Von den Eltern des Mädchens vermutete man keinen Widerstand, weil man

sah, daß sie sich so wenig um dasselbe kümmerten, weil sie es so in der

Gegend herumgehen ließen, weil sie sich nie meldeten, da sie doch wissen

mußten, daß das Kind oft in dem Hause sei, und da sie die neuen Kleider

sehen mußten, die man ihm gegeben hatte.

An das Haus hoffte man es zu binden, indem man, wie bisher, die sanften

Fäden der Liebe und Nachsicht walten ließ, bis sein Herz von selber in

dem Hause sein würde, bis es nicht mehr fortginge und sein Gemüt ohne

Rückhalt hingäbe.

Das Mädchen hatte früher schon vieles mit den Kindern gelernt, und man

hatte es gefragt und es in das Gespräch gezogen, ohne daß es eine

Absicht merkte, und hatte das Gelernte geordnet und erweitert.

Jetzt traf man die Einrichtung, daß der junge Priester, der den

Religionsunterricht der Kinder besorgte, zweimal in der Woche von der

Pfarre herüberkam, um das Mädchen Gott und die Gebräuche unserer

heiligen Religion kennen zu lehren. Die Mutter wiederholte die Lehre und

erzählte dem Kinde von heiligen Dingen.

Das Mädchen lernte sehr feurig, und so wie es den Kindern in

körperlicher Fertigkeit und Gewandtheit voraus war und sie es

nachahmten, besonders Sigismund, so lernte es von ihnen wieder andere

Dinge, wenn sie in den Zimmern beschäftigt waren, oder wenn sie sich bei

der Großmutter befanden oder mit ihr in der Gegend herumgingen.

So verflossen mehrere Jahre. Das braune Mädchen gewöhnte sich immer mehr

an das Haus, es blieb immer da und ging schier gar nicht mehr fort. Es

lernte allerlei Arbeiten, wie sie die andern Mädchen machten, und

verrichtete solche Dinge wie sie.

In die Stadt mitzugehen, konnte es nicht bewogen werden. Es blieb im

Winter immer bei der Großmutter.

Endlich brachte man es auch dahin, daß es weibliche Kleider trug. Die

Mutter hatte die Stoffe dazu gekauft; diese wurden zu Kleidern

verarbeitet und mit Bändern nach dem Gebrauche verziert.

Da es weibliche Kleider trug, war es scheuer und machte kürzere

Schritte.

Nach und nach wuchsen die Kinder heran, daß sie so groß wie die Eltern

waren. Es waren nun drei Schwarzköpfchen. Da die Mutter ihre dunkeln

Haare noch immer schön und glänzend bewahrt hatte, war sie das eine,

Clementia war das zweite, und das braune Mädchen das dritte.

Blondköpfchen waren der Vater und Emma. Braunköpfchen war Sigismund

allein. Auch ein Weißköpfchen war unter den Kindern vorhanden -- die

Großmutter. Ihre Haare, die grau waren, waren endlich so weiß geworden,

daß, wenn eine Locke neben der Krause der weißen Haube zufällig

hervorschaute, sie von derselben nicht zu unterscheiden war.

Emma war eine schöne Jungfrau geworden, die ernsthaft blickte, blaue

Augen im stillen Haupte trug, die Fülle der blonden Haare auf den Nacken

gehen ließ und wie ein altdeutsches Bild war. Clementia war rosig und

zart, und das süße Feuer der schwarzen Augen schaute unter den schwarzen

Haaren aus der Tiefe der Seele. Sigismund war mutig, heiter und frei, er

war wirklich ein Mund des Sieges; denn wenn seine Rede tönte, flogen ihm

die Herzen zu.

Es kamen aus der Nachbarschaft Leute, Jünglinge und Mädchen; selbst aus

der fernen Hauptstadt kamen Bekannte, die Bewohner des abgelegenen Hofes

zu besuchen. Alle waren fröhlich, nur das braune Mädchen nicht. Seine

Wangen waren, wie wenn es krank wäre, und sein Blick war traurig. Wenn

alle freudig waren, saß es im Garten und schaute mit den einsamen Augen

um sich.

Eines Sommers an einem sehr schönen Tage, da Fremde da waren, da man in

dem großen Saale des Hauses Tanz, Klavierspiel, Pfänderspiele und

städtische Vergnügen trieb, gingen Vater und Mutter gegen die Sandlehne

zurück. Dort lag auf einem Sandhaufen in seinen schönen Kleidern das

braune Mädchen und schaute mit den verweinten Augen gegen die Erde. Die

Mutter näherte sich und fragte: »Was ist dir denn?«

Das Mädchen erhob sich ein wenig, und da Vater und Mutter sich auf ein

Bänkchen neben dem Sandhaufen niedergelassen hatten, saß es ihnen

gleichsam zu Füßen.

»Liebes, teures Mädchen,« sagte die Mutter, »betrübe dich nicht, alles

wird gut werden; wir lieben dich, wir geben dir alles, was dein Herz

begehrt. Du bist ja unser Kind, unser liebes Kind. Oder hast du noch

Vater und Mutter, so zeige es uns an, daß wir auch für sie tun, was wir

können.«

»Sture Mure ist tot, und der hohe Felsen ist tot«, sagte das Mädchen.

»So bleibe bei uns,« fuhr die Mutter fort, »hier ist deine Mutter, hier

ist dein Vater; wir teilen alles mit dir, was wir haben, wir teilen

unser Herz mit dir.«

Bei diesen Worten brach das Mädchen in ein Schluchzen aus, das so heftig

war, daß es dasselbe erschütterte, und daß es schien, als müsse es ihm

das Herz zerstoßen. Es fiel plötzlich mit dem Angesichte gegen den Sand

nieder, es drückte mit den Händen ein Teilchen von dem Saume des

Gewandes der Frau in einen Knauf zusammen und preßte diesen Knauf an

seine Lippen. Da es nach einem Weilchen die Hand der Frau auf seinen

dichten, dunkeln, schönen Locken spürte, die dort ruhte, und freundlich

drückte, sprang es auf, hob die Arme, die nun nicht mehr so voll und

glänzend waren, auf, schlang sie fest um den Nacken der Frau, küßte sie

auf die Wange, als müßte es Lippen und Zähne in dieselbe eindrücken, und

weinte fort, daß die Tränen über die Wange der Frau herabflossen und ihr

Kleid benetzten. Als sich dieses nach und nach löste, als das Mädchen

das Haupt zurückbog und nach dem Vater sah, als es merkte, daß es dieser

bei der Hand halte, daß er aber nicht sprechen könne, weil seine Augen

in Wasser schwammen: da konnte es auch nicht mehr sprechen, seine Lippen

bebten, sein Herz hob sich krampfhaft in kurzen Stößen, und so ging es

hinter die Glashäuser zurück.

Der Vater und die Mutter wollten dem Mädchen nicht folgen, damit es sich

einsam beruhigen könnte. Sie dachten, es werde sich geben.

Aber es gab sich nicht. Sie sahen das Mädchen über die Sandlehne

emporgehen und sahen es seitdem nie wieder.

Da eine Zeit vergangen war, ohne daß das braune Mädchen erschien,

meinten die Eltern und Kinder, es sei nur fortgegangen und bleibe länger

aus, als man jetzt glauben sollte; aber als das Ausbleiben bedenklicher

wurde, stellte der Vater Nachforschungen an, und da das Mädchen immer

nicht kam, wurden diese Nachforschungen mit allen Mitteln, die es nur

gab, betrieben. Aber sie waren, wie die früheren, ohne Erfolg. In der

Nähe kannte man das Mädchen als ein solches, das immer zu den Kindern

auf den Hof kam, und betrachtete es fast als ein Mitglied der Familie;

in der Ferne wußte man gar nichts von ihm. Alle Bewohner des Hauses,

Vater, Mutter, Kinder und Großmutter, waren betrübt, und die Wunde wurde

immer heißer.

Aber als Monate und Jahre vergangen waren, milderte sich der Schmerz,

und die Erscheinung sank, wie andere, immer tiefer in das Reich der

Vergangenheit zurück.

Aber vergessen konnte man das Mädchen nie. Immer redeten alle, besonders

die Kinder von ihm, und als schon viele Jahre vergangen waren, als die

Großmutter schon gestorben war, als der Vater schon gestorben war, als

die Mutter eine Großmutter war, als die Schwestern Gattinnen in fernen

Gegenden waren: war es Sigismund, wenn er auf den Anhöhen stand, wo

jetzt das Bächlein mit den grauen Fischlein recht klein geworden war, wo

der hohe Nußberg recht klein geworden war, als husche der Schatten des

braunen Mädchens an ihm vorüber; er fühlte ein tiefes Weh im Herzen und

dachte: wie oft mußte es herübergekommen sein, wie oft mußte es einsam

gewartet haben, ob seine Gespielen kämen, und wie hat es seinen Schmerz,

den es sich in der neuen Welt geholt hatte, in seine alte zurückgetragen!

Er dachte: wenn dem Mädchen nur recht, recht viel Gutes in der Welt

beschieden wäre.

Bergmilch.

In unserm Vaterlande steht ein Schloß, wie man in manchen Gegenden sehr

viele findet, das mit einem breiten Wassergraben umgeben ist, so zwar,

daß es eigentlich aussieht, als stünde es auf der Insel eines Teiches.

Von solchen Verteidigungsmitteln sind gewöhnlich diejenigen Schlösser

umgeben, die auf Flächen liegen, also das Verteidigungsmittel des

Wassers haben, aber dafür desjenigen entbehren, das ihre stolzen

Schwestern auf hohen Bergen und schroffen Felsen besitzen. Sie müssen

die geringere Sicherheit, die ein Wassergraben gibt, noch mit feuchter

Luft, mit Fröschequaken und Fliegenungeziefer erkaufen, während ihre

erhabenen Schwestern zu dem größeren Schutz der hohen Felsen noch die

reine Luft und die Aussicht als Zugabe erhalten. Dafür können die ersten

sich gegen Winterstürme in ein ganzes Bett von Bäumen verhüllen, während

die letzten dem Anfalle der Winde so hingegeben sind wie ein Kiesel im

Flusse dem ewigen Glätten durch Wasser. Seit aber unsere Mitmenschen

nach und nach den Harnisch abgelegt haben, seit das Pulver erfunden

worden ist, gegen welches ein Wassergraben und ein hoher Fels nichts

nützt, ziehen sich die Mächtigeren von den Bergen und aus den Teichen

heraus und lassen die Trümmer wie ein abgelegtes, zerrissenes Kleid auf

ihrem früheren Platze stehen. Wer aber nicht so mächtig und reich ist,

der muß sein früheres Haus bewohnen und sich gegen die schlechten

Einflüsse so gut als möglich zu sichern suchen. So sieht man noch

manches bewohnte Schloß in seinem Teiche wie einen Fehler der

Zeitrechnung stehen und manches mit verwahrten Fenstern und Fensterläden

von einem Felsen herniederschauen. In dem einen versumpft das Wasser

immer mehr, in dem andern wird die Wetterseite preisgegeben, und die

Zimmer ziehen sich tiefer zurück.

Unser zu Anfang dieser Zeilen erwähntes Wasserschloß heißt Ax. Es ist

von den Besitzern in neuerer Zeit etwas getan worden, um die Lage zu

erleichtern. Es ist statt der früheren Bogenbrücke, die immer

ausgebessert werden mußte, und die an dem Schloßtore gar in eine

Zugbrücke endete, an welcher es stets Anstände gab, ein großer fester

Steindamm gebaut worden, auf dem eine mit runden Kieseln gepflasterte

und mit Mauern eingefaßte Straße läuft, auf welcher man in geräumigen

Wagen oder zu Pferde lustig in gerader Richtung von dem Schlosse

wegsprengen kann, während es früher not tat, daß man sogar mit einem

Schubkarren sehr sachte fuhr, daß Zug- und Bogenbrücke nicht beschädigt

würden. Der Großvater des letzten Besitzers hat sogar mit vielen

Tausenden von Fuhren von Steinen und Erde aus seinem Anteile im Axwalde

den Teich hinter dem Hause ausfüllen lassen, hat Erde aufgeführt, hat

Bäume gepflanzt und hat so den Garten seiner Wohnung unmittelbar an das

Gebäude angestoßen. Er hat dadurch der Festigkeit des Schlosses, wenn es

einer bedürfen sollte, nichts genommen, denn der Garten ist mit einer

sehr hohen, sehr alten, sehr dicken und aus Steinen gebauten Mauer

umgeben, die ein Gittertor aus starkem Eisen hat, das auf das Feld

hinausführt.

Der Nachfolger hatte nichts getan, und der letzte Besitzer, der ein

Junggeselle geblieben ist und gar keine Verwandten hatte, so daß er

nicht einmal wußte, wem er sein Gut vermachen sollte, hat gar keine

Neigung verspürt, das Erbe seiner Ahnen irgendwie zu verändern. Und so

stand das Gebäude noch da, wie es zu Großvaters Zeiten gewesen ist; es

hatte vor den Fenstern noch das Wasser aus den Ritterzeiten und aus dem

Bauernkriege, und atmete noch die Sumpfluft, und erlitt noch das

Froschgequake und das Mückenstechen, wie es die Ritter und Bauern

gelitten haben, die hier gehaust und gekämpft hatten.

Das Schloß hatte allerlei Rundungen, Brustwehren, dicke Mauern, kleine

Schießlöcher und Dinge, die wir heute nicht mehr begreifen, die aber ein

solches Gebäude einst sehr fest machten und heute in den Augen junger

Leute ihm ein sehr geheimnisvolles und merkwürdiges Ansehen geben,

besonders wenn noch eine Armschiene oder ein Helm in irgendeinem Winkel

des Hauses gefunden wird. Was aber unserm Schlosse ein besonders

auffallendes Ansehen gibt, ist ein runder, sehr dicker und sehr hoher

Turm, der gar kein Fenster und also im Innern nur finstere Räume hat,

der statt eines Daches mit Steinen gepflastert ist, die das Regenwasser

in einer Rinne an einer Stelle ablaufen lassen, und die mit einer vier

bis fünf Fuß hohen Mauer als Brustwehre umgeben sind. Der Turm hat

wahrscheinlich, weil das Schloß in der Ebene liegt, als Warte, als

Luginsland und bei Belagerungen als Verteidigungsmittel gedient. Jetzt

sind in seinen innern Räumen, die wegen der Dicke der Steinmauern sehr

kühl sind, alle Gattungen von Grünwaren, Gemüsen, Kartoffeln, Rüben,

selbst Wein und Bier aufbewahrt, denen man an kühlen Tagen Luft durch

geöffnete Zuglöcher zulassen kann. Die Höhe des Turmes dient jetzt bloß

mehr zur Aussicht, welche aber leider nur in eine große, fruchtbare

Ebene geht.

Der letzte Besitzer hat, wie wir sagten, nie geheiratet. Er war der

einzige Sohn seines Vaters, von der Mutter etwas verzogen und von der

Natur widersprechend ausgestattet. Während er nämlich ein wunderschönes

Angesicht und einen sehr wohlgebildeten Kopf hatte, war der übrige

Körper zu klein geblieben, als gehörte er jemand anderm an. Er hieß im

Hause seines Vaters der Kleine, obwohl es einen größern nicht gab, da er

der einzige war. Er fuhr auch fort, der Kleine zu heißen, da er schon

dreißig Jahre alt war und man nicht mehr daran denken konnte, daß er

noch wachse. Er hieß auch auf der lateinischen Schule und auf der

Universität der Kleine. Mit diesem Widerspruche der Körperteile war noch

einer der Geistesvermögen verbunden. Er hatte ein so reines Herz, im

Alter fast noch knabenhaft rein, daß er die Liebe und Verehrung der

Edelsten erworben hätte; er hatte einen klaren, sicheren Verstand, der

mit Schärfe das Richtige traf und den Tüchtigsten Achtung eingeflößt

hätte: aber er hatte auch eine so bewegliche, lebhafte und über seine

andern Geisteskräfte hinausragende Einbildungskraft, daß sie immer die

Äußerungen seiner andern Geistestätigkeiten zuschanden und sich in

struppigen, wirren und zackigen Dingen Luft machte. Wäre sie bildend

gewesen, so wäre er ein Künstler geworden; aber sie blieb nur

abschweifend, zerbrochen und herumspringend, so daß er Dinge sagte, die

niemand verstand, daß er witzig war, daß er lächerlich wurde und vor

lauter Plänen zu keinem rechten Tun kam. Daraus folgte, daß in seinem

Leben nur Anfänge ohne Fortsetzung und Fortsetzungen ohne Anfänge waren.

Er wurde einmal, da sein Vater und seine Mutter schon tot waren, der

Gegenstand großer Zuneigung eines Mädchens. Er liebte das Mädchen so

sehr, daß kein Wesen auf der Erde war, dem er eine gleiche oder nur

annähernde Neigung hätte schenken können. Es schienen also alle

Bedingungen zu einer glücklichen Vereinigung vorhanden zu sein. Aber

einmal machte er sich in Gesellschaft vieler Menschen durch seine Reden

und Wortsprünge so lächerlich, daß das Mädchen mit Glut und Scham

übergossen dasaß. Er schrieb des andern Tages an seine Braut, daß er

ihrer unwürdig wäre, und daß er sie nicht unglücklich machen könne. Alle

Zuredungen seiner Freunde waren umsonst, das Mädchen bereute bitter

seine Empfindung und beweinte den Tag: aber es war vergebens, und die

Verbindung blieb getrennt.

So kam er nicht dazu, seine Gaben, besonders sein Herz zu verwerten, und

lebte vereinzelt dem Alter entgegen.

Da er einmal entschlossen war, sich nicht mehr zu verehelichen, machte

er es sich zur Aufgabe, sich seinen künftigen Erben zu suchen. Das Gut,

das außer dem Schlosse in liegenden Gründen, besonders Wäldern, bestand

und die landesüblichen Bezüge hatte, war einst ein landesfürstliches

Lehen gewesen, war aber infolge großer Verdienste eines Ahnherrn mit

Abfindung entfernter Anwärter in wirkliches Eigentum übergegangen.

Der Schloßherr, wie sie ihn in der ganzen Gegend nannten, konnte

also mittels Testaments über das Gut verfügen. Er wollte aber der

gesetzlichen Erbfolge zugetan bleiben, wollte dem, der ihm, wenn er ohne

Testament stürbe, gesetzlich folgen würde, auch testamentlich seine

Nachlassenschaft zuwenden; nur wollte er den Erben vorher kennenlernen,

ob er der Erbschaft auch würdig wäre.

Er schlug also das Ahnenbuch auf. Abkömmlinge von ihm waren natürlich

nicht da. Also zu den Geschwistern. Die waren ebenfalls nicht da. Also

zu den Vorfahren. Vater und Mutter waren tot, beide hatten keine

Geschwister. Also zu den Großeltern. Der einzige Großvater

väterlicherseits hatte einen einzigen Bruder, dessen nachkommende Linie

aber erloschen war. Also zu den Urgroßeltern. Alle von ihnen abwärts

gehenden Linien, die er in dem Buche verzeichnet fand und in den Ländern

erforschte, reichten nicht in die Gegenwart. Ihr Erlöschen war amtlich

belegt. Er ging eine Stufe höher, die Sache wurde immer schwieriger.

Aber alle Linien, die von allen Stufen, sie mögen wie hoch immer sein,

hinabliefen, rissen ab; ihr Abriß war beurkundet, und er kam endlich

dort an, wo nichts mehr zu wissen ist, und wo keine Abstammung mehr

erhellt oder erweislich ist. Nachdem er so viele Reisen gemacht, nachdem

er einen Teil seines Lebens damit zugebracht, nachdem er sogar in den

Zeitungen einen Aufruf hatte ergehen lassen, wer mit ihm verwandt sei,

möge sich melden, und nachdem manche gekommen waren, aber keinen Beweis

hatten beibringen können, gelangte er zu der traurigen Entdeckung, daß

er ganz und gar keinen Erben besitze.

Er wollte daher wenigstens für den Fall sorgen, wenn er schnell und

unversehens von der Erde genommen würde, und setzte aus Vaterlandsliebe

den Kaiser zum Erben ein. Er tat das Testament in die Lade seines

Schreibtisches.

Wenn er es auch aufgegeben hatte, sein Herz noch an eine Frau zu hängen,

so war dies nicht auch mit Freunden der Fall. Er hatte solche immer

gehabt, und da er alt wurde, bekam er derselben noch mehr. Ja sogar die

Frauen wurden ihm wieder zugetaner, freilich nicht in dem Sinne, daß sie

ihn hätten ehelichen wollen; denn da er älter wurde, stachen seine

Wunderlichkeiten, obwohl sie noch größer geworden waren, nicht mehr so

hervor, ja sie wurden, da sie von Witz und Einbildungskraft unterstützt

wurden, zur Lebhaftigkeit, die einen alten Mann ganz besonders zierte,

und er wurde überall liebenswürdig geheißen. Auch seine körperliche

Nichtstimmung verschwand, da man Schönheit und Übereinstimmung bei einem

Alten nicht suchte.

Unter seinen Freunden war der erste und geliebteste sein eigener

Verwalter. Schon in früher Jugend -- und er ist sehr früh zum Besitze

seines Vermögens gelangt -- sah er ein, daß er durch seine

Einbildungskraft sich zu Versuchen, steten Abänderungen, ja zu

Vernachlässigungen seines Anwesens hinreißen lasse, die namentlich im

Landbaue stets von schlechten Erfolgen begleitet sind. Daher sah er sich

nach einem jungen Manne um, der ihm sein Vermögen verwalten könnte, und

weil er mit seinem Verstande sehr gut die Eigenschaften anderer Menschen

abzuschätzen wußte, so gelang es ihm auch, einen sehr tüchtigen zu

finden. Er erwarb ihn als Vorstand seiner Güter mit einem sehr

anständigen Gehalte und mit der Bedingung, daß er sich von niemandem

etwas einreden lasse, am allerwenigsten von ihm selber. Der Vertrag

wurde unterzeichnet, und die Männer fuhren recht gut miteinander. Der

Verwalter verstand seine Sachen trefflich, machte das Gut nach und nach

immer besser, verliebte sich in dasselbe, betrachtete es und behandelte

es zuletzt wie sein eigenes und gewöhnte sich, zu seinem Herrn zu sagen,

er solle sich nicht in fremde Sachen mischen; nur daß sie Geld und

Geldsachen in einer eigenen Truhe behandelten, zu der jeder einen

Schlüssel hatte, daß sie das Geld wie das eines Dritten ansahen und sich

ihre Bezüge davon auszahlten. Der Verwalter hatte auch seine

Wunderlichkeiten und ging namentlich in die Bücher und politischen

Ansichten seines Herrn ein, so daß sie sich liebten, daß der Schloßherr

immer auf seinem Schlosse blieb, und daß der Verwalter keine bessere

Stelle verlangte. Beide schienen dasselbe Los des nicht verehelichten

Lebens gezogen zu haben.

Aber wie die Schicksale der Menschen wandelbar sind: der Verwalter

geriet noch in seinen vorgerückteren Jahren in die Fallstricke eines

Mädchens und heiratete es.

Nun kam ein ganz seltsames Verhältnis über den Schloßherrn. So wie der

Verwalter sich als Eigentümer des Gutes betrachtete und selbes so

behandelte, so betrachtete sich der Schloßherr als verheiratet. Wenn

sein Verwalter immer auf den Feldern, Wiesen, in den Wäldern war und

sagte: mein Hafer, meine Bäume, mein Holz, mein neugekauftes Feld, -- so

war der andere immer in dem Schlosse und sagte: unser Kasten, unsere

Aussicht, unsere neuen Geräte, unsere Kinder.

So wie der Verwalter und der Schloßherr früher immer an demselben Tische

gespeist hatten, so blieb es auch jetzt, und der Schloßherr speiste mit

der Familie des Verwalters. Da einmal Kinder kamen, da zeigte es sich

recht, wie sehr der Schloßherr zu dem Familienleben geeignet gewesen

wäre; denn er war ein Kinderfreund, und die Kinder merkten das sehr

bald, und es kam die Tatsache zum Vorscheine, daß alle vier zu dem

Schloßherrn »du« sagten; es war ihnen mit aller Strenge nicht

abzugewöhnen; er war froh darüber und wäre betrübt geworden, wenn es

ihnen abzugewöhnen gewesen wäre. Die Schloßbewohner wohnten alle in

demselben Flügel, und wenn ein Fremder gekommen wäre, der die

Verhältnisse nicht gekannt hätte, so würde er geglaubt haben, der

Schloßherr sei ein alter Verwandter, der unter seinen Angehörigen seine

letzten Tage verbringe.

Das erste Kind, welches dem Verwalter geboren wurde, war ein Mädchen. Es

bekam den Namen Ludmilla. Der Schloßherr wollte es nicht so nennen, er

nannte es nur immer abgekürzt Lulu.

Das zweite Kind war ein Knabe, Alfred, das dritte ein Mädchen, Clara,

und das vierte ein Knabe, Julius.

Damit war die Reihe abgeschlossen, es erschienen keine mehr.

Lulu wuchs heran. Sie bekam die verständigen, ruhigen braunen Augen

ihres Vaters und den lieblichen Mund der Mutter. Und wie sie waren alle

Kinder das eine oder andere Gemisch ihrer Eltern.

Sie begannen heranzuwachsen; der Schloßherr führte sie allerorten herum,

hatte seinen Stolz über sie, nahm stets immer ihre Partei gegen die

Eltern und hätte sie, wären nicht andere treffliche Eigenschaften und

Umstände ins Mittel getreten, vollständig verzogen.

Einer dieser Umstände war die Mutter selbst. Sie war eine gelassene,

vernünftige Hausfrau mit einem wohlwollenden Herzen. Sie waltete in

Reinlichkeit, Ordnung und Sittsamkeit im Hause, und diese Eigenschaften

verstand sie in einem gewissen Grade auch ihrem Gesinde einzupflanzen

und daher auch den Kindern. Sie zankte nie, war aber unermüdlich,

dieselbe Sache so oft zu befehlen und tun zu lassen, bis sie dem damit

Beauftragten zur Geläufigkeit und Gewohnheit war. Durch die Gleichheit

und Heiterkeit ihres Wesens kam Gleichheit und Heiterkeit in die Kinder;

durch Abwesenheit jedes Harten, Rohen und Unziemlichen wurden sie fein

und anständig, und besonders war es die Scham, etwas Unrechtes zu tun,

was ihnen ein Beistand war, und das Erröten war eine harte Strafe, weil

die Mutter selbst mit großem Ernste allem aus dem Wege ging, was sich

nicht schickte.

Ein zweiter Umstand war der Vater. Die größte Rechtlichkeit und

Biederkeit in seinem Wesen verfehlte nicht, auf die Kinder, selbst da

sie noch sehr klein waren, einen großen Eindruck zu machen. Er war ihnen

das Bild der Vollkommenheit und des Wissens, und als ihnen von dem Vater

im Himmel erzählt wurde, dachten sie sich denselben so wie ihren Vater

auf Erden, nur älter. Sie hatten vor dem freundlichen Vater, der nie

einen Verweis, sondern höchstens einen Rat gab, mehr Furcht und Scheu

als vor der oft rügenden und ermahnenden Mutter.

Der dritte Umstand war der Lehrer der Kinder. So wie der Schloßherr sich

mit Umsicht einen Verwalter ausgesucht hatte, so suchte sich der

Verwalter mit Umsicht einen Lehrer aus. Er brachte einen Mann in das

Haus, der in den Jahren schon etwas vorgerückt, ruhig und ernst war, und

von dem der Verwalter wußte, daß er die Kinder sehr bald lieben würde.

Er hatte ein kleines Gehalt von seiner früheren Erziehung her, von dem

er, da er unverehelicht war, hätte leben können; aber das Erziehen war

ihm so zur Natur geworden, daß es ihm eine große Freude gewährte, daß

ihm der Verwalter den Antrag machte, und daß er die Last wie ein

Geschenk hinnahm.

Bunte Steine: Ein Festgeschenk · 第 22 / 25 段