute, und voraus zu sehen glaubte, daß man dafür kein
verhältnißmäßiges Honorar erhalten würde und könnte. Ferner ließ man
sich durch übertriebene Mährchen elender Weichlinge täuschen, und
endlich will man lieber das Ausland, als sein Vaterland kennen lernen.
Gewöhnlich scheut man es sehr, jene Berge zu erklimmen, durch jene
dunkeln Tannenwälder zu irren, jene Felsen zu ersteigen, über
rauschende Bäche zu setzen, durch Schluchten und Höhlen zu kriechen,
um -- die Schönheiten der Natur kennen zu lernen. -- Und doch ist man
geschwind mit dem Ausdrucke fertig: »es ist dort zu rauh!« -- Von einer
Gegend gebraucht, ist dieses eigentlich ein nichts sagender Ausdruck.
Denn was kann man in der Natur rauh nennen? wer kann es nennen? -- Sind
es hohe Berge? sind es Fichten-, Buchen-, Tannenwälder? sind es Felsen,
Thäler, Bäche, Auen, Wiesen und Haine? Ist ein Wald rauher, als der
andere, ein Fels, ein Thal rauher, als die andern? -- In der That, ich
kann keine Gegend, absolut rauh nennen. --
Und wenn man das Klima rauh nennt, so muß ich mich wundern, wie man
sich vorstellen kann, daß nur allein im obern Erzgebirge das Klima rauh
seyn soll, wenn in andern Gegenden und Provinzen Sachsens die Sonne
scheint. Im Winter wird man doch nicht reisen, um Gegenden zu besehen
und im Winter ists bei Dresden eben so rauh, als im Erzgebirge, denn
Eis und Schnee trifft man im Winter in unserm Sachsen doch überall
an. Komme man aber im Sommer aus dem sandigen, heißen Niederlande in
das obere Erzgebirge, und athme dann eine frische Luft ein, die auf
jenen Höhen weht, und empfinde die angenehme Wärme in den Thälern,
-- kurz, kommt ihr, die ihr das Gebirge verachtet, wenn bei euch
angenehme Witterung ist, in das Erzgebirge, und es wird euch eben die
Sonne scheinen, und eben die Lüfte werden euch umwehn, ihr werdet euch
beschämt sehen. Freilich ist der Winter oft stürmischer und härter,
dafür aber sind es Berge. --
Manche haben keinen Stein des obern Erzgebirges gesehen, und schwatzen
dennoch, wie viele andere; dieß rührt von den übertriebenen Mährchen
unberufener Erzähler her, und derjenige, welcher sich vorher keinen
Begriff von dem obern Erzgebirge und der natürlichen Beschaffenheit
desselben machen konnte, wird von kleinlichen Vorurtheilen und
überspannten Idee'n angefüllt, daß er sich auf diese Art oft dem
Lächeln und dem Mitleide verständiger und gebildeter Erzgebirger
aussetzt. So sähen viele Sachsen es lieber, wenn das Erzgebirge eine
fette Kornkammer wäre, obgleich die Anzahl der Producte, die es
liefert, größer ist, als fast in irgend einer Provinz; so hat man, wenn
Theurung im Gebirge war in den übrigen Kreisen die vollen Speicher
verschlossen gehalten, hat nicht gegen Geld und Bitten dem Hunger
abwehren wollen; (_einige edle_,[3] patriotische Familien ausgenommen!)
hat die Fuhrleute, die viele Meilen weit in Commission kamen, leer
zurück fahren lassen, wenn sie nicht die enormsten Summen für das
taube Getraide zahlten! Hätten nicht die nachbarlichen Böhmen oft den
Erzgebirgern Getraide und Lebensmittel zukommen lassen, hätte nicht
auch vorzüglich der allgeliebte _Friedrich August_, der Vater des
Vaterlandes, seine Milde gegen das Erzgebirge so rühmlich bewiesen,
ach! wer weiß, was man würde gehört haben! -- Man verzeihe mir diese
Herzenserleichterung, ich habe Wahrheit gesprochen! --
Durch die gegenwärtige freie Schilderung, welche man als einen Versuch
ansehe, habe ich Freunden der Natur- und Vaterlandskunde einen Pfad
bahnen wollen, den man in Zukunft erweitern und verbessern und so sich
Vergnügen und Nutzen mancher Art verschaffen kann. Man verkenne meine
Absicht nicht, ich meine es redlich. --
W******,
im August, 1807.
_C. G. Wild_
Inhalt.
I. _Johanngeorgenstadt und die umliegenden nähern und entferntern
Gegenden._ (Erzählung der Erbauung dieser Stadt, -- ihre Lage,
Feldbau und Klöppelwesen, u. s. w.)
1. Die Teufelskanzel oder der Schneiderfels.
2) Die Gegend am Schwarzwasser nach Breitenbrunn.
3) Der Teufelsstein bei Steinbach.
4) Der Auersberg. (abentheuerliche Reise dahin.)
Der Aufgang der Sonne auf dem Auersberg. (Eine Novantike für
Freunde der Natur.)
5) Von Wildenthal über Eibenstock nach Ober- und Unterblauenthal.
6) Der Weg von Sosa nach dem Blaufarbenwerke.
7) Die Gegend um Bockau.
II. _Schneeberg und die umliegenden nähern und entferntern
Gegenden._ (Schilderung von Schneeberg, -- Lage, Gegend und
Vorzüge. z. B. das Lyceum, Konzert, Bürgermuseum u. d. g.)
1. Der Kleesberg. Allerlei Merkwürdigkeiten von demselben.
2) Das Gerichtswäldchen und das Hammerholz.
3) Die Eisenburg bei Willbach. Nebst einem Gedichte.
4) Ueber Stein zur Prinzenhöhle. (Schloß Hartenstein.)
5) Ueber Schnorrensguth und Auerhammer nach Celle.
6) Uebrige Gegend um Schneeberg.
III. _Vorzügliche Feste der obern Erzgebirger._
1. Die Fastnacht. (Besonders zu Johanngeorgenstadt.)
2) Weihnachten. (Schnitzeln, Heiligchristspiel, Speisen,
Illumination etc.)
IV. _Besondere Gebräuche._
1. Das Hutzengehen.
2. Die Aschermittwoche.
3. Der Walpurgisabend.
4. Das Osterficken.
5. Der Pfingstlümmel.
6. Der Johannisabend.
V. _Vorzügliche Vergnügungen._
1. Das Vogelstellen im Herbste. (die verschiednen Arten.)
2. Im Winter das Ruscheln.
3. Schneehäuser, Schneemänner, Lavinen.
VI. _Kurzes Gespräch zweier obergebirgischer Bergleute._ (Nebst
einer hochdeutschen Uebersetzung.)
VII. _An das Erzgebirge._ (Ein kurzes Gedicht.)
I.
Johanngeorgenstadt und die umliegenden nähern und entferntern Gegenden.
Man muß aus Böhmen kommen, man muß aus der gesegneten Saazer Gegend
in das allmählig immer waldigere und steilere Gebirge Böhmens kommen
um die Verschiedenheit des Klimas und der Natur selbst kennen zu
lernen; um sehen zu können, wie der fruchtbarste Boden nach Abnahme
der Meilen minder fruchtbar und endlich ein steiniges Riesengethürm
wird, wie die gefällige, ährenwogende Gegend, nach der Grenze zu,
ernster, finstrer und wilder wird; wie die seufzenden Obstbäume am
Ende in dunkle Tannenforste sich verwandeln, wie das flache Land in
deutlichen Stufen zum großen Gebirge anwächst. Es ist sehr interessant,
diesen abgestuften Uebergang vom Gefälligen und Fruchtbaren zum
minder Gefälligen und minder Fruchtbaren wahrnehmen zu können. Aber
es ist auch wiederum um so interessanter, den stufenweisen Abfall
des minder Gefälligen und minder Fruchtbaren wahrzunehmen; zu sehen,
wie die finstern, waldigen Gebirge allmählig sich erheitern und mit
freundlichem Fuße das flache Land berühren; wie der steinige Boden nach
und nach fruchtreich sich endigt, wie die ernsten wildromantischen
Gegenden allmählig heiter und freundlich werden und endlich den
gefühlvollen Naturfreund entzücken. -- Dieses nun ist der Fall mit dem
sächsischen obern Erzgebirge und vorzüglich mit dem, welches sich an
die waldigen Gebirge Böhmens anschließt.
Ich glaube daher besser zu thun, wenn ich den Leser zuerst von
_Johanngeorgenstadt_ aus führe, sodann über _Schneeberg_ nach _Zwickau_
zu, oder über _Geyer_ und die Gegenden nach _Annaberg_ und _Chemnitz_.
Denn so bemerkt man sehr deutlich, wie allmählich das Klima milder und
der Boden besser wird, wie die Gegenden sich nach und nach in lachende
und gefällige verwandeln. Es wird daher nicht unzweckmäßig seyn, wenn
ich zuerst von _Johanngeorgenstadt_ und der umliegenden Gegend im
Allgemeinen spreche, da dieser Ort durch seine Entstehung, seine Lage,
seinen Bergbau und durch das Spitzenklöppeln zum Theil nicht unbekannt
und uninteressant seyn wird. --
Eine hohe Bergkette, welche in einem schrägen Halbzirkel von Mittag
gegen Mitternacht sich fortzieht, nennt man in der dasigen Gegend _den
Fastenberg_ und theilt ihn ein in den vordern, mittlern und hintern.
Auf diesem Fastenberge nun ist _Johanngeorgenstadt_ gebaut und zwar
auf dem vordern, hart an der böhmischen Gränze. Zur Zeit nämlich, als
der lutherische Religionsbegriff in Sachsen der herrschende geworden
war und in allen Provinzen dieses Landes der Wahrheit himmlisches
Licht die Nächte des Irrwahns zu verscheuchen angefangen hatte; zur
Zeit, als noch finstre, dichte und ungeheure Waldungen den Fastenberg
bedeckten und noch (nach eines alten Schriftstellers Ausdrucke) die
Bären brummten, die Wölfe heulten, die Füchse bellten, zu dieser Zeit
waren an Böhmen die ehemals Schwarzenbergischen Städte _Platten_ und
_Gottesgabe_ abgetreten worden. Doch der Religionshaß der Katholiken
drückte die lutherischen Einwohner auf alle mögliche Art, und
ungeachtet der vom Kaiser _Ferdinand_ in dem errichteten Vertrage mit
_Johann Georg I._ versprochenen Religionsfreiheit, kam schon 1653 der
kaiserliche Befehl: _daß die Lutheraner entweder römischkatholisch
werden, oder mit Zurücklassung ihrer Haabe und Güter das Land meiden
sollten_. -- Es war dieses ein nicht unerwartetes, aber hartes Gebot,
und es fragt sich, ob die Lutheraner jetziger Zeiten das würden thun,
was ihre ältern Brüder _damals_ thaten. -- Die meisten trennten
sich von ihrem Eigenthum, von der häuslichen Ruhe, von den zurück
bleibenden Blutsverwandten und Freunden, flohen bei Nacht, ohne
Aussicht, ohne Mittel, sich irgendwo in die alten Familienverhältnisse
wieder zurückzubringen, wieder Haus, Vieh und Feld besitzen zu können.
Dennoch um der erkannten Wahrheit willen ließen sie Alles zurück und
zogen über die Gränze, ließen sich mitten in einem grausen Walde, in
der wildesten Gegend Sachsens, auf den _Fastenberge_ nieder, wo seit
dreißig Jahren von Bergleuten aus Platten und Eibenstock ein kleiner
Zinn- und Eisenstein-Bergbau getrieben wurde. Da die meisten dieser
Ausgewanderten nach den Kenntnissen der damaligen Zeit erfahrne und
geschickte Bergleute waren, so untersuchten sie an einigen Stellen den
Fastenberg und sieh da! sie fanden bald das gediegenste Silber. -- Voll
Freude und den Fingerzeug der Gottheit darin erkennend, berichteten sie
es an den damaligen Churfürst _Johann Georg I._, welcher ihnen sogleich
die Fortsetzung des Bergbaues gestattete, daß sie sich unterdessen
einigermaßen anbauen konnten. Da ich aber nicht die eigentliche
Geschichte Johanngeorgenstadts schreiben will, so werde ich das
nöthigste nur kurz erzählen.
Da die Anbrüche sich mehrten, so erhielten sie endlich die Erlaubniß
eine Stadt anzubauen, welche sie auch nach dem Namen ihres huldvollen
Beschützers _Johanngeorgenstadt_ nannten; dieß geschah 1654, ein Jeder
mußte ein Stück Wald urbar machen, welches dann sein eigen war. Denn
die ganze Gegend war, wie ich schon erwähnt habe, dichter, finstrer
Wald und man muß die außerordentliche Betriebsamkeit, die schwere
Arbeit und den unablässigen Fleiß dieser Leute bewundern, die es, und
in der Folge ihre Nachkommen, dahin brachten, daß man jetzt beynahe
eine Stunde weit im Umkreise anstatt Waldung, Felder und Fluren
erblickt! -- --
In der Ansicht von Morgen nimmt sich die Stadt vorzüglich gut aus,
indem sie sich auf dem allmählich aufsteigenden Rücken des Fastenbergs
in ihrer Länge gleich emporlehnt und man den Durchschnitt der Gassen
wahrnehmen kann, deren jede in gerader Richtung fortläuft; und dann
da, wo die Häuser nach der Morgenseite zu sich endigen, zieht sich der
Berg schroff und steil herab, daß es scheint, als würden die Häuser
herabstürzen, daß man auch, um von Wittichsthal aus in die Stadt kommen
zu können, die Wege schneckenförmig im Zickzack angelegt hat. Uebrigens
ist es in Johanngeorgenstadt recht hübsch und lebhaft, die Einwohner
sind gutmeinende, treuherzige Leute und die Liebe der dasigen Bergleute
vorzüglich gegen ihren _Friedrich August_ ist auffallend. --
Man bemüht sich außerordentlich, den Boden zu kultiviren und es fängt
auch an, zu gelingen. Freilich sind Erdäpfel das meiste, was man baut,
aber diese sind auch das Hauptproduct, indem sie immer gut und in Menge
gerathen, Vieh und Menschen ernähren müssen und den niederländischen
gar sehr können vorgezogen werden. Die vielerley Speisen, welche man
daraus bereitet, lassen sich nicht aufzählen. Ueberhaupt thut dem
erzgebirgischen Ackerbau die Witterung den meisten Schaden, denn der
Boden an und für sich selbst, durch das häufige Düngen, ist wirklich
besser, als man ihn zu finden wähnt und die Erzgebirger können hoffen,
daß er in Zukunft gut werde werden, da man durch häufiges Abschlagen
der dichten Waldungen dem Klima gewissermaßen zu Hülfe kommt. -- Korn
baut man auch bei Johanngeorgenstadt, aber freylich ist dieser Feldbau
riskanter; weniger riskirt man mit dem Hafer. Das Obst geräth nicht so
gut, und wenn es ja zur gehörigen Reife gedeiht, behält es immer noch
einen scharfen Geschmack. --
Gleich unten im Thale an der Stadt liegt das Hammerwerk _Wittichsthal_,
welches einem kleinen Dorfe gleicht und durch die fast immer im Gange
sich befindenden Eisen- und Blechhütten, durch Fuhrwerk, Mühlen und
mehrere rauschende Bäche sehr viel Lebhaftes erhält. Ueberhaupt
liegt Wittichsthal recht angenehm, und man hat einen erfreulichen
Anblick, wenn man es oben von der Stadt herab betrachtet. Hinter dem
sogenannten Herrenhause dehnen sich lange Wiesen und Aecker aus, an
deren Ende hinten das _Schwarzwasser_ vorbei sich schlängelt, welches
zwischen den böhmischen Gebirgen aus dunklem Forste hervorfließt und
_so_ einen schönen Anblick gewährt. An dem jenseitigen Ufer desselben
erhebt sich allmählich, mit Aeckern und Feldern an seinem Fuße, der
_Rabenberg_, eine Gebirgskette, die sich von der böhmischen Gränze
an längs dem Schwarzwasser bis gegen _Breitenbrunn_ hinabzieht; doch
nennt man nur einen gewissen Theil derselben den Rabenberg. Weiter oben
am Saume der Waldung, welche sich in Mischung mit Buchen und Birken,
und grotesken Felsentrümmern, auf dem Rücken dieses Gebirgs ausdehnt,
liegt ein kleines Pachtgut, welches zu Wittichsthal gehört. Nun aber
wollen wir ein wenig umkehren und durch Wittichsthal bei mehrern Zechen
vorbei nach dem kaiserlichen Zollhause zu und von da bei Gelegenheit
auf eine kurze Zeit über die Gränze gehen, damit wir Alles besehen.
Dieses Zollhaus liegt hart an dem Gränzbache, dessen Wasser roth
sieht und weiter unten, wo es in das Schwarzwasser sich ergießt, ein
angenehmes Farbenspiel erblicken läßt. Hinter dem Zollhause steigt das
sogenannte Kaiserwäldchen (_Kaserwalle_ nach gebirgischer Mundart) auf,
welches sich bis gegen ein böhmisches Blaufarbenwerk fast hindehnt,
ungefähr eine kleine Viertelstunde weit. Dieses Blaufarbenwerk (sein
jetziger Besitzer ist ein Herr Bürgermeister Elster) liegt in einem
engen, allmählich sich erweiternden Thale, von Felsen und schwarzem
Forste zur Seite und hinten umgeben, indem ein hoher Berg sich hinter
dasselbe herabzieht, der sich in einer mit grauen Felsen bespitzten
Zunge bei der böhmischen Hammermühle endigt und den Zusammenfluß des
Breitenbachs und des Rothenbachs geschehen läßt. Diese sogenannte
Hammermühle präsentirt sich sehr abstechend und freundlich. Von da
gehen wir nun weiter und sehen, wie das Elstersche Haus aus dem dunklen
Hintergrunde so angenehm hervorblickt. Ihm gegenüber, ungefähr dreißig
Schritte, erhebt sich ein waldloser, grüner Gebirgstheil, worauf hie
und da einige Häuser stehen, davon eines der obersten man die Marianne
benannt, welches von den Johanngeorgenstädtern fleißig wegen des da zu
habenden guten, böhmischen Bieres und der herrlichen Aussicht besucht
wird. Wir wollen auch einmal einkehren, da uns das Bergsteigen sauer
geworden ist; wir wollen uns erst durch einen Trunk und dann durch die
Aussicht laben. --
Nun, lieber Leser, du hast dich gelabt, hast die Reinlichkeit
bewundert, welche in diesem Hause herrscht, und willst nun der
entzückenden Aussicht genießen. Komm und sieh, und freue dich!
Vor deinen Füssen senkt sich des Berges grünbegraßter Abhang hinab
zum Ufer des rauschenden Breitenbachs, an welchem in silberglänzenden
Holzstößen die Bachstelze und der Sperling einträchtig nisten und
fröhlich umherschwärmen. Wende dein Angesicht gegen Mittag und sieh die
Menge der kleinern und größern waldigen Berge, die, wie Gräber, bald in
lichterem bald in dunklerem Grün emporragen und den Himmel zu tragen
scheinen. Nun sieh zu deiner Linken, wie der Saum des Kaiserwäldchens
sich in einem Bogen herabzieht und endlich weiter unten bei den
Felsenblöcken in einzelne Tannen sich verliert. Und unten im Thale
erblickst du die Straße nach Platten, immer von Menschen betreten;
der Breitenbach bildet nun einen Bogen und zieht sich längs dem
schroffen Ende des Berges hinab, silbern blitzend. Gleich hinter den
Blaufarbenwerk-Gebäuden erhebt sich steil und hoch ein ernster Berg,
hie und da einige Felsenruinen und oben das Ende eines Tannenwaldes,
den kein Strahl der Sonne durchdrang. Immer schräger senkt sich der
Berg hinunter, wie das grausende Grab eines Giganten, und endigt
sich vornen bey der Mühle in felsige Terrassen; die einzelnen,
niedrigen Häuschen erhöhen das Romantische. Alles dieses hast du nahe
vor dir. -- Aber, nun sieh, wie hinter diesem Gigantengrabe sich
rechts der mit Aeckern, Feldern und Gebüschen geschmückte, vordere
Fastenberg hemisphärisch zeigt, wie im Thale an dem Fuße desselben die
_Farbmühle_[4] mit ihren Linden und dem lebendigen Zaune hervorblickt,
wie abwechselnd jenes Thal hinauf sich dehnt; sieh, wie links das
_Weißguth_ mit seiner Allee hervorguckt, seitwärts die Jugler-Straße
und oben am Saume des Waldes, wie die Fensterscheiben einiger kleinen
Häuser im Spiegel der Sonne herüberfunkeln; rechts drüben auf dem
Fastenberge, wie flimmernd der Wassergöpel so hoch ragt, weiter hin
das Neue Leipziger Glück[5] und hinten am Walde das Vitriol- und
Schwefelwerk mit seinen weißfahlen Rauchsäulen; sieh, wie rund am
Horizonte sich sanft eine Kette von Waldungen schlingt, hinter welchen
gegen West hin die Spitze des Auersberges im Nebelgrau hervor blickt!
-- -- Und nun wenn kein Kummer, kein Gram in deinem Busen naget, wenn
du immer Ruhe hast, o! dann komm, wann auf ihrem Rosengewölk hinten
die Sonne sinkt, wann der Dämmrung braune Schleier vor dir die Thäler
bedecken und du noch im Abendgolde des scheidenden Tagesfürsten
stehst, dessen milder Blick hie und da noch auf den Spitzen der Berge
freundlich weilt und hochroth dort oben durch die einzelnen Tannen sich
stiehlt, wie der Auersberg im strahlenden Farbenwechsel am Horizonte
ragt, wie -- -- o! ich kann dir nicht alles so schildern, -- siehe
selbst, fühle selbst! Bist du glücklich, so wirst du dich unendlich
glücklich fühlen, und bist du unglücklich, so vergißt du hier all dein
Leid, du bist getröstet! Dem Himmel näher fühlst du dich, und der
Abendglocke sanfter Schall, der von der Stadt herüber durch den Wald
tönt, vermehrt die hohe Rührung deines Herzens, daß du in dem Glauben
an einen Vater überm Sternenzelte die reinste Seeligkeit empfindest! --
Wir verlassen nun den Berg[6] und steigen durch das Wäldchen wieder
hinab, gehen bei der Hammermühle über den Steig und sind wieder auf
sächsischem Boden. Nun wollen wir auch das Farbmühler-Thal besehen.
Der Weg führt bey dem Malzhause und der Mühle vorbei, wo links und
rechts braune Felsen hervorragen. Jetzt sind wir da, wo man links
in ein kleines Thal blicken kann, dessen Mitte der Gränzbach in der
Länge herab durchschneidet, welcher hinten aus dem Fichtenwalde
hervorfließt, klares, frisches Wasser enthält und wenn ich nicht
irre, der _Pechhöfer_ genannt wird. Der linke Theil dieses Thales ist
böhmisch, so wie der rechte sächsisch. Es ist sehr angenehm, dieses
einsame Thal zu durchwandeln; sonst traf man auch darin eine Anzahl
kleiner Fischteiche, welche zu dem sogenannten Weißguthe gehörten,
jetzt aber durch die Nachlässigkeit des damaligen Besitzers meist
eingegangen und vertrocknet sind. Ueberhaupt, als jenes Guth dem
verdienstvollen, seligen Pastor _Brunner_ noch gehörte, soll es sehr
angenehm daselbst gewesen seyn. Auch findet man in dieser Gegend weiter
oben ein vortreffliches Echo. Nun vorwärts! -- Wir halten uns rechts,
gehen bey dem kleinen Wehr des Bachs, welcher aus dem Farbmühler-Thale
hervorfließt, hinüber auf den Fahrweg, bei den nassen Felsen vorbei
und kommen an mehrere Häuser und eine große Mühle, zusammen die
_Unterjugel_ genannt. Nun richten wir unsern Weg nach dem sogenannten
_Gartenhause_, ein rothgestrichenes, großes Gebäude, an welchem einige
von Kugeln zerlöcherte Scheiben hängen; -- eine Erinnerung an daselbst
verlebte, frohe Tage, welche ein Zwiespalt des Raths mit dem Bergamte
einst unterbrach. --
Vor diesem Hause stehen mehrere alte Linden, deren Aeste sich in
einander verweben und worunten steinerne Tische und Bänke sind,
nebst einem Kegelschube; zu beiden Seiten zieht sich ein lebendiger
Fichtenzaun hin, daß es Sommerszeit äußerst angenehm daselbst ist,
indem man auch einen guten Trunk Bier haben kann. Das Gartenhaus selbst
ist von einem lebendigen Zaune weit eingeschlossen, welcher sich hinter
demselben an dem Berge hinauflehnt und oben an ein altes, steinernes
Thor sich anschließt, welches Alles, so wie das Terrassenförmige,
sich vortrefflich ausnimmt. Ueberhaupt gefällt es hier den
Johanngeorgenstädtern und allen Fremden am besten, in Rücksicht eines
öffentlichen Vergnügungsortes. Sonntags machen die Berghautboisten
gewöhnlich Tanzmusik und der junge Bergmann verjubelt hier in den Armen
seines Mädchens die übrigen, wenigen Groschen seines sauer verdienten
Lohnes. --
Nun wollen wir weiter gehen. Daher betreten wir den, oben am Ende des
Fichtenzaunes mit dem Wasser parallel das Thal durchschneidenden Weg,
bei der Vogelstange vorbei, zwischen den Halden,[7] auf welchen im
Glanze der Sonne hie und da buntfarbige Schwelkiese flimmern, denn
gleich am Wege sieht man das verfallene Mundloch[8] eines Stollens.
In der theuern Zeit bauten reiche Holländer mehrere Gruben in diesem
Thale, wodurch eine große Anzahl Menschen dem Hungertode entrissen
wurden; die gutmüthigen Holländer schickten Geld auf Geld, durch
Vorspiegelung eines reichen Gewinnes vermuthlich verleitet, denn auf
ihre Kosten untersuchte man das Jugler Gebirge, welches aber leider!
nichts enthielt und voll tauber (welche kein Erz enthielten) Gänge
war. --
Auf der linken Seite fängt sich nun ein Wald an, dessen größter Theil
der _Bringerwald_ heißt und an dem Berge herab längs dem Bache sich
fortzieht; weiter hinten ragen aus diesem Walde majestätische mit
Gestrippe behangene Felsen hervor und man findet sogar einen kleinen
Wasserfall, der sich über das sammtne, grüne Moos silbern herabstürzt.
Rechts erblickt man die Hinterseite des Fastenberges, auf dem man
die Felder der Johanngeorgenstädter- und Unterjugler-Einwohner sich
herabdehnen und unten kleine, von mehrern Gräben gewässerte Wiesen
bilden. Da ein jedes Feld und ein jeder Acker in dasiger Gegend
gewöhnlich mit einer ziemlichen, leichtgebauten Mauer umgeben ist,
welche die Noth bildete, indem man keine andern Plätze hat, wo man die
von den Feldern abgelesenen Steine hinwerfe,[9] so fällt es allerliebst
in die Augen, wenn man diese mit allerlei Gebüschen bewachsnen, an
einander gerichten größern und kleinern Quasischanzen erblickt, belebt
von den Schwärmen munterer Vögel. Man trifft diese Mauern um die Felder
am häufigsten in der dasigen Gegend.
Während dessen nun sind wir eine hübsche Strecke durch dieses stille,
heimliche Thal gewandert und gehen jetzt über eine kleine Brücke,
so, daß der Bach uns nun zur Rechten ist. Wir hören ein dumpfes,
monotonisches Getöse, -- was ist das? -- Je weiter wir kommen, desto
stärker wird es; jetzt sind wir bei und unter den erwähnten Felsen
und sehen vor uns ein hölzernes, ziemlich großes, besonderes Gebäude,
woraus das Getöse dringt. Das ist, lieber Leser, wenn du es noch nicht,
unkundig des Bergbaues, errathen hast, ein _Pochwerk_, wo das Erz klar
gepocht und zum Schmelzen vorbereitet wird.[10] Dieses monotonische
Getöse der Pochwerke, welche meistens, da sie das Wasser treibt, in
Thälern angelegt sind, erhöht das Romantische der obergebirgischen
Thäler ungemein, vorzüglich in der Ferne gehört, wenn man einsam
daherirrt. Jetzt kommen wir noch bei einem solchen Pochwerke vorbei und
das Thal wird flacher und weiter.
Wollen wir nun noch weiter hinter und in den düstern Forst wandern,
welchen wir vor uns erblicken? Wollen wir den wilden _Löbner Grund_
durchstreichen? -- Ja! Muth gefaßt, vorwärts!
Wir gehen jetzt noch bei einem kleinen Hause vorbei und wenden uns
dann rechts. -- Hu! welch ein schauerliches Dunkel umfängt uns nun, da
wir den hohen Tannenforst betreten, welch ein ernstes Schweigen wohnt
hier! -- Jetzt setzen wir mit leichter Mühe über den Bach, welcher
immer kleiner wird und uns bald zu seinem Ursprunge führen wird, wo
er das _Schwefelbächel_ heißt. Wir kommen in eine kleine Wiese, mit
allerlei Blumen geschmückt, rund herum von hohen, bärtigen Tannen
umsäumt; aber es ist ein wenig sumpfig hier. -- Nun müssen wir die
Zweige der Fichtenbüsche auseinander beugen, um durchzukommen; müssen
über gebrochene Tannen und wildes Gestrippe, über runde schlüpfrige
Granitblöcke klettern, müssen hie und da über den Bach springen, um ein
wenig bequemer gehen zu können. »O! das wird mir zu sauer, wo kommen
wir hin?« -- wirst du ängstlich ausrufen. Tröste dich und folge muthig!
Sieh, wie es zu unsrer Rechten und vor uns schon lichter wird, wie du
rechts schon Rasen und Acker durch die Zweige kannst unterscheiden,
jetzt ist das Ende der Beschwerden, -- wir stehen vor einer Hütte,
wie man sich nur immer eine Einsiedlerwohnung aus den Ritterzeiten
vorstellen mag. »Und hier in dieser Wildniß wohnen Menschen?« fragst
du theilnehmend. Ja, hier wohnt eine arme Bergmannsfamilie; du wirst
überhaupt wenig oder gar keine menschenleere Gegenden im obern
Erzgebirge finden, auch sorge nicht, es sind ehrliche Leute. --
Nun blicke einmal links den hohen, mit Tannen bedeckten, finstern Berg
hinauf, von welchem sich plätschernd der Gießbach herabstürzt; rechts
erblickst du einzelne Fichtengebüsche und das Ende der Fluren, zwischen
welchen ein Fußsteig in dieses Thal herabläuft. Vor uns gegen Nordwest
öffnet sich das Thal zu einer gleichansteigenden Anhöhe, und zwei hohe
Tannen bilden gleichsam ein Thor, durch welches wir nun weiter wandern
und unsern Weg nach dem Schwefelwerke richten wollen, welches oben vor
uns liegt.
Auf freundliche Wiesen kommen wir nun, rechts umgeben uns wieder
Aecker und Felder, so wie links das Gebirge waldig sich fortzieht.
Endlich sind wir bei dem Schwefelwerke, und nun für die überstandenen
Beschwerden erfreue dich durch die Aussicht.
Wende dich nach Morgen,[11] da siehst du, wie sich kesselförmig eine
waldige Bergkette an die böhmischen Gebirge anreiht; Johanngeorgenstadt
ist vor deinen Blicken verschwunden, aber weiter hin nach Mittag
siehst du mehrere böhmische Waldhäuser, Zechen und einen Theil von
_Platten_; du siehst eine Reihe von kahlen und beholzten Bergen, die
endlich am fernsten Horizonte in Nebel schwinden. Näher vor dir siehst
du wiederum das Weißguth mit seiner Gegend, einen Theil des Farbmühler
Thals, die Marianne und alle die schon erblickten Gegenstände von einer
andern Ansicht; und ferner den überall sichtbaren Wassergöpel, die
Häuersteige,[12] mehrere Zechen und Gebäude und eine ausgedehnte Reihe
umbuschter Aecker und Felder. -- Hier, und zwar weiter oben, entspringt
das Schwefelbächel, welches sich nachher unten im Thale mit einem
andern Bache verbindet und so als größerer Bach durch das Farbmühler
Thal fließt. --
Man verzeihe mir diese, vielleicht schon mißfallne, Weitläufigkeit,
ich halte sie für nöthig und meinem Zwecke angemessener, weil fast gar
keine Schriften dieser Art über das obere Erzgebirge existiren. Und wie
ich schon erwähnte, will ich nur einen Pfad bahnen, den Andere dann
gemächlicher betreten und erweitern können, daher muß ich gründlich
und also zu Werke gehen, daß ich Geschichte mit meinen Schilderungen
verbinde. --
Wir verlassen nun das Schwefelwerk und gehen querfeld ein über
die Eybenstöcker-Straße, über alte Halden und Aecker weg nach dem
_Glockenklange_. Diesen Namen erhält eine von Johanngeorgenstadt aus
nordwest liegende, bergige, von Buchengebüschen belebte Gegend von
einer eingegangenen Zeche, der Glockenklang genannt; vermuthlich
wurde dieser Name der Zeche darum beigelegt, weil an der dahinter
aufsteigenden Anhöhe der Klang der Glocken sehr deutlich anprallt, wenn
sie Sonntags oder an Festtagen sämmtlich geläutet werden. Hier wollen
wir nun ein wenig weilen und uns umsehen.
Wir stehen also gerade nach Morgen gerichtet; uns gegen über dehnt sich
der Rabenberg mit seiner vermischten Waldung, mit seinen Blößen und
Verhauen längs dem Schwarzwasser hinab, welches an seinem Fuße fließt.
Auf seinem Rücken, welcher öfters Strecken weit kahl und grau daher
blinkt, sieht man einzelne hohe Felsenruinen von wenigen schwarzen
Tannen umzingelt, daß man die Ueberreste einer Ritterburg aus der
Vorzeit zu erblicken wähnt. Vor uns unten sehen wir das sogenannte
_Felshaus_, die Bretmühle und seitwärts den am Rande mit Gehölze
bekränzten _Heimberg_ und überhaupt, weiterhin eine Menge Felder,
Aecker und Gebüsche hinab in die Tiefe des Thales sich senken. Rechts
nach Mittag hin erblicken wir Johanngeorgenstadt in seiner Länge auf
dem schroffen Abhange des Fastenbergs hingebreitet; wir sehen wie der
_Bleiersberg_ herab sich zieht, ein enges Thal bildet, zwischen welchem
das _Schieferbächel_ vom Eleonorer-Stolln herabrinnt. Dieses kleine
enge Thal hat seinen Ausgang wiederum ins Wittichsthal, unweit dem
Schießhause. Der größere Theil des Wittichsthales liegt nun wieder vor
uns, wir hören das Geräusch der Bäche und der geschäftigen Menschen,
hören des großen Blechhammers dumpfe Schläge, sehen die wechselnde
Flamme des Hohenofens[13] und die einzelnen, friedlichen Hütten der
Thalbewohner. Weiterhin schräg nach Mittag erblicken wir die böhmischen
Gebirge mit ihren Waldhäusern und einzelnen Flecken. Denn von hier
aus nimmt sich das Wittichsthal unstreitig am schönsten aus! -- Links
nach Mitternacht hin erheben sich mehrere theils nackte, theils
waldige, mit Dörfern und Felsengethürmen sichtbare Gebirge, deren Ende
sich in das schwimmende Blau des Horizonts verliert. Näher sehen wir
einen auf einem Hügel ragenden, von einzelnen Tannen umgebenen Fels,
der _Schneiderfels_, auch die _Teufelskanzel_ genannt, welchen ich
nachher näher beschreiben will. Diese ganze Aussicht ist entzückend,
ich wünsche sie jedem Freunde der Natur, jedem guten Menschen; dieser
Wunsch faßt viel in sich, er umfängt eine Vereinigung irdischer Gefühle
mit dem Himmel! -- Und nun, wer _so_ die Gegend um Johanngeorgenstadt
durchwandert, wer Alles dieses _so_ erblickt, ich frage ihn, ob diese
Gegend kann rauh genannt werden, ob sie uninteressant sei? -- Ich frage
ihn, ob diese so verschriene Gegend nicht die größte Aufmerksamkeit
eines jeden Freundes und Forschers der Natur verdiene? -- Ob man nicht
die erhabensten Gefühle und Regungen in seiner Brust wahrnimmt? -- --
Aber noch ist das Ende der Wanderung nicht da, noch haben wir
das Wenigste gesehen und bewundert; nun wollen wir uns erst auf
einzelne Gegenstände einlassen und den besondern Schönheiten und
Merkwürdigkeiten der Natur unsere Aufmerksamkeit widmen und dann uns
unpartheiisch fragen, welch ein Interesse das obere Erzgebirge für
jeden patriotischen Sachsen habe und haben müsse! --
Nun, lieber Leser, wollen wir für heute zurück nach der Stadt kehren,
denn morgen haben wir mehr zu besehen; heute wollen wir ausruhen und
Kräfte sammeln, -- heute sind wir gestiegen, morgen werden wir schon
klettern müssen. --
1.
Die Teufelskanzel oder der Schneiderfels.
Es wird in Johanngeorgenstadt eine Gegend des Himmels, nämlich nach
Mitternacht hin, der _Jungfernwinkel_ genannt, woher diese Benennung
stamme, weiß ich nicht; man erblickt ihn, wenn man bei dem Rathhause
gegen die Gasse neben dem Brauhause hingerichtet steht. Dieser
Jungfernwinkel dient den Einwohnern zum Wetterpropheten, indem man
gewisse Erscheinungen an demselben entweder für günstig oder ungünstig
hält, welches nicht ein leerer Glaube, sondern eine natürliche, durch
die Erfahrung bestätigte Gewißheit ist. Gerade in dieser Richtung nun
liegt der Schneiderfels oder die Teufelskanzel genannt, welchen man bei
dem Ende der Gasse und Stadt deutlich wahrnehmen kann.
Der Fremde glaubt hier fast gewiß, daß dieses die Ruinen irgend eines
alten Schlosses seyn müssen, weil die Gestalt dieser Felsen einem
solchen Dafürhalten entspricht. Es ist ein überraschender Anblick,
wie hinten am Horizonte auf einer unten herum waldigen Anhöhe oben
ein graues, von einzelnen Tannen umgebenes Felsengethürm aufragt. --
Es ist bisweilen auch interessant, Wege nach gewissen Gegenständen zu
beschreiben, daher soll dieses jetzt geschehen.
Man geht nach dem Rosengartner-Stolln zu, daß das neu angelegte
Bergmagazin-Gebäude[14] zur Rechten bleibt; auf der Halde vor dem
Stolln nun hat man eine allerliebste Aussicht hinab in das schon
erwähnte kleine Thal, welches von dem Schieferbächel durchschnitten
wird. Hier, am Ende des Bleiersbergs, wo man jetzt mehrere begraßte
Vertiefungen wahrnimmt, waren _ehedem_ eine Anzahl kleiner Teiche, von
schattigen Ahornbäumen an der Wegseite herab umgeben; aber man ließ sie
vertrocknen und benutzte die Grasung, sowie man auch die Ahornbäume
vermißt.
Von der Rosengärtner-Halde weg gehen wir nach dem Eleonorer-Stolln
zu. In dem dabei befindlichen Zechenhause wohnt ein Mann,[15] Namens
Unger, welcher allerlei kleine Modelle vom Bergbau und Darstellungen
desselben schnitzt, welche ein einfacher Mechanismus lebendig macht,
überhaupt besitzt er ziemliche Fertigkeit im Schnitzeln, obgleich seine
Figuren keinen feinen Geschmack verrathen. --
Nun steigen wir von da eine kleine Anhöhe hinauf und halten uns
rechts auf dem Wege, welcher zu einer hohen, starken Tanne und der
dabei befindlichen Zeche, Elias genannt, führt. Hier findet man ein
Wasser, welches in den heißesten Tagen von siberischer Kälte ist und
dem reinsten Krystall gleicht; es entspringt aus Felsen und ist sehr
gesund. -- Ueber dem Elias oben dehnt sich der bebuschte Glockenklang
hin, auf welchem hie und da eine schlanke Tanne emporragt.
Wir gehen nun weiter und kommen an ein mittelmäßiges Guth, von welchem
nicht weit davon, weiter hinten, ein kleines Haus stehet, welches mit
seiner Wirthschaft einem gewissen Kohlbrenner _Schneider_ gehört, wovon
der nicht weit abgelegene Schneiderfels[16] seinen Namen erhielt.
Nun richten wir unsern Weg weiter nach dem Walde hin, aber unsern
Blicken ist der Fels gänzlich entschwunden. So wie wir einige Schritte
in diesem Walde oder vielmehr Wäldchen gethan haben, wenden wir uns
links und betreten einen Fußsteig, der durch Gebüsche dahin sich
windet; über uns singen die Vögel, wir wandern vergnügt weiter, beugen
die Zweige der Gebüsche auseinander und steigen jetzt auf einem
schmalen Pfade den Hügel hinan; noch erblicken wir keinen Fels, immer
weiter steigen wir, kriechen durch die dichten Gebüsche hindurch,
und -- welche Ueberraschung! -- wir stehen plötzlich nahe bei einem
röthlich grauen, ernsten Felsengethürm, um welches in einem dünnen
Kreise hie und da einige hohe Tannen hervorragen. Noch blicken wir
es staunend an, und die Einsamkeit und Stille, nur vom Gekrächze
aufgeschreckter Raben unterbrochen, wirken, daß ein unwillkührlicher
Schauer die Glieder überläuft. -- Ueber Gestrippe und abgerollte Steine
steigen wir nun näher hinauf.
Eigentlich sind es zwei Granitfelsen, hie und da von kiesigen Adern
durchschnitten; jedoch die Verschiedenheit ihrer äußerlichen Form ist
so auffallend, als merkwürdig. Der eine nämlich scheint aus lauter
abgestumpften Cylindern zusammengesetzt zu seyn, _hebt sich hoch empor_
und da, wo diese Quasicylinder an einander sich fügen, sind tiefe
Ritze und Klüfte; dieser ganze Fels scheint nur leicht und flüchtig
auf einander geschichtet zu seyn und jeden Augenblick einstürzen zu
wollen. Man wird von einer sonderbaren Angst befallen, wenn man nahe
bey demselben steht; denn unten herum liegen große Granitblöcke, daß
man glaubt, sie wären von ihm abgerollt und also müsse der Fels größer
gewesen seyn. Aber der ganze Hügel, worauf er emporragt, ist ein
Granitgebirge, welches die Zeit mit Moos, und Bäumen überzog.
Der andere Fels ist kleiner, aber nicht so geformt; er scheint aus
mehrern Trapezoiden _schräg_ auf einander geschichtet zu seyn, daß man
ebenfalls befürchten könnte, er werde mit jedem Augenblicke einstürzen;
wenn man vorzüglich darauf steht, wird man von einer solchen Furcht
beängstigt, -- doch er wird nie fallen. Uebrigens ist er nicht so nackt
und kahl, wie sein Nachbar, sondern mit dem grünsten Moose fast ganz
überzogen.
Hier stelle man sich nun zwischen diese zwei Felsenmassen, und man
wird einem jeden von beiden einen gewissen Character (um mich so
auszudrücken,) beilegen können. -- Der große nämlich ist ein Bild des
Ernstes, des Muthes, der Standhaftigkeit und jeglicher Größe; ihn
vermochte kein Wetter, kein Sturm zu rühren, er blieb sich gleich;
Blitze umkreutzten und berührten ihn, er stand, -- und waren die Wetter
vorüber, so verweilte mild und belohnend der Abendsonne Purpurblick aus
seinem Scheitel, denn sein Streben war groß, wie des Mannes feuriges
Streben, es gehörte dem Himmel an. --
Der andere neigt sich schon mehr an die Erde, ein Bild der Schwachheit,
der allzugroßen Nachgiebigkeit, nicht vermögend, sich muthvoll empor
zu schwingen, nur für die Erde lebend. -- Die tiefe Stille nun, welche
um diese Felsen herrscht, vermehrt die schauerliche Einsamkeit, die
nur bisweilen ein Raubvogel oder ein Windstoß in den hohen Wipfeln der
ästigen Tannen unterbricht. Der größere Fels aber ist die eigentliche
Teufelskanzel. Auf meinen Wanderungen fand ich in der Nähe einen alten
Holzhacker im Walde, welcher mir folgende, nach seinem Ausdrucke
wahrhafte, Geschichte von diesem Felsen erzählte, welche ich hier
beifüge, wie ich sie hörte, da so etwas nicht uninteressant seyn kann.
»Zu Anfange, als Johanngeorgenstadt erbaut wurde, kamen häufig
Katholiken herüber und suchten die Lutheraner abfällig zu machen; sie
wendeten Alles an, Ueberredung, Versprechungen, Bitten, und, da dieses
nichts zu fruchten schien, auch Drohungen, welche sie in der Folge
nicht unerfüllt ließen, indem man einigemal Feuer angelegt und manches
ruinirt fand.