Der Mann stimmte zu den beiden andern Männern in Gutem und Törichtem so,

daß die Leute halb im Ernste, halb im Scherze sagten: »Nun, der hat

ihnen noch gefehlt.«

Er sagte nach kurzer Zeit gleichfalls wie die zwei andern Männer: »Mein

Hauswesen, meine Kinder.«

Die Kinder liebten ihn sehr, aber sie neckten ihn nie, was sie mit

dem Schloßherrn öfter taten. In verschiedenen Abstufungen hatten

alle drei Männer etwas Sonderbares, was die Kinder aber nur bei dem

Ausgezeichnetsten, bei dem Schloßherrn, merkten. Die Mutter allein war

die immer klare und einfache.

Als Lulu heranwuchs, als sie sehr schön und lieb zu werden versprach,

als sie die großen Augen demütig niederschlug, die Wimpern darüber

hinabzielten und nicht mehr so oft wie früher sich vorlaut erhoben, als

endlich auch noch das Letzte eintrat, nämlich ein oftmaliges heißes

Erröten ohne Grund und Ursache: da schlich der Schloßherr einmal leise

auf sein Zimmer, riegelte hinter sich die Tür zu, ging heimlich zu der

Lade seines Schreibtisches, tat sie auf, nahm das Testament heraus, in

welchem er den Kaiser zum Erben eingesetzt hatte, und durchstrich es

ganz und gar. Dann schrieb er emsig ein neues und setzte Lulus Namen

hinein. Er warf den andern drei Kindern Vermächtnisse aus, die Lulu

auszuzahlen hatte, wodurch sie Lulu zwar näherkamen, aber sie doch nicht

erreichten. Als er das getan hatte, ging er mit einem glänzenden

Angesichte in den Garten, als hätte er einen Schabernack verübt und

freue sich auf dessen Bekanntwerden. Um gar kein Aufhebens zu machen und

keine Vermutungen und kein Gerede zu veranlassen, ließ er keine Zeugen

unterfertigen, sondern tat unserm Gesetze, das er gut kannte, damit

Genüge, daß er am Eingange schrieb: »Mit meiner eigenhändigen Schrift

und Unterschrift.«

Dennoch hätte Lulu einmal seine Gunst und wahrscheinlich auch die

Erbschaft, von der sie nichts wußte, vom Grunde aus verscherzt, hätte

sie ihn nicht ohne ihr Wissen bereits so unterjocht gehabt, daß er sich

nicht mehr aus der Sklaverei zu befreien vermochte.

Es waren jene traurigen Tage eingetreten, in denen ein auswärtiger Feind

den Boden unseres Vaterlandes betrat, lange und wiederholt da verweilte

und durch Schlachten ihn verwüstete, bis er durch jene ruhmwürdigen

Anstrengungen großer Männer, an denen unser Vaterland einen glänzenden

Anteil nahm, aus allen Fluren, wo man die deutsche Sprache spricht,

wieder verjagt wurde.

Schon bei dem Beginne der französischen Kriege kamen die drei Männer in

die größte Aufregung. Sie waren insgesamt sehr eifrige Vaterlandsfreunde,

ließen an den Franzosen nichts Gutes gelten, wünschten sie nur bald

geschlagen, aufgerieben, vernichtet und zugrunde gerichtet. Am weitesten

ging hierin der Schloßherr, der in dem Angriffe gegen unser Land

geradezu die unverzeihlichste Schandtat erblickte, was sich schon aus

seiner Anhänglichkeit an den väterlichen Boden und aus der Tatsache

erklären ließ, daß er, ehe ihn sein Herz anders verleitete, für seine

Erbschaft keinen würdigeren Erben zu finden gewußt hatte als den Kaiser.

Er meinte, die Franzosen seien bloß Räuber und Mörder, man müsse sie

ausrotten wie Ungeziefer und jeden und alle, wo sie sich blicken ließen,

erschlagen, wie man einen Wolf erschlage, wenn er durch die Felder in

den Hof hereingerannt komme. Nicht einmal in dem Himmel gab er ihnen

einen Platz, sondern jeder mußte in die Hölle. Ob er mit dem Erschlagen,

wenn es dazu gekommen wäre, rechten Ernst gemacht hätte, weiß man nicht,

da bisher keine Gelegenheit war, sein Wesen bis zu tätigem Ingrimme

emporzusteigern.

Als die Franzosen Fortschritte machten, wurde es noch ärger, die Männer

redeten von nichts als Zeitungen, Nachrichten und dergleichen und

führten grausame Worte in dem Munde. Die Kinder wußten von nichts, sie

hatten damals nur die Obliegenheit zu wachsen, und waren die einzigen,

die von den Ereignissen unberührt blieben.

Die Mutter war in einer schmerzlichen Lage. Sie konnte jene hohe Freude

nicht teilen, die die Männer über jeden Vorteil hatten, den die unsrigen

errangen, sie fühlte nur die Wunden, die geschlagen wurden, ob sie auch

dem Feinde galten, und wenn sie auch wünschte, daß Friede würde, und

unsere Fluren von dem Feinde befreit wären, so wünschte sie das nicht

durch Erschlagen aller Feinde, sondern nur durch ihr Vertreiben, und sie

konnte es nicht verhehlen, daß es ihr sehr widrig sei, daß vernünftige

Wesen ihren Streit nicht in Vernunft und nach Gerechtigkeit austragen

können, sondern daß sie sich gegenseitig dabei töteten, und sie schalt

die Wildheit der drei Männer, welche auch nicht mehr die Tatsachen

rechts und links sähen, sondern nur den Feind im Auge hätten, auf den

sie blind losrennen wollten.

So waren die Sachen endlich zu jenem Stande gediehen, da unsere Truppen,

auf unserm Boden geschlagen, sich nach Norden zogen, um dort noch

tiefere und schmerzlichere Wunden zu empfangen, bis das Maß voll war,

bis das Gericht eintrat, und der Übermut und die Willkür wieder in ihre

Grenzen zurückgeworfen, ja dort hart gestraft werden sollten.

Als unsere Truppen sich damals vor dem Sieger zurückzogen, geschah es

zum ersten Male, daß auch eine Abteilung unserer Kriegsmacht, und zwar

eine Hauptabteilung, in die Gegend kam, in welcher das Schloß lag. Den

ganzen Tag waren Truppen gezogen, Richter, Geschworene, Gemeindemänner

hatten zu tun, Vorspann und Wegezeigung mußte geleistet werden, und

jedes Haus gab, was es vermochte. Die Bewohner der Umgebung hatten

herbeigebracht, was sie konnten, und hatten es auf dem Platz des Dorfes

aufgehäuft.

Gegen Abend kam eine Abteilung Russen. Sie schienen nicht mehr

weitergehen, sondern hier Nachtruhe halten zu wollen. Sie schienen aber

ihrer Sache nicht sehr gewiß zu sein und schickten sich an, große

Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Sie zerstreuten sich nicht, wurden nicht

in die Häuser verlegt und brachen ihre kriegerisch eingeteilten Glieder

nicht ab. Von der Umgebung mußte Stroh herbeigebracht werden, das an

jener Stelle zum Bette diente, an welcher der Schlummernde aufspringen

und sogleich auf seinem Platze stehen konnte. Die Wachenden waren zur

Übersicht und Warnung versendet und ausgestellt. Manche Abteilungen

lagen weiter zurück in den Feldern, und alle waren nach gewissen

Anordnungen verteilt. Die Bewohner mußten Lebensmittel, Brennbedarf und

andere Dinge herbeischaffen und an bestimmte Stellen abliefern. Sie

durften aber nicht zwischen den Gliedern herumgehen, sich nicht in die

kriegerischen Anordnungen eindrängen und etwa da Unordnung anrichten.

Sie hatten Befehl, wenn die Dämmerung eingetreten wäre, ihre Wohnungen

nicht mehr zu verlassen.

Daß das alles die größte Aufregung unter den Bewohnern hervorbrachte,

läßt sich denken. Sie gaben ihre Beiträge gern, sie hätten alles

gegeben, wenn sie den Sieg hätten auf unsere Seite bringen können; aber

sie waren unruhig, was die Nacht, was der kommende Tag bringen könnte.

Daß kein einziger an Ruhe dachte, ist begreiflich.

Der Schloßherr hatte seine Vorratskammer, seine Speicher, seine Küche

und seinen Keller geöffnet, er gab mehr als gefordert wurde, und er

sandte unter Tags Knechte mit Wägen an entfernte Stellen seines Gutes,

wo er Scheunen und Getreideböden hatte, um Vorrat herbeizuführen, wenn

etwa der folgende Tag noch etwas in Anspruch nehmen sollte.

So war die Nacht hereingebrochen. Sie war dunkel, weil es später Herbst

war und weil tiefe Wolken den Himmel bedeckten.

In den Häusern des Dorfes waren Lichter, weil die Leute nicht schlafen

gingen. Es war stille, nur daß ein gedämpfter Ruf der Wachen oder das

Klirren und der Stoß einer Waffe die Ruhe zuweilen unterbrach.

Die ganze Familie des Schlosses, selbst Gesinde eingerechnet, war in der

sogenannten Gartenhalle untergebracht. Die Gartenhalle ist ein großes

Gemach und heißt deshalb so, weil es rückwärts gegen den Garten liegt.

Es ist gewölbt, hat sehr starke, dicke Steinmauern, die Fenster sind mit

eisernen Stäben versehen, und die Geräte sind sehr alt und sehr stark.

Man kam gern im Sommer dahin, weil das Gemach kühl war, und weil die

grünen Zweige sehr anmutig an den Fenstern spielten. Im Winter war es

häufig an den langen Abenden der Aufenthalt der Mägde, die da spannen

oder andere Arbeiten verrichteten, weil es sich gut heizen ließ, und

nicht selten geschah es, daß die Verwalterfamilie, der Schloßherr und

der Lehrer herabkamen, man versammelte sich um den Ofen und geriet öfter

in das Erzählen von Märchen und Geschichten.

Daß man gerade heute dieses Gemach zum Aufenthalte gewählt hatte, war

das Werk des Vaters. Wenn es doch zu etwas kommen sollte und Kugeln

fliegen würden, war man hier für die ersten Augenblicke am sichersten.

Gegen das Dorf und den Teich hin war man durch die ganze Dicke des

Schlosses gedeckt, gegen die Seiten schützte die halbe Schloßlänge, weil

das Gemach in der Mitte lag, und gegen den Garten der Garten, der sehr

lang war und daher den Lauf einer Kugel schwächte, und der in der Nähe

der Fenster des Gemaches seine dicksten und dichtstehendsten Bäume

hatte, die sie auffangen konnten. Man hatte beschlossen, die ganze Nacht

da zuzubringen. In keinem andern Teile des Schlosses war ein Licht. Nur

ein paar Knechte, die in dem Meierhofe waren, hatten eines in ihrer

Stube, das aber bald erlosch, da sie schlafen gingen. Die Mägde aber

waren alle in der Gartenhalle und spannen.

Als man sich in die Lage gesetzt hatte, die jedem zusagte, als die zwei

kleineren Kinder eingeschlafen waren, die zwei größeren in der Nähe der

Mutter bei dem Ofen sich zusammengekauert hatten, und die Spinnräder

schnurrten, kam man wieder ins Erzählen, aber heute mit Eifer in das der

Kriegsereignisse, und zwar noch dazu in die Färbung, wie sie der

Leidenschaft eines jeden zusagte.

Als der Lehrer eine vergleichende Tatsache aus der alten Geschichte

erzählt hatte, sagte der Schloßherr: »Da machten es die Tiroler noch

besser und heißer; als die Franzmänner durch das Tal der Gleres

herunterzogen, war kein Mensch in dem Dorfe. Die Männer waren mit ihren

Stutzen in die Steine hinaufgegangen, die zu beiden Seiten der Straße

emporragen, und die Weiber und Kinder waren noch viel höher in den Wald

und gar bis gegen den Schnee hinangebracht worden. Nur ein

achtzigjähriger Zimmermann, der keinen Freund und keinen Feind hatte,

war im Dorfe zurückgeblieben. Er stand hinter seiner Scheuer und hatte

den Stutzen geladen. Als die schneeweißen Mäntel kamen -- denn die

Reiterei der Franzosen hatte weiße Mäntel und war in der Vorhut -- hielt

er den Atem an und gebrauchte die Augen. Der beste Federbusch, der in

der Mitte wehte, schien dem Vornehmsten anzugehören, weil die andern ihm

Ehrfurcht erwiesen. Der Zimmermann sprang hinter der Scheuer hervor,

legte an, ein Rauch -- ein Blitz -- ein Krach -- der Federbusch war

verschwunden, und der Reiter lag tot unter dem Pferde. Sie hieben im

nächsten Augenblicke den Zimmermann zusammen, er lachte in sich und ließ

es geschehen. Jetzt sprengten sie in das Dorf, durchsuchten alles,

fanden keinen Menschen, fanden keine Schätze, und da ihre Kameraden, die

Fußgänger, nachgekommen waren, zündeten sie das Dorf an allen Ecken an

und zogen weiter. Es ging ganz gut, sie zogen in der Stille der Berge

fort, bis das Tal enger wurde, und die Gleres an der Straße rann. Da

wurden die Klippen lebendig, lauter Rauch und lauter Blitzen und

Krachen, und auf jeden Schuß fiel ein Mann, und es wurde immer geladen,

und es krachte immer wieder, als ob ihrer viele Tausende oben wären; und

wenn die Soldaten hinaufschossen, so trafen sie niemand, weil sie

niemand sahen, und wenn sie hinauf wollten, so konnten sie nicht, weil

die Felsen zu steil waren, und weil sie erschossen wurden. Und als sie

sich beeilten und im Laufe fort wollten, um aus dem entsetzlichen Wege

zu kommen, und als sie gegen den Ausgang gelangten, wo die Straße durch

die engsten Schluchten läuft, da sprangen unzählige Felsstücke von den

Bergen nieder, aufgehängte Bäume rollten herab, schmetterten alles

nieder, machten in der Enge einen Verhau, die Franzosen konnten nicht

vor, sie mußten zurück, sie flogen, sie rannten -- da hatten sie aber

das brennende Dorf, das sie selbst angezündet hatten, unter den Füßen,

die hölzernen Häuser waren alle in Glut, daß man nicht zwischen ihnen

durch konnte. Da waren sie in der Not, da war mancher schneeweiße Mantel

ein roter, mancher schwamm in der Gleres, mancher lag auf der Decke des

Pferdes, ohne daß der Reiter dabei war, viele Männer lagen auf der

Straße, viele verbrannten, und wenige kamen auf einsamen Pfaden nur

durch, um draußen zu sagen, was ihnen begegnet sei, oder um auf ihren

Irrwegen von den Landleuten gefangen und erschlagen zu werden.«

Da es nach dieser Erzählung eine Weile still war, sagte er: »So sollten

wir es auch machen; wir haben zwar keine Berge und keine engen Täler, in

denen wir auf sie warten könnten wie die Tiroler; aber wir sollten uns

zusammentun wie sie, wir sollten Waffen tragen, uns üben, uns

verabreden, Kundschaft einziehen, und wenn wir erfahren, daß ein Trupp,

dem wir gewachsen sind, durch einen Wald oder Busch oder Hohlweg zieht,

sollten wir ihm auflauern und alle, die er enthält, erschießen. In den

obern Ländern sind in ein Seitendorf, ich weiß nur seinen Namen nicht zu

nennen, ich habe mir die Sache erzählen lassen, zwölf französische

Reiter gekommen, um zu plündern. Die Bauern verstanden aber die Sache

schlecht und überfielen sie, da sie in einem einsamen Wirtshause

zechten, und schlugen sie bei einem einzigen tot. Die Pferde, welche im

Hofe angebunden waren, trieben sie weit nach Ungarn und verkauften sie,

die Sättel, die Kleider, die weißen Mäntel und die Waffen verbrannten

sie im Feuer. So mögen manche Feinde von ihrer Hauptabteilung

weggekommen, nicht mehr zurückgelangt sein, und niemand weiß, wohin sie

geraten sind.«

»Aber,« sagte die Mutter, »wenn es schon unter den Völkern festgesetzt

ist, daß die Kriege durch die Armeen ausgefochten werden, so sollten die

Bevölkerungen sich ruhig verhalten und die Sache in die Hände des Heeres

legen. Einen einzelnen Feind, der sich harmlos nähert, zu erschlagen,

scheint mir ein sündlicher Mord zu sein.«

»Sie nahen sich aber nicht harmlos,« sagte der Schloßherr, »wie haben

sie nur in ihrem eigenen Lande gewirtschaftet, sie haben ihre Landsleute

erwürgt, ersäuft, erschossen, enthauptet, weil sie ihnen verdächtig

waren oder den König liebten, und dann sind sie herausgegangen und

wollten es bei uns auch so machen. Wir sollten gegeneinander sein und

das Land in Zerwürfnis bringen, daraus es kaum entrinnen könnte. Darum

sollen wir sie verfolgen, ausrotten, vertilgen, wie wir nur können; und

wenn sie darüber zornig werden und wüten, so ist es nur desto besser,

damit die Menschen es nicht mehr ertragen können, sich zusammentun und

sie aus dem Lande jagen, daß kein Huf und kein Helmbusch von ihnen mehr

bei uns ist. Wenn morgen die Franzosen nachkommen, können Dinge

geschehen -- wer weiß, was geschieht.«

Während er so sprach, hörten die Dienstleute zu, die Mägde hatten das

Spinnrad stillstehen lassen, die Knechte, die da waren, sahen ihn an,

und der Verwalter und der Lehrer blickten vor sich. Es war mittlerweile

so finster geworden, daß es schien, als wären die Fenster des Gemaches

nur schwarze Tafeln, von draußen hörte man nicht das Geringste herein,

und nur die Uhr pickte eintönig an der Wand. Die zwei jüngsten Kinder

schliefen fest, Alfred kauerte neben der Mutter und fürchtete sich, Lulu

stand neben ihm und half fürchten.

In diesem Augenblicke regte sich ein leises Geräusch an der Klinke der

Tür, die Tür öffnete sich, und es trat ein Mann herein, der einen

glänzenden Helm auf hatte und in einen langen, weißen Mantel gewickelt

war.

Alle schauten auf ihn.

»Ich habe Licht durch diese Fenster scheinen gesehen,« sagte er in guter

deutscher Sprache, »und bin hereingekommen, eine Bitte vorzubringen.«

»Und welche?« fragten der Verwalter und der Schloßherr zugleich.

»Sie werden mir gefälligst auf die Spitze des dicken Turmes folgen,«

sagte der Fremde, indem er auf den Verwalter zeigte.

Er hatte hierbei den einen Arm erhoben, den Mantel gelüftet, und man

sah, daß er in der Hand des andern Armes eine doppelläufige Pistole

hatte.

»Wer kann das fordern, ich bin hier der Gebieter,« rief der Schloßherr.

»So, Sie sind der Gebieter?« sagte der fremde Mann, »Sie gehen auch mit

hinauf.«

Hiebei griff er mit der freien Hand auf die Pistole und spannte beide

Hähne, daß man sie knacken hörte.

»Sie werden eine Laterne auf die Treppe mitnehmen und vor mir gehen,«

fuhr er fort, »es wird keinem ein Haar gekrümmt, solange alles ruhig

ausgeführt wird. Wenn ich aber Verrat merke, muß ich von den Waffen

Gebrauch machen, es geschehe dann, was wolle. Bleibt hier ruhig sitzen,

ihr andern, bis sie wieder zurückkehren.«

Er war mit dem Rücken gegen den Türpfosten stehengeblieben, hatte die

Pistole in der Hand und sah alle an.

»Es ist nichts, seid nur ruhig, und Ihr folgt uns,« sagte der Verwalter,

indem er den Schloßherrn bei der Hand nahm, »und ihr verlaßt keines das

Gemach, bis wir wiederkommen.«

Er langte bei diesen Worten mit der Hand nach der Laterne, die neben dem

Weihbrunnenkessel hing, machte sie auf, zündete das Stümpfchen Kerze in

derselben an, schloß sie wieder gut zu, schritt in die Stube vor und

sagte: »Wenn es gefällig ist.«

Der fremde Mann ließ, indem er sich seitwärts stellte, den Verwalter und

den Schloßherrn bei der Tür hinaus und folgte ihnen dann, mit dem Körper

seitwärts gewendet, daß er die in der Stube und die Vorangehenden

zugleich überblicken konnte.

Die Zurückgebliebenen hatten kein Wort gesagt, die Sache war einesteils

so schnell vor sich gegangen, und die Ruhe des Verwalters hatte ihnen

andernteils Vertrauen eingeflößt.

Die zwei Männer gingen mit der Laterne den Gang entlang, der zu dem

Turme führte, der Fremde folgte ihnen, daß sie die Sporen, die er an den

Füßen hatte, stets hinter sich klirren hörten.

Sie kamen an die Treppe und stiegen hinan. Als der Fremde merkte, daß

sie bald oben seien, befahl er ihnen, stille zu stehen, die Laterne auf

eine Stufe zu stellen, zu öffnen und mehrere Stufen aufwärts zu gehen.

Als sie das getan hatten, näherte er sich der Laterne, zog aus seiner

Manteltasche ein sehr kleines Laternchen heraus, zündete ein fast

unscheinbares Lichtchen in demselben an, ließ die andere Laterne auf der

Treppe stehen, stieg gegen die Männer, die indessen gewartet hatten,

hinan und befahl ihnen, weiterzugehen.

Als man auf das Steinpflaster des Turmes hinausgekommen war, welches,

wie oben gesagt wurde, die Stelle des Daches vertritt, hieß er die

Männer an einem Platze der Brustwehr, wo er sie sehen konnte,

stehenbleiben, er selber ging an eine andere Stelle der Brustwehr,

stellte sein sehr kleines Laternchen darauf, legte die Pistole daneben,

zog eine Brieftasche heraus und fing an, bei dem Scheine seines

Lichtchens in dieselbe zu schreiben oder zu zeichnen. Die Nacht war so

finster, daß man von der Gegend nichts sah als einen einzigen schwarzen

Raum, in welchem die Lichter und Wachtfeuer wie rote Sternchen sich

zeichneten. Von dem Dorfe sah man nichts als den Umriß mancher Dächer

und der Kirche. Von dem Platze war ein Teil durch die Feuer der Truppen

beleuchtet.

Als der Fremde eine Weile gezeichnet oder geschrieben hatte, steckte er

seine Brieftasche wieder ein, nahm sein Laternchen in die eine, seine

Pistole in die andere Hand und hieß die Männer vor sich hinabgehen.

Als man zu der Stelle gekommen war, wo die Laterne stand, mußten sie

dieselbe nehmen und den Mann in der Weise, wie man heraufgekommen war,

wieder zurückführen.

Da man an der Tür der Gartenhalle angekommen war, sagte der Fremde, daß

ihn nun die zwei Männer auch durch den Garten bis zu dem Gitter, das auf

das Feld hinausführt, begleiten müßten. Wenn er außerhalb des Gitters

wäre, könnten sie zurückkehren. Die Laterne müßten sie in dem Torwege,

der an der Halle vorbeiführt, stehen lassen.

Der Schloßherr und der Verwalter gingen also in dem finstern Garten vor

dem Fremden her.

Nicht weit von dem Schlosse fand man ein Pferd an einem Baume

angebunden. Der Fremde löste es los, schlang den Zügel um den Arm und

führte es hinter sich her. Er führte es nicht auf dem Gartenwege, auf

dem die zwei Wegweiser gingen, sondern auf dem Rasen daneben, damit die

Hufschläge nicht gehört würden.

Als man in die Nähe des Gitters kam, zeigten sich dunkle Gestalten an

demselben. Der Fremde näherte sich den beiden Vorgängern und flüsterte

ihnen zu: »Halt.«

Dann schaute er sehr lange und, wie es schien, anstrengend auf die

Gestalten.

Endlich sagte er sehr leise, sie sollten ihn wieder zu der Halle

zurückführen.

Sie taten es, er zog sein Pferd hinter sich her.

Da sie bei der Halle angekommen waren, befahl er ihnen, das Tor, welches

den an der Halle vorbeiführenden Torweg schloß und überhaupt das

Haupttor des Schlosses war, zu öffnen.

Der Verwalter ging nach dem Schlüssel, während der Schloßherr in der

Gewalt des Fremden bleiben mußte, und da der Verwalter aus der

Gartenhalle, in welcher sich der Schlüssel befunden hatte, heraustrat,

folgten ihm auch neugierig die Leute, die in der Halle gewesen waren.

Der Fremde hielt sich an sein Pferd, hatte den Schloßherrn immer im Auge

und die Pistole in der Hand. Der Verwalter und ein Knecht sperrten das

Tor auf, taten im Laternenscheine den großen eichenen Querbalken weg,

öffneten die beiden Flügel, daß man in den schwarzen Raum hinaussah.

»Tut die Laterne zurück,« sagte der Fremde.

Als man das getan hatte, schaute er eine Weile scharf bei dem Tore

hinaus, den Blick aber jeden Augenblick kurz auf den Schloßherrn

richtend, daß derselbe sich nicht entfernen konnte. Dann, soweit man bei

dem Scheine der Laterne beurteilen konnte, richtete er etwas an dem

Pferde, prüfte anderes, und da es gut befunden war, schwang er sich

hinauf. Da er einmal oben saß, war es nur ein Augenblick, in welchem er

sich gleichsam festzusetzen suchte, dann gab er die Sporen, tat einen

Ruf, und mit einer so fürchterlichen Schnelligkeit, daß man kaum mit den

Augen blicken konnte, daß die Funken in Schwärmen sprühten, flog er über

den Steindamm hinaus. Als er jenseits war, wie man aus dem schwächeren

Hufschlage schließen konnte, schoß er rechts und links einen

Pistolenschuß ab, worauf sogleich Blitze hinter ihm sichtbar wurden,

Schüsse krachten, Geschrei sich erhob und sich ferner zog.

»Das ist ein Mann,« rief Lulu jubelnd.

»Du Scheusal, du kleine Ausgeburt,« schrie der Schloßherr, »du fällst in

Bewunderung unseren Feinden zu.«

»Er ist ja kein Franzose,« antwortete Lulu, »er spricht so schön

deutsch.«

»Um so schlechter, um so tausendmal schlechter ist er,« sagte der

Schloßherr, »als ein Deutscher sollte er lieber in die fernsten Gegenden

ziehen und betteln, ehe er mit dem Erzfeinde sich verbindet, ja er

sollte lieber den Tod leiden. So aber nimmt er von unserm Turme die

Stellung der Verbündeten auf, verrät sie, und wir werden es morgen früh

schon sehen, wenn sie ihn nicht niedergeschossen oder erwischt haben.«

»Er rennt mit seinem Pferde an ein Haus an und zerschmettert sich und

das Tier,« sagte eine Magd.

»Der rennt nicht an,« erwiderte ein Knecht, »er sieht sich die Sache gut

zusammen und versteht sein Ding.«

»Er ist doch ein Mann, wenn er auch ein Feind ist«, sagte Lulu.

»Warum hast du ihn denn nicht umgebracht, da er einen weißen Mantel

hat?« fragte Alfred den Schloßherrn.

Dieser schaute den Fragenden an und antwortete nicht.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 23 / 25 段