»Kinder, Leute, wir werden hier bald ein anderes Schauspiel haben,«

sagte der Verwalter, »dieser kühne Mann mag nun umgekommen sein oder

nicht, er ist ein Feind, wie sich aus seinem Tun gezeigt hat, er ist aus

unserm Schlosse in unsere Verbündeten gesprengt, bald werden sie da sein

und werden Rechenschaft fordern. Sehe jeder, daß er sich genau merke,

wie die Sache, bei der er war, hergegangen ist, damit er die Wahrheit

bekennen könne, daß sich keine Widersprüche finden, die uns arge Dinge

bereiten könnten. Die Soldaten im Dorfe draußen sind auf dem Rückzuge

begriffen und sind erbittert. Laßt uns das Tor wieder schließen, aber

bei dem ersten Stoße an dasselbe es gern und schnell öffnen. Bis dahin

gehen wir wieder in die Gartenhalle.«

Die Knechte schlossen das Tor, taten den Eichenbalken vor, gaben dem

Verwalter den Schlüssel, und man ging mit der Laterne wieder in die

Halle.

Man war noch nicht lange dort, als sich Schläge an das Tor vernehmen

ließen.

Die Mutter tat einen schwachen Schrei und bewegte sich gegen den Vater

hin. Dieser beruhigte sie, ließ das Tor öffnen und ging selber den

Eintretenden mit einem Lichte entgegen. Es waren zwei Vorgesetzte mit

Begleitung von Soldaten. Der Steindamm war mit Soldaten bedeckt.

»Sind noch mehrere Feinde hier?« fragte einer der Vorgesetzten in

ziemlich verständlicher Sprache.

»Es war der einzige, der eben hinausgeritten ist,« antwortete der

Verwalter.

Sofort ließ der Krieger alle Ausgänge, alle Türen und die Ausgänge in

den Garten mit Mannschaft besetzen. Die Schloßleute wurden in der Halle

bewacht, und der Schloßherr und der Verwalter mußten unter Bedeckung

von Soldaten in alle Räume des Schlosses gehen, daß man dieselben

untersuchte. Der Schloßherr war viel geselliger, gesprächiger und

freundlicher gegen die jetzigen vielen, bewaffneten Soldaten, die ihn

begleiteten, als er es früher gegen den einzigen gewesen war. Als man

nirgends etwas Verdächtiges fand, kehrte man zu der Gartenhalle zurück.

Den Garten untersuchte man nicht, nur wurden die Ausgänge aus dem

Schlosse zu ihm sehr verrammelt, daß ein Feind, wenn einer im Garten

wäre, schon dadurch gefangen war.

Dann schritt man zum Verhöre. Der Verwalter erzählte die Sache, wie sie

sich begeben hatte. Er stellte die Vermutung auf, daß der Fremde durch

den Garten gekommen sein müsse, weil das Tor gegen das Dorf geschlossen

gewesen sei, und in dem Dorfe sich ja die Verbündeten befunden hätten.

Wenigstens habe der Fremde durch den Garten fortgewollt, dies werde sich

deutlich in den Fußstapfen und namentlich in den Hufspuren im Grase

zeigen, wenn man sie morgen bei Tage untersuchen wolle.

»Man wird die Sache untersuchen,« sagte der Krieger.

Hierauf wurde der Schloßherr abgesondert vernommen, und dann alle

andern, selbst die Kinder.

Als dieses vorüber war, wurden die Männer in ein Gewölbe des Turmes

abgeführt, dort eingesperrt und bewacht. Die Weiber und die Kinder

wurden in der Gartenhalle gelassen, wurden aber dort ebenfalls

eingesperrt und bewacht.

Von da an verging die Zeit, die Ängstlichkeit und die Besorgnis

abgerechnet, ruhig. Nicht ein Laut war zu vernehmen, als zuweilen der

Schritt einer Wache vor der Tür, das Rasseln eines Gewehres oder ein

Kolbenstoß. An dem Himmel war kein Lüftchen, die Wolken schienen

unbeweglich dort zu stehen, und die Wipfel der Bäume im Garten regten

sich nicht. Unter diesen Betrachtungen brachten die Gefangenen der

Gartenhalle die Nacht zu. Daß kein Schlaf in ihre Augen kam, ist

begreiflich. Wohin man die Männer gebracht hatte, wußten sie nicht.

Als endlich das Morgengrauen anbrach, hörte man verworrenes Getöse, wie

Fahren, Reiten, Gehen, Rufen, man hörte endlich Hörnerklänge, Trompeten

und Trommeln, aber alles gedämpft, da es von der entgegengesetzten Seite

des Schlosses herkam. Sehen konnte man nichts, da die Tür verschlossen

war, und vor den Fenstern nur die Bäume des Gartens standen, deren

dunkle Wipfel sich immer deutlicher gegen den grauen, lichter werdenden

Himmel zeichneten.

Endlich geschah ein dumpfer, ferner Schlag, der aber so schwer war, daß

die Luft beinahe erzitterte. Gleich darauf ein zweiter. Sie folgten nun

schneller, und es war beinahe wie ein entfernter Donner, der so tief

ging, daß manchmal die Fenster leise klirrten. Die Trompetenklänge, das

Blasen der Hörner, das Wirbeln der Trommeln nahm in der Nähe zu.

Der Tag wuchs immer mehr dem Morgen entgegen.

Das Rollen des Donners kam näher, es ging in ein Krachen über, und

hinter den Gipfeln der Bäume stieg ein weißer Rauch auf. Endlich krachte

es auch ganz nahe an dem Schlosse, man konnte nicht erkennen, woher es

kam, bald war es rechts, bald links, bald vorn, bald hinten, bald mehr,

bald weniger, aber furchtbar war es, daß das Gemach sich zu rühren

schien; und wenn der kleinste Zwischenraum eintrat, so hörte man einen

Ton, wie wenn unzählige Hölzlein aneinandergeschlagen würden, es waren

die Schüsse der kleinen Gewehre. Sogar die Trommeln konnte man zuweilen

vernehmen.

Der Rauch war endlich so in den Garten gedrungen, daß er wie ein Nebel

in den Bäumen war. Er vermehrte und verdichtete sich stets, daß kaum die

nächsten Stämme zu sehen waren. Im Zimmer entstand übler Geruch.

Als dieses lange gedauert hatte, zog sich der Donner auf der

entgegengesetzten Seite in die Ferne, das Rollen wurde dumpfer, einzelne

Schläge waren in der Nähe noch zu vernehmen, aber man hörte Geschrei,

Brausen und verworrenes Getöse. Zuletzt wurde auch das immer schwächer,

man hörte nichts mehr, der Rauch zog sich langsam aus den Bäumen, die

Wolken waren auch gleichsam durch den Schall verjagt worden, und die

Sonne, die anfangs als eine rote Scheibe in dem Rauch gestanden war,

glänzte endlich freundlich in den Garten hinunter.

Die Frauen in der Halle warteten lange. Als aber gar kein Ton sich

vernehmen ließ, als sie auch gar kein Geräusch von der Wache vernahmen,

die außer der Tür war, so riefen sie auf dieselbe. Sie erhielten keine

Antwort. Sie riefen noch einmal und stärker, aber erhielten wieder keine

Antwort. Da versuchten sie, an der Tür und an dem Schlosse zu rütteln.

Von außen erfolgte kein Zeichen und kein Widerstand. Nun rissen sie

wirklich mittels Beilen und Stemmeisen, die in der Gartenhalle als

brauchbare Werkzeuge immer vorrätig waren, das Schloß herunter und

öffneten die Tür. Kein Mensch war vor derselben. Die Torflügel standen

weit offen. Im Dorfe rauchte noch kohlendes Stroh und von einer

entfernten Hütte, die brannte, ging Rauch auf. Sonst sah man keine

Beschädigung, aber man sah auch keinen Menschen im Dorfe. Unter dem

Schwibbogen des Tores lag eine eiserne Kugel, und eine andere stak in

der Mauer des Schlosses.

Als man noch so schaute, hörte man plötzlich Gerassel und Getrappe

rennender Pferde, und in dem Augenblicke kam um eine Ecke der Häuser ein

Schwarm weißer Reiter, bog gegen das Schloß und ritt über den Steindamm

herein. Lulu rief beinahe vor Freude auf, als sie an ihrer Spitze den

Mann im weißen Mantel erblickte, der in der Nacht im Schlosse gewesen

war. Man hoffte, daß man wenigstens von der Ungewißheit, vielleicht auch

von der Angst und Bangigkeit befreit werden würde.

Der Mann ritt auf die Versammelten zu. Bei der Beleuchtung des Tages

sahen sie erst jetzt, daß er noch sehr jung sei und ein blühendes

Angesicht habe. Er stieg sogleich von dem Pferde und sagte: »Ich habe

nur kurze Zeit; ich mußte Ihnen gestern Schrecken und Gewalt antun,

damit wir heute die Früchte ernten. Wir haben sie geerntet und sind im

Vorrücken begriffen. Ich aber bin auf einen Augenblick gekommen, um mir

Verzeihung einzuholen, daß ich von einer harten Kriegsregel Gebrauch

gemacht habe, und ich bin auch gekommen, um die Bewohner ebenfalls von

einer Unannehmlichkeit, die ihnen mein Verfahren könnte zugezogen haben,

zu befreien. Wo sind die Männer?«

»Wir wissen es nicht, wir haben uns in diesem Augenblicke aus unserm

Gefängnisse in der Gartenhalle befreit, sie sind in der Nacht gefangen

abgeführt worden,« sagte die Mutter.

»So müssen wir sie suchen,« erwiderte der Fremde, »vielleicht sind sie

im Hause.«

Er nahm aus Vorsicht mehrere bewaffnete Reiter mit, und aus Kenntnis der

Kriegsgebräuche schlug er gleich den Weg zu dem Turme ein. Alle Frauen

folgten ihm. Der Schlüssel stak an der Tür des Gewölbes, in welchem sich

die Männer befanden. Man drehte ihn um, traf da die Gefangenen und ließ

sie heraus.

Als die Angehörigen sich gegenseitig überzeugt hatten, daß keines einen

Schaden genommen habe, und als sich die Unruhe von Fragen und Antworten

ein wenig gelegt hatte, trat der Fremde gegen die Männer heran und

sagte: »Wir haben, und ich hege die Hoffnung, nicht ganz ohne Zutun

meiner gestrigen Beobachtungen, den Sieg errungen. Ich bin gekommen,

verehrte Herren, um den Augenblick, der mir vergönnt ist, zu benützen,

Sie um Verzeihung wegen meines Verfahrens gegen Sie in dieser Nacht zu

bitten. Hier ist eine Karte mit meinem Namen und Stande, Sie können an

meiner Person und meinem Vermögen Genugtuung fordern, wenn Sie eine zu

fordern für gut befinden sollten.« Bei diesen Worten reichte er dem

Schloßherrn ein Blatt Papier.

»Den Frauen,« fuhr er fort, »kann ich freilich keine Genugtuung für die

Angst und den Schrecken geben, um so inniger bedarf ich ihrer Verzeihung,

und um so mehr bitte ich sie darum.«

»Die beste Genugtuung würde sein,« sagte der Schloßherr, »wenn Sie nicht

auf jener Seite ständen, auf der Sie stehen.«

»Mein Herr,« erwiderte der Fremde, »wenn Sie diese Ansicht bei meinem

Könige durchsetzen können, so werde ich eine Tat wie die von heute Nacht

mit leichterem Herzen verrichten, als ich sie heute verrichtet habe.

Aber bei dem Krieger heißt es gehorchen. Nun lebt wohl, meine Zeit ist

sehr gemessen.«

Er reichte dem Schloßherrn die Hand, der sie nahm.

»Haben Sie doch keine Verletzung erlitten?« fragte der Verwalter.

»Keine einzige,« antworte der junge Mann.

»Nun, so leben Sie wohl,« sagte der Verwalter, »und mögen Ihre Taten

bald von leichten Gefühlen begleitet sein.«

»Amen,« sagte der junge Mann.

Er beugte sich vor den Männern, aber noch tiefer vor den Frauen, selbst

vor den Mägden, seine Begleiter schwenkten sich, und er ging mit ihnen

davon.

Man sah ihnen nach, sah sie unter dem Torbogen zu Pferde sitzen und über

den Steindamm hinausreiten.

Jetzt war nichts mehr von Kriegern zu sehen.

Nachdem der Verwalter und der Schloßherr die Unordnung im eigenen Hause,

soweit es möglich war, besichtigt hatten, wobei einige schöne, von

Kugeln arg verletzte Gartenbäume zu bedauern waren, verfügten sie sich

in das Dorf, um dort und in der Umgegend den Bewohnern in den Maßregeln

beizustehen, die infolge des stattgehabten Gefechtes notwendig geworden

waren. Unterbringung der noch aufgefundenen oder nach und nach

eintreffenden Verwundeten von Freund und Feind war das erste. Der Arzt

richtete im Schlosse ein Hospital ein, und die Verwalterin kochte für

Freunde und Feinde. Das zweite war die Beerdigung der Toten. Endlich

ging man an das Einsammeln und Aufbewahren von Waffen und Kriegsgeräten

und an das allmählige Ausbessern der Verletzungen an eigenen Häusern und

Gebäuden.

Es pflegte in diesen Tagen mancher Verwundete seinen Nachbar, der noch

ärger verwundet war. Mancher trug einen Feind zur Verpflegung herbei,

und am dritten Tage verbreitete sich die Nachricht, daß ein Pferd

regungslos bei seinem toten Reiter in den Kohlgärten auf der Anhöhe

stehe, und daß ein Spitz nicht von dem Grabe seines Herrn wegzubringen

sei.

Anfangs zogen noch viele feindliche Abteilungen den Fliehenden nach,

dann aber hörte dies auf, es kam nichts mehr, und Schloß und Dorf hat

bis zum Frieden weder feindliche noch freundliche Krieger mehr

gesehen. -- -- --

Es waren zehn Jahre nach diesem Ereignisse vergangen. Die Feinde, die

damals gesiegt hatten, waren nun vollkommen geschlagen, ihre Hauptstadt

erobert, ihr weltberühmter Führer auf Elba und endlich nach seinem

Hervorbruche gar auf St. Helena verbannt, und der Friede ruhte segnend

auf allen Ländern, die so lange verwüstet worden waren. Die Menschen,

welche den Krieg noch gesehen hatten, erkannten vollkommen dessen

Entsetzliches, und daß ein solcher, der ihn mutwillig entzündet, wie

sehr ihn spätere, verblendete Zeiten auch als Helden und Halbgott

verehren, doch ein verabscheuungswürdiger Mörder und Verfolger der

Menschheit ist, und sie meinten, daß nun die Zeiten aus seien, wo man

solches beginne, weil man zur Einsicht gekommen: aber sie bedachten

nicht, daß andere Zeiten und andere Menschen kommen würden, die den

Krieg nicht kennen, die ihre Leidenschaften walten lassen und im

Übermute wieder das Ding, das so entsetzlich ist, hervorrufen würden.

Es war in unserm Schlosse abermals der Herbst gekommen, aber ein so

lieblicher, daß man die meiste Zeit im Freien zubringen konnte, und daß

die Bewohner des Schlosses täglich große Spaziergänge machten, um noch

das letzte ruhige Lächeln der Natur vor den Stürmen und Frösten zu

genießen.

So saßen sie auch einmal alle an einem Nachmittage auf einem Hügel, der

in dem Garten nahe an dem Gittertore, das auf das Feld führt, entstanden

war. Alfred und Julius hatten nämlich alle Ferien aller ihrer

Studienjahre dazu verwendet, mit eigenen Händen und kleinen Schubkarren

einen Hügel aufzuführen und darauf ein Säulenhäuschen aufzurichten, in

dem die ganze Bewohnerschaft des Schlosses Platz hatte. Der Schloßherr

und der Verwalter hatten die Knaben walten lassen, weil sie es für

besser hielten, daß sie da bauten, wenn auch etwas so Ungeschlachtetes

als einen Hügel, als daß sie durch Vogelfangen oder Jagen zerstörten.

Weil die Sonne gar so lieblich schien, wollte man in dem Säulenhäuschen

den Nachmittagskaffee verzehren. Man hatte die ganze Gerätschaft auf dem

Tische, wollte aufgießen, und spielte mit den gelben Blättern, die

herumlagen, oder mit den Herbstfäden, die heuer besonders reichlich

flogen und an den Säulen des Häuschens und an den Gewändern der

Gesellschaft hingen.

Plötzlich tat Lulu, die eine erwachsene und, wir müssen es sagen, sehr

schöne Jungfrau geworden war, einen Schrei.

»Hat dich eine Spinne geschreckt?« fragte man.

»Nein, ein weißer Mantel,« antwortete sie, und zeigte nach der Stelle,

nach welcher sie bei Ausstoßung ihres Schreies geblickt hatte.

Alle schauten hin.

Außerhalb des Gitters stand auf dem Feldwege, der um den Garten ging,

ein Wagen, in demselben saß ein einzelner Mann, der einen weißen Mantel

um die Schultern hängen hatte und unverwandt auf die Gesellschaft

hineinsah.

»Lauf, Julius,« sagte der Vater, »und frage, ob er etwas wünscht.«

Der Knabe lief hin, redete mit dem Manne, kam zurück und sagte:

»Eingelassen wünscht er zu werden, er sagt, er sei nicht ganz fremd.«

Der Knabe erhielt den Schlüssel, den man zur Bequemlichkeit bei

Spaziergängen immer mit sich führte, er schloß das Tor auf, der Fremde

ging herein, stieg den Hügel hinan und stellte sich der Gesellschaft

vor.

Man erkannte ihn augenblicklich. Es war der junge Mann aus jener

schrecklichen Kriegsnacht. Aber er war nun kein Jüngling mehr, sondern

ein freundlicher Mann, der so gütig blickte, daß man unmöglich hätte

glauben können, daß er derselbe sei, der damals das fürchterliche Spiel

auf Leben und Sterben getrieben habe.

»Verzeihen Sie, meine Herren und Frauen,« sagte er, »daß ich zu Ihnen

komme, ich bin Ihnen nicht fremd, Sie haben nicht Ursache, mir irgend

gut zu sein; aber Sie werden mich doch auch nicht hassen, was ich daraus

schließen muß, daß seit den vielen Jahren her keine Genugtuung von mir

wegen jener Nacht gefordert worden ist.«

»Nein, nein, es wird auch keine mehr gefordert werden,« rief man und

nötigte ihn zum Sitzen.

Er tat es und sagte: »Lassen Sie mich nur noch einen Augenblick

fortfahren. Jeder Mensch hat einen Punkt der Sehnsucht in seinem Leben,

nach dem es ihn immer hinzieht und den er erreichen muß, wenn er ruhig

sein will. Meine Sehnsucht ist jenes Gitter dort. Seit ich damals in der

Nacht sein Schloß erbrach, um auf den Turm zu gehen und die

Lichterstellung des Feindes zu zeichnen, seit jenem Augenblicke, wo ich

es, da ich zurückkehrte, von dem Feinde besetzt fand und nun nur noch

die Aussicht vor mir hatte, entweder als Spion gefangen und schimpflich

aufgehängt zu werden, oder durch einen tollkühnen Ritt von vorn heraus

in die überraschten Feinde zu sprengen, um entweder ehrlich zu fallen

oder eben durch die Unglaublichkeit des Wagstückes durchzukommen -- nach

rückwärts hätte ich wegen des geackerten Bodens und der andern

Hindernisse nicht hinaussprengen können -- seit jenem Augenblicke zog es

mich immer zu dem Gitter, und ich dachte, ich müsse es doch einmal

sehen. Darum kam ich her und fuhr auf dem Feldwege um den Garten zu dem

Gitter. Und lassen Sie mich es offenherzig sagen, einen nicht minderen

Anteil an meinem Kommen hat der Gedanke, Sie alle zu sehen, mir wegen

des Übels, das ich Ihnen zufügte und das mir immer Unruhe machte, Ihre

vollkommene Verzeihung zu holen und Ihre Achtung zu erwerben; denn ich

habe seither in vielen Schlachten mit jenem leichten Herzen gekämpft,

das mir dieser Herr damals gewünscht hat.«

Er zeigte mit diesen Worten auf den Verwalter.

»So gefallen Sie mir viel besser, junger Mann, als in jener Nacht,«

sagte der mit rotem Angesichte und schneeweißen Haaren prangende

Schloßherr.

»Ja, lieber Herr,« erwiderte der Fremde, »ich kenne kein fröhlicheres

Gefühl, als mit entlasteter Brust an der Seite seiner Stammes- und

Sprachgenossen einem übermütigen und anmaßenden Feinde des schönen

Vaterlandes entgegen zu reiten. Mir ist dies Gefühl zuteil geworden, ich

habe gesucht, die Scharte, die meine Dienstpflicht in jener Nacht der

gemeinschaftlichen Sache vielleicht geschlagen hat, wieder gut zu

machen, und mögen alle Himmel geben, daß das so tieffühlende, denkende,

edelherzige Volk der Deutschen nie wieder in seinen altersgrauen Fehler

zurückfalle und gegen sich selber kämpfe.«

»Ja, gebe es Gott, gebe es Gott,« sagten die Männer.

Es war indessen der Kaffee eingeschenkt worden, und die Hausfrau gab dem

Fremden die erste Tasse. Der Verwalter ließ den Wagen um die Gartenmauer

herum in das Schloß bringen, und der Schloßherr und alle luden den

Fremden ein, nun in Ruhe und Muße in dem Schlosse zu bleiben, um das

Gartengitter so oft anzuschauen, als er wolle.

Die Einladung wurde angenommen.

Der Fremde blieb nun in dem Schlosse. Er konnte das Gitter, den Turm,

den Garten und die Gegend betrachten, soviel er nur immer wollte. Aber

das Schicksal hatte auch noch ganz andere Zwecke mit seiner Reise

verbunden. Alle gewannen ihn sehr lieb. Zwischen Lulu und ihm hatte sich

das Verhältnis vollständig umgekehrt. So wie sie ihn in jener Nacht

bewundert hatte, so konnte nun er von seiner Seite aus nicht aufhören

und kein Ziel finden, das Mädchen zu bewundern. Und da er es dem Kinde

schon in jener Nacht angetan hatte, und da er jetzt gar so gut und

freundlich war, so konnte es nicht fehlen, daß auch ihn die Jungfrau

bald außerordentlich liebte und die Verehrung eine vollkommen

gegenseitige war.

Da er wegen des guten Verhältnisses, das sich mit allen angeknüpft

hatte, und wegen des Wunsches aller immer länger im Schlosse blieb, da

er sich über Stand und Vermögen auswies, ja sogar endlich ein

benachbartes, feilgewordenes Gut kaufte, um in der Gegend ansässig zu

werden, so stand einem Bündnisse nichts entgegen, und die zwei Leutchen

wurden in der Pfarrkirche des Dorfes ehelich eingesegnet.

Und von nun an begann ein ruhiges, friedliches und glückliches Leben.

Oft, wenn die Ehegatten in der Zukunft allein beieinander saßen, wenn er

Lulu seine Freude und sein höchstes Glück auf dieser Welt nannte, sagte

sie: »Wie hast du durch dein Herz die schönste Genugtuung gegeben, die

du geben konntest.«

»Es ist doch gut, daß ich ihn damals nicht erschlagen habe,« sagte noch

lange und öfter der uralte, gleichsam immer kleiner werdende Schloßherr.

Lulu lächelte jedesmal bei dieser Rede, später lächelten auch Alfred und

Julius und endlich alle, selbst der graue Lehrer, obgleich er der

Schach- und Spaziergenosse des Schloßherrn geworden war.

Die weißen Mäntel spielten noch lange eine Rolle in der Familie. Nicht

nur trugen Alfred und Julius, die in dem kaiserlichen Heere dienten,

weiße Mäntel, sondern auch der kleinere Alfred und der kleinere Julius,

die Buben Lulus, hatten im Winter, wenn sie im Schlitten über die Ebene

gefahren wurden, weiße Mäntel an, die aus jenem weißen Mantel entstanden

waren, den der Vater angehabt hatte, als er auf seinem Zuge begriffen

war, das alte, eiserne Gitter zu suchen. Der Vater hatte mit den Waffen

die weißen Mäntel abgelegt und trug jetzt im Winter dunkle und

ausgezeichnete Pelze.

Nachwort.

Adalbert Stifter ist einer von den großen Dichtern, die einsam wie

erratische Blöcke im weiten Gebiet der deutschen Literatur stehen. Diese

Dichter ohne Vorläufer und ohne Nachfolger müssen von Epoche zu Epoche

erst immer wiederentdeckt werden. Sie sind zu Lebzeiten wohl berühmt

gewesen, aber bald verschwanden sie in den Grüften der Literaturgeschichte,

um nur in Sonderlingsbibliotheken oder in den Lesebüchern der Jugend

ihre Unsterblichkeit fortzufristen. Bis dann immer einmal ein Tag kam,

der sie ausgrub; da blühte in seinem Licht unverwelkte Schönheit auf,

das Leben des Kunstwerks strömte in die Menschen, und die Menschen waren

beglückt, ein altes Erbe zu erwerben, um es zu besitzen. So ist es den

Deutschen mit manchen ihrer Besten ergangen, und auch unsere Gegenwart

erfährt jenes Entdeckerglück: man denke an Friedrich Hölderlins frischen

Ruhm oder an Matthias Claudius und man denke an Adalbert Stifter.

Mag es auch in keiner Beziehung statthaft sein, diese drei Dichter

miteinander zu vergleichen -- ihr posthumes Schicksal bringt sie in eine

gewisse Verwandtschaft. Als ob die Nachwelt Blick und Gefühl für die

ganzen Dimensionen dieser Erscheinungen verloren gehabt hätte, wurden

sie, die nicht bequem in Dichterschulen unterzubringen waren, in die

Fesseln einer Formel geschlagen, und obgleich das Schlagwort kaum die

Kontur des Schaffens zeichnete, den jene großen Gestalten durch die

Generationen warfen, blieb es dabei. So war Hölderlin für lange Zeiten

als der unglückliche Griechensänger abgetan, so ist Matthias Claudius

heute noch den meisten der biedere Hausvater, der manchmal harmlose

Verse gemacht hat, und Stifters Geltung beruht im allgemeinen auf einer

nachsichtigen Anerkennung für den typischen Erzähler des vormärzlichen

Kleinbürgertums, für den Schilderer geruhsamen Lebens mit einer

behaglichen und fast pedantischen Liebe zu den kleinen Dingen der

Menschen, der Natur, der Welt.

Es ist übrigens merkwürdig, daß diese drei Dichter auch eine Ähnlichkeit

ihrer künstlerischen Entwicklung miteinander verbindet. Sie sind nämlich

-- gerade sie, die man so gern unter die sogenannten Originalgenies zählt

-- nur sehr allmählich im Verlauf ihres Schaffens zum Ausdruck und zur

Verfestigung ihres eigensten Wesens gelangt. Hier, wo nicht der Ort ist,

diese Analogie näher auszuführen, sei für Stifter etwa auf den vielsagenden

Gegensatz verwiesen, der innerlich und äußerlich zwischen den »Feldblumen«

und »Zwei Schwestern«[*] besteht und der den Entwicklungsgang des

Erzählers überaus gut erkennen läßt. Die »Feldblumen« sind ein Frühwerk

des Spätvollendeten und ihre farbenreiche, traumwirre Schönheit, ihre

Überschwänglichkeit in Sprache und Empfindung ist ohne das geliebte

Vorbild Jean Pauls undenkbar. Die andere der beiden Erzählungen aber ist

ein Beispiel für die reifste Prosakunst Stifters, wie sie sich erst im

langsamen Wachstum der Persönlichkeit ausgebildet hat. Hier ist alles

still und verhalten, wo dort Leidenschaft und Sturm ist, und wie erst

alles Glück und alle Schönheit ungemischt und nicht groß genug

geschildert werden kann, ist später die überlegene Weisheit tätig; das

Ideal bleibt gleich rein und erhaben, aber an die Stelle der Erfüllung

tritt die Entsagung ... Darnach würde auch der Leser der »Bunten Steine«

unschwer feststellen können, daß die letzte Erzählung des Bandes nach

ihrer Entstehungszeit den andern der Sammlung vorangeht: sie verrät am

wenigsten die charakteristische Kunst des Dichters.

[*] Diese beiden Erzählungen sind als 3. Sonderdruck der dritten

Auswahlreihe des »Volksverbandes der Bücherfreunde« erschienen.

*

Vom Weg und Werden Adalbert Stifters geben uns eben diese Erzählungen,

welche, im Lauf eines Jahrzehnts entstanden, unter dem Titel »Bunte

Steine« vereinigt sind, ein deutliches Bild. Es deckt sich wie nur immer

im Schaffen eines geistigen Menschen mit dem Bild der Persönlichkeit.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 24 / 25 段